girren,
vb. ,
schallnachahmendes wort, seit dem 15.
jh. (
teufelsnetz 11731,
s. u.A 2 b)
zunächst selten, später häufig bezeugt, mundartlich vor allem westobd. verzeichnet. das wort gehört mit 2kirren (
s. d.)
sowie mit gîren (
s. oben unter geiren
und 3gieren
sowie schweiz. id. 2, 406)
aufs engste zusammen, vgl. weiterhin schallwörter mit g, k
und vocal vor r(r)
in ähnlicher anwendung wie gerren, kerren, gurren, gürren, kurren, kürren, garren, karren
u. a. wie die meisten lautnachahmungen läszt sich auch girren
nicht in einen lautlich und morphologisch klaren zusammenhang mit den zahlreichen anklingenden wörtern bringen, vielmehr deutet die grosze variabilität der form auf totale oder partielle '
urschöpfung',
und die einzelnen verba sind nicht etymologisch verwandt, sondern '
elementarverwandt'.
entbehrlich ist daher der ansatz einer idg. schallwurzel gher-,
unter dem auszer dt. garren, gerren, girren, gurren
noch ags. gierran '
garrire, grunnire' (=
nengl. yerr, yirr),
dän. garpe '
schreien wie ein rabe'
u. ä., ferner aind. gharghara '
rasselnd, gurgelnd', ghurghura '
ein gurgelnder laut',
lat. hirrīre '
winselnd knurren',
russisch-kirchensl. gьrkati '
girren (
von der taube)',
cech. hrkati '
krachen, schnarren'
u. s. w. zusammengefaszt werden (
vgl. Walde-Pokorny 1, 605).
damit wird auch Hauschilds
vermutung (
zs. f. dtsche wortf. 11, 176)
unnötig, dasz girren
aus gerren
und kirren kontaminiert sei. das bei annahme einer wurzel gher-
allerdings erklärungsbedürftige i
symbolisiert wie in lat. hirrīre
den hohen ton. bedeutung und gebrauch. girren
bezeichnet verschiedenartige gehörseindrücke, von harten, grellen geräuschen bis zu sanften, leiseren lauten und tönen. im gegensatz zu verwandten schallwörtern, wie kirren, geiren, gieren, gurren,
die im wesentlichen als blosze schallwörter ihre anwendung in älterer sprache und moderner mundart finden, dringt girren
seit d. 16.
jh. mehr und mehr in die literarische, insbesondere poetische sprache ein und entwickelt hier über die reine lautnachahmung hinausgreifende, differenzierte bedeutungen, ohne doch die lautmalende componente ganz zu verlieren. bemerkenswert ist das häufige auftreten in synonymischen oder steigernden verbindungen, die ebenso wie die in syntaktischer fügung oder in assoziativer wortnähe stehenden begriffe in ihrem wandel die entwicklung des wortes girren
von einem bloszen schallwort (
seit d. 15.
jh., s. unten A)
zu einem ausdruck schmerzlich-sehnsüchtiger trauer (
seit d. 16./17.
jh., s. unten B 1)
und von da zu einem mannigfach gefärbten wort der erotik (
seit dem 17./18.
jh., s. unten B 2)
widerspiegeln; vgl. z. b. girren
neben garren,
2kirren, gecken, knittern, knacken, knirren, knarren, gurren
u. a. in der lautmalenden anwendung A
vom 15./19.
jh., neben winseln, seufzen, ächzen, klagen
u. ähnl. sowie adjectiven wie trüb, bang, schmerzlich, matt
in der anwendung B 1
vor allem im und nach dem 17.
jh., neben schmachten, seufzen, sehnen
sowie zärtlich, sanft süsz
u. dgl. seit dem 18.
jh. unter B 2 a
α und β,
und schlieszlich neben 1kirren ('
ködern'), flüstern
und adj. und subst. wie wollüstig, buhlerisch, lockend, begehrlich, wonne
u. ähnl. seit dem ende des 18.,
vor allem aber im 19.
und 20.
jh. unter B 2 a
γ und B 2 b
und c. AA.
