gierigkeit,
gierigheit,
f. ,
cupiditas. adjectivabstract zu 1gierig;
ahd. girigheit, giricheit,
mhd. girecheit, giricheit, girekeit, girikeit.
afries. girichêd,
f., habgier Richthofen 776
a;
mnl. gericheit,
f., begeerte Verwijs-Verdam 2, 1955. —
zu nd. gīricheit,
f. (Schiller-Lübben 2, 114
a; Lasch-Borchling 1, 2, 116
u. maa.-wbb.),
sowie nl. gierigheid (Verwijs-Verdam 2, 1955,
woordenb. 4, 2301)
s. unter 1gierig
u. 1gier,
f., vgl. geirigkeit,
teil 4, 1, 2, 2607. —
suffix -heit
begegnet noch bis ins 17.
jh.: giricheit
chron. d. dt. st. 14, 792 (
Köln 1450); gyricheit (1507) Diefenbach 271
a; gierigheit Zinkgref
apophtheg. (1655) 4, 177.
stammvokal als i: girikeit (15.
jh.) Diefenbach 59
b; girigkeit (1512)
ebda 61
a; Fischart
Garg. 125
ndr.; gyrigkeit (15.
jh.) Diefenbach 271
a; Eppendorff
Plinius (1543) 197; Paracelsus
op. (1616) 2, 589
H. die moderne schreibung mit ie
seit dem frühnhd.: gierigkeit Chr. Zobel
sächs. lehenrecht (1589) 160
b. 11)
durchstehende hauptanwendung ist '
habgier'.
in älterer sprache gekennzeichnet als der sittliche mangel des beflissenseins auf weltlichen besitz: ich pin sculdic ... in scantlichemo geuuinne, in unrehtero uuelunga, in giricheite Notker 3, 395
P.; lâzet alle giricheit (
wie Alexander sie hatte) unde habet immer arbeit umbe daz himelrîche Lamprecht
Alexander 7285
Massmann; er horte ir (
der sünden) eine alda sagen: ich bin din groze giricheit die dir zu samne hat geleit des dir waz vil unnot
passional 197, 88
Hahn; der dritte ort (
des kreuzes) ist lûter ermute wider girikeit des gutes
dt. myst. 1, 200
Pf.; vgl. avaritia (15.
jh.) Diefenbach 59
b. —
neuere sprache bezeichnet das unmäszige, raffende der habgier mit gierigkeit,
vgl. dazu unten 3: want si soichen allein zitlich goit mit irren vurgengeren (
den geistlichen), ... die irre unsedeliche giricheit dae inne laissen mitluden (
Köln 1450)
chron. d. dt. st. 14, 792; wann die götter die gestalt deines leibs (
Alexanders d. Gr.) also vnmässig vnd vnendlich gemacht hetten, wie die gierigkeit deines gemths ist, were dir die welt viel zu eng Zinkgref
apophthegm. (1628) 1, 414;
vgl. aviditas pecuniae, infinita rerum omnium cupiditas Henisch (1616) 1616; gierigkeit ...
id quod begier ...
in specie gierigkeit
est avaritia, sordes et improba cupiditas Stieler (1691) 643; derhalben sollte er ihm eine gewisse belohnung versprechen ... wiewohl Montagny sich über die gierigkeit dieses menschen entsetzte, liesz er doch nicht nach, freundlich darauf zu antworten Er. Francisci
traursaal (1665) 1, 596; (
Christus) wuszte, dasz die menschliche unvollkommenheit diesen mangel nie ausfüllen würde, indem die herrschsucht des groszen, die gierigkeit des mittlern standes und die unordnungen aller menschen überhaupt immer arme leute machen J.
M. v. Loen
wahre religion (1750) 282; wer zu viel will, dem wird wenig, diese gierigkeit führt in den abgrund der hölle G. Freytag
ges. w. (1886) 18, 65.
