gaul,
m. equus, ein wort nicht ohne schwierigkeiten. II.
Form und verbreitung. I@aa)
mhd. gûl
m., niederd. gûl
m. (
s. b);
auszerdem nur nl. guil
f. (
s. II, 2,
c),
wie nrh., clevisch guyle
gleich gorre
Teuth. 113
a (
s. II; 3,
a),
und in einigen schwed. mundarten, und zwar gerade dort in vollster entwickelung, in doppelform: gule
m. altes pferd und gula
f. alte stute, schindmähre, daneben kule
m. und kula
f. in gleicher bedeutung, s. Rietz 222
a. 363
b,
auch 10
a,
das fem. wiegt vor, auch für pferd überhaupt geltend. I@bb)
ursprünglich hat übrigens auch hier starke und schwache bildung neben einander gegolten; so im mnd. (
vom nnd. s. II, 1
am ende)
zugleich gûl
und gûle
m., s. die stellen bei Schiller
u. Lübben 2, 164
b,
jenes z. b.: de hertoch rennet denselven (
im turnier) van gule heraf,
pl. syne gule,
die schwache form: ein brun gule; de grave Gerdt stach den gulen an, de gule wart mit em lopisch (
gieng durch.)
bei Dief. 200
c auch ein hd. gule
aus dem 15.
jh., ein mhd. s. unter II, 5. I@cc)
nhd. auch ein zerdehntes gauel (
wie umgekehrt z. b. knäul
für knäuel): kam auf seinem gawele hinzu.
Rihels Livius 96; die krähn in frischer furche schwärmen dem pfluge nach und schrein und lärmen, und dampfend zieht
das gauelspann. Voss
poet. w. 1835 194
b.
es ist zu beurtheilen und eigentlich ebenso berechtigt wie feuer
für feur, bauer
für baur
u. ähnl., vergl. drauem
gleich traum Dief. 542
a. I@dd)
der pl. hat in der regel umlaut, schon mhd. giule
s. II, 1,
a, bei Stieler 616 geule,
wie im 16.
jh.; aber gaule
ziehen gern nordd. und mitteld. schriftsteller vor, der dortigen volkssprache entsprechend (
nd. gûle
s. u. b, sächs. gaule),
z. b.: drei schöne gaule. Schweinichen 1, 115
u. ö.; arzt und juristen reiten auf gaulen, priester im koth und armuth verfaulen. Henisch 1375; die alten ackergaule. Lichtwer
fab. 1, 5; wie ackergaule verhagert. Voss
die leibeig. v. 71; vom gestüt leichtrennender gaule.
ders. Il. 4, 500
u. ö.; thracische gaule.
Ovid nr. 39, 92.
auch H. v. Kleist
im Kohlhaas schrieb gaule,
von Tieck
in seiner ausg. nicht geändert, wol aber von J. Schmidt (
z. b. 3, 10. 12. 25),
wie einst Ramler
in seiner ausg. Lichtwers
diesem ackergäule
hineincorrigierte. I@ee)
bemerkenswert ist der umlaut auch im sg., in niederhess. güll, gill,
mit der kürzung wie anderwärts das. gull
für gûl (
auch in Salzungen pl. gille
pferde Fromm. 2, 286),
s. Vilmar 118.
auch ein pl. gäuler
kommt dort vor, z. b. in Hersfeld, wie von einem n.; und wirklich erscheint ein gaul
n.: ich hatt' einmal ein gaul, das thät schön galoppiren. Wilh. Müller
verm. schr. 2, 83,
auch 86. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
der wert von gaul
bewegt sich in scharfen gegensätzen. II@1@aa)
schon ganz früh, im 14. 15.
jh., erscheint es auch mit der verächtlichen bedeutung, die jetzt im vordergrunde steht: im ist als den œden giulen, die vil gerühelnt (
wiehern) und mügent niht.
lieders. 3, 619 (
in obsc. anwendung wie 4,
b); gaul,
rucinus, i. vilis equus. voc. 1482 k iij
a;
equus debilis, gul, gorre, ein crank (
schwaches) pert. Dief.
n. gl. 154
b;
paredrus, gul, ein snode pert.
voc. bei Schiller
u. Lübben 2, 164
b,
in einem schwäb. voc. des 15.
jh. paledrus, gul Dief.
nov. gl. 280
b.
danach wird auch im folg. das verächtliche schon in gaul
selbst mit liegen, nicht blosz in den zusätzen, schon mhd.: den glîche ich einem blinden gûl, der dâ an allen vieren hanc (
hinkte).
