keimen ,
germinare, pullulare, mhd. chîmen 12.
jh. Graff 4, 450, 11.
jh. exodus 146, 25 Diemer, erchîmen Karajan
sprachdenkmäler 95, 23,
gebildet von chîm
keim; nd. kîmen,
nl. kiemen. 11)
Formen und herkunft. 1@aa)
wie käum,
findet sich auch käumen
früher, im 16. 17.
jh. und noch im 18. (
vgl. Canitz
sp. 456): der wurzel, wo heraus die liebespflanze blühet, die in den augen käumt, im athem sich bewegt. Lohenstein
in Hoffmannswaldaus samml. 1, 258. der käumende
oder käumling
hiesz in der fruchtbringenden gesellschaft Joh. Ernst der jüngere, herzog zu Sachsen, sein sinnspruch beginnt: das körnlein in der erd drinn zugedecket käumet, den klosz, der es getruckt, durchbohret und wegräumet. Krause
der fruchtb. ges. erzschrein 429.
man brachte es mit lat. cyma (
κῦμα)
keim, sprosz in verbindung, eine etymologie die noch Frisch
vorträgt; daher noch bei Lessing: diesen samen zum käumen zu bringen. 7, 51 (
hamb. dram. 11.
stück),
aber keimen 2, 314, aufkeimen 3, 282;
s. keim 1,
a. aber es ist älter: germinare, kymen
vel kümen. Dief. 261
a aus dem variloquus, 15.
jh. (
s. auch u. keimet).
auch nl. kiemen, kiem
ist möglicherweise zeugnis einer alten nebenform mit u-
vocal. 1@bb)
auch kimmen
kommt vor, z. b. Ryff
th. 42,
wie kymme
germen Dief. 261
a;
auch älter nl. kimmen (
s. Weiland).
auch das ist am ende mehr als fehler? vgl. kimme
und keime 3
kerbe, und unter e zuletzt. 1@cc)
wie aber keim
eine nebenform kein
hat, so keimen
auch keinen, die von haus aus sogar die vorherschende, hie und da die einzige ist: mhd. kînen (bekînen, erkînen),
ahd. chînan,
und allein so alts. kînan,
altfries. kinia (Hettema),
goth. keinan.
diese form herscht noch in friesischen mundarten, ostfries. kinen,
saterl. kînne,
wangerog. kîn;
in niederdeutschen: kînen
im Göttingischen, in Westfalen, in der Altmark, in Pommern, Livland; nl. kenen.
und auch im hochd. gebiete früher und theilweis noch jetzt neben keimen,
s. auskeinen 1, 891: die zibeln (
zwiebeln) wachsen und kynend auf einer dürren bünen (
boden), darfst sie nit in den grund setzen oder sie beschütten. Keisersberg
irrig schaf D 1
b; feigbonen, die leg in wasser und lasz sie kynen. J. Tallat von Vochenberg
arzneib. der kreuter (
Erfurt 1532) 23. 1@dd)
diesz keinen
ist aber urspr. starkformig; noch lebt am Mittelrhein das part. praet. gekinen (Kehrein 157),
in Westfalen spricht man von gekienener kornfrucht,
die schon gekeimt hat (Fromm. 5, 351);
götting. kên
keimte, conj. kêne (
part. aber ekênt) Schambach 100
a,
noch ganz wie alts. kên
keimte Hel. 73, 21.
ebenso mhd., z. b. noch ûʒ ir erden nie gekein (: erschein) weder korn noch wînreben. Stricker
Karl 3160,
[] also kîne kein gekinen (
gramm. 1
2, 936),
und gewiss schon ahd. das gothische keinan
dagegen gehört der gemischten conjug. an, im praes. stark, im praet. schwach (keinôda),
das n
aber ist bildungszuthat, zu grunde liegt keian
keimen (
s. keim).
so haben keimen
und keinen
ganz verschiedne entstehungsart, jenes aus dem subst. keim
und nur schwach, dieses aus einem ältern starken verb, aus dem auch keim
entstand. es mag schon goth. keima
m. dagewesen sein, gebildet wie blôma
m., dem mhd. bluome
m. entspricht, wie kîme
jenem; auch steht dem m. keim
das fem. keime
so zur seite, wie nhd. blume
f. dem alten m. blum (2, 157).
