vorkommen,
verb. ,
s. älteres fürkommen
th. 4, 1, 1,
sp. 758;
ahd. furiqueman Graff 4, 670;
mhd. vür-, vorkomen
mhd. wb. 1, 906
a; Lexer 3, 602; 473; 586; Jelinek 909;
mnd. vorkomen Schiller-Lübben 5, 380
b;
fries. forekuma Richthofen 751
a;
ags. forecuman;
mnld. vorecomen Verwijs-Verdam 9, 1004;
antecipare vorkomen Diefenbach
gl. 37
b;
prevenire 458
c; vorkommen,
praevenire, antevenire, antecapere, occupare Maaler 476
a; für-
et vorkommen Stieler 1005; Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 827
a; Steinbach 1, 904; Frisch 2, 407
a; Adelung; Campe;
dän. forekomme
ist lehnwort; vgl. noch schweiz. idiot. 3, 277;
Fischer schwäb. wb. 2, 1861. 11)
in eigentlicher sinnlicher bedeutung, nach vorn, vorwärts, aus dem hintergrunde vor, aus etwas herauskommen u. ä.; '
nur im gemeinen leben' Adelung, '
niedrig, aber nicht verwerflich' Campe;
von personen und auch freier von sachen: dat men under den snê hot, dat kumter al vôr Tunnicius
sprichw. nr. 966; Sepherl (eilig aus der mitte vorkommend) Nestroy (1890) 2, 159; ihr müszt warten bis der mond vorkommt Storm (1899) 5, 147; die rechte,
unter dem mantel vorkommend Herm. Grimm
Michelangelo (1896) 1, 154; und aus den ritzen rechts und links vorkams und krochs und quolls Strachwitz
ged. (1850) 257.
in militärischem sinne, vorrücken oder auch kämpfend boden gewinnen: von süden vorkommende infanterie Hindenburg
aus meinem leben (1920) 22; auf dem rechten flügel gelang es dem feind zwei kilometer vorzukommen. —
übertragen in besonderer anwendung: ist denn ihr aufsatz über die bundestagsbeschlüsse nicht vorgekommen (
erschienen, vgl. herauskommen)?
briefw. zw. J.
u. W. Grimm,
Dahlmann u. Gervinus 1, 44;
ähnlich: wie die (
erzählung) beschrieben und gedruckt vor menschgdencken ist vorkommen Fischart
dicht. 1, 286
Hauffen. 22)
an jemandem oder an etwas vorbeikommen, überholen: er ist mir zwo tagreisz vorkommen Maaler 476
a; einem durch geschwinden marsch v. Steinbach 1, 904; so sal die wagen stille stan, bit sie mogen vore komen
Sachsensp. 2, 59, 3; sogleich eilten drey bis vier boote um die wette einander vorzukommen J. E. Schlegel (1761) 5, 355; in der weile ich an der pforte geredet hatte, ware der übrige haufen mir vorgekommen Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 196; ein kleiner wagen, der langsam vorbey ging und uns hinderte vorzukommen S. v. Laroche
gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 210; da sorgt sie (
die sonne), sie möcht sich verweilen, das ir vileicht das schiff forkäm Fischart
glückh. schiff 655
ndr.; der vorderste der stürzt; und so komm ich nun vor Lessing
Nathan 5, 1.
bildlich und übertragen: wir sollen uns drumb dringen, mit ehren ein yglicher dem andern vortzukummen Luther 7, 576
W.; wir wollen uns das vergnügen machen, die beiden wanderer neben einander traben zu sehen: aber keine nationalwette! der Deutsche kommt gewisz vor Herder 3, 386
S.; jedoch wenn andre sich zum Helikon gedrängt, so hast du dich noch nie in ihren schwarm gemengt und ruhig zugesehn, wenn sie dir vorgekommen Gottsched
ged. (1751) 1, 428. 33)
so braucht die ältere sprache das verbum in mannigfacher anwendung, wo jetzt zuvorkommen
vorgezogen wird; es kann das zeitliche zuvorkommen betont werden, dann aber tritt eine freiere anwendung ein, in einer leistung weiter kommen als andere, übertreffen. 3@aa)
sprichw.: wer vorkommt, mahlt vor Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 1, 68
a; wer vorkommt, mählt vor Stephanie
d. j.