Kolm. meist. 96, 43; du bist aber also faul (
sagt Johannes zu Petrus), als ein abgeritner gaul, wo er komt nieder (
zu liegen kommt), so mag er von faulheit auf nit wieder. Pichler
drama des MA. in Tirol 165; wie er des nachts wer treg und faul, recht sam ein abgeritner gaul.
fastn. sp. 311, 5,
s. auch unter 4,
a; und wurd ein alt unwerder gaul ... und wurd verkauft in einen karren (
erzählt ein ross). H. Sachs 1, 501
a; ein räudiger karchgaul friszt eben so viel als ein gut pferd. Lehman
fl. 1, 399; umb ein alten gaul trägt niemand leid. 16; herr nachbar, er hat ein böses maul, er gönnt dem herrn pater kein blinden gaul. Göthe 13, 61.
ganz kräftig ein schindgaul Ludwig 695, ludergaul Göthe 56, 19 (
der ewige jude),
d. h. als '
schindluder'
für den schindanger reif, daher wie es scheint selbst schwed. angargula
f., auch kampgula Rietz 10
a.
auch nl. mundartl. guil
so, s. Schuermans 168
b. II@1@bb)
dagegen früh auch als stattliches stolzes ross, '
emissarius, i. e. equus fortis et velox, gul'
mnd. wb. 2, 164
b,
besonders als groszes starkes streitross, zum ernstkampfe wie zum turnier: da nam he (
der herzog) vam keiser verlôf (
urlaub) und liet syne gule alle wedder to rugge gan, und toch mit kleppern na Venedie. Kantzow
pomm. chr. 144,
d. h. die streitrosse im kais. dienste, die er nun mit kleppern,
raschen leichten reisepferden vertauscht (
s.klepper 1,
g); der herzog im (
dem ritter) ein mächtigen gaul verordnet, welcher mehr bei solchem schimpf gewesen war.
Galmy 65; der schändliche marschalk auf einem schönen gaul fast wol gerüst in die schranken kame. 314; man höret das ire (
der feinde) rosse bereit schnauben zu Dan und ire geule schreien. Luther
Jer. 8, 16; wo seind mein trabanten, mein gaul? (
ruft der könig). Schmelzl
Saul 31
a; ein alter gaul regt zum wenigsten die ohren, wenn er hört auf blasen (
zum aufsitzen). Fischart
Garg. 259
b (
Sch. 490); einen gaul dummeln. Eobanus
bei Melander
jocos. 1,
nr. 373 (
vergl.gaultummeln).
Noch im 18.
jh.: dasz Virgilius .. einen alten ritter vorgestellet habe, der .. seinem gaul als einem vernünftigen thiere .. zuspricht. Wernike (1704)
vorr. b 4; die gäule stürzen uns noch von dieser schlacht (
sind noch von damals erschöpft). Klopstock 9, 211; ich warf den hauptmann vom gaul. sie stachen mein pferd nieder ... ich wie der blitz auf seinen gaul .. wie kamst du zum pferd? Göthe 8, 100,
vgl. 42, 128. 354; vom gestüt leichtrennender gaule. Voss
Il. 4, 500; dem sporner der gaul' Aïdoneus. 11, 445,
gewöhnlich doch rosse,
s. besonders 5, 195
ff. Im 17.
jh. selbst von den rossen des sonnengottes: so weit die sonne kan mit ihren gäulen rennen. Fleming 28 (
Lapp. 14); schau an disz grosze das, das Febus gäul' ümrennen, wie stark es immer ist, noch wird es müssen brennen. 56 (
Lapp. 115); dasz er (
Titan) halte seinen lauf mit geschmücktern feuer-gäulen. 453 (373).
bei Stieler 616
fg. ein stattlicher gaul,
nobilis equus, hofgaul,
bei Henisch 1374 hofgaul und hofmaul (
maulthier) ist gut zu sein, aber hofesel zu sein ist müeh und arbeit. II@1@cc)
als reitpferd überhaupt, in allen ehren: einen guten reitsattel (
sollen die sattler machen) auf einen gemeinen gaul vor j. gulden j. ort.