im mhd. daneben gelegentlich mehr als '
geiz': ein richer zolnere ... girekeite was er vol bi harte richem gute. er was von hertem mute wider die gotes armen
passional 138, 56
Köpke; zum vierden mâle lêrit her uns wâre mildekeit ... dô mite lêrit her uns ubirwinden di virden houbit sunde di dâ heizit girikeit
dt. myst. 1, 117
Pf. —
seltener im bereich der ehr- u. ruhmbegierde gebraucht: ambitio erngirichait Diefenbach 29
a; die girigkeit des ruhms und zu herrschen stürzet uns Butschky
Pathmos (1677) 536; indem der autor sich hier von geiz und ehrsucht freispricht, so wird die unersättliche gierigkeit, welche jedes von diesen beiden lastern bis in den tod begleitet, oft auch den tod beschleunigt, mit einem einzigen meisterzuge geschildert J. A. Ebert
Youngs nachtgedanken 1, 308. 22)
im wesentlichen erst nhd. auf tiere angewandt, triebhaftes verlangen nach frasz oder beute; das läszt wiederum an gīr-
denken, das von hier aus auch auf den übrigen nhd. gebrauch eingewirkt haben kann. mhd. ist vergleichbar: Achilles also sunder frist uf sine vinde reit mit so getaner girekeit als der lewe danne tut Herbort 13016
Frommann. — wie saugen (
die jungen) mit gyrigkeit die bärin Paracelsus
op. (1616) 2, 589
H.; dieses schlaue thier, ... verbirget sich unterweilen in etwas, bis er allgemählich zu den gazellen näher kommet, und ihme getrauet, dieselben zu erhaschen, wie er denn solches auf 4 oder 5 sprünge mit grosser gierigkeit zu werk stellet J. Chr. Beer
Asia (1681) 1, 50
b; ich sehe den gierigen löwen, den raub, sein erhaschen, und, was der raub sey, seine freude, und seine die gefahr vergessende gierigkeit Herder
w. 3, 132
S.; als typische eigenschaft: wenn den tiercharakteren ihre moralischen bedeutungen gegeben, im wolf und fuchs gierigkeit und untreue genannt werden, so ist sogleich aller eindruck verfehlt Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 146. 33)
auf menschen bezogen, animalisches verlangen. eszgier: siner tugende gebot larte in ob deme tische nicht wesen alzu rische gegen der spise an girekeit
passional 430, 13
K.; vor allem nhd.: gulositas halszfressigkeit
vel gytig-
vel gyrigkeit (15.
jh.) Diefenbach 271
a;
gula gyricheit off die straisse in dem halsz (
nrhein. 1507)
ebda 271
a.
zumeist als augenblicklicher zustand hitziger gefräszigkeit oder des heiszhungers: doch beisz nicht vor girigkeit der speisz ... ein stuck vom knebelbart Fischart
Garg. 125
ndr.; jetzt ein hunger ohn masz, jetzt vor der speisz ein grawen, jetzt hündisch gierigkeit, jetzt bösz und langsam dawen (
or 'la canine faim) Tob. Hübner
andere woche (1622)
hellische plagen 410; meine leser können sich die gierigkeit vorstellen, womit drei ausgehungerte weltumsegler (
die vorgesetzten speisen verzehrten) G. Forster
s. schr. (1843) 2, 416; sie asz mit einer ekelhaften gierigkeit Hebbel
w. 8, 48
Werner. —
dauernd als eigenschaft, hang zu starkem essen: woher die gierigkeit zum essen und der starke appetit komme, ist auch schon oben gezeigt worden U. C. Abelius
leibmedicus (1720) 380; gierigkeit und schläfrigkeit (
müssen wir niederkämpfen) durch das wenige essen, das wir essen, und durch das viele wachen, das wir wachen Tieck
Don Quichotte (1799) 3, 120; meine mutter legte ordentlich vor und jedes bekam ein klein theilchen und wurde dadurch alle gierigkeit verhütet J. Chr. Müller
tagebuch, Pommersche jahrbb. 11, 32. —
wollust: er war also gar in des fleisch girigkeit entzündt, das er sein eigen schwester schwOechet S. Franck
chronica, zeytbuch (1531) 129
b; er erdacht etlich geschlecht der fleisch girigkeit
ebda 144
a.
von dieser grundvorstellung, dem animalischen verlangen, aus sind auch hier, wie beim adj. (
s. d. 2 b)
allerlei abgezogenere wendungen zu verstehen: auch werden nur wenige sein, die nicht auf reisen an manchem kühlen und heitern morgen die luft mit einer solchen gierigkeit eingesogen hätten, als wenn sie mit einem jeden athemzuge einen vollen freudenbecher oder gar den trank des lebens ausleerten C. Meiners
br. üb. d. Schweiz (1784) 1,
vorr. bei geistigem: sobald er aber eine oder zwei davon (
der erzählungen) durchlesen hatte, war nichts dem vergnügen zu vergleichen ... und der gierigkeit, womit er alle übrigen verschlang Wieland
s. w. (1853) 1, 12; aber dafür erwarte ich ihre (
anr.) briefe auch mit einer gierigkeit, verschlinge sie mit einer innigkeit, die ihnen (
anr.) gewisz rechte freude machte A. W. Iffland
br. 1, 56
Geiger; die europäischen confitüriers wissen diese gierigkeit des jetzigen zeitalters nach aller geistigen nahrung sehr wohl zu benutzen
F. Th. Schubert
verm. schr. (1823) 3, 288. 44)
darüber hinaus im nhd. auch freiere verwendungen; sie lassen das intensive element besonders hervortreten (
vgl. gierig 2): wurden die Römer durch gierigkeyt des streits also entzünt Carbach
Livius (1551) 224
b; aus hundert wunden bluten alle beid, und immer wächst des angriffs gierigkeit G. Regis
Bojardos verliebter Roland (1840) 58; was du uns hast gegäben fohrhin ans tagelücht ... ... würd von ihderman mit gihrigkeit begährt Ph. Zesen
adriat. Rosemund 7
ndr.; verlangender eifer: er hat mir ... seine unterhandlung mit den Jenaischen studenten mitgetheilt, und erzeigte viel gierigkeit, dasz es zu stande kommen möchte Fichte
leben u. br. (1830) 1, 380.