als rein lautmalendes wort steht girren
weithin neben kirren (
s. d. teil 5, 841), geiren
und 3gieren (
s. d.),
vgl. auch strideo kirren oder girren, pfeisen Megiser
pol. (1603) 2, 567
a; Henisch (1616) 1615; gyren, girren, kirren
crepare, stridere J. Redinger
vestib. schol. (1662)
im schweiz. id. 2, 406; gieren, girren v. kirren Schottel (1663) 1325. A@11)
als bezeichnung für verschiedenartige meist helle, z. t. grelle geräusche, vgl. girren '
ein getösz machen, rauschen, krachen, concrepare' Henisch 1623;
vom knarren und quietschen einer tür in den angeln, der wagenräder u. dgl.: wiltu, das dein thürn nit girren, so soltu si vor wol schmirren Murner
schelmenzunft 40
ndr.; die thür girret,
ostium stridet Aler
dict. (1727) 1, 947
a;
in der form gürren: so man die thür einschmiert, so gürret sie im wenigsten nit Abr. a
s. Clara
Judas der ertzschelm (1686) 1, 31; er ist wol taub, der das garren disz karren (
des narrenkarrens, den die rosse hoffart, geiz und unkeuschheit ziehen) nit hört; sein gethön, sein girren lat ein zenacht nit schlafen Joh. Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 103
a;
plaustrum gemit, der wagen gyrret von grossem last Dasypodius (1536) 82
d; lasz den karren stehn, schmir in, er girrt sonst Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 74
b; alte karren girren sehr und gern Lehman
floril. polit. (1662) 3, 17; die keiserischen ... schmirwten den karren der massen, dasz er, wie er joch girret, gan muest H. Bullinger (1572)
im schweizer. id. 2, 406;
vgl. Stieler (1691) 658; her! her! butterweiche wagenschmer, dasz die achsen nicht knirren und die räder nicht girren Göthe I 16, 14
W.; das tenn girret Dentzler
clavis germ.-lat. (1716) 135
b; Aler
dict. (1727) 1, 947
a;
vom knirschen des schnees: wann es geschneyet, ... dann es knittert und girret I. C. Aitinger
jagd- und weidbüchlein (1681) 34; wann der schnee zu hart girret H. v. Fleming
teutscher jäger (1719) 337
a; es war nacht und kalt, der schnee girrte unter den füszen J. Gotthelf
ges. schr. (1855) 6, 33;
vgl. gīrig, girrig
grimmig kalt schweiz. id. 3, 407;
ähnlich vom schwefel: derjenige (
schwefel) wird vor dem besten gehalten, welcher, wenn man ihn in der hand hält, knackt und girret H. v. Fleming
vollk. teutsch. soldat (1726) 58;
vom knistern dürrer pflanzen: rixantur herbae aridae, die dürren kräuter krosen, girren Dentzler
clavis lat.-germ. (1716) 663;
vom knirschen der zähne: girren, kirren, pfeusen,
strideo, engl. to gnash or grinde the teeth Henisch (1616) 1615,
vgl. frendeo ich geyre, kirhe mit den zenen oder von zorn Dasypodius
lat.-germ. (1536) 78
a; er girret, er schaumet, er schnauffet vor zorn Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 72
a;
von sonstigen reibegeräuschen: das knarren und girren der reibenden stämme (
im tauwind) Stifter
s. w. 1, 305;
weiterhin vom brechen des holzes: hör, es splittern die säulen ewig grüner paläste. girren und brechen der äste! der stämme mächtiges dröhnen! Göthe I 14, 199
W.; vom knacken der finger und anderer glieder: mit den händen girren
digitis concrepare Henisch (1616) 1623 (
vgl. hierzu alem. von gyrenden glideren
s. v. geiren 2);
hyperbolisch: wenn ich ... ihn niederschmettre, dasz seine adern girren und vor angst ihm das rückenbein knackt maler Müller
w. (1811) 2, 172.
für das geräusch entweichender luft: im finstern girrte der blasebalg H. Zschokke
s. ausg. schr. (1824) 27, 184; die zunge verdorrt und zieht sich krampfhaft zurück, die luft girrt unwillkürlich aus der kehle (
im zustand einer ekstase) Brentano
ges. schr. 9, 328.
vom geräusch im leib: wan der bauch von wein girret, so würt er lichtlich zuo unkeuscheit bewegt Geiler v. Keisersberg
sünden des munds (1518) 5
a. A@22)
von einer reihe nach art und stärke verschiedener stimmlaute. A@2@aa)
im ganzen seltener und wesentlich älterer sprache eigen von gröberen lauten des schweins, esels, auch gröszerer vögel wie der gans, des kranichs, des huhns u. ähnl.: da war der teufel bald hinter ihm her und machte ein gerümpel, dasz den altvater dauchte, er hörete einen gantzen hauffen sawen girren und gruntzen Luther
tischreden (1573) 202
b Aurifaber (
vgl. kirren 2 c
und kerren 2); meinst du dann, das ein waldesel werde girren, wann er ein grasz wird haben, oder ein ochs brüllen, wann er vor einer krippen voll hews stehen wird? Schupp
schr. (1663) 734;
concrepito, girren wie ein esel
thes. lat.-germ. (1687) 210; girren '
geschrey der gänse' Henisch (1616) 1616;
gringitus anserum ... girren Stieler (1691) 659; so heben sie (
die gänse) die köpfe empor ... heben an zu girren und fliegen ... weg Coler
oec. (1651) 1, 495
b;
garrio ... gecken oder girren wie die hüner Corvinus
fons latin. (1623) 622;
gruere, girren wie ein kranich
ebda 653; wie man die kranche hört bei ihren zügen girren, und in der sommerszeit die reifen saaten schwirren, so rasselte der klang von pferden, schild und spiesz J. v. Besser
schr. (1732) 1, 34; die eulen girrten über mir Kretschmann
s. w. (1784) 1, 159 (
vgl. kirreule teil 5, 843). A@2@bb)
ähnlich, doch isoliert, der älteste beleg des wortes von lärmender, keifender menschlicher stimme: an der kanczel girren und garren, gelih als ander narren
d. teufels netz 11731
Barack. sonst von einer bestimmten menschlichen stimmart: girrende stimm bezeychnet leichvertigkeit und unstetigkeit Barthol. Coclitus
phisonomei (1530) b 4
b,
vgl. mit einer kirrenden stimme
with a shrill voice Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1020;
in neuerer zeit mehr von angenehmem klang, wohl unter einflusz von B 1
und 2: ... antwortete eine girrende stimme (
einer quellnymphe) Pfeffel
pros. vers. (1810) 3, 202; eine zierliche, noch jugendlich wirkende erscheinung, ...