Leipz. ordn. 1544 F 3
b,
es ist der höchste satz (
vgl. unter klepper 1,
c); die seinen schluegen in under den gaul.
Wilw. v. Schaumb. 70,
einen reitknecht; wie .. der verdorben reuter klagt ... süszer wein und barbenmaul brachten mich umb mein grawen gaul. Waldis
Es. IV, 51, 27; man findet menschen, die .. irer so wol zu schonen wissen, das sie nimmer auf kein pferd sich zu schwingen pflegen, sondern leren und gewänen ire gäul auf die knig nider zu fallen .. Fischart
ehz. 10 (
Sch. 418); mancher reit daher auf einem groszen gaul, der vormalen zu fusz gieng. Henisch; kennt keinen bruder nicht noch einen alten freund, der nur zu fusze gehet ... da (
während) er auf einem gaul von (vor?) tausend thaler sitzt. Rachel
sat. 6, 171; ein gaul, der schmuck von weiszen pferden, von schenkeln leicht, schön von gestalt ... trug seinen herrn durch einen wald. Gellert
fab. 1748 1, 50 (
das pferd und die bremse),
er wechselt dann mit ross, pferd, schimmel; gaul, mein arzt, du gedenkst doch des frühlinges? Klopstock 2, 174 (
ode die wiederkehr); hab ich von jugend auf nicht auf wilden pferden geritten? auf dem spanischen gaul und auf dem ungrischen klepper? Zachariä
Phaeton 1, 165; hundert treue diener folgen auf arabisch edlen rappen; stolze gäule ... Heine
romanz. 64; so ists, wenn der bettelmann auf den gaul kommt .. Auerbach
auf der höhe 2, 233. Frisch 1, 325
c kennt sogar gaul
nur als '
ein reitpferd im marstall, im gegensatz eines starken ritterpferdes'.
vergl. reitgaul, reisiger gaul Henisch 1374 (
ein beleg aus dem 16.
jh. bei Frisch), jagdgaul Hagedorn 1, 73; renngaul
a hunting nag Ludwig 695, miethgaul
a hackney-horse das.; auch hottogaul
der kinder, z. b. hess., schwäb. Schiller 131
a (
räuber 4, 3). II@1@dd)
als wagenpferd oder arbeitspferd überhaupt: ein gut grosz kommet auf einen groszen gaul (
soll der sattler machen) vor xiiij. groschen. aber ein gemein kommet auf gemeine wagenpferde vor viij. bis in xij. groschen, darnoch der gaul gros. ist.
Leipz. ordn. 1544 F 3
b; es wil entweder hotte oder schwode hinaus, wie die kollern und tollern geule thun. Luther 6, 157
b; das die lutherische ketzer allbereit so beschämet da stehn, wie ein gaul der seinen karren umbgeworfen hat. Fischart
bien. 1
a (
bei Marnix peerdt); der ander sprach, so ist mein weibe grosz, stark, grob und russen (
rossmäszig) von leibe, si verdrit mir zu haus ein gaul.
meisterl. fol. 23
no. 240,
fast wörtlich auch bei H. Sachs 5, 382 (
s. Schm.
2 2, 153); ein starker mann in einem streit, ein junger gaul zuo pflügens zeit (
sind gesucht). Kirchhof
wend. 1, 388
Öst.; ein kutschpferd sah den gaul den pflug im acker ziehn und wieherte mit stolz auf ihn
u. s. w. Gellert
fab. 2, 21 (
das kutschpferd); es treibt sich der bürgersmann, träg und dumm, wie des färbers gaul, nur im ring herum. Schiller 324
a (
Wallenst. lager 7.
sc.),
vgl. färberpferd.
