schlottern,
verb. zittern, lose sich bewegen, lose hängen, hin und her schwanken, sich wackelnd bewegen u. ähnl. II.
mhd. slotern, slottern
mhd. wb. 2, 2, 415
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 986.
daneben sluttern, schluttern Karajan
H. d. Teichner 38,
anmerk. 75;
vacillare, schlottern, schluttern Dief. 604
b;
so auch mundartlich in Kärnten schluttern Lexer 221;
dagegen schweiz. mit o
in der stammsilbe Hunziker 224. Stalder 2, 331.
vgl. auch schlattern Schöpf 624. Hintner 219;
casanti et dejecto capite, mit schlatterendem kopff. Corvinus
fons lat. (1660),
im register aber steht schlotterender kopff;
s. auch oben schladdern
sp. 262; in einem buch schlattern, herum schlattern. Kramer
teutsch-ital. dict.; die bedeutung eines klappernden, klatschenden geräusches weist auch schlottern
auf, s. unten 3,
b und vgl. schlotter 3
und schlotterlein, schlötterlein. schlottern
und schluttern
sind im nld. und nd. durch genau entsprechende formen vertreten: slodderen,
flaccere, flaccescere Kilian, sloddern Danneil 196
a. Woeste 241
a, sluddern
brem. wb. 4, 839. Dähnert 431
b. ten Doornkaat Koolman 3, 210
a;
vergl. schloddern, schlorren Frischbier 2, 288
a, schlotteren, schludderen,
flaccidum esse Schottel 1402. Alberus (
bei Weigand
4 2, 595)
bietet ich schlodder;
hochd. mundarten haben schlodern Höfer 3, 97. Schm. 2, 538 (schlodern,
schludern), Weigand
a. a. o.;
s. schlodern
sp. 765, schludern.
vgl. schwed. sladdra,
schwatzen, und sluddra
nachlässig reden, undeutlich reden, nachlässig mit etwas haushalten, umgehen. sludda,
nachlässig, schmutzig sein Rietz
svenskt dialekt-lex. 619
b. 628
a.
mhd. slotern
ist eine weiterbildung des verb. sloten,
das Weigand
a. a. o. in hertzschlotten
nachweist. die etymologischen verhältnisse dieser ganzen sippe sind zweifelhaft; man hat auf altnord. sloðra,
sich hinschleppen hingewiesen und die goth. schwachen verba afslauþjan,
in angst versetzen (
eigentlich: zittern machen?), afslauþnan,
sich entsetzen, in diesen zusammenhang gestellt; die engl. wörter (
mundartlich) slud,
schlamm, kot, to slod,
durch schlamm waten sind schon oben bei schlotte 5
erwähnt worden, vgl. Franck
etym. woordenboek 896.
selten nimmt schlottern
in der schriftsprache transitive bedeutung an: wann man die eyer probieren will, soll man sie nit schlottern, denn also zerbricht man das lebhafftig vögelin darinn. Herr
feldbau (1556) 123
b; es wollte mich fast schlottern (
zittern machen). Gotthelf
ges. schrift. 5, 114.
nd. sloddern
in ähnlichem sinne wie slabbern,
beim essen etwas verschütten Woeste 241
a.
vgl. oben schlettern
sp. 652
und die stelle aus Lindener
unter 1. IIII.
gebrauch. II@11)
stark zittern, vom leib und seinen gliedern, zunächst bei frost, angst, aufregung, schwäche, alter, schmerz, todeskampf u. ähnl., dann allgemeiner und freier, auch auf haltung und bewegung bezogen: schlotteren, als von frost oder schräcken,
tremere, trepidare Maaler 356
d.
die neuere sprache faszt schlottern
im vergleich zu zittern
durchaus als das stärkere wort und schränkt seinen gebrauch demgemäsz ein, die ältere sprache wendet schlottern
in allgemeinerem sinne an, verbindet es auch wol mit zittern.
die hierher gehörigen wendungen sind mannigfaltigster art: eins zyttert (
am alten, gebrechlichen manne), das ander lappet do, disz schlotert dort, das rydert hy.
altd. bl. 1, 30, 8; der kalt lufft machet schlotteren. Maaler 356
d,
vgl. Stalder 2, 330. Lexer 221; also geschach dem Chaim der noch der sünd in groszem schrecken und forcht was zittrend und slottrend. Keisersberg
seelenpar. 81
b (1510); einer musz wol leiplich und geistlich schlottern und zittern, der also ein unordentlich leben fürt.
