stacheln,
verb ,
stimulare. denominativ zu stachel,
begegnet vereinzelt schon bei Luther (8, 119
b),
ferner bei Ringwaldt
und Butschky,
häufig aber erst seit der klassischen periode (Bürger, Voss, Schiller
u. s. w.).
s. die belege. von den wörterbüchern hat es zuerst Hulsius (1618): stacheln,
stimolare, instigare. 237
a;
ferner: stachelen,
verb. stimolare, frugare, stuzzicare, aguzzare, piccare, pongolare, pungettare collo stimolo etc. Kramer
dict. 2, 900
a.
nach Adelung '
nur im gemeinen leben einiger gegenden üblich',
was schon damals nicht mehr zutrifft. aus lebenden mundarten nur vereinzelt bezeugt: bair. stáchln
antreiben (
und anstechen),
daneben mit bezug auf den stachál
in den spazierstöcken: wo stáchálst denn àlləwál ummə'? Schm. 2, 726;
preusz. stacheln,
auch entstellt zu stachêlen,
quälen, pisacken; aufhetzen, aufstacheln durch reden. Frischbier 2, 359
a. 11)
eigentlich, mit einem stachel stechen. nicht häufig. besonders ein thier stacheln
mit dem treibstachel (
s.stachel 2,
a): die ochsen
etc. stacheln,
stimolare, frugare etc. i buoi etc. Kramer
dict. 2, 900
a; die ochsen stacheln
oder anstacheln. Adelung; hier hatte er sein (
maul-)thier so heftig gestachelt, dasz es in erschreckten sprüngen vorwärts setzte. C.
F. Meyer
Jenatsch 58.
dann auch vom sporn des reiters: wenn mein sporn ihm (
dem rosz) stachelt die weichen. Lenau 2, 74
Koch (
Mischka an der Marsch 3).
anderes nur verzeinzelt und dichterisch: manche nadel bleibt zerbrochen zwischen zeug und futter sitzen, die nachher den busen stachelt und
das herz lebendig kitzelt. W. Müller
ged. (1868) 1, 169 (
Amor ein schneider).
vgl. auch: einige tausend Engländer und protestanten wurden in ihren häusern verbrannt; andere nackend mit schwertern und spieszen vorwärts in ströme gestachelt. Bürger 406
a. 22)
sehr häufig ist stacheln
in bildlicher, unsinnlicher verwendung. 2@aa)
zunächst in dem sinne '
reizen, kränken, höhnen': stachlich und gifftig sind die schlangen, ... denn sie fragen nicht darumb, das sie von uns wolten lernen, ... sondern stackern und stacheln uns mit solchen fragen, zu hohn und spott unsers glaubens. Luther 8, 119
b; im auslande bin ich ... oft mit einem enthusiasmus aufgenommen, der mich in verlegenheit gesetzt, der mich schamroth gemacht, der mich manches mahl gestachelt hat, weil ich ... ihn für grobe persiflage gehalten habe. Bürger
briefe 4, 249.
gewöhnlich indessen überwiegt die vorstellung des antreibens; in räumlicher beziehung: auch durch des gewässers fluten mit der sehnsucht feur'gen gluten stachelt sie (
die liebe) Leanders muth. Schiller 11, 339.
in der regel zu einem thun
u. ähnl. stacheln: dasz sie dadurch unersätlich, und zu vermessenen anschlägen bemittelt und gestachelt worden. Butschky
Pathmos s. 25; die heiden (
Preuszen) ... saszen in kleine völkerschaften getheilt, ... also oft entzweit und schwer zu gemeinsamer that zu stacheln. Freytag 18, 199 (
bilder 2, 1, 6);
so auch: das thier arbeitet, wenn ein mangel die triebfeder seiner thätigkeit ist, und es spielt, wenn der reichthum der kraft diese triebfeder ist, wenn das überflüszige leben sich selbst zur thätigkeit stachelt. Schiller 10, 377.
ungewöhnlicher: sie, die sonst immer zur heiterkeit stachelte. Gutzkow
ritter vom geiste 8, 69. 2@bb)
mit unpersönlichem object, eine empfindung stacheln: mein reichthum selbst wär eine würze nur, des habens hunger heftiger zu stacheln. Schiller 13, 118 (
Macb. 4, 6); und sein helfer, jener schwarze, ... stachelt tückisch seine kühnheit bis zu selbstvergeszner wuth. Grillparzer
4 6, 195 (
traum ein leb. 4); um meine wuth zu stacheln und sie von neuem anzufrischen, will ich die schändliche geschichte dir erzählen! Grabbe 1, 34
Grisebach (
herzog Theodor 1, 3). 2@cc)
häufiger steht die empfindung als subject: unwille und neugier stachelten den jungen Zürcher. C.
