kirren ,
stridere, crepare, ein trefflich bezeichnendes schallwort, das merkwürdiger weise der heutigen schriftsprache verloren gegangen ist; vermutlich gab es schon mhd. kirren,
ahd. chirrôn;
in des teufels netz 11186 (
anfang d. 15.
jh.)
ist von schlecht gearbeiteten sätteln die rede, die tuond kirren und krachen.
über das weitere s. das gleichbed. kerren (
wo auch kelt. urverwandtschaft zu erwähnen war, kymr. ger
m. schrei und geran
schreien, gael. gàir
m. u. a.),
neuere verwandte s. unter 3,
c. vgl. auch kirschen
und girren.
häufig erscheint es auch als kürren (1,
b. 2,
a. d),
das in anbetracht des gleichbedeutenden kurren
doch mehr als blosz orthographischen wert haben könnte. 11)
Es bezeichnet allerhand scharfe zitternde töne, besonders höhere, für die das i
sich eignet (
es gab auch karren
und kurren),
töne wie sie auch sonst gern durch rr
ausgedrückt werden, vgl. knirren,
knarren,
knurren, schnarren, schnurren, schwirren,
mit denen man zum theil die folg. kirren
jetzt ausdrücken kann, doch bleiben fälle übrig wo die heutige schriftsprache in verlegenheit kommt. im 16. 17.
jh. erscheint es in allgemeiner geltung, oberd. wie md. 1@aa) wenn du sprichst barm, so machst du das maul zu und kirrest hintennach. J. Böhme
aurora (
Stuttg. 1835)
s. 120,
vom klange des m,
brummen, s. 2,
d; ein klang der zurücke prallet, wird ein wiederhall genannt, der aus zusammenreibung das kirren (kirschen). Docemius
Comenius sprachenthür 332; die fenlin kirren (
im winde). Keisersberg
schiff d. pen. 37
d,
knarren; wiewol er (
Luther) sie mit dem herzen für heilig helt, und (
doch) anders mit der fedder kirret (nach seiner deudschen rede). Luther 3, 51
b (1560 52
b),
es ist dem Carlstad in den mund gelegt; ob ir wol mit der feddern anders kirret.
das., vom knarren der feder auf dem papier, zugleich als bild der scheltenden ausdrücke (
vgl. u. 2,
d); glaser, kannengieszer, schleifer, träher und schlosser die nicht kirren (
unter unfindbaren dingen). Fischart
groszm. 54 (587
Sch.),
vom klange des feilens u. ä.; das kirren der säge. Schönsleder e 8
d; es kirrete und murrete ohn unterlasz (
im bauche, von übriger luft).
Simpl. 1685 1, 103,
bei Kurz 1, 104 kurrete,
wie auch 1685 1, 76 kurren und murren (
jetzt knurren); ein sackpfeif dann am meisten kirrt (
schnarrt), wann sie voll ist und wol geschmiert. Kirchhof
wendunm. 75; die polnisch sackpfeif kirrt so sehre. Fischart
groszm. 43 (577
Sch.); wan die sakpfeif nicht voll ist, so kirret sie nit. Schottel 1140
a.
von einem schwer beladenen oder ungeschmierten wagen: wie ein wagen vol garben kirret.
Amos 2, 13; der löw förchtet .. einen kirrenden wagen oder karren. Keisersberg
hell. löw f 4
a (ein kirrenden wagen der nit geschmirt ist.
brös. 1, 57
b); dise wegen und ires kirren sind erschrockenlich (
schrecklich) dem feind. f 5
a; das rad das am wagen kirrt und knarrt, ist das schlimst oder musz geschmirt sein. Lehmann
flor. 1, 141.
vom knarren einer thüre: die thür hat gekirret von der Glycerio.