brösaml. (1517) 2, 41
b;
vgl. die folgenden schweizerischen belege: die fast nackenden kinder von wind, regen und schnee, der in die kammer stürmt, zitternd und schlotternd. Pestalozzi
Lienh. u. Gertrud (1831) 1, 114; (
sie) hatte gelernt zu schlottern, wenn sie etwas anrühren sollte. Gotthelf
Uli d. knecht (1841) 191; schlotterten wie espenlaup.
erzählungen 3, 266; es (
das mädchen) schlottere aber schon, wenn es daran denke.
bilder u. sagen 5, 92; obschon ich vor kalter nässe schlotterte. Keller
werke 3, 141;
in der eigentlichen schriftsprache zur bezeichnung eines starken, '
fliegenden'
zitterns: (
da) ich das mädchen dort jetzt schlotternd, zum erbarmen, vor mir sehe. Kleist
der zerbr. krug 7.
zittern und dadurch verschütten (
beim essen des breies): ein fraw sagt, wann sie schlottert, müszt sie bey dem pfaffen ligen. Lindener
rastbüchl. 71;
vgl. oben unter I
gegen ende. auf leib, körper, haut, gebeine, glieder bezogen: der schlotternde körper (
der ohnmächtigen) hing über seine schultern. Göthe 20, 204; das obertheil eines schönen (
getödteten knaben) schlottert in der löwenhaut. 39, 64; sîn leben was sô herte, daʒ her sô sêre studierte daʒ ime daʒ gebeine slotterte in sîner hût.
myst. 1, 210, 7; ich sah ganz deutlich wie dessen (
des pferdes) gebeine unter den rädern knirschten und schlotterten. Göthe 30, 134; eh' mich greisen ergreift im moore nebelduft, entzahnte kiefer schnattern und das schlotternde gebein. 2, 69; als ich das morsche schlotternde gebein zu ruhiger verwesung eingeweiht. 9, 320; (
er liegt) tief drunten auf den harten steinen zermorscht, mit schlotternden gebeinen. Immermann 13, 90
Boxberger; und sagst mir das mit zuckend fahlen wangen und schlotterndem gebein und meinst, ich glaub's? Grillparzer 6, 34; dasz die kühnheit sowohl als die feigheit ein schlottern in den gliedern erregen könne. Bode
Montaigne 2, 380 (1793); kaum .. hatten ihre schlotternden glieder Ottiliens gewand .. berührt. Göthe 17, 407; die zuckung dauerte fort, die vom herzen sich den schlotternden gliedern mittheilte. 18, 229.
auf die einzelnen glieder und theile des körpers bezogen: der kopf schlottert ihm,
caput dejectum quassat Stieler 1858.
wendungen wie die im folgenden belegten sind der neueren schriftsprache fremd: wann ich fasten sol, so schwindelt mir und schlottert mir der kopff. Keisersberg
bilg. 3
a; darumb so gond die rechten werckmeister gemeinlich schlottern mit dem haubt und sehen gegen dem erdtreich als fantasten.
Marie himelfart 8
c; wenn du auff die gasz kompst so geest du mitt dem kopff zu schlotteren (
hier also vom neugierigen hin und her wenden des kopfes) und umb dich zu gaffen.
has im pfeffer Aa 7
b;
als zeichen des bösen gewissens: do nu Abel also tot gelag do wart got der herre erzürnet und det ein groisz zeichen an Kaym, war er ging so slotterte ime das houbet. Merzdorf
historienb. 601; die zung geht auff steltzen: sie stottert, der kopff schlottert (
dem trunkenen). Fischart
Garg. 99
a;
ebenso: czittern die hend, schlottert der kopff.
fastn. sp. 1210; schlottern
der kniee, als wirkung der furcht, des entsetzens, des bösen gewissens u. s. w.: das jr hertz mus verzagen, die knie schlottern, alle lenden zittern.
Nahum 2, 11; wie deine knie schlottern! wie du zitterst! gesteh alter! was hast du gethan! Schiller
räuber 4, 2
schausp.; ich habe dort auf dem linken flügel gesichter bleich werden, und kniee schlottern gesehen.