dazu eine süsze, girrende stimme, mit der sie den ankömmling freundlich, doch ohne herzlichkeit begrüszte G. Reicke
das grüne huhn (1902) 349.
heute gern von weiblichem lachen, wobei gelegentlich eine erotische componente von B 2 a
γ mitschwingen kann: dasselbe unschuldig trillernde und girrende mädchenlachen P. Heyse 5, 308; einmal wars ihm, als hörte er das girrende gelächter der zwillinge Sudermann
frau sorge (1899) 107; mit einem girrenden kichern
ebda 116; unwillkürlich dämpften sich ihre (
der liebenden) stimmen, zuweilen nur girrte ein lachen des mädchens auf Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 201.
von mit lachen vermischtem stimmengewirr: man trennte sich ... mit demselben girrenden schwall von liebenswürdigkeiten, wie reizend und gemütlich es gewesen H. v. Kahlenberg
die familie Barchwitz (1902) 119.
isoliert und eigenartig: das halbe dorf kam zusammen und girrte vor den ofnen thüren und fenstern leisen beyfall W. Heinse
s. w. 4, 92
Sch. A@2@cc)
in älterer sprache auch als laut des schmerzes, vgl. hierzu auch B 1 b: hilf gott! wie ... girret und kluchzet der hochbetrübte vater (
beim tod des sohnes) Val. Herberger
trawrbinden (1611) 151; sie seufftzet, klaget, weynt, sie heulet, schreyt und girrt D. v.
d. Werder
Roland (1636) 7, 36; und weinen, girren, winseln, schreyn Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 18; (
klage einer schwangeren:) die kleine bürde ist uns ein überschwerer last ... unsre sprache ist weh und ach, unser klagen und zagen, unser seufzen und kneufzen, unser girren und kirren presset die threnen aus den augen Harsdörffer
teutsch. secretarius (1656) 2, 112; (
ein verwundeter,) der für schmerzen girrete, seufzte, ächzte und erbärmlich klagte Er. Francisci
traursaal (1670) 1, 921; seufzen, ächtzen, girren, kirren und klagen
ders. indischchines. lustgarten (1668) 1, 146; das gute kind ... ist erstaunend weinerlich ... so oft ich einem täubchen den hals umdrehe oder einer ente den kopf abhacke, girrt und winselt sie mir die ohren ... voll Möser 3, 61.
so gelegentlich auch von hunden: allda (
vor der höhle) die hunde still stunden, belleten, girreten (=
winselten) Venantio Diana
jagtgesch. (1749) 18. A@33)
einen besonderen anwendungsbereich hat girren
als bezeichnung der stimmen kleinerer vögel und kleineren getiers erhalten, vgl. girren
pipire, fritinnire Kirsch
cornucop. germ.-lat. (1718) 153
b,
s. auch kirren 3 a
und b. A@3@aa)
zuerst, fest und verbreitet für den naturlaut der (
turtel-)
tauben, für den girren
seit dem 16.
jh. (
s. u.B 1 a Luther)
in steigendem umfang das literarische wort geworden ist. eindruck und frühste auffassung des taubenrufs als eines klagelautes (
vgl.B 1 a)
läszt die frage nach einem zunächst engeren zusammenhang mit girren
als laut der klage (
vgl.A 2 c)
offen, das für die taube in dieser färbung eher bezeugt ist als in rein lautmalendem gebrauch, s. u. B 1 a.
in der zoologisch-jagdlichen fachsprache ist girren
von der taube meist specialisiert, im ganzen nicht häufig und jung (
die mundarten kennen es kaum): das nachahmen des girrens, rucksens, kollerns und heulens der wildtauben J. K. v. Train
waidmanns practica 241
Thüngen; Behlen 6, 19; Riesenthal
jagdlexikon2 (1916) 528; der ruf, bei andern tauben das rucksen, hier (
bei der turteltaube) das girren genannt Naumann
naturgesch. d. vögel (1822ff.) 6, 243; die meisten tauben 'rucksen' ... andre 'girren' oder lassen sanft zitternde töne vernehmen, die dem klang des letztgebrauchten zeitworts entsprechen Brehm
tierleb. (1891) 5, 399
P.-L.; der girrende (
turtel)tauber auf der spitze einer fichte ... das girren ist eben auch nur ein liebesgesang des taubers
ebda 5, 422;
vgl. 'girren
sagt man von den tauben, wenn sie einander locken'
Chomel (1750) 4, 1106.