V. Bolz
Terenz 29
b (crepuit a Glycerio ostium
Andria 4, 1, 58),
man hörte sie aufgehen; ein dürenangel gar bald kierrt, wann man in nit mit öl ouch schmiert. Brant
narr. 59, 26,
vgl. u. 4,
a; sie ist geschmirt, das sie nicht kirt.
bergreien nr. 5, 3; die hausthür aufheben, das sie nicht kirreten. Pauli
schimpf und ernst 248; wilt du das deine thür nit kirren, so solt dus vor wol beschmiren. Murner
schelm. 63. Maaler
erklärt kirren
oder gyren,
geigen (
scharf tönen)
wie ein zäche wyd, stridere 244
a,
s. gieren. Stieler 960. 958
gibt kirren
von wagen, von der thüre, vom eise, als nebenform von girren;
ja noch Rädlein 538
a kirren,
knarren, als wenn thüren und räder krachen, aber schon Frisch 1, 511
c kennt es nur als alt. bei einem bair. schriftsteller des 17.
jh. von wogen, wie mhd. kërren
vorkommt: wie das meer von wegen der zusamenschlagung und stoszung der wellen alzeit schreiet, klingt, rauscht und kirret .. also haben wir in diser welt sehr vil geschreis, kirrens und getümmels. Albertinus
der welt tummel- u. schawplatz (1612) 112,
wol wie heute brüllen. 1@bb)
ganz gleich auch kürren,
zum theil bei denselben schriftstellern: wenn die sackpfeife nicht voll ist, so kürrt sie nicht.
M. Neander
eth. vet. 347 (29
Latendorf); darum hat er (
der wagen) gekürt und ist mit krachen und schreien zugangen. Keisersberg
pred. 126
b; so der wag mit dem öl .. geschmirt ist, so geet er still und kürt nit mer.
das.; newe wägen knarren und kürren vil. Lehmann
flor. 1, 568. 22)
Auch von menschen und thieren. 2@aa) mit den zähnen kirren,
frendere Dasyp. 363
b, Schönsleder,
vor zorn die zän in einanderen beiszen Maaler 244
a,
infrendeo dentibus, ich kirr Alberus Hh 3
b (
jetzt knirschen): auf das .. die gottlosen .. mit den zeenen kirren und bremsen. Luther 4, 357
a; kirreten mit zennen über in. Melanchthon
anm. zum Römerbriefe zugleich mit zenen kirrten, grisgrammten ungeschewt (
die häscher Jesu). Spee
trutzn. 44.
auch die zähne kirren: scherze nicht mit im (
dem eignen kinde), auf das du nicht im hernach trawren müssest und deine zeene zu letzt kirren müssen.
Sirach 30, 10; das
knirren so vom kirren, ritzen oder zusammen reiben und an einander stoszen der zeene entstehet. Thurneisser
magna alch. 2, 223; es scheumet der mund, die zähne kirreten, der leib hub an zu zitteren. Paracelsus
chir. schr. 540
a.
auch hier kürren: o herr domine, sprach der lolhart und kürrt über mich mit den zenen. Wyle
translat. (
armusen). 2@bb)
schreien vor angst, hunger u. ä., wol hohes durchdringendes geschrei, auch wimmernd jammern: kirren
vor hunger Keisersb.
bilg. 113
d; sihe, ich wils unter euch kirren machen, wie ein wagen vol garben kirret.
Amos 2, 13; das kirren, weinen und zannen der kinder (
bei der zerstörung von Pompeji). Aventin 194
b; deren (
der thiere) seufzen, winseln, geschrei und kirren hungers halber. Olearius
rosenth. 3, 16; dasz iederman laut schreit und kirrt (
beim schiffbruche). Rompler 177; wie läufst du herum, kirrst und klagst, als läge dir himmel und erde auf dem rücken. H. Müller
erquickst. 395,
wol wimmern; so man disen bapst in einer senften daher getragen und vielleicht der träger einer ongefehr gestolpert, hat er oft kirret wie ein sauw. Kirchhof
wendunm. 372
a. 2@cc)
vom schreien der schweine, wie kerren: dasz den altvatter dauchte, er höret ein ganzen haufen seuwe kirren und grenzen zo, zo, zo ... da höret das gedöne und gekirre auf. Luther
tischr. 202
b; das i ist vast der laut des kirrens der sew, wenn man sie sticht oder würget. Ickelsamer a 8; wann die wildschwein angesprengt werden und eins derselben kirret, so kirren und rauschen sie alle mit einander.