singsp. (1792) 330; sie solt ein schermesser heimlich zu sich nemen, das sie im vorkeme Luther 32, 332
W.; da waren die wechter noch hinder im her, also kam er mit not noch in vor an die stat
Eulenspiegel 49
ndr.; er eilete diesem nach sein volck zum ersten in schlachtordnung zu bringen; welch v. den seinigen hertz giebet Lohenstein
Armin. (1689) 2, 1053
b; die pauren eylten mit dem kor, das sie dem pfarrer kemen vor
pfarrer v. Kalenberg 14, 272
ndr.; die schwartze zauberkunst, der eiteln lehre dunst, die macht, durch gifft den parcen vorzukommen A. Gryphius
trauersp. 41
Palm. vor-
im sinne von vorzeitig, zu früh: v.
prägnant, vorehlich, unehlich gebären Fischer
schwäb. wb. 2, 1862. 3@bb)
freiere anwendung; in der leistung weiter kommen als ein anderer: (
mädchen,) welche die süszigkeit des studirens reitzen würde, vielweiter zu gehen und wohl gar einer Schurmannin vorzukommen
d. vern. tadlerinnen (1725) 1, 402; an talent zur kritik käme den Deutschen vielleicht keine nation vor Herder 5, 264
S.; und jeder strebt im wunsch dem andern vorzukommen Warnecke
poet. versuch (1704) 413; und eh der sommer noch verglommen, war er (
im lernen) schon allen vorgekommen Kinkel
ged. (1868) 2, 323. 3@cc)
dagegen tritt in den folgenden stellen die vorstellung der abwehr, des verhinderns (
s. unter f)
hervor: wir wollen ihm schon v.,
conatibus ejus obviam ibimus Stieler 1005; den tollen heiligen vorzukomen und das maul zustopffen, so dafur geben, solch euszerlich ding gelte nichts Luther 28, 74
W.; um den nachdruckern — diesen harpyen ... vorzukommen Schubart
br. 2, 180
Strausz; der weise wartet nicht, bisz ihm was wird genommen, er nihmt ihm alles selbst, den dieben vorzukommen A. Silesius
cherub. wandersm. 159
ndr. 3@dd)
mit unpersönlichem subject: das heyszen die doctores gratiam primam et prevenientem, die erste und vorkommende gnade Luther 9, 202
W.; gottes sonderliche, vorkommende, mitwürckendt folgende gnad Agricola
ketzerbrunn (1583) 248;
weltlich: die mich mit so vieler vorkommenden güte überhäuft haben Lessing 18, 173
L.-M. 3@ee)
wenn das im dat. bei v.
stehende wort etwas unpersönliches bezeichnet, kann natürlich auch blosz das zeitlich frühere eintreten eines geschehens gemeint sein, auch in dieser anwendung veraltet: einem wunsche (
eines andern) v.
u. ä.: ja meine hand soll auch (kommend seiner bitt vor) ihn meiner hilff gewehren Weckherlin 1, 364
F.; ich war fertig, allem (
deinem) thun mit gedancken vorzukommen S.
Dach 562
Ö. 3@ff)
in zahllosen wendungen der älteren sprache aber tritt dabei die vorstellung der vorbeugung und abwehr hervor, vgl. Lexer 3, 602;
zu beachten ist dabei, dasz der zeitliche sinn von vor
verblassen und schwinden kann, so dasz das verbum die bedeutung annimmt '
einem schon eingetretenen übel abhelfen': einem unglück v., begegnen Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 541
b; einer krankheit v. Campe; wo demselselben nicht bey zeiten gesteurt und vorkommen (
wird)
ordn. wie sich handtwercker und handthierer verhalten sollen (
Heidelb. 1579) a 2
a; diesen und dergleichen gedanken (
anderer) vorzukommen Schweinichen
denkw. 6
Ö.; sobald einer merket, er werde ... vexieret werden, sobald soll er solchem v. Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 285; mein held wird dieser sorge weiszlich v. Grimmelshausen 1, 263
Kurz; selbigem (
schlechten) geschmack (
des mehls) um desto mehr vorzukommen Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 1, 139
b; aller unsauberkeit dadurch vorzukommen und zu wehren v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 430; einem einwurf ist hier noch vorzukommen Lessing 10, 110
M.; er bemühte sich, den folgen davon durch ein sehr sorgfältig eingerichtetes testament vorzukommen Rabener (1777) 4, 157; dasz es oft besser sey, eine kleine sünde zu begehen, um einer gröszeren vorzukommen Klinger (1809) 3, 104; fandt keinen rath, wie er dem schaden vorkommen solt und sichs entladen Waldis
Esopus 1, 397
Kurz; ach liebe freund, helfft allzumal, wie man vorkom dem schwehren fall W. Spangenberg
griech. dramen 2, 102
Dähnhardt; wer der noth weisz vorzukommen, hat der noth die macht benommen A. Gryphius
trauersp. 78
Palm; mit vorwand, der gefahr von Tyrus vorzukommen J. E. Schlegel (1761) 1, 83. 3@gg)
nach v.