in der allgemeinen anwendung ohne solche unterscheidungen: columba gemit die taube girret
nomenclator lat.-germ. (
Hamburg 1634) 145;
turtur gemens die girrende turteltaube Comenius
orbis pictus (1658) 47; girren, gyren
vocabulum ex sono palumbae ... dictum Stieler (1691) 658; das torteltäublein ... girret, kirret und schmirret J. Ebermeier
εὐζυγία connubialis (1653) 13; es kirren und girren die tauben im schatten
bei Schottel
haubtspr. (1663) 779; das kleine zeisgen pfeift, die wachtel lockt und schlägt, die grasemücke singt, die turteltauben girren Brockes
ird. vergn. (1721) 1, 26; das schaaf blöcket! die turteltaube girrt! der hund bellet! Herder 5, 49
S.; nachtigallen schlugen, tauben girrten Ritter
erdkde (1822) 2, 770; was kollert und girrt hier? ... ein täubchen E. v. Kleist
s. w.4 (1778) 2, 34; turteltauben ... die dir im kopf girren und gurren Bettine
frühlingskranz (1844) 334; in dem garten dort ... schwirrt und girrt die wilde taube, dickicht wächst und hohes gras H. Lingg
ged. (1864) 3, 197; unter dem dachfirste girrten die tauben A. Sperl
d. fahrt n. d. alten urk. (1909) 68; wildtauben girren in den wipfeln über der schule H. Fr. Blunck
d. weibsmühle (1927) 236;
sprichwörtlich: laut girrt die taube, wenn der falke nicht pfeift Düringfeld
sprichw. (1895) 1, 472
a. A@3@bb)
seltener und zumeist jünger als a
von anderen kleinen vögeln gesagt: der sperling girret oder zwircket Comenius
jan. (1638) c 5
b; girren ...
voc. ex sono ... hirundinum Stieler (1691) 658; eine art der schwalben heiszet von girren ghierschwalben
apus Frisch
teutsch-lat. (1741) 1, 350
b; der ... und hingelehnt an stechende gesträuche wie eine schwalbe girrt Schubart
briefe 1, 75
Strausz; die käfer flogen und schwirrten, die finken saszen und girrten Erlach
d. volkslied. d. Deutschen 4, 27; die girrenden küchlein Pyrker
s. w. (1855) 1, 39.
etwas häufiger von der nachtigall: sie (
die nachtigall) murmelt, locket, pfeift und schläget, sie zischet, zwitschert,lacht und girrt Triller
poet. betracht. (1750) 1, 32; horch nur wie lieblich doch die nachtigallen girren! Storm (1899) 3, 135; aus der nächsten baumgruppe ertönte das girren der nachtigall W. v. Polenz
Grabenhäger 2, 150; meise, die am fenster schwirrt und ihr liedchen girrt Hölty
ged. (1870) 99
Halm. —
auch allgemein von kleinerem gevögel, gern auf die jungen bezogen: ihm singt und klingt die ganze welt ... die vöglein auff dem grünen feld alle tschwirren, schrein und girren, alle preisen gott ... mit ihren weisen Angelus Silesius
seelenlust 166
ndr.; laszt girren und tschwirren das vogelgeschrey
bei Fischer-Tümpel
d. ev. kirchenl. 1, 341; der vögel leichte schar, die hier singt, pfeift und girrt Hagedorn
vers. e. ged. 80
lit.-denkm.; tief in der mirte gezweig nistete girrende brut
M. Beer
s. w. (1835) 892. A@3@cc)
gelegentlich auch wie zirpen
u. dgl. von kleingetier wie heimchen, heuschrecke gebraucht, vgl. kirren 3 b: kan eines hasen lauff, kan eines heimchen girren, kan einer eule flug sie gleich wie uns verwirren? C. Abel
Boileau (1729) 62; heuschrecken, die girrten Herder 26, 351
S.; fledermäuse ... girrten und wehklagten Musäus
volksmärchen (1826) 1, 23.
wohl rein literarisch und individuell wie zischen
in der gewollt schauerlichen anwendung auf kröten und schlangen: die eule häulet nur, die grüne natter zischet, die feuerkrette girrt Lohenstein
Agrippina v. 708; wo kröten girren und fette schlangen zischen
ders. Cleopatra (1680) 53; (
vgl. auch ders. Armin. 2, 1405
unten B 2 a
γ und geistl. ged. 84
unten B 1 a
ende);
von daher beeinfluszt: ... (
die geister) die als gespenster irren, durch hölle, lufft und welt, wo kröt und schlangen girren Ziegler
asiat. Banise (1689) 875. A@44)
von musikinstrumenten, zumeist solchen mit hellem, weichem klang; so von der sackpfeife (
vgl. oben 1
ende girren
von dem geräusch entweichender luft)
in der redensart so lang die sackpfeife nicht voll ist, girret sie nicht Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1208
b,
vgl. dieselbe wendung öfter und älter mit kirren
und kürren
oben teil 5, 841.
von flöte, laute, zither (
bei denen freilich häufig ein bedeutungsbeiklang von B 2 b
vorliegt, sieh dort): daher liebten die Perser ... die weiche girrende flöte Schubart
ästhetik der tonkunst (1806) 7; lieblich girrt die sanfte zither — sturm ist meiner seele laut Eichendorff
s. w. (1864) 1, 630; (
von einer schenke) ein zimmer, voll blumenschimmer und kerzenflimmer, wo duftete ros und myrte, wo laut und flöte girrte Fr. Rückert (1882) 11, 296.
vereinzelt auch von lauten hellen tönen: unter freudigem schalle majestätischer pauken und girrender trompeten gehet der prälat an den altar
litteratur des kathol. Deutschlands 4 (1781) 700. BB.