daher karrengaul, ackergaul Stieler 617, ein starker müllergaul Ludwig 695, schlittengaul Lehman
flor. 1, 16, droschkengaul,
diesz freilich zugleich nach der bedeutung a. II@1@ee)
die verwendung von gaul
gibt danach für den begriff gar keinen festen punkt an, auszer etwa dasz es als allgemeines kraftwort erscheint, ähnlich wie für den menschen kerl,
das auch im schlimmen wie im guten sich als viel- oder allseitig zeigt. so findet es sich denn auch, wie das bei kraftworten gern vorkommt, zum herschenden worte erhoben, z. b. in Niederhessen, wo nach Vilmars
angabe s. 119
noch im anfange des jahrh. gaul
so sehr vorwog, dasz pferd
von bauern nur im verkehr mit den '
vornehmen'
gebraucht wurde (ross
aber gar nicht),
daher auch der fahrweg gaulsweg
genannt, auch in redensarten, wo anderwärts pferd
gilt, z. b. das kann ein gaul merken, arbeiten wie ein gaul (gaulsarbeit), lachen wie ein gaul.
für die Wetterau bezeugt wol das gleiche gäulshirt
für pferdehirt, deren es wenigstens ehedem gab (Weigand).
für das 17.
jahrh. liegt aus verwandtem gebiete ein zeugnis von Grimmelshausen
vor im teutschen Michel cap. 12: wann man sagt gaul, so bedeuts dasz ein pferd grosz, wann man sagt ross, dasz es arbeitsamb, und wann man sagt pferd, dasz es schön und zierlich sei.
Simpl. 4, 409
Kurz, also gaul
doch für beide brauchbar, für das vornehme wie für das arbeitspferd. ein zeugnis aus Sachsen im vorigen jahrh., im öcon. lex. Leipz. 1731
sp. 1866,
wo alle arten pferde
aufgezählt werden, läszt gaul
nur für die karrengäule,
selbst neben den fuhrmannspferden, ackerpferden,
während Gellert
unter d das letztere als 'den' gaul
schlechthin bezeichnet dem kutschpferd
gegenüber. so werden nach zeit und landschaft grosze verschiedenheiten sein, was hier nur anzudeuten möglich war. in manchen gebieten fehlt es jetzt ganz (
wie ross),
z. b. in der Schweiz, nd. z. b. in Westfalen Fromm. 2, 312,
während aus dem Göttingischen Schambach 70
b gûl
gibt, aber nicht das Brem. wb., Danneil, Dähnert.
s. auch u. pferd
und ross,
denen gegenüber namentlich zu bemerken ist dasz zusammensetzungen wie rossmarkt, pferdestall
für gaul
doch nicht bestehen. II@22)
auch im geschlecht von gaul
sind die schärfsten gegensätze. II@2@aa)
einmal werden beide geschlechter ohne unterschied gaul
genannt, z. b.: gaul oder pferdt,
equus. Maaler 158
b; bering, schnäller gaul, der da här lauft als ob er fliege,
ales equus. das.; wie ... die esel mit sorgen saufen, dann sie dörfen (
trauen sich) die gosch nicht recht ins wasser stoszen .. da hingegen ein gaul das gefräsz hinein bisz über die naslöcher stoszt.
Garg. 213
a (
Sch. 396); ehe du den gaul wilt laufen laszen, so gib ime ein gaufen oder zwo mit geseubertem fuoter. Seuter
rossarzn. 8,
und so oft in den vorigen beispielen. II@2@bb)
hingegen aber gaul
als unverschnittner hengst, beschälhengst, '
spring, schelhengst' Henisch 1374,
gleichfalls schon im 14.
jahrh. und noch jetzt: gaul
vel pfal,
emissarius, est equus non castratus. voc. inc. teut. h iij
b;
emissarius, gawl,
neben caballus hengst. Mones
anz. 8, 104,
wie in dem liber ord. rer. von 1429,
den Weigand
benutzt, vgl. bei Dief.
s. v. emissarius (
für admissarius),
das auch mit stutphert, stuthengist
glossiert wird, d. i. gestütehengst. so noch bair., s. Schm. 2, 30
fg., dazu gaulreiten,
mit dem beschälhengst im lande herumreiten, der gaulreiter, '
in schriften' gaureiten, gaureiter,
was umdeutung sein mag (
von diesem aussenden wol die form emissarius). II@2@cc)
aber wiederum auch muttergaul,
wie mutterpferd (muoterpfert Dief.
