lautwandel 53 Wörterbücher · 2,7 Mio. Artikel
Wildcard · " Volltext

Aggregat · alle Wörterbücher

genie

nhd. bis spez. · 11 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
Anchors
12 in 11 Wb.
Sprachstufen
6 von 16
Verweise rein
12
Verweise raus
29

Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

genie n.

Bd. 5, Sp. 3396
genie, n. genius, ingenium, die franz. form des lat. genius, welche dieses im 18. jahrh. zum theil verdrängte und in eigenster entwickelung für unsere geisteswelt eine eigenthümliche wichtigkeit erlangen sollte, dabei unter dem einflusz von ingenium aus dem masc. zu einem neutr. wurde (s. 5, b). die schreibung schenie (s. dazu Campe u. 7, e) brauchte z. b. Schiller, im munde des wachtmeisters in Wallensteins lager (7, a), doch auch bei Herder findet sich schenie, nahe bei genie, z. b. zur phil. u. gesch. 8, 82. 94. 95, mit satirischer färbung, auch ohne diese Kalligone 2, 220. 11) genius, von dem also für die geschichte des wortes und begriffes der ausgang zu nehmen ist, war schon im 16. jahrh. gangbar, aus der römischen sprache und gedankenwelt der humanisten auch in die deutsche geraten, eigentlich ohne not, da geist aus heimischer entwickelung her seine stelle völlig ausfüllte (vergl. geist 6). 1@aa) so der genius in uns, eine innerste göttliche stimme im herzen, die uns geheimes offenbaren kann: hab acht uff dich selbs und auf dein genium, das ist auf die salbung in dir, so würstu, mit dem du handelst, redest oder vor dem du stehst, ansehen und dein herz wirt dirs sagen, wie er gegen dir gesinnt. S. Frank spr. 1, 21b, es wird zuletzt das δαιμόνιον des Sokrates dahinter stehen (vergl. 3, a), mit salbung aber zugleich christlich religiös gefaszt, als göttliche weihe (s. u. geist 23, e), wie noch Herder das genie auch als salböl bezeichnet: je mehr seelenkräfte der weltweise herzählet, die zum genie gehören, je mehr ingredienzien er in diesem salböl der geister antrift .. fragm. 2, 203. in einer lutherischen streitschrift die luterisch strebkatz o. o. u. j. erscheint im streitgespräch mit dem papst, Eck, Emser, Murner ein Genius, es ist aber ir (der papisten) eigene conscienz, gewissen, natura, in summa sie selbst, s. Schade sat. 3, 114. 119 ff. 1@bb) auch im dienst des dichters, zugleich als göttliches wesen für sich, schon im 16. jahrh.: in dem mein augen thet beschlieszen der schlaf, in solches traumes qual (um das glück des lebens) ward ich gefrt für einen sal (palast) von Genio in diesem traum, so wunderschön, das ich es kaum mit worten ausgesprechen mag. H. Sachs 1, 437 Keller (4, 12 Göz); nach dem sprach zu mir Genius u. s. w. 438; auf den (Tod) mir zeiget Genius u. s. w. 440, in dem gedicht der Tod zuckt das stllein. auch als engel, in dem gespräch der götter über die zwietracht des römischen reichs erscheint ihm im traum der engel Genius und führt ihn in den himmel zur versammlung der götter, s. 4, 176 K. (2, 79 d.-Tittm.). auch wach erscheint er ihm, im landsknechtspiegel: nun eins nachts gegem tag, als ich frey mundter lag, erschin mir hell und pur der grosz gott der natur, Genius, sprach zu mir u. s. w. 3, 470 K., gott der natur, wie in vocc. genius deus nature gemma Cöln 1511 J 5b (auch genialis naturalis, genialiter naturaliter das.), wie ein ergänzender gegengott des kirchlichen oder begrifflichen gottes (vergl. schon im 13. jahrh. die natur als der ander got Stricker kl. ged. s. 69 var.), auf einer philosophischen etymologie fuszend, genius von gignere als die schaffende kraft alles lebendigen, der physis: genius, deus qui vim obtinet omnium rerum gignendarum Trochus prompt. Leipzig 1517 A 4a; eigentlich dasselbe ist im 18. jahrh. geist der natur, naturgeist, wieder auch genius genannt (s. u. geist 11, c), bei Göthe in H. Sachsens poetischer sendung: der natur-genius an der hand soll dich führen durch alle land, soll dir zeigen alles leben, der menschen wunderliches weben u. s. w. der junge Göthe 3, 702, später besser der natur genius. 1@cc) überhaupt als begleiter des menschen auf seiner lebensbahn: daemones, genii, cum angelis iidem, quos ethnici existimabant geniturae cuiusque praefecta numina, quae editis in lucem hominibus, velut eorum actus rectura, salua fatali firmitate addi putabant (quae multorum adhuc animis opinio insedit) .. genios autem dici a gignendo constat, siue genitos tuendi potestatem habere dicamus, siue quod nobiscum una gignantur etc. H. Junius nom. Antw. 1577 325a, also ausdrücklich als heidnisch bezeichnet, doch mit den engeln gleich gesetzt, wie schon die alte kirche that, auch als im glauben vieler noch fest wurzelnd, womit nur die heidnische vorstellung gemeint sein kann, die auch unserem heimischen vorchristlichen glauben schon nicht fremd gewesen war (s. Grimm myth.2 830). jener antike mitgeborene schutzgeist des menschen heiszt bei Stieler 381 'geburtsengel (auch hausengel), genius', auch geburtsgeist, geburtsgott, also zugleich ganz christlich und deutsch geworden, bei Lessing 8, 221 der eigentliche genius, der schutzgeist des menschen, in der abhandlung wie die alten den tod gebildet, er wirft da bei der untersuchung der bedeutung des genius mit gesenkter fackel die frage auf: wäre es denn so etwas ungereimtes, dasz der genius des menschen trauernd bei dem körper stünde, durch dessen erstarren er sich auf ewig von ihm trennen müssen? weist es aber zurück als der denkungsart der alten zuwider. im 17. jahrh. ein helfender genius bei Grimmelshausen in der verkehrten welt: indem ich mich in selbigen tods-ängsten (er ist aus versehen lebendig in die hölle gestürzt) dermaszen umbsahe, erblickte ich meinen genium zunechst bei mir, welcher mich ... erinnerte, ich solte ein besser herz fassen u. s. w. Simpl. 1684 3, 188; und solches (fragen, wer ich wäre) thät er mit dermaszen grausamen minen .. dasz ich vor forcht verstummte, aber mein genius antwortet ihm, er ist ein noch lebender mensch u. s. w. das.; das ich so lang dort stunde wie ein bildstock, bisz mich mein genius in ein seite stiesz u. s. w. 189, wie es vorkommt, dasz einen der genius mahnend am ärmel zupft. 1@dd) auch von guten oder bösen genii als unsern begleitern ist im 16. jahrh. die rede aus den kreisen der humanisten: daemones sive genii boni, quos vulgo vocant, alem. die guten engelen, genii mali et ultores, quos diabolos et daemonas vocamus, ἀλάστορες, al. die teuflen. Junius a. a. o. 325b; die philosophi .. seind von wegen täglicher erfarung verursacht worden, das sie einem jeglichen menschen zwen engel, einen guten und bösen zugeordnet haben, bonum et malum genium. der gute genius füret in zum guten, der bös zum bösen u. s. w. Agricola sprichw. 180a (nr. 301); darum vil gemaint haben, das ich (das podagra) entweder selber ein guter genius seie, oder stäts ainen mit mir bringe. Fischart pod. trostb. 741 Sch. wie gute und böse engel (s.engel 3), so auch gute und böse geister (s. geist 7), das war schon von längerer zeit her und blieb auch das herrschende. 1@ee) bemerkenswert genius schlechthin für böser genius, teufel: ich halte, dasz (d. h. dasz's) nicht gar ein poetisch gedicht oder philosophische irrige meinung sei, dasz die fürsten ihre genios haben, so etwas vortrefflicher (einfluszreicher, wirksamer) sein als andere (l. anderer?) leute, die sie zu sonderbaren phantasien, lust oder unlust anreizen und treiben, als etliche zu tyrannei, kriegen, raufen und schlagen, etliche zum geitz, beschatzen, begierde zum reichthumb ... etliche zum übermäszigen pracht u. s. w. (es folgen nur böse oder unnütze gelüste). Jo. v. Wedel hausbuch Tüb. 1882 s. 490, genius wie teufel z. b. in hochmutsteufel, kriegsteufel u. s. w., was dieselbe vorstellung christlich ausdrückt, daneben wieder auch kriegsgeist, hochmutsgeist u. s. w., s. geist 7, e, α und g als böser geist, aus des teufels geisterstaat. auch für gespenst, wie eben auch geist schlechthin: do fur das gespenst oder der genius durch ein kemin aus mit aim lauten getös und mit feurenden gnaisten und funken. Zimm. chron. 1, 466; zu letst hat solcher genius, oder wie man nur im nammen geben soll, ir die fuesz begriffen. 2, 78, 15, der geist ihres verstorbenen sohnes. wenn uns das jetzt befremdet, da uns ein genius nun blosz ein freundlicher, hehrer, hoher geist ist, so machen wirs doch nun mit dämon nicht anders, der eigentlich jenem ganz gleich steht als das griech. gegenbild oder vorbild desm. genius (s. 2, h), nun aber fast nur als unheimlicher, wilder, böser geist vorgestellt wird (vergl. schon Junius u. d). 22) im 18. jahrh. kam das lat. genius zu einem neuen aufleben und weiterer geltung, auch weit über den antiken begriffskreis hinaus, durch die neue und vertiefte hingebung an das römisch-griechische alterthum, begegnete sich aber nun mit dem zugleich eindringenden französischen génie und hatte sich mit ihm auseinanderzusetzen, während auch das griech. dämon, δαίμων sich neu zur aufnahme meldete (s. h), alle drei aber eigentlich ein und dasselbe, im grunde eine wunderliche wirrnis. 2@aa) als noch aus dem 17. jahrh. mitgeführt und mehr italienischfranzösisch als antik kann man ansehen, was vom genius als allegorischem wesen im kunstgebrauch z. b. in Gottscheds wb. der schönen wissenschaften angegeben wird: genii, geister, in der malerey und bildhauerkunst sind kleine figuren geflügelter knaben, mit nebenzeichen, die in allegorischen sachen die tugenden, die leidenschaften, die künste u. s. w. vorzustellen dienen. 754, wofür er sp. 978, gut deutsch gesinnt, nur geist setzt, z. b. der geist der poesie hält eine trompete und einen lorberkranz in händen, der geist der malerey einen pinsel und ein mahlbrett, der geist der beredsamkeit eine leyer; vergl. geist 6, b für genius auch bei Göthe, in Zachariäs renommisten z. b. der Tanz als geist, man kannte natürlich dabei sehr wohl den franz. génie de la dance, génie de la poésie u. s. w. auch bei Winkelmann heiszen die genien noch kinder, was jetzt wol unmöglich wäre, z. b. in der schrift versuch einer allegorie, die eben darauf ausgieng, das ganze allegorische wesen in der zeitgenössischen kunst aus dem ungeschmack der zeit zur antike selbst zurückzuführen: wenn die bilder der jahreszeiten kinder oder genii sind, ist der winter insgemein durch ein kind mit phrygischen hosen vorgestellet. 79 (1866); vier kinder, welche die jahreszeiten vorstellen. 60, vergl. der schlaf als junger genius 69, auch: der genius stellet bei uns einen engel vor 140, ist jetzt dadurch vertreten, denn auch die antiken genii sind oft geflügelt, z. b.: ein kleiner Bacchus von erzte, auf dessen achseln ein geflügelter genius kniet und ihm aus einem gefäsze etwas in den mund gieszet. 37. auch bei Herder genien als knaben, wie bei Gottsched, in der abh. wie die alten den tod gebildet? nachtrag zu Lessings abh.: hier schwebt die nacht (als genius) und verbirgt sich .. der genius des morgens schwebt östlich weg und hält die fackel erhoben .. dort steht die ewigkeit mit ihren zwei fackeltragenden knaben im arm und sie sind sonne und mond (als genien). zerstr. bll. 2, 299; der genius des schlafs hatte eine grosze anzahl brüder. 345, vergl. 335. 2@bb) nun wurde auch der ganze umfang des antiken begriffes wieder aufgefrischt für die gebildete welt, z. b. von Lessing: wie manche aus dem geschlecht der genii (nicht blosz Amor) wurden als knaben vorgestellet! und was hatte nicht seinen genius? jeder ort, jeder mensch, jede gesellschaftliche verbindung des menschen, jede beschäftigung des menschen, von der niedrigsten bis zur gröszten, ja ich möchte sagen, jedes unbelebte ding, an dessen erhaltung gelegen war, hatte seinen genius. 8, 218 (wie die alten u. s. w.), was dann von Herder als ursprünglich allgemein menschlich, der kindheit des menschengeschlechts angehörig aufgewiesen wurde: bei den wilden von Nordamerika ist noch alles belebt, jede sache hat ihren genius, ihren geist, und dasz es bei den Griechen und Morgenländern eben so gewesen, zeugt ihr wörterbuch u. s. w. urspr. d. sprache 83. diesz geist für den antiken genius im 17. jahrh. z. b. bei Opitz von Rübezal als genius loci in der schäferei von der nymphen Hercinia, es wird ihm in einer inschrift an einer linde ein altar gelobt (s. geist 6, a). nun aber noch römischer, ja ganz römisch, wenn man z. b. im park zu Weimar einen altar sieht mit der inschrift genio hujus loci (führer durch Weimar Weim. 1825 s. 51). ganz antik auch oder darüber hinaus bäume selbst als genien: wie mit genien lebt' ich jetzt mit den blühenden bäumen u. s. w. Hölderlin 12, 146, und doch sachlich zugleich gut deutsch wie die ganze vorstellung, aus alter zeit her, s. geist 11, z. b. von blumengeistern. 2@cc) überhaupt entwickelte sich nun ein verhältnis zu jenen antiken geistern, das man wirklich als einen erneuten cultus der genien bezeichnen kann, in der kunst und dichtung wie im leben der höheren gesellschaft. 2@c@aα) in gärten aus jener zeit und noch aus unserm jahrhundert sieht man altäre, säulen, tempelchen dem genius der freundschaft, der liebe, der freude, der erinnerung, der dankbarkeit u. ä. geweiht, oft auch ohne bild, sodasz der genius, zugleich gut deutsch, wie nur als geist und im geiste schwebend gedacht ist. und nun auch nicht mehr fast blosz als allegorische decoration, wie in der italienisch-französischen periode, nicht mehr nur als kalte nachahmung, als gelehrte verstandessache (s. u. e, α, noch bei Lessing 8, 215. 246 nur personificirtes abstractum), sondern durch die kraft der dichtung nun auch ins empfindungsleben einwachsend, wie neu lebendig geworden in einer art unwillkürlichen glaubens an wahrheit dabei, wenn es z. b. in jenem führer durch Weimar bei der schilderung von Tiefurt von dem bildnis der herzogin Amalie in ihrem schlöszchen heiszt: kein ohngefähr, ein genius scheint einen korb mit rosen auf einem tischchen wie auf einem altar hingestellt zu haben vor dieses theure bildnisz! (s. 74) — ein genius als unsichtbar helfender hausgeist (s. weiter u. d), der antike genius familiaris, wie ihn doch auch, aus altgermanischer zeit her, unsre bauern noch haben im kobold (s. d.), den dann auch Bürger richtig mit dem genie als helfendem dichtergeist gleich setzt (s. 11, e). ähnlich im Tasso 1, 3 fürst Alphons von dem kranze auf dem kopfe der herme Virgils: hat es der zufall, hats ein genius geflochten und gebracht? es zeigt sich hier uns nicht umsonst. Göthe 9, 120. 2@c@bβ) diesz unwillkürliche halb gläubige verhalten zu den antiken gottheiten entsprosz aus dem gefühl der öden lücke, welche in den zeiten vorher der blosz begrifflich arbeitende verstand fürs gemüt gerissen hatte zwischen dem göttlichen und dem menschlich-weltlichen, ein gefühl das sich als hintergrund z. b. auch ausspricht in einer darstellung der antiken mythologie vvn K. Ph. Moritz (in der er sie vermenschlichen wollte nach Göthes ausdruck, aus Rom 18. august 1787): die genien oder schutzgötter der menschen waren es vorzüglich, wodurch in der vorstellung der alten die menschheit sich am nächsten an die gottheit anschlosz. die höchste gottheit selber vervielfältigte sich gleichsam durch diese wesen, in sofern sie über jeden einzelnen sterblichen wachte u. s. w., und von der götterwelt überhaupt: unter dem bilde der gottheit wird zuletzt die ganze leblose natur geweiht, in welche der mensch so innig sich verwebt fühlt und sich so nahe an sie schlieszt, dasz durch diesz band die götter- und menschenwelt ein schönes ganze wird. götterlehre Berl. 1795 s. 231, offen und schmerzlich aber in Schillers göttern Griechenlands, darin auch, im anschlusz an Lessings abhandlung wie die alten den tod gebildet (wo man die alten genien auch im bilde sah): damals trat kein gräszliches gerippe vor das bett des sterbenden, ein kusz nahm das letzte leben von der lippe, seine fackel senkt' ein genius. Schiller XI, 3 (VI, 24), wie in cabale und liebe 5, 1 Louise: nur ein heulender sünder konnte den tod ein gerippe schelten, es ist ein holder niedlicher knabe ... ein stiller dienstbarer genius, der der erschöpften pilgrim seele den arm bietet über den graben der zeit u. s. w. III, 476, 24; s. aber auch das spätere epigramm der genius mit der umgekehrten fackel XI, 186. 