im sinne von verhindern folgt ein abhängiger satz, der aber verneint wird: entlich beschlossen sie, das sie vor allen dingen vorkomen müsten, das er nicht prediget Luther 18, 234; hirumbe gedochte er, wie he vorqueme, das sine tochter nicht eyme geburen wurde Wigand Gerstenberg
chron. 83
Diemar; das war deins vatters weyser rath, mit welchem er vorkommen wolt, damit dir ja nichts manglen solt W. Spangenberg
griech. dram. 1, 188
Dähnhardt. 44)
in älterer sprache kann v.
in verschiedenem sinne mit dem acc. verbunden werden, ebenso wie mhd. vürkomen
mhd. wb. 1, 906
a; Lexer 3, 602;
vgl. Fischer
schwäb. wb. 2, 1862; Schiller-Lübben 5, 381
a;
das perf. wird dann mit haben
gebildet. 4@aa)
im sinne von zuvorkommen (3 a): sin irbarmunge mich vorkomit, die daz heil mîner selde vromit, und sin irbarmunge noch volget mir Heinrich v. Hesler
apokal. 16361; besser ists, das ich in (
eum) vorkumb und thu mein macht an im beweisn Ayrer 1, 106
K. 4@bb)
im sinne von übertreffen (3 b): das di vornunft vorkumt di natûre in allen worten und werken
myst. 1, 194
Pf. 4@cc)
verhüten (3 f),
hier ist aber zu beachten, dasz verkommen in gleichem sinne gebraucht wird (
vgl. verkommen 4,
th. 12,
sp. 679): schaden ungemach und arbeit zu virmiden und zu vorkomen
dt. städtechron. 17, 33 (
Mainz); nit allein tothedt, der den todt adder schaden thut, sundern auch der yn nit wereth und vorkummeth Luther1, 251
W.; ich mögte viel unraths damit v. G. v. Berlichingen 89
Bieling; wie man hungersnoth soll v. Wallhausen
kriegsmanual (1616) 2; o unvernünftige vernunft, die du nun allzuwol ein ding vorsehen, aber leider allzuwenig vorkommen kanst Schottel
t. haubtspr. (1663) 711; versuchten sie ihre höchste macht, das zu hindern, zu wehren und vorzukommen Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 28; wenns nur bey zeiten wirdt vernommen, kan mans mit gutem rath vorkommen Waldis
Esopus 4, 74, 74
Kurz; dann gott vorkommen hat alle zwyspaltigkeit Zinkgref
auserl. ged. 13
ndr. 4@dd)
eigentümlich in folgender stelle: schon das mit dem könig Herodes, dasz er (
Johannes d. T.) den nicht sich selbst von dem nahen heil ausschlieszen und vorkommen lassen wollte, ... schon das spricht für ihn Claudius (1829) 2, 149; v.
scheint hier den sinn von '
übergehen'
zu haben. — (
man soll feigenbäume) der jenigen art nemen, welche pflegen die kalte zeit vorzukommen Sebiz
feldbau (1579) 350 (
am rande aber mit dem dativ: der kalten zeit mit ihren früchten). —
in der folgenden stelle liegt wohl verkommen
in der bedeutung von corrumpere vor: sy waren vorkumen oder betrogen von den valschen botten
d. erste dt. bibel 2, 184
Kurrelmeyer. 4@ee) Adelung
bemerkt, dasz vorkommen
transitiv gebraucht werde im sinne von '
etwas bestreiten, demselben gewachsen sein': wir können es nicht alles vorkommen,
alles aufessen. diesen gebrauch erklärt Campe
für '
verwerflich'; wen ik't man êts förkamen (
einrichten) kan ten Doornkaat-Koolman 1, 541
a;
vgl. Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 473. 4@ff)
in hochdeutscher umgangssprache wird v.
