ziebel,
f.,
zwiebel, allium cepa, die wurzelknolle und die ganze pflanze, auch knolle anderer zwiebelgewächse; die nicht zu schriftsprachlicher geltung gelangte nebenform von zwiebel (
s. d.)
; beide wurzeln im rom., in ital. cipollo,
m., oder mlat. cipolla,
f., abkömmlingen des lat. cēpulla:
das nd. hat sein -p-
unmittelbar aus dem klosterlatein bezogen, das obd. -b-
ist aus einer rom. dialektstufe mit -b- (
vgl. prov.-span. cebolla)
übernommen; im bair. aber schreitet -b-
über -v-
zu -f-
weiter und nimmt die anfangssilbe ein -w-
auf, zwei wandlungen, zu denen wohl lautliche ursachen den anstosz gegeben, aber anpassung an deutsche wortkörper erst den abschlusz gebracht haben, indem zwibollo,
m., als '
zwiefach gehäutete knolle'
aufgefaszt und die eigentlich bair. wortform zwivollo,
m., an ahd. zwivalt
angelehnt zu sein scheint. der hier gezeichnete lautstand liegt schon in ahd. zeit fertig vor: einerseits alem. zubullo
ahd. gloss. 3, 487, 7,
alem.-südrheinfränk. zibolla 3, 108, 48
f., anderseits bair. zwivolle 3, 579, 9; 4, 214, 17,
ostfränk. zwippoln 3, 536, 43; 537, 51
öft.; dem nd. sprachgebiet gehören zu cypolle, cipolle 3, 552, 13; 20;
accentverlagerung führt zu cibel 3, 51, 18, zwifal (
hs. -s-) 3, 108, 48,
spätmhd. zibele, zibel, zwibel, zwifel,
mnd. sipele, sipel,
mnld. cipel, sipel, chibole,
doch bleibt auch mnd. tzipolle, sipolle
im gegensatz zum mhd. schwindenden zi-, zwibolle
im gebrauch. aus dem nd. bezieht der norden sein altdän. cipul,
mschwed. sipul,
finn. sipuli;
s. die belege zs. f. wortf. 6, 198 (
für die glossen); Graff 5, 731;
mhd. wb. 3, 956
a; Lexer 3, 1212; Schiller-L. 4, 215
b; Verwijs-Verd. 1, 1506; Diefenbach
gl. 84
a; 113
b;
sowie zum sprachgeschichtlichen vorgange Frings
Germ. rom. 92; Kluge-Götze
etym. wb. 722
b;
bes. Lessiak
konsonant. 206 (
auch für die gliederung des modernen kartenbildes).
die heutigen maa. kennen zw-
formen im bereich des österr.-bair., des mittel- und nordschwäb., ost- und rheinfränk. rechts des Rheins, des moselfränk. sowie im obersächs. mit Altenburg, Vogt- und Egerland und im schles., und zwar österr.-bair. und ein ostschwäb. streifen zwīfel, zwifel,
m., obersächs.-vogtländ.-nordwestböhm. zwīfel,
f., mittelschwäb. zwībel,
m., nordwestl. Württemberg, rechtsrhein. Rheinfranken sowie moselfränk. zwiwwel,
siebenbürg. zweibel, zwibbel,
in theilen von Obersachsen auch zwīwel,
f.; nd. -p-
reicht ins obersächs. und nordwestböhm. sowie schles. (zwippel),
ferner ins südöstliche Hessen (zwüppel
Rhön)
hinein; vgl. Schmeller-Fr. 2, 1174; Schöpf 834; Lexer
kärnt. 268; H. Fischer 6, 1446; Müller-Fr. 2, 720
a; R. Wenisch
nordwestböhm. ma. 91
b; Crecelius 2, 940; Hofmann
niederhess. 273
b; Christa
Trier. ma. 226
a; Pritzel-Jess.
volksnam. d. pflanz. 18.