n. gl. 153
b):
equa, equilia, ein mere, muttergaul. Alberus R iij
a,
doch wol noch m.; aber nl. als f. guil,
aber mit der bedeutung '
stute die noch nicht zugelassen ist, noch nicht geworfen hat' (
M. Kramer),
während Kil.
nur, wie hd., allgemein 'guyle
equus'
gibt, im 17.
jahrh. aber auch die bedeutung unbrauchbarer alter hengst erscheint: vroegh henghst, vroegh ghuyl,
s. Oudem. 2, 759
fg., die gegensätze können nicht gröszer sein. vgl. übrigens unter I,
a die schwed. trennung von gula
f. stute und gule
m. II@33)
redensarten und vergleiche. II@3@aa) gaul als (
wie) gurre
u. ä., beides ist einerlei (
klingt nur verschieden),
denn gurre
trifft mit gaul
vielfach zusammen (
sieh z. b. unter 1,
a),
besonders von menschen, einer wie der andre, beide gleich schlecht: ir sind zuo beiden siten ful und ist warlich fast gurr als gul.
fastn. sp. 867, 22,
zu zwei streitenden parteien gesagt; gurr als gaul, vogel als nest. Frank
spr. 1, 75
a; gaul als gurr,
simile huic: mali tripes mali ipes. B. Faber
epitome C. Gesneri
de hist. anim. 16; was darfs viel des disputierens? es war halt gaul als gurr, vier hosen eines tuchs.
Simpl. 3, 220
Kz.; daraus zu schlieszen, dasz gaul als gur, bub als hur, kein theil um ein haar besser sei als das ander. 3, 142; es ist gurr als gaul, treg als faul. Henisch 1374, 34.
es musz in alter zeit mehr solcher formelhafter verwendungen des wortpaares gegeben haben, das sich durch den stabreim dazu darbot, wie z. b. Wackernagel
Germ. 5, 331
aus dem anfang des 15.
jahrh. beibringt: und ward die sach bericht, schad gegen schad und gul an gurren. Justinger
Berner chr. 251,
von einer ausgleichung; noch bei Henisch 1375 gaul umb gurre, ruck umb stuck, wurst wider wurst,
aber auch für ein gaul ein gurr ein böser tausch,
also der gaul
besser. Schmeller 2, 63
bringt aus Putherbey 'wann gur und gaul zusamen kumbt', gurre
aber ist bair. auch liederliches weib, sodasz gaul
einen geilen mann zu bezeichnen scheint. II@3@bb) einem geschenkten gaul sieht man nicht ins maul,
d. h. um alter und güte zu prüfen (nicht zu tief ins maul Ludwig 695),
ein häufiges sprichwort, durch den reim weiter verbreitet als gaul
selber, auf allerlei geschenke angewandt; daher im Faust Mephistopheles von dem geschenkten schmuckkästchen: Margretlein zog ein schiefes maul, ist halt, dacht sie, ein geschenkter gaul. Göthe 12, 145.
ebenso vom gaul
mit anwendung auf menschen: voller gaul springt,
vina parant animos. Stieler 616; gedingter gaul macht kurze meilen.
das.; ein groszer gaul achtet der hündlein anbellen nicht. Henisch 1374; wenn die gäule ausgedriesen, so werden sie gesund hernach.
das.; es stund nie kein gaul auf leichten beinen. 1375; darnach stehet der gaul, wie er sein tag gangen.
das. II@3@cc)
fraglich ist: mit bösen gäulen bricht man das eis. Henisch 1374,
nd. bei Tunnicius
nr. 736 mit quaden gulen brikt men dat ys,
vgl. des herausg. anm. s. 160
und die verschiedenen auslegungsversuche dort, es ist aber wol gemeint, da Tunnicius
mit acer equus übersetzt (
vgl.böser gaul
unter e): '
bricht man ein',
man darf eine schwierige sache nicht mit plumpen helfern anfangen, Henisch
selbst legt 861, 31
noch anders aus '
bös mit bösem vertreiben',
wonach schlechte pferde zum eisbrechen gleichsam geopfert würden, vgl. unter eis 5
aus Otho. II@3@dd) 'der gaul geht',
gesagt von einem unwesen das plötzlich losbricht, in gang kommt: der wein zündt das fleisch an, macht es wild und unrwig, da gehet dann der gaul, das got erbarm, do huot sich alle erberkeit. Frank
trunkenh. G ij
b; nach dem morgenmal (
wo schon tüchtig getrunken wird) hat man nit gar drei stunden, so facht das nachtessen
an. do gat erst der gaul und erhept sich das recht drinken.
