zwiesel,
f. und m., west- und nordgerm. wort; in spätahd. glossen bezeugt, s. u. 1,
vgl. Graff 5, 730,
ags. twisla '
arm eines flusses',
anord. (
ablaut oder kreuzung mit twī-) kvīsl '
gespaltener zweig oder werkzeug, arm eines flusses',
mhd. zwisel,
nnord. kvisl (
s. Torp
etym. ordbok 351).
bildung mit l-
formans vom stamm germ. *twis '
zweimal'
oder twis '
entzwei, auseinander',
vgl. Brugmann
grundrisz 2, 2 (1909) 64, Walde-Pokorny 1, 820;
s. auch die adjektive ahd. zuisillochti (8.
jh.)
bifurcus (
s. unter zwieselig),
mhd. zwiselisch Lexer 3, 1220
f. sowie zwiesel,
adj., zwieselig, zwieselt
u. oben zweig,
sp. 1036.
ins slaw. als lehnwort aufgenommen: tschech. svisel,
sorb. swisle, cvisle, čwisle
giebel, sloven. svisla
strohboden, scheune; vgl. Bielfeldt
dtsche lehnwörter im obersorb. (1934) 120.
in obd. und md. mundarten überall reich belegt, im nd. neben verwandtem, von germ. *twi-z-la
herzuleitendem twelle, tweel (
s. unten 2zwille)
nur gelegentlich bezeugt: twissel, twiesel Mensing 5, 221; zwissel Mi
Mecklenburg 110
b; twissel Woeste
westfäl. 278
b;
im compositum twisselband Doornkaat-Koolman 3, 457
a.
mit anderen ablautsstufen: zwassel Jecht
Mansfeld 129
a; dswāsl
[] Gerbet
Vogtland 199; zwasel Frischbier
pr. wb. 2, 501; zwusel (
a. d. bair. walde)
bei v. Klein
prov.-wb. (1792) 2, 22; Train
waidmanns pract. 183
Thüngen; Fischer
schwäb. 6, 1471;
auch zwössel Keller (
thüring., s. u. 2); Kleemann
nordthüring. id. 26
c.
mit verbreiterung des -s-
zu -sch-,
s. dazu Primus Lessiak
dtsch. konsonantismus 265: zwischl (17.
jh.)
österr. weist. 1, 78; (18.
jh.) 7, 314; zwischel, zwuschel Unger-Khull
steir. 661; zwuschl Castelli
österr. ma. 275; zwischele, zwieschele, zwyschele Stalder
schweiz. id. 2, 487; zwaschel (
Halle/Saale) Albrecht
Leipzig 243
b;
eine grundform *zwiskla,
die L. Wolff
dreikonsonanz in den germ. sprachen (1921) 182
für zwiesel
auf grund der verbreiterungen annimmt, ist unwahrscheinlich. im schweizer. auch mit anderem konsonantischem ausgang: zwiser, zwieser Stalder
schweiz. id. 2, 487; tswisər Clausz
Uri 131.
zunächst fem., seit spätmhd. zeit auch masc., so bei Oswald v. Wolkenstein 101
Schatz. im nhd. stehen, wie in den mundarten, masc. und fem. einigermaszen gleichberechtigt nebeneinander. zwiesel
bezeichnet die stelle, an der sich etwas gabelt, und ein gabelförmiges ding selbst. 11)
zufrühest mehrfach als glossierung von furca in der aufzählung handwerklicher geräte, mag es sich dabei um eine als arbeitsgerät verwendete astgabel (
s. 2)
selbst oder um ein nach ihrem vorbild angefertigtes zweizinkiges instrument handeln, vgl. M. Heyne
d. dtsche nahrungswesen (1901) 137
f.: furca zvisela, zvisel (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 169, 41
St.-S.; furca hakko
vel zinssella (
lies zuissella) (12.
jh.)
ebda 334, 43;
furgca haggo
vel zuisilla (12.
jh.)
ebda 300, 5;
ähnlich 236, 20-23;
vgl. dazu: Tristan spranc enwec zehant: eine zwisele hiu er an die hant, daz die dâ furke nennent, die die furkîe erkennent. doch ist niht sunders an den zwein: furk unde zwisele deist al ein Gottfried v. Straszburg
Tristan 2938
B. 22) '
ast-, zweiggabelung', '
gegabelter stamm, ast oder zweig': mîn wünschelruote sunder zwisel Frauenlob
Marienleich 9, 17
Pfannmüller; das ein ast mit eim pawren brach, derhalb er gar hoch fiel hernach, mit dem kopff in einr zwiesel bhieng Hans Sachs 9, 377
K.-G.; nim ... zwey blättlin lungenkraut, das auff den eichin in den zwiseln wächszt O. Gäbelkover
artzneybuch (1595) 2, 124; werden zu diesem ende (
um hohe bäume mit weitausgebreiteten ästen zu stützen) von den zimmerleuten klammern und scheere von guten eychen ... mit langen keilen in die zwisel der äste eingelegt v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 441; ihre nester machen sie ... auf grosze eichen und hohe tannen, an zwiesseln, auf starcke äste H. v. Fleming
t. jäger (1719) 143; (
der bussard) errichtet ... möglichst nahe am stamme, entweder in zwieseln oder in passenden astgabeln (
den bau) Brehm
tierleben 6, 304
P.-L.; ich sasz also in der zwiesel oben ..., als machte ich so oliven los G. Hauptmann
Griselda (1909) 116;
im bild: mein sunder bürdlein hat auch auff dem groszen zwiesel deines creutzes gelegen
V. Herberger
passionszeiger (1611) 342.
die astgabel als wünschelrute, vgl. oben Frauenlob
und unten zwieselchen: ein zwisel von einer haselstaude, damit die gänge auszgegangen werden G. Junghans
gräublein ertz (1680) e
a; dasz der haselstaude jahrwachs oder zwiesel zur wüntzschelruthe am besten dient H. v. Fleming
t. jäger (1719) 42; wünschelruthe, ... zwiesel ... eine gabelförmige ... ruthe Veith
bergwb. (1870) 581.
der baumstamm, der sich über dem boden spaltet und wieder zusammenwächst; solche zwieseln
spielen im volksaberglauben eine grosze rolle: weit verbreitet ist die sitte, sich durch zwieseln durchzuzwängen, um eine sucht loszuwerden
mythol. 2, 976,
vgl. noch zs. d. ver. f. volkskde 2, 81,
zs. f. dtsch. altert. 53, 158
und unten 1zwille
sp. 1196.
in der bedeutung '
wipfel'
wohl vornehmlich bei solchen bäumen, deren stamm sich zum doppelwipfel [] gabelt: denn er sahe einen groszen baum mit dem gipffel oder zwisel gegen seiner thür gekehret Kirchhof
wendunmuth 2, 354
Öst.; dass der gespenstische Riebenzahl ... wie eine ungeheure schlange sich um die bäume gewunden und mit dem kopf oben durch den zwiesel herabgesehen Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 613; gipfel, ipfel, limpf, zahl- oder zöpfende, auch poll und zwiesel, auf diese verschiedene art wird der oberste theil des baumes benennet Heppe
wohlred. jäger (1763) 151
b; zwiesel
der wipfel, das ende eines zopfes Anton
Oberlausitzer wörter (1825) 6, 10.
mundartlich auch für zweigartige gebilde ohne die vorstellung des gegabelten: tswisel
spitzige rute Berger
St. Gallen 36; Vetsch
Appenzell 65; tswisla
zweig Stucki
Jaun 37; tswisər
knorriges, verwachsenes stück holz, bes. von einem wurzelstock Clausz
Uri 131; zbisela
zweig Schmeller
cimbr. wb. 243
b; zwasel
baumast, knüttel Frischbier
pr. wb. 2, 501; zwössel
jeder kleine spröszling an einem baum Keller
Thür. waldgeb. 49. 33)
in mannigfacher anwendung auch sonst von objekten mit mehr oder weniger gabelförmiger gestalt. 3@aa)
die stelle einer fluszgabelung: daselbs rinnen zween päch zu einander, da geet das march disen zwaien pächern nimber nach, sonder geet von der zwisl alsdann gerad auf in das Münzel-egg (16.
jh.)
österr. weist. 5, 620;
vgl. 592; sich ... an die unterste zwiesel der Weichsel zu setzen, wovon der rechte arm nach dem Frischen Haff, der linke nach Godanium zufleuszt Lohenstein
Arminius (1689) 2, 840
a; rinnt der eine bach rechts, der andere links und mitten steht der waldschopf, um den sie raufen ... und kommt heute der Lindenhofbauer und kehrt beim zwisel (bei der abzweigung) das ganze wasser auf die linke seite hinab, so steigt morgen der Donnersbök herauf und thut gerade das verkehrte Rosegger
schr. I 13, 197.
vgl. die häufigen orts- und flurnamen, besonders im Alpen- und Böhmerwaldgebiet, wie Zwiesel, Zwieselbach, Zwieselberg, Zwieselstein
u. ä., s. Buck
flurnamenb. 314; Fischer
schwäb. 6, 1471; Knothe
schles. ma. 556. 3@bb)
die stelle des menschlichen leibes, an der die beine ansetzen; scham, schosz: ain zwisel waideleich, darob ain maser hert (
brustkorb), die tragt zwo piren reich Oswald v. Wolkenstein 101
Schaiz; das si (
die weiber) des groszen dank sagen und uns in iren zwiseln tragen
fastnachtsp. 343
Keller; er (
der bannzaun) soll ainem gleichen (
d. i. mittelgroszen) mann an die zwischl geen (1654-68)
österr. weist. 1, 78; uber diss gibt der menschliche leib ein vollkommenes viereck ab, wenn seine vier striche von dem äussersten ende der finger gezogen werden, dessen mittelpunkt das ende der zwisel ist Lohenstein
Arminius (1689) 2, 224
a.
so in der mundart, vgl. zwisl
unterer teil des leibes Schöpf
tirol. 835; zwisl (
neben zwuschl)
weibliche scham Castelli
österr. ma. 275. 3@cc)
botanisch wie zwilling (
s. d. 4 a)
in der benennung von pflanzen oder pflanzenteilen, die in irgendeiner weise zusammengewachsen, gedoppelt sind, s. auch unten einen teil der zusammensetzungen: zwiesel
doppelbaum, dessen beide stämme aus einer wurzel empor gewachsen sind Schmid
schwäb. wb. 556;
daneben zwusel
einwuchs der wurzeln zweier äste oder stämme ineinander zur gabel (
schwäb.) Fulda
id. 608; Schmid
a. a. o.; Fischer
schwäb. 6, 1471.
für zwillingsbildungen bei früchten: zwiesel
doppelzwetschge u. dgl. Schmid
a. a. o.; von früchten (
äpfeln, zwetschgen, nüssen, beeren),
die zusammengewachsen sind Fischer
a. a. o.; Grassmann
pflanzennamen (1870) 111; zwiesel
verwachsung von zwei haselnüssen Knothe
schles. 556.
als zusammensetzung zwieselbirn, -pflaume, -kirsche
etc. Ludwig
t.-engl. (1716) 2667.
als name für die vogelkirsche, vgl. zwieselbeere: zwiesel
prunus avium Grassmann
pflanzennamen (1870) 111; die süsze kirsche oder zwiesel Oken
naturgesch. 3, 3 (1841) 2052. 3@dd)
als bezeichnung verschiedener objekte meist handwerklicher art, z. t. landschaftlich gebunden, ohne dasz die eigentliche [] vorstellung des gabelförmigen immer erkennbar wäre. so für etwas keilförmiges: die hosen ... springen gemeinglich hinten im creutze, wo der zwiesel eingenehet ist Pickelhering
kleideraffe (1685) 62;
keil zum auseinandertreiben eines pflockes Unger-Khull
steir. 661.
ferner: die zwiesel (
am wagen)
ist dasjenige holz, welches beim hintergestelle zwischen dem feimstocke und der achse liegt Popowitsch
versuch (1780) 601; Campe 5 (1811) 970
a; zwiesel
fork, fourchet (
wagenbau) Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 883; zwiesel
heiszen an einer angelschnur zur sprungfischerey der hüpfer und schleifer zusammen Jacobsson
technol. wb. (1793) 8, 297
a; zwiesel,
auch musel, misel,
heiszen die zum schintelmachen bestimmte und dazu bereitete holzscheiter Westenrieder (1816) 695; zwisele ...
äuszerste faserung des zwiks an der geisel Hunziker
Aargau 315; zwiesel
am ungarischen sattel (
für den vorderen und hinteren hohen ausläufer des sattels) Hoyer-Kreuter
a. a. o. 1, 609
a; brauchbare zwiesel zu ungarischen sattelbögen (1819)
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 1183.