des esels adel und der sau triumpf (1617) 169. 2@dd)
auch für murren, brummen von menschen, s. kirricht und mhd. widerkërren
murrend anfeinden Ebernant 1637: ein volk Choromandas, welches auch nicht redet, kirret aber grausamlich. Heyden
Plinius 22.
auch kürren: was kürrest du undern zeenen, du neidiger wolf? was brummelst du voller, dasz ich dich nit versteen kan? Wirsung
Cal. N 2
b; fahen sie an zu murren und kürren wider iren fürgenger (
die Israeliten wider Moses). Mathesius
Luther 1583 45
b; sie (
die böse frau) humbst, sie brumbst ärger als ein daumengrosze hurnauszen, kürret und greint ärger als ein ungeschmirbter schubkarren. Abraham a
s. Clara
närrinnen 125.
s. dazu kerggen
sp. 613 1,
d. 33)
Von gewissen vogelstimmen, vom zirpen der grillen. 3@aa) kirren
wie tauben, gemir Rädlein 538
a: wie die tauben in den gründen, die alle unter einander kirren.
Ezech. 7, 16, Luther
schrieb aber kurren,
es ist später so geändert; hier sieht man fröhlich irren um ihre körbe her mit einem süszen kirren der frommen tauben schaar. Opitz 1, 61; es kirret und girret, verwirret der tauber im grimme. J. Hellwig
nymphe Noris 1, 21; es kirren und girren die tauben. Clajus
bei Schottel 910; das ächzende, kirrende turteltäublein. H. Müller
erquickst. 447 (girrendes turt 448).
auch weidmännisch: kirren,
das rufen der turteltauben, auch locken. C. v. Heppe
leithund 265,
mit dem andern kirren
für locken verflieszend (
sp. 840).
davon kirre
turteltaube, kirreule, kirrmeve.
vgl. im kindermärchen nr. 61: da drückte Bürle dem raben auf den kopf dasz er quackte und 'krr krr' machte. 3@bb)
zirpen: (
man sät die sommergerste) wenn die werre (
erdgrille) kirret und wenn die frösche anheben zu quarren. Colerus
hausb. 1640 205 (8, 13); ja vielmehr der hewschrecken kirren. Glaser
phasm. Frischl. 3, 4. 3@cc)
in dieser bed. auch auszer dem hd.: nd. kirren
vom ängstlichen schreien der hühner, wenn sie einen raubvogel sehen (
brem. wb. 2, 775),
nl. kirren
von turteltauben, engl. schott. chir, chirre
girren, zirpen, schwed. kirr
n. gezwitscher, gegirre (
dän. kurre
girren)
; um so mehr mag auch das hd. wort echt und alt sein. 44)
Jetzt nur noch mundartlich. 4@aa)
kärnt. kirren
und kîren
gellend schreien, heftig weinen Lexer 158, Fromm. 5, 102
a (
zu kîren
vgl. Brants
u. a. kieren
unter 1,
a);
auch bair. bei Schm.,
tirol. Schöpf 313.
schweiz.: der gedanke schauerte ihm durch seine seele und er kirrte mit den zähnen. Pestalozzi 1, 242. 2, 283,
die idiot. aber geben dafür girren, gîren (Tobler 222
a,
s. dazu sp. 2
unten). 4@bb)
aber auch dem md. gebiete ist es noch nicht fremd, es scheint eben erst im aussterben begriffen, in einem sächs. dorfe an der altenburg. grenze z. b. sagt man noch kirren
vom knarren der räder im winter, des wagens beim lenken, der wetterfahne u. ä., im Voigtlande von scharf klingendem weinen kleiner kinder; allgemeiner gilt es noch vom girren der tauben. vgl. kerren 4. 4@cc)
merkw. östr. kirren,
aus vollem halse lachen. id. austr. 87.