gierig,
adj. und adv. ,
cupidus. mhd. girec, giric,
ahd. girîg, kirîg,
vom stamme ger-,
idg. her- '
verlangen haben',
s. 1gier,
f.; as. gerag Wadstein
kl. and. sprachd. 59, 8; 60, 26;
afries. girich Richthofen 776
a,
mnl. gerich Verwijs-Verdam 2, 1953
s. v. gierich,
neunl. geerig (
als veraltet)
woordenbook 4, 692.
norw. girug Torp 154,
schwed. girig Hellquist 187
b,
dän. gjerrig Falk-Torp 316 (
die nord. worte könnten auch entlehnt sein). —
mnl. gierich '
begerig' Verwijs-Verdam 2, 1953;
neunl. gierig
desgl. [] woordenbook 4, 2296,
sowie nd. gīrich Lasch-Borchling 1, 2, 116
gehören zur wurzel gīr-,
idg. hēi-, hī-,
s. 1gier,
f., und nhd. geirig,
teil 4, 1, 2, 2607.
auch im mhd. lassen sich die beiden stämme gĭr-
und gīr-
nicht mit sicherheit getrennt halten; mit einem einwirken von gīr-
ist zumal auf md. boden zu rechnen. —
formen mit e
in der stammsilbe im ahd. und mhd.: kereg Notker
ps. 41, 3; gerig (
obd., 15.
jh.) Diefenbach 61
a sind durch das -ag-
suffix bedingt. mhd. girig
hält sich bis ins 17.
jh.: Diefenbach 411
b (15.
jh.); Frisius 106
b; Schottel (1663) 150; gyrig
gemma gemmarum (1508) s 1
b.
daneben mit spirantischem auslautszeichen girech
passional 289, 21
Hahn; girich (15.
jh.) Diefenbach 606
b; gyrich Clemen
ref.-schr. 1, 39.
gerundet gürig
Wilwolt v. Schaumburg 91
lit. ver.; Rompler
reimget. (1647) 210; gerig J. W. Valvasor
Crain (1689) 3, 53.
vereinzelt gierk
avarus, avidus (
im gleichen gloss., md., 15.
jh.) Diefenbach 59
b u. 61
a.
die moderne schreibung gierig
seit dem frühnhd.: Berthold v. Chiemsee
t. theol. 116
R.; Dürer
nachlasz 338. 11)
der volle reichtum des wortgebrauchs entfaltet sich erst im nhd. bis in dessen frühzeit steht, verhältnismäszig spärlich bezeugt, die grundbedeutung des stammes ger-
durch: '
verlangen tragend, bereit zu etwas' (
vgl. 1gier 1).
so in den glossaren des 15.
und 16.
jh. girig
für cupidus Diefenbach 163
a;
parabata ebda 411
b;
gemma gemmarum (1508) s 1
b; begernder lust
vel gyrige kraft, der will
vis concupiscibilis Diefenbach 622
c. gierig
bezeichnet sowohl ein einmaliges begehren als eine dauernde eigenschaft, ein ständiges aussein auf etwas, geneigtsein und hinstrebendes bereitsein: rehtes giredo uuas si (
die seele) girig unde gelustig Notker
ps. 118, 20
P. (
s. u. gierde 1); (
die königin) sprach: minen richen gebrest denn guotes und eren, ich hilf dinem heren libe, swes er giric ist Johann v. Würzburg 13579
Regel; mich disz wercks nit verfangen han als ain genaigter zuo scheltung und abzuge wyplicher eeren vnd wirden, die ich giriger bin mit lobe allzyt ze erheben Niclas v. Wyle
translat. 95
Keller; kaiser Constantinus ist girig des lobs gewesen, in kriegen glücksälig, ein liebhaber der schrift und künstler Aventinus 4, 1023
L.; kunstgierig '
kunstbeflissen': gott zu ehren und den kunstgierigen jungen gesellen zu nutz Dürer
nachlasz 338
Lange-Fuhse. '
bereit', '
verlangend': (
der märtyrer) guotwillig und girig zuo sterben, windt sine hend über ananderen (
zum gebet) Joh. Kessler
sabbata 128 (