Zimm. chron. 4, 374, 30; die in der statt wolten die ihren rechen. so waren die hauszen (
auf die jene schossen) erzürnt, dieweil sie friedens halben da waren, und were der gaul gangen, wo nicht ongefehr ein alter weiser mann zu diesem handel wer kommen, der schrei: o ihr unsinnigen, was thut ir?
u. s. w. buch d. l. 219
c.
also gleich dem heutigen es geht los,
und hinter diesem losgehenden es
kann recht wol ursprünglich ein streitross stecken, das im turnier u. ä., vielleicht nach kurzem weigern, um so stürmischer zum anrennen geht. diesz gehn
heiszt übrigens genauer gehend werden,
im sprichwort von alten gaulen, d. h. streitrossen (
vergl. Fischart
unter 1,
b): wenn die alten geule gehend werden, so sind sie nit zu halten. Neander
spr. 32, Faber
epit. Gesneri 16; wenn die alten gäul gehend oder faule pferd ziehen werden und die alten weiber tanzen und die weiszen wolken regnen, so ist kein aufhören. Henisch 1589, 39.
gleiches ursprungs ist in gaul stechen (
ihn spornen),
auch den gaul sattlen (
zum ritte) Frank
spr. 1, 35
b,
s. auch das zweite gäulein. II@3@ee)
von schlimmen, bösen gäulen
u. ä.: böser gaul,
effrenis equus. Henisch 1374, 53,
ein unbändiger, wilder; kein schlimmer (
comp.) gaul, denn grosz und faul.
das.; man pflegt zu sagen, grosz und faul (
ist der mensch), ich sah mein tag kein schlimmern gaul. Wolgemut
Es. 2, 210
nr. 207; damit wir nur den hasz der tollen spötter fliehn, die, wie ein frecher gaul, den, der sie striegelt, schlagen. Günther 411 II@44)
endlich in förmlicher übertragung z. b. II@4@aa) gaul
von menschen selbst (
vgl. mnl. Oudem. 2, 764): ains pinders sun ausz Swaben her, ain grober hochvertiger gaul. Beheim
Wiener 5, 4; Hans Dürrenkarb, ain öder gaul. 12, 28,
vgl. das mhd. œde giule
unter 1,
a, nichtsnutzige; wann sie ist gail, so ist er faul und ist ein alter ab geritner gaul, der weder traben mag noch zelten.
fastn. sp. 697, 25; nu ist sie junk, so ist er alt ... und ist ein abgeritner gaul. 700, 28,
s. dazu unter 1,
a und nachher unter b; nun dacht Peter: es wer das best, wenn du zeitlich aussetzen thetst, eh dein herr der griff innen würd und dich ein falben gaul da spürt.
Peter Lewe 703 (
weim. jahrb. 6, 446),
d. h. als betrüger, s. vom fahlen pferd, falben hengst III, 1240. 1268 (
und dazu G. Paris in der
revue crit. 1873 1, 28); die spielleute setzen einen teller auf, sagen, die säiten wären ihnen zersprungen, müsten andere kaufen. da steuren ihnen dann gutwillig alle gäste, damit .. nur wieder .. diese unbändige gäule wacker herum springen können.
baurenst. lasterpr. 170,
von einer bauernhochzeit. s. auch bair. nachtgaul
nachtschwärmer Schm.
