stachel,
m. spitzes, stechendes ding; aculeus. ableitung zu stechen,
in dieser form nur im hd. vorhanden. doch kennen die verwandten sprachen eine ablautende bildung: ags. sticel,
altn. stikill
spitzes ende eines horns, ahd. stichil
aculeus Graff 6, 637,
vgl. stichel
und Fick
3 3, 343. Grimm
gramm. 2, 27. (
kaum dazu gehören wird got. stikls,
ahd. stechal
calix Graff 6, 637,
vgl. Uhlenbeck
2 140
b.)
doch ist stachel
auch im hd. sehr ungleichmäszig bezeugt. ahd. findet sich ein fem. stachilla, stacchulle
cuspis, fustis acuta, sutis (=
sudes),
woneben einmal stachil
geschrieben wird. Graff 6, 632.
mhd. nur in glossaren: aculeus ... stachil, stachel Dief.
gloss. 11
b;
einen mnd. beleg (de stackellen edder de scharppen thunpAele,
vgl. ahd.)
verzeichnet Schiller-Lübben 4, 349
b.
dagegen ist stachel
im nhd. vom beginn des 16.
jahrh. an sehr gewöhnlich, allerdings zunächst nur in mitteld., besonders ostmitteld. quellen. [] daher wird stachel
im Basler bibelglossar von 1523
erklärt durch: eisene spitz an der stangen, scherpffe,
und stachel lecken: sich gegen dem spitz keren,
während im Augsburger druck der artikel fehlt, s. Kluge
von Luther bis Lessing s. 89.
doch hat sich stachel
bald auch im oberd. eingebürgert, nach ausweis der glossare, jedenfalls unter dem einflusse von Luthers bibelübersetzung. —
auch im nhd. stehen zwei formen neben einander, die vielleicht schon im ahd. vorliegen. gewöhnlich erscheint es als starkes masc. der stachel,
plur. die stachel: und die schneiten an den sensen, und hawen und gabbeln und beilen waren abgeerbeitet, und die stachel stumpff worden.
1 Sam. 13, 21,
und so immer in der bibelübersetzung, s. 4 Mos. 33, 55.
Hesek. 26, 24.
offenb. 9, 10. (
sonst kommt bei Luther
auch stacheln
vor, s. 1,
c, γ.)
diese pluralform hält sich bis ende des 17.
jahrh.: so viel als er worte hörete, so viel stachel empfand er im gemüthe. Weise
kl. leute s. 24.
daneben begegnet stachel
als fem., und zwar in denselben quellen wie das masc., oft unmittelbar neben einander: kanstu jm (
dem leviathan) einen angel in die nasen legen, und mit einer stachel jm die backen durchboren?
Hiob 40, 21; tod, wo ist deine (
frühere ausg.: deyn) stachel? helle, wo ist dein sieg? aber der stachel des todtes ist die sünde. 1
Cor. 15, 55
f., vgl.: tod, wo ist deine stachel? ... aber die sunde ist des todes stachel.
werke 19, 140, 1
Weim. ausg. s. ferner 1,
d, α und noch vereinzelt bei Herder,
s. 1,
b. zuweilen ist bei (die) stachel
nicht mit sicherheit zu entscheiden, ob der sing. oder plur. vorliegt. seit dem 17.
jahrh. haben sich beide wortformen ausgeglichen zu der mischflexion: sing. der stachel,
gen. des stachels,
plur. die stacheln.
so Stieler 2156. Adelung,
vgl. Weigand 2, 789. —
in mundarten verschiedentlich bezeugt, meist zur schriftsprache stimmend, daneben in besondern bedeutungen: schweiz. stachel,
s. 3, Stalder 2, 389,
bair. Schm. 2, 722,
in Handschuhsheim Lenz 67
b;
els. stachel, štàchl
und štàchlə,
m., štâchlə,
f. Martin-Lienhart 2, 571
a,
oberhess. als fem. schdachiln Crecelius 803;
auch ins waldeckische eingedrungen als štachələ,
f. Bauer-Collitz 98
a.
bedeutung: stachel,
stimulus, centrum, aculeus. Dasypodius;
aiguillon. stimolo, pongolo, ponzetto, ponzicarello. Hulsius 305
a;
aculeus, spiculum, stimulus, spina. Steinbach 2, 710; stachel, ... ingemein alles, was spitzig ist. Jablonski 744
a. (
so auch: gipffel, stachel,
punctura. Henisch 1623, 16 ?) 11)
natürliche gebilde bei thieren und pflanzen: aculeus, .. ein stachel,
est apum, vesparum, erinaceorum, plantarum etiam. Corvinus
fons lat. 7
a. 1@aa)
ein besonderes organ gewisser insectenarten und spinnen zum stechen, das sowol als waffe zur vertheidigung und zum angriff (wehrstachel)
wie auch zum anbohren der pflanzen und einlegen der eier (legestachel,
theil 6, 536, nachstachel,
theil 7, 134)
dient: insbesondere werden stachel genennet gewisse theile der thiere, womit sie empfindlich stechen, als die bienen, wespen, mucken, u.