einen eigenen gefühls- und bedeutungsgehalt gewinnt girren
bei der häufigen anwendung auf die (
turtel)
taube dadurch, dasz diese schon früh als symbol von trauer und treuer liebe gilt, bes. biblisch, vgl. Nah. 2, 8;
Jer. 48, 28;
Jes. 59, 11; 38, 14;
Hes. 7, 16;
vgl. teil 11, 1, 1, 166
s. v. taube 2
sowie Jac. Grimm
altdtsche wäld. 3, 34
ff.; Burdach
anm. z. ackermann aus Böhmen 3, 15;
zs. f. dt. wortf. 11, 177;
vgl. auch feste latein. bezeichnungen wie turtur gemens, gemit, s. Wackernagel
voc. var. anim.2 59; Diefenbach
gl. 259
a v. j. 1518
u. ö. so ist der ruf der taube mit menschlichen gefühlswerten erfüllt, und girren
wird in seiner beziehung auf die taube zum ausdruck sehnsüchtiger trauer (
schon im 16.,
vorwiegend im 17.
jh.)
und verlangender liebe (
beginnend im 17.,
vorwiegend seit dem 18.
jh.).
dies ist der weitaus überwiegende gebrauch des wortes geworden, bes. in der dichtung. B@11)
als '
klagen, seufzen'. B@1@aa)
von tauben (
seltener von andern vögeln),
sowie von menschen im vergleich mit der taube, zunächst biblisch und unter einflusz von bibelstellen: ich winselt wie ein kranch und schwalbe, und girret wie eine taube, meine augen wolten mir brechen, herr ich leide not, linder mirs
Jes. 38, 14 (
vgl. dazu Herder 20, 122
S.);
darnach Mathesius
tröstl. de prof. (1565) a 2
b;
Reinicke fuchs (
Rostock 1650) 360
u. ö.; ... derjenige ... welcher auff seinem siechbette wie ein krenich winszlen und wie eine taube girren musz E. Gockelius
curios. beschreibung (1697) )( 2
b;
vgl. auch Henisch 1623; die buszpsalmen, die girrende stimme der turteltaube in den hölen und steinklüften Herder 16, 259
S. auch sonst häufig in älterer religiöser literatur: die Zion, die in herbem leid erstickt, der die angst den brunn der thränen gantz erschöpfft, die mattes sehnen nur noch allein mit schwachem geist ausdrückt, die wie ein turteltäublein girret A. Gryphius
lyr. ged. 246
Palm; kanst du vor schwachheit nicht mehr beten, so girre wie ein turteltäublein Sperling
Nicodemus quaerens (1718) 1, 1212; und da fänget er an zu seufzen und die last und den fluch des gesetzes zu fühlen, da fänget er an zu girren, wie eine turteltaube, da entstehet in ihm ein sehnliches verlangen nach der gnade gottes A. H. Francke
sonn-, festtagspred. (1746) 496; ey so will ich feste glauben dasz auch mich dein (
Jesu) auge sieht, dasz das girren deiner tauben nicht umsonsten hier geschieht B. Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 252.
doch auch weltlich gemeint, girren
als klage um verlust, tod oder unfreiwillige abwesenheit einer geliebten person, der ehegatten, der liebsten, der kinder, eltern; rein als ausdruck der trauer, noch ohne erotischen beiklang, z. t. noch in verbindung mit der religiös bestimmten anwendung und auf biblischer grundlage (
vgl. Hes. 7, 16): wie ein turteltäubelein in der wüsten seufftzt und girrt, wann es sich befindt allein, und von seinem lieb verirrt: also ächtzet für und für, Jesu, meine seel nach dir (1657) Angelus Silesius
heilige seelenlust 10
ndr.; wie wenn der donnersturm der wetter sich verzogen ... der tauben matte schar sich an der sonn ergetzt und rück und flügel, die des regens fall durchnetzt, abtrocknet bei der wärm und die verscheuchten jungen lockt aus des felsen kluft mit girrend-trüber zungen (
weil deren verlust zu befürchten ist) A. Gryphius
trauersp. 215
Palm. freier: trauergedicht ................. wann die leichte federschaar, die jetzt girret in dem schatten, buhlte mit dem frühlingsgatten
bei Harsdörffer
gesprächsp. 5 (1645) 52; gleich wie ein vogel girrt, wenn ihm sein ehgemahl vom garn erhaschet wird, der stets sein einsam seyn rufft aus auff allen bäuen so bin anietzo ich P. Fleming
deutsche ged. 1, 9
L.; (
sie wollte) einer verwitweten turteltaube ... im trauern, ächzen und girren ähnlich sein Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1597
b; hört! wie die turteltaub umb ihren buhlen girrt, der in der sterbligkeit einöder wüsten irrt (
Antonius gedenkt der Cleopatra) Lohenstein
Cleopatra (1680) 3, 555; die girrende turteltaube über den verlust ihres ehegatten J. G. Neukirch
anfangsgründe (1724) 246; girrt sie schon itzt betrübt, als eine turteltaube, und wünscht, aus überdrusz des lebens, sich den tod (
die gattin beim tode ihres mannes) Triller
poet. betr. (1750) 5, 417; die mutter, die um euch (
die vaterlosen waisen) als turteltaube girret, weisz vor bekümmerniss vor sich auch keinen rath J. v. Besser
schr. (1732) 1, 310
König; wie tauben müssen wir um mann und vater girren Chr. Fr. Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 222.
so gilt dann auch der taubenruf girren
als trauerlaut schlechthin, auch ohne besondere motivierung: ihre liebe schwester girrt wie eine taube, ohne einen laut von sich zu geben, aus dem sich entnehmen liesze, wie ihr zu helfen wäre Hamann
schr. 6, 233
Roth-W.; mit leisen klagen, wie sie die taub im holze girrt Kretschmann
sämtl. w. (1784) 1, 158; in dieser laube, wo, schwermuth girrend, eine turteltaube Matthisson
anthologie (1803) 11, 114.