2 1, 891. II@4@bb)
der abgerittne gaul
auch anders, obsc. (
vgl. 1,
a): das mir mein pferd müg nimer getraben, es sei vorn treg und hinten faul und sei ein ab geritner gaul.
fastn. sp. 734, 10. II@4@cc) hänfen gaul
von dem vielnamigen galgenstrang: so must du nun am galgen hausen, dich auf eim henfen gaul verdreen und traben wenn der wind thut wehen. H. Sachs 3, 2, 165
b;
vgl.hänfen ross, henfen pferd
ebenso IV
2, 434. II@4@dd)
zuweilen auf den esel übertragen: der vater stirbt. der ältste musz den esel wol am ersten haben (
den die brüder reihe um als erbe benutzen sollen). von früh bis in die nacht läszt er den schimmel traben ... der zweite holt den matten gaul ... 'ha! ha! das schmausen macht dich faul'
u. s. w. v. Nicolay
ged. 1792 1, 28; ein esel diente lange jahre dem pfarrer eines dorfs ..... ... starb der gaul vor alter. 1, 17,
es mag danach im Elsasz gebräuchlich sein, wie nach folg. in Österreich; kommt der bursch in seinen streitwahn ... tief zu esel auf die reitbahn, dröhnend von arab'schen hengsten .... hörst dus wiehern? hörst dus rufen? doch dein graugaul sträubt die ohren
u. s. w. Lenau
werke 1874 2, 369 (
der reiter von W.),
er heiszt nachher auch die graue mähre (
und der graue),
deutlich nur vom pferde entlehnt, zumal der esel da eigentlich als pferd, dichterpferd gelten soll. der graue gaul
dagegen bei Voss
ged. 1802 2, 202, 1825 3, 165
ist selbst ein pferd, nach a horse
in der engl. vorlage in Percys
reliques 3, 199
Tauchn. II@4@ee)
ein kraut, halber gaul,
rumex pratensis, z. b. in der Wetterau, wo er auch als gemüse benutzt wird; bei Nemnich
rumex acutus, halbe gäule,
auch halbpferd, pferdeampfer. II@4@ff)
bair. gaul
auch von einem kleinen flosze, dessen vorderes und hinteres ruder so zusammenreichen, dasz zur lenkung beider ein flöszer ausreicht, s. Schm. 2, 31,
der flöszer als reiter gedacht, auch gaulreiter
genannt. vgl. gams. II@55)
mhd. aber auch noch ganz anders (
s. wb. 1, 586
a), gûl
vom teufel, gûle
von einem götzen, eben auch als teufel gedacht, urgûl
von einem eber; es wird nur ein schimpfwort sein, von einem thiere entlehnt, wie da neben goul (
österreichisch) hellehunt
steht fundgr. 1, 179, der ubil hunt Diemers
gen. 109, 32,
daher von J. Grimm
gr. 1
3, 180
mit monstrum bezeichnet. einen rest davon bietet der ofen als gaul,
mit einem maul,
das ja mit seinem feuer an die hölle erinnerte (
vgl.gegen dem ofen gaffen,
mit ihm um die wette, sp. 1136),
aus einer der alten ansiedelungen in Ungarn beigebracht von Schröer 53
a aus einem weihnachtsliede (
vgl. nl. de groote gool Oudem. 2, 718): der ofen ist ein groszer gaul, werft im a guts stück holz ins maul. der ofen steht hinter der tür, hæt er füsz, so gêng er afür.
aber von da aus ist wirklich auch gaul
zu begreifen, wenn man kunter 2
nachlist, das gleichfalls und nachweislich von der bedeutung ungethüm, unheimliches wesen ausgehend zu der bed. thier, vieh, weidevieh und auch pferd kam, auf welchem wege, ist dort unter 2,
e, γ vermutet; auch für gaul
ist denkbar, dasz es zuerst in der bed. 1,
a für pferd als schimpfwort des reiters im ärger aufgekommen sei, dann aber als kraftwort zu beliebtheit emporgekommen, welche die bed. 1,
b ff. möglich machte. denn wie merkwürdig auch das gröbste schimpfwort durch den gebrauch als kraftwort hindurch zu lobendem sinne aufsteigen kann, zeigt z. b. verfluchter kerl, blitzkerl, teufelskerl (
s. V, 587
fg.), luderchen,
im hausgebrauch ein beliebtes hochlobendes kraftwort besonders von mädchen, auch in Göthes
hause und bei ihm selber (
sieh Riemer
mitth. 2, 664),
selbst in gedichte übergegangen z. b. 3, 197,
und doch ist luder
eigentlich nichts als ein aas. was gûl
ursprünglich war, bleibt zu finden, eine möglichkeit s. unter gaulig,
wonach dafür gleichfalls die bed. aas die ursprüngliche sein könnte.