nur bei den studenten mit dem acc. gebraucht: jemandem etwas, einen halben, ganzen v.,
was der andere nachzutrinken hat; doch ist hier v.
nicht eigentlich transitiv, das perf. wird mit sein
umschrieben. 55)
in älterer sprache kann v.
mit dem dativ verbunden den sinn von helfen, zu dienste sein annehmen: das wir (
frauen) unsern ehemännern mit aller ehrerbietung sollen v. und underthan sein Fischart 3, 318
Hauffen; entwickelt aus der bedeutung, einem zuvorkommen. 66)
vor jemanden kommen, sich einstellen, ihm gegenwärtig werden. 6@aa)
in älterer sprache, auch prägnant, vor gericht, einer behörde u. ä. erscheinen, sich stellen, dann auch seine sache vertreten: ich kan nicht v.,
non possum causam dicere Steinbach 1, 904; ist aber das der wirt vorkumit
urkundenb. d. stadt Freiberg 3, 29; wo einer den andern zu ding lúd ... und de nicht vorkem Zobel
sechsisch weichbild u. lehenrecht (1537) 69
a; welches er alles ausführlich erzehlen wolte, wenn er würde v. (
verhört werden) Thomasius
ernsth. ged. u. erinnerungen (1720) 2, 70; so geht er in den rath, und es kommt etwa herr Schatte vor und klagt vor ihm Brentano (1852) 5, 415; gleicher gestalt hat der beklagte bürgen dafür zu stellen, dasz er zu recht v. will Eichhorn
dt. staats- u. rechtsgesch. (1821) 2, 627. —
übergehend in den sinn von verhandeln: wy das Gotsche Schoff mit uns gerne noch vorkomen welle (1425)
codex diplom. Lusatiae super. 1, 255. 6@bb)
geläufig dagegen auch in der sprache der gegenwart mit sachlichem subject, zur sprache kommen, verhandelt werden: die sache ist noch nicht vorgekommen Adelung; ist sonderlich vorkhomben, dasz die geistligkeyt ... sich entschuldigen solle
verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 56
Palm; die theatersache ist gestern im senat vorgekommen Göthe IV 11, 173
W.; diese neuen erbietungen des marquis kamen bei voller sitzung der drei frauenzimmer vor Schiller 3, 564
G. und so allgemein: dieser gegenstand ist im unterricht, in der schule noch nicht vorgekommen (
derber: drangekommen). 6@cc)
zur audienz, zur bestellung, meldung u. s. w., zum besuch vorgelassen werden: (
dasz man) so lange verziehen musz, ehe man ein mahl vorkömmt Chr. Reuter
ehrl. frau 21
ndr.; sie würde als Marwood vorzukommen gesucht haben Lessing
Sara Sampson 4, 3; ich melde mich bey dem minister, es ist nicht schwer bey ihm vorzukommen Schiller
parasit 1, 2; ich hatte glück, dasz ich als erster vorkam W. Schäfer
erz. schr. (1918) 3, 105. —
freier: solche hertzen vorkommen nicht bey gott ... (
er) treibet und bleset sie alle von sich ins hellische fewer Mathesius
Sarepta (1571) 144
b. 6@dd)
ohne die vorstellung des zugelassenwerdens, jemanden aufsuchen: kommen sie doch gelegentlich einmal bei mir vor
u. ä.; ein gängelchen mit v. Albrecht
Leipz. mundart 232
b; gnädige frau, ich darf doch wieder v.? Klinger (1809) 1, 450. 6@ee)
freiere wendungen der älteren sprache: solt ich nun meinen leiblichen herrn vatern ... mit lügen v.?