von 1574); und immerdar bereytt, mit lieb und ohne forcht die wältlich eutelkeit, so bald nur gott gebieth, heylgürig auffzugeben Rompler
reimgetichte (1647) 112. 22)
der allgem. gebrauch des nhd. legt in gierig
eine intensive bedeutung: heftig, stark, auch übermäszig verlangend. sie wird im frühnhd. in breiterer anwendung faszbar, kündigt sich aber auf bestimmten feldern schon im mhd. an. die frage ist wieder, wieweit hier gīr-
im spiele ist. 2@aa)
auf tiere angewendet kennzeichnet gierig
das triebhafte verlangen nach nahrung und raub, gelegentlich nach fortpflanzung: (
der ritter) was so nîdic ûfe die daz ein grimmer lewe nie sô giric was nâch eime vihe Konrad v. Würzburg
Engelhard 2749; (
der hecht) izt auch ainen andern hecht, alsô gräuleich ist er von nâtûr und sô girig auf den raup Konrad v. Megenberg 254
Pf. sprichwort: einem gyrigen federspil ist guot locken Keisersberg
post. (1522) 2, 36
a; (
den zuchtesel) sol man ... also jung vnder die rossz gwAennen, da wirt er als denn auch dester giriger auff die stuotten Forer
Gesners thierb. (1563) 50
a; wie wechelt er (
der hund) mit dem schwantz, wie girig ist er nach der speisz Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 108; gierig weiden schon die rosse müd, vom schlachtenritt gemagert Lenau
s. w. 307
Barthel; [] gierig zieht der bussard wildbretfetzen heraus H. Löns
aus flur und forst6 104.
als stehendes und charakterisierendes beiwort: ein gottloser der uber ein arm volck regiert, das ist ein brllender lew und giriger beer
spr. Sal. 28, 15; gierige geyer Herder
w. 23, 212
S. besonders vom wolf: manche wackre männer gab er den giergen wölfen Herder
w. 25, 259
S.; der wolf aber ist ... gierig, gefräszig, unersättlich J. Grimm
Reinhart Fuchs (1834)
vorrede 34;
im bild: so warf vor länger als hundert jahren das teutsche reich eins seiner kräftigsten ... glieder ..., das schöne Elsasz, den gierigen wölfen vor Görres
ges. schr. (1854) 2, 251. 2@bb)
diese seite der bedeutung, das animalische begehren, lebt im nhd. bis auf den heutigen tag in wendungen, die von der grundvorstellung '
nach trank oder auch speise verlangend'
ausgehen. im eigentlichen gebrauch schon alt: gulae dediti kirikcen kidik
ahd. gl. 2, 234, 12;
caroforus gyrig mit essen
gemma gemmarum (1508) o 2
a; der spyse gyrig (
avidae cibi) Nythart
Terenz (1499) 78
a;
auch später noch: gierig
glouton, gouliafre, goulu, safre, bâfre Schwan
nouv. dict. (1783) 1, 753
b; gierige kinder überfüllen sich Fr. L. Jahn
w. 2, 221
E. fruchtbar in der verbindung mit durst, durstig: wis gehirse bremst unt rechzet girig frischer wasserflus: also gelft fur durst zerlechzet mein sel zuo dir, herre, sus Schede-Melissus
psalmen 162
ndr.; welchs (
gift) als er girig im dorst eingesoffen hatt, fhlet er von stund an, das jm vergeben ware E. Menius
chronica Carionis (1560) 2, 217
b; wie uberaus girig und durstig sie sind nach der fromen christen blut Luther 16.
cap. s. Johannis (1539) e 1
b; seid girig nach der vernnfftigen lautern milch, als die jetzt geborne kindlein S. Astomedes
christ. auszlegung (1609) 1, 357.
