ungrund,
m. ,
gegenstück zu grund,
tritt nhd. erst im 16.
jh. neben älteres ab-, in-, urgrund;
auch un-, ingründlich, unergründlich, unergründet
sind älter. vgl. ungründlich-, unergründlichkeit, unbe(ge)gründetheit, grundlosigkeit, miszgrund.
mnd. ungrunt.
ostmnl. ongront.
nl. ongrond.
dän. ugrunt. Staub-Tobler 2, 775. II.
sinnlich für heute üblicheres abgrund, tiefe: wie ... ein wandrer ruhig sieht ... dasz ... den segellosen mast des goldbeschwerten schifs ein wilder orcan faszt, izt in die wolken treibt, im ungrund izt vergräbet ... Wieland I 1, 224 (
mor. br. 1, 5); jetzo deckt tiefe nacht und stille den u. (
bei der Rosztrappe) Grimm
d. sagen 1, 213; mit jedem schritte sanken wir bis über die knöchel in den schwarzen, moorigen u. Rosegger II 3 (1895), 94; 186.
oft steht sinnliche an schauung nur im hintergrunde, z. b. welches ich ... auf seinem grunde und ungrunde (II 2) beruhen lasse Francisci
lusthaus (1676) 609; Herder 6, 311; (H.
schrieb auf ungründe,
acc. plur., s. Suphan 6, 523); lauter beyspiele, deren u. .. zu entblöszen ist A. v. Haller
tageb. (1787) 1, 178; Herder 5, 15; den u. entdecken
unten II 1;
[] wer kann, o lieb, wohl deinen ungrund gründen? G. Arnold
liebesfuncken (1701) 2, 9 (
vgl. II 6); Stilling 4, 113; Zinzendorf
Sokrates 62;
Leipziger av. 1, 14; da (
in der musik) baut sich ein reich wachen träumens ... auf, aus einem rätselhaft tiefen ungrunde des menschengeistes Auerbach 5, 57;
vgl. II 6. IIII.
uneigentlich. der rechts- und geschäftssprachliche gebrauch (1)
ist älter und für die begriffsentwicklung (2—5)
wichtiger als der philosophische (6). II@11)
im engeren sinne der ältern rechts- und geschäftssprache '
unrecht, rechtsirrtum; ungenügender oder verkehrter, falscher beweisgrund oder grund; fehlen des rechtsgrundes, der berechtigung; rechtlich unbegründetes vorgeben, unbegründeter vorwand, einwand, standpunkt, unwahrheit, nichtigkeit'
u. dgl.: u. (
unrecht) haben
quelle (1531)
bei Staub-Tobler 2, 775, 2; im u. befunden werden (1713)
ebda.; er thut den ungrundt sagn J. Ayrer 183, 22
Keller; den u. berichten Chemnitz 2, 221;
vgl. ein falscher u.
falsches gerücht Lohenstein
Arm. 2, 931
b und gewisser grund Fischer 3, 872; vil ungrunds ... gewisen werden (
rat v. Nürnberg an den v. Straszburg)
polit. corresp. d. st. Straszburg 1, 276 (1527); desz von
N. ungrundt ... entdecken Sattler
phraseol. 380; einen u. (
vorwand) angeben Staub-Tobler 2, 775;
früher gern mit steigernden attributen (
heute veraltet): das dann ain lautterer ungrundt war
städtechron. 25, 365, 10; wissentlicher u.
städtechr. 32, 301; offner ongrund Ayrer
proc. 11, 10; pur lauterer u., erdichteter u.
acta publ. 4, 181
u. s. w. Sattler 477.
synonym: vor einen erdichteten u. und öffentlichen betrug halten
acta publ. 4, 182; ungrundtes, tyranney bezüechtiget werden 2, 56
Palm. terminologisch: miszbrauch und u. des inhibitions-procesz in hoffgerichten Thomasius
ernsth. gedancken 2, 17;
früher beliebt in titeln, z. b. erwiesener u. der Schmölderischen vertheidigung
Marburg 1753;
allg. d. bibl. anh. 25—36, 3162; 37—52, 1003;
allgemeiner u. der klage Lessing 18, 375; ihr (
der beschuldigungen) u. bestimmt zugleich ihre straffbarkeit Göthe 38, 268, 12
W.; ein ohr zu leihen jenen klagepunkten und ihren ungrund darzuthun Schiller 12, 430 (
Maria Stuart 1, 7); Häusser
d. geschichte 1, 276; damit über den grund oder u. der versagten einwilligung gerichtlich erkannt .., werde Berg
policeyrecht 1, 204; Jhering
geist 2, 1, 85. wie ... der abt mit dem u. und wider die billichait beschuldiget wurd Knebel
chron. v. Kaisheim 383; mit u. anklagen Sachs 13, 147, 22
G.; mit u. und neben der warheit fürgeben
städtechron. 32, 313, 13 (1553); mit ungrundt der warheit J. Andree
abfertigung des vortrabs (1562) 2; Sattler
phras. 380; mit u. zu unterdrücken und zu beschweren Bütner
epitome 444
a; einbilden
acta publ. 1, 295
P.; berichten Ayrer
proc. 374; berichtet sein Chemnitz 4, 1, 115
b;
sub-, obreptitie ausgewircket, mit ungrunde, durch falschen bericht ausgewircket Spanutius 453;
veraltet. in den belegen der klass. schriftspr. und des 19./20.