engl. com. u. trag. (1624) v 6
b; ich habe eine grosze bitte an ihn, darff ich damit v.? Chr. Weise
polit. redner (1677) 306. 6@ff)
in allgemeiner anwendung, gewöhnlich mit einem dativ verbunden, begegnen, gegenwärtig werden, von lebenden wesen, die ältere sprache bewegt sich freier: do ihm das tier ohngefähr vorkompt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 206; es kommt ihn (!) ein verwundeter vor, solchen in die cur zu nehmen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 332; seine absichten sind vielleicht nur so lange gut, bis ihm ein anderes mädchen vorkommt Bäuerle
kom. theater (1820) 5, 12; ich wolte, er keme uns selbst jetz vor Hayneccius
Hans Pfriem 857
ndr. sehr häufig in relativ- und andern nebensätzen: erschlugen, was inen vorkam, fiengen aber keinen lebendig Gabr. Rollenhagen
ind. reisen (1603) 105; alles, was an mansvolck ihnen in der ersten hitz vorkam Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 233; es ist kein guter hund, der allem wild nachfolgt, das ihm vorkompt Lehman
floril. polit. (1662) 2, 917; er redete also mit jedem von dieser sache, der ihm vorkam Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 135; mit krummer angel sich fische oder vögel zu fangen, was ihren händen nur vorkam (
φίλας ὅτι χεῖρας ἵκοιτο) Voss
Od. 12, 332
Bernays. 6@gg)
wie bei begegnen
verblaszt in der verbindung des verbums mit einem persönlichen dativ die örtliche in vor
liegende vorstellung, ebenso wie die eigentliche bedeutung von kommen;
es kann bezeichnet werden, dasz etwas der erfahrung sich darbietet, innerlich gegenwärtig wird; auf personen bezogen: so einer kömmt mir nicht wieder vor Lessing
Minna v. Barnhelm 5, 15; wir müssen bekennen, dasz uns kein griechischer sophist ... vorgekommen (
folgt ein relativsatz) Gerstenberg
hamb. n. zeit. 363
dt. lit.-denkm.; der urheber (
einer zeichnung) ... ist mir bis jetzt nirgends in den verzeichnissen italienischer meister vorgekommen Brentano (1852) 5, 434; hinwieder seien ihm kollegienlesende professoren vorgekommen, welche
u. s. w. G. Keller (1889) 2, 151. —
sonst gegenständliches: sie (
grobfühlende völker) essen auch meistens, was ihnen vorkommt Herder 13, 294
S.; die bildnisse von ihm, die mir vorgekommen sind Sturz (1779) 1, 20; gesichter, wovon er sich jedoch nicht zu erinnern wuszte, wo sie ihm vorgekommen waren br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 112. —
auszerordentlich oft auf nicht gegenständliches bezogen: der fall, so etwas, so etwas albernes ist mir noch nicht, in meinem leben noch nicht vorgekommen: ehe mir ein ander hindernüsz v. möchte A. Gryphius
Horrib. 26
ndr.; auff die mir vorkommende fragen Moscherosch
ges. (1650) 2, 66; wenn mir kein anderer anlasz vorkömmt Lessing 18, 149
M.; alles denkwürdige, was ihm in büchern und im gespräch v. mochte Göthe 22, 140
W.; das gröszte ... beispiel von dummheit, das mir je vorgekommen Schopenhauer 1, 57
Gr.; dergleichen aber ist mir nicht vorkommen, als ich dich bericht Hayneccius
Hans Pfriem 774
ndr. ohne dativ: dasz sie (
eine schauspielerin) ... alles spielte, was vorkam Fontane I 5, 15. 6@hh)
auch hier sind manche anwendungen der älteren sprache auszer gebrauch gekommen; '
in die hände kommen',
so dasz man davon kenntnis nehmen kann: Johan Fischers ... poemata, soviel mir deren vorkommen (
sind) Zinkgref
auserl. ged. 3
ndr.; Villoisons Homer kam mir in Italien vor Herder 18, 428
S.; ihre übersetzung ist mir noch nicht vorgekommen Caroline 1, 98
Waitz. —
vorgezeigt, angeboten werden: neulich kam ein antiker Sokrates für 25 zechinen vor Göthe IV 8, 262
W. —
sich darbieten: ich werde alles in den geradesten ausdrücken sagen, die mir vorkommen Lichtenberg (1800) 1, 116. —
mit abhängigem infin.: alles was euch vorkumet zu thun, so bedenket das ende Moscherosch
insomn. cura parentum 58
ndr.; (
gegenstände,) die den menschen zu betrachten vorkommen Lessing 10, 182
L.-M.; sofern etwas einzuwenden vorkäme Göthe IV 3, 3. 6@ii)
sich in der phantasie, im traum, vision u. ä. darbieten, in älterer sprache auch prägnant: des dotes strikke waren mir vorkommen Melissus
ps. 64
ndr.; (
