weissagen,
vb. ,
durch umdeutung von ahd. wîzagôn (
zu wîzago)
zu wîssagen
entstanden (
s. unter weissage,
m.);
ahd. wîzagôn, wîzigôn, wîzzigôn,
ags. wīt(e)gian,
afries. wītgia;
mit umdeutung wissagenter
ahd. gl. 1, 351, 35 (12.
und 13.
jh.),
mhd. wîssagen, wîsagen; Herb. v. Fritzlar
hat noch wizigen
liet v. Troye 1694.
das part. perf. lautet in älterer zeit geweissagt,
vgl. gewizegot Graff 1, 1126, gewîssaget, gewîsaget
mhd. wb. 3, 785
a; daneben tritt im frühnhd. auch weisgesagt,
das bis ins 17.
jh. hinein im gebrauch ist; Luther
kennt beide formen. weissagen
bedeutet meist '
etwas zukünftiges vorherverkünden',
gelegentlich auch '
etwas unbekanntes, verborgenes, das bereits geschehen ist oder augenblicklich geschieht, bekannt machen.' —
syntaktischer gebrauch entweder absolut jemand weissagt,
trans. (jemandem) etwas weissagen (von jemandem
oder etwas)
oder mit abhängigem satz weissagen, dasz, wie ...;
vereinzelt ist eine fügung wie: er hat auf das liebe mädchen geweissagt Göthe 23, 201
W. —
im ahd. für lat. auguriari, vaticinari, prophetare, divinare; vgl. prophetizare wissagen, geist- und heimliche ding verkündigen (15.
jh.) Diefenbach
gl. 466
c;
ominari weissagen (
v. j. 1495) 396
a;
prenosticari wyssagen, weissagen, künftige ding verkünden, waersagen, wittigen, zaubern 455
b;
presagire weissagen, vor-, warsagen, fursichtiglichen und weislich reden, zaubern 456
b. 11)
im bereich übernatürlich-religiöser oder magisch-geheimnisvoller vorgänge '
prophezeien'
auf grund von eingebung, erleuchtung oder ausdeutung gewisser zeichen und erscheinungen. 1@aa) '
vorher verkünden auf grund göttlicher erleuchtung und eingebung',
durch den biblischen begriff des '
propheten'
und des '
prophezeiens'
bestimmt (=
lat. prophetare, griech. προφητεύειν)
; in diesem sinne deutlich unterschieden von voraus-, vorhersagen
und wahrsagen;
vgl. dazu die teil 13,
sp. 973
unter wahrsagen 3 d
abgedruckten begriffsbestimmungen von weissagen, vorher-
u. wahrsagen
bei Kant (1, 280
u. 10, 196
Hartenst.)
und Jean Paul (
herbst-blumine 3, 198).
das bibl. weissagen
enthält zwei verschiedene begriffsinhalte; '
vorhersagen'
und '
durch verkündigung des willens und der absicht gottes die gemeinde belehren, erbauen',
vgl. bes. 1. Kor. 14, 1
ff., ferner 1. Kor. 13, 9;
1. Thess. 5, 20 (
s. auch die Luther
-belege unter weissager 1,
wo die bedeutung '
lehren, predigen'
deutlicher ausgeprägt ist und auch auf die gegenwart angewendet wird). Luther
übersetzt jedes προφητεύειν mit weissagen,
doch ist es als '
lehren'
nicht ins allgemeine sprachbewusztsein gedrungen. die seltenen fälle, wo weissagen '
weise reden'
bedeutet (
s. unten 4),
hängen nicht mit diesem biblischen gebrauch zusammen, sondern sind ein unmittelbares zurückgreifen auf die heutige form des wortes weissagen = weise sagen, reden: inti Zacharias sîn fater ward gifullit heilages geistes inti wizagota sus quedanti (
et prophetavit dicens)
Tatian 4, 14
Sievers; er (
gott) liez in (
Joseph) gesprechen eine maget (daz was dâ vor gewîssaget) diu des wert wære, daz si den gotes sun gebære
die hochzeit 883
bei Waag
kl. dt. ged. 116; also unser herro Jesus Christus an dem cruce sprah: consummatum est, do iz allez geleistet unde ervollet was, daz gewihsaget unde vone ime gescriben was
Windberger psalm. 572
Graff; ain gewissageter sun (
Jesus) schweizer Wernher
Marienleben 2831
Päpke-Hübner; manige sprechent zu mir an dem tag: herr herr weysagten wir nit in deim namen?
erste dt. bibel 1, 27
Kurr. (
Matth. 7, 22); allhie thut der prophet (
David) weissagen, wie Christus, des menschen son, werd tragen schmach und elend Hans Sachs 18, 49
K.-G.; und die beiden mütter (
Elisabeth und Maria) im geiste dieser salbung weissageten Jacob Böhme
von Christi testamenten (1682) 33; der prophet, der am eigentlichsten dem stamm Ephraim weissagte, Hoseas Herder 12, 141
S.; könige und priester weissagten von Messias, dem gröszten der könige Schubart
s. ged. (1825) 1, 331; mit göttlichen befehlen und weissagenden sprüchen scherz treibend Schleiermacher
Platon (1804) 6, 18.
da der begriff des weissagens mit dem der wahrheit verbunden ist, erscheinen, wenn dieser sinn nicht erfüllt wird, gelegentlich wendungen wie: falsches (falsch) weissagen, lügen weissagen,
so wie man von falschen
oder lügenpropheten
spricht: und da der bOese geist mit ime selber nút kann zuo komen gegen eime gesitten menschen, da reisset er aber sin gesinde zuo mit bittern schalkhaften worten oder mit bOesen rAeten, mit valschem wissagen in liep oder in leit H. Seuse
dt. schr. 426, 18
Bihlm.; ich höre es wol, (spricht der herr) das diese propheten falsch predigen, und wie sie unter meinem namen lügen weissagen und sprechen: mir hat getreumpt (
nach Jerem. 23, 25; Luther: falsch weissagen) Fischart
s. dicht. 253
Kurz. deutlich in dem sinne '
aus göttlichem auftrag reden, lehren, gottes wort erklären': wie Salomon spricht prov. 15 'divinatio in labiis regis', 'des königs mund weissaget', das ist: alles was die oberkeit ordnet, das ist recht und gott bestetigts Luther 32, 529
W.; denn der mit der zungen redet, der redet nicht den menschen, sondern gotte, denn im höret niemand zu, im geist aber redet er die geheimnis. wer aber weissaget, der redet den menschen zur besserung, und zur ermanung, und zur tröstung. wer mit der zungen redet, der bessert sich selbs, wer aber weissaget, die gemeine
1. Kor. 14, 2—4,
vgl. 13, 9; weissagen heist nicht, ut prophetae olim de futuris rebus, sed die propheten auslegen Luther, 34, 1, 105
W., vgl. weissager 1. 1@bb)
in einem ähnlichen sinne von antiken und anderen sehern und orakeln, die aus übernatürlicher eingebung oder geheimnisvoller einwirkung etwas prophezeien; auch von verkündern orakelhafter und dichterischer prophezeiungen (
vgl. weissage,
m., 1 b; weissagung,
f., 1 b): wir haben dich (
Calchas) dur wîssagen (
der künftigen ereignisse) gefüeret in des landes rinc Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 27 188;
vgl. 23 390; Erithria oder Eriphila was ain sibilla und wyszaget mangerlay Steinhöwel
de claris mulieribus 5
lit. ver.; die sybillae waren alle heydinne, haben doch geweissaget Lehman
flor. polit. (1662) 3, 119; Apollo, der delphische, ... weiszagende, poetische abgott Treuer
Dädalus (1675) 1, 96; so wie Seneca die erfindung der neuen welt in einer poetischen begeisterung geweissaget hat Gottsched
d. neueste (1751) 3, 409; wenn sie den Athenern durch orakel weissagen W. v. Humboldt
ges. schr. (1903) 1, 11; da befand der kaiser, ... dasz der jüngling war von Leopolds weib ... geboren, von dem die stimme geweissagt hatte Grimm
dt. sagen (1891) 2, 101; doch weissagt sie (
Libussa), und was sie weissagt, trifft, nicht mindert ihre kunst des neides gift Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 127;
hierher auch von den göttern, '
eine prophezeiung geben': (
er will) die götter hierüber raths fragn und hören, was sie im weiszsagn Ayrer
dram. 23
K. 1@cc) weissagen
im sinne von wahrsagen, '
zukünftige dinge verkünden'
auf grund von geheimen zeichen und zauberischen künsten, von der tätigkeit der antiken augurn u. s. w.; häufiger mit wahrsagen
bezeichnet, s. teil 13, 971.
vgl. ariolari weyssagen (
v. j. 1495), zaubern, gaugkiln, ver-, vor-, warsagen Diefenbach
gl. 48
a;
augurare weissagen (
v. j. 1495) 60
c;
divinare wizzagen (13., 14.
jh.), zaubern, vor-, warsagen, raten 188
b;
auspicor ein gemerk ab den vöglen nemmen und auff ir schreyen und fliegen acht haben und darausz künfftige ding verston und weyssagen Frisius
dict. (1556) 146
b: alsô tuont noch etelîche, die sendent hin ze wârsagen und hin ze wârsagerinnen. alsô seit man mir von eime, der nimt sich ouch wîssagens an Berthold v. Regensburg
pred. 2, 44, 19
Pf.; als er des (
opfers) lebern hat beschawt, hat er geschriren uberlaut, und weiszgsagt zu den, die da stunden Hans Sachs 16, 377
K.-G.; vgl. 17, 333; die sind loszleger, welche in ungebürlichen wercken gebrauchen des weissagenden loses Nigrinus
von zäuberern (1592) 127; es sind auch noch andere zeichen mehr, dadurch man verborgene ding erkundigen, zukünfftige auszforschen und da von weissagen will J. Prätorius
glückstopf (1669) 50; weissagte mir die zigeunerin nicht den dritten mann, den schönsten mann! Göthe 39, 163
W.; abergläubische leute kamen, denen er gestohlene oder verlorene sachen wieder verschaffen oder geheimnisvolle mittel gegen körperliche übel oder am ende gar weissagen sollte G. Keller
ges. w. (1889) 5, 160; vergebens warnten ihn die augurien, er befahl, die käfige der weissagenden hühner über bord zu werfen Niebuhr
röm. gesch. 3, 713;
oft in der fügung etwas weissagen aus (
älter auch ab, bei): der ab den vögeln weissaget Hulsius
dict. (1618) 2, 48
a; man sol auch bey den zänen von des menschen glück oder unglück zu weissagen etliche zeichen haben mögen Heyden
Plinius (1565) 27; sie weyssagten künfftige ding ... ausz den lossungen, vogelgesang Stumpf
Schweizerchron. (1606) 144
b; (
ich) weisz auch alle natur und eigenschafften deren wurtzen, steiner und kräuter, welche zu verkauffen die Tyrolerinnen zu Wien herumblauffen, aus diesen kan ich weissagen die zukünfftige ding, glück und strick, freud und plag Stranitzky
lust. reyszbeschr. 10
Werner; ich weissagte ihm aus der hand, dasz ihn eine herzogin liebe Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 7, 260. 1@dd)
dinge weissagen
dadurch, dasz sie etwas bedeuten oder ihr verhalten einen bestimmten sinn hat;
man weissagt
aus ihrem verhalten; in neuerer zeit besonders im bereich des volksglaubens: aquae augur cornix ein kräy, die anzeigt, wenns rägnen wil, die einen rägen weyssagt Frisius
dict. (1556) 141
b; es zeugen und weissagen auch davon (
von dem untergang der maulchristen) die stummen prediger an dem himmel als da sind grosze winde, erschreckliche ungewitter, cometen ... B. Ringwaldt
lauter warheit (1598)
vorrede A 2
b; der schreckliche comet, welcher unserm Teutschlande ... so viel plagjahre ... geweissaget S. v. Birken
verm. Donaustrand (1684) 168; das aus der ersten garben gedroschene korn hat keine andere eigenschafft als alles andere und bestehet ... die weissagende art (
in bezug auf den künftigen preis) in nichts anders als in der selbst gemachten einbildung der bauern J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphil. (1709) 2, 182; (
Nikander) nennet dieses kraut heilig, ... (
weil) demselben eine weissagende kraft beigeleget wurde Winckelmann
s. w. (1825) 9, 211; im blutgen kleid erwacht das düstre morgenroth, vollendet meine letzte nacht, und weissagt meinen tod J.
M. Miller
ged. (1783) 271; gelangt es (
das feuerrad) brennend in die flut, so weissagt man daraus gesegnete weinernte
deutsche mythologie4 1, 516; von dem jahre, welches der weissagende vogel (
der kuckuck) den liebenden vergönnt hatte, vollendete sich ein mond nach dem andern G. Freytag
ges. w. (1886) 11, 233.
träume weissagen,
bedeuten etwas: der grundgelehrte mann, ... (
der) bildliche geschichten und weissagende träume gänzlich inne hatte Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 8; der hahn, dem ein schwerer traum unheil geweissagt hatte J. Grimm
Reinhart Fuchs (1834)
vorr. 103;
ähnlich: wir müssen ihnen nach! rief Otto, als erwache er aus einem weissagenden schlummer Fouqué
zauberring (1812) 3, 138; es musz kommen, wovor die blosze furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der menschen gemacht hat, ... geschieht nicht morgen noch, was der frohnweiszblick (
bei den schieferdeckern das vorhersehen eines unglücks) geweissagt hat (
dasz sein bruder abstürzen wird) O. Ludwig
ges. schr. 1, 280
E. Schm. 22)
im bereich natürlicher, psychologischer vorgänge; auf grund von ahnungen, kenntnissen, beobachtungen etwas für wahrscheinlich oder sicher halten. der zusammenhang mit dem prophetischen vorhersagen (
s. unter 1)
besteht darin, dasz auch mit diesem mehr verstandesmäszigen verkünden etwas unbewusztes, auf begnadung und besonderen fähigkeiten beruhendes können verbunden sein kann; so bes. unter a,
weniger unter b.
im ganzen ist dieser bedeutungszweig (
bis auf die gruppe 2 a,
s. dort)
eine neuentwicklung seit frühnhd. zeit. 2@aa)
zustände des unbewuszten seelenlebens '
kündigen an, bringen ahnung von etwas', der muot, das gefühl, gemüt, herz
u. s. w. weissagt;
der zusammenhang mit dem prophetischen vorhersagen (1 a)
ist im empfinden des sprechenden oft noch sehr stark; in einigen fällen geht die bedeutung auch schon zum folgenden hinüber '
vorhersagen auf grund von überlegungen' (2 b): im wîssagte sîn muot als er mir selbem dicke tuot: ich siufte, sô ich vrô bin, mînen künftegen ungewin: sus nâht ime sîn leit Hartmann v. Aue
Iwein 3097; dirre man sî lebende oder tôt, mich anet sêre, daz er sî verborgen eteswâ hie bî: ez wîssaget mir mîn muot Gottfried v. Straszburg
Tristan 9361
B.; warlich mein gemüt weissagt mir (nit weisz ich was) böses Boltz
Terenz (1539) 66
a; herr, dieses weissagt meine brust, die brust, so deine huld beglücket Hagedorn
vers. einiger ged. 17
lit. denkm.; mein herz weissagt das gegentheil A. G. Meiszner
Alcibiades (1781) 4, 365; wie weissagend die furcht mir oft, eine warnerin, sang Herder 27, 261
S.; das bewusztseyn meiner schuld weissagte mir einen ganz andern auftritt, wenn ich dich sehen würde Wieland I 3, 84
akad.; (
Lotte) ging in ihr zimmer, in dem zustande der unaussprechlichsten ungewiszheit. ihr herz weissagte ihr alle schrecknisse Göthe 19, 185
W.; ... o gleich als ich hier eintrat, weissagte mir das bange vorgefühl, dasz über mir die unglückssterne stünden Schiller 12, 271
G.; (
Erinna vor dem spiegel) du, mein geist, heute noch sicher behaust da drinnen, lebendigen sinnen treulich vermählt, wie mit fremdendem ernst, lächelnd halb, ein dämon, nickst du mich an, tod weissagend Mörike
ges. schr. (1905) 1, 102.
das part. präs. tritt häufig als attribut zu ahnung, gemüt, geist, herz
u. s. w.: trügt mich mein weissagender geist, trügt mich ahnende klugheit nicht, so kommt sie (
Nemesis) schon Herder 15, 411
S.; eine süsze, weissagende hoffnung Wieland
Agathon (1766) 2, 82; angstvoll blickte er auf seinen vater, mit düsterer, weissagender ahnung auf die welt Klinger
w. (1809) 4, 44; bei manchem lauten hochzeitsfeste schlich mit weissagendem gemüt ich aus dem kreis entzückter gäste, und sang ein heimlich trauerlied Mörike
ges. schr. (1905) 1, 51; (
ein) blick auf die ... gestalt (
des boten) hatte das weissagende herz gebrochen L. v. François
d. letzte Reckenburgerin (1871) 2, 123. 2@bb)
etwas vorhersagen infolge von vermutungen, überlegungen, schlüssen, die sich auf wirkliche oder (
im falle unberechtigter und falscher vorhersage)
angemaszte kenntnisse und erfahrungen von menschen, dingen und geschichtlichen vorgängen u. s. w. gründen; ein unbewusztes ahnungsvermögen (
s. unter 2 a)
kann um so mehr mitspielen, je mehr dies vorhersagen als eine gabe und begnadung angesehen wird. erst seit dem frühnhd.: ich weissage nicht gern, will auch nicht weissagen, denn was ich weissage, sonderlich das böse, kompt gemeiniglich mehr denn mir lieb ist, dasz ich auch mit st. Michea mir oft wünsche, dasz ich ein lügener und falscher prophet sein muszte Luther 63, 362
Erl. ausg.; das (
die folgen von Münzers auftreten) st alles, gott clag ichs, war worden und alles gerad ergangen, als ich weysgesagt Karlstadt
bei Luther 18, 439
Weim.; (
die mutter zu dem verlornen sohn:) ach gott, wie ellendt vor mir stost vor deinem vatter und vor mir! hab ich nit als geweisagt dir, werds also gon! nun ist geschähen, ach, das ich dich also musz sähen Wickram
w. 5, 240
Bolte; zwar wird es an schreyern nicht fehlen ..., die bei dieser neuerung, wie sie es nennen, sich kläglich geberden und den verfall der griechischen und römischen litteratur weissagen Gerstenberg
recens. 269
lit.-dkm.; vielleicht werden unsere leser aus demjenigen, was damals in dem gemüthe unseres helden vorging, sich viel gutes für seine wiederkehr zur tugend weissagen Wieland
Agathon (1766) 1, 247; von ihrem landaufenthalt habe mir nichts bessers geweissagt. sie werden sehr wohl tun, diesen gedanken aufzugeben Göthe IV 26, 27
W.; ich habe eine weissagende anschauung davon, dasz Woltmann Berlin und Preuszen die ehre erzeigen (
will), der Spittler und Müller des landes zu werden Caroline 1, 228
Waitz; wenn dies (
ein bild) nicht etwa zufällig ein sehr gelungener wurf ist, sondern mit naturbewusztsein gestaltet, so dürfen wir ihm (
dem künstler) eine genugthuende zukunft weissagen Stifter
s. w. 14, 131
S. 2@cc)
mit sachlichem subjekt; gegebenheiten, zustände, das aussehen eines menschen, ereignisse, vorgänge u. s. w. künden an, deuten auf etwas hin (
vgl. den entsprechenden gebrauch, bes. im bereich des volksglaubens, bei 1 d): weil sie (
Luna) durch ihren klaren weiszen schein uns morgen ... ein klares wetter und schönen tag weissaget Ettner v. Eiteritz
med. maulaffe (1719) 158; thau weissagt das gewölk, das duftige J. H. Voss
Luise 1, 450; wie erdbeben von ferne den tod weissagen, so rauschte seine (
des todesengels) stimme Klopstock
Messias (1780) 228; grosz, schön, liebenswürdig! sie ist alles geworden, was ihre jugend uns weissagte Göthe 17, 149
W.; und die physiognomie versteht sie meisterlich. in meiner (
Mephistos) gegenwart wirds ihr, sie weisz nicht wie, mein mäskchen da weissagt verborgnen sinn; sie fühlt, dasz ich ganz sicher ein genie, vielleicht wohl gar der teufel bin 14, 178; und tausend haupt- und nebensachen weissagen eine ganz nah bevorstehende veränderung der reichsstädte Schubart
leben u. gesinn. 2, 33; denn der tag war im regen vergangen und rotgeränderte wolken weissagten dem kommenden morgen auch wieder regen Wilhelm Schäfer
wendekreis neuer anekdoten (1937) 75.
häufig '
auf etwas böses, auf ein unheil deuten',
vor allem von blicken und gebärden gesagt: als sie einander allzu hefftigen ernst erwiesen und die zunehmende verbitterung einen übeln ausgang weissagte, so sprang ... die prinzessin ... aus der gallerie hervor v. Ziegler
asiat. Banise (1689) 232; ein ungeheurer geist! sein blick weissagt verderben! Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 137; ihr seht so blasz und wild, und eure blicke weissagen unglück
Shakespeare 1, 151; des richters ... drohende geberde weissagte einen strengen bescheid Musäus
volksmärchen 1, 23
Hempel; denn böses weissagt mir der blick des Sorben und die freude seines gesindes G. Freytag
ges. w. (1886) 8, 282;
nahezu formelhaft etwas weissagt nichts gutes: der spöttische, beinahe höhnische ausdruck in den mienen dieses mannes weissagte ihm nichts gutes W. Hauff
s. w. (1890) 1, 341. 2@dd) '
vorherverkünden, ankündigen'
auf grund von wissenschaftlichen beobachtungen und errechnungen, im wesentlichen ein verstandesmäsziger vorgang; geläufig seit dem 18.
jh.: dieser schwanzstern, ... den verschiedene sterngelehrte auf dieses jahr geweiszaget haben Gottsched
d. neueste (1751) 7, 825; (
die astronomie) weissaget finsternisse und theilt das jahr in zeiten Dusch
verm. w. (1754) 49; heitere luft weissag ich gewisz, da das wetter sich abkühlt, für die geschäfte des feldes J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 97; (
das unglück, dasz) die ärzte der mutter beinahe den tod verkündigten und ihn bei einem folgenden (
kinde) als ganz unvermeidlich weissagten Göthe 23, 229
W.; man weissagt mir die völlige befreiung von meinem übel, zu der in der regel drei Karlsbader besuche gehören A. Stifter
briefw. 5, 28. 2@ee)
vereinzelt auch zu der einfachen bedeutung '
anzeigen, ankündigen'
abgeschwächt: ich weissage dir nächstens eine wichtige veränderung meiner gegenwärtigen lage Schubart
bei D. Fr. Strausz
w. 9, 76; Fabel tat einige weissagende griffe Novalis
schr. 4, 197
Minor; siegprangend zog Philipp August ... in Paris ein, und sandte die flügel des kaiserlichen adlers dem könige Friedrich als ein weissagendes angebinde Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 3, 186;
ähnlich: so dasz uns das, was uns dort (
in einem werk über bleierze) im kupfer geweissagt ist, in natura nächstens zukommen wird Göthe IV 29, 42
W. 33)
unter aufgabe der bedeutung vorher sagen und durch anschlusz an das adj. weise
erhält weissagen
seltener den sinn '
etwas (
weises)
aussagen, künden, darlegen'
; ein zusammenhang dieses spät auftretenden gebrauches mit biblischem weissagen = '
lehren' (
s. oben zu 1 a)
ist unwahrscheinlich: wenn mein sohn so ist, wie eure hochwürdige einfalt mir weissaget, so ist er eben, wie ich ihn haben wil Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 58; er sitzt dann (
in der gesellschaft) und weissagt mit solcher annehmlichkeit, mit solcher leichten art Hermes
Sophiens reise (1778) 6, 272; als ich (
Eckermann) ausgelesen, trat Göthe wieder zu mir heran. 'gelt', sagte er 'da habe ich euch etwas gutes gezeigt? in einigen tagen sollen sie mir darüber weissagen' Göthe
gespr. 4, 302
Biedermann; versäume ja nicht zu der übersendeten tabelle (
zur tonlehre, II 11, 287
W.) schriftlich zu weissagen Göthe IV 41, 193
W. (
an Zelter);
vergleichbar: ich will aus münzen eine geschichte des geschmackes und der künste geben! ... Indianer, Perser, Araber, was kann man aus euren münzen nicht weissagen Herder 3, 422
S.; euch aber, zur gunst und zur liebe geneigt, weissage der dichter vertraulich des gedichts vorzug, wie er selbst es versteht, denn er hält es für hübsch und erbaulich Platen
s. w. 10, 83
Koch-Petzet.