ebenso entspricht in der bildung keist
m. keim dem mhd. bluost
m., nhd. blust
blüte, und keit
keim sp. 440
dem mhd. bluot (
noch md. blût,
z. b. sächs.)
blüte. 1@ee)
diesz keinen (erkeinen
u. a.)
aber hat noch eine andre bedeutung, die den ursprung von '
keimen'
erschlieszt, es heiszt auch platzen, sich öffnen, diffindi, crepare, noch im 16.
jh., theilweis bis heute: summa, wann nit gott haus hielt, so het es die welt vorlangest verkünstlet, und das liedlin zuhoch angefangen .. wie sie dann zuletst darob mszen zerbersten, erkeinen und zerknellen. Frank
chron. 1536 298
b,
von dem ins unabsehbare sich steigernden zustand seiner zeit in luxus, speculation und theurung; aufkeinen, zupresten, zukeinen (
zerk.),
crepare. voc. th. 1482 c 1
a. qq 3
a,
vgl. aufkeinen 1, 673
von einem erhängten (
merkw. part. ufgekünen).
bair. noch auskeinen
von den flachsknotten die an der sonne platzen Schm. 2, 305 (
s. das erste kein).
mhd. zekînen (
praet. zekein Wernher
vom Niederrhein 11, 18),
ahd. chînan
dehiscere, ags. cînan,
auch cinean,
älter engl. chyne.
davon kinst
ritz; spalt im voc. th. 1482 q 8
a (kynst
fissura),
mit dem vocal des praet. plur., ebenso nl. keen,
urspr. kene
ritz, mit urspr. î
aber engl. dial. chine, kine,
ags. cîne (
vgl. keineisen).
Der keim ist also ursprünglich bezeichnet als der ritz der das keimende samenkorn öffnet, das keimen als das aufplatzen des korns; merkwürdig sind beide bed. noch ungetrennt beisammen in keime
kerbe und keim, in nl. keen
schrunde, spalt und keim, kenen
platzen und keimen. ein alter ablaut î ei i
auch bei den formen mit m
scheint doch von den formen unter b angedeutet. 1@ff)
diesz kînen
sich öffnen aber trifft mit altn. gîna
vom öffnen des mundes, ags. gînan (Ettm. 433)
so weit überein, dasz beide von haus aus éins sein werden, mit wechsel der lautstufe, wie bei keichen
sp. 438
g (
vgl. engl. dial. chaum
spalt)
; der ritz des keimenden korns ward also bei seiner ersten benennung einem sich öffnenden munde verglichen. s. weiter gähnen.
auswärtige vergleichungen s. bei Diefenbach
goth. wb. 2, 450 (
merkwürdig bret. kîn
keim, sprosz, kina
keimen).
s. auch kielen 3. 22)
Bedeutung und gebrauch: keimen,
auswachsen, aussprieszen, pullulare. voc. th. 1482 q 2
b; kymen,
aufwachsen, exire in herbam. Maaler 258
c. 2@aa) das saatkorn keimt; die tulpenzwiebel im wasser hat diese nacht gekeimt; die kartoffeln keimen im keller, haben gekeimt.
aber auch ungekeimter same Lessing 1, 273,
der noch nicht gekeimt hat, ausgekeimte gerste. die bäume und sträucher fangen schon an zu keimen,
treiben keime, alles keimt schon im garten,
dann der ganze garten keimt schon: weht der auferstehung odem durch das keimende gefild. Salis 46; natur, du ewig keimende. Göthe 3, 43. 2@bb)
auch von dem was aus dem keime kommt, das hälmchen keimt aus dem korne (
daher keim 3,
b halm), das blatt aus der knospe: gleich dem zärtesten bau keimender blätter. Göthe 1, 326; die junge saat keimt aus den erdschollen hervor.
im perf. hier mit sein: die saat ist schon aufgekeimt. 2@cc)
activisch, trans. (
vgl. 3): smaragden keimt es und keimt wie blut. Göthe 3, 43; als du grün im sonnenschein, junger lein, blaue blumen keimtest (
keimend triebest). Voss 4, 139 (1825 3, 133); o pflanze, die du still dein leben keimest (
keimend verbringst). Rückert 41 (1, 117),
zugleich dichterisch für wachsen überhaupt. trans. schon im 15.