d. g. Jablonski 744
a; stachel, einiger fliegenden und kriechenden thiere,
spiculum. einen stachel haben, als biene, wespen, hornissen, scorpionen,
infesto aculeo armatum esse. den stachel hinein ziehen,
spiculum recondere. den stachel stecken lassen,
aculeum relinquere. Frisch 2, 314
b; einen stachel im bauche haben,
aculeo in alvo armari. Steinbach 2, 710;
aculeus insectorum der stachel oder angel der insecten. Nemnich. 1@a@aα) die bienen haben einen spitzigen, ja giftigen stachel,
le pecchie etc. hanno l'aculeo pungentissimo anzi velenoso. Kramer
dict. 2, 899
c; unter den bienen hat allein der weiser (
rex apum) keinen stachel. Corvinus
fons lat. 7
a; der bienenweiser hat keinen stachel. Steinbach 2, 710; die biene läszt den stachel stecken,
apis aculeum relinquit. ebenda; stachel. ist das äusserste werkzeug am eingeweide der kleinen oder honigbiene, womit sie sich wehret, und im stiche auf der haut einen giftigen saft durchläszt, der geschwillen macht. ein solcher stachel ist mit wiederhacken versehen; daher es denn geschicht, dasz die imme, wenn sie in die haut gestochen hat, ihn nicht wieder zurück ziehen kan, sondern mit samt einem theil des eingeweides verliehren musz, welches ihr denn tödlich ist. Overbeck
bienen-wb. 78,
s. auch Oken 5, 834; warum ich das schaf für meinen gröszern wohlthäter
[] halte, als dich biene? das schaf schenket mir seine wolle ohne die geringste schwierigkeit; aber wenn du mir deinen honig schenkest, musz ich mich noch immer vor deinem stachel fürchten. Lessing 1, 159 (
fab. 3, 14); sie (
die immen) ziehen mit der trummel; der stachel weist das schwert.
wunderh. 2, 359
Boxberger. sprichwörtlich: wer honig lecken will, musz den stachel (
der bienen) nicht scheuen. Adelung.
im bilde: habt so lieblich erst geschienen, zoget ein, wie honigbienen, und jetzt kehrt ihr fürchterlich euren stachel wider mich! Grillparzer
4 3, 126 (
ahnfr. 5). 1@a@bβ) die hornüssen (brümsen) und wespen haben einen sehr spitzigen stachel, damit sie auch alle aus häuten gemachte umbschläge durchbohren. Comenius
sprachenthür 220; die wespen gebrauchen den stachel,
aculeo utuntur vespae. Steinbach 2, 710; (
im bilde:) die wespe, die den stachel verloren hat, ... kann doch weiter nichts, als summen. Lessing 2, 58 (
Sara Samps. 4, 3); er ... glich einer wespe, die in langsamen kreisen näher kommt und im fluge wählt, wo sie den stachel einbohren wird. Ric. Huch
v. d. königen u. d. krone 66; ja wie man in der brunst, in Polens fetten auen, dem dicksten jungen stier sich nicht darf nahe trauen; wenn durch sein schwartzes fel der wespe stachel dringt, und ihn, durch heissen schmertz, in volles rasen bringt. Pyra-Lange
lieder s. 149
neudr. 1@a@gγ)
zuweilen enthält der stachel
ein gift, vgl. giftstachel: thiere, so giftige stachel haben,
animalia infestis aculeis armata. Steinbach 2, 710;
so besonders bei skorpionen: der scorpion hat den stachel am schwantze.
ebenda; im bilde: was steht zu befehl? die nase des spürers, oder der stachel des skorpions? Schiller 3, 70 (
Fiesko 2, 15);
sprichwörtlich: wer den stachel nicht vertragen kann, musz den finger in kein skorpionennest stecken. Wander 4, 759, 8.
danach bei phantasiegebilden: und die hewschrecken sind gleich den rossen, ... und hatten schwentze, gleich den scorpion, und es waren stachel an jren schwentzen.
offenb. Joh. 9, 10. 1@a@dδ) der stachel der wespe
ist eigentlich ein rüssel: mit beyden durfte nur die kühne mücke scherzen, die ihm (
dem löwen) aus edlem hasz, mit freyheitvollem herzen, des scharfen stachels spitze both. Hagedorn 2, 23 (
fab. 1, 12).
vgl. mückenstachel,
theil 6, 2613. 1@a@eε)
wie hier, werden auch sonst fälschlich theile des freszwerkzeugs als stachel
bezeichnet: die zunge der schlangen wird irrig vor einen stachel angesehen. Jablonski 744
a.