2@c@gγ) noch jetzt, wo wir über jenen genius der freundschaft u. s. w. in den alten gärten eher lächeln, ist doch in gewissen höheren vorstellungskreisen der genius des friedens, der eintracht, der liebe noch heimisch und als ausdruck erhöhter stimmung in einer gewissen stilgattung unentbehrlich, auch noch mehr als kühle allegorie, obwol daneben der engel des friedens, der eintracht auch noch ihren platz haben, wie der todesengel neben dem genius des todes, neben dem genius der freiheit aber auch der gott der freiheit (Herwegh ged. eines leb. 1, 93), vor ihnen allen aber doch der genius der eintracht, des friedens, der weisheit, der wahrheit u. ä. (vergl. geist 10, f so, d. h. der heilige geist). es sind übrigens wesentlich genien als helfer, die für menschennot beistand bringen aus höheren regionen, daher z. b. selten genius der rache u. ä., und doch auch nur, wo die rache als etwas höher geheiligtes erscheint: die märtyrer der heil'gen deutschen sache, o ruft sie an (ihr fraueu) als genien der rache, als gute engel des gerechten kriegs! Körner leyer u. schwert 39 (aufruf). der allgemeine begriff tritt trefflich heraus in folgendem vergleich des Wilh. Meister: melodien .. ohne worte und sinn scheinen mir schmetterlingen oder schönen bunten vögeln ähnlich zu sein, die in der luft vor unsern augen herum schweben, die wir allenfalls haschen und uns zueignen möchten, da sich der gesang dagegen wie ein genius gen himmel hebt und das bessere ich in uns ihn zu begleiten anreizt. Göthe 18, 204 (W. M. lehrj. 2, 11). 2@dd) ein genius als helfender geist. 2@d@aα) zunächst in antiker gedankenwelt, z. b. auf altgriechischem boden: ich verschlosz also mein verlangen in mich selbst, und erwartete mit ungeduld, bis irgend ein meiner liebe günstiger genius mir zu dieser gewünschten entdeckung verhelfen würde. Wieland Agathon 2, 97 (7, 3). dann aber auch als menschlich überhaupt, z. b. in der ersten entwickelung des menschen, also noch ganz auszer dem christlichen kreise: sobald der mensch, durch welchen gott oder genius es geschehen sei, auf den weg gebracht war, eine sache als merkmal sich zuzueignen und dem gefundnen merkmal ein willkührliches zeichen zu substituiren, d. i. sobald auch in den kleinsten anfängen sprache der vernunft begann, sofort war er auf dem wege zu allen wissenschaften und künsten. Herder ideen 2, 240 (9, 3), vergl. die götter und genien des menschengeschlechts 242, also ein gott oder genius, wie ebenda ein gott hat ihn auch die kunst gelehrt, ideen in töne zu prägen 1, 224 (4, 3), wolbekannt aus der dichtersprache, z. b. und ein gott hat erbarmen Schiller (in griechischer welt), gab mir ein gott zu sagen wie ich leide Göthe. der genius der unschuld, ihr schutzgeist: wenn der (tyrann) die unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken? .. wer ist ihr genius, der sich (schützend) entgegen legt? .. die unerschrockne kunst (tragische kunst) u. s. w. Dusch bei Lessing 7, 29. 2@d@bβ) auch ins gegenwärtige leben hereingenommen, wie in jener wendung im führer durch Weimar, z. b.: wie segnete Wilhelm seinen genius, der ihm so unvermuthet den abgrund zeigte, dem er sich unschuldiger weise genähert hatte. Göthe 18, 316 (lehrj. 3, 11); nun aber (in dem trostlosen zustande nach Schillers tode) darf ich es wol als die fürsorge eines gutgesinnten genius preisen, dasz ein vorzüglich geschätzter und verehrter mann (F. A. Wolf) .. sich mir näher anzuschlieszen veranlassung fühlte. 31, 196 (tag- u. jahresh. 1805); wie ernst es auch ihm war mit dem glauben an solches wirken von geistern, darüber s. unter geist 7, a. b, das doch sein bevorzugter ausdruck blieb. so oft ein freundlicher, guter genius u. ä.: aber möchte ein freundlicher genius die augen dieser helden ... erleuchten. Lessing 8, 200 (55. ant. brief, ironisch). bis heute gangbar als ausdruck gehobener stimmung, z. b. bei einem schweren abschiede brieflich, wol auch noch mündlich: möge dich ein guter genius geleiten! neben guter engel, guter geist (s. d. 7, a), auch dein guter genius, mit einmischung des angebornen fürsorgenden genius unter 1, c, daher z. b.: du guter Montaigne .. und ihr, die ihr guter genius bei zeiten hinweg rief (d. h. vor den stürmen der revolution), Rousseau, Buffon, Diderot .. was ihr und eure genossen der menschheit gutes erwiesen, ist ein gewinn für alle völker. Herder 17, 249 S. (51. hum. br.). 2@d@gγ) denn auch der böse genius (s. 2, d) lebte daneben wieder mit auf: ihro excellenz, fiel ich ein, ich bitte tausendmal um verzeihung .. ich wollte schon vorhin mich empfehlen, ein böser genius hat mich zurückgehalten. Göthe 16, 105 (Werther 132); das geht nun so alles seinen (schlimmen) gang, die grille des künstlers dient dem eigensinn des reichen .. und ächte menschen ermordet der böse genius im vorhof der geheimnisse. 39, 342, d. j. Göthe 2, 206 (von deutscher baukunst), mit bezug auf Winkelmanns ermordung; ich weisz nicht welcher böse genius über mir gewaltet, dasz ich das astrologische motiv im Wallenstein nie recht ernsthaft anfassen wollte. Schiller an Göthe 11. dec. 1798. auch schwarzer und weiszer genius: flüchtig und unstät sollt ich sein, dasz mein unglücklicher genius mich einholt .. 'geselle dich zu meinem glücke, und wir wollen sehen, welcher genius der stärkste ist, dein schwarzer oder mein weiszer! Göthe 19, 12 (lehrjahre 4, 1), gespräch zwischen dem harfner und Wilhelm). auch guter und böser genius der kunst u. ähnl.: und endlich, um den bösen genius der kunst zu nennen, sonst war die poesie gegenstand des volks so wie das volk gegenstand der poesie, jetzt singt man aus einer studierstube in eine andere hinüber. J. Paul ästh. 1813 s. 137 (§ 21). 2@d@dδ) auch von menschen selbst, ein böser mensch z. b. mit verführerischer kraft kann der böse genius eines andern, eines ganzen lebenskreises werden, in einer familie aber heiszt z. b. eine gute und weise mutter der gute genius des hauses, alltäglicher und doch wol wirksamer der gute geist (s. d. 7, a). vgl. übrigens g. ähnlich genius des lebens, eig. vom menschen selber: unermüdet will er (der sänger) dienen deines lebens genius u. s. w. Bürger 5b, huldigungslied. 2@d@eε) antik ist auch der genius des geburtstages, unmittelbar aus der ursprünglichsten vorstellung: sei willkommen unserm freudegrusz, dieses tages holder genius, der den vielgeliebten uns geboren. Schiller IV, 6, zu Körners geburtstag. 2@ee) auch höher, bis zum höchsten greifend der genius der zeit, der menschheit u. ähnl., wie geist der zeit, der menschheit u. s. w. 2@e@aα) schon im 17. jh. genius saeculi, wie franz. le génie du siècle, z. b.: das sechste mittel (zur verbesserung der zustände) lehret, sich nach der zeit oder dem genio saeculi richten. ein iedwedes saeculum habe seinen genium oder neigung, indem biszweilen alles von kriegsflammen brennet, biszweilen in ruhe sitzet u. s. w. Tentzels mon. unterr. 1692 s. 214, im berichte über eine flugschrift des Thomasius, also ganz abstract, obwol es nachher heiszt weil das ietzige saeculum mehr dem Marti als den Musen ergeben sey, also diese eigentlich als die genien des jahrhunderts; noch Schmotther 2, 637 führt im fremdwörterbuch auf 'genius seculi, die gestalt der zeit', d. h. die zeit als gestalt, wie sie mahler vorstellten, eine gestalt doch mit einem bloszen begriff als inhalt (vgl. u. c, α). dagegen nachher auch mit vollem leben als inhalt, wenn auch nicht als sichtbare gestalt: 'was ist der geist der zeiten?' allerdings ein mächtiger genius, ein gewaltiger dämon. wenn Averroës glaubte, dasz das ganze menschengeschlecht nur eine seele habe ... so würde ich diese dichtung eher auf den geist der zeiten anwenden. Herder 17, 77 S. (14. hum. br.) mit ausführung des bildes, z. b. er ist kein kind mehr, die stimme des geläuterten zeitgeistes u. dgl. 78, das letztere der nun herrschende ausdruck (s. geist 29, d); der lauf der begebenheiten hat dem genius der zeit eine richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der kunst des ideals zu entfernen droht. Schiller X, 277 (2. ästh. brief). der genius der zeit nannte sich eine von Hennings herausgegebene zeitschrift. genius vergangener zeiten, auch der genius der kunst zugleich als genius einer zeit: wenn wir im auge behalten, dasz gerade zu seiner (Dantes) zeit ... die bildende kunst in ihrer natürlichen kraft wieder hervortrat. dieser sinnlich-bildlich bedeutend wirkende genius beherrschte auch ihn. Göthe 46, 279; süsz ists, am wogensturz in Tiburs hain, wo Flaccus oft, entflohn den schattenchören, im mondlicht wandelt, bei Albanerwein den genius der vorwelt zu beschwören. Matthisson (1815) 11; ich flehe den genius des deutschen alterthums an, dasz er seine flügel ausbreite über Hermanns wahrer burg u. s. w. Clostermeier, wo Hermann den Varus schlug (Freiligrath ges. dicht. 2, 323), zugleich wieder als helfender geist, schutzgeist. 2@e@bβ) der genius eines volkes, landes u. ä. (vgl. geist 29, b), auch schon im 17. jh., vielleicht schon älter, wie voriges: er (Thomasius) verwirft die ursachen, so von andern gelehrten leuten gegeben werden (für den mangelnden fortschritt der wissenschaften bei uns), die solches entweder dem mangel der freigebigkeit hoher potentaten .. oder dem unterschiedenen genio der nationen zuschreiben. Tentzel a. a. o. 200; ist es denn etwa der unterschiedliche genius der Teutschen und Franzosen? 203, nachher dafür eine iede nation hat ihren besondern character das.; dasz sich der genius eines volks nirgend besser als in der physiognomie seiner rede offenbaret. Herder ideen 2, 236 (9, 3); wie ganzen nationen eine sprache eigen ist, so sind ihnen auch gewisse lieblingsgänge der phantasie, wendungen und objecte der gedanken, kurz ein genius eigen, der sich .. in den beliebtesten werken ihres geistes und herzens ausdruckt. hum. br. 7, 139 (18, 58 S.), nachher auch nationalcharacter das.; du selbst (Göthe), der uns vom falschen regelzwange zur wahrheit und natur zurückgeführt, der, in der wiege schon ein held, die schlange erstickt, die unsern genius umschnürt u. s. w. Schiller XI, 322. der genius des vaterlandes, als wirkender höchster geist gedacht: lasz, o genius unsers vaterlands, bald einen jüngling aufblühen, der voller jugendkraft und munterkeit u. s. w. (das liebeleben und das singen davon auf den rechten fusz setzte) .. aber dann, o genius .. lasz ihn ein mädchen finden seiner werth! Göthe 33, 42 fg., d. j. G. 2, 440 fg.; aus den spartanischen wäldern, da wird, wie ein adler, der alte landesgenius stürzen mit unserm heere, wie mit rauschenden fittigen. Hölderlin 12, 92. so noch der deutsche, der griechische genius, öfter doch der deutsche geist, franz. le génie français. 2@e@gγ) in nächster beziehung damit der genius der sprache, der literatur (vgl. Herder u. β): es hat ein jegliche sprach ihren eigenen genium. daher der weise kayser Carol der fünfte sagte u. s. w. (mit dem frauenzimmer spreche er französisch, mit königen spanisch oder italienisch, mit seinen feinden deutsch). Schuppius im teutschen lehrmeister, Wackernagel leseb. 31, 767; ich hätte (bei der angefochtenen übersetzung) betrachtet, was die indoles und der genius der lateinischen sprach mit sich bringe. 768; der genius der sprache ist also auch der genius von der literatur einer nation. Herder fragm. 1, 20. franz. wieder génie, das auch bei uns so erscheint, s. u. 6, b. auch der genius der geschichte, über die geschichte und thaten der völker buch führend gedacht, z. b. als trost citiert in schlimmen lagen. 2@e@dδ) der genius der menschheit u. ähnl.: sollte das böse schicksal es wollen, dasz ganze länder Europas (verhüte es der gute genius der menschheit!) wieder in die barbarei versänken. Herder 17, 249 S. (51. hum. br.), vergl. s. 135 Lucrez von einem genius der menschheit; 'geist der zeiten, ist es der genius der humanität selbst, oder dessen freund, vorbote, diener?' ich wollte, dasz er das erste wäre, glaube es aber nicht, das letzte hoffe ich nicht nur, sondern bin dessen fast gewisz. 79 (15. br.); der grosze heilige genius der menschheit. Kallig. 2, 224 (s. dazu unter 12, d). 2@e@eε) recht antik wieder der genius der geschicke, das schicksal als genius: so lange als Baldur, der gott der güte, unter den nordischen göttern weilte, war friede und ein einiges band unter ihnen. kaum aber war der vom genius der geschicke hinweggerafft, so zerfiel der götterkreis u. s. w. H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller, in einer klage um Schillers tod. 2@ff) wie hoch der begriff genommen werden kann, zeigen besonders die natur, ja Christus und gott selbst als genius: wer weisz, ob es nicht dem seltenern verkehr mit diesem groszen genius (dem groszen naturgeist) zum theil zuzuschreiben ist, dasz der karakter der städter sich so gerne zum kleinlichen wendet, verkrüppelt und welkt, wenn der sinn des nomaden offen und frey bleibt, wie das firmament unter dem er sich lagert. Schiller X, 224, vgl. geist 11, c, auch genie der natur Göthe u. 6, d; der urheber des christenthums suchte diesen dämon (des todes) von seiner herrschaft zu verdrängen ... 'wer mein wort hält, soll den tod nicht sehen' ... das war die lehre dieses himmlischen genius. Herder zerstr. bll. 2, 380, in der abh. wie die alten den tod gebildet, wo ihm der begriff so nahe war; muste dann nicht jeder entzückten seele sein, als falle von der gedrückten brust die irdische last, als gebe uns die erde aus ihrem mutterarm reif in die vaterarme des unendlichen genius? J. Paul Kampanerthal 141 (weltgeist 136); mir wird es nicht gelingen, in gott anstatt des schöpfers himmels und der erden nur den freundlichen genius zu verehren, der für die leiden einer welt tröstet u. s. w. H. Lotze vorwort zu dem evangelium der armen seele Leipzig 1871 s. v. 2@gg) auch der einzelne mensch kann zum genius in diesem sinne erhöht werden, der als helfender hoher geist über einem ganzen schwebend gedacht ist: so pries ein römischer dichter, Lucrez, einen seiner lieblinge der vorwelt (der eingang vom 5. buch von Lucrezens gedicht geht übersetzt vorher), und er hat mehrere derselben als genien unsres geschlechts, als götter und sterne an den himmel gesetzt, weil sie lebensweisheit und humanität unter den menschen gegründet haben. Herder 17, 184 S. (30. hum. br.); wir sind darüber einig, dasz wenn ein groszer name auf Europa mächtig gewirkt hat, es Friedrich gewesen. als er starb, schien ein hoher genius die erde verlassen zu haben. 