windsbraut ,
st. f., wirbelwind. II.
form. I@11)
ahd. wintes prût (8/9.
jh.) Steinmeyer-Sievers 2, 318, 6; Graff 1, 626;
mhd. wintsprût;
frühnhd. windspraut
voc. teuth. (1482) o o 6
b;
els. windsbrut Martin-Lienhart 2, 206;
appenz. wendsbrûd Tobler 445.
nebenformen s. unten. I@22)
alter plur. wind(s)braut Paracelsus
op. 1, 524
a;
seltener windsbrüt Tschudi
chron. Helv. 1, 57
und windspruten
erste dt. bibel 7, 205 (
Hiob 28, 26
var.). —
ableitungen mhd. wintsprûtic
krone 25074; windsbrauter,
m. Fischart
praktik 553
Scheible; österr. windsbrautern,
f. Höfer 3, 301. I@33)
nebenformen. I@3@aa) windbraut (
wohl mit anlehnung an windbraus) Paracelsus
op. 1, 559
a; Gab. Rollenhagen
ind. reisen 71; A. Gryphius
ged. 565
Palm; Chamisso 3, 135. windesbraut
Z. a Zendoriis
winternächte 525; Wieland
werke 1, 2
acad.-ausg.; Göthe IV 29, 55
Weim.; Heine 5, 136; Grillparzer 1, 153
Sauer; Spielhagen 1, 98. I@3@bb)
mit stärkerer abweichung, meist mundartlich: ahd. wintsprucht Graff 3, 294, Steinmeyer-Sievers 4, 217, 65;
ebenso mhd. wb. 3, 714;
mhd. windes sprout
altdt. wälder 3, 18;
bair. wints-spraut Schmeller 2, 950
f.; wind-sprud Oken
natg. 7, 188; Sanders 3, 1157; windbraust Horscht
geheimn. d. natur 2 s 3
a (
wohl mit anlehnung an windbraus,
m.; vgl. auch dort die mischbildung windbraus,
f.); windspriesz
ventus Diefenbach
gl. 611
b (
vgl. tir. spreiszwind Schöpf 692);
tir. windsprausz (
auch sprausz
allein) Schöpf
a. a. o.; bair. windgesprausz Schmeller
a. a. o.; els. windsbruz Martin-Lienhart
a. a. o.; bair. windspreu Aventinus, -spreuel Frisch 1, 449;
beides bei Schmid
schwäb. wb. 532; wintspreul,
m., cod. Tepl. 2, 106
var.; erste dt. bibel 2, 445
var.; Koberger
Jesaias 25, 4;
auch als plur. windspreulen
erste dt. bibel 7, 205
var.; bair. wintgsprauder (
auch gesprauder
allein) Schmeller 2, 701;
bair. windsprauk,
m. Schmeller 2, 701;
steir. Stelzhamer
dicht. 1, 103; windsprauch Schmeller 2, 950
f.; Harnisch 3 -
stimmige lieder (1591
Helmstädt)
; salzb. windspraich,
pl. Schmeller 2, 701;
oberschw. windschbrach Leoprechting 101. 120; Grimm
mythol. 4 3, 180. I@44)
die bildung des wortes ist noch nicht befriedigend erklärt; vgl. die untersuchung von B. Schmidt
Paul- Braunes beitr. 21, 111
ff.; es stehen sich zwei erklärungsversuche gegenüber. I@4@aa)
der mythologische von J. Grimm,
wonach windsbraut = windsgemahlin
ist; vgl. oben th. 2, 332, 4;
dt. gram. 2, 601. 606. 1014; 3, 391;
mythol. 4 525. 530. 835.
diese anschauung theilen Graff 3, 294; Weigand
synon. 3, 756; Birlinger
wb. z. volksth. 93
und mit einigen bedenken Schmeller 2, 950
f.; zu stützen versuchen sie durch den hinweis auf windgelle (
s. d.) W. Wackernagel
zeitschr. f. dt. alt. 6, 290
f., auf eine märkische sage von einem zu einer windsbraut verzauberten edelfräulein Simrock
mythol. 412,
auf die windin (
s. d.) Weinhold
schles. wb. 105.