jh. in folg.: passio Christi germinat vitam, kymet harusz dʒ leben. Melber
variloquus k 6
a;
vgl. schon ahd. arkînit
gignit, chînint
promunt Graff 4, 450. 2@dd)
übertragen vom bart: wenn der bart beim jüngling keimt. Gökingk 2, 126; keimende barthaare um mund und kinn. Göthe 31, 219;
[] dem erst keimet der bart im holdesten reize der jugend. Voss
Odyss. 10, 279. 2@ee)
von andern lebenden wesen: gleich einer unbeständigen henne verläszt sie das nest und übergibt ihre schon keimende nachkommenschaft dem tod und der verwesung. Göthe 42, 90.
selbst von todtem: hier sieht man .. die edelsteine keimen. Wieland 12, 311, '
wachsen'. 33)
zum keimen bringen, bei den brauern: die gerste wird gekeimt und dann gedarrt. 44)
Bildlich, wie keim 5 (
s. schon Melber
vorhin und Lohenstein
unter 1,
a): sie (
die tugend) keimte schon bei dir in ersten kinderjahren. Morhof
ged. 180; der same, der hier wird verschleimen, der wird zum bessern leben keimen (
im grabe). 277; genug vor meinen ruhm, wenn in den spätern zeiten mein buch, das jetzo keimt, nur éinen unterhält. Günther 588; es keimt, es gährt bereits durch alle meine glieder der same und das gift geerbter sterblichkeit. 701; und da ich in der gruft soll als ein saatkorn käumen, so kan in diesem schlaf, der aller sorgen frei, mir sonst von nichts als nur von auferstehen träumen. Canitz 52 (1734
s. 194); wann gold und ehre sich zu Clives dienst verbinden, keimt doch kein funken freud in dem verstörten sinn. Haller (1777) 23,
vgl. u. keim 5,
b; aus dem herzen keimt des guten samen. 111; als Phryne mit der kleinen hand noch um der mutter busen spielte, nichts als den keimenden verstand und den beruf der sinnen fühlte. Hagedorn 3, 91; der same, sie (
gespenster) zu glauben, liegt in uns allen .. es kömmt nur auf seine (
des dichters) kunst an, diesen samen zum käumen zu bringen. Lessing 7, 51; mich dünkt, ich weisz aus welchen fehlern unsre tugend keimt. 2, 314; schon keimen im schosze der zukunft neue Vandalen, neue Sarazenen. Wieland 29, 13; wie keimten, schwämmen gleich, in allen winkeln dichter. Gotter 1, 258; wie mancher same der tugend käme vielleicht nie zum keimen und wie weniger zur reife, wenn noth und unglück nicht wären? Möser
phant. (1778) 2, 36; und in unsern liedern keimet silb aus silbe, wort aus wort. Göthe 1, 163; keimt ein glaube neu, wird oft lieb und treu wie ein böses unkraut ausgerauft. 1, 242; denn in den ersten tagen wenn dir das mädchen keimt, da liebt sie eins zum spasz. 7, 46,
wenn sie aus dem kinde zum mädchen erwächst; verstanden hast du mich gewiss, denn in deinem herzen musz eben der wunsch keimen (
einer ewigen verbindung). 18, 97; nur die stoffe seh ich gethürmt, aus welchen das leben keimet, der rohe basalt hofft auf die bildende hand. Schiller 77
a; leben geht nur unter, damit besseres leben an seiner stelle keime. 1031
a; ich sah sie keimen, diese liebe, sah der leidenschaften unglückseligste in seinem herzen wurzel fassen. 295
a; ähnliche gedanken, ich gesteh es, keimten längst in meiner brust.
ders.; das Lutherthum habe schon vor Luther unter der erde gekeimt. J. Paul
dämm. 14.
eigen: der lange graue straszendamm nach Lindenstadt .. wovon zwei thurmspitzen oben aus dem gebirge keimten.
Titan 1, 87,
mit den spitzen langsam auftauchten, als ob sie herauswüchsen. dazu aufkeimen, auskeimen, bekeimen (Stieler 947), entkeimen, hervorkeimen, verkeimen, zerkeimen.