F. Meyer
Jenatsch s. 28; er kam, wie gestachelt durch einen geheimen groll, von neuem auf seine vaterstadt zu sprechen. 134; von beständiger unruhe gestachelt, eilt das elende weib aus ihrem verödeten stadtpalast auf ihr landgut.
novellen 2, 74; sie selbst, zur furie entstellt vom gräszlichen entschlusz, der ihren busen schwellt, mit bluterhitztem aug, gestachelt von verlangen. Schiller 6, 416 (
Didos tod 116); so stachelte uns sehnsucht nach der heimath. Grabbe 3, 122
Grisebach (
Friedr. Barb. 1, 1).
auch sonst mit unpersönlichem subject: das immerwiederdurchnehmen der beleidigung, die bemühung, immer noch etwas neues darin zu finden, was durch den reiz der neuheit schärfer stachle, ist reflexion. Ludwig 5, 266; auch der lasterhafte Germane war selten ein verworfener mann. die leidenschaft stachelte ihn, übermächtige versuchung, die noth seines bedrängten lebens und die ordnungslose welt. Freytag 17 (
bilder 1), 201; Boie, mich stachelte heut im ängstlichen traum mein gelübde. Voss 108
Sauer (
das ständchen 1). 2@dd)
absolut: der gegensatz reizt, die ungleichartigkeit der naturen stachelt. Gutzkow
ritter vom geiste 6, 363; wenn ich etwa darüber, dasz wir nicht zugezogen wurden, getobt habe, so ist das nur geschehen, um zu stacheln und hervorzuheben, wie schlecht man uns behandelt. Bismarck
briefw. mit Gerlach 221 (6.
jan. 1855).
so im particip: dagegen erfüllten ihn stachelnde neugier und verhängnisvolle wut, sein schicksal zu kennen bis zum rande. Ric. Huch
von den königen 274; und auch der hat sich wohl gebettet, ... der die stachelnde sucht der ehren von sich warf und die eitle lust. Schiller 14, 117 (
braut v. Mess. 4, 7).
adverbial, im comparativ: dasz sie beisammen sein können, wo er sie nicht sieht, ... das erregt ihn weit stachelnder, als sie zu sehen. Ludwig 2, 125. 33)
die ältere und landschaftliche sprache gebraucht stacheln
auch absolut in dem sinne '
einem spitze, höhnische worte geben',
offenbar als ablaut zu sticheln
empfunden und gern damit gepaart, vgl. das.: auf einen stacheln
etc. v. sticheln. Kramer
dict. 2, 900
a; '
in andern gegenden braucht man es auch figürlich für sticheln.' Adelung; Campe
kennt es nur aus letzterem. belege: gar mancher wenn er trincken sitzt, ... so uberkömpt er manche finn, und wird gar klug in seinem sinn ... sitzt stachlen als ein neydisch hund. Ringwaldt
lauter warh. (1597) 73; es ward auf schöngeisterei gestichelt, auch wol gestachelt. Voss
antisymbolik 2, 18;
mit andrer wendung: dennoch .. stichelte und stachelte das grundböse weib ohne unterlasz in mein böses fleisch, dasz ich schier voraussah, ich würde mich ihrer nicht erwehren können. Spindler
vogelhändler (1876) 1, 191.
folgende stelle läszt sich auch zu 2
beziehen: 'zeig's zuerst beim vater. bei mir brauchst nicht anzufangen', stachelte Fränz. Auerbach
dorfgesch. 4, 136. 44)
das part. gestachelt
ferner in dem sinne '
mit einem stachel oder stacheln versehen',
s. Campe (2)
und th. 4, 1, 4175.
von wespen (Voss
Aristof. 1, 393),
s. ebenda. —
bildlich: Viktor wunderte sich über die allgemeine freimüthigkeit von einer so gestachelten schmeisz-mouche wie Mathieu war. J. Paul
Hesp. 3, 162. — '
in der pflanzenlehre heiszt die mütze einer büchse gestachelt (
mucronatum),
wenn der deckel ganz glatt ist, oben in der mitte aber eine borstenartige spitze hat.' Campe. —
von anderm, bildlich: weil das knochenwerk als floszrechen und gestachelter herisson die pforte versperrte. J. Paul
Katzenb. 2, 10; der ganze künftige lebens-kreuzgang seiner freundin lag gestachelt und gedornet vor ihm.
Qu. Fixlein 132.