propheten,) welche sagen, dasz ihnen die cherubin mit flügeln im gesicht vorkommen seien Fischart
bienenkorb (1588) 157
b; vertieffet euch nicht in den grillen, sie möchten euch im schlaffe
v. Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 79; bald aber schlug ihr ihm vorkommendes bild ... alle diese aufdampfungen zu boden Lohenstein
Armin. (1689) 2, 131
b; dieses weisze mädchen ist mir oft später noch in träumen ganz wie es lebte vorgekommen Kerner
bilderb. (1849) 106; ach gott! kommt mir diesz (
letzte) urtheil vor, so steigen mir die haar empor S. Dach 133
Ö. 6@kk)
nur der älteren sprache gehört die prägnante anwendung im sinne von zu ohren kommen, gemeldet, mitgetheilt, bekannt werden an: '
eine nur noch im gemeinen leben übliche bedeutung' Adelung; denn mir ist furkomen, lieben brüder, durch die aus Cloes gesinde, von euch, das zanck unter euch sey
1. Cor. 1, 11;
accidit auribus ... es ist mir furkomen, ich habs gehört Frisius
dict. (1556) 144
b; (
eine frau hat ihre neugeborenen kinder) wollen lassen heimlich ins wasser tragen, für junge wolpen, welches vorkomen ist Entzelt
altmärk. chron. (1579) 199; wann ihm vorkam, dasz viel ubels von ihm ... unter dem gemeinen mann geredet wurde Lehman
florileg. polit. (1662) 3, 363; also iz mir vorkomen ist und geseit Brun v. Schonebeck 1249
F. 77)
ohne dativ, in mannigfaltigen wendungen der neueren sprache, wirklich werden, sich ereignen: so was kommt vor, selten vor, ist noch nicht, schon mehr vorgekommen; alles vorkommende, die dabei vorkommenden umstände beachten; das darf nicht wieder v.; ist sonst nichts vorgekommen; mehr dergleichen händel kamen vor Chr. Weise
erznarren 18
ndr.; eine sache, die so oft vorkömmt A. G. Meissner
Alcibiades (1781) 1, 68; hier kommen die wunderlichsten dinge vor Göthe IV 41, 39
W.; ein schöner casus! ist lange nicht vorgekommen Tieck (1828) 3, 148; ein solcher miszbrauch des unbestreitbaren theoretischen rechts der krone ist in diesen 14 jahren nicht vorgekommen Bismarck
polit. reden 2, 81
Kohl. —
mit abhängigem satz: wie oft kommt es vor, dasz eine truppe, bei dem stundenlangen abkochen alarmiert, den inhalt des kessels ausschütten ... musz Moltke (1892) 7, 67. —
eine häufige verbindung ist vorkommenden falls: da bitt ich, dasz wir uns vorkommendenfalls an ihren guten rat wenden dürfen Fontane I 4, 250. 88)
die vorstellung des eintretens in die wirklichkeit schwindet oder wird doch schwächer, das wort bezeichnet dann, dasz sich etwas vorfindet, vorhanden ist (
s. unten das vorkommen
unter 10). 8@aa)
allgemein, auf leben, natur, wirklichkeit bezogen: vielmehr müszte man sich wundern, dasz solche (
hieroglyphen) nicht viel häufiger auf der erde vorkommen Herder 16, 54
S.; wenigstens kommt diese benennung nicht früher als 1500 vor G. Forster (1843) 4, 13; spuren brennbaren fossils, das im gipse vorkömmt Göthe IV 13, 160
W.; kaum ein zehntheil der selten vorkommenden schmetterlinge Holtei
erz. schr. 18, 117; ich hatte von menschenfressern gehört, die unter den Russen vorkämen Laube (1875) 1, 7; (
ein schlosz) so furchtbar alt, wies eigentlich gar nicht mehr vorkommt Fontane I 5, 141. 8@bb)
besonders oft auf sprachlich gefasztes bezogen, auf rede, erzählung oder die sprache selbst, schriftliche aufzeichnung jeder art; hier aber kann die nachwirkung der eigentlichen bedeutung (7)
fühlbar sein (in dem märchen kommt ein riese vor,
tritt ein riese auf): von jedem ding, das im gespräch vorkompt Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, l 5
b; weil dergleichen exempel sehr viel unten vorkommen Chr. Weise
polit. redner (1677) 178; hat man jemals gehört, dasz ein trauerspiel nach einer person benennet worden, die gar nicht darin vorkömmt? Lessing 9, 349
M.; in der apostelgeschichte kommt noch zweimal die gabe der sprachen vor Herder 19, 10
S.; eine vorstellung der eroberung von Troja, wie sie auf einer antiken vase vorkommt Göthe 48, 120
W.; weil sieben am häufigsten in der bibel vorkommt Grabbe 1, 382
Bl.; doch soll das wort 'esel' darin (
in der gemurmelten rede) vorgekommen sein
M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 4, 68. 99)
weiter verblassend, dem äuszeren oder inneren sinne sich darstellen, scheinen, wobei die vorstellung des ungewissen mehr oder minder hervortritt. 9@aa)