humorvoll: das gierigdurstige gesicht war herrlich motiviert durch den wie ein dürres ackerland zerklüfteten leib, der den wohltätig anfeuchtenden wasserstaub seit vielen wochen nicht verspürt haben mochte G. Keller
ges. w. 6, 255.
in jüngerer sprache gern neben trinken, schlürfen, einsaugen, aufsaugen,
auch bildlich und übertragen: gierig schlürfte sie mit blassem munde nun den dunkel blutgefärbten wein, und dem jüngling reichte sie die schale, der, wie sie, nun hastig lüstern trank Göthe I 1, 222
W.; sein ohr trank gierig die sanften töne Musäus
volksmärchen 1, 10
H.; die verschalung sog das wasser gierig ein Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 357; Hradscheck sasz ... da, luft und licht, deren er ... vier wochen entbehrt hatte, gierig einsaugend Fontane
ges. w. I 6, 370; kein volk ist fähiger, geistigem einflusse sich hinzugeben, als das unsere. gierig wurde aufgesogen, was über die Alpen kam und als eigener besitz weiter verarbeitet Herm. Grimm
Michelangelo (1890) 2, 212; der edle schlürft nicht wein des gottes in gierigem zug hinab Stefan George
stern d. bundes (1914) 62.
auf ähnlicher vorstellungsgrundlage: doch eh ein mensch vermag zu sagen: schaut! schlingt gierig ihn (
den blitz) die finsternis hinab
Shakespeare 1, 182; 'was halten sie (
anr.) von der rolle des Rautendelein?' ... er frasz sich augenblicks gierig in den stoff hinein ... und sie horchte mit lust auf seine drastischen erklärungen H. R. Bartsch
Elisabeth Kött (1911) 58.
vgl. auch den übertragenen gebrauch unter 7.
auch gierig
in erotischem sinn gehört in diesen bereich des animalischen: (
Venus), damit sie nicht allein (
als einzige) unverschämpt (
schamlos) und gierig der männer geachtet würde, hat sie ... der hurerey kunst auffgericht Tatius
Polydorus Vergilius (1603) 331;
vgl.: brunstgierig Schottel
friedens sieg 25
ndr. [] 33)
der intensive bedeutungsgehalt des wortes kennzeichnet sich auch durch einen gerade seit dem frühnhd. häufigeren gebrauch von steigernden beiworten (vast, grosz, ganz,
auch so
und zu
in gewissen fällen): do wasz der Palamides vast girig uff die veind, und rand do manlicher wider
hist. v. Troia (1499) 56
a; des allerhochwirdigisten sacramentz entphahung gros gyerig C. Gütel
büchlein v. Adams wercken (1518) a 2
b; griszgrante vnd bran er (
Ulysses) in jm selbst gantz girig des rachs vnd straff gegen den vngetrewen vnd lasterhafftigen Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 84
a; o, wie seindts so girig des streits! J. Ayrer
dramen 1, 157
Keller; welcher im anfang gar zu girig laufft, der wirdt bald erligen A. Agricola
gutes aug (1629) 615; '
hitzig, streng': (
der profosz) sol auch uber niemand zu gierig oder sich durch jemand vorhetzen lassen ... sondern bey der gtigkeit bleiben lassen, doch das nichts desto weniger das übel gestraffet werde D. Wintzenberger
krieges ordnung (1594) k 1
b. —
auch sonst kann das intensive moment ganz rein hervortreten, zumal später, als einmaliger oder doch zeitlich begrenzter starker willenstrieb; '
darauf aus, eifrig': vnnd war ein iedes theil girig, sein macht und grimm wider den feind zu beweisen H. Müller
türk. historien (1563) 48
b; wenn werden wir so fleiszig wieder spielen! (
Saladin:) so spielen wir um so viel gieriger! Lessing
w. 3, 42
L.-M.; gierig horcht ich ihren lehren Göthe
w. I 16, 198
W.; bei stärkerem durchbrechen sinnlicher vorstellung (
gewissermaszen des zuschnappenwollens)
wird auch hier der nd. bedeutungsstrang greifbarer: (