die heimat der w-
losen wortgestalt ist das alem. gebiet (
Schweiz, Elsasz, Schwaben bis zur linie Neuenbürg über Tübingen zur Iller: schweiz. zībele,
f., selten m., elsäss. ziwwele,
f., selten m., schwäb. zībel, zibbel, ziwwel,
m.),
Lothringen, Saarland, Pfalz (ziwwel,
f.),
Kurhessen und Thüringen (zibbel,
f.),
ferner mit -p-
oder -pp-
das gesamte nd. gebiet nebst angrenzenden md. strichen, wobei die östliche hälfte noch die volle endung -olle, -ol,
die z. th. noch den wortaccent trägt, bewahrt; westfäl.-wald. diphthongiert den stammvocal zu -ei-;
das geschlecht ist durchgängig das femininum; die belege s. bei Stalder 2, 470; Seiler 324
b; Martin-L. 2, 890
a; Ch. Schmidt
Straszb. 121
a;
els. 440
a; H. Fischer 6, 1446; Follmann 559
b; Schön
Saarbr.2 236
b; Autenrieth 156; Vilmar 471; Hertel
Thür. 267; zippel:
M. Schulze
nordthür. 47
a; Kleemann 26
a; Hentrich
Eichsfeld 77; Jecht
Mansfeld. ma. 128
a; Liesenberg 223; Bruns
volksw. d. prov. Sachs. ostteil 77
a (
neben -bb-); Schambach 308
b; C. Schumann
wortsch. v. Lübeck 8 (zipal, zibbel
aus -pp-); Richey
2 352; Schütze 4, 383; Mensing 4, 481; Frischbier 2, 495
a; Fischer
samländ. 101; zīpel, zeipel: Woeste-
N. 237
b; 330
b; B. Martin 278
b; ten Doornkaat-K. 3, 186
a; zipólle: Vilmar 471
für Niederhessen; Bierwirth
ma. v. Meinersen 51; Block
id. v. Eilsdorf 102
b; Mi 110
a; Danneil 252
b; Dähnert 561
b;
auch brem. wb. 5, 313;
hieraus jüngeres zpol: (
Westprignitz)
nd. jahrb. 31, 142; (
Stavenhagen) Grimme
plattd. maa.2 151; (
mittelpomm.) Pfaff 47.
überniederdeutsches t-
erscheint im grenzstrich von Mülheim—
Ruhr—
Gummersbach (tipel)
und im götting.-grubenhag. twiwel: Schambach 239
a.
ältere entlehnung als die beschriebene hatte das grundwort lat. cēpa
als cive
ins franz. und in der form cípe
nach England gebracht. deutsches sprachgut konnte dem eroberungszuge des fremden wortes, dem die überlegene gartenpflege der klöster starken vorschub leistete, nur im schutze lautlichen und begrifflichen anklangs standhalten, indem heimisches bolle,
f. m., das jeden kleinen gegenstand von kugelform bedeutete, die rolle des fremden zibolle, zipolle,
aber mit beschränkung auf die zwiebelknolle, übernahm, so ostschweiz. bölle,
m. f., unter geringer lautwandlung gegenüber bolle,
m. f., dem der allgemeine begriff verblieb (
schweiz. id. 4, 1175;
auch südbad., s. Ochs bad. wb. 1, 287
a),
das nur in wenigen spuren nachweisbare bulle,
f. (H. Fischer 1, 1514), bölle,
f., (1275)
der Schwaben, denen Keisersberg
brös. 2, 53
b diese benennung ausdrücklich zuspricht: cepa heiszt ein zübel, und bulla heiszt auch ein zübel; ... davon kummet unser tütsch züblen, von cepa, zy, und bulla, und sprechen zebulen; in Schwaben spricht man bullen,
namentlich aber brandenburg. bolle,
f. (J. S. Elsholtz
gartenbau [1672] 147;
armenordnung von 1703
bei Mylius
corp. const. march. 1, 2, 145),
das sich jetzt z. th. von böllen
plur. flachsknotten, samenkapseln des flachses abhebt. andernorts kann bolle
neben seinen anderen anwendungen auch auf die knolle der zwiebel bezogen werden: Müller
rhein. wb. 1, 856.
dem altheimischen namen der zwiebel, lauch,
m., der wehrlos dem angriff des eroberers ausgesetzt war, verblieb nur am Niederrhein nördlich der Ürdinger linie kärglicher besitz (look,
m.),
und im ripuar. gebiet vermochte er sein dasein durch die verschmelzung mit dem zweiten rom. eindringling, lat. unio,
m., zu fristen: altes cepe unelouh
ahd. gloss. 3, 471, 16—18, unelouch 403, 13, unloich 387, 40
ergibt modernes öllich, -ik;
auch ags. ynneléac
zeugt von demselben mischungsvorgange; unio
lebt als ön
in der Eifel, als un
in belgisch Limburg; s. Frings
zs. f. d. maa. 1923, 212
ff. und sprachkarte in Aubin-Frings-Müller
kulturström. in d. Rheinland. 33.