28 (7. br.); mit unwillen höre ichs also, wenn man unsrer nation einen Swift wünschet .. der nur durch misfälle ward, was er geworden ist und vom glück begleitet ein genius der gerechtigkeit und klugheit geworden wäre. 18, 133; Peter, dieser kraftvolle genius für Ruszlands erste bewegung, der gott, welcher in der dicken finsternis, worin die menschheit einher tappte, aussprach: es werde licht! vertr. briefe über die verh. am preusz. hofe 2, 41 (1807); soll da (am Capitol) nicht einmal meine seele noch dem tyrannenmörder glühn, und vor dem hohen Mark-Aurele, dem genius der menschheit, knien? Matthisson (1815) 37, sehnsucht nach Rom; sei mit der menschheit, Schillers genius, dasz ewig nicht ins träumereich auf erden die freiheit sich, das schöne flüchten musz! Freiligrath ges. ged. 2, 252, zur Schillerfeier 1859. Klopstock wünscht sich einmal den dem tode nahe geglaubten Young als seinen genius (vgl. unter 3, b): stirb! du hast mich gelehrt, dasz mir der name tod wie der jubel ertönt, den ein gerechter singt: aber bleibe mein lehrer, stirb, und werde mein genius! oden 1798 1, 117 (an Young, 1752), wie er seine sterbende Meta bat, sein schutzengel zu sein (w. 11, 56). 2@hh) ein kurzer blick auf dämon, das sich gleichzeitig mit seiner eigentlichen bedeutung meldete aus der beschäftigung mit dem griechischen leben nunmehr, nicht mehr fast blosz mit dem römischen, wie vorher; seine völlige gleichheit mit genius, ja sein eigentlicher vorrang vor diesem war schon im 16. jh. wolbekannt (s. Junius u. 1, c) und suchte sich nun wieder geltend zu machen, ohne durchdringen zu können (vergl. 1, e). ganz griechisch als gottheit überhaupt z. b.: fromm sind wir liebende, still verehren wir alle dämonen, wünschen uns jeglichen gott, jegliche göttin geneigt. Göthe 1, 263 (4. m. el.). mit genius zusammen, gleichsam zur wahl gestellt: mehrmals finde ich in ihren briefen den geist der zeit genannt .. ist er ein genius, ein dämon? Herder 17, 77 S. (14. hum. br.), mit der antwort allerdings ein mächtiger genius, ein gewaltiger dämon u. s. w. das. als hoher, edler geist, vom menschen selber, in einer hymne an die schönheit a. e.: löse, göttin, mit leisem finger, den knoten der menschheit, steigre zum menschen das thier und adle zum dämon den menschen. Kosegarten poes. 1, 6. auch der reine dämon in uns, wie der genius, der reine geist (s. dort 18, g, γ): das schöne macht sich blosz verdient um den menschen (in uns), das erhabene um den reinen dämon in ihm. Schiller X, 229, 21. dazu auch dämonisch gleich genial: dasz zu allen zeiten und unter allen völkern talente ans licht kommen, ist eine erfahrung .. nicht in Athen und Rom allein wurden dämonische, göttliche männer gebohren. Herder 18, 81 S. 33) ein solcher genius im menschen ist denn auch eigentlich das genie und die lat. benennung ist ihm auch über die französische hinweg bis heute geblieben für gewisse fälle, hauptsächlich in gehobener stimmung und rede, während genie der prosa angehört, wie es denn aus ihr herstammt (s. 9, a ff.). 3@aa) wie schon im 16. jh. auch in deutscher rede ein genius des menschen oder im menschen gangbar war, s. unter 1, a; den anstosz dazu konnte im gelehrten bewusztsein schon der dämon oder das δαιμόνιον des Sokrates geben, das aus dem alterthum her berühmt blieb, franz. le génie de Socrate, im 18. jahrh.: was ersetzt bei Homer die unwissenheit der kunstregeln? .. das genie, ist die einmüthige antwort. Sokrates hatte also freilich gut unwissend sein, er hatte einen genius, auf dessen wissenschaft er sich verlassen konnte, den er liebte und fürchtete als seinen gott .. an dessen frieden ihm mehr gelegen war als an aller vernunft der Egypter und Griechen, dessen stimme er glaubte u. s. w. Hamann 2, 38; ob dieser dämon des Sokrates nichts als eine herrschende leidenschaft gewesen .. ob ein engel oder kobold u. s. w., hierüber ist .. mit soviel bündigkeit geschrieben worden u. s. w. 39; eingebung seines genius. 23; kühn ists, wenn Thomas den genius Sokrates (so) in der hauptneigung eines jungen menschen findet. Sokrates glaubte einen genius zu haben, der neben ihm wachte. könnte man nicht sagen, dasz alle grosze männer einen haben, der sie auf der bahn führt, die ihnen die natur gezeichnet hat, der .. alle ihre sensationen, ideen, bewegungen lenkt .. der die seele ihrer seele ist? Herder lebensb. 2, 359; Sokrates hatte seinen eignen genius, der nachher nicht oft, aber doch hie und da z. b. in Montaigne, Addison, Franklin u. a. wieder erschienen ist und die eigne bearbeitung (selbstbildung) des menschlichen geistes und willens zum zweck hatte. werke 17, 295 S. übrigens entwickelte auch dasm. genius schon die bed. geist, genie, bei späteren dichtern, z. b.: nemo mathematicus genium indemnatus habebit. Juven. 6, 562; habes nec cor, Papile, nec genium. Martial 7, 78, 4, was doch auf den deutschen gebrauch keinen einflusz geübt hat (vergl. übrigens 5, c). 3@bb) ein berufener spricht von seinem genius und dessen wirkung, redet oder ruft ihn an u. ähnl. 3@b@aα) z. b. Friedrich der grosze in einem gedichte zum preis der künste als der wonne seiner seele, in übersetzung von Götz: angenehme gefühle und mein genius reiszen allgewaltig mich zu euch. Herder 17, 30 S. (hum. br. 7); oder Klopstock in einem brief an Herder vom jahre 1799: ich habe nie andre in irgend einer sache beherrschen wollen, aber andre (dank dir noch einmal mein genius!) haben mich auch nie beherrscht. aus Herders nachl. 1, 211, briefe Lapp. 418, er glaubte an einen ihn begleitenden schutzgeist, wie er ihn meistens nennt (s. besonders die ode Salem vom jahre 1748, vgl. auch u. 2, g); mein genius rief mich zu den wissenschaften, zur philosophie u. s. w. Herder lebensb. 2, 359 (vgl. unter a), dann: genius! willst du mir nicht diese hülfe geben? mich durch erfahrung bilden? mir das reich der wahrheit entsiegeln? 360. don Carlos zum marquis Posa, da er sich von diesem geloben läszt, ihm auch als könig einst noch ein unerschrockner mahner an seine ideale zu sein: auch dann noch, wenn der wurm der schmeichelei mein unbewachtes herz umklammerte ... willst du .. mich kräftig fassen, meinen genius bei seinem groszen namen rufen? Schiller V1, 63 (1, 9). Karl Moor in den räubern 4, 5: den Römergesang musz ich hören, dasz mein schlafender genius wieder aufwacht, meine laute her! II, 159, 9. und der dichter von sich selbst, in einem briefe aus seiner ersten zeit in Weimar an Huber: mich selbst zu würdigen, habe ich den eindruck müssen kennen lernen, den mein genius auf den geist entschieden-groszer menschen macht. Schiller briefw. mit Körner 2. aufl. 1, 104. 3@b@bβ) der genius besucht seinen inhaber, begleitet ihn, flöszt ihm hohe gedanken ein u. ä., wie der heilige geist (s. u. geist 10, f und l): hier (in Straszburg) ist einmal kein wald, kein ort, wo man mit einem buch und genius einmal im schatten liege. Herder an Merck br. 1, 6. daher auch von einem andern: hast du mir nicht, o kluger, tapfrer fürst, das alles eingeflöszt, als wärest du mein genius, der eine freude fände, sein hohes, unerreichbar hohes wesen durch einen sterblichen zu offenbaren? Göthe 9, 119 (Tasso 1, 3). 3@b@gγ) mein genius aber auch nur wie mein geist, mein höheres ich, mit wirkung in die ferne: du hast recht, herzensbruder! dein genius war mir sehr nahe diese tage her. in der that, ich fühlte das ewige deiner liebe zu mir mit solcher gewiszheit. Hölderlin 2, 93, brieflich an Neuffer, der ihm geschrieben hatte: hat dir dein genius nicht einen freundlichen morgengrusz zugeflüstert? fühltest du nicht ein leises säuseln um dein ohr? 91. s. geist 19, d so. 3@cc) im besonderen vom kunstgenie, kunstgenius (s. dort); so schon bei Breitinger, der damit dem franz. génie aus dem wege geht (s. 7): Homer war der gröszte genius, Virgil der beste künstler. crit. dichtkunst 2. cap.; selig wie götter durchschweb' ich den himmel der kunstideale, wo (im Vatican) mit der palme von fern Raphaels genius winkt. Matthisson (1815) 254; jeder grosze künstler musz mit unumschränkter macht über den stoff herrschen, aus dem er seine welten schafft oder wodurch sich sein genius verkörpert. Körner an Schiller 1, 28; die freunde ihres genius. Schiller an Göthe 31. aug. 1794; dieser weltgeist des genius beseelet, wie jeder geist, alle glieder eines werks, ohne ein einzelnes zu bewohnen .. der Goethe'sche z. b. würde uns, wie im nachlässigsten gedichte, so in der reichs-prose doch anreden. J. Paul ästh. 85 (§ 14). 3@dd) auch allgemein der genius, wie éiner, der zu allem hohen geistesleben und geisteswerken hilft oder das beste gibt: wen du nicht verlässest, genius, nicht der regen, nicht der sturm haucht ihm schauer übers herz. wen du nicht verlässest, genius, wird dem regengewölk, wird dem schloszensturm entgegen singen u. s. w. Göthe 2, 70, d. j. G. 2, 3, wanderers sturmlied; saget, steine, mir an, o sprecht, ihr hohen paläste! straszen, redet ein wort! genius, regst du dich nicht? ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen mauern, ewige Roma, nur mir schweiget noch alles so still. 1, 259 (m. el. 1); ich will noch acht tage hier bleiben (in Jena), und wenn mich der genius nicht auf etwas anders führt, so werde ich gewiss mit zwei drittheilen fertig (am Tancred). Göthe an Schiller 25. juli 1800; wenn doch einmal diesen gottverlasznen (den Deutschen) einer sagte, dasz bei ihnen nur so unvollkommen alles ist ... weil sie den genius verschmähn, der kraft und adel in ein menschlich thun und heiterkeit ins leiden und lieb' und brüderschaft den städten und den häusern bringt. Hölderlin 12, 145; es ist auch herzzerreiszend, wenn man eure dichter, eure künstler sieht und alle, die den genius noch achten, die das schöne lieben und pflegen. die guten, sie leben in der welt wie fremdlinge im eigenen hause u. s. w. 144, auch geniuskräfte 1, 40. 142; wie? mich selbst je hätt' ich gelobt? wo? wann? es entdeckte irgend ein mensch jemals eitle gedanken in mir? nicht mich selber, ich rühmte den genius, welcher besucht mich, nicht mein sterbliches, mein flüchtiges, irdisches nichts! weil ich bescheiden und still mich selbst für viel zu gering hielt, staunt ich in meinem gemüt über den göttlichen gast. Platen 2, 320 (selbstlob). vom deutschen genius (der dichtung): du selbst, der uns von falschem regelzwange zur wahrheit und natur zurückgeführt, der, in der wiege schon ein held, die schlange erstickt, die unsern genius umschnürt u. s. w. Schiller XI, 322 (an Göthe 1800), vergl. die votivtafel deutscher genius das. 182. 3@ee) auch ein einzelner mensch oder geist, in dem dieser genius wirkt, wird dann selbst so genannt (wie genie), besonders dichter, künstler: in dieser stimmung erhielt er die versprochenen bücher (Shakespeare), und in kurzem .. ergriff ihn der strom jenes groszen genius u. s. w. Göthe 18, 291 (lehrj. 3, 8); sie (Sh.s werke) scheinen ein werk eines himmlischen genius zu sein, der sich den menschen nähert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste weise bekannt zu machen. 309 (3, 11); und es ist vortheilhaft den genius bewirthen, gibst du ihm ein gastgeschenk, so läszt er dir ein schöneres zurück. Göthe 9, 104 (Tasso 1, 1); über natur hinaus baut die vernunft, doch nur in das leere, du nur, genius, mehrst in der natur die natur. Schiller XI, 176; gutes aus gutem, das kann jedweder verständige bilden, aber der genius ruft gutes aus schlechtem hervor. das.; der ist zu furchtsam, jener zu kühn, nur dem genius ward es, in der nüchternheit kühn, fromm in der freiheit zu sein. 177; überspringt sich der witz, so lachen wir über den thoren, gleitet der genius aus, ist er dem rasenden gleich. das.; in seinem (des geschmacks) gebiete musz auch der mächtigste genius sich seiner hoheit begeben und zu dem kindersinn vertraulich herniedersteigen. X, 383, 23 (27. ästh. br.); der rechte genius beruhigt sich von innen. J. Paul ästh. (1813) 70, im vergleich mit Alfieri; sollen wir diesen standpunkt des forschers, welcher uns der des reifsten denkens zu sein scheint, mit einem namen bezeichnen ... so ist es der des gegenständlichen denkens, den wir zugleich mit der methode selbst einem genius verdanken, welcher von den meisten nur für einen dichter, nicht auch für einen denker gehalten wird, es ist Goethe. Heinroth lehrb. der anthropol. (1831, zuerst 1823) 453, nachher dieser plastische genius. etwas ironisch subalterner genius, im vergleich mit dem eigentlichen: möchte nur irgend ein subalterner genius, einer von denen die gerade auf universitäten wohnen und walten, die letzte hand an ihre wissenschaftlichen ideen thun, um sie zu sammeln, leidlich zu redigiren und so für die welt zu erhalten. Schiller an Göthe 18. aug. 1802. 3@ff) es erscheint aber auch in blosz begrifflichem werte, wie genie, in welches es schon bei Schiller vorhin zugleich überschwankt, wenn auch noch persönlich; aber auch unpersönlich, als gabe des genies: auch die kritik ist ohne genius nichts. Herder 18, 131 S.; wenn diese herren so viele oder so wenige philosophie haben, sich das menschenlehren zu erlauben, so sollte ihnen ihr herz sagen, wie viel unzweideutiger genius, unzweideutiger wandel und nicht gemeine talente zum beruf des neuen propheten gehören. Göthe 33, 82; künste und wissenschaften erreicht man durch denken, poesie nicht, denn diese ist eingebung ... man sollte sie weder kunst noch wissenschaft nennen, sondern genius. 23, 278, das ist aber aus Sterne übersetzt, s. den englischen text bei Löper zur Hempelschen ausg. 19, 111. ähnlich als auszug, ausgezognes genie, z. b. in einer schrift von H. Döring genius aus Göthes werken Jena 1839, wie sonst geist (s. d. 12, g), während Klopstock ähnlich und doch wieder anders die gestalten seiner dichtung auch als genien, geister behandelt und anredet, z. b.: bilder des gesangs, ihr geister, ich beschwör' euch, ihr genien u. s. w. oden 1798 1, 272, genaueres s. unter geist 6, d, dazu auch 13, h geister ähnlich bei Göthe, Zinkgref. 3@gg) verkleinert geniunculus, spöttisch von den stürmern und drängern (vergl. 11, h, γ): sehn nicht, wie ihr armer geniunculus in zügen liegt (d. h. in den letzten) und fieberimagination für wahrheit hinträumt. Fr. Müller 2, 22. 44) lat. genius und franz. genie kamen sich aber nun übel ins gehege nach gehalt und form. 4@aa) man wechselt zuweilen mit beiden, als dürfe zum vollen begriffe keins fehlen oder als wolle man keins zurücksetzen (vgl. schon Hamann unter 3, a): ihm also (dem feurigsten kopf) .. ist lehre nöthig, eine disciplin (zucht), die .. dem arbeitenden genius leere versuche, von denen er mit reue zurückkommen musz, erspare. oft ist das genie ein edelstein, der tief im schacht liegt, in einer harten rinde begraben. Herder 18, 81 S.; auch die kritik ist ohne genius nichts. nur ein genie kann das andere beurtheilen und lehren. 131; gönnen sie nun auch dem genius, der diese werke hervorgebracht hat, einige aufmerksamkeit. Göthe 19, 342, bald darauf aber das genie auf dem gipfel, bei dessen bloszem anblick uns schwindelt. 343; der gemein - verstand, der als genie der menschheit gelten soll, musz vorerst in seinen äuszerungen betrachtet werden .. erheben sich aber die bedürfnisse, treten sie aus dem kreise des gemeinen heraus, so ist der gemein - verstand nicht mehr hinreichend, er ist kein genius mehr u. s. w. 22, 240. 241; das genie gleicht einer windharfen-saite ... im genius stehen alle kräfte auf einmal in blüte. J. Paul ästh. 65 fg. (§ 11) u. oft. 4@bb) besonders grammatisch war man damit übel dran, hauptsächlich mit dem plural. da werden die lat. und franz. form beide zugleich gesetzt: unter den menschen thun sich einige wenige und in seltenen zeiten herfür, welche wesen einer höhern classe zu seyn scheinen und daher als genii oder genies betrachtet und vorzüglich also genennet werden. Fr. v. Creuz oden u. and. ged. 2, 263. eine vereinigung beider auf deutschem fusze wurde versucht mit geníeen: dasz solch ein zug von je und je ein stempel (gepräge) erhabener genieen war. Bürger 31a, vorher: wie kümmerlich trotz seiner göttlichkeit sich oft genie hier unterm monde nähre. das. (nothgedr. epistel u. s. w.). es blieb aber bei der trennung der franz. und lat. form, wie im sing. auch im plur., nur dasz die letztere nun mit génien am ende deutsch wurde, z. b. bei Sulzer theorie 2, 365a die eigentlichen genies, 366a unter den genien, die als sterne der ersten grösze erscheinen, bei J. Paul genies ästh. 60 fg., genien 63 u. öfter; dichtergenien, die früher berühmt werden, als sie mündig sind. Schiller X, 91, 34. jetzt hat genies den sieg, genien wird wesentlich als pl. zu genius im ursprünglichen sinne gebraucht (s. c). 