Fiesko 4, 6; mir schlottern die kniee. ist's möglich? dürfen sie's wagen? Fr. Müller 3, 191; seine kniee schlotterten, seine zähne schlugen aneinander. Grillparzer 11, 249; ich stürzte das zweite glas punsch herunter, die kniee schlotterten mir. Hebbel (1891) 9, 39; bleich wie sein hemde, schlotternd mit den knie'
n. Shakespeare Hamlet 2, 1. schlottern der füsze (
vor altersschwäche): (
wenn) die füsze ... steiff und mager, und folgentlich unvermögend, und schlotternd werden. Paulini
phil. luststunden (1706) 1, 786; schlotternde waden Campe.
von schlaffen brüsten: wider die schlotternde und hangende brüst der weiber: nimb wegwartensafft. Tabernaemontanus
kräuterbuch (1664) 473 B. die ohren schlottern,
aures flaccent, flaccescunt Stieler 1858.
vom teufel umgebrachten schlottern
die hälse: die helse haben inen, als weren sie muorsch entzwey gebrochen, geschlottert und gehangen. Kirchhof
wendunm. 1, 270
Österley. schlottern
des herzens als zeichen der furcht: es schlotteret im sein hertz. Maaler 356
d; die furcht, so da folget, wo die liebe nicht ist, da das hertz balde beginnet zu schlottern. Luther 6, 62
a; meine knochen brechen! mein herz schlottert in meiner brust. Klinger
theater 3, 203. schlottern
in folge von dicke, fettigkeit: schlottern, ...
tremere, trepidare, als dicker leute backen. Frisch 2, 201
c; wenn sie recht fett sind, schlottert bei jeder ruckweisen bewegung der leib wie eine mit gallerte angefüllte grosze blase. Brehm
illustr. thierl. 2, 804.
andererseits sagt man gerade wieder vom mageren: ihm schlottert der bauch, die waden, die backen,
vgl. oben schlotterbauch.
von wackliger, zittriger, ungeschickter, fahriger, wankender haltung und bewegung: (
der mensch) wacklet also und schlottret, er ist unstet in sinem betrachten. Keisersberg
bilgersch. 54
d; er helt nicht still sein hertz, sondern wappelt und schluttert hin und her. Luther 1, 87
b; herbei herbei! herein herein! ihr schlotternden lemuren, aus bändern, sehnen und gebein geflickte halbnaturen. Göthe 41, 318; da drückt' durch enge gassen er schlotternd sich nach haus. Grillparzer
5 2, 168;
freier: nachlässig und wankend einhergehen Schmid 468; geschlottert kommen Campe.
nd. hê sludderd dâr so hen as so'n olden drömer und slöre. ten Doornkaat Koolman 3, 210
a; war es mir plötzlich, als hörte ich auf dem korridor, vor meinem zimmer, etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere gang eines alten mannes. H. Heine 3, 41
Elster; (
die alte) die darauf durch die reihen schlotterte. Rückert (1882) 11, 264; des bettlers, der um jene ecke schlottert. Ludwig (1891) 4, 178.
ebenso in zusammensetzung: daher-, einher-, umher-, hin-, dahinschlottern
u. s. w. s. auch schlottervieh. II@22)
in entsprechender anwendung dann in allgemeinererem gebrauche: die flasche schlottert,
lagena bilbit Stieler 1858; das ey schlottert,
ovum bilbit Steinbach 2, 453; es schlottert auf dem wagen,
dann auch wieder so von personen: man schlottert sich darauf aus. Schröer 202
b; segel schlottern an den raan, wimpeln an der stange,
bei unzureichendem winde; und was das erst, die spinndel fellt jhr ymmermeder in den dreck. zuo dem anndern so schlotert jr die spinndel. Keisersberg
geistl. gunckel (1510) c 6
b; so ist nu der himel zubereit, das er nicht mehr finster ist, noch schlottert und wanckelt. Luther 4, 7
a; wenn alles in der kiste ist, was eigentlich hineingehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas anderes dazwischen. Lichtenberg 6, 63; kräftige saumrosse schleppen .. ein buntverworrenes gepäck, an welchem herum die sämmtlichen instrumente einer betäubenden musik, schlotternd aufgehängt, das ohr mit rauhen tönen von zeit zu zeit belästigen. Göthe 22, 126; in den seitenzimmern schlottern die goldledertapeten an den wänden. 43, 294.
übertragen: das unter jm das reich ist bestetigt, oder fest, und bestendig worden, ... das es nicht wancket, noch schlottert. Luther 6, 131
b; wie liederlich schreibt der mann! alles schlottert, begrifstellung, wortwahl, bewegung. Voss
antisymb. (1824) 1, 284.
sehr häufig von schlecht sitzenden, lose hangenden, hin- und herschlagenden, übermäszig weiten kleidungsstücken: schlotterende kleider, weyte oder lucke kleider, die nit aufgestürtzt sind,
fluxa vestimenta Maaler 356
d; die kleider schlottern ihm an dem
oder um den leib.