liter. belege: rettich, zibellen (
elsäss. 1302) Schöpflin
Alsatia dipl. 2, 78; von zubelen (1369)
württ. vierteljahrsh. n. f. 21, 190; der sam des zibelen H. Österreicher
Columella 2, 245 (
schwäb., aber zwibel 166; 259); synd esz doch warm regen und muosz der zyboll (
des safrans) geben, was er hautt ... sy werden kain saffran hon, esz wachs das grasz vom zybollen und gangen wenig blomen uff (1511) Schulte
Ravensburg. handelsges. 3, 455; Christus wer so ... mült wie ain geschwaizter zübel in ainer wassersuppen
zimm. chron.2 2, 603
B.; s. H. Fischer 6, 1447; wir gedenkend ... der kürbsen, peben, lauch, böllen und knobloch
4. Mos. 11, 5
Zürch. bib. von 1531,
aber 1548 zibelen, 1667 zwibelen (zwifel
erste bibel; zwibel Luther); ein gebratner zibel ist gut zu legen über einen eiszen Keisersberg
seelenpar. 217
b; der zibelen messens halben (1524
Colmar) G. Franz
bauernkrieg 2, 188; zibel (1525
Solothurn) 278; zibellen (1525
Bern) 328; roch ziblen über nacht in wasser gelegen und das wasser uff feyszts oder wol gedüngtes erdtrich gegossen, so schlieffent sie (
regenwürmer) dar usz H. Braunschweig
kunst zu distill. (1500) 95
b; dann kompt der münch ouch mit dem sack, so gibt der pur, was er vermag, weitzen, korn, kesz und zibel Murner
narrenbeschw. 112
ndr.; wie wol sy (
die bauern) yetz einfeltig sindt, als man Larer zibel findt 238
ndr., undurchsichtige anspielung auf die '
einfachen'
Lahrer zwiebeln; auch: Paulus Hug was ein einfalt kind, geleich als die Lorer ziblen sind
ders., fier ketzer O 2a;
vgl. hierzu Ch. Schmidt
els. wb. 440
a; wann in got ziblen und knoblauch bereit Wickram 2, 54
B.; Luther
s haussprache wandte gewisz zippel
an, wie er auch geschrieben hat, vgl.: also das auch die Egypter vorzeiten glaubten, das ein ochse, hund, ... wrm, ja auch zippeln und knoblauch gOetter weren
schr. 8 (1568) 39
a;
aber für die bekannte bibelstelle 4. Mos. 11, 5
wählte er die obersächs. wortform (
cit. s. ob.)
und sicherte damit deren aufnahme in die schriftsprache; doch wohl die heimische form gebraucht des reformators engster landsmann Joh. Agricola: warumb bliben wir nicht in Egypten und aszen zippeln und knoblauch?
sprw. (1534) F 7
a; sie ... vermischen ihn (
den rogen) ... mit ... zipollen A. Olearius
pers. reisebeschreib. (1696) 103;
sprw.: zipollen jögt men weg, un knuflak krigt men wêer (
für einen entlassenen ungenügenden dienstboten bekommt man leicht einen schlechteren) Schambach
sprw. Götting.-Grub. 2, 154;
gebucht, wie zu erwarten, von wenigen wb.-schreibern: zypollen, zwybeln Orsäus (1623) 44; zwibeln, bollen, zibollen Pancovius
herbar. 102; Stieler 2661
kennt neben zwibel
auch zippel,
wohl aus Thüringen; Frisch 2, 488
a führt auch zippel
und bölle
an; Adelung
2 4, 1791
weist nd. zipolle
für die zwiebelpflanze und nd. bolle
für die knolle von pflanzen auf; Campe 5, 969
b hat zwippel, zippel, zipolle, bolle, zievel.
scherzhaft für runde gegenstände, wie eine alte, altmodische taschenuhr: Martin-L. 2, 890
b; H. Fischer 6, 1448; Hertel
Thür. 267; Müller-Fr. 2, 720
b;
ein kleines brot: Bühler
Davos 1, 305;
auch eine stumpfe nase: Müller-Fr.;
schlieszlich sogar auf frauenspersonen, junge wie alte, übertragen: Martin-L.; Dähnert 561
b. —
einige zss. mit engen sachbedeutungen s. in schweiz. id. 2, 826; 1216; 4, 503; 1499; 5, 743; 911; 9, 1015;
ebenso bei Martin-L. 2, 1155
c; Follmann 569
b;
im übrigen s. unter zwiebel.