jhs. wird in der regel bed. 2, 3
verstanden; sonst eigentlich wenig mehr üblich. II@22)
dieser gebrauch dehnte sich (
ohne zwang)
auf das gebiet der polemik, erörterung, untersuchung u. dgl. aus. '
was kein grund ist oder keinen grund hat' Staub-Tobler 2, 775; u.
bedeutet den '
mangel der übereinstimmung eines satzes mit der sache selbst und wird als ein glimpflicher ausdruck für unwahrheit gebraucht' Adelung: so denn nu an den häuptartikeln kein befindlicher ungrund oder mangel ... ist
Augsb. confession 1, 21 (
Kolde 57); wie etlich Tewtsch iren u. (
vgl. valscher grunt
bei Tauler) und anfang des gefelschten glawbs schöpfen vom Luter B. v. Chiemsee 61; dasz aber die menschen in wölff verändert ... werden, solchs sol man nur kecklich für einen falschen ungrundt halten Heyden
Plinius 136; Kepler 1, 398; wiewohl nun dieses ein offenbahrer u. ist Thomasius
einleitung z. d. vernunfftlehre 7
b (
vgl.welches aber der u. '
nicht der fall ist' Staub-Tobler 2, 775);
die n. spr. verzichtet auf diesen concreten sing. wie auf den plur. (andere mehr ungründe, so eyngeführet werden
grillenvertreiber [1605] 3, 64; es
[] seind nur lauter ungründe und kahle praesumtiones Prätorius
winterflucht 122;
vgl. Herder
unter I): den ungrund seiner meynung ... darthun Gottsched
beyträge (1732) 6, 42; den u. davon
sprachkunst 432; der regeln Scheibe
crit. musicus 233; der kritik Lessing 9, 251; dieses urtheils Wieland
Agathon 2, 164; die ganze ... kritik ... in ihrem stolzen ungrunde zeigen Herder 22, 196;
von personen veraltet: (seiner gegner u. Ayrenhoff 2, 244); den u. der katholischen lehre Ranke 27, 81; über grund und u. der resultate Bahrdt
leben 2, 30;
Grillparzer 18, 187.
vorwurf des ungrunds (zu ableinung solches ungrunds dieser kunst) Puschmann
meistergesang 5
ndr.; verkehrtheit Möser 1, 281; so beschaffen sind zwei versuche, deren u. die naturforscher ... nicht einsehen wollten Göthe II 2, 46
W.; unanwendbarkeit Sulzer
theorie 4, 271.
syn. verbindungen: ihrem pracht und u. Parac. 1, 948
B.; lauter u. und falschheit Thomasius
aufzeichnungen 143; überall u. und unzusammenhang Herder 5, 447; 6, 483; u., absicht und unwahrheit der schmähschrift Chr. Stolberg
bei F. L. Stolberg
kurze abfertigung 43. mit u. Parac. 2, 192
B.; sie behaupteten, freylich mit u. K. L. v. Haller
restauration d. staatsw. 5, 91; mit grund oder u. getadelt 1, xii; nicht mit u. Eckardshausen
der prinz u. sein freund 16;
veraltet: mit allem unverstande und ungrund zu heilen Parac. 1, 84
B;
ebenso aus u. Letzner
Dasselische chr. 1, 2
a. II@33)
noch allgemeiner: ich hassz, verwirff, verfluch, betrug, list und ungrund (
iniquitatem) Weckherlin 1, 387; der falschen lieb ungrund 2, 182; 81; aus miszgünstigem ungrunde Butschky
Pathmos 69
s. th. 6, 2294 (
in diesen fällen veraltet); wie schwach sind wir dann, uns von diesem schatten, diesem u., der unkraft, dem nichts .. besiegen zu lassen? Tieck 1, 385; denn man (und nicht mit ungrundt) gemurret hat Guarinonius 787; weil er .. von dem ungrunde seiner eifersucht überzeugt wird Lessing 9, 400; vom grunde und ungrunde der erwartungen Hermes
Sophiens reise 5, 493.
concret (
veraltet): und bedarf es sich immer hervormengenden neuerlichen ungrundes nicht (
unberechtigter sprachlicher neuerungen) Schottel 159. us-em u. sin, reden
unbegründet, unzweckmäszig, unschicklich; es isch nüd us-em u.