so gelegentlich auch von andern vögeln, doch sehr viel seltener: (
auf Golgatha) wo rab und geier girrt ein bangsam grabelied, wo krötennester sind in holen todtenköpfen Lohenstein
geistl. ged. (1680) 84; wehklagende schwäne tönt aus girrenden kehlen melodische halle des grames J. H. Voss
Theokritos (1808) 369. B@1@bb) girren
von menschlicher klage und trauer ohne ausdrücklichen bezug auf das taubenmotiv kann direkt auf die lautmalende anwendung A 2 c
zurückgehen; die häufigkeit dieses gebrauchs in religiöser sprache des 16.
und 17.
jh., dann in allgemeinerer verwendung im 17.
und 18.
jh. macht jedoch vermischung mit B 1 a,
zumeist herleitung von dort da wahrscheinlich oder sicher, wo girren
über die blosze lautnachahmung des schreiens hinaus ausdruck seelischen leids ist, durchweg in den situationen von B 1 a,
bes. wo einflusz der bibel (
Jes. 38, 14)
vorliegt: das sie lernen im gebet girren und seufftzen: ach herr, stercke uns den glauben Mathesius
Syrach (1586) 37
a; wie manch betrübtes hertz hat unter dem leidigen papistischen antichristenthumb gegirrt und geseufftzet S. Gedicke
postilla (1609) 1, 2
a; ich sehe nicht, dasz du leydlich thust mit worten und geberden ... dasz du girrest und winselst mit Hiskias, dasz du dich ängstigest und schämest H. Müller
geistl. erquickst. (1666) 325,
ebda 39 (
Jes. 38, 14); so seufzet, so girret noch zu Jesaias zeiten die stimme ihrer gebete Herder 19, 149
S.; mein stiller gottesdienst weist keinen Baalstempel, mein girrend klagelied nicht auf verzweiffelung H. W. v. Logau
poet. zeitvertreib (1725) )( 4
a; gefällts ihm (
Jesus), dasz ich hier soll in der wüsten girren, es sey so wie er will, mein creutz verdopple sich B. Schmolck
sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 101.
auszerhalb der religiösen sphäre: (
der geliebte musz scheiden) ach wilstu (
das bett ist angeredet) nun anstat der verliebten entzückungen mit girren und wehklagen erfüllet werden? Chr. Weise
die drei klügsten leute (1675) 11;
vor allem von der totenklage: hier weint der ehemann, der theure vater girrt Hoffmannswaldau
ged. 7 (1727) 312
Neukirch; ... als er bei jener gelegenheit (
dem tode der braut) schmerzlich gegirret und geklaget hat Gottschedin
briefe 1, 134; ... wenn meine seele girrt J. J. Schwabe
belust. (1741) 1, 143.
sonst seltener: sollten fürsten anders sprechen, als es herz und seele denkt? ... lieber wollt ich matt von durst, in verbrannten feldern girren v. Schönaich
Heinrich der vogler (1757) 63; blick in dumpfe lazarethe, wo die sieche armuth girrt Schubart
s. ged. (1825) 1, 25;
als vereinzelter nachklang noch im 19.
jh.: dies seufzen, stöhnen, flehen, schwirren, die geisterklage, die hier tönt, sie fleht zu mir — dies bange girren! es fleht aus mir, ach, seid versöhnt! Brentano
ges. schr. (1852) 1, 373.
äuszerlicher: das über den herrn verleger, über den ich sonst noch sehr klagen und girren könnte (1774) Herder in:
aus Herders nachlasz (1861) 57. B@1@cc)
als präpositionale verbindung ist girren nach '
schmerzliches verlangen tragen oder äuszern'
sehr häufig in diesem bereich von B 1 a
und b,
auch mit abstractem object (girren nach
mit erotischem gehalt sieh unter B 2 a
δ): nach dir, dem rechten weg, ich girre
bei Fischer-Tümpel 5, 473
b; herzensheiland! schenke glauben deiner tauben ... nach dir girret meine seele in der höle bis sie sich von hinnen schwingt (
eine sterbende spricht)
bei Jung-Stilling (1779) 4, 185; die stimme der alten propheten, die ... als turteltaube nach dem erlöser Israëls lange gegirrt hatte Herder
w. 20, 122
S.; ich werde viel gewinnen, wenn deine blöde magd, die für dir säuftzend kniet und nach dem tode girrt, durch deine faust sich sieht durch keinen Römer fallen Lohenstein
Sophonisbe (1680) 2, 346; ists eine taube, die nach ihrem gatten girrt? (
von einer klagenden witwe) Hippel
lebensläufe n. aufst. lin. (1778) 2, 590; du siehst ganz Preuszenland nach schutz und hilfe girren (1736) Gottsched
ged. (1751) 1, 394; was hilfts, nach rauchgestalten matt zu girren? Immermann
s. w. 16, 125
Boxb.; o vogel, der nach freiheit girret, und den des leibes käfich irret Fr. Rückert
ges. ged. (1837) 2, 426.