4@cc) genius genosz noch im 18. jh. länger seines lateinischen grammatischen rechtes, es war ja eben ein stück gelehrsamkeit, also pl. genii, dat. genio, wie jetzt noch gen. Christi, während Christo, Christum nun zurücktreten (mhd. gut deutsch Krist, Kristes, Kriste): wünsche er (Aszmus) dem Teutschen Merkur und dem herrn herausgeber und seinem genio alles gutes. Claudius 1, 207; haben sie dank für die zusage kommen zu wollen (zum besuch nach Weimar). vielleicht besucht uns herr v. Humboldt einmal, vielleicht gehe ich mit ihnen zurück. doch wollen wir auch alles diesz dem genio des tags überlassen. Göthe an Schiller 10. sept. 1794; die jahrszeiten sind insgemein genii, deren kennzeichen bei jeder jahrszeit besonders angegeben sind. Winkelmann alleg. 62 und immer so; unter den vier geniis der jahrszeiten. 58 (aber einen jungen genius 69, nicht mehr genium); wir haben auch einen guten genium. Fr. Müller 2, 119; die gerippe .. sind .. genii Lessing 8, 253, diesen geniis 230, zwischen beiden geniis 217, aber auch aus dem geschlecht der genii 218, nicht mehr geniorum, man sieht da im deutschen gebrauch unhaltbar zerbröckeln, was in der schule mühsam gelernt wurde. da half denn der plur. genien (vgl. u. b), der heute den platz hat, schon bei Herder: grabmähler mit genien, auch mit den zwei genien, von denen wir reden. zerstr. bll. 2, 295; wie mancherlei genien gabs, die fackeln trugen. 298 (der morgen als genius das.) u. s. w., aber auch in der bedeutung von genie, wofür er gern auch genius brauchte, z. b.: boten des schicksals, ihr genien und erfinder. ideen 2, 247 (9, 3), vgl. die götter und genien des menschengeschlechts 242 (zur sache s. 2, d, α). man bildete aber auch geniusse, um das einmal im ohr haftende genius festzuhalten: alle diese kleinen geniusse. Wieland Agathon 6, 2; wenn die guten fürsten geniusse sind, die in menschlichen gestalten unter uns das götteramt verwalten. ders. (1825) 22, 315, ged. an Olympia. 55) auch das franz. génie, das vor genius vordrang, machte doch selber grammatische not, wenigstens den gewissenhaften, die darin noch das lat. genius deutlich fühlten, also das m. dafür verlangten, währenddem das n. unaufhaltsam vordrang. 5@aa) der genie ist namentlich Wielands form, er mochte sie von Bodmer übernommen haben (s. 6, b): der dichtrische genie, den die Musen erzogen haben und die Gratien begeistern .. ist ein Anakreon. sympathien 1758 s. 96; wiederholen wir die goldne regel, dasz man die materiam dramaticam aus dem gemeinen täglichen leben nehmen müsse, nicht zu oft? und schränken wir den genie .. zu sehr dadurch ein? an Merck 1776 in dessen briefs. 2, 80. und auch in den werken ohne nachgebendes ändern: um in den augen aller, mit denen er umging, für einen genie vom ersten range zu gelten. 1, 67 (Ag. 2, 1); je mehr sich der genie bemüht hatte, der natur selbst neue reizungen zu leihen. 1, 78; diejenigen, bei denen man eine anlage zu höhern talenten oder den genie irgend einer schönen kunst entdeckte. 7, 234 (gold. sp. 2, 11); die wahl der subjecte zeigt einen genie von mindrer kühnheit. 24, 179. zugleich auch für genius im alten sinne: traun! denkt er, der genie ist bieder. 18, 204; ein freundlicher genie. 21, 137. bei Lessing im folgenden nur scheinbar: so geht es, wenn ein genie von seiner materie voll ist und die tiefsten geheimnisse derselben kennet: wenn er davon reden musz, wird er selten wissen, wo er anfangen soll. 6, 44 (lit. br. 18), es ist nachher der mann selbst gedacht. aber noch bei Schiller in den künstlern v. 255: doch höher stets, zu immer höhern höhen schwang sich der schaffende genie. VI, 272, d. h. es ist genius französisch gedacht, wie bei Wieland vorhin ein freundlicher genie. doch noch spät auch bei Göthe, in übersetzung aus dem englischen: vielleicht habt ihr niemals von diesem mann (Burns) gehört, und doch war er einer der entschiedensten genies. 46, 250, aus einem briefe Carlyles an ihn, wie er das engl. you beibehielt mit ihr, so die wirkung des engl. geniuses mit dem m. 5@bb) an dem unaufhaltsamen durchdringen des n., das schon bei Gellert fest ist (s. 9, a), wird das in klang und sinn so nahe ingenium schuld sein, wie z. b. Gellert 5, 175 ingenium bei Quintilian mit genie wiedergibt, ja Adelung kurzweg behauptete, génie stamme nicht von genius ab, sondern von ingenium, was er in seinem buch über den deutschen styl 2, 359 fg. weiter ausführt. Kant setzt beide als gleich: genie ist die angeborne gemüthsanlage (ingenium), durch welche die natur der kunst die regel gibt. 7, 168, krit. der urth. § 46, während er den ursprünglichen zusammenhang mit genius sich selber wieder vermuten muszte, so sehr war er schon im j. 1790 eigentlich vergessen: daher denn auch vermuthlich das wort genie von genius, dem eigenthümlichen, einem menschen bei der geburt mitgegebenen schützenden und leitenden geist, von dessen eingebung jene originalen ideen herrühren, abgeleitet ist. das. man gab genie lat. mit ingenium, z. b. bei A. G. Baumgarten in seiner aesthetica (1750) § 38 ingenium venustum für kunstgenie, wie in dem zeugnis der Leipziger philosophischen facultät für Gellert zum behuf seiner ernennung zum professor im j. 1751 diesem neben recondita doctrina auch ein ingenium venustum zugeschrieben wird (Gellerts schr. 1839 8, 20). 5@cc) die vermischung von genius und ingenium ist aber älter, vielleicht alt, daher eine mischform genium in vocc. des 15. jh.: genium, vernunft. Dief. 260a; genium, sinn. nov. gl. 191a, auch geniosus, sinnig, eigentlich ingeniosus das. (ingenium, sin 216a); auch beide neben einander: synn, gedanck, mut, weisheit .. sensus, ingenium, animus, genium. voc. th. 1482 dd 7a. den anlasz zu der mischung im gebrauch des lebens konnte oder muszte schon der spätere römische gebrauch von genius als geist, genie, d. i. ingenium an die hand geben, namentlich im acc. genium (s. die beispiele u. 3, a). daher erklärt sich auch altit. ingegno gleich genio (nicht auch gegno?), z. b. in anrufung des dichters an den 'hohen geist, genius': o Musa, o alto 'ngegno, hor m'aiutate, o Mente, che scrivesti cio ch'i'vidi. Dante inf. 2, 7, von Lessing 3, 313 bei gelegenheit der besprechung von Klopstocks anrufung im eingang des Messias angeführt mit der auffassung: hat nicht schon Dante sein genie angerufen? noch im 17. 18. jahrh. ist in Italien ingegno das wort für genie (vivezze d'ingegno z. b. sprichwörtlich) und erst neuerdings ist auch da genio dafür eingetreten. auf jene vermischung geht übrigens auch das genie vom ingenieurcorps im armeewesen zurück, s. 13. 66) das franz. wort war übrigens anfangs und ziemlich lange noch auch in seinem allgemeineren sinne in gebrauch. 6@aa) erwähnt sei doch auch génie für kobold in deutschen briefen aus Paris, das man danach doch auch in Deutschland kennen muszte: ich glaube, dasz ein eigenes genie und teüfelgen bestellt ist, die leute ungedultig zu machen und an schreiben zu hindern. solte es aber auch vor bosheit bärsten, so solt ihr doch, liebe Louise, diese post ein schreiben von mir bekommen. briefe der Elis. Charl. v. Orleans 2 (1871), 235, vom j. 1711; solte das genie auch doll werden, so will ich doch auf ewer letztes schreiben antworten. 245, sie nennt es auch poldergeistgen 239. 256, mein schlimmen geist und esprit de contre-temps 291 u. ö.; zur sache s. unter 1, e genius so im 16. jahrh. (auch geist schlechthin), das gewiss auch im 17. jahrh. noch gangbar war. vergl. Hamann 2, 39 unter 3, a vom genius des Sokrates als engel oder kobold, und Bürger von seinem genie, den recensenten gegenüber, als kobolt unter 11, e. 6@bb) genie einer sprache, wie sonst geist, z. b. vom altdeutschen: je tiefere einsichten einer in den genie der alten sprache, ferner in das gemythe dieser dichter, in ihre art zu denken .. haben wird, je mehr deutlichkeit und bestimmung wird er in ihrer schreibart entdecken. Bodmer samml. von minnesingern 2, iii (zum masc. s. 5, a); aus dieser richtung der denkungsart entsteht der vergleichungsweise reichthum in einigen und die damit parallel laufende armuth in andern fächern derselben sprache .. der in den idiotismen wahrgenommene eigensinn und alles dasjenige, was man unter dem genie einer sprache versteht. diesz naturell u. s. w. Hamann 2, 123; da ich blosz dem geist der alten nachspüre und mir mehr an dem genie als der grammatik der griechischen sprache gelegen ... 213; die grammatik ... die blos aus dem genie der sprache die sache (den deutschen hexameter) betrachtet. Herder fragm. 1, 121; zudem hats auch den vorzug (im unterricht mit der franz. sprache anzufangen) .. dasz ihr genie zwischen der lateinischen und unsrer steht. 4, 395 S.; nur lebendig (sei der unterricht), um .. den schwung und das genie einer neuen, der ersten antiken sprache (d. h. der lat.) recht einzupflanzen. 397; jede sprache enthält die form einer eignen ideenverknüpfung, die durch das national - genie gebildet wird. Garve versuche 2, 331. auch genie der zeit (zeitgeist) u. ä.: poetische übersezzung der morgenländischen gedichte, da diese .. in das genie unsrer zeit, denkart und sprache verpflanzt werden. Herder fragm. 2, 237. jetzt genius (2, e, γ) oder geist. 6@cc) genie eines volkes, nicht als hohe, sondern eigenartige begabung, naturell, charakter, wie vorhin bei Garve nationalgenie: aber englische übersezzungen haben ihnen (den franz.) das gleichgewicht gehalten, weil unser genie sich mehr auf die brittische seite neigt. Herder fragm. 1, 141; sie (die übersetzung) unterscheidet die gränzen fremder völker (volksarten) von den unsrigen, so verwirrt sie auch laufen mögen, sie macht uns mit den schönheiten und dem genie einer nation bekannter, die wir sehr schief ansahen. 2, 238. vgl. genius so unter 2, e, β. 6@dd) anders als einheitlich gedachter geist eines volkes, z. b. das deutsche genie, der deutsche genius: soll auch sein (Herders) funke verlöschen, dasz dem deutschen genie kein name und nichts übrig bleibe? Preuszen weint über ihre kinder und will sich nicht trösten lassen. Hamann 4, 94. ähnlich das genie der menschheit bei Göthe: der gemein - verstand, der als genie der menschheit gelten soll u. s. w. 22, 210 (dann genius 211), veranlaszt durch einen voraufgehenden franz. satz le sens commun est le Génie de l'humanité, der dann untersucht wird (19, 30 H.). auch das genie der natur, im vergleich mit dem menschlichen: sind wir im stande, mit dem complex von geisteskräften, den man genie zu nennen pflegt, der aber oft sehr zweideutige wirkungen hervorbringt, dem gewissen und unzweideutigen genie der hervorbringenden natur entgegen zu dringen .. Göthe 55, 265 (33, 264 H.), vgl. die natur als genius unter 2, f bei Schiller. 6@ee) ähnlich auch das menschliche genie, und doch zugleich in den folgenden begriff übergreifend, der menschengeist in seiner hoheit: es würde ... zu näherer kenntnis des menschlichen genies ungemein viel beitragen, wenn kenner aus den berühmtesten werken der kunst das besondere gepräg des genies der künstler mit psychologischer genauigkeit zu bestimmen suchten. Sulzer theorie (1792) 2, 367a, das ziel wird dann als eine naturhistorie des menschlichen geistes bezeichnet (s. weiter 10, b). ähnlich dichtergenie, der dichtergeist in seiner eigenthümlichkeit: zart gedicht, wie regenbogen, wird nur auf dunklen grund gezogen. darum behagt dem dichtergenie das element der melancholie. Göthe 2, 251. 77) an versuchen, dem französischen worte zu entgehen, als der begriff, wesentlich aus eigenster deutscher geisterbewegung, mächtiger auftauchte, hat es nicht gefehlt. 7@aa) namentlich eben wieder geist, das ja mit genius zugleich von jeher zusammenfiel, trat als wettbewerber auf, z. b.: zu beschäftigungen, wo man, zu seinem ziele zu gelangen, neue wege sich machen oder wenigstens bähnen musz, wird geist erfordert, oder genie, wenn jemanden das französische wort energiquer ist. Kästner 2, 174 (96), nicht ohne bitterkeit, eine nachwirkung von Gottscheds abscheu vor fremden wörtern für deutsche geistesdinge, den er denn auch vor genie äuszerte, als es unaufhaltsam aufkam (s. u. 9, a); vorher blosz geist, mehrmals, z. b.: strenge beobachtung der regeln, mühsame nachahmung groszer muster ersetzen den mangel des geistes nicht und machen ihn oft nur kenntlicher. das., was denn noch heute gutes deutsch wäre. Gottsched hat das franz. wort nie gebraucht, in der crit. dichtk. heiszt es dafür witz oder geist (s. geist 24, d, vgl. auch 9, a), während die Schweizer sich schon zu genius verstehn (s. Breitinger unter 3, c). auch Haller, der selbst französisch schrieb und dichtete, braucht geist vom genie, z. b. in einem aufsatze vom j. 1734 nachtheiligkeit des geistes (Hirzels ausg. s. 374 ff.), der die qualen schildert, welche einem mann von genie durch dieses zugleich beschieden sind, z. b.: aller menschlichen betrübnus ist niemand lebhafter unterworfen als die, deren geist andere überleuchtet. 377 (s. mehr unter 11, g, β). später änderte er doch die benennung, schon in der überschrift: von den nachtheilen des witzes (s. 380 anm.), also geist und witz wechselnd, wie bei Gottsched, sonst auch verbunden geist und witz, schon im 17. jahrh. (s. unter geist 24, e), die sich doch nachher trennten, z. b.: doch steht der witz nicht so hoch, denn dieser ist selbstsüchtig, selbstgefällig, wovon der geist ganz frei bleibt, deshalb er auch überall genialisch genannt werden kann und musz. Göthe 6, 78 (4, 269 H.). treffend daher der wachtmeister in Wallensteins lager 6 von diesem: aber sein schenie, ich meyne sein geist, sich nicht auf der wachparade erweist. Schiller Wallenstein 1800 1, 24. noch Kant in der anthropologie (1798) s. 161 § 47 fragt in gut deutscher stimmung: wie wäre es also, wenn wir das französische wort genie mit dem deutschen 'eigenthümlicher geist' ausdrückten? denn unsere nation läszt sich bereden, die Franzosen hätten ein wort dafür aus ihrer eigenen sprache, dergleichen wir in der unsrigen nicht hätten, sondern von ihnen borgen müszten, da sie es doch selbst aus dem lateinischen genius geborgt haben, welches nichts anders als einen eigenthümlichen geist bedeutet. wie geist zu dieser verwendung berechtigt war vom 16. jh. und länger her, s. unter geist 10, i, eigentlich heiliger geist, der dem menschengeiste sein hohes und gutes eingebend gedacht war, wie der antike genius, s. auch hoher geist Luther unter geist 23, a. 7@bb) auch deutlicher bezeichnet, z. b. mustergeist im unterschied vom mittelgeist (und kleinen geist) in dem gedichte des jungen Lessing über die regeln der wissenschaften zum vergnügen vom j. 1749, wo er gerade das wesen des genies zuerst tief und umfassend zeichnet, das franz. wort aber gar nicht braucht (auch nicht genius), nur geist: ein geist, den die natur zum mustergeist beschlosz, ist, was er ist, durch sich, wird ohne regeln grosz u. s. w. 1, 183; doch jedes hundert jahr, vielleicht auch seltner noch, kömt so ein geist empor, und wird der schwächern joch ... drum wird dem mittelgeist vielleicht die regel nützen? das. auch ungeheurer oder allgemeiner geist, ein versuch das wesen des genies so zu sagen wissenschaftlich zu bezeichnen (riesengeist oder universeller würde man jetzt sagen), s. Drollinger, Herder unter geist 23, a. auch lebhafte geister z. b. bei Haller in jenem aufsatz s. 379. 