geht an, läszt sich hören Staub-Tobler 2, 775;
nicht schriftsprachlich. II@44)
anderseits verengte sich der begriff zur bed. der gehaltlosen, ungereimten rede, zote Staub-Tobler
a. a. o.; Bühler
Davos 1, 186; 2, 102;
vgl. ungründig.
die schriftspr. hat wenig spuren dieser bed. aufzuweisen: improbabile, lame fratzen, lumpen, ungrundt, unbestendigs furgeben Schöpper
syn. gijd; Rammlern ... ists noch nicht geschenkt, ... dasz er ... Weissens amazonen-klingklang und widerwärtigen u. herausgestrichen Heinse 9, 388. II@55)
steigernd: das ist ja der u., was es da alles gibt! Meyr
erz. aus d. Ries 3, 440.
nicht schriftsprachlich. vgl. ungrundtief
unter III
und ungründlich 2 a
ende. II@66)
die philosophische bei J. Böhme
aufkommende, von Schelling
erneuerte, zwischen anschauung und abstraction hin- und herschwebende bedeutung, die einen ausdruck für das urwesen (
s. auch unding),
den weltgrund, das wesen der unoffenbaren gottheit (Windelband
gesch. d. n. philosophie 1
4, 118),
den irrationalen theil in gott, die ewige natur, zweiheit in gott (Eisler
wb. 2
2, 568)
sucht, hat sachlich den unergründeten grunt (
vgl.dasz er [
gott] .. zurückkehre in den u.
F. H. Jacobi 2, 88; demnach lässet der ... idealismus .. jede erkenntnis in einem ungrunde sich verlieren 2, 18), daz unergrunte niht
der mystiker (
s. sp. 482
und vgl. das aoma des nichts-ungrunds J. Paul 39 [1827], 79),
entwicklungsgeschichtlich die philos. verwendung von grund, urgrund, abgrund
u. s. w. zur voraussetzung: er (
gott) hat weder grund, anfang noch stätte, und besitzet nichts als nur sich selber, er ist der wille des ungrundes J. Böhme 2, 7; er ist selber der grund und u. 4, 7; im ungrund ist zwar gott, doch wem er sich soll zeigen, der musz bisz auf die spitz der ewgen berge steigen A. Silesius
wandersmann 114, 29
ndr.; [] das auge des ungrundes Franckenberg
nosce te ipsum 26; so ein tieffes, unergründliches wesen ist gott, die mystici nennen das u. Zinzendorf
reden (1746) 1, 44;
allg. d. bibl. 25, 45; doch zurück von dieser nacht des ungrunds Forster 5, 226;
an urgrund (
s. d.)
reichend oder damit verbunden, wie unding
und urding
sich nahetreten (
vgl. ingrund Staub-Tobler 2, 774, 1
u. oben sp. 5, 1, 2): diesen flüchtigen geist hält ... K. ... für den u. der natürlichen würckungen Butschky
rosenthal 819; meinen innern leib aber und geist ... in dich als sein eintziges ewiges wahres centrum und u. der ruhe einzusencken Philaleta
theos. wundersaal (1709) 169; dasz ich sie (
die dreieinigkeit) in ihrem urgrunde und ungrunde aufsuche Zinzendorf
gemeine reden (1740) 73; es musz vor allem grund und vor allem existierenden, also überhaupt vor aller dualität ein wesen seyn; wie können wir es anders nennen als den urgrund oder den u. Schelling I 7, 406; den u. oder die indifferenz
ebda 407; das schlechthin betrachtete absolute, der u. 408
u. o.; noch ein ganz besonderes glück wollte, dasz die philosophie des absoluten gerade ihren urgrund, ungrund, abgrund aufthat J. Paul 49/51, 433; den anfang dieser entwicklung bildet also der grund in gott, der urgrund, u. oder abgrund, wie er auch von Schelling genannt wird Windelband
gesch. d. n. phil. 2
4, 361; Schopenhauer 1, 358. IIIIII.
zusammensetzungen, meist nach II 6: ungrundsabgrund und abgrundsungrund Q. Kuhlmann
göttl. offenbahrung 25; alle ungrunds- und abgrundsgeheimnüsse
ebda; ungrundsgeister
ebda; ungrundskeim Zinzendorf
gemeinereden (1741) 354; J. G. Schütz 1, 316; der gottheit ungrundsee Gottfr. Arnold
lied: o der alles hätt' verloren.
vgl. ungrundheit.
mit grundtief
sich kreuzend: seiner ungrundtiefen, ausgebreiteten gelehrsamkeit Lose
schattenrisse 1, 149. IVIV.
das von Sanders 1, 635
b und von Götze
glossar 124
b als adj. angeführte ungrund, ungrünt (auch ist es u. und nicht war, das J. Jonas
bei Luther 6, 387
b Jena)
kann auch kurzform für ungegründet (
sp. 682)
sein oder ohne grund
verstanden werden. vgl. ags. ungrund,
adj.; an. úgrunnr. —