doch sind diese gründe kaum stichhaltig, vgl. Schmidt
a. a. o., wie auch Grimms
hinweis auf eisenbraut (
magnet)
und wasserbraut Sanders 1, 202
wenig beweiskraft hat. unerklärt bleibt ferner auf diese art, warum kein einziger, auch der älteren belege, eine persönliche auffassung von windsbraut
erkennen läszt, wie sie bei windin
und windhexe
unzweifelhaft vorliegt (
vgl. auch de wind weih, as wenn hi sîn brût daher har
lüneburgisch bei Harburg, nach aufzeichnung von Hildebrand).
vollends unmöglich ist auf diesem wege die erklärung der oben angeführten, theilweise männlichen nebenformen, die Grimm
zwar als umdeutungen auffassen möchte, womit er aber schon bei Schmeller
a. a. o. auf bedenken stöszt. I@4@bb)
der ältere rationalistische, der windsbraut
auf eine stufe stellt mit bildungen wie windblast, -braus, -spiel, -stosz, -strausz, -sturm, -wehe, -wirbel
u. ä. der zweite bestandtheil -braut
wird gestellt zu brut '
bruch' Stade
erläut. u. erklär. (1711) 175;
zu brutten
turbare Schilter 139, Frisch 1, 449;
frangere Scherz-Oberlin 2, 2039;
zu braus Kramer 1, 145
c, Adelung, Kluge (
wenn mhd. brûs =
vorgerm. bhrût-to-);
zu engl. brew (
vom gewitter)
mhd. wb. 1, 273
b.
sonst aber wird das s
auch noch zum zweiten bestandtheil genommen und dieser gezogen zu ahd. spreian (Tatian);
so schon Schmid
schw. wb. 532;
hierfür scheinen zu sprechen bair. sprauder '
spreu',
ferner windspreu
und -spreuel.
die grundbedeutung wäre also etwa '
sprühwind'
und die älteste form sprū-t '
gesprühe',
ein abstract zu einer langvocalischen wurzel sprēu-, sprōu-, spr- Sievers
zu B. Schmidt
a. a. o. möglicherweise liegen auch beziehungen vor zu der wurzel sprut-
und daher zu sprieszen, sprosz,
ferner zu engl. sprout
und spout B. Schmidt
a. a. o. das vorwiegen des weiblichen geschlechts müszte auch in diesem falle durch frühe volksetymologische anlehnung an die wenn auch ganz unbestimmte vorstellung eines weiblichen windgeistes erklärt werden. als ungelöste schwierigkeiten bleiben aber auch jetzt noch bestehen das nebeneinander oberdeutscher formen mit t, d
einerseits und s, z
andrerseits, sowie die bildungen mit gutturalem abschlusz. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@11)
grundbedeutung '
wirbelwind';
lat. turbo, turbedo, circinus Diefenbach
gloss.; typhon Alberus
nov. dict. gen. 59
b;
vertex Calepinus xi
ling. 1531
a;
frühe schon aber auch '
sturmwind'
überhaupt; vgl. sie werden wind säen und windsbraut ernten Franck
sprichw. 1, 105
b;
procella Diefenbach
gloss.; Frisius 1062
b;
tempestas Schöpper
syn. fij
c;
alte synonyme sind sturmwint Steinmeyer-Sievers
a. a. o.; Frisius
a. a. o.; windwirbel Emmelius
ncl. 30; wirbelwind Duez
ncl. 14; windbraus Rädlein 1, 1064
b; ungewitter, wetterstosz Schöpper
a. a. o.; genau gefaszt '
heftiger, brausender, heulender, dahinreiszender, wirbelnder sturmwind' Weigand
syn. 3, 755;
am nächsten verwandt mit windwirbel 3, 1130.
vereinzelt steht die sonderanwendung '
blähung': ein jeglich grimmen im bauch ist ein windbraut Paracelsus
op. 1, 559
a;
im plur. 524
a. II@22)
wahrscheinlich oberdeutschen ursprungs und daher im oberdt. besonders verbreitet, wie schon Adelung
feststellt; vgl. oben die mundartlichen belege für das els., schweiz., bair., öst., tirol.; daher bei Frisius
a. a. o.; Maaler 501
c; Emmelius
a. a. o.; Dentzler 354
a;
aber auch bei Schöpper
a. a. o.; Schottel
hbtsp. 282 § 7; Duez
a. a. o.; Stieler 224; Rädlein
a. a. o.; im 18.
jh. in der schriftsprache im veralten begriffen, wie das seltene vorkommen bezeugt und Adelung
bestätigt; vgl. auch: ein heftiger wirbelwind oder eine sogenannte windsbraut Hebel
werke 2, 36;
erst seit Göthe
und den romantikern neu belebt, aber doch nur vorzugsweise dichterisch und dann meist mit der von J. Grimm
stammenden mythologischen auffassung: und die windsbraut waltet gleich alt mit dem bräut'gam, der nie altet Rückert
werke 7, 22;
scherzhaft von einem mädchen Mörike
werke 1, 37. II@33)
literarische belege: ein windsbrut wirt si zerwäyen
Zür. bibel (1531) 5 d; wann die windsbraut die disteln ... hin und her wirft Sebiz
feldb. 7; ein windspraut mich entpor aufhub H. Sachs 3, 293
Keller; Boreas in einer windsbraut furt mit ihm hinweg die schöne Orithya Wickram 7, 299;
in verbindungen wie: eine grosze
summer teil der heil. leben 41
a a; starke Luther 3 (1560), 401
b Jena; ungestüme Münster
cosm. d c c c xx; brennende Weckherlin
ged. 1, 327; tolle A. Gryphius
ged. 565
Palm.; heulende w. Schiller 2, 178; die windsbraut brauset Luther
a. a. o.; rauschet daher Rollenhagen
froschmeus. A a iv
b; saust Weckherlin
ged. 1, 366; bläst Sreng
Än. 4
b; weht an (
die arche) Bodmer
Noah 364 (11, 724); rast Göthe 14, 199
Weim.; wüthet Moltke
schr. 6, 528; erhebt sich Luther
apostelg. 27, 14; ufferstat Stainhöwel
Äsop 75; fällt herein Rauscher
centuria tertia (1563) e 3
b; von dem .. donnerhalle der windsbraut Voss
ged. 3, 199; wie die schwingen der windsbraut Herder 1, 319;
mit synonymen: ein ... windsbraut oder gebräuse Nigrinus
papist. inquis. 450; ein solcher sturm und windsbraut E. Ch. v. Orleans
br. (1721—22) 81. II@44)
gerne in vergleichen als bild der schnelligkeit: ich fuhr herum wie eine windsbraut
Simplic. 206
Kögel; schneller als eine windsbraut Meiszner
Alcibiades 3, 232;
österr. der mensch ist (schieszt herum) wie eine windsbrautern Höfer 3, 301;
gepaart mit dem bild ungestümer kraft: das risz uns wie die windsbraut fort Schiller 1, 346; wie die windsbraut gingen wir hindurch Fontane I 1, 521;
vereinzelt: einen mann, ... auffahrend wie eine windsbraut Raupach
dram. werke kom. gatt. 2, 98. II@55)
bildlich ähnlich wie sturm: dasz es (
das haus) mit kainer windsbrutt der widerwartigkait .. hinfallen mag
Reichenauer chron. 109
Barack; dasz ein herr oder land durch einen schwermer ... kan in solchen wirbel und trübsand, windsbraut und strudel gefurt werden Irenäus
wasserspiegel (1566) y 3
b; von der vollen windsbraut der revolution Mommsen
röm. gesch. 2, 462; im dienst der windsbraut unsrer zeit Gutzkow
werke 1, 274.
vereinzelt '
raub, betrug': dieses orts ist der luft noch gut, ausgenommen dasz eine windsbraut etlichen das geld aus dem beutel geblasen Harsdörffer
secr. 1, a a viii
b.