ganz unzutreffend ist der ausdruck: doch einen stachel gab natur dem wurm, den willkühr übermüthig spielend tritt. Schiller
Tell 2, 6. 1@bb)
ganz andrer art sind die stacheln
an der hautbekleidung gewisser thiere, besonders des igels und stachelschweins, die eine umbildung der haare sind: der igel und das stachlichte stachel[dorn]schwein hat an statt der haar stachelen. Comenius
sprachenth. 206; ein thier voller stacheln,
animans spinis hirsuta. Steinbach 2, 710; stachel, einiger lebendiger creaturen,
aculeus, als des igels,
setae pungentes, und des stachel-schweins, voller stachel,
echinus spinis hirsutus. Frisch 2, 314
b; 'stacheln
sind walzenkegelförmige, starre horngebilde von ungleich gröszerem durchmesser, als haare, und an der spitze stechend; von den einheimischen säugethieren ist der igel am oberleibe mit stacheln
bekleidet.' Behlen 5, 670,
vgl. Oken 4, 332.
so auch: man lief in den garten der predigermönche, wo ein schwein mit stacheln gezeigt wurde, damit man an ihm gottes wunderbare schöpfung schauen könnte. Freytag
bilder 2, 1, 139; nun setzte seit geraumer zeit ein ungeheures thier das ganze land in schrecken ... man sagt, es habe drachenflügel, und klauen wie ein greif und stacheln wie ein igel. Wieland 22, 175 (
Ob. 4, 52).
sprichwörtlich: die stacheln verrathen den igel. Wander 4, 759, 4; das wird uns gelingen wie dem hunde, der ynn die stachel beysset. Luther 19, 637, 19
Weim. ausg., vgl. Wander 5, 1455, 1846.
im bilde: der student musz halt forsch sein, er musz seine stacheln hervorkehren, alle seine borsten aufstrammen. Rosegger
sünderglöckel s. 23;
[] ihr entehretet uns, ihr deutsche weisen ... nektar reichetet ihr den groben mägen, und salbtet mit ambrosiaduft lange das stopplichte haar. dafür speien sie euch 'aufklärung' jetzt in das antlitz, und das stopplichte haar sträubet zum ygel empor. seht! gen himmel erstrecket sich schon die stachel des ygels. Herder 29, 662
Suphan. ähnliche stacheln
haben auch andre thiere, besonders seethiere, als umgebildete schuppen u. s. w.; bei fischen, s. Oken 4, 341. 6, 260 (
s.stachelbarsch);
beim '
meerkalb' (
seehund): die stachelen da mit sye im mOer schwymmen, brauchen sye uff dem lande, für fssz ... auch soll die recht stachel ein würckung des schlaffs an ir haben. Eppendorff
Plin. 108 (9, 10).
ferner: aculei echinorum, die stachel der seeigel. Nemnich; ein meer-schneck mit stacheln,
murex. Frisch 2, 314
b. 1@cc) stacheln
heiszen ferner ähnliche gebilde an pflanzen, theils anhänge oder umbildungen von blättern, theils selbstständige sprossen: also haben die dornen, die schalen der castanien,
u. a. m. stachel. Jablonski 744
a; stachel,
m. den etwas lebloses hat,
aculeus. das da sticht wann man es angreifft, als die stachel an castanien, die spitzigen blättlein an den bäumen, als an tannen, fichten, kienbäumen. it. an wasser-nüssen, die dorn an stachel-beern,
spinae. Frisch 2, 314
b; 'dornen
und stacheln
werden, wenn von spitzigen holzartigen auswüchsen an gewächsen die rede ist, zwar gemeiniglich als gleichbedeutend gebraucht; allein in der botanik unterscheidet man sie noch, und nennet stacheln
oder spinas,
dergleichen auswüchse, welche aus dem holze durch die rinde hervorragen, dornen
oder aculeos
aber, wenn sie nur an der rinde befestiget sind.' Adelung; '
bei bäumen und sträuchen nennt man aus dem holze herauswachsende, ebenfalls holzige auswüchse, stacheln —
aculei —
welche verschieden lang und gekrümmt, immer aber kegelförmig und stechend sind.' Behlen 5, 670. 1@c@aα) die stacheln der rosen,
rosarum spinae. Steinbach 2, 710 (
wofür doch dorn
üblicher ist, obwol eigentlich mit unrecht),
vgl. Oken 2, 32: der stachel ist auch angenehm, woran man eine rose stehen sieht. Steinbach 2, 710; da sind sie (
blumen)! so bunt und so prangend, so schön, ... als königinn aller die rose — doch nein, sie hat ja den stachel! Stolberg 2, 219.
im bilde: so fleucht die lust der welt, ... nichts bleibt uns in der faust als die nichtswerthen äste, der stachel, dieses creutz, die angst, die seelen peste. A. Gryphius 1, 105. 1@c@bβ)
bei dornsträuchern; im bilde: ein zufall reifte die stacheln an der hecke (
die feindseligkeit) zwischen beiden häusern. Arnim 3 (
kronenw. 1), 388;
vgl.: und sol fort hin allenthalben umb das haus Israel, da jre feinde sind, kein dorn die da stechen, noch stachel die da wehthun, bleiben.