vgl. damit bereits: mein leib stets eingesperret wird, der sinn hinaus mit ängsten girrt (
von einer nonne)
Reinicke fuchs (
Rostock 1650) 132. B@22) girren
mit wesentlich erotischem gehalt; von tauben, auch von andern vögeln, namentlich aber von menschen, mit und ohne beziehung auf die taube; beginnend im 17.
jh., vor allem im 18.
jh., in mehrfacher bedeutungsabschattung, im 19.
jh. wieder abnehmend; bis heute neben der lautmalenden die lebendige bedeutung des wortes; vgl. girren wie die taube, wie lieben H. Braun
dtsch. orth.-gram. wb. (1793) 123; ein girrender liebhaber Campe 2, 380
b. B@2@aa)
vom liebeswerben, meist des männlichen partners, doch sieh γ. B@2@a@aα)
zunächst anknüpfend an B 1 a,
noch als klage über den verlust der geliebten, doch erotisch motiviert in unglücklicher liebe: o Pan, der du in wäldern irrest ... der du wie eine taube girrest, wann vor dir flieht, die dein sinn lieb gewan S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäf. (1645) 59; jetzo geh ich in die wüste ... in den wäldern will ich irren ... mit verwaisten tauben girren, bis der gram mein leben raube (
als ihm seine liebste ein andrer entführte) Günther
ged. (1735) 276.
als '
liebesseufzen, liebesschmachten': ich weisz, du verlangst nicht, dasz ich wie ein turteltauber zeitlebens für eine einzige geliebte seufze und girre Ayrenhoff
w. (1814) 4, 122; um Chloen girrst du wie die turteltaube und sendest tausend sehnsuchtsseufzer ihr J.
M. Miller
ged. (1783) 93; wenn Nifus, als getreuer hirt, nach siebzig wintern noch verliebte seufzer girrt Wieland
s. w. (1794) 9, 237; banges, girrendes sehnen, herrlich erhabene pein maler Müller
w. (1811) 1, 331; als girrend du zu meinen füszen sankest und liebe heuchelnd dich um meine gunst ... bewarbst E. Raupach
dram. w. (1835) 13, 68; zu den füszen einer frau zu girren Immermann 7, 238
Boxb.; das ewige schmachten, girren und seufzen sei mir nun schon zum sterben langweilig Agnese Scherbest
aus d. leben einer künstlerin (1857) 65.
als erotisch-liter. mode (
schäferdichtung)
seit ende des 18.
jh. abschätzig beurteilt: freilich krümmt Franz sich nicht wie ein girrender Seladon vor dir — freilich hat er nicht gelernt, gleich dem schmachtenden schäfer Arkadiens, dem echo der grotten und felsen seine liebesklagen entgegen zu jammern Schiller 2, 111
G.; nach heutigem brauch zu weinen, zu girren, trübsinnig in den mond zu schauen, zu rasen, vor liebeswuth gift zu fressen, sich den hals abzustürzen, ins wasser zu rennen, sich aufzuhängen Musäus
volksmärchen (1826) 1, 63; von girrenden liebeskrankenden schäfern E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 50
Gr. B@2@a@bβ)
zärtlich, galant, verführerisch um liebe werben, der schmerzliche ton ist gemildert oder völlig verschwunden: welch ein leben, fromme Psyche, wenn ich turteltäubchen gliche? ich umhüpfte dich, spielte dir im schoos mit freuden, girrte schmachtend zärtlichkeiten, und du liebtest mich! Schiller 1, 262
G.; vgl. mit einem sanften girren
ebda 4, 21; seht diese weichheit, wie zärtlich sie für koketten girret
ebda 2, 18; (
der castellan) der so zärtlich lieder girrte Uhland
ged. (1898) 1, 208; und mit süszen schmeicheleien und mit höflingskunst girren rastlos sie und freien um des fräuleins gunst Kind
ged. (1817) 1, 108; er wuszte sein wörtchen so traulich und süsz in ohr und herz ihr zu girren Bürger 61
a Bohtz; ach lasz das girren! mädchen zu kirren hält nicht so schwer Grillparzer
s. w. 7, 262.
auszerhalb des erotischen, von verführerischer rede; z. b. in biblischem sinne: achte seinen rat dem girren jener ersten schlange gleich Geibel
w. (1888) 4, 234.
in vermischung mit 1kirren 2 b (
s. d.): ... dich vollzusaugen am süszen schmeichlerischen gift der schlangen, hast dich in das geheimnis meines lebens geschlichen, um mich zu girren, zu ködern, wie man gleiches mit gleichem überlistet?
F. G. Kühne
freimaurer (1855) 53.
etwas anders: 'die französische lockung' girrt den Deutschen mit der ewig beweinenswerten schlacht bei Mühlberg an der Elbe Gutzkow
ges. w. 10, 364. B@2@a@gγ)
mit hervorkehrung des grob-sinnlichen, wollüstig buhlerisch girren;
in dieser bedeutung nur vom weibe gesagt; auch mit verschobenem subject und in abstracter wendung; noch kaum hergehörig: die kröten girrn vor brunst Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1405
a,
wo girren
wohl mehr lautmalend sein soll, vgl. A 3 c;
spürbar wird diese wollüstige färbung sonst erst gegen ende des 18.
jh. (
s. u. bei Wieland, Forster),
im 19.
jh. tritt sie stärker hervor und gibt so dem wort meist einen verächtlichen beiklang, der seine anwendung mindert: (
der steig) der ferne von der wollust girren und von dem taumel seitwärts geht E.