nd. de klêr sluddern hör um de bênen. ten Doornkaat Koolman 3, 210
a; ihre strümpffe sind von tuch unförmlich geschnitten, gehen gleich aus, und schloddern umb die beine. Olearius
pers. reisebeschreib. 309
a; läszt die kappe herunter hängen bis auf die schultern und läszt die strümpfe am beine schloddern. Bode
Montaigne (1793) 1, 345; legte ihre linke hand auf ihr schlotterndes halstuch. Thümmel
reise 3, 231 (1794); (
dasz) der dicke, hohe turban um sein haupt schlotterte. Klinger 6, 258; schaw zu, wie schlottern mir mein hosen. H. Sachs
fastn. sp. 3, 120, 198
neudruck. von gelösten, zersprengten fesseln: jetzt hat er (
gott) seinen zorn mit dir geschlichtet, und deine bande schlottern am genicke. Rückert (1882) 1, 24.
ungewöhnliche anwendung auf flatterndes haar: das schlotternde, von gift beschäumte schlangen-hahr. Brockes
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 7. II@33)
mundartliches, besonderheiten. II@3@aa) etwas schlottern lassen,
es gehen lassen, wie es geht, sich nicht drum kümmern Schöpf 624;
ebenso nd.: hê lett dat all' hen sluddern,
seinen schleppenden gang gehen; dat sludderde to lank hen, êr't in örder kwam. ten Doornkaat Koolman 3, 210
a.
auf personen bezogen, nachlässig sein, nachlässig arbeiten, schlaff, nachlässig und träge zu werke gehen Campe;
nd. sluddern,
nachlässig arbeiten Schütze 4, 114 (
vgl. schludern); hê sludderd d'r to lank mit, êr hê d'r to kumd um dör to grîpen. ten Doornkaat Koolman 3, 210
b (
ebenda fersluddern,
versäumen, vergessen, vernachlässigen, verkommen lassen, doch auch wie verkommen).
von fahrigem, unsicherem arbeiten: denn bald so innig, bald schlotternd spinn' ich in wildem trab. Voss 4, 149. II@3@bb)
in alter sprache wird schlottern
auch im sinne von klappern gebraucht: der stain ist .. hol und hât ainen klainen stain in im, der slotert inwendig. Megenberg 445, 17 (
vgl.schlotterapfel).
von hier aus entwickelt sich die bedeutung '
schwatzen': slotern, smetern, snarren, kallen, snappen, claffen, lellen, snallen heiʒet man höflîcheʒ tihten, der eʒ gern wil vernihten. H. von Trimberg
renner 16202.
so noch niederd. schlottre,
schwatzen (
Hinterpommern);
daher schlottertrin, schlottermichel,
schwätzer, schwätzerin. hier eigentlich vom aufwallenden geräusch kochender kartoffeln. nd. korrespondenzbl. 11, 5. 13, 85
b; das fleisch in dem hafen schlodert,
wenn es beim aufwallen einen vernehmlichen laut von sich gibt. Höfer 3, 97. II@3@cc)
im schweiz. heiszt schlottern
den paten zur feierlichen taufhandlung begleiten, die stelle eines taufpaten oder einer taufpatin vertreten; daher schlottergötti,
einer aus dem geleite der taufpaten und ein stellvertreter des taufpaten, ebenso schlottergotte,
f.; das geschlötter,
geleite der paten, die schlotterte,
schmaus nach der taufe Stalder 2, 331;
in anderen gegenden heiszt die stellvertretende brautmutter schlottermutter (
s. dieses oben).
wie diese ausdrücke zu erklären seien, ist schwer zu sagen, wol kaum sind sie, wie Stalder
a. a. o. meint, von den weiten prachtkleidern hergenommen. eher ist der schlottergötte
zu fassen als ein pate, der nicht eigentlich zur handlung gehört, der nur '
so mit baumelt, mit drum und dran hängt',
wie man sagt. auf diese erklärung führen ausdrücke wie schlunz-, fresz-, klunkergevatter,
womit ein taufgast bezeichnet wird, der nicht zugleich pate ist. Kleemann 19
b;
bei Schmid 236
heiszt der vicepate schiszgotte. II@3@dd) schluttern, schlottern,
mit den füszen auf dem eise gleiten, wie es die kinder thun (
in der Wittenberger gegend). Anton
wörterb. der Oberlausitz 4, 5. II@3@ee)
niederd. vom wetter, unfest und unbeständig, regnerisch, schmutzig sein: 't hed de hêle harfst ansludderd. ten Doornkaat Koolman 3, 210
b. II@3@ff) schlottern,
wie sonst schlötten,
mit schlamm, kot, lehm u. ähnl. arbeiten, werfen, spritzen Schm. 2, 538.