Hesek. 28, 24. 1@c@gγ)
bei disteln; im bilde: es sind kletten und distelnkOepffe, wie man sie wirfft, so keren sie die stacheln uber sich und umb sich, und mssen stechen. Luther 3, 334
a (23, 33, 29
Weim. ausg.); es ist die welt ein distelkopff, wo man denselben hinkeret, so reckt er die stachel uber sich. 6, 157
b,
vgl. Zincrgef
apophthegm. 1, 253; so hielt ihn noch eine zugeknöpfte distel auf, ... und die musivischen disteln auf Le Bauts diele traten vor ihm ins leben und zeigten ihm die stacheln der vergangenheit. J. Paul
Hesp. 3, 185; den zorn der königin will ich rühmen, der meiner distel den stachel nahm. Freytag 8, 190 (
ahnen 1, 1,
c. 11). 1@c@dδ) desz hauwhechels seyn zweyerley geschlecht, eines so stechender hauwhechel ist, und
ononis spinosa genennet wird: das ander aber so ohn stacheln wächst. Tabernaemont. 912 J.
vgl. d, β und stachelkraut. 1@c@eε) '
bei einer abtheilung der schwämme (stachelschwämme)
werden die spitzen, mit welchen die unterfläche besetzt ist, stachel —
echini —
genannt.' Behlen 5, 670
f. 1@c@zζ) 'stacheln ...
an den getreidearten, welche auch agen, acheln, gracheln, grannen
genannt werden.' Adelung. 1@c@hη)
ungewöhnlich ist stachel
für einen jungen trieb, sprosz: ein weitzenkörnlein wird in die erde geworffen, in welcher es auch verfaulet, dasz es endlich zu einer weisen unnd fliessenden materien sich verändern musz, welches aber gemachsam sich wider zusammen findet, und einen kleinen stachel von sich stösset. J.
M. Meyfart
das himml. Jerusalem (1630) 2, 45.
[] 1@dd)
vereinzelt wird stachel
in auffälliger weise auf ganze pflanzen übertragen. 1@d@aα) 1 marchbuesz Krieger Henn zu Aldenstadt hat ein junge stacheln oder jung buchbaumlein abgehawen unnd scheiter drausz gemacht, im buchwaldt.
marckbuechlein zue Rodenbach (
in der Wetterau)
zum j. 1565; Christen der kesseler hat ein jungen buchbaum abgehauen oder ein stacheln im buchwaldt.
ebenda zum j. 1568; Acker Heinz hat ein büchen stacheln abgehawen im buchwaldt.
ebenda zum j. 1574; Peters Henn Krein hat ein buchen stachelnn abgehawen die jr ein last gegeben hat.
ebenda. 1@d@bβ) finstern, finstere stachel,
name der hauhechel in Bern, ononis arvensis und spinosa. Pritzel-Jessen,
s. auch c, δ und stachelkraut. 22) stachel
bezeichnet ferner spitze, stechende gerätschaften oder theile an solchen, gewöhnlich von metall: stimulus ... quo pungimus, ein stecher oder stachel. Corvinus
fons lat. 522
a;
cuspidare, spitzig machen, einen stachel vorn einschlagen. 193
a. 2@aa)
zum antreiben von thieren: stachel oder gart (der)
incentivum, stimulus, centrum, aculeus. Maaler 383
a; die ochsen mit einem stachel, treibstachel treiben,
cacciar .. i buoi collo stimolo (
pungolo),
pungitoio, aguzzino, puntone, spuntone, frugone. Kramer
dict. 2, 899
c; stachel, von eisen gemacht, als
pertica aculeata, womit man ackerochsen antreibt. Frisch 2, 314
b; der pflügen wil, spannet die ochsen vor den pflug, ... alsdann treibet er und reget sie fort mit dem stachel. Comenius
sprachenth. 390; 1
Sam. 13, 21,
s. oben; der mauleseltreiberpatron hatte mir zum führer einen kleinen buben mitgegeben, der sich, sobald wir heraus waren, auf die kruppe schwang, mir einen kleinen eisernen stachel zum sporn gab, und so mit mir und dem maulesel über die felsen hintrabte. diese thiere hören auf nichts als diesen stachel, der ihnen, statt aller übrigen treibmittel, am halse applizirt wird. Seume 2 (
spazierg. 1), 165
Hempel; im bilde: denn wenn von ruthen die narren und die schurken bluten, so darf man hoffen, dasz die herden am gängelbande strenger zucht, wenn sie den stachel nun genug versucht, doch nach und nach geringer werden.
