turnen,
vb. ,
leibesübungen treiben; neubildung Fr. L. Jahn
s zu einem vermeintlich altdt. stamme (
*turn in turnen, turner u.
s. w. ist ein deutscher urlaut [1816]
im vorbericht seines werkes '
d. dt. turnkunst',
w. 2, 1 [1885] 13
Euler),
den er in turnier
ritterliches kampfspiel, turner
junger soldat Moscherosch
gesichte 2 (1650) 416
sowie in Notker
s uuieo samfto er fier ros sament turnet (<
lat. tornare) 2, 145
Piper zu finden und wieder zu beleben glaubte, s. die ausführliche darlegung im vorbericht seiner '
turnkunst'
a. a. o. 13
ff. sowie die briefliche mitteilung an Feuerstein: turnen — gymnastische übungen treiben, vom alten torna, turna, kämpfen, streiten; wovon turnei, späterhin turnier (1811)
bei J.
Zeidler d. dt. turnspr. bis 1819 (1942) 43. turnen
bürgerte sich —
von der nationalen bewegung Fr. L. Jahn
getragen —
rasch als umfassende bezeichnung der leibesübungen ein (
nunmehr auch mundartlich bezeugt, s. Siebs
Helgoland 297; Hofmann
niederhess. 243; Müller-Fraureuth
obers. 2, 766; Albrecht
Leipzig 225; Lenz
Handschuhsheim 73;
bad. wb. 1, 613
u. Fischer
schwäb. 2, 503;
darüber hinaus auch im ndl., dän. u. norw. nachweisbar, s. Franck-van Wijk 714
s. v. turnen, Falk-Torp 1300
u. Brynildsen 947
s. v. turne)
und drängte ältere umschreibungen wie in gymnastischen übungen beschäftigen (
s. Zeidler
a. a. o. 44
und 51
f.)
zurück. der begriffsbereich verengte sich allerdings mit aufkommen der modernen sportbewegung, die neue übungsarten und fachwörter üblich werden liesz; turnen
bezeichnet nun im wesentlichen nur noch leibesübungen in der turnhalle und an geräten, wenn auch bestrebungen im gange sind, ihm den umfassenderen begriffsumfang zurückzugeben, s. M. Dietz
d. wortschatz der neueren leibesübungen, diss. Heidelberg 1936, 9; E.
Mehl in:
mutterspr. (1930) 164.
die ursachen dieser entwicklung werden letztlich in der jahrzehntelangen zwangsbeschränkung des turnens
auf saalübungen, d. h. in der zeit der '
turnsperre' (1819-42)
zu suchen sein, s. Mehl
a. a. o. 163;
ders. in: muttersprache (1952) 147; Zeidler
a. a. o. 59. 11) '
leibesübungen nach den regeln der turnkunst
treiben'
; s. auch unter vorturnen
teil 12, 2,
sp. 1801: jeder turner soll nach der ordnung turnen, wie er auf den einzelnen turnstellen ankommt (1816) Fr. L. Jahn
d. dt. turnkunst in: w. 2, 1 (1885) 125
Euler; es soll niemand an einem reck turnen, das er nicht erreichen kann im stand oder hangsprung
ebda 128; (
Felix Mendelssohn) nimmt sich beim turnen, reiten und schwimmen nicht übel aus (6. 6. 1826) Zelter in:
briefw. zw. Göthe u. Zelter 2, 434
Hecker, vgl. ferner die tagebucheintr. Göthe
s vom 17. 5. 1816: staatsrath Hufeland v. B(
erlin) kam. über turnen und academica III 5, 231
W.; heraus aus der kluft! hinein in die luft, muntre turner grosz und klein! ... drauszen musz geturnet seyn (
turnlied beim hinausziehen) Erlach
volksl. 4 (1835) 13; mit den kriegerischen übungen (
in der kantonsschule) war das turnen verwandt, zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden, so dasz ein [!] abend exerziert und den andern gesprungen, geklettert und geschwommen wurde G. Keller
ges. w. (1889) 1, 129; es turnten von den zum (
turn-)feste erschienenen 50 mitgliedern des turnvereins Bukarest ... fünf mann am reck ...; aus dem Moskauer turnverein turnten sieben mann am barren Angerstein in:
monatsschr. f. d. turnwesen 9 (1890) 13
Euler-Eckler; bei dem gewöhnlichen springbrett kommen mitunter verletzungen des fussgelenkes dadurch vor, dass der turnende über die kante des brettes tritt Kregenow-Samel
gerätkde (1905) 73; geturnt wird bei den frauen: schwebebalken, stufenbarren, gymnastik, bodenübung und pferdsprung (31. 3. 52)
dt. sport-echo 6.
jahrg., nr. 27;
perfektiv: kriegsverletzte turnen sich gesund
dt. allg. zeitg. v. 29. 5. 40,
s. 7;
für leibeserziehung als lehrgegenstand, schulfach: das turnen der gesammten volkserziehung anzuschlieszen (1819)
rundschr. d. ministeriums Altenstein a. d. oberpräsidenten bei H. Pröhle
Jahns leben (1855) 304; auch soll er (
Maszmann) am kadettenkorps der Bayerhauptstadt in leibesübungen, (dort amtlich) turnen genannt, unterrichten (6. 5. 1827) Fr. L. Jahn
br. 301
Meyer; Klaus (
Schart, der lehrer) lächelte ... lesen, rechnen, deutsch, naturgeschichte, schreiben, singen und turnen muszte er geben Kluge
Kortüm (1938) 489; wir haben dųrnə '
turnstunde in der schule' (
Freiburg i. Br.)
bad. wb. 1, 613; wir gehen ins dųrnə
zur turnstunde des turnvereins ebda; vereinzelt auch metaphorisch gebraucht: ja, unsre zeit ist eine dirne, die sich als 'mistresz' producirt, ... sie turnt trapez und paukt klavier
mod. dichtercharaktere (1885) 149
Arent-C.-H. 22)
in freierer anwendung. 2@aa)
sich mit turnerischem schwung bewegen, flink und wendig springen oder klettern: ich turnte über die betten Binding
erlebtes leben (1928) 45; nur dann und wann ... turnte ein eichhörnchen die bäume lustig auf und ab A. Schebest
aus dem leben (1857) 116; ich lausche den meisen, die über mir wispernd in den baumkronen turnen Siedel
wildtiere unter menschen (1951) 14.
häufig in unfester komposition mit adv. partikeln, hinauf-, (he)rum-, herunter-, umherturnen: und wäre ich oben hinauf geturnt, da würde mir thürmelig vor den augen und ich fiele wie ein faulthier herunter, wenn es satt ist A. v. Arnim
s. w. 10 (1841) 288; sie (
Mete) turnt viel umher und ist in diesem augenblick auf dem wege nach Rostock (17. 2. 1888) Fontane
familienbriefe 2, 161
Fontane; unter allerlei fährnissen turnten wir in der mondbeleuchtung das ächzende fallreep hinauf P. H. Dombrück
tropenflimmer in: tägl. rundsch. (1906) 405; dann hielt der zug, pfeifend und schnaubend, und Georg turnte mit dem schweren koffer herunter auf den bahnsteig
qu. v. 1936; grad droben am Golm herumturnen musz man Fr. Wolf
zwei a. d. grenze (1950) 5; nicht gleich wieder wie ein wilder rumturnen! O.
M. Graf
unruhe um einen friedfertigen (1948) 342;
auch auf geistige bewegung bezogen: Menzel war der erste, ðer in die alten ideenkreise zurückturnte Heine
üb. Börne (1840) 270. 2@bb)
vereinzelt im sinne von '
trainieren, üben': ich setze mich ans fenster, ... turne mit der lunge Fontane
ges. w. (1920) II 4, 272.