380, wie belebte seelen 377 aus Besser 291 von Canitz (s. unter geneigt 4, b), ferner schöner und starker geist, diesz nach franz. esprit fort, jenes nach bel esprit, wofür auch beau génie erscheint, s. Bouhours unter geist 22, c a. e., die ersten unter b und c das., erhabner oder hoher geist (22, e), besonders aber groszer geist (22, d), schon im 16. 17. jh., im 18. z. b.: ein groser geist plagt sich zugleich mit dem gegenwärtigen, das auch andere empfinden, und mit dem zukünftigen, das nur er einsihet. Haller a. a. o. 377; es hatte zugleich den vortheil von kleiner, mittlerer geist als natürlichem gegensatze, z. b.: dasz die welt nur wenig grosze geister, aber desto mehr von der mittleren gattung nöthig hat. Gellert 5, 184 (vergl. mittelgeist Lessing oben); wenn man anders als grosze geister denkt, so ist es gemeiniglich das zeichen eines kleinen geists. ich mag nicht gerne eins und das andere sein. ein groszer geist irrt sich so gut wie ein kleiner, jener weil er keine schranken kennt und dieser weil er seinen horizont für die welt nimmt. d. j. Göthe 1, 53 (an Fried. Öser 1769), mit dem klaren begriffe von genie, das doch nicht gebraucht ist. groszer geist ist übrigens noch jetzt ganz geläufig, auch volksmäzsig der beliebteste ausdruck für genie. 7@cc) man verband auch, um sicher zu gehen, geist und genie oder liesz beide wechseln (ähnlich wie genie und genius 4, a), z. b.: der flug, den das genie und der geist eines volkes nehmen, den nimmt auch die sprache. Bürger 137b; ich möchte den unter unsern groszen genies und feinen geistern sehen, der es in eben den umständen sogleich viel weiter gebracht hätte (als Gottsched). Kästner 2, 166; man hat auch bei diesem unternehmen (Schillers Wallenstein) gesehen, dasz man eigentlich alles wagen kann, sobald man mit genie, geist und überlegung wirkt. Göthe an W. v. Humb. 71; das letztere talent ist eigentlich dasjenige, was man geist nennt. Kant kr. der urtheilskr. 181 K., kurz vorher genie in wesentlich gleichem sinne. 7@dd) bemerkenswert ist ital. virtù neben genie: lassen sie also, liebster freund, ihren schwermerischen gedanken von der glückseligkeit eines staats fahren, worinn alles nach verdiensten gehen sollte. wo menschen herrschen und menschen dienen, ist geburt und alter oder das dienstalter immer noch die sicherste und am wenigsten beleidigende regel zu beförderungen. dem schöpferischen genie oder der eigentlichen virtù wird diese regel nicht schaden. Möser phant. 2, 191 (nr. 40 a. e.); daher virtuos (it. virtuoso) Wieland sympath. 41, der virtuose Brockes 2, 168, Lessing 5, 357. 7, 97, eigentlich genialer künstler als mensch in höchster vollendung, noch später: daher jetzt meine unbegrenzte verehrung des wahren virtuosen in jeder art. Körner an Schiller 1, 28 (8. mai 1785). vor dem franz. einflusz dienten auszer geist auch sinn (Logau bei Lessing 5, 343), kopf und gemüt zur bezeichnung des genies, z. b.: sollen bergherrn und bergstedt feinen köpfen, die hiezu (zum bergwesen) naturt und geneigt (sind) ... behülflich und förderlich sein. Mathesius Sar. 143a; dasz einer ein fürst oder groszer herr geboren werde, geschehe durchs glück, dasz aber einer gelehrt sei, geschehe durch fleisz, tugend und göttlichkeit des gemüts. Zinkgref 1, 47 (vergl.mens divinior Hor. sat. 1, 4, 43), als äuszerung von kaiser Sigismund; groszer kopf (z. b. Newton) noch bei Kant, Wieland, Göthe, auch kopf schlechthin Kant, Schiller, noch jetzt schweiz. ein hauptkopf, genie, s. V, 1766 fg., vgl. auch Adelung unter genie, der dieser wiedergabe durch kopf geneigt ist, obschon er das franz. wort als nicht rein ersetzbar bezeichnet. 7@ee) unter dem einflusz der eigentlichen Franzosenzeit bei uns, die bei den tapferen das deutsche selbstgefühl zu neuem oder endlichem durchbruch brachte, ward auch genie, das sich freilich inzwischen zu sehr festgesetzt hatte, aufs neue angefochten und nach ersatz gesucht. einen überblick über diese versuche gibt Campe im wb. zur erklärung und verdeutschung der unserer sprache aufgedrungenen fremden ausdrücke Braunschweig 1813 unter dem wort genie. er spricht zuerst mit recht von dem misslichen der aussprache, »der weiche zischlaut, womit dieses wort ausgesprochen werden musz, ist unserer sprache so fremd, dasz sie nicht einmal ein zeichen dafür hat« (schenie, wie Adelung einfach angibt, klingt dem Franzosen unausweichlich barbarisch). im weiteren sinne des wortes nach zwei seiten will er einmal natur oder geist gebraucht wissen, z. b. natur oder geist der deutschen sprache (was denn erreicht ist, s. 6, b. c), für genie zur musik u. ä. aber anlage oder fähigkeit (s. 9, h), meint auch »die weiten bedeutungen, in welchen es freilich auch gebraucht wird, sind eigentlich nur misbrauch und verwechselung mit talent (s. 12, h), diesem wollen wir jene bedeutungen wieder zuweisen«. für genie im engeren sinne, 'weil es von gignere abgeleitet ist' (von genius kein wort, vgl. u. 1, b), schlägt er vor erfinderischer kopf, schöpferischer geist, schöpfergeist, schöpferischer kraftgeist, auch nach umständen groszer kopf oder einfach kopf (s. unter d), »für originalgenie hat Lessing mustergeist gesagt (s. b), dem aber doch urkopf oder urgeist vorzuziehen sein dürfte«, wovon ihm das erste, schon früher vorgeschlagen, von Heinze nun ergötzliche einwendung zuzog, weil dabei die nebenvorstellung ochs entstehen könnte, worauf er entgegnet, man habe in neueren zeiten originalgenies sich erheben gesehen (auf die romantiker gezielt), bei welchen jene nebenvorstellung gar nicht unrecht angebracht wäre; Heinze selber schlug erzschöpfergeist vor für originalgenie (von dessen älteren vorschlägen wegen genie s. bei Herder 2, 350 S.). das konnte am wenigsten anklang finden bei dem ursprünglichen führer des geniewesens, er kommt im 19. buch von wahrheit und dichtung darauf zu sprechen, wie das wort genie eine solche misdeutung erlitt, aus der man die nothwendigkeit ableiten wollte, es gänzlich aus der deutschen sprache zu verbannen. und so hätten sich die Deutschen .. um die schönste blüthe der sprache, um das nur scheinbar fremde, aber allen völkern gleich angehörige wort vielleicht gebracht, wenn nicht der durch eine tiefere philosophie wieder neugegründete sinn fürs höchste und beste sich wieder glücklich hergestellt hätte. Göthe 48, 150 (23, 87 H.), eigenthümlich ängstlich, als ob mit dem worte die sache verloren gehen könnte, die doch längst vor dem französischen worte vorhanden war, nur nicht so mit hohem bewusztsein gleichsam abgestempelt, was für die sache selbst ein zweifelhafter fortschritt war. 88) genie im engeren sinne, vom menschengeiste. 8@aa) es wird zuerst in der höheren umgangssprache aufgetreten sein, die ja im anfang des 18. jahrh. theils ganz theils halb französisch war. so wenn im jahre 1726 Schmotther 2, 637 in seinem fremdwörterbüchlein anführt 'genie m., lebhafte arth', also deutsch als der genie (s. 5, a), sachlich aber von wert, es steht, wie jetzt noch it. geniale (vgl. genial 1), immer noch im anschlusz an den römischen genius, der seine besitzer in guter stunde heiter lebendig machte (vgl. genio indulgere). Frisch in seinem franz. wb. Leipzig 1719 1, 827 gibt das nicht, aber allgemeiner 'art und angeborne weise der leute' und 'die neigung der menschen', gleichfalls vom genius kommend, während 'der geist, der verstand eines menschen' sich an ingenium anlehnt. 8@bb) zur nachher herrschenden bed. führt bei Frisch a. a. o. 'die natürliche geschicklichkeit und gabe zu etwas', und so erscheint es in briefen aus Paris im j. 1715: handwerksleüte haben oft grosze (so) genie vor künsten. solte die kunst angehen, dasz man aus der see wider fischen (könnte), was versunken, wer es etwas groszes und schönes. Elis. Ch. v. Orleans 2 (1871), 630, also technisches, mechanisches genie, der ausdruck war gewiss auch in deutschen hof- und gelehrtenkreisen schon gangbar. neben den groszen gab es aber auch kleine genies, was den nachherigen begriff eigentlich aufhebt, unter den im jahre 1732 gedruckten sieben neuen versuchen von Philippi handelte einer von groszen, mittelmäszigen und kleinen genies, wie Liscow vorr. 26 anführt, vergl. grosze, mittlere und kleine geister unter 7, b. s. auch noch später unter 9, h. 8@cc) spätere niedere anwendung der art ist meist ironisch oder spöttisch gemeint, mit hinblick auf den hohen begriff, z. b.: mit schuldiger ehrerbietung erkenne ich die gewalt des genies, die dazu gehören mag, ein schönpflästerchen an seinen rechten ort zu legen, oder ein treffendes band zu wählen. Abbt 1, 21 anm., wo er von der grösze des geistes handelt, es ist wie schöpferischer witz bei frauentoilette Zachariä das schnupftuch 2, 105 (s. unter geist 23, d, β), und das schöpferische genie des kuchenbäckers Händel beim jungen Göthe 1, 86. scherzend: da es aber nicht geschehen ist (das halsbrechen beim sturz mit dem pferde), so sehe ich immer deutlicher, dasz ich kein genie zum halsbrechen habe. Leisewitz 222, brieflich. doch auch im ernst, z. b. im handwerk: ihro kön. maj. von Groszbritannien fordern die hiesigen gilden auf und bieten (zur ausbildung durch reisen) den jungen leuten, welche ein handwerk gelernet haben und genie zeigen, die reisekosten und alle mögliche beförderung an. Möser phant. 1, 40, wie schon die Elisabeth Charlotte unter b. 99) seine eigenste entwickelung aber erhielt das franz. wort bei uns in dem besonderen und engsten sinne vom menschengeist in seiner höchsten erscheinung, ausgehend vom gebiete der dichtung, dann erweitert auf alles menschenwesen überhaupt (vergl. 10, g). 9@aa) zuerst, so viel ich sehe, hat Gellert davon ausgiebigen gebrauch gemacht in seinen vorlesungen (im anschlusz an Batteux, s. u. c) im gegensatz zu seinem amtsgenossen Gottsched, der das wort mied und bekämpfte als einen spannagelneuen fremdling (vgl. litt. br. 13, 35): der herr verfasser (von: der christ in der einsamkeit Bresl. 1756) denket bisweilen neu und kühn, und unsre neuen sprachverderber würden wohl gar schwören, dasz er das undeutsche ding besitze, was sie genie nennen, aber mit keiner deutschen zunge ausgesprochen werden kann (s. Campe u. 7, e); wir aber, die wir bei deutschen syllben eben so viel, als sie bei ausländischen denken, würden es geist und lebhaftigkeit des witzes nennen. das neueste aus d. anmuth. gelehrs. 1757 s. 152. noch in seinem wb. der schönen wissenschaften vom j. 1760 heiszt es geist und witz z. b. sp. 1649 (vgl. unter c, a); auch sein getreuer Schönaich im neologischen wörterbuch vom j. 1754, der gerade da die neue sprache der ersten geniezeit scharf spürend mit spott verfolgt, auch den geniebegriff z. b. Klopstocks (s. unter geist 23, d, β), hat genie doch nicht; das franz. wort war da noch nicht gangbar, auch nicht bei Gottscheds gegnern, den Schweizern (doch genius, s. u. 3, c), man gieng ihm aus dem wege mit einem gewissen deutschen stolz (s. 7). 9@a@aα) auch Gellert braucht in den fabeln und lehrgedichten, die oft genug von dichterfragen handeln, noch geist dafür, z. b. 1, 4. 2, 67, witz und geist 1, 11, aber in den vorlesungen, in der prosa des katheders, ist die scheu davor überwunden und genie erscheint als unentbehrlich, wie heute; z. b. in seiner antrittsvorlesung vom j. 1751 von dem einflusse der schönen wissenschaften auf das herz und die sitten, allerdings lateinisch gehalten (gewiss in gegenwart auch Gottscheds), in den schriften in deutscher übersetzung (ingenium ist das lat. wort), es handelt sich um das verhältnis zu den regeln, auf die sein college Gottsched so viel, wo nicht alles gab, d. h. um den punkt, in dem der neue aufblühende begriff überhaupt zuerst seinen hebel ansetzte: es ist wahr, der name eines groszen gelehrten wird nicht durch studiren, nicht durch regeln .. allein erworben, es wird genie, es wird eine gewisse natürliche grösze und lebhaftigkeit der seele erfordert, die den menschen zu allen groszen unternehmungen begeistern musz. allein, was vermag das beste genie ohne unterricht, ohne kunst, ohne übung? was wird der gröszte geist treffliches hervorbringen u. s. w. 5, 79 (60), d. h. er suchte da schon die mitte zwischen dem alten und dem neuen (schärfer bezeichnet mit regeln der natur nachher 6, 44); auch schon in persönlichem gebrauch: ich weisz, welche genies, welche herzen ich ermuntere (zum gewissenhaften studium). 92 (69). er hatte wenige jahre vorher den unter seinen schülern gehabt, in dem das wesen des genies zuerst in die lebendige erscheinung trat, nachdem man sichs lange hatte aus büchern holen müssen, Klopstock, von dem Gellert selbst berichtet in einem briefe an die gräfin Bentink vom j. 1757: ich habe ihn, da er studierte, kritisirt, mit der anmerkung: Klopstock hat ein gröszer genie, als ich und meine freunde, vorher: er ist ein groszes, aber schwer denkendes genie. Klopstock selbst hat sich länger gegen das fremdwort gesträubt, er meinte: der bescheidne Deutsche nennt es dankbar gabe (s. Herder zur phil. u. g. 8, 82, vom j. 1778), aber dann z. b. in der gelehrtenrepublik im j. 1774: wer überwiesen werden kann, dasz er die stunde des genies habe (ungenutzt) vorüber gehen lassen ... 49, wo ihn der genius besucht; wenn einer einen deutschen fürsten verführt, klein vom genie und der wissenschaft der Deutschen zu denken. 109, s. auch 158. 160; daneben doch noch gaben 86, gaben des geistes 107, geisteskraft und gaben 167. und doch wieder im jahre 1796 in dem grammatischen gespräch 'der zweite wettstreit' (w. 9, 273), unter dem eindruck des treibens der kraftgenies: Voltaire ... welcher das starke (d. h. starkgeistige) wort genie unter seiner nation einführte, damit, wer von seinen werken redete, sich richtig ausdrücken könne. den Franzosen war gleichwol zu La Fontainens und Molièrens zeiten esprit oder geist genug gewesen .. der dankbare Deutsche hat sich mit gabe bis zu der zeit begnügt, da die kraftmänner aufgetreten sind und genie gehabt haben. es sollen indess hier und da noch Deutsche sein, denen das wort gabe nicht mistönet. 9@a@bβ) Gellerts begriff von genie tritt deutlicher heraus in der rede zum schlusz der rhetorischen vorlesungen, wie weit sich der nutzen der regeln in der beredtsamkeit und poesie erstrecke, z. b.: wenn man nicht genie, nicht gelehrsamkeit besitzt, so werden uns die regeln in der ausarbeitung zu nichts helfen .. haben wir genie, so können uns die regeln viel nützen, aber sie können uns doch die anwendung nicht lehren, diese kömmt auf unsere einsicht, auf unsern geschmack an, die regeln können selbst ein genie noch immer fehl führen. 5, 153 fg. (117); allerdings auch anderseits: was hofft ein verächter aller regeln, der nur seinem genie folgen will? 156 (119); wie weit werden wir es mit unserm genie bringen, wenn wir es nicht durch die gewalt der regel, wie ein muthiges pferd durch den zügel, lenken und regieren? 160 (121); aber als schlusz doch: dieses (verfehlen des ziels) ist das schicksal derer, die, ohne genie, blosz unter anführung der regeln sich in das feld des witzes und des geschmacks gewagt haben. 164 (125); wie glücklich wären wir .. wenn es nicht so wahr wäre, dasz die erste regel in der poesie diese sei: man musz genie haben! 