ged. (1826) 23; die du geheim den stachel und zügel hältst, zu hemmen und zu fördern, o Nemesis. Hölderlin 1, 141
Köstlin. poetisch wird der sporn als stachel
bezeichnet: der stachel der ferse, der schrecken des rufs verdoppeln den donner-galoppschlag des hufs. Bürger 81
a. 2@bb)
diese bedeutung liegt zu grunde der sprichwörtlichen redeweise: es wird dir schweer werden wider den stachel lecken (
mit den füszen ausschlagen).
apostelgesch. 9, 5,
vgl. 26, 14 (
daraus Ayrer
hist. proc. 664)
und das zweite lecken,
theil 6, 480
f., die aus der bibelübersetzung im nhd. weite verbreitung gefunden hat, vgl. Egbert v. Lüttich
fecunda ratis 570
mit Voigts
anm.; in wörterbüchern: es ist schwer wider den stachel lecken, oder bösz reiben gegen dem stachel. Henisch 463, 50; wider den stachel lecken,
calcitrare, ricalcitrare contro lo stimolo. Kramer
dict. 2, 899
c;
contra stimulum sive aculeum calcitrare. Stieler 2156; es läst sich nicht wieder den stachel lecken,
lat. fortunae cedendum est. Apin.
gloss. 508;
in sprichwörtersammlungen, s. Eiselein 576. 673; wider den stachel ist bös lecken. Simrock 9798. Wander 4, 739, 12. 15; gegen en'n spitzen stachel is nig gaud licken. 6. Borchardt
2 1125. Büchmann
20 83.
in der litteratur: sehen sie, herr pastor, es wird mir unmöglich seyn, nicht gegen ihren stachel zu läcken, und die furchen, fürchte ich, die sie auf dem acker gottes mich mit aller gewalt wollen ziehen lassen, werden immer krümmer und krümmer werden. Lessing 10, 131; diese guten freunde haben es übel aufgenommen, was ein recensent in der a. l. z. vor etlichen jahren an den Bürger'schen gedichten getadelt hat; und der inngrimm, womit sie wider diesen stachel lecken, scheint zu erkennen zu geben, dasz sie mit der sache jenes dichters ihre eigene zu verfechten glauben. Schiller 10, 498; dann so gehts gwiszlich alle denen, die sich wölln wider gott aufflenen und widern scharpffen stachel lecken: den bleibt er in der fersen stecken. B. Waldis
der wilde man v. Wolffenb. 419 (
streitged. s. 38
neudr.);
[] wie Paulus in der aposteln geschicht — er wolt auch widr den stachel lecken. Liliencron
hist. volksl. 4,
nr. 519, 59. 2@cc) stachel
zum stechen, bohren, z. b. Hiob 40, 21,
s. oben; unbestimmt; stachel und strick sind auff dem wege des verkereten.
spr. Sal. 22, 5.
poetisch von pfeilen (
bildlich): darf ich solches wohl gläuben, dasz di gräfin einen stachchel ihrer libes-reizerischen pfeile, welche so lähbhaft aus ihren augen här-aus-schühssen, in dein härz ein-gesänket habe? Zesen
Rosemund s. 132
neudr. 2@dd)
zuweilen bezeichnet stachel
nicht das ganze gerät, sondern nur die (
eiserne)
spitze daran, so bei einem stock (
vgl.stachelstock): unnd der selbig hat ein stap, der unten unnd oben rincken unnd stachel hat.
weisth. 3, 892 (
v. j. 1523,
s.stab II, 6,
d).
ungewöhnlich sind verwendungen wie: diejenigen, welche im rausche sterben, müssen mit dem Mustisheer fahren, hinterfür auf einem rosse, auf eisernem sattel von eisernen stacheln. Birlinger
volksthüml. 1, 47, 1. 2@ee)
sonst ist stachel
vielfach als technischer ausdruck üblich. (
meist nicht allgemein gebräuchlich.) 2@e@aα) stachel, womit man einen schlitten, worauf man sitzt, forttreibt,
pertica aculeata. Frisch 2, 314
b;
els. isstachel
zum fortbewegen der kinderschlitten. Martin-Lienhart 571
a;
vgl. stachelschlitten.
auch runde stäbe mit eisernen spitzen, deren man sich beim eislauf bedient. Campe. 2@e@bβ)
ähnlich süddeutsch stachel
oder stackel (
vgl. das.)