ersteres ist z. b. der fall bei den verbindungen mit als ob, als wenn
u. ä.: es wird euch mercklichen v., als fliege alle ewere arbeyt Moscherosch
insomn. cura parentum 93
ndr.; da kams ihm vor, als ob engel ihm zulispelten Miller
Siegwart (1777) 48; nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse Göthe 21, 20
W.; es kam uns vor, als hörten wir zwei menschen zusammen flüstern Schiller 4, 214
G.; auszerdem will es mir v., als ob diesem autor ... das sensorium für die vorwelt etwas ausgegangen Görres
br. (1858) 3, 134. — mir kommt vor, das sey die edelste von unsern empfindungen Göthe 37, 129
W.; obwohl es ihm vorkam, dies alles wäre nur ein fürchterlicher traum W. Schäfer
erz. schr. (1918) 2, 5; es pflegt mir vorzukommen, die künstliche natur die hab ihr vorgenommen, an Zlatna sonderlich zu thun ihr meisterrecht Opitz
t. poemata 230
ndr.; dasz das leben des menschen nur ein traum sei, ist manchen schon so vorgekommen Göthe 19, 14
W.; kam es mir vor, dasz rauch von der weitumwanderten erde hinter dem dicken gebüsch aus Kirkes wohnung emporstieg Voss
Od. 10, 149
Bernays. in einen satz eingeschoben: die weisheit, kommt es mir vor, hat bei gründung unserer physischen natur eine solche sparsamkeit beobachtet Schiller 1, 176
G. —
in nebensätzen mit wie: bis es (
das rad) schon ablaufen will, wie es mir vorkommt, ... Herder 1, 250
S.; (
sie hatte) davon einen theil gegessen, und zwar, wie es ihm vorkam, den besten G. Keller (1889) 4, 18. 9@bb)
in vergleichung: ihr kommt mir vor als wie Peter Squentz Chr. Weise
erzn. 8
ndr.; ich komme mir vor wie der böse geist, den der capuziner in einen sack beschwor Göthe 8, 119
W.; das kommt mir grad so vor, wie wenn ein pintscherl auf ein elephanten bellt Nestroy (1890) 1, 28; die nase kömmt mir vor wie eine kramertüte, in welche man ein pfund rosinen schütten kann Neukirch
ged. (1744) 205. 9@cc)
unendlich oft mit prädicativen bestimmungen, auf persönliches und unpersönliches und ganze wortgruppen oder sätze bezogen: es kommt mir bekannt vor,
ich glaube ihn zu kennen; zwar du kömpst mir jetzt seltsam vor
engl. com. u. trag. (1624) f 3
b; wie lächerlich musz ich ihnen v.? Lessing 2, 23
M.; kommt ihnen ein messias wie der seinige wohl als ein ... sujet zur tragischen epopee vor? Herder 1, 278
S.; jeder einzelne mensch, besonders der tüchtige, kommt sich früher viel zu bedeutend vor Göthe 46, 10
W.; es ist ein glück, dasz ich anderen anders vorkomme als mir selbst
M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 3, 4;
ungewöhnlich: desz elenden weibesstücks halber, so etwan mit mehrer schönheit als andere mir vorkommen
schausp. d. engl. comöd. 221
Cr.; Christus kam ihnen ein fremdling vor Göthe 38, 63
W. unpersönliches subject: heiszt mich ihr kalt wasser geben, welches mir seltsam vorkam Schweinichen
denkw. 16
Ö.; (
ein spottvogel) hat es (
mein buch) sich so närrisch v. lassen Moscherosch
insomn. cura parentum 132
ndr.; was den klügsten nicht böse vorkommt, das kan nicht böse seyn Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1676) 248; wie kam mir alles so weitläufftig in der welt vor Chr. Reuter
Schelmuffsky 13
ndr. (
vollst. ausg.); wie einem gelbsüchtigen auge alles gelb vorkömmt Bodmer
samml. crit. poet. schr. (1741) 1, 77; diejenigen dinge, die dem menschen am schwersten vorkommen Göthe 43, 324
W.; da ihre stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin vorkam G. Keller (1889) 5, 29; so dasz ihm die sache muffig (
verdächtig) vorkam Gorch Fock
seefahrt ist not (1914) 270; je gröszer uns die noth vorkommen, je näher macht er (
gott) sich herbey A. Gryphius (1698) 2, 165. genug, nicht wahr, Sophie, heut nacht besuch ich dich? doch kommt dirs sichrer vor, so komm, besuche mich Göthe 9, 55
W. etwas kommt mir
spanisch vor,
fremd, unverständlich: dieser spanische prophet komt mir warhafftig spanisch vor, indem er seine weissagung nur auff solches rothfärbiges testimonium (
einen roten bart) steiffet Abr. a
s. Clara
Judas 1 (1686) 120;
s. spanisch 5
th. 10, 1,
sp. 1887. —
ungewöhnlich: ihre leichtfertigkeit soll ihn theuer genugsam zu stehen v.
