gnagen,
vb. ,
nagen; s. auch genagen,
knagen,
nagen.
verbreitung, herkunft und form. bis ins 16.
jh. allgemein bezeugt, danach schriftsprachlich von dem seit dem 11./12.
jh. daneben hergehenden nagen (
s. teil 7, 270)
abgelöst. mundartlich noch allgemein im nd., teilweise neben gelegentlichem knagen (
s. u.)
und nagen (Doornkaat-Koolman
ostfries. 2, 636),
mfrk., nl. in der form knagen (
s. u.),
in der Schweiz neben nur vereinzelten ableitungen ohne anlautendes g Staub-Tobler 4, 695 -697,
gelegentlich auch südschwäb. neben gewöhnlichem nagen
Fischer 3, 353
und 4, 1932
und bair. neben gnägen, gnangen
und nagen Schmeller-Fr. 1, 979; 1731.
der jüngste beleg für- md. gnagen
findet sich in gnagenranft Brodtkorb
teutsche warh. (1700) 410.
dazu die auszerdeutschen formen ags. gnagan,
engl. gnaw,
an., schwed., norw. gnaga,
dän. gnave '
nagen',
avest. aiwi
γnixta- '
angenagt, angefressen',
lett. gńẽga '
einer, der mit langen zähnen iszt'.
zugrunde liegt die gutturalerweiterung ghnēgh-
der idg. wurzel ghen- '
zernagen, zerreiben, kratzen',
s. Walde-Pokorny 1, 584.
seit dem 9.
jh. begegnet zwischen g
und n
häufig anaptyktischer vokal: alem. pikinuac,
bair. ginegit, ginaganne, ganaganne,
frk. ganagandi
Schatz ahd. gramm. § 86;
altndfrk. kanagit Wadstein
kl. altsächs. sprachdenkm. 107
a, 27;
mhd., frühnhd. genagen
mhd. wb. 2, 1, 296
b, Lexer 1, 852
u. nachtr. 193,
teil 4, 1, 2, 3344 (
fürs 15./16.
jh.).
die im germ. mit k
anlautende form, bei Walde-Pokorny
a. a. o. von einer
idg. anlautdoublette der obengenannten wurzel hergeleitet, tritt im altndfrk., mnl., nnl., ndrhein., mfrk. ausschlieszlich,
mnd., ostfries. und südwestfäl. neben gnagen
auf: cnagit
erodit (
aus dem 10.
oder anfang 11.
jh., altndfrk.)
bei Wadstein
kl. altsächs. sprachdenkm. 107
a, 12; (
corvus)
in cadaveribus oculum petit kanagit
ebda 27;
mnl. cnagen Verwijs-Verdam 3, 1608;
nnl. knagen van Dale (1914) 1, 939; knagen (knajen, knaen)
rhein. wb. 4, 842; Follmann
lothr. 296
b;
luxemb. wb. 231
b; Gangler
luxemb. umgangsspr. 243; Kisch
vergl. wb. d. siebenbürg. u. fränk. ma. 131
b;
s. ferner teil 5, 1333;
fürs mnd. vgl. teil 5, 1333, Schiller-Lübben 2, 125
und Veghe 177, 23
Jostes; fürs ostfries. s. Doornkaat-Koolman 1, 645
a;
fürs südwestfäl. (
Gelsenkirchen)
s. Woeste-Nörrenberg 133
a;
ferner vereinzelt im norw. als knage
neben gnaga A. Torp
nynorsk etym. ordb. 170
b.
engl. knaw,
gelegentlich im 15.
jh., allgemeiner im 16./17.
jh. belegt, gehört nach Murray 4, 2, 246
a wohl nicht in den vorliegenden zusammenhang. auszer fürs mnd., ostfries., ndrhein. und mfrk. ist altes knagen
fürs deutsche nicht mit sicherheit nachweisbar; bei dem teil 5, 1333
angeführten pichnegit
conrodet Graff 2, 1014 (=
ahd. gll. 1, 274, 50,
neben pignegit)
kann ebenso wie bei pikinuac
conrodit ahd. gll. 1, 337, 15 ch
bzw. k
germ. g
vertreten, s. Schatz
ahd. gramm. § 230
f.; alem., bes. schweizer. knage
n ist nur aus dem unten angeführten g
enage
n zu erklären; altes k
müszte als ch
auftreten, vgl. Jutz
alem. ma. 218
f. ein neben gnagen
bei Schmeller-Fr.
bair. 1, 1350
angeführtes knagen
ist unsicher. angesichts des wiederholt zu beobachtenden wechsels von anlautendem gn-, kn-
und n-
bei lautmalenden wörtern, z. b. bei gnarren
sp. 623
u. a. (
s. teil 5, 1333
s. v. knagen
und wb. d. nl. taal 5, 172
s. v. gnap)
entsteht die frage, ob heutiges nagen,
zufrühest in einer altnd. hs. des 11./12
jh. (umbenagu
obedo ahd. gll. 4, 206, 40
St.-S.)
und in hd. hss. des 12.
jh. belegt, sowie an. und modern norw.-isl. naga (
dän. nage
ist nach Torp
aus dem nd. entlehnt)
ebenso wie knagen
nur eine anlautvariation von gnagen
darstellen. sie läszt sich nicht mit gewiszheit beantworten. das für die ältere zeit bei Fritzner 2, 782
a und Cleasby 445
b nur fürs altisl. bezeugte naga
kann nach Noreen
altisl. gramm. § 290
auf grund des seit 1300
belegbaren schwundes von anlautendem guttural vor n
im isl. und in mnorw. mundarten auf gnaga
zurückgehen. für das deutsche nagen
liesze sich der verlust des anlautenden g
aus den als compositum gi-nagen
umgedeuteten formen mit anaptyktischem vokal ginagan, ganagan, genagen
erklären. auf eine selbständige ältere form mit n-
anlaut weist dagegen eine über das norwegischisländische hinausgreifende gruppe, bei der es sich nach A. Torp
und Kluge-Götze
um intensivbildungen handelt: norw., isl., schwed. mundartl. nagga,
älterdänisch nagge '
nagen, beiszen, reizen, ärgern'
u. ä., dazu norw. nagg '
das nagen, unwille, hasz',
älterdänisch nag(g) '
abnagen, groll'
u. ä., norw.-dän. '
groll' Falk-Torp 1, 753
und A. Torp 448,
engl. nag (
auch nagg, gnag, knag,
wohl aus dem nordischen entlehnt, ursprünglich mundartlich) '
nagen, reizen' Murray 6, 3, 4
b,
mnl. naggen '
reizen' Verwijs-Verdam 4, 2139,
dazu verwandtes seit dem 14.
jh. bezeugtes hd. necken
teil 7, 515, Kluge-Götze 412
b.
nicht fest steht eine von A. Torp 664, Kluge-Götze 409
behauptete vierte anlautvariante sn-
in norw. snaga,
da dessen bedeutung '
wie eine spitze (snag)
hervorstehen, gegen eine spitze stoszen'
zu weit abliegt. —
wenig wahrscheinlich ist auch Ficks (1
4, 96, 501)
verknüpfung von nagan
mit aksl. iz-, pronoziti '
durchbohren'
zu einer wurzel neh-,
s. auch Walde-Pokorny 2, 327.
die starke flexion wurde in allen genannten germ. sprachen im laufe der entwicklung von der schwachen abgelöst, früh im altisl., das nur vereinzelt starke formen verwendet, s. Noreen
altisl. gramm. § 501, 4.
im hd. weist zuerst (
er) genaget (14.
jh.)
bei Staub-Tobler
schweizer. 4, 695
f. (
neben [
sie] grept
im gleichen denkmal)
auf schwache flexion. die starke ist bei gnagen
zufällig nicht jünger bezeugt, von nagen
begegnet sie häufiger noch im 16.
jh., vgl. teil 7, 270,
gelegentlich auch im 17.
jh. das part. praet. genagen,
s. Chr. Gretter
christl. glaub (1605) 1, 228; S. Bürster
schwed. krieg 1630 -47 187
Fr. v. Weech; zernagen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1016;
mundartlich im bair. mitunter noch das part. praet. genagen,
s. Schmeller-Fr. 1, 1731,
und im schwäb. vereinzelt die 2. 3.
sg. ind. praes. nägst, nägt,
s. Fischer 4, 1932
f.; mnd. gnagen (knagen)
flektiert nach Lasch
mnd. gramm. § 430, 1
u. 7
stark und schwach, doch fehlen bisher überzeugende belege für schwache flexion. anderseits finden sich für modern mundartliches nd. gnagen
keine starken formen mehr verzeichnet. mnl. cnagen
hat stets schwaches praeteritum, doch starkes und schwaches part. praet., s. Franck
mnl. gramm. (1910) § 168;
nnl. knagen
ist schwach, s. van Dale 1, 939
b;
das gleiche gilt für modern mundartliches ostfries., ndrhein. und mfrk. knagen,
s. oben. ags. gnagan,
mengl. gnagen
flektieren stark, neuengl. gnaw
besitzt neben dem schwachen part. praet. gnawed
noch das starke gnawn,
s. Murray 4, 2, 246
a.
bedeutung und gebrauch. gnagen
hat seit seinem frühesten auftreten die eindeutige bedeutung des heute üblichen nagen
und stimmt auch in der weiteren verwendung mit ihm überein. im ahd. begegnet es nur in glossen, oft mit dem präfix bi-, pi-,
gewöhnlich für lat. rodere, corrodere: conrodet pignegit, pichnegit (9.
jh.)
ahd. gll. 1, 274, 50
St.-S.; rodo gnagu (
hs. 10.
jh.) 2, 376, 69;
edax ganagandi (
hs. 9.
jh.) 2, 45, 22;
vgl. auch die jüngere lexikographische bezeugung: rodere gnagen, knagen (
nd. voc. lat.-germ. 1420)
bei Diefenbach
gl. 499
c;
arrodere gnagen Frisius
dict. (1556) 121
b; gnagen
rodere Hulsius
dict. teutsch-ital. (1618) 140
a;
ebenso Aler
dict. (1727) 1, 963
b. II.
der intransitive und absolute gebrauch. I@11)
eigentlich: sô lange grûb der (
der hund) unde gnûc, unz er im den lîb durchbeiz Nicolaus v. Jeroschin
kronike von Pruzinlant 18475
Strehlke; (
das eichhornweibchen) loset, wenn er obnen genaget, daz si unden ouch genage (14.
jh.)
bei Staub-Tobler
schweiz. 4, 696; in einer hölzinen wand gnagend etwan die holzwürm Ludw. Lavater (1569)
ebda; im vergleiche: ehedem war ... der kanton Bern gerade wie ein lebkuchen, um den apartige leute saszen und daran gnagten und sich erlabten Jer. Gotthelf
ges. schr. (1855) 1, 285;
vgl.nagen I 1. I@22)
der redensartlichen wendung am hungertuche nagen (
unter nagen I 2 a)
entspricht: wenn den affen verdreuszt des lausens ... und das der hundt ist treg zum jagen, so müssens offt am hunger gnagen B. Waldis
Esopus 2, 107
v. 74
Kurz. I@33)
uneigentlich. I@3@aa)
von zerstörenden, ätzenden wirkungen irgendeiner substanz: dieweil er (
der brunnen) aber eine gnagende und beiszende krafft bei sich hat, mag es doch zum theil dem gederme im leibe nicht viel nutz bringen
bericht von den brunnen in der graffschafft Spiegelberg (1556) a 2
b;
vgl.nagen I 2 c. I@3@bb)
von körperlichen schmerzen beiszender, juckender und ähnlicher art: dieweyl es (
das ei) nit beiszt, milteret es senfftigklich und heilet ... alle reuche desz magens, ... der eyngeweiden und blasen ... also law genützt ist guot dem gnagen der blasen Heuszlin
Gesners vogelbuch (1557) 97
b; am stuolgang des gnagens befinden (1563)
bei Staub-Tobler 4, 696;
vgl. unter nagen I 2
d. I@3@cc)
von beunruhigenden oder erregenden empfindungen, insbes. vom gewissen: gnagen desz gewissens
il mordere, il rosicar della conscienza Hulsius
dict. teutsch-ital. (1618) 140
a;
vgl. conscientia sceleris das gnagen Frisius
dict. (1556) 303
a; daz ist mîn gewizzenheit, die mir an daz herze gneit Eberhardt v. Erfurt
Heinr. u. Kunigunde 3108
Bechstein; vgl. auch nagen des gewissens, nagender wurm des gewissens
teil 7, 271
unter nagen I 2 f
β und 2 b; genagen ... des gewissens
teil 4, 1, 2, 3344;
iras in pectore volvere in im selbs träffenlich gnagen oder entrüst und erzürnt seyn Frisius
dict. (1556) 1405
a; dat heimliche gnagen un bohren von den grull, den en swack minsch up einen annern smitt Fr. Reuter
w. 2, 268
Seelmann; vgl. nagen I 2 f
β. IIII.
der transitive gebrauch. II@11)
eigentlich. II@1@aa)
von tieren, wie nagen II 1 a: zwên hunde striten umbe ein bein, dô stuont der bœser unde grein ... der ander der truog ez von dem tische hin zer tür: er stuont ze sîner angesiht und gnuogez
minnesangs frühling 28, 12; (
von den babylonischen götterbildern) sagin sy (
ihre priester), daz di slangen leckin uz ire herze ..., und wen si se gnagin und ihre cleider (
dum comedunt eos et vestimentum eorum Baruch 6, 19), das vulin sy nicht Claus Cranc
prophetenübers. 177
Ziesemer; ... den wurmen mus behagen der arme lichnam, den se gnagen
Königsberger handschriftenfragm. d. 14. jh. in: zs. f. dtsches altert. 13, 547; (
es) musz der leichnam füllen ein ander hausz, das schwartze grab, da gnagen ihn die schlangen ab ihr hungersnoht zu stillen Joh. Rist
neuer himl. lieder sonderb. buch (1651) 220. II@1@bb)
von menschen, wie nagen II 1 b: de brade was vorsneden all up de knaken (
knochen) blot, desulve musten se gnagen (
Lüneburg, anfang 16. jh.)
städtechron. 36, 461, 25; nǖt z' bīsse
n und z' g
enage
n ha
n Staub-Tobler 4, 695,
vgl. Wander sprichw. 3, 865
und teil 7, 271
unter nagen I 1. II@22)
uneigentlich. s. auch oben benagen
und genagen: also gnagt mich der böse wurm (
die blindheit), als läg ich in eim vinstern turm
Berner flieg. blatt v. j. 1564
bei Uhland
volksl. (1844) 2, 900; den gnage die gwüssne, welcher die oberkait veracht (1561)
bei Staub-Tobler 4, 696.
mit persönlichem subjekt und persönlichem objekt wie nagen II 2 a: sus wolde got uf si zurnen, die mit valschen listen den heiligen baptisten (
Johannes den täufer) uf der erden wolden gnagen
passional 363, 15
Hahn; swer mit worten minnet, ... die lute hinderwart begnagen, deme sal man hie sin stat versagen
passional 430, 27
Köpke; er wölle sinen hinderredern antwurten, so in mit hundszenden gnagend Salat (1537)
bei Staub-Tobler 4, 696. IIIIII.
reflexiv wie nagen III 1:
angere sese animi sich selbs bekümmern, gnagen und frässen Frisius
dict. (1556) 91
a.