M. Arndt
w. 3, 50
R.-M.; wie lacht ihr auge, wie girrt ihr mund: wärst du nicht mein liebster, ich stürbe zur stund! Hoffmann v. Fallersleben
w. 3, 6; Sophiens lockendes girren konnte er nur mit gleichem, aber höhnischem lächeln erwidern K. Gutzkow
ges. w. (1872) 5, 374; und sie redet, redet und ... flüstert und girrt Holtei
erz. schr. (1862) 14, 56; doch schöner weiber girren kann prahlende männer kirren A. v. Kotzebue
dram. w. (1827) 1, 258; das girrende, aufgelöste, begehrliche dieses weibes war ihr zuwider Hans v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 181;
bildlich: der schrei, womit die stadt, die herrliche hure, nach dir lechzt ... girre dein buhllied ... es lockt mich nicht (
in die weltstadt zu kommen) Hans Watzlik
d. alp (1923) 284. B@2@a@dδ)
in diesen anwendungen α-
γ nicht selten die präpositionale verbindung girren nach (
vgl. dazu oben B 1 c): ein täuber girrt nach seinem turteltäubchen wie ich nach dir J. Fr. Löwen
schr. (1765) 2, 127; nun suchte sie unaufhörlich ihren buhlen auf, sie girrte und seufzte bey tage und bey nacht, ohne ruhe und zerstreuung unaufhörlich nach ihm Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 2, 155.
nach girren A 1 c
hinüberweisend (
vgl.gerren weinen, bes. von kindern): nun hauch ich meine seele schier erseufzend in die winde und girre kläglich hin nach ihr gleich einem kranken kinde Bürger
das harte mädchen in: Gött. musenalm. auf 1792
s. 93
Redlich; doch wird auch da dein herz nicht ganz verstummen und laut genug nach mir, vergebens!, girrn v. Göckingk
ged. (1780) 1, 107. B@2@bb)
übertragen auf lied und sprache von der liebewerbenden menschlichen stimme her: ein gewisses wollüstiges girren und hinsterbende töne (
von einer sängerin) Wieland (1794) 7, 70; wollüstiges, schmachtendes, hinsterbendes girren, vorgetragen mit dem silberton eines entmannten J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 496; wo noch der Sappho lied nach ihrem Phaon girrt v. Cronegk
schr. (1766) 2, 133; wenn mein lied euch liebe girrt Rückert 2, 128; ihr einzigen für die noch kein sonett gegirret Schiller 1, 234
G.; zu buhlerischem girren lasz du ihn niemals kirren der ernsten sprache klang Uhland
ged. (1898) 1, 62.
auf bestimmte musikinstrumente, bes. die flöte, übertragen (
in eigentlicher anwendung sieh oben A 4): lydische flöten, deren girrendes verliebtes flüstern die redenden bewegungen der tänzerinnen ergänzte Wieland
Agathon (1766) 1, 52; ein wollustgirrendes getön von flöten stört der sinne ruh
ders. w. (1855) 12, 302; von allen erkern und söllern, aus allen fenstern und thüren girren und seufzen flöten und geigen, schmettern die hörner, rasseln die pauken R. Prutz
d. musikantenthurm (1855) 1, 4; durch die nacht einer laute klang erwacht, klagend, stöhnend, mitleid flehend ... girrend bald gleich zarten tauben Grillparzer
s. w. (1892) 4, 21.
verschiedentlich abfällig zur kritischen charakterisierung einer literarischen strömung, dabei gern mit flöten
parallelgeordnet: (
die dichter) glaubten, sie hätten genug gethan, wenn sie könnten girren und flöten von nachtigallen, von lieb und wein Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 1, 45; dies girren und flöten der romantiker Laube
neue reisenov. (1836) 2, 27; die dichtkunst sei erstorben, hört man sagen, doch die am lautesten darüber klagen ... wir sahen sie mit flöten und mit girren selbst einst im groszen musenhaine irren
M. Greif
ged.5 392. B@2@cc)
ohne das bedeutungselement der werbung vom zärtlich kosenden liebesspiel glücklicher paare; von vögeln vielfach mit A 3 a
verrinnend: wie buhlen dort die tauben? wer kann ihr girren nicht verstehn? Hagedorn 3, 35; von ... dem verliebten girren zärtlicher tauben Heinse 3, 86
Schüdd.; umwogt uns schattend, ihr dunklen lauben, und liebe girret, ihr sanften tauben
F. Bach
ged. (1900) 65; (
die schar) der liebegirrenden schwalben (1797) Fr. W. A. Schmidt
ged. 38
Berliner ndr.; hand in hand wollen wir uns laut küssen und unsere wonne girren zwischen rosen gelagert Heinse 4, 161
Schüdd.; dann, lieber, lasz im mondenscheine die girrenden für sich alleine (
d. i. die beiden liebenden) Thümmel
reise (1812) 5, 287
Göschen; die ersten monathe ..., welche ... neuverehelichten paaren die zeit einer girrenden zärtlichkeit zu sein pflegen Chr. Fr. Nicolai
Nothanker (1773) 1, 1; liebt und girrt, solange diese herzen noch zusammenhalten Bonaventura
nachtwachen 133
lit.-denkm. abstrahiert: freude girret im forst, flöthet im blütenstrauch Matthisson
schr. (1825) 1, 43.