Kätti) fuhr empor und streckte sich mit dem ganzen leibe nach jener richtung, während ihre hände sich an den rand des bootes klammerten. gierig, als passe sie auf eine beute, lauschte sie Th. Storm
w. (1899) 5, 236. 44)
bei ethischer wertung des begehrens wird altes gierig
positiv wie negativ gebraucht; neuere sprache nimmt das wort nur negativ. 4@aa)
bereit, verlangend nach gutem, namentlich in religiösem sinn: demo durftigemo habest du gegareuuet in dinero suozzi kirigin uuillen knotiu uuerch ze tuonne (
promptam voluntatem) Notker
ps. 67, 11
P.; swen mîn dilectio perfecte inflammat, síu máchet ín contemptorem állis írdiscen gûotes unte máchet ín gíregan des êuuegen rîchtûomes Williram 63
Seemüller; sin vil heilige zucht ... was girec nach gotes gebote
passional 7, 54
Köpke; so mgen doch die glaubigen girigen menschen sOellh geschicht erkennen (
fideles avidi)
Birgitte (1502) 8
b; dasz allhie ... eine feine jugend (
theologiestudenten) ist, gierig des heilsamen worts Luther
br. 2, 491
de Wette. 4@bb)
in abschätzigem sinn, vor allem als charaktereigenschaft; bezeichnet ein weltliches, unrechtes, in neuerer sprache dazu unmäsziges, verächtliches begehrlichsein in verhalten und wesen: kirige liute ilent ze dero bitteri dirro uuerlte (
cupidi homines) Notker
ps. 88, 26
P.; vanecupidus ydel girich (15.
jh.) Diefenbach 606
b; ein priester soll nit geytzig sein, auch uff rechtfertig gt, sonder mer gastfrey. er soll noch vill mynder schandtlichs gewynsts gyrig sein Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 180
ndr.; solten wol nicht von denen allertapfersten christlichen kaysern ... und anderen berhmten teutschen helden ... gleichmAeszige tugenden beliebt und die lastere vermitten seyn, darnach man so girig bey den heiden umgaffet? Schottel
haubtspr. (1663) 150; ein böser fürst weisz ... den gierigen durch die verschwendeten schäze ... zu erkaufen A. v. Haller
Alfred (1773) 138; (
die Germanen) jagten ihn (
Lollius) blutig über den Rhein, einen gierigen plünderer, der unter dem mantel der tugend die gröszten laster verbarg E.
M. Arndt
ansichten u. aussichten (1814) 38; doch habe ich auch dort gehört, wie sie es sich gierig
[] in die ohren raunten (
die kompromittierende neuigkeit) Th. Storm
w. (1899) 1, 163. 55)
als object heben sich (
neben dem animalischen in 2)
geschlossene sachbereiche besonders heraus (
vgl. 1gier 3);
meist präpositional, daneben infinitivisch, in älterer und poetischer sprache auch genetivisch angeschlossen. 5@aa)
sinnlich-materieller bereich; gierig
nach ehre (
stirbt im frühnhd. ab),
macht und besitz: zufrühest in compositis: altipetax hôhegirigir
ahd. gl. 4, 167, 35;
ambitiosus hergirger 4, 32, 30 (12.
jh.); Jofrit der fúrste wise, des pris gen hohem prise was ie giric unde snel, begunde vliehen gen Nivel Rudolf v. Ems
Willehalm 1367
Junk; wann er was ehren girig und wolt im selber auch ein rhum erlangen Schöfferlin
Livius (1551) 79;
s. auch ambitiosus hoffardig, gyrig Diefenbach 29
a; was er (
David) helfe tete schin von argen rouberen, die sinis (
Nabals) guotis weren girig und vil gevere Rudolf v. Ems
weltchr. 25239
E.; nu waren vill wegen von der selben stat herauszen, die auch getrait einfürten, macht seine gesellen gürig, guet zu gewinnen
Wilwolt v. Schaumburg 91
lit. ver.; was damals alle nach herrschaft gierige Römer hochschätzten Zimmermann
über d. einsamkeit (1784) 4, 245; abscheuliches gespenst! stets hungrig, nimmer satt, und gieriger auf gold, je mehr es goldes hat
M. G. Lichtwer
schr. (1828) 212.