schausp. engl. com. 299
Cr. 9@dd)
einzelne besondere wendungen: das kommt dir nur so vor,
es ist nicht so wie es dir scheint. — ich weisz auch garnicht, wie du mir vorkommst, mann H. L. Wagner
theaterst. (1779) 7; meine liebe marquisin, wie kommen sie mir vor? (
ausdruck der verwunderung) Schiller 3, 550
G. 1010)
der substantivierte infinitiv ist bes. in wissenschaftlicher sprache gebräuchlich (
vgl. oben unter 8):
das v.
bezeichnet einmal die existenz überhaupt, dann aber auch in verbindung damit die örtliche verbreitung, das örtliche vorhandensein: habitatio, das v.; '
es begreift die ortsverhältnisse, welche den pflanzen bei ihrer verbreitung über die erde in bezug auf boden und auf sonstige physische verhältnisse zukommen' Bischoff
wb. d. beschr. botan. (1839) 93; '
das vorhandensein eines minerals auf seiner natürlichen lagerstätte; auch lagerstätte' Veith
bergwb. 548; zerstreutes, nesterweises v.
ebda; das v. vollkommener gneisgeschiebe in dem porphyrschiefer Göthe II 9, 46
W.; sie (
baumläufer) gehören ... zu einer art und sind ein v. Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 5, 403. —
doch auch in allgemeiner und freier anwendung: wir sehen im gewöhnlichen leben unzählige, die beweise von dem v. dieses widerspruchs sind O. Ludwig (1891) 5, 121; (
zeitungen,) deren v. an dieser stelle (
offizierszimmer) ziemlich verwunderlich war Fontane I 5, 152; erstes v. eines wortes,
in der geschichte einer sprache. 1111)
ableitungen: vorkommenheit, f., fall, vorfall, ereignis (
vgl. 7);
das wort von Gottsched
verworfen (vorkommenheiten u.
d. gl. seltsame wortgespenster, davor ein deutsches ohr laufen möchte
sprachk. 182),
wird von Adelung
als nur im '
oberdeutschen'
üblich, von Campe
als landschaftlich bezeichnet, der ältere Göthe
braucht es oft, im laufe des 19.
jh. ist es völlig veraltet; es scheint nur im plur. vorzukommen: wir unterhielten uns über die vorkommenheiten und über manches, was zu erwarten war Göthe 33, 24
W.; mannichfaltige vorkommenheiten der zeit 41, 1, 142; persönliche vorkommenheiten IV 31, 122; spätere vorkommenheiten J. v. Müller (1810) 25, 257; zu klug und zu erfahren in ähnlichen vorkommenheiten Holtei
erz. schr. 19, 212; unter allen umständen und vorkommenheiten Wilhelm I.
militär. schr. (1897) 1, 508. —
in anderem sinne, wie das vorkommen (10): alle anderweitig mögliche und unmögliche vorkommenheiten desselben (
eines wortes) Herder 3, 326
S.; gegenständlich: in einem eleganten mineralienschrank liegen die hiesigen vorkommenheiten in schönster ordnung Göthe IV 36, 92
W.; freier: sein eignes gesicht, mit humoristischer marginalbezeichnung der darin erfindlichen vorkommenheiten Immermann 20, 38
B. —
das entlehnte dän. forekommenhed
wird aber im sinne des entgegenkommens wie zuvorkommenheit
gebraucht. —