168 (127); es giebt tausend schönheiten eines werks, die durch keine regeln ... gelehret werden können ... unser genie zeugt diese kinder der anmuth, aber die kunst, gleich einer tyrannischen mutter, erstickt sie nicht selten in der geburt, weil sie ihnen keinen ehrlichen namen nach den regeln zu geben weisz. 178 (135); und auch schon in anwendung auf das gebiet, das nachher in wiederholtem anlauf von dem neuen begriff des befreiten geistes erobert werden sollte, auf die bühne: ja, ihr regeln, vom genie verlassen, euch hat das theater die gesetzmäszigen trauerspiele und lustspiele zu danken, in welchen die handlung einfach, in welchen die einheit der zeit und des orts sorgfältig beobachtet .. und doch alles leer und ohne leben ist! das.; dabei die scharfe warnung: die welt kann die poeten entbehren, und mittelmäszige braucht sie gar nicht, junge dichter ohne genie musz man zurückhalten u. s. w. 181 (137). das zeigt denn den beginn der linie, auf der sich dann der begriff weiter bewegte bis auf seine höhe, wozu in Gellerts vielbesuchten vorlesungen, die in Deutschland nach allen seiten wirkten im gegensatz zu Gottscheds älterem fast allmächtigen einflusse, der samen ausgestreut zu sein scheint. 9@a@gγ) auch in den moralischen vorlesungen, z. b.: Mosheims sittenlehre ... ein werk des genies und der gelehrsamkeit. 5, 240 (168); der charakter dieses mannes (Rabeners) verdienet eben so viel hochachtung als sein genie. 253 (177). dazu weitere züge zu seinem bilde vom genie, z. b. an der wichtigen stelle, wo er für alles schwanken in menschenfragen die entscheidung in ein jedem angeborenes gefühl verlegt: wir haben ein gefühl .. des schönen und schlechten, welches das genie leitet, bei seinen nachahmungen der natur, fast ohne dasz es sich dessen bewuszt ist, nach den regeln der natur (nicht des lehrbuches) zu arbeiten. 6, 44 (32), 2. vorl., man bemerke die worte über das bewusztsein, d. h. die linie, auf der nachher von Schiller vom genie verlangt wird, dasz es naiv sein müsse (12, a). welche hoffnungen sich an den begriff knüpften, zeigt z. b. in der vorlesung von den ursachen des vorzugs der alten vor den neueren: es giebt in dem reiche der schönen wissenschaften, wie auf der erdkugel, unangebaute, auch ganz unentdeckte gegenden, und kein groszes genie darf verzagen, dasz es nichts neues werde unternehmen können. 5, 278. bemerkenswert ist auch, in der rede über die regeln, ein fruchtbares genie 5, 172, glückliches genie, das gleichsam eine glückliche hand hat: männer von glücklichem genie dichteten, um zu vergnügen und zu nützen, sie folgten den eingebungen ihres genies, ihres geschmacks .. ihre exempel wurden zu regeln. 155. dazu glückliche verwegenheit (des genies) 178, in der uns die regeln stören, auch edle kühnheit und feuer, womit man denken musz, wenn man nicht gemein denken will 167, edles feuer des geistes 177. denn auch in der prosa läuft diesz noch mit unter, z. b.: was sind alle regeln der kunst anders, als stimmen, befehle der natur, welche die gröszten geister gehört, verstanden und ausgeübt haben? 5, 130; auch glückliche geister 265, hoher geist (des dichters) 179, wie hohes genie: so wird er (der dichter) zum hohen genie und zum lehrer ganzer nationen, so lange sie seine sprache verstehen. 7, 11 (16. mor. vorl.); bemerkenswert besonders schöpferischer geist (s. 9, e): ihr wollt uns durch eure tragödien rühren, ihr kenner der regeln! und wir fühlen gleichwohl, dasz euch der schöpferische geist gemangelt u. s. w. 5, 168 (128), wie er die genies auch kurz schöpfer nennt 269, man sieht wol, es fehlt kein wesentlicher zug zu dem nachher voll ausgestalteten bilde vom genialen dichter. wie er aber dabei das franz. wort im dichterischen stil doch fern hielt (wie man ja noch jetzt wol thut), zeigt besonders eine stelle in dem lehrgedichte 'der stolz', die deutlich das genie schildert in seinen höchsten wirkungen für das menschenwesen: doch dein verdienst sei mehr, als ein gelehrter ruf: sei selbst der gröszte geist, den die natur erschuf ... hab überdacht, geprüft (das schon geleistete) und habe selbst erfunden .. erforsche die natur auf dem geheimsten gleise, schreib ganze schulen klug und nationen weise u. s. w. 2, 55, der begriff zugleich schon über das dichtergebiet hinaus erstreckt auf wissenschaft und schriftstellerkunst im allerhöchsten sinne. 9@bb) wort und sache fanden dann besonders förderung durch Lessing (der doch gewiss bei Gellert gehört hatte). 9@b@aα) der begriff in seiner wichtigkeit für die zukunft des deutschen geistes musz ihn früh beschäftigt haben, er zeichnet ihn schon in dem lehrgedicht von den regeln vom jahre 1749 (gedruckt 1753), deutlich im anschlusz an Gellerts begriff, aber zu einer höhe und schärfe fortgeführt, die kaum für die folgezeit wesentliches hinzuzuthun übrig liesz; doch nicht mit dem franz. worte, das aus dem hohen stil ausgeschlossen bleibt, es heiszt mustergeist (s. unter 7, b): er schöpfet aus sich selbst, er ist sich schul und bücher. was ihn bewegt, bewegt (überhaupt), was ihm gefällt, gefällt. sein glücklicher geschmack ist der geschmack der welt ... fehlt einst (einmal) der mensch in ihm, sind doch die fehler schön ... nachahmen wird er nicht, weil eines riesen schritt, sich selbst gelassen, nie in kindertappen tritt u. s. w. Lessing 1, 183. die hoffnung nämlich, das alte ewige nachahmen endlich los zu werden, auch bei Gellert und Klopstock ein hauptziel der jungen hoffnungsreichen bewegung (beim ersteren s. besonders 5, 266 ff. 276 ff.), knüpfte sich ganz besonders an den neuen begriff (vergl. f), der eine ganz neue eigene hohe geisteswelt in aussicht stellte, wobei sich denn freilich seltsam ausnahm, dasz man eben von den Franzosen, deren nachahmung zuletzt den deutschen geist hemmte, das wort für den begriff entnahm, der zur befreiung das wesentliche werkzeug sein sollte. auch vom groszen gelehrten verlangt er genie, schöpferischen oder schöpfergeist (s. e), in dem gedichte an den herrn M., das noch früher fällt: an geistern fehlt es nie, die aus gemeinen schranken des wissens sich gewagt, voll schöpfrischer gedanken. 1, 174; der dichtern nöthge geist, der möglickeiten dichtet und sie durch seinen schwung der wahrheit gleich entrichtet, der schöpferische geist, der sie beseelen musz, sprich, M. (Mylius), du weists, braucht den kein physicus? 177; hat die (diese forscher) kein schöpfergeist bei ihrer müh beseelt? das. 9@b@bβ) in prosa dagegen nahm er das franz. wort früh an, neben dem deutschen, z. b.: die regeln in den schönen künsten sind aus den beobachtungen entstanden, welche man über die werke derselben gemacht hat. diese beobachtungen ... vermehren sich noch, so oft ein genie, welches niemals seinen vorgängern ganz folgt, einen neuen weg einschlägt. 3, 222, vom j. 1751 (über eine schrift von Batteux, s. c, α), vgl. 143 aus demselben jahr der poetische geist für genie; wann übrigens Huart .. behauptet, dasz es nur den groszen und erfindenden genies erlaubt sein solle, bücher zu schreiben, so musz er sich ohne zweifel selbst für ein solches gehalten haben. 3, 259, während er im titel der schrift des Spaniers ingenio vielmehr mit kopf gibt (s. 7, d a. e.), 'prüfung der köpfe zu den wissenschaften' 256, vom jahre 1752; der leichte dichter eines fröhlichen trinkliedes, eines kleinen verliebten gesanges ist mehr ein genie, als der schwunglose schreiber einer langen Hermaniade. 1, 137 (fab. 1, 18); neuerungen machen kann sowohl der charakter eines groszen geistes als eines kleinen sein ... das genie will mehr thun als seine vorgänger, der affe des genies nur etwas anders. 4, 109; wenn ich von den allweisen einrichtungen der vorsehung weniger ehrerbietig zu reden gewohnt wäre, so würde ich keck sagen, dasz ein gewisses neidisches geschick über die deutschen genies, welche ihrem vaterlande ehre machen könnten, zu herrschen scheine. wie viele derselben fallen in ihrer blüthe dahin! 4, 444 (vorrede zu Mylius schr.); nun überlegen sie, was für schwierigkeiten dieses (in niederen verhältnissen geborene) genie in einem lande als Deutschland, wo fast alle arten von ermunterungen unbekannt sind, zu übersteigen habe ... das., vorher von groszen geistern, die gerade so meist geboren werden; der verfasser ist ein dichter, dem es an genie nicht fehlt, dem es aber an fleisze desto mehr musz gefehlt haben. 4, 483; doctor Faust (das puppenspiel) hat eine menge scenen, die nur ein Shakespearsches genie zu denken vermögend gewesen. 6, 43; ein genie kann nur von einem genie entzündet werden, und am leichtesten von so einem, das alles blosz der natur zu danken zu haben scheinet und durch die mühsamen vollkommenheiten der kunst nicht abschrecket (wie Shakespear). 42; das genie lacht über alle die grenzscheidungen der kritik. 7, 32 (dram. 7. stück); ein glückliches genie vermag viel über sein volk. 63 (14. stück); nun urtheile man, ob der grosze Corneille seinen stoff mehr als ein genie oder als ein witziger kopf bearbeitet habe .. das genie liebt einfalt, der witz verwicklung. 7, 135. bemerkenswert ist noch, wie er einmal, im widerspruch mit vorherigen äuszerungen, das genie blosz als wirkung der erziehung ansieht: warum fehlt es in allen wissenschaften und künsten so sehr an erfindern und selbstdenkenden köpfen? .. gott giebt uns die seele, aber das genie müssen wir durch die erziehung bekommen. ein knabe, dessen gesammte seelenkräfte man .. beständig in einerlei verhältnissen ausbildet und erweitert u. s. w. u. s. w. der knabe wird ein genie werden oder man kann nichts in der welt werden. 5, 418 (abh. über die fabel v). und wie er sich selber das genie abspricht, im gegensatz zu den jugendjahren: ich bin weder schauspieler noch dichter ... die ältesten von jenen (dramatischen) versuchen sind in den jahren hingeschrieben, in welchen man lust und leichtigkeit so gern für genie hält. was in den neueren erträgliches ist, davon bin ich mir sehr bewuszt, dasz ich es einzig und allein der critik zu verdanken habe u. s. w. 7, 448 (hamb. dram. 19. apr. 1768), nachher: ich bin daher immer beschämt oder verdrüszlich geworden, wenn ich zum nachtheil der critik etwas las oder hörte. sie soll das genie ersticken, und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem genie sehr nahe kömmt. das., was denn jenem satze von der erzeugung des genies durch erziehung die hand reicht, hier selbsterziehung durch die wissenschaft der ästhetik (denn das ist da critik mehr als der heutige begriff davon), durch forschende erkenntnis ihrer regeln und gesetze (vergl. unter γ 7, 454). 9@b@gγ) übrigens sah Lessing, der selbst zuerst den begriff so scharf und hoch herausgestellt hatte, das genie doch auch früh kritisch an und paszte auf seine kehrseite, z. b.: ich versichere den herrn Basedow auf meine ehre, dasz ich dem herrn Klopstock in allem ernste gewogen bin, so wie ich allen genies gewogen bin. aber deswegen, weil ich ihn für ein groszes genie erkenne, musz er überall bei mir recht haben? mit nichten. gerade vielmehr das gegentheil: weil ich ihn für ein groszes genie erkenne, bin ich gegen ihn auf meiner hut. ich weisz, dasz ein feuriges pferd auf eben dem steige samt seinem reiter den hals brechen kann, über welchen der bedächtliche esel ohne zu straucheln geht. 6, 258 (lit. br. 111), wie er schon in dem jugendgedichte 'die religion' dem Messias gegenüber steht mit neidender bewunderung und zweifelndem bedenken zugleich (zu schön, um wahr zu sein 1, 194). ähnlich von Huart als genie (s. unter β): man weisz aber wohl, dasz solche geister auch auf unzählige paradoxa verfallen. 3, 259. und auch von der schrankenlosen freiheit des genies den regeln gegenüber, in der ihm einst der begriff zuerst aufgegangen war in leidenschaftlichem kämpfen gegen schule und regeln (s. u.α), ist er später zurückgekommen: aber mit diesen regeln (des franz. trauerspiels) fieng man an, alle regeln zu vermengen, und es überhaupt für pedanterey zu erklären, dem genie vorzuschreiben, was es thun und was es nicht thun müsse. kurz, wir waren auf dem punkte, uns alle erfahrungen der vergangnen zeit muthwillig zu verscherzen, und von den dichtern lieber zu verlangen, dasz jeder die kunst aufs neue für sich erfinden solle. 7, 454 (hamb. dram. 19. april 1768), d. h. er hatte damit den kreislauf der erfahrung durchzumachen, wie nachher in weiterem und gröszerem schwunge Göthe, Schiller u. a. 9@cc) der auswärtige einflusz auf wort und begriff bei ihrem auftreten wäre genauer zu untersuchen, wozu doch hier der ort nicht ist, es müssen andeutungen genügen. 9@c@aα) der anlasz zu Gellerts entschiedener aufnahme des franz. wortes (das ja ohnehin der sprache der gebildeten welt nicht mehr fremd war, s. 8, a) ist zu erkennen in der schrift des Franzosen Batteux les beaux arts réduits à un même principe Paris 1746, von der ein jüngerer vertrauter freund Gellerts, J. A. Schlegel eine übersetzung machte, in Leipzig gefertigt nach der unterschrift der vorrede, also in seinem umgang mit Gellert: einschränkung der schönen künste auf einen einzigen grundsatz Leipz. 1751, die Lessing 3, 222 besprach und für Gellerts arbeit hielt, der die schrift früh für seine vorlesungen benutzt zu haben scheint, er mochte bei der übersetzung wirklich betheiligt sein als veranlasser und ratgeber. da ist denn genie beibehalten, mit einer entschuldigenden anm. im vorbericht 3b, die es als neu zeigt: unsrer sprache fehlt ein wort, welches dieses französische kunstwort auszudrücken fähig wäre u. s. w., dann: warum sollten wir bedenken tragen, kunstwörter aus einer sprache, die uns in den schönen künsten vorgearbeitet hat, in die unsrige herüber zu nehmen? Gottsched freilich, der bald nachher auch die schrift des Franzosen bearbeitete, um sie künftig seinen vorlesungen zu grunde zu legen (auszug aus des herrn B. schönen künsten u. s. w. Leipz. 1754), hielt an witz fest (s. 7, a): der witz, als der vater der künste, musz der natur nachahmen s. 14, der menschliche witz kann nur uneigentlich schaffen 15 u. s. w., Ramler aber, der bald darauf eine übersetzung des schriftchens gab, vor seiner bearbeitung vom hauptwerke des Batteux, cours des belles lettres 1747, einleitung in die schönen wissenschaften u. s. w. Leipzig 1758, hielt geist fest (s. u. 7, a), auch noch in der ausg. 1774, also auf der höhe des geniewesens, z. b.: der menschliche geist hat die künste nicht anders, als durch nachahmen hervorbringen können 1, 16, der geist des künstlers, des erfinders 17, männer von dem gröszesten geiste das. u. s. w. in Schlegels übersetzung dagegen: das genie hat die künste nicht anders als durch die nachahmung hervorbringen können. s. 9; das genie gleicht der erde, welche nicht eher etwas hervorbringt, als bis sie den samen dazu in sich empfangen hat. 10; das genie musz also, wenn es sich aufrichten und aufrecht erhalten soll, eine stütze .. und diese stütze ist die natur. 11; das allerfruchtbarste genie fühlt nicht immer die gegenwart der musen. 28 u. s. w.; auch in den beigegebenen eigenen abhandlungen macht dann Schlegel gebrauch von dem worte, z. b.: das genie hatte zu der zeit, da es die gattungen der poesie entdeckte, vielleicht nicht einmal den vorsatz, zu erfinden .. es fand, ohne zu suchen. 