für die mit einem eisernen haken versehene stange, womit der schiffer, fischer, fährmann, flöszer sein boot oder flosz fortstöszt; stachel, der schiffleuth stang,
contus. voc. v. 1618
bei Schm. 2, 725; item in Austria dantur ei VIII. denarii pro staechil et schalten et cyrotecis (
handschuhe). ... item securim et staechil et II. cyrotecas.
monum. boica 11, 44
f. (
obligatio nautarum saec. XIII).
jetzt bair. stáckl,
s. Schm.
a. a. o., schweiz. stackel, stachel,
sprietstake, schalte. Stalder 2, 389. 2@e@gγ)
dagegen bezeichnet stachel,
auch knecht, schleppspiesz, schleppstange,
im bergbau '
ein am tummelbaum eines pferdegöpels angebrachtes holz mit gabelförmiger eiserner spitze als bremsvorrichtung'. Veith 458. 2@e@dδ) it. womit man etwas fest anklebendes abstöszt, als in bergwerken. Frisch 2, 314
b; 'stachel,
alles was spitzig ist, z. b. ein eisen, das 2½
bis 3
ellen lang, 2
zoll stark, und vorn zugespitzt ist, und einen hölzernen, etwa ellen langen stiel hat, und so wie die stecheisen
auf schmelzhütten gebildet sind. sie werden bey der schmelzarbeit des hohenofens zum abstechen gebraucht'. Jacobsson 4, 245
a,
ebenso 7, 418
b. Adelung. 2@e@eε)
in glashütten ein gerät, wobei 6—8
zolllange stacheln von eisen oder starkem eisendraht an einem hölzernen stiel oder eisernen plättchen aufgesetzt und im kreise um eine mittlere, etwas längere gruppiert sind; es dient dazu, die perlen in das glas zu stechen. ebenda. 2@e@zζ) stachel an der büchse,
fibula ligulae. stachel am armbrust,
uncus, fibula arcus. Stieler 2156. 2@e@hη) 'ein dintefasz mit einem stachel,
mit einer eisernen spitze, diese ins holz zu stechen und dem dintefasz dadurch einen festen stand zu geben.' Campe. 33)
sehr häufig ist stachel
in übertragener verwendung für etwas, das sticht, verletzt. 3@aa)
ausdrücke, die von einer bestimmten gebrauchsweise ausgehen, sind schon im vorstehenden angeführt. unbestimmter und allgemeiner (
doch auf grund der bedeutung 1)
besonders in sprichwörtlichen redeweisen: es hat einen stachel,
aculeum habet. Steinbach 2, 710; das ding hat stacheln. Eiselein 576; ein stachel bricht den andern. Petri Y 5
a. Wander 4, 759, 5 (
bei Franck 1, 87
b: ein stahel;
es ist also wol stahl
gemeint, vgl. das.); wer sich mit stacheln krawt, der krigt viel wunden. Petri Jii 8
a,
vgl. Wander 4, 759, 11.
s. auch Lessing 1, 2
unter stachelreim. 3@bb)
an 1,
a (
ε)
schlieszt an: er hat einen stachel im maule,
ipsi est telum in ore. Steinbach 2, 710.
so wird stachel
gern von scharfen, bissigen reden gesagt: stachel, figürlich im schimpfenden reden,
facetiae acerbae, linguae maledicae spicula, aculei orationis. Frisch 2, 314
b.
vgl. Wachter 1578.
im ausgeführteren bilde: genug, verwegener kiel, lasz gift und schweren seyn, und zeug doch nun ein mahl den bittern stachel ein. Günther
bei Steinbach 2, 710
[] vgl.stachel der satire, kritik
unter f, sowie stacheldichter, -gedicht, -rede, -reim, -richter, -schrift, -vers, -wort. 3@cc)
biblisch ist der ausdruck stachel des todes,
s. oben 1
Cor. 15, 55
f.; o tod, wo ist dein stachel (
stimolo). Kramer
dict. 2, 899
c; der stachel desz todes ist die sünde: die krafft aber der sünde ist das gesetz. Petri B 2
a;
danach auch: der sünden solt, stachel und straffe ist der todt.
ebenda. in der litteratur: seiner (
gottes) gnaden-werk ist es, .. das er selbst den tod für uns gelitten; unsere sünden auf sich genommen, und uns zugleich von dem stachel des todes, und der gewalt des teufels, erlöset hat. Butschky
Pathmos s. 988; Jesus Christus gottes son an unser stat ist komen und hat die sünd abgethan, damit den tod genomen all sein recht und sein gewalt; da bleibt nichts denn tods gestalt, den stachel hat er verloren. Luther 8, 359
b; grimmiger todt, kom zu mir nicht, dein stachel von mir wende. W. Spangenberg
Alcestis 2337; o tod, wo ist dein stachel nun?
hannov. gesangb. 114, 1.
ähnlich: indem ich solches alles zur genüge erwogen, und geprüfet, dasz die namen so vieler hochgepriesenen künstlere, mit der zeit und geendetem odmen verleschen: habe ich besonnen und nachgedacht, wie und auf was weise dieser tödtliche stachel zu hintertreiben wäre. Sandrart
academie 1, 1
b. 3@dd)
von 2,
a geht aus die wendung: werdet jr aber die einwoner des lands nicht vertreiben fur ewrem angesicht, so werden euch die, so jr uberbleiben lasst, zu dornen werden in ewren augen, und zu stachel in ewrn seiten, und werden euch drengen auff dem lande, da jr innen wonet.
4 Mos. 33, 55.
dann auch umgekehrt: so wisset, das der herr ewr gott, wird nicht mehr alle diese völcker fur euch vertreiben, sondern sie werden euch zum strick und netz, und zum geissel in ewer seiten werden, und zum stachel in ewren augen.
Jos. 23, 13.
dieser ausdruck hat sich aus der bibelsprache weiter verbreitet: er ist ihm ein stachel im auge,
egli gli è come un pungolo negli occhi. Kramer
dict. 2, 900
a;
invisus, exosus, infestus, detestabilis ei est. Stieler 2156; einem ein stachel in den augen seyn,
vulg. ipso aspectu molestum esse. Frisch 2, 314
a;
auch mit unpersönlichem subject: dasz aber die Holländer daselbst die stadt Batavia inne und starck besetzt haben, geschiehet wider der Javaner willen, und ist ihnen ein stachel in den augen. Olearius
beschreibung etl. orient. insuln 149
a; denen anwesenden wird es ein stachel im auge seyn; sie [werden] es ihnen für eine verkleinerung zuzihen, das man auch nicht ihrer verdienste, rühmlich gedencke. Butschky
Pathmos s. 639 ('
abwesender lobung').
danach ferner: er ist mir ein dorn im auge und seine flöte ein stachel im ohre. Ricarda Huch
Lud. Ursleu s. 319; fasz dich, Sorel! auch deine heft'ge freude möcht' ihm ein stachel in die seele seyn. Schiller 13, 255 (
jungfr. v. Orl. 3, 3).
auch allgemein: sonst war es mir ein stachel, sah ich ihn im strom der lust ... so ganz gemein vergnüglich schwimmen. Ricarda Huch
Evoe s. 1. 3@ee)
häufig sind verbale fügungen: alle scenen der unterdrückung, die er (
Moses) ehemals mit angesehen hatte, gehen jetzt in der erinnerung an ihm vorüber, und nichts hinderte sie jetzt, ihren stachel tief in seine seele zu drücken. Schiller 9, 115; wenn ich die hand des bruders freundlich drücke, stosz ich den stachel tief in deine brust? 14, 27 (
braut v. Mess. 1, 3, 310); sie hat den gift'gen stachel mir gesenkt in meine brust, sie mag zugegen sein, wenn ich ihn auszieh', oder im bemühn ihn drücke in das innerste des lebens! Grillparzer
4 5, 121 (
könig Ottokar 4).
ungewöhnlicher: ich denke nicht, dasz diese kleinen stacheln, ihr an das herz geworfen, euch da sehr geschadet haben. Lessing 2, 263 (
Nathan 3, 2). es schien, ... als ob man bemüht wäre, den bruch zu erweitern und bei mir den stachel tiefer einzudrücken. Bismarck
ged. u. erinn. 2, 159. — einen stachel zurück
[] lassen,
einen schmerzhaften oder unangenehmen eindruck. Campe: aber doch soll sie wahrheit, verleumdung und drohungen von mir hören. es wäre schlecht, wenn sie in ihrem gemüthe ganz und gar keinen stachel zurück lieszen. Lessing 2, 61 (
Sara Sampson 4, 5); doch liesz es einen stachel in ihm zurück. Vischer
auch einer 1, 166; ein bauerbursch, Engelmar, hat ihm (
Neidhart v. Reuental) das gröszte leid seines lebens bereitet, es scheint, dasz er ihm seine geliebte Friderun, auch ein dorfkind, abspenstig gemacht hat, der stachel blieb dem ritter in der seele, solange er lebte. Freytag 18 (
bilder 2, 1), 54; mancher bringt wohl auch ... von einer so weiten reise einen stachel im herzen mit zurück. Göthe 21, 223 (
wanderj. 1, 12). — sie reiszen nur éinen stachel aus meiner seele. Lessing 1, 540 (
Minna v. B. 2, 9); aber werden ihm nicht in den neuesten komödien die gröbsten verbrechen ... unter so reizenden farben vorgestellt, den giftigsten handlungen so der stachel genommen, dasz ein bösewicht da steht, als ob er ganz neulich vom himmel gefallen wäre. Lenz 1, 268; dadurch schienen zwei ängstlichen hypothesen, die ihrer krankheit und ihres hauskriegs, die stacheln auszufallen. J. Paul
Titan 3, 51; die zeit aber, statt den stachel abzustumpfen, zeigte ihm stets gräszlicher seine that. Grillparzer
4 11, 248 (
5 13, 221). 3@ff)
mit erklärendem genitiv, im ausgeführten bilde: er wuszte dem vergnügen jenen sanften stachel wieder zu geben, durch den man es empfindet und der so leicht stumpf wird.
St. Réal, don Carlos (
Eisenach 1784)
bei Schiller 4,
s. xlix
Boxberger (
deutsche nat.-litt.); eine vergleichung, durch welche der stachel des affektes geschärft wird, wie der gedanke und die ausmalung eines glückes, das verloren ist, die empfindung des verlustes schärft. Ludwig 5, 266; des kusses stachel, der entzündend ritzt. Rückert
ged. 40. stachel, hitzige stacheln des fleisches, der geilheit
etc. stimolo, sti[
mo]
li cocenti, cioè pruriti della carne. libidine ò carnali. Kramer
dict. 2, 899
c; der stachel des fleisches. Eiselein 576 (
als biblisch). — jener vorsatz, den Rhein zu sehen, war indesz in mir beständig wach geblieben, und damit ich nicht ferner den stachel einer unbefriedigten sehnsucht in mir tragen möchte, so rieth Goethe selber dazu, einige monate dieses sommers auf einen besuch jener gegenden zu verwenden. Eckermann
gespr. mit Goethe 1, 157; auf der andern seite freute mich sein fester worthaltender charakter, der sich ... dem eindringen der stacheln und bohrwürmer des leidens widersetzt. J. Paul
Kampaner thal 11; auch der leichteste zärtling, der sein gewissen beinahe stets ungebraucht läszt, wird wenigstens einmal den stachel der reue gefühlt haben. Herder 1, 10
Suphan; der theuerste besitz, was würd' er frommen, wenn der reue stachel des glücks entsetzlicher begleiter wäre? Platen 238
b (
treue um treue 3); ich kann ... den stachel meiner zweifel nicht länger ertragen. Klinger 10, 298; was unsern volksbeglücker betrifft, so macht er wenigstens ein gesicht, an dem der stachel des schärfsten neides stumpf wird. Heyse
kinder der welt 1, 99. — vor dem schrecklichen verkriecht sich unsre faigheit, aber eben diese faigheit überliefert uns dem stachel der satire. Schiller 3, 518; die monarchie und der idealste monarch ... bedarf der kritik, an deren stacheln er sich zurechtfindet, wenn er den weg zu verlieren gefahr läuft. Bismarck
ged. u. erinn. 2, 61; Claras frühes sterben dünkt ihm eine bittere kritik ohne worte; deren stachel pflanzt' er weiter ohne worte. Keller 10, 182; drück' nicht des vorwurfs stachel in dein herz. Schiller 14, 95 (
braut v. Mess. 4, 1, 2032). 3@gg)
in den angeführten stellen überwiegt die vorstellung von etwas verletzendem, schmerz erregendem, wobei meist die bedeutung 1
zu grunde liegt (
vgl. besonders Hesek. 26, 24
unter 1,
c, γ);
in andern fällen dagegen, die von 2,
a ausgehen, steht der begriff des ansporns im vordergrunde: das soll mir ein stachel seyn,
questo mi servirà di stimolo cioè di motivo d'incitamento. Kramer
dict. 2, 899
c;
vgl. Wachter 1578; es pflegen die hohe ehrsüchtige geister, aus stachel und antrieb zeitlichen ruhms, preises und ehre, keine
[] bemühung und fleisz zu unterlaszen. Sandrart
academie (1675) 1, 1
a; rache! der getretene wurm, jedes lebende wesen fühlt ihren stachel: und ich sollte diesen stachel aus dem empörten herzen reiszen? Klinger 1, 60 (
zwill. 3, 1); nur ein barbarischer geschmack braucht den stachel des privatinteresse, um zu der schönheit hingelockt zu werden. Schiller 10, 174; über dem langen hin- und herschwanken von einem stoffe zum andern habe ich zuerst nach diesem gegriffen und zwar aus dreyerlei gründen ... 2) bedurfte ich eines gewissen stachels von neuheit in der form.
briefe 6, 414; früher waren mir anfeindungen ein willkommener stachel, der mich zu frischerem handeln spornte; jetzt lähmen sie mich. Ricarda Huch
Lud. Ursleu 207; die herzen alle dieses biedern volks erregt' ich mit dem stachel meiner worte. Schiller 14, 319 (
Tell 2, 2); und jede pein wird einst ein stachel der wollust seyn. Novalis 1, 91
Meiszner.