bei unterdrückung des objects nimmt gierig
selbst die bedeutung '
hab-, (
macht-)
gierig'
an: daz dûtit ... girige lûte, di widersprechen daz ermute unsis herren
dt. myst. 1, 81
Pf.; appetens girig, der understadt ander leuten guot an sich ze ziehen Frisius 106
b; hat Calvia Crispinilla ihre (
geld-) schätze aufgethan, und ist mit denen der gierige soldat vergnügt worden? A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 1202; für das wohl der länder waren erbkönige vortheilhafter als oft ändernde und um so gierigere satrapen J. v. Müller
s. w. (1810) 1, 171.
gern dabei als typisierendes beiwort: mich unmündigen knaben entraftest du, gieriger tod, schon? J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 6, 323; im nämlichen jahrhundert ging noch dreimal das gierige meer übers land H. Allmers
marschenbuch (1861) 42. 5@bb)
bereich von tat und geist; zu tun und wirken eifrig, begierig: gott läszts an sich nicht ermangeln, ist gieriger zu geben als zu nehmen H. Müller
erquickst. (1666) 379; alle stürzten sogleich dem graben zu, gierig der arbeit Göthe I 50, 273
W.; doch Tydeus tollkühn und des kampfes gierig tobt, wie wenn ein drache wild in mittagshitze zischt Droysen
Äschylus (1841) 359. —
geistig; verlangend, vor allem nach neuem: dann wyplichs geschlecht allwegen girig ist der nüwekait Niclas v. Wyle
translat. 60
Keller; denn es war newer mAere ein girig man Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 311
b; das erkennt der pöbel nicht, der, so gierig er auf neuigkeiten ist, das neue höchst verabscheuet Göthe I 8, 38
W. seine (
Julians) eigene, traurige situation machte ihn gierig nach der versprochenen ... känntnisz der zukunft
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 144; denn zwar reizt es den mann zu sehn die drängende menge, seinetwegen versammelt, im leben, gierig des schauens Göthe I 50, 291
W. 66)
eine besondere bedeutung entwickelt sich auf dem wege der sinneseinengung im sachbereich der besitzgier; hier wird aus '
habsüchtig'
im älteren nhd. gelegentlich '
geizig'
; vgl. die glossierungen des 14.-16.
jh. avarus Diefenbach 59
b;
parcus 412
c;
philargirus 234
c: als he (
der keiser) an dat rich quam, so wart he so karich ... nu is gein laster of unbillicher dink an eim keiser, dan dat he girich
[] und unmilt si (
Köln 1499)
chron. d. dt. st. 13, 339; ein gieriger trawrt mehr umb schaden denn ein weiser Petri
d. Teutschen weissh. 2 (1604) v 1
b; ein gieriger gewint sein gut andern
ebda. 77)
übertragen. 7@aa)
beim menschen (
und tier)
auf seele und körper als sitz und werkzeug des begehrens, so bei muot, gemüt (
vom mhd. ins frühnhd. reichend, später spontan und vereinzelt), herz, geist
als vertreter des ganzen menschen: sô getâne goukelære sint alle wuocherære, wan si wænent mit ir guot vüllen ir girigen muot Thomasin 12114
Rückert; also verwunder ich mich des girigen gemts, der flücken hende des Pyrrhi H. Eppendorff
kriegsübung (1551) 67
a; ... ein matrosengeschwader, die heisze kost schlingend gierigen muts Platen
w. 1, 264
Hempel; dennoch ist das menschliche hertz so glükkgierig Schottel
friedens sieg 9
ndr.; nur du kannst das gierige herz ... dieses verwegenen ... sättigen Klinger
w. (1809) 3, 35; wer den gierigen geist zähmt, herrscht in weitern grenzen, als wer Lybien mit dem fernen Gades bände Herder
w. 26, 247
S. dinglicher bei den organen des geistigen und sinnlichen aufnehmens und ergreifens, wie auge, blick, hand, mund
u. ä.: alsbald das ghrig aug den port hergegen findet Rompler
reimget. (1647) 210; lüstern sieht sein gieriges aug nach Spanien, Portugal und den rest von Deutschland E.
M. Arndt
geist d. zeit 2, 23; ein gieriger blick macht das ehrwürdigste gesicht lächerlich Lessing
s. schr. 9, 133
L.-M.; wie nur dem kopf nicht alle hoffnung schwindet, der immerfort an schalem zeuge klebt, mit gierger hand nach schätzen gräbt, und froh ist, wenn er regenwürmer findet! Göthe I 14, 36
W.; da sasz ein raubvogel drauf, und hackte mit gieriger kralle in die ... erde hinein Fouqué
alts. bildersaal (1818) 4, 606; und seiner unersättlichkeit soll speis und trank vor giergen lippen schweben Göthe I 14, 88
W.; er schlürfte mit gierigem munde den würzig köstlichen wein Chamisso
w. (1836) 3, 148. 7@bb)
nahe steht dem eine übertragung auf natur und gegenstände, die durch gierig
anthropomorph als heftig, raffend, verschlingend charakterisiert werden: zu lezt ... that sich ... die sonn mit jren feurigen straimen herfür ... vnd stach so girig ... auf das arm angefochten mäntelin Fischart 3, 134
Hauffen; denn uns friszt in öder wüste gierger sand Göthe 2, 54
W.; hochauf bäumen sich die wilden wasser und schauen gierig über den deich ins gesegnete land H. Allmers
marschenbuch (1861) 31;
V. risz das fenster auf ... der wind sprang gierig durch die öffnung E. Zahn
helden d. alltags (1906) 72.
poetisch von der waffe: wehrlos steh ich, wie dem die spitze des schwerdtes geraubt ist, und ein gieriger dolch rächend die seite durchstöszt Herder
w. 16, 319
S. vgl. mundartlich: '
ein gefäsz ist gierik,
wenn viel hineingeht' Lexer
kärnt. 114
b;
nordfries. für zu tief pflügen: ë pluch ës altâ gîrî Jensen
Wiedingharde 153. 7@cc)
abgelöst von träger der gier
ist die anwendung auf handlungen und seelenkräfte, wobei gierig
vor allem als intensivum zu fassen ist, als heftig, grosz, mächtig, stark, auch maszlos: so wolt ich nichts lieber dann der girigen rachung gebrauchen und der Pheacenser schiff ... zuo ainem groszen berg verkören Schaidenreiszer
Odyssea 56
a; er ... wagt schon den gierigen sprung zum ufer hin maler Müller
w. (1811) 1, 356;
vereinzelt vom starken [] gefälle: aber der Rhein fleuszt gegen mitternacht mit girigen lauff durch die tale
buch der chronicen (1493) 286
a;
ebenso Seb. Franck
weltbuch (1567) 48
a. —
rein intensiver gebrauch liegt vor allem bei verbindung mit ausdrücken vor, die an sich schon ein begehren bezeichnen: und dennoch ist dem gierigen verlangen der durst nach küssen nie vergangen
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 315; die kurze spanne des lebens versagt dem gierigen wunsch weit auszuschweifen Ramler
lyr. ged. (1772) 227; mancher speculativer kopf in Berlin hatte schon lange, in gierigster erwartung dieses längst auscalculierten todes (
Friedrichs d. Groszen) sich die prächtigsten schlösser in die luft gebaut Zimmermann
fragm. üb. Friedr. d. Gr. (1790) 3, 33; derhalb darf man nicht staunen, dasz man ein bild jener sittlichen corruption ... mit einem gewissen gierigen genusz betrachtete O. Jahn
Mozart (1856) 4, 206.