306, wovon bei Batteux nichts steht, während Gellert das genie fast ohne bewusztsein nach den regeln der natur arbeiten läszt (s. 6, 44 u. a, γ). überhaupt zeigt Gellerts begriff vom genie einerseits allerlei anknüpfen an den des Franzosen (auch z. b. in bezug auf den geschmack, ein natürliches empfinden des guten und schönen als warnenden leiter des genies), geht aber anderseits entschieden über ihn hinaus, besonders in der richtung, in welcher der begriff bei uns überhaupt zunächst weiter drängte, in der selbstbefreiung des genies gegenüber den geschriebenen regeln, der kritischen gelehrsamkeit, innerhalb deren der Franzose vielmehr seinen neuen standpunkt suchte. das war es auch, was Gottsched an der schrift gefiel, der im vorwort seines auszugs bemerken konnte, er habe für sich und seine lehre eigentlich nichts neues darin gefunden, und wenn er sie doch nun auch als lehrbuch benutzte, so war er wol durch Gellerts vorgang dazu veranlaszt, der später nachweislich über Batteux gelesen hat (z. b. im j. 1761), nach dem vorliegenden aber wahrscheinlich schon vor Schlegels übersetzung, und damit das wort genie eigentlich in gang gebracht hat. 9@c@bβ) einflusz auf ausbildung des begriffes kam übrigens auch aus England und zwar gerade in der gesuchten rettenden richtung. der bei uns viel gelesene und bald übersetzte Spectator z. b. gibt in nr. 160 vom j. 1711 einen aufsatz über den genius, in dem zunächst auffällt, dasz da wort und begriff in England schon länger im gange erscheinen und sogar in ihrem kreislauf so vorgeschritten, wie bei uns hinter der höhe des geniewesens, als der umschlag eintrat. so klagt auch Shaftesbury um dieselbe zeit seine dichtenden landsleute an: an english author wou'd be all genius, he wou'd reap the fruits of art, but without study, pains or application, und noch bitterer: he thinks it necessary .. to show the world that he errs knowingly against the rules of art (characteristicks London 1737 3, 258 fg.). der Spectator dort spöttelt, wie leicht und allgemein man auch dichterlingen die titel a fine genius, a great oder gar a prodigious genius spende, und geht eben dem gegenüber darauf aus, den rechten begriff von a great genius wiederherzustellen. danach ist dem genie nichts schädlicher als regeln und gelehrsamkeit, es erzielt seine wunderbaren wirkungen by the mere strength of natural parts and without any assistance of art or learning, es ist in ihm sogar eine edle wildheit, die dem schönen näher kommt als alle kunstbildung: there appears something nobly wild and extravagant in these great natural genius's, that is infinitely more beautyful than all the turn and polishing of what the French call a bel esprit, by which they would express a genius refined by conversation, reflection and the reading of the most polite authors, also eine trotzige abkehr von dem französischen wege, wie später bei uns, das genie tritt nun an die stelle des bel esprit, der vordem das höchste ziel bezeichnete (s. geist 22, c). als beispiele werden besonders Homer, Pindar und Shakespeare genannt, an denen ja auch bei uns nachher das genie den flug in freie höhe und die rückkehr zur echten natur zugleich für sich gewinnen sollte, zum theil wieder auf anregung von stimmen, die aus England herüberklangen, wie Blackwell, Young, Wood. wie man in der regelfrage, in der sich zunächst alles entschied, schon in Gottscheds zeit in fortschrittlichen kreisen auf England traute und baute, zeigt eine äuszerung Lessings vom j. 1754: sie wissen wohl, mein herr, was die regeln in England gelten. der Britte hält sie für eine sklaverey und sieht diejenigen, welche sich ihnen unterwerfen, mit eben der verachtung und mit eben dem mitleid an, mit welchem er alle völker, die sich eine ehre daraus machen, königen zu gehorchen, betrachtet. 4, 456 (vorr. zu Mylius schr., 5. br.), also die ästhetische und die politische freiheit in eins gesetzt als ziel der zukunft, das man in England schon erreicht fand. 9@c@gγ) zu erwähnen ist aber doch, dasz auch in Frankreich diese regung nicht fehlte, noch vor der auch dort auftretenden englischen einwirkung, auf der höhe der gesuchten classischen regelmäszigkeit; so bei dem auch in Deutschland vielgebrauchten Boileau: quelquefois dans sa course un esprit vigoureux, trop resseré par l'art, sort des règles prescrites, et de l'art même apprend à franchir leurs limites. art poétique 4, 78 ff. ähnlich wird bei Bouhours der bel esprit, der da auch zum beau genie erhöht erscheint, auch als selbstquelle des schönen und rechten behandelt den büchern gegenüber: un bel esprit est riche de son fond: il trouve dans ses propres lumieres ce que les esprits communs ne trouvent que dans les livres. il s'étudie et s'instruit luy-même, comme a dit un sçavant homme d'un des plus beaux genies que la France ait jamais portez u. s. w. entretiens d'Ariste et d'Eugène Amsterd. 1708 s. 208, vgl.beau genie 205. 211. 216 u. ö. aber kräftiger, ergreifender klang das doch aus England: great wits sometimes may gloriously offend, and rise to faults true critics dare not mend, from vulgar bounds with brave disorder part, and snatch a grace beyond the reach of art u. s. w. Pope essay on criticism 152 ff., von Hagedorn 1, xix (der übrigens von genie nicht gebrauch macht) angeführt zur bezeichnung seines standpunkts, in Drollingers übersetzung: so dörfen grosze geister unterweilen einen kühnen flug über die regeln wagen und erhabene fehler begehen, die ein rechtschaffener criticus nicht verbessern darf (d. h. den mut hat). mit tapferer unordnung unterfangen sie einen ausfall aus den gemeinen grenzen und erbeüten schönheiten auserhalb des gebiets der kunst, die, ohne (erst) durch unser urteil zu laufen, gerade ins herze dringen u. s. w. gedichte Basel 1743 s. 200 — man sieht, wie das geniewesen mit wachsender spannung des freiheitsdranges allenthalben in der luft lag gewitterartig und endlich losbrechen muszte gegen den nun beengenden bann der ewigen alten vorbilder und regeln, bei uns am letzten, aber am gewaltigsten. 9@dd) das ziel, dem der begriff zustrebte, oder sein treibender kern ist am deutlichsten bezeichnet durch die wendung 'mehr als mensch', die in dieser zeit und schon vorher, wie auch lange nachher oft erscheint. 9@d@aα) so bei Lessing in jungen jahren: die schule macht den dichter? nein. er, welchen die natur zu ihrem mahler wählet, und ihn, ein mehr als mensch zu sein, mit jenem feur beseelet u. s. w. 1, 172 (aus einem ged. an herrn baron v. Sp.), nach dem vorgesetzten ein war die wendung schon damals wie zu einem worte zusammengewachsen, also schon lang im gange. auch als adj.: aufs höchste möchte eine gar zu übertriebene meinung von dem, mehr als menschlichen, geiste des Engländers (Pope) zum grunde liegen. 5, 17 (Pope ein metaphysiker 2. abschn.), d. h. bei stellung der betreffenden aufgabe der Berliner akademie; ich hör, ich höre schon das ewige gerücht dir (Besser) seine zunge wiedmen und deiner schriften ruhm mit der beschrienen dichter, die mehr als menschlich sind. der alten zeiten paaren. Bodmer mahler der sitten 2, 590. ebenso englisch more than humane (wahrscheinlich auch franz.), z. b. vom dichtergenie: that divine impulse which raises the mind above it self and makes the sounds more than humane. Spectator 2, 279 (nr. 160). bei uns aber auch schon im 17. jh.: die freyheit wohnet nicht in allen seelen. zieht sie bey einem ein, so kan er sich mit recht zu diesen zehlen, die etwas mehr als menschen seyn. Canitz 211 (vorzug der freyheit); Virenus, der sich vor (vordem) den klügsten hat geschätzt, ward gestern sonder witz (d. h. als wahnsinnig) in fessel eingesetzt: wann wir aus uns was mehr denn menschen machen wollen, nimmt gott auch von uns weg was menschen wissen sollen. A. Gryphius 2, 491 (epigr. 92). auch aufs sittliche angewandt, von einer unbegreiflich edlen handlung: Seraphine. Prado! Prado. ich will den namen eurer heirath tragen. Ser. (fällt auf ihr angesicht). o mehr als ein mensch! Lenz 1, 255 (die freunde machen den philos. a. e.). und noch in der zeit der freiheitskriege, als ausdruck des aufschwungs der begeisterung: fort zu den waffen! nicht nur die göttlichen des Hephaistos den Achilleus, auch die meinigen sollen mich emporheben, dasz ich der schwerkraft der erde entbunden, leicht, mit mehr als menschlicher strebekraft stehe und gehe. Karl Ruckstuhl brieflich im j. 1815 bei dem entschlusz in das deutsche heer einzutreten (er war Schweizer), s. L. Hirzel K. Ruckstuhl s. 10. 9@d@bβ) wie stark der begriff in dieser form gerade in der ersten hälfte des vorigen jahrhunderts in den geistern arbeitete und auch schon zu klarheit vorgedrungen war, kann Bodmer zeigen, der öfter darüber grübelt, z. b. wie grosze oder hohe gemüther (genies) die menschliche natur übersteigen können, auch schon vom dichterischen gebiet auf das grosze leben überhaupt erstreckt: unter der groszen anzahl der menschen kan man von zeit zu zeit etliche wenige wahrnehmen, welche sich durch ihre denkungsart, durch ihre lebensregeln, durch ihre thaten von der menge sondern, welche die gebräuche (convenienz) und die gemeine regeln verlassen und ihren eigenen trieben folgen dürfen (wagen). diese menschen werden denn wunderbar und erstaunlich, sie verfallen auf die tugend oder das laster, ihr groszes gemüthe zeige sich durch würkungen, thaten oder worte. es scheint, dasz sie die menschliche natur übersteigen, und man wundert sich, wie es seyn könne, dasz menschen sich zu so hohen entschlüssen und thaten, die so übermenschlich oder so unmenschlich scheinen, erheben können. critische briefe 1746 s. 99 fg., also auch schon von beiden seiten, übergrosz im guten oder bösen, übermenschlich oder unmenschlich, über oder unter dem menschen (vgl. genie dem teufel nahe 11, e). dem erstern entspricht dann übermensch, bei Göthe bekannt zur bezeichnung des genieüberschwangs, auch bei Herder, nachdem der genieschwall verrauscht war, in den hum. br. nr. 25: alle ihre fragen über den (möglichen) fortgang unsres geschlechts .. beantwortet, wie mich dünkt, ein einziges wort, humanität, menschheit. wäre die frage: ob der mensch mehr als mensch, ein über- ein auszermensch werden könne und solle? so wäre jede zeile zu viel, die man deszhalb schriebe u. s. w. 17, 115 S., mit der folgenden ausführung, dasz und wie unser letztes ziel eben im menschlichen selbst völlig enthalten sei (vergl. Göthe unter γ). 9@d@gγ) also übermenschlich, ins göttliche übergreifend, was ja im worte selbst ursprünglich angedeutet ist, vgl. genius als 'ein gott' unter 2, d, α und der grosze mann selbst als gottähnlicher genius unter 2, g, der gottgleiche genius Göthe 39, 349. daher auch geradezu halbgott (s. d.), schon vor Göthe: und endlich ist der mensch nach dem loose der millionen zu beurtheilen, nicht nach wenigen halbgöttern. Fr. v. Creuz 2, 178, er schildert sie: unter den menschen thun sich einige wenige und in seltenen zeiten herfür, welche wesen einer höhern classe zu sein scheinen, und daher als genii oder genies betrachtet und vorzüglich also genennet werden. zu der völligen ausbildung dieser genies werden oft jahrhunderte erfordert (also schon aus dem zeitgeist wachsend gedacht) und sie sind allerdings geschöpfe des schicksals und der vorsehung. es entstehen durch sie die grösten veränderungen in der moralischen (d. h. menschlichen) welt, neue religionen, sitten, gesetze, geschmack, kurz ein neues menschensystem u. s. w. 2, 263 (nachher den kometen verglichen 264). ja kurzweg selbst ein gott, als höchster wolthäter der menschheit: er, dem es gelingt, die natur in ihrer schöpfungsstäte zu belauschen, neue merkmale ihrer wirkungen auszuspähen und sie durch künstliche werkzeuge zu einem menschlichen zweck anzuwenden, er ist der eigentliche mensch, und da er selten erscheint, ein gott unter den menschen. er spricht und tausende lallen ihm nach, er erschafft und andre spielen mit dem was er hervorbrachte u. s. w. Herder ideen 2, 243 (9, 3), nachher erfinder genannt. und auf der höhe der geniezeit aus Göthes geiste nach eigner erfahrung oder empfindung z. b. in Fausts frage bin ich ein gott? mir wird so licht u. s. w. 12, 32, was dann Mephistopheles höhnend behandelt: zu einer gottheit sich anschwellen lassen u. s. w. 12, 173; milder nachher in kühlerer zeit: da gott mir höhere menschheit gönnte 3, 264 (2, 353 H.), und aus gleicher zeit als abschlusz der ganzen bewegung, die eigentlich damit in sich zurückkehrt, ohne doch das hohe ziel preiszugeben: je mehr du fühlst ein mensch zu sein, desto ähnlicher bist du den göttern. 2, 377 H. 9@ee) hier tritt auch das noch geläufige schöpferische genie in sein rechtes und ursprüngliches licht. 9@e@aα) auch das stammt von französischem und englischem einflusz längst vor unserer eigentlichen geniezeit. einfach schöpfer z. b. nach Batteux (créateur) in der übersetzung seines ersten schriftchens durch Schlegel (s. u. c, α): die menschen, welche genie haben und tiefer forschen, entdecken (doch) nichts, als das was schon vorher da war. sie sind aus keiner andern ursache schöpfer, als weil sie genau aufgemerkt (beobachtet) haben .. das genie gleicht der erde (in ihrem hervorbringen) u. s. w. 10; was für erfindung, was für poesie herrscht gleichwohl in seinem werke! ... alles dieses war der schöpfung des genies vorbehalten. 26. daher bei Gellert u. a.: noch andre .. suchten einen andern weg, um grosz (grosze geister) zu werden, um den namen der erfinder, der schöpfer zu verdienen. sie verlieszen den weg der alten, das heiszt den weg der natur u. s. w. 5, 269 (187); nun werden es die übermüthigen Franzosen doch auch glauben, dasz es in Deutschland schöpfer gebe, welche von sich selbst etwas hervorbringen. Rabener 2, 87. aber schon in den 40er jahren geläufig schöpfer für genie, z. b.: der verfasser des poetischen schreibens über die Lettres germaniques ... musz, wenn er auf die deutschen schöpfer kömmt, seine zuflucht zu einem Schweizer, dem philosophischen herrn Haller nehmen. Bodmer, angeführt in den belust. des verst. u. witzes 1742 2, 265; jene franz. briefe vom jahre 1740 hatten das dem deutschen geiste abgesprochen: nommez moi un esprit createur dans votre Parnasse, c'est à dire, nommez moi un poete Allemand, qui ait tiré de son propre fond un ouvrage de quelque reputation! je vous en defie! (Danzel Gottsched 138), diesz esprit créateur, im anschlusz theils an den franz. begriff esprit theils an den kirchlichen spiritus creator, bei uns gewöhnlich mit schöpferischer geist gegeben (s. unter geist 23, d). auch in England creator, z. b. in dem von Lessing 6, 226 (103. lit. br.) angeführten essay on the writings and genius of Pope: the genuine poet, of a lively plastic imagination, the true Maker or Creator, is so uncommon a prodigy u. s. w., creator gleich dem älteren maker, das im 16. jahrh. dem griech. ποιητής gleich gefunden und gesetzt wurde, z. b. bei Ph. Sidney apologie for poetrie: wee Englishmen haue mette with the Greekes, in calling him (the poet) a maker (s. 24 Arbers reprint); das reicht aber in die vorzeit zurück, s. altengl. make dichten, ahd. machôn unter gemach 3, a, sodasz jenes creator in England selbstständig aufgetreten sein mag. 9@e@bβ) dieser begriff des genies ward bei uns früh genauer, eigentlich philosophisch untersucht, auch neu zu seiner ganzen tiefe und höhe aufgefrischt (die schon dort in den Lettres germaniques ziemlich abgenutzt erscheint), besonders von Bodmer, z. b.: diese art schöpfung (mit der Milton seine engel gestaltet) ist das hauptwerk der poesie, die sich eben dadurch von den geschichtschreibern und naturkündigern unterscheidet, dasz sie die materie ihrer nachahmung allezeit lieber aus der möglichen als aus der gegenwärtigen welt nimmt u. s. w. crit. abh. von dem wunderbaren in der poesie (1740) 32; diese (die einbildungskraft) übertrifft alle zauberer der welt, sie stellet uns nicht alleine das würkliche in einem lebhaften gemählde vor augen .. sie zieht auch .. das, so nicht ist, aus dem stande der möglichkeit hervor, theilet ihm dem scheine nach eine würklichkeit mit .. dasz wir diese neuen geschöpfe gleichsam sehen, hören und empfinden. crit. betr. über die poet. gemählde der dichter (1741) 13. auch esprit créateur genau nachgebildet 'geist schöpfer' Klopstock Mess. 1, 10, von gott, den er zum beistand anruft, wie sonst der epische dichter die muse; dann vom genie selber: eine gewisse mittelmäszigkeit (durchschnittsbegabung), die sich nicht zu genies und geistschöpfern hebet. Herder I, 381 (fragm. 