turteltaube,
f. ,
columba turtur, aus dem lautmalenden lat. turtur
mit dissimilation des r
zu l
entlehnt (
vgl.turtel),
der deutsche gattungsname ist verdeutlichend hinzugetreten; ahd. turtulatvba (10.
jh.)
gl. 3, 15, 19
St.-S.; turtultuba Williram
s. u. 2 a
u. b;
daneben findet sich turtilituba
Tatian 7, 3
und tyrtiltvba (11./12.
jh.)
gl. 3, 464, 30
St.-S., wohl in anschlusz an ahd. bildungen auf -il-(în),
s. Suolahti
d. dt. vogelnamen 217
u. Gröger
d. ahd. u. as. kompositionsfuge 25
f.; mhd. turtel-, türteltûbe (
die umlautform setzt sich jedoch im sprachgebrauch nicht durch)
mhd. wb. 3, 125; Lexer 2, 1588;
frühnhd. turteltaube (14./15.
jh.)
gl. 3, 22, 30
St.-S.; erste dt. bibel 3, 86
Kurr.; gelegentlich, in weiterer umgestaltung des ersten gliedes: thurtl-, trittel- (
mit r-
umsprung und entrundung des ü), dorttel- (
mit lenis u. offener qualität des stammvokals, s. teil 2,
sp. 641 [3],
teil 11, 2,
sp. 1
f., v. Bahder
grundl. d. nhd. lautsyst. [1890] 281, Franke
grundz. d. schriftspr. Luthers 1 [1913] 183
u. 235
und V. Moser
frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 166);
z. t. mit verschiebung des inlautenden dentals: dortzel-, dorkel-,
s. u.turtel,
sowie bei Jelinek 730
s. v. türkeltaube;
vereinzelt auch wieder an die lat. form angeglichen: turter- (
alle formen bei) Diefenbach
gl. 603
s. v. turtur;
die form gurtel-tawb
ebda wird z. t. auf weitere dissimilation (Suolahti
a. a. o. u. Behaghel
gesch. d. dt. spr. 368),
z. t. auf onomatopoetische umgestaltung (
nach gurren
und dem taubenruf gur gur,
s. zs. f. dt. wortforschg. 11, 176;
s. auch teil 4, 1, 6, 1187
s. v. gürteltaube)
zurückgeführt. —
ähnlich verläuft die entwicklung in den übrigen germ. dialekten: mnd. tortelduve Lübben-Walther
hwb. 411;
mndl. torteldûve Verwijs-Verdam 8, 601;
ndl. tortelduif van der Meer
hist. gr. d. ndl. spr. 1 (1927) 40, 95
u. 125;
me. turteldouf(e) Stratmann 624;
engl. turtledove Murray 10, 1, 509;
aus dem dt. entlehnt sind dän. turteldue Falk-Torp 1300,
schwed. turturduva Hellquist
3 1247
und nisl. turtildúfa Blöndal 872. —
in heutiger mundart: turteldufe Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 449; tuəteldûwe Woeste
westfäl. 275; tüttelduuf (
mit assimilation des r) Mensing
schlesw.-holst. 5, 213; tuddelduben (
mit eindringen des n
der sw. flexion in den nom.) Frederking
Hahlen b. Minden 32; turtel- (dordl)taube (dauwe, dube)
bad. wb. 1, 616; tuachtltau(b) Schacherl
Böhmerwald 48; durtel-, durkeldauf (
s. o.) Follmann
lothr. 113; torkeltauba Sartorius
Würzburg 126; turteltube Martin-Lienhart
elsäss. 2, 718; turteltaube Fischer
schwäb. 2, 513
u. 6, 2, 1794; turteltub Hunziker
Aargau 66; tortəltūbə Enderlin
ma. v. Kesswil 36;
s. auch die hist. belege bei Schmeller 1, 621
u. vgl. die luxemb. umdeutung zu ûrteldauf '
urteilstaube'
luxemb. ma. 452. — turteltaube (
bzw. ahd. turtulatuba)
kommt im anschlusz an vulgatastellen (
bes. Luc. 2, 24)
sowie sachlich geordnete glossare des lat. auf, das ältere simplex (
s. turtel)
zurückdrängend; neben den konkreten gebrauch tritt früh, bes. an das hohe lied anschlieszend, ein metaphorischer; über die mit turteltaube
verknüpften volkstümlichen vorstellungen s. Schneeweis in:
hwb. d. dt. aberglaubens 8 (1936/37) 694
ff. und Erich-Beitl
wb. d. dt. volkskde. (1936) 724. 11)
als vogelname (
columba turtur): thaz sie gabin obphar ... zua gimachun (
gleiche) turtilitubun (
ut darent hostiam ... par turturum)
Tatian 7, 3
Sievers (
vgl. die fassung in der ersten dt. bibel: das sy geben ein opffer ... ein bar turteltauben 1, 205
Kurr., sowie bei Luther: das sie geben das opffer ... ein par dorteltauben
Luc. 2, 24); bis daz die künigîn Marîa einen brief schreip, den fuort ein turteltoub gemeit (
um 1160)
Orendel 3647
Berger; dy turtyltube und dy swalbe und der storch haben (
als zugvögel) bewart di zit irer zukumft Claus Cranc
prophetenübers. 92
Ziesemer (
so auch sprichwörtlich bei Seb. Franck [
Nürnb. 1545] A I 99
a und Petri
d. Teutschen weiszh. [1605] T 2
a); der nuszhaer, wachtel vnd specht, die turteltaub vnd gumpels gschlecht Spangenberg
ausgew. dicht. 14
Martin; (
zum kleinen weidwerk werden gerechnet) wasserhüner ... wasserschnepfen, griesläufer, turteltauben Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 166; vor wenig menschen-altern war hier noch alles kahl ... der turteltaube fehlte ihr zweig zum brüten gar Hebbel
w. 6, 399
Werner; wildtauben ...: die grosze und kräftige ringeltaube (
columba palumbus), die sich unter tags gern auf feldern herumtreibt und nur zur mittags- und nachtruhe den wäldern zustreicht, während die ihr an grösze nahestehende hohltaube (
c. oenas), sowie die kleine zierliche turteltaube (
c. turtur) sich nur im walde aufhalten Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 346; ihr (
der nachtigallen) silbernes schluchzen (
im garten des kasinos) schien sich dem gurren der turteltauben zu mischen Langgässer
d. unauslöschliche siegel (1946) 212.
im älteren sprachgebrauch gelegentlich auch als wappen- (
bzw. zierbild)—
bezeichnung: des grâles wâpen, ein turteltûbe Wolfram v. Eschenbach
Parzival 540, 27; sitiche und galander (
ringlerche), sparwære und turteltûben, die genâten ûf der hûben, die wurden gestreut ûf den wec Wernher der Gartenaere
meier Helmbrecht 1887
Panzer; vgl. aus dem frühen nhd.: dasselb (
pokal) am ranfft zu Oeberst klar vier grosse ohren hett mit wunder auff jedem schwebeten besunder von klarem gold zwo turteltauben Spreng
Ilias (1610) 150
b. 22)
metaphorisch in verschiedener anwendung. 2@aa)
im poetischen bild; die turteltaube (
im april wiederkehrender zugvogel)
erscheint als künder des frühlings; dieser gebrauch geht vom hohen lied aus, auf den neuen religiösen frühling bezogen: turteltûbon stimma ist uernoman in unsermo lante. in omnem terram ist kuman praedicatio apostolorum, dîe iro auditores lêrent castitatem et innocentiam unte nidificare in excelsis Williram 14
Seemüller; aber nu ist die zeyt widder komen, das wir der dordel tauben stym hOeren und die blumen auffgehen ynn unserm land Luther 12, 77
W.; nun lAest die turtel-taub sich hOeren auff dem laub; es grnt meins geistes anger und geht mit blumen schwanger; ich bin nu voller freud ob der genaden-zeit Angelus Silesius
heil. seelenlust 256
ndr.; die blumen sprosseten; die turteltaube girrte; der lenz einer neuen gesetzgebung, ... die zeit des Messias war da Herder 19, 24
S.; der lenz ist gekommen, und der turteltaube stimme hört ihr im lande Göthe I 37, 303
W. (
d. hohelied Salomons).
freier, als stilistisches element der frühlingsschilderung in kirchenliedern sowie in der lyrik überhaupt: der winter ist vergangen, die blumen wachsen schon, die turteltaub vorhanden die reben blen vol (16.
jh.)
d. dt. kirchenlied 3, 500
Wackernagel; schon steht der wald im laube und badet sich im tau, und gottes turteltaube girrt auf der blumenau Krummacher
in: ev. liederschatz 951
a Knapp; hört! die turteltaube girrt aus jener laube dir ein frühlingslied Schubart
s. ged. (1825) 1, 186. 2@bb)
im vergleich, wobei vor allem reinheit, keuschheit, sanftmut, treue und —
besonders in neuerer zeit —
zärtlichkeit der turteltaube
als mustergültige eigenschaften hervorgehoben werden (
s. darüber Schneeweis in:
hwb. d. dt. abergl. 8, 693
ff. s. v. taube,
sowie Brehm
tierl. 5, 422
P.-L.; zur geschichte der turteltaubensymbolik vgl. ferner Burdach in:
ackermann aus Böhmen 185
ff. Bernt [
anm. zu cap. 3];
über den einflusz des mittelalterlichen '
physiologus',
dem vor allem die vorstellung der witwentreue der turteltaube
entstammt, s. Lauchert
gesch. d. physiologus [1889] 26): dîne hûffelon (
wangen) sint samo turtultûbon Williram 16
Seemüller; dû bist âne gallen glîch der turtiltûben, sancta Maria
Melker Marienlied in: kl. dt. ged. d. 11./12.
jhs. 175
Waag, über die gallenlosigkeit als im mittelalter verbreitete physiologische erklärung der sanftmut der turteltaube
s. Schneeweis
a. a. o.; (
gott spricht zu den witwen:) ir waret turteltuben glich: einvaltec, senfte, minneclich (13.
jh.)
von dem jungesten tage 77
Willoughby; man mag wol geleichen zwar die tugent der cheusche gar der turteltauben, als man gicht H. Vintler
d. pluemen d. tugent 5936
Zingerle (
vgl. j. Titurel 257
u. 1776
Hahn); sie sitzt in einsamkeit bey ihres gattens raube (
tod) und seufzt und weint und girrt nach art der turtel-taube Günther
ged. (1746) 817;
das alte bild der einsam weinenden turtelwitwe bewahrt Schlegel-Tieck
s übersetzung von Shakespeares '
wintermärchen'
der gegenwart: ich alte turteltaube schwing' mich auf einen dürren ast, und weine um meinen gatten, der nie wieder kommt, bis ich gestorben bin (
I, an old turtle, will wing me to some wither'd bough, and there my mate, that's never to be found again, lament till I am lost)
Shakespeare 8 (1832) 178 (
wintermärch. V 3); so lebten sie in eintracht manches jahr zusammen, keusch und treu, wie fromme turteltauben Wieland
s. w. 22 (1796) 269; mit zähneklappern habe ich von liebe girren müssen, wie eine turteltaube Raupach
dram. w. kom. gattg. (1829) 2, 112; wenn man einunddreiszig jahre verheirathet ist, treibt man's nicht mehr wie die turteltauben E. Höfer
auf deutscher erde 2 (1860) 77.
gelegentlich taucht auch die aus dem '
physiologus' (
s. Lauchert
a. a. o.)
bzw. der bibel rührende vorstellung der einsamkeit suchenden turteltaube
im vergleich auf: mach es, wie die turteltaube, fleuch vor angst und sturm und wetter aufs gebürge Golgatha Günther
ged. (1746) 844; sie ist wie eine dorttel-taube, die in dem walde sich versteckt Simon Dach
ged. 3, 69
Ziesemer; die arme frau (
die fürstin Salm) ist so gar einsam! über ihren träumereien brütend wie Salomos 'turteltaube in der wildnis'! (2. 1. 1844) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 254
Schulte-K. 2@cc)
übertragen, in verschiedener, an die eigenschaften der turteltaube (
s. o. 2 b)
anknüpfender anwendung. 2@c@aα)
religiös: du (
Maria) bist ein reiniu türteltube sunder gallen Konrad v. Würzburg
d. goldene schmiede 570
Schröder (
s. auch u. 2 b); reine miltiu Maria ... du turteltube, du gotes kron
schausp. d. mittelalters 1, 248
Mone; ein geistlich mensch ist die turteltub, eyn weltlich mensch ist eyn husztub Keisersberg
bilgerschaft (1512) 10
a; ekelt uns zwar bey dem geilen girren jener mystischer turteltauben (
nonnen), so wird man deswegen doch nicht weniger sanft entzücket Zimmermann
über die einsamkeit 2 (1784) 170; es waren dies (
die geistlichen lieder eines sektierers) kleinere sammlungen, die ... unter dem süsztraurigen titel 'das gesäng der einsamen und verlassenen turtel-taube, nemlich der christlichen kirche' zusammengefaszt wurden Th. Mann
Faustus (1948) 105.
als symbol der seele: got ist das nest, in dem die turtel taub, die sel, findet gantze ruo Keisersberg
baum der seligkeit (1518) 37
d; die turteltaube deutet an die arme, in dieser thierischen eigenschaft gefangene seele Jac. Böhme
s. w. 5, 301
Schiebler; was ächzest du, o seele, turteltaube des himmels? warum sehnest du dich hinnen Arndt
w. 4, 36
R.-M. 2@c@bβ)
in allgemeinem sprachgebrauch; als kosename für die geliebte: ir habt mir meiner selden haft, mein auserwelte turteltauben arglistiglichen entfremdet
ackermann aus Böhmen 7
Bernt-Burdach; mein liebstes mAedgen, meine turteltaube Neukirch
in: Hoffmannswaldau u. a. Dt. ged. (1697) 1, 358
Neukirch; wo bist du, meine turteltaube?
ders., ged. (1744) 52; meine arme turteltaube, hat dir die Ida (
Freiligrath) so wehe getan? (
als sie taktlose fragen wegen der verlobung stellte) (30. 3. 1843) L. Schücking
an L. v. Gall 265
Muschler; für zärtliche liebesleute: lasst den jungen turteltauben ihre freiheit Heinr. Beck
d. herz behält s. rechte (1788) 105; was glaubst du, nach Italien sind sie gefahren, die turteltauben, nach Rom und Neapel und Sizilien (
auf d. hochzeitsreise)
qu. v. j. 1936.
vereinzelt auch sonst: durch ihn sind einige in dem hause lOewen und ausser demselben nur haasen: ... in der kirche und auf der gasse die reiniste turteltauben, anderswo aber die bOeckigste ziegen Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 586. 33)
komposita: zusammensetzungen mit turteltaube
als erstem glied sind seit dem frühnhd. durchaus geläufig; in neuerem sprachgebrauch überwiegt die komposition mit turteltaube 2 b
bzw. c: