spreu,
f. acus palea. 11)
form und geschichte des wortes. 1@aa)
ursprünglich ist spreu
auf Ober- und Mitteldeutschland beschränkt (
das niederdeutsche braucht an seiner stelle kaff,
n., s. theil 5, 20): sprew,
palea Dief. 406
a; sprew ader feyl,
quisquilia. 480
c; sprew, kaff,
palea. Henisch 786, 3; sprew, kornhülse, stroh,
paglia. Hulsius (1618) 236
a (
daneben sprewer,
s. unten); sprew, kafft
vocant Saxones, palea. Corvinus 10
a; sprew,
palea Schottel 1419; spreu,
palea, acus. Stieler 226.
ahd. mhd. spriu
neutralen geschlechts: thiu spriu bibrennit in fuire unarleskentemo (
paleas autem comburet igni inextinguibili).
Tatian 13, 24
Sievers; si wegen iuwer boteschaft lîht unde ringe alsam ein spriu.
troj. krieg 18257.
die vorherrschende verwendung des wortes in collectivem sinne veranlaszte die umdeutung des plurals mit neutralem geschlecht in einen singular femininen geschlechts, das im nhd. dann das allein herrschende bleibt (
vgl. entsprechende übergangserscheinungen bei ähre. J. Grimm
gramm. 3, 563, beere,
f., s. theil 1, 1243),
und zuerst in der form mhd. spriuwe,
md. sprûwe,
nhd. spreuwe
hervortritt: sprewe, spruwe,
acus. Dief. 11
b; das sie heissen der gottlosen raht, der sünder weg, der spötter sitz, und gott nichts von jhnen wissen will, auch eitel sprewe sind, die der wind verwebt. Luther 8, 309
b; vro und resche mit untreuwe und vorn weiʒ und hinden spreuwe.
renner 18115.
die collective bedeutung hat nur wenige ausnahmen neben sich. so bezeichnet spreu
selten die einzelne getreidehülse: wer nicht in der liebe bleibt, der bleibt in gott nicht, noch gott in jm, sondert und schelet sich selbs aus als ein unnütze untüchtige hülsen oder sprew. Luther 6, 49
b;
auch in neuerer sprache: wenn eben ihr vielleicht denket, dasz ich am ersten zur männlichen thätigkeit aufgefordert werde, nur eine spreu im hauche des windes getragen über die wüste. Chamisso 5, 105
deshalb auch nur selten im plural (
wenn auch die gleichheit der form sichere beobachtung unmöglich macht): schmelzen die spreu im spreuersack oder ist meinem kameraden etwas passiert? Hebel 3, 8; als sie aber halbsteif nach hause gekommen waren und die spreu aus dem sacke ausleeren wollten, da schosz etwas ganz anders als spreu heraus.
ebenda. als vereinzelnder plural wurde ahd. spriuwir, spruwir, spruir Graff 6, 369,
mhd. spriuwer, spriur,
nhd. spreuer
verwendet, eine form, die in Oberdeutschland noch heute geltung hat: Hans Joggi solle in die mühle und fragen, wann man spreuer haben könne; er wollte lieber nicht allemal auf Bern fahren, und der müller gäbe seine eigenen spreuer ihm selber und nicht andern leuten. Gotthelf
Uli der knecht 15; wirke nie mit trugschlüssen und kleinlichen spitzfindigkeiten, mit denen man nur die spreuer bewegt; den kern des volkes rührst du nur mit der vollen wucht der wahrheit um. Keller 6, 320. Adelung
belegt diesen plural für Meiszen und Oberdeutschland, will ihn aber in der schriftsprache nicht gelten lassen. bei Norddeutschen findet er sich selten: nun wohl zur erhaltung war es mir, als ich an der brustwehr lag, auf spreuern hingestreckt. Voss
Aristophanes 1 (1821), 8.
das bedürfnis dieser vereinzelung war aber so grosz, dasz spreuer
auch als singular aufgefaszt wurde und als solcher vielleicht nach analogie von hafer,
m. (
hafer mit spreu oder häcksel vermischt gewöhnliches pferdefutter, vgl. auch die entsprechende geschlechtsangleichung bei häcksel
theil 4, 2, 108)
masculines geschlecht annahm: spruwer,
palea Dief. 406
a; spreiwer,
acus 11
b; spreyor,
palea 406
a; sprewer,
acer, acus, palea. Dasypodius; spreuwer Frisius 623
a bei Weigand
4 2, 779; der spreuwer,
palea, acus, aceris. Maaler 382
a (
daneben 382
c sprüwer oder kleyen,
acus, aceris, mit mhd. vocalstand und wol als plural vom singular unterschieden); sprewer, kornhülse,
paille, paglia. Hulsius (1616) 304
b; der spreuer Kramer
teutsch - ital. wb. (1678) 996
a bei Weigand
4 2, 779; item wa vil usz einem closter angalgen lauffen und apostatieren, da soll man sich vermessen, das es hart beschlossen ist und gereformiert und das der sprüwer von einem kernen laufft. Keisersberg
narrenschiff 65
d; das ist der recht gauch, der oben schwimmet, als der schaum in dem haffen und der spreuwer in der wannen. 119
c; sie (
die mönche) haben uff gericht bruderschafften, patrocinia, sonder hailigen dienst, ... sitzen die somen pferdt, die mest schwyn in klöstern, stifften u.
s. w. und fullen sich vom kern, lassen den andern den sprewer. Eberlin v. Günzburg 1, 179
neudr.; ich vermische mit sprewer,
acero. Dasypodius; leyme der mit sprewer gemischet ist,
aceratum lutum. ebenda; leym oder lätt, der mit sprewer gemischt ist,
paleatum lutum. ebenda; was möchte es dir schaden, so du es (
das verleumden) fürüber lessest fahren und nichts anders weder einen spreuer hieltest? Arndt
Thomas v. Kempis, deutsch (1670) 279;
selten noch mit neutralem geschlecht: ir mestsüw, was bedarf man üwer? vast us! man geb üch nit ein sprüwer! Manuel 46, 376
Bächtold. zweifelhaft: die arbeit ist, by gott, umb sust, das üch eier wannen gelust, so kein sprüwer falt do neben. Murner
narrenbeschw. 226
neudr. plural sprüwern, spreuwern, spreuern: alse sprüwern und strou wider edelme weissen. Tauler
predigten bei Schmidt
els. wb. 335
a; item es leit ein huffen fesser da oder dinckel, darumb etlich sprüwern darvon gond, darumb achtest du nicht den huffen das es sprüwer sei. Keisersberg
narrensch. 65
c; der pawr verwilliget dem verheissen, und nam die sprüwern und stro, bedecket den fuchs mit der gabelen. Steinhöwel
bei Wackernagel
leseb. 1
2, 1060; aber mit den augen und winckung zeigte er an das er under den sprüwern verborgen lag. 1061; ist sach, dasz die meinung sich mit dem evangelio clerlich verglichet, so gib im glauben; ist das nit, so losz fur oren gon als sprüern die im wind fliegen. Schade
sat. u. pasqu. 3, 24, 11; was verglichnus sind die spreuern zuom weizen? spricht der herr. 23, 25. (sprugern,
plur., s. unten); so got das guot vom bösen treibt, spruwern von dem kornne want und die schaff von den geissen bandt. Murner
badenfahrt 12, 20
Martin. dieses masculine geschlecht von spreuer
hat dann auch vereinzelt auf spreu
einflusz gewonnen: das ist denn der zorn und die frucht ihres drewens, sprew ists, den der wind verweht. Luther 5, 51
a; ich las die besten schriften der kunstrichter mit vergnügen und nutze, hatte aber nicht stärke genug, sie zu wannen, und den häufigen spreu von der reinen frucht zu sondern. Schubarts
leben 1, 92; warum tragen wir den leid, ob der mensch gleich musz verderben, ist doch alles fleisch nur heu; gott spricht selber: du must sterben, ja verstieben wie der spreu. Rist
Parnassus 241; gleichwie der leichte sprew verfleugt.
lob und danck abc (
Frankf. 1664) 68.
vgl. schon mhd.: ir sult den spriuw hie scheiden von dem kerne. Heinr. v. Meiszen 132, 8.
wie denn auch andererseits selten spreuer
unter dem einflusz von spreu
als femininum erscheint: spreu, spreuer,
f. pula, paglia, loppa vigliuoli. Kramer
dict. 2 (1702), 888
c,
vgl. auch Weigand
4 2, 779; dann wie in der grille krottestischer geystloser mül zur römischen frucht steht, so will die spreier allzeit oben schweben. Fischart
bienenk. 35
b.
formen mit mundartlicher färbung: sic fecit Judaeis Hierusalem abstulit Jacobum, Petrum, Paulum et alios Christianos. ibi eytel hulsen sprey, ideo stack ers
an. Luther 28, 162, 13
Weim. ausg. spreier,
f., s. kurz vorher den beleg aus Fischart
bienenk. 35
b;
plur. spreier: wann die spreier abgemahlen, soll der müllner ain viertl khorn nehmen.
quelle bei Schm.
2 2, 695.
vgl. auch unten spreien,
plur. als mitteldeutsch ist noch hervorzuheben eine form sprû,
palea. Dief. 406
a; spru, spruw,
quisquilia. 480
c; spru,
acus Dief.-Wülcker 860;
daneben spruwe, spruhe, sprue,
palea. Dief. 406
a, spruwe,
acus 11
b;
wetterauisch noch heute sprau. Weigand
4 2, 779; alsus hete er die spru verlorn und behielt daʒ edele korn.
passional 454, 7
Köpke; plur. spruwer: das körnlein das nit under den pflegel kumpt, das bleibet in den spruwern ligen und fressen es die meusz. Keisersberg
emeis 62
d;
dann auch entsprechend sprau, sprauwer: man gibt den pferden erwärmende speisen: als da in sonderheit sind sprauwer oder häuw mit niter gemischt. Uffenbach
neues roszb. 2, 133.
vgl. schon ahd. den plur. sprûir (
neben spriur). Graff 6, 369: spruuir,
quisquilia, frumenti purgamenta. Steinmeyer-Sievers
ahd. gl. 3, 307, 1; cheva
vel spruir,
siliqua speciès frugis vel leguminis. 308, 40; sprûer,
quisquilia, frumenti purgatio. 342, 65.
vereinzelt ist das w
durch spirantisches velares g
ersetzt: sprugern,
acus, appluda. Dief.-Wülcker 860; sprugern,
acus Dief.
nov. gloss. 7
b;
auch ein allein stehender nd. beleg sprugge (
fürstenthum Lippe). Frommanns
zeitschr. 6, 484.
mit umlaut: 5 D die sprüger und die klien zuo fürende.
quelle von 1424
bei Schmidt
els. wb. 335
a.
vgl. aargauisch spreujer Hunziker 248.
als demin. ist wol aufzufassen: aber das meel ist gar wol gebeutlet worden durch so vill heiliger vetter kommen wie wol das alles nicht geholffen hette wa nicht durch wirckung des heiligen geistes, das also gereinigt und geheiliget wer worden, also das kein sprewel oder by der erbsünd noch Christum den herren noch sein werde muoter bereit hatt. Keisersberg
schiff des heils 10
a; spreuel,
plur. Schm.
2 2, 695.
bemerkenswert ist auch ein seltener plural schwacher flexion spreuen: spreien,
plur. die granen der ähre. Gangler 427; und kumpst dann heim und bringest ir die spreuen und meinst, sie sulle die vreiszen keuen.
fastn. sp. 852, 28
Keller; (
vgl. noch sprewden,
palea Dief.
nov. gloss. 276
b,
in der heutigen mundart Steiermarks spreuden [
neben spreuer]
plur. Unger-Khull 528
b.)
wahrscheinlich gehört hierher: mir wart nie sô wol also mir itzunt ist, wan der weize wirt nicht behalden, her werde sêr ûʒ geslagen ûʒ den sprûwen.
mystiker 1, 85, 14
Pfeiffer, wo jedoch auch die möglichkeit bleibt, die form als dat. zu dem im ahd. belegbaren plur. thiu spriu (
s. oben)
aufzufassen. 1@bb)
etymologisch verwandt ist spreu
mit mhd. spræjen, spræwen, sprêwen.
mhd. wb. 2
2, 521
a '
stieben, stäuben, sprühen',
ndl. sproeien Franck 946;
weiterhin auch mit spratzeln,
verb. (
s. oben),
unten spröde
und sprühen;
vgl. auch das verb. spreuen
unten, wie oben sprau,
mundfäule, strahlenfäule. 22)
in eigentlicher bedeutung. 2@aa)
die bei dem worfeln des getreides abstiebenden hülsen. vgl. Heyne
d. hausaltert. 2, 60.
in feinerer unterscheidung wird bisweilen mit spreu
nur der abfall von spelt
bezeichnet, zum unterschiede von kaff
theil 5, 20
und sied,
dem abfall der übrigen getreide, vgl. Frisch 2, 308
c;
vielleicht gab der besonders reiche hülsenabfall des speltes zu dieser begriffseinengung anlasz. vgl. oben spelt th. 10, 1, 2139
und die etymologie von spelze (
th. 10, 1, 2141);
gewöhnlich aber findet beziehung auf alle getreidearten statt (
vgl. auch oben 1,
a): der sprödigkeit wegen gab die gerste nebst der hirse die feinste und dem staube ähnlichste spreu. Voss
Virgils ländl. ged. 2, 150.
verschiedene arten spreu: weitzenspreu,
triticeae paleae. Steinbach 2, 637. Adelung; rockenspreu
ebenda; gerstenspreu,
s. th. 4, 1, 3740; haferspreu, haberspreu,
s. th. 4, 2, 87; hirsenspreu Adelung; erbsenspreu
ebenda; bohnenspreu,
acus fabaginum. Steinbach 2, 637;
vgl.bonenbalg, bonenhaut, hulsen, sprew,
fabago, purgamentum, tunica fabarum. Henisch 452, 31; hanfspreu Adelung; leinspreu
ebenda; das korn von der spreu reinigen; den weitzen von spreu reinigen, abscheiden,
mondare, separare il formento dalla paglia, spularlo, svigliarlo. Kramer
dict. 2 (1702), 888
c;
auch die spreu absondern,
acus removere. Steinbach 2, 637; die spreu wannen,
statt des häufigeren das korn wannen,
es mit der kornschwinge reinigen (
s. unten wannen,
verb.),
schon ahd.: (
ventilatio), diu diu spriuuuer hinawannot. Notker
ps. 24, 21.
vgl.: hette ich ein wan so wolt ich swingen die spruoen ûs dem koren. Muskatblut 83, 148.
anders der wind verweht die spreu: nachdem durch wind oder worfeln die spreu, nemlich das zermalmte kurze stroh samt den acheln und hülsen, sich gesondert hatte, ward das reine getreide mit körben in die scheuren oder speicher gebracht. Voss
Virgils ländl. ged. 2, 101; wann von dem gedroschenen korne die tenn' aufdröhnt, und dem worfler schon die nichtige spreu im steigenden weste verwehet. 2, 475; doch wie der wind hinträget die spreu durch heilige tennen unter der worfeler schwung, wann die gelbgelockte Demeter sondert die frucht und die spreu im hauch andrängender winde. fern dann häuft das weisze gestöber sich.
Ilias 5, 499. 501. spreu
ist im allgemeinen wertlos: diese spreuer werden vor die mühl hingeschüttet, da sie der wind verstreuet, oder sie werden wann sie zu haufig liegen bleiben angezündet, da sie nach und nach wegglimmen ohne flammen, und wann es gleich regnet, hält sich das feuer doch in den bälglein. Frisch 2, 308
c,
vgl. auch unten das darauf sich gründende biblische bild. als brennstoff verwandt: des erster ist er mit nassen seülern, und nachmals mit einer kettin an disen pfal gstrickt und darnach mit holtz, und nit mit klainem, sonder mit grossem umb seine brust umblegt, und darzwischen spreuwer gworffen. Niclas v. Weyl
bei Wackernagel
leseb. 1, 1049, 11.
als futter der thiere: den pferden spreu und häcksel unter den hafer mengen;
vgl. spreu untermengen,
paleam immiscere. Steinbach 2, 637. die rosz so die erden arbeiten, werden mit spreuer geweidet; die pferd, so müssig gehen, werden mit haber gemest. Schuppius 712.
sonstige verwendung: also spannten sie den rappen an den rennschlitten und legten einen sack voll spreu darauf, um weicher zu sitzen. Hebel 3, 7; wohl schlief ich auf der spreu im stall, nun hab ich ein bett von seiden fein. Geibel
nachlasz 36. neben ihm (
dem maienmann) gingen zwei andere knaben, einen mit spreu und eiern gefüllten korb an den henkeln tragend. Auerbach
dorfgesch. 1, 87; denn häufig waren betrug und falsche würfel: manche würfel hatten zwei fünfen oder sechsen, manche zwei es oder daus, andere waren mit quecksilber und blei gefüllt, mit zerschnittenen haaren, schwamm, spreu und kohlen. Freytag 20, 68. spreu
wird zum spott und hohn einer person auf die hausschwelle gestreut: geant auns eier, wie mer's wella, sust streue mer spreuer auf dia schwelle. wo sie nun keine eier erhielten, vollführten sie ihre drohung und streuten mit jubel und lachen eine handvoll spreu auf die schwelle. Auerbach
dorfgesch. 1, 87.
auch den gefallenen mädchen wird spreu
vor die thür gestreut: spreujer zetteln,
nämlich einer braut in der nacht vor dem hochzeitsfeste, um damit anzuzeigen, sie brauche sie nächstens zu einem wiegensack. Seiler
Basler mundart 275
b (
vgl. unter häckerling
theil 4, 2, 106);
auch der weg zum liebhaber wird mit spreu
kenntlich gemacht. Birlinger
volksthümliches aus Schwaben 2, 95.
vgl. zu dem brauche noch Sohnrey
rosmarin u. häckerling, Berlin 1899.
seltener geschieht es dem abgewiesenen freier: der schultheisz erhielt eine abschlägige antwort. sein antrag war aber im flecken bekannt geworden; die jungen burschen, die dem strengen mann gern einen streich spielten, streuten ihm des nachts spreu von seinem hause bis zu dem hause Melchiors. Auerbach
dorfgesch. 1, 53.
allgemeiner, nur zur kenntlichmachung eines weges: 'wolan', sprach die fraw, 'ich sihe wol, das sie dir nach deinem leben stellen und nicht rhuo haben werden, biss sie dich umbringen. darumb so geh yetz hien und nim sprewer und strew die abermals vor dir hien, wie du mit dem segmel gethon hast, so kanstu wider heim kummen.' Montanus
schwankbücher 261, 29
Bolte; nuon gieng das guot Gretlin mit seinem holtz den sprewern nach, biss er wider heim kam. 262, 5. 2@bb)
seltener allgemein in kleine stücke zerschnittenes stroh: die bauren in den dörfern haben ire häuser, mit stro deckt, müssen abdecken und das stro dem fich schneiden, damit es etwas zuo essen hab. man hat 1 sack spreuer um 3
s. geben.
d. städtechron. 26, 30, 9. 2@cc)
ohne eigentliche erweiterung des begriffes heiszen auch in der sprache der botanik bei einigen zusammengesetzten blüten die auf dem fruchtboden stehenden und die einzelnen blumen scheidenden spreuartigen blättchen: spreu,
palea Nemnich 2, 836. Behlen 5, 661. 33)
in sprichwörtlichen redewendungen. mit beziehung auf seine leichte brennbarkeit (
vgl. oben 2,
a) feuer mit spreu löschen wollen
von einem, der vergebliches, thörichtes sich zum ziele setzt: geleich, als ob man leschen thu ein grosz, gewältig brennent fewer mit holtz, stro, stuppel oder sprewer: so wird das fewer nur gwältiger, stercker, grausamer und vilfältiger. H. Sachs 16, 442, 24
Keller-Götze. gewöhnlich aber mit hervorhebung des unbedeutenden, wertlosen, unnützen im gegensatz zu dem wertvollen korne: spreu für korn verkaufen: horet dis, die jr ... sprecht, wenn wil denn der newmond ein ende haben, das wir getreide verkeuffen, und der sabbath, das wir korn veil haben mügen ... auff das wir die armen umb geld ... unter uns bringen, und sprew fur korn verkeuffen.
Amos 8, 6,
vgl. Gretter
erkl. der epistel Pauli an die Römer (1566) 773; sprewer vor kern verkaufen. Lehmann 105; beweisen jhm (
dem pfarrer) alle untrew, geben fürs meszkorn staub und sprew. Hollonius
somnium vitae hum. 781
neudr. spreu für korn mahlen, vermahlen: dasz man aber solches (
den ausdruck der sprache) für das hauptwerck halten und den sachen selbsten vorziehen wolte, hiese den esel von hinden aufgezäumet, spreuer für korn gemahlen. Rompler
vorrede 3, 3
b.
allgemeiner einem nur die spreu gönnen,
ihn schlecht abspeisen, stiefmütterlich behandeln: ir sond nemen den kernen und gend den pfaffen die spriwer gerne.
des teufels netz 13464
Barack. den kern nicht der spreu wegen fortwerfen: (
er) meint darbey, das von wegen desz schmutzes die alte real nicht hinzuwerffen seyen, noch die kern von wegen der sprewer.
Garg. 8.
vgl.: aber das wolt ich, das wir spreuwer nit lieber hetten dann der edlen keren. Luther 7, 250, 1
Weim. ausg. von einem, der wählerisch im essen ist, mit beziehung auf die verwendung von spreu
als schlechteres viehfutter: er iszt, wie wenn er spreu auf dem teller hätte; obgleich alles so gut war, aszen der bauer und seine tochter doch als ob ihnen das essen zuwider sei; sie gabelten auf dem teller herum, als ob sie spreuer in demselben hätten. Gotthelf 1, 21.
zugleich in die rein bildliche verwendung hinübergehend: Berthar aber rief in den haufen der bleibenden: 'nicht durch einen wurf fällt auf der tenne der spreu aus dem waizen. noch manchen sehe ich, den der wind über den zaun wegblasen mag.' Freytag 8, 201. 44)
im vergleich. zum ausdruck der häufigkeit: zuo Rom hand ir ein besundren gott, dem gebend ir gelt glich wie sprüwer. Manuel 71, 1068
Bächtold; so wölt ich gewinnen was ich wil der pfenning als der spreur. Uhland
volksl.2 563; ich dachte zu finden gold wie spreu und freiheit weit und breit. nun hab ich gefunden nichts als reu? Geibel
nachlasz 26.
zumeist aber, um für einen gegenstand den begriff des unbrauchbaren, unnützlichen, wertlosen zu bestimmen. vgl. oben unter 2,
a und 3: hier griffen ... noch zwei mitarbeiter verschiedner art und befähigung ein und strebten in aller hast ein wörterbuch anzuschwellen, das der gelehrsamkeit entraten konnte, da alle etymologien als unnütze spreu verworfen wurden. J. Grimm
vorrede zum deutschen wörterbuch xxiv; schmuckbild, metall und ein gelehrt papier ist nichts als spreu und leichter staub vor mir. A. Gryphius 1 (1698), 98. geld wie spreu verschwenden: die bürger thet er hefftig stewren verschwendet das gelt gleich den sprewren. H. Sachs 16, 368, 13
Keller-Götze. mit beziehung auf wendungen wie spreu unter das gute korn mischen: so mischte er wahrheit und irrthum, wie spreuer und guten saamen, ihm selbst unkanntlich, durcheinander. Pestalozzi
Lienh. u. Gertrud 1, 168.
im besonderen wird gern der vergleich mit der vor dem wehen des windes verstiebenden spreu angewandt: wie die sprew, die von der tennen verwebd wird, und wie der rauch von der fewrmeur.
Hosea 13, 3.
vgl.: ich habe dich zum scharffen newen dreschwagen gemacht, ... das du solt berge zudreschen und zumalmen, und die hügel wie sprew machen. du solt sie zurstrewen, das sie der wind wegfüre, und der wirbel verwebe.
Jes. 41, 15.
im vergleiche mit geld, gut u. s. w.: da wurden mit einander zumalmet, das eisen, thon, ertz, silber und gold, und wurden wie sprew auff der sommertennen, und der wind verwebt sie, das man sie nirgend mehr finden kundte.
Daniel 2, 35; darausz da musz ich nemen ab, dasz ich ubel gewunnen hab mein gelt, weils ubel hinweck geht ... dann was einer unrecht gewind, das versteübt wie spreuer im wind. Ayrer 2828, 8
Keller; was ein bettler sich träumt, ein kaiser miszbraucht, war wie schlechte, fliegende spreu bei meiner fülle zu achten! Stolberg 2, 68.
auch personen werden ihr verglichen, ein für die unten aufgewiesenen übertragungen und bildlichen verwendungen bedeutungsvoller gebrauch: und die menge, die dich zustrewen, werden so viel sein, als ein dummer staub, und die menge der tyrannen, wie eine webende sprew.
Jes. 29, 5; sie (
die gottlosen) werden sein wie stoppeln fur dem winde, und wie sprew, die der sturmwind wegfüret.
Hiob 21, 18; der ist wie ein baum, gepflantzet an den wasserbechen, der seine frucht bringet zu seiner zeit ... und was er macht, das geret wol. aber so sind die gottlosen nicht, sondern wie sprew, die der wind verstrewet.
ps. 1, 4; sie mussen werden wie sprew fur dem winde, und der engel des herrn stosse sie weg. 35, 5; samlet euch und kompt her, jr feindseliges volck, ehe denn das urteil ausgehe, das jr, wie sprew bey tage, dahinfaret.
Zephanja 2, 1; windträger (
falsche propheten), die ihren bauch mit wind angefüllet, vergeblich in wind reden und mit ihren weissagungen dahinfahren wie spreuer. J. Prätorius
anthropod. plutonic. 1, 227; sie hoffen ohn bestand, ohn grund sie sich erfrewen, dan die wind hin und her wie sprewer sie zuströwen. Weckherlin (1648) 2; die sünde wird mich armes kind hinführen noch gleich wie der wind die spreuer läst verstieben. Rist
neue himl. lieder (1651) 6; aber wen die sünd erfreuet, mit dem gehts viel anders zu: er wird wie die spreu zerstreuet von dem wind im schnellen nu. P. Gerhardt 44, 27
Gödeke. sinnlicher gefaszt: nachdem der herr kaplan den letzten rebstock mit dem wadel aus dem weihwasserkessel bespritzt hat, fliegt die ganze prozession wie spreu auseinander, der küster nimmt fahne, weihkessel und wadel, stola und chorhemd, alles unter dem arm, und trägt's eilends davon. Bettine
briefe 1, 231.
auch abstractes wird verglichen. vgl. den beleg aus Schade
sat. u. pasqu. 3, 24, 11
unter 1,
a: sie die ächte tugend des weisem wanket ihm nicht, ... ihm ist sie ein mächtiger harnisch gegentrozend den donnern des himmels, ein gewaltiger schirm wenn zu trümmern gehen die himmel, wenn die scheintugend, wie vor dem winde spreu hinwegflattert. Schiller 1, 67; (
in eigenartiger weiterführung des vergleichs:) sie geberden sich, als ob sie die vettern des kriegsgottes wären und betrachten aller anderen schicksal wie spreu, die sie vor sich herblasen. Freytag 8, 65; o Kyklope, Kyklope! wie ist der verstand dir verflogen. dasz du wie schlechte spreu streuest die lieb' in den wind. Rückert (1841) 265.
mit beziehung auf die beseitigung der spreu
durch verbrennen: alle sünder wird der künfftig tag wie spreuwer verbrennen. Reiszner
Jerusal. 2, 176
a;
vgl. auch unten die bildliche verwendung. mit rücksicht auf die eigenschaft des bernsteins spreu
anzuziehen: unnd das desz mans festleibigkeit die weibliche blödmütigkeit, wie der augstein die sprewer an sich ziehe.
Garg. 66
b; nieszwurtz zeicht die wachteln, der agstein die spreyer, ... der magnet das eysen. 250
a.
vgl. agstein
theil 1, 190
und augstein
theil 1, 816.
bemerkenswert noch: der zunge zauberkunst, die den achtsamen geist, wie leichte spreu ein Nil, dem strom nach folgsam reiszt. Lessing 1, 192. 55)
in bildlicher verwendung. 5@aa)
von moralisch oder physisch angekränkelten oder minderwertigen menschen, entsprechend dem unter 4
aufgewiesenen, hauptsächlich in biblischer sprache beliebten vergleiche, wozu noch als für diese weiterentwicklung von wichtigkeit gestellt werden mag: aber sie sind unter uns wie sprew unter dem korn, wenn es zum treffen gehet, so sihet man, wer sie sind, und wo sie hingehören, denn da ist nichts, denn stoltz, eigen dünckel, neid, verachtung, und der teufel selbs. Luther 6, 49
b.
das alter des gebrauchs betreffend vgl.: er soltz doch iemer hân vor iu, er ist das korn, ir sît diu sprû. Walther 18, 8,
handschr. C, anstatt des vergleiches in A: er soltz doch iemer hân vor iu, alsô der weitze vor der spriu.
die beim jüngsten gericht zur ewigen pein verurteilten: er hat seine worffschauffeln in der hand, er wird seine tenne fegen, und den weitzen in seine schewnen samlen, aber die sprew wird er verbrennen mit ewigem fewr.
Matth. 3, 12;
vgl. auch Luc. 3, 17; die christlich kirch, die ist ein schür, etlichs wolfeil, etlichs tür, sprüwer, klien, fesen, kern, am jüngsten tag so ist die ern, so will das gott alssamen wannen. Murner
narrenbeschw. 175, 60.
mit beziehung darauf: von denen wölfen hat got der herr durch die propheten obgestimpt geklagt, wie du gehört hast, dasz sie ir eigen treum lernen, den sprüern predigen. Schade
sat. u. pasqu. 3, 25, 15;
noch ähnlich, nur anders gewendet: der verlust trift nur die paleas levis fidei; nur die leichte christliche spreu, die bey jedem windstosze der bezweiflung von den schweren körnern sich absondert und auffliegt. von dieser, sagt Tertullian, mag doch verfliegen soviel als will! avolent quantum volent! — aber nicht so unsre heutigen kirchenlehrer. auch von der christlichen spreu soll kein hülschen verloren gehen! lieber wollen sie die körner selbst nicht lüften und umwerfen lassen. Lessing 10, 181.
dann auch allgemeiner, im gegensatz zum kern (
vgl.kern 13,
b, theil 5, 601): die spreu ist von uns weggeflogen, ein kernvolk ists. Freytag
ahnen 5, 90;
vgl. den beleg bei Keller 6, 320
oben unter 1,
a, sowie den beleg bei Freytag 8, 201
unter 3; jedoch ein löwenmuth ich hab, und vorn sollt ihr mich sehen: der kern springt vor, die spreu bleibt hinten.
wunderhorn 1, 275
Boxberger; auch ohne hervorhebung dieses gegensatzes: in dem nun, als es nacht was worden, viel noch ein zal hungeriger sprüren uber die muren uss zuo den iren, die inen sagten, es wäre getan mit irem herzogen. Anshelm
Berner chron. 2, 298, 5; vaterland! ja du muszt siegen, aller welt an ehren gleich: lasz die spreu von dannen fliegen, nur durch arbeit wirst du reich! Keller 9, 268. 5@bb)
dann auch von einzelnen eigenschaften des menschen, von seinen schwächen, fehlern und mängeln: denn diese (
leibesübungen) sind dem menschlichen körper was das schwingen dem weitzen ist; alle acheln und spreuer fliegen davon, und das reine korn drängt sich dicht in einen hauffen zusammen. Wieland
Lucian 4, 345; Claudine ist nun in der arbeit, wird, so zu sagen ganz neu ausgeführt, und die alte spreu meiner existenz herausgeschwungen. Göthe 29, 142.
von der untüchtigkeit eines ehemannes: und kumpst vor mitternacht nimmer in das haus und sleichest zu den winkelsecken naschen, ... und kumst dann heim und bringest ir die spreuen und meinst, sie sulle die vreiszen keuen.
fastn. sp. 852, 28
Keller. vgl. auch 771, 8
oben unter 1,
a. 5@cc)
von eitlen und nichtigen gedanken, worten und werken: denn was ist keiser, bapst, könige, fürsten und alle welt gegen gott? ... sie gehen mit stro schwanger, und werden sprew geberen. Luther 5, 51
a; der bauch pausst jnen grewlich, als wolten sie berge geberen, das die schwulst schrecklich ist anzusehen, und ist doch eitel stro und gut fewrwerck, und wens geboren ist und wol ausgericht, so ists sprew.
ebenda; die rechten christen aber werden selig, dann sie halten jr eigne gerechtigkeit jrer guten werck für sprewr, kot und unflat und trachten allein darnach, wie sie die gerechtigkeit Christi durch den glauben erlangen mö
gen. Gretter
erkl. der epistel Pauli an die Römer (1566) 618; ein kopf, der von natur mehr spreu als grütze führt, und keinen edlen trieb zur wahren weisheit spürt, vergafft sich, wie ein kind, an farben, glasz und schalen. Günther 518;
mit verdeutlichendem adjectiv: deine worte, sind es keine leere spreu? Platen 293
a.
mit erklärendem zusatze im genitiv: würff den kropff von dir, den du vol gessen hest der gersten körner und sprüweren der welt, und alles das dar in begriffen ist, das ist, würff von dir din weltliches gemüt. Keisersberg
bilgersch. 10
a. 5@dd)
von den mängeln eines kunstwerkes: Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener (
Serlo) von der absonderung der spreu von dem weizen sprach. es ist nicht spreu und weizen durcheinander, rief dieser, es ist ein stamm, äste, zweige, blätter, knospen, blüthen und früchte. Göthe 19, 158.
von den einem wissenschaftlichen problem noch anhaftenden irrthümern: wo unsre seel' im körper sey? und wie sie denkt? das mögt' ich selbst wohl wissen. nur hat von tausend hindernissen, ein Leibniz selbst und Newton, kaum die spreu hinweggeblasen. Göckingk 1, 172. 66)
als bildlicher ausdruck der gröszten nichtachtung eines dinges: denn es musz mit solchen gewissen glauben und vertrawen gehandelt werden, das wir nicht alleyn die urteyl der gantzen welt als strew und sprew achten. Luther 8, 483, 13
Weim. ausg.; es (
das glück) mag mit höchster tyranney sich trotzig wider mich auffblehen, sein wüten ist mir wind und sprey. S. Dach
im Königsberger dichterkreis 94
neudr.; er ist kein sohn der freiheit! das vaterland ist spreu dem feigen. Stolberg 1, 21; was dir noch neu ist, wird dich auch reizen; was mir schon spreu ist, ist dir noch weizen. Rückert
ged. (1841) 317.
hierher auch die im mhd. beliebte verstärkung der negation niht umb ein spriu: nû wolte ich achten umb ein spriu nicht ûf iuwer claffen.
troj. krieg 12706.
vgl. J. Grimm
gramm. 3, 729
und oben das entsprechende nicht ein kaf (kaff
theil 5, 20).