3, 42). auch als seelenschöpfer, in höherem ernste genommen, vom dramatischen dichter: läszt sich ein genie, diese allmächtige schöpferin menschlicher seelen, diese reiche gewährerin der charaktere, läszt sie sich durch das blöde verbot des kunstrichters binden, lenken, einschrecken? Herder II, 318; eine welt dramatischer geschichte (bei Shakespear), so grosz und tief wie die natur, aber der schöpfer giebt uns auge und gesichtspunkt, so grosz und tief zu sehen. von d. art u. k. 96. bei Lessing geradezu der dichter und gott als der sterbliche und der ewige schöpfer: das ganze dieses sterblichen schöpfers sollte ein schattenrisz von dem ganzen des ewigen schöpfers sein. 7, 355 (hamb. dram. 79. stück). 9@e@gγ) daher das schöpferische oder schaffende genie, schon in den 60er jahren auch spöttisch behandelt, als ein stück bombast, sodasz es schon länger im gange sein muszte: du (Händel) bäckst, was Gallier und Britten emsig suchen, mit schöpfrischem genie originelle kuchen. d. j. Göthe 1, 86; dem schöpferischen genie oder der eigentlichen virtù (s. 7, d) wird diese regel nicht schaden (aber den mittelköpfen nützen). Möser patr. phant. 2, 191 (nr. 40), angewandt auf das staatswesen, wie im folgenden auf das wissenschaftliche denken: es giebt zwar glücklichere augenblicke, aber diese sind selten, wo die schaffende kraft des genies in ihrer wirksamkeit ungehindert und doch mit regelmäszigkeit und ordnung verbunden sein kann. Garve versuche 2, 311; doch höher stets, zu immer höhern höhen schwang sich der schaffende genie. Schiller VI, 272 (künstler 255). auf der reifen höhe der ganzen bewegung tritt der begriff esprit créateur wieder in seiner vollen eigentlichen kraft und fülle auf: der herrliche kirchengesang veni creator spiritus ist ganz eigentlich ein appel ans genie, deswegen er auch geist- und kraftreiche menschen gewaltig anspricht. Göthe 49, 62 (spr. in prosa 196), wie er denn eine übersetzung des hymnus mit der überschrift appel ans genie bezeichnete (Loeper bei Hemp. 3, 64); das wird schon zwischen ihm und Schiller verhandelt worden sein, dem er am 15. nov. 1796 vom spiritus creator schreibt, den sie nach dem xenienjahre würden zum freunde haben müssen, also ihr dichterisches schaffen mit dem göttlichen schaffen unter einen gesichtspunkt gestellt. übrigens wurde schöpferisch bald auch durch das wissenschaftliche productiv vertreten, das denn auch der abnutzung verfallen sollte (s. unter geist 23, d, γ). 9@ff) auch original, originell, mit dem genie früh in verbindung gebracht (heutzutage gleichfalls stark abgenutzt), tritt hier in sein ursprüngliches licht und ist ebenfalls mit dem auswärtigen einflusse übernommen. 9@f@aα) es meint eigentlich an der quelle oder am ursprung schöpfend oder geschöpft (Göthe gibt es gern mit ursprünglich, auch Herder schon z. b. II, 123), wie die natur ihre schöpfungen aus eigenster erster quelle hervorbringt, daher in jener zeit des erwachenden frischen schöpfergefühls im kunstgebiete auf kunstgebilde angewandt, die nicht mehr blosz von nachahmung oder gelehrsamkeit stammten, sondern selbst wie naturgebilde wären, was man lange einfach erfinden nannte. daher schon in den 60er jahren in Göthes spott auf den modischen bombast des Clodius die originellen kuchen aus des bäckers schöpferischem genie (s. u. e, γ). daher genie selbst als original, originalgeist, erfinder, erfindungsgeist: seitdem kunstrichter ... auf den trümmern gottschedischer originalwerke und schweizerischer nachahmungen die deutsche litteratur übersahen, seit der zeit ist keine klage lauter und häufiger, als über den mangel von originalen, von genies, von erfindern. Herder I, 254 (fragm. 2, 200); (man sollte) das genie und originalgeist und erfindung zergliedern (psychologisch genau untersuchen, s. 10). 255 (202); die hindernisse, die das genie und den erfindungsgeist aufhalten. 256; wenn nun in dieser glücklich oder unglücklich veränderten zeit (der neueren im vergleich mit der griechischen) es ein alter (zeitalter), ein genie gäbe, das aus seinem stoff so natürlich, grosz und original eine dramatische schöpfung (s. unter e) zöge, als die Griechen aus dem ihren ... von d. art u. kunst 89, von Shakespear; ist aber jedes grosze genie zugleich original, hat es seiner natur nach seinen eignen gang u. s. w. Göthe 33, 96 (Frankf. gel. anz.). schon bei Gellert genie und originalautor als gleich 6, 253 (10. mor. vorl.), von Rabener. auch bei Kant ist originalität das hauptmerkmal seines geniebegriffs, wie er ihm originale ideen zuschreibt (s. u. 5, b): nach diesen voraussetzungen ist genie: die musterhafte originalität der naturgabe eines subjects im freien gebrauche seiner erkenntnisvermögen. krit. d. urth. § 49 (s. 182 Kirchm.), zu musterhaft vergl. mustergeist bei Lessing u. 7, b, muster brauchte schon Gottsched ähnlich. 9@f@bβ) dieser begriff von original (und damit von genial) muszte sich aber zugleich genauer bestimmen und einlenken auf den von national, da man für sich nur éine bestimmte natur hat, die angeborene seines volkes: dabei langte man denn auch in dieser nächsten vorzeit der genieperiode, wie in dieser selbst entschieden an, eigentlich also bei dem punkte, nach dem das sehnen der ganzen bewegung seit Opitz suchte. das gieng mit vollem bewusztsein zuerst dem jungen Herder auf und er spricht es mit dem drange der leidenschaft einer beklemmten tiefen seele aus, wenn es ihm auch für das deutsche volk zunächst als kaum erreichbares ziel erscheint (vergl. von Shakespear unter α), z. b.: ein solcher deutscher idiot wird .. für sein volk einen brennenden patriotismus fühlen, denn sein volk ist ihm seine welt ... keine fremde aussichten zerstreuen, verwirren ihn: wird in seiner sprache so original, so idiotistisch schreiben, als wenn keine andre in der welt wäre .. wird ein mann seines volks werden, oder keiner wirds .. (aber) bei uns ist dies monogramm von einem genie selten. II, 358, also das 'monogramm des genies' der genius des eignen volkes, im dichter verkörpert. wie tief und lebhaft dieser begriff damals in ihm arbeitete, zeigt die hoffnung dafür, die er auf das russische volk setzte, als ein von der cultur noch nicht angekränkeltes, wobei der begriff zugleich vom kunstgebiete auf das ganze volkswesen überhaupt erstreckt wird: welche grosze arbeit des geistes ist hier für einen politiker, darüber zu denken, wie die kräfte einer jugendlichen halbwilden nation können gereift und zu einem original volk gemacht werden. IV, 356 (vgl. von berührung des geniebegriffs mit dem 'wilden' unter 11, e). daher auch in jener zeit sein zorn gegen die cultur, deren zwang am nächsten und längsten dem deutschen geiste aufgelegen hatte, die des schullateins: in den schulen hat lange ein lateinischer geist geherrscht, der genies, brauchbare männer und selbst gelehrte hindert. I, 359; unterdrückte genies! märtrer einer blosz lateinischen erziehung! o könntet ihr alle laut klagen! 381 (fragm. 3, 41). 9@f@gγ) begriff und wort kamen aus England, von Shakespeare als originalem genie handelte Young conjectures on original composition Lond. 1759, in deutscher übersetzung Leipzig 1760, im jahre 1767 erschien in London an essay on original genius .. particulary in poetry, im jahre 1770 critical remarks on the writings of the most celebrated original geniuses in poetry (Sulzer theorie 1792 2, 367b), im jahre 1769 Wood an essay on the original genius of Homer, in übersetzung versuch über das originalgenie des Homer, besprochen in den Frankf. gel. anz. 1772, s. Göthe 33, 21, das wort scheint bei uns auch nicht früher in gang gekommen. 9@gg) zum gebrauch ist zu bemerken, dasz man anfangs und lange ein mann von genie sagte, nach franz. homme de génie (auch engl. a man of genius), nun auszer gebrauch gesetzt durch genial, das anfangs und länger noch nicht zu gebote stand (das aber dem franz. abgeht): in der seele des mannes von genie herrscht ein heller tag, ein volles licht, das ihm jeden gegenstand wie ein nahe vor augen liegendes und wol erleuchtetes gemälde vorstellt u. s. w. Sulzer theorie 2, 363; kein mann von genie (ist Klotz). Göthe 33, 118; der mann von genie, der .. einer groszen wahrheit eingang verschafft. 36, 13 (Rameaus neffe); die begeisterung, welche den mann von genie über sich selbst erhebt und ihn gedanken finden läszt, deren er in seinem gewöhnlichen zustande nicht fähig ist. Garve versuche 2, 304; Riedel fängt .. seine beschreibung eines schönen geistes oder mannes von genie so an .. Adelung über den deutschen styl 2, 363. selbst freunde von genie, geistreiche: keinem leser von geschmack fehlt es in unsern tagen an freunden von genie, die mich der mühe überheben werden, weitläuftiger über den genius des Sokrates zu sein. Hamann 2, 39. auch werk des genies, nach franz. oeuvre du génie, ist nun auszer gebrauch: dasz er und seine freunde mit verschiedenen urtheilen, die bisher von werken des genies gefällt werden, nicht zufrieden wären. Lessing 8, 204 (antiqu. br. 56); Ramlers tod Jesu, als werk des genies, der seele, des herzens (betrachtet) .. welch ein werk! Herder von d. art u. kunst 117 (d. h. er tadelt es). neben jenem mann von genie tritt aber auch genie selbst vom manne gleich anfangs mit auf, eben nach dem franz., s. die belege aus Gellert, Lessing unter a und b. 9@hh) der begriff erscheint übrigens auch in dieser zeit noch und länger in sehr verschiedener abstufung. 9@h@aα) auch noch als geistige anlage oder gabe überhaupt nach ihrer eigenthümlichkeit, ohne dasz an grösze gedacht ist, wie franz. génie, mehr ingenium (s. 5, b): daher kann man in diesem allgemeinen verstande sagen: jeder mensch hat sein eigen genie. lit. br. 22, 23; man wird (als erzieher) tausend hindernisse finden, wenn man nicht das genie und den gemüthshang des jungen menschen, den man lehret, insbesondere studirt hat. Abbt 5, 54. daher sogar ein schiefes genie u. ä.: (selbstvertrauende aufdringlichkeit) durch welche sich die unbrauchbarsten, schiefsten genies, menschen ohne talent und kenntnisse, plusmacher and windbeutel bei den groszen der erde unentbehrlich zu machen verstehen. Knigge umgang 2, 37. eine gute anlage heiszt ein glückliches genie, was sonst in der zeit auch von wirklich genialer begabung gebraucht wird: hier begehen die meisten (erzieher) ... einen beträchtlichen fehltritt. wenn sie den kindern das denken beibringen wollen, so sehen sie dieselben nicht als kinder, sondern als erwachsene leute von geübtem verstande und einem glücklichen genie an. Abbt a. a. o.; dafür gute anlage vorher: daher (kommt es) dasz manches gute genie für einen dummkopf von seinem pedantischen lehrer gehalten wird, wenn es diese regeln nicht faszt, das eben deswegen sie noch nicht faszt, weil es von einer guten anlage ist. 53. das ist noch wie Frisch im jahre 1719 den begriff angibt, s. unter 8, a und b. noch im jahre 1785 Adelung: einen gewissen grad des genies hat jeder mensch. deutscher styl 2, 365. 9@h@bβ) dem hohen begriffe sich nähernd oder in ihn übertretend, doch auch noch mit anklang des vorigen, genie zur kunst u. ä.: alle diejenigen, die ein wirkliches genie zu den künsten haben. Schlegels Batteux (s. u. c) vorb. 3b; hat man genie zu diesen gattungen der beredsamkeit oder der dichtkunst .. Gellert 5, 182; sein fleisz .. war grosz und sein genie zur beredsamkeit gleich. 6, 320; viel genie zur handlung oder für die handlung, zur philosophie u. s. w. haben. Adelung d. styl 2, 361; Serlo, ohne selbst genie zur musik zu haben .. wuszte ihren werth zu schätzen. Göthe 19, 139 (lehrj. 5, 1), wo jetzt talent das gangbare ist (vergl. 12, h). die franz. wendung ist avoir le génie de la poésie, de la musique, es wird in den wbb. mit talent gleichgesetzt. dagegen im hohen sinne ein genie im lernen, persönlich: der Wiener hatt' ihm längst .. Roquairol als ein genie im lernen, besonders sich als eines im lehren vorgelobt. J. Paul 21, 124, wie es auch heiszt ein genie in der musik u. ä. für das nun gewöhnliche musikgenie, malergenie, dichtergenie, kunstgenie u. s. w., z. b.: die genies in den wissenschaften, die genies in den schönen kenntnissen und künsten umringen nun haufenweise das genie des gesetzgebers. Abbt 1, 30, d. h. den genialen gesetzgeber. 9@h@gγ) diesen besonderen genies gegenüber oder über ihnen universalgenie, bei Adelung 'allgemeines genie': allgemeine genies oder solche menschen, in welchen alle arten so wohl der untern als obern kräfte in einem gleich vorzüglich hohen grade beysammen seyn sollten, sind äuszerst selten. nicht viel weniger selten sind allgemeine schöne oder kunstgenies, in welchen alle arten der untern kräfte in einer vorzüglichen stärke vorhanden sind. d. styl 2, 366, schönes genie angeschlossen an schöner geist (vgl. franz. beau génie u. c, γ), allgemeines genie an das ältere allgemeiner geist für genie (s. geist 23, b). 1010) der eigentlichen geniezeit gieng, wesentlich in den 60 er jahren, als nächste vorbereitung und vorarbeit ein philosophisches forschen über den begriff voran, der da wie eine sonne am gedankenhimmel aufstieg, die dem deutschen geiste einen neuen tag, seinen lang ersehnten hohen tag verhiesz. davon ist das nöthigste hier auch vorzubringen. 10@aa) das philosophische denken war zwar schon länger aufmerksam wie auf das geheimnisvolle wesen des kunstschönen so auf die geisteskraft, aus der es sich offenbart, zum theil in gemeinsamer arbeit mit den französischen und englischen denkern; s. z. b. aus Bodmer, auch Lessing unter 9, d und b. aus der eigentlichen schule, die damals bei uns das philosophische denken beherrschte, der wolffischen, deren begründer selbst schon den begriff im auge hatte (ingenium genannt, deutsch witz, s. u. geist 24, d), kam dann A. G. Baumgartens aesthetica im j. 1750, wo das kunstgenie, ingenium venustum genannt, im § 38 untersucht und geschildert wird (vgl. lit. br. 22, 21), in möglichstem anschlusz an das geltende system, das ja geschlossener erschien als irgend eins vorher. das schöne und das genie haben da ihre wohn- und werkstätte in den sog. unteren kräften der seele, facultates inferiores animae, während das denken den oberen kräften angehört. das hat noch im jahre 1785 bei Adelung volle geltung, der da in seinem buch über den deutschen styl dem genie ein besonderes capitel widmete; die untern kräfte sind die aufmerksamkeit, das gedächtnis, die empfindungen oder gemüthsbewegungen, die einbildungskraft, der witz, der scharfsinn und die laune 2, 365, die beim genie vorzugsweis entwickelt sein müssen, es braucht eine vorzüglich scharfe aufmerksamkeit, ein getreues gedächtnis, eine sehr reitzbare empfindsamkeit, eine lebhafte und fruchtbare einbildungskraft, einen schnellen und feurigen witz, einen durchdringenden scharfsinn, eine eigenthümliche laune s. 366. bei seiner trocknen gründlichkeit kommt er auch zu der frage ob ein genie verstand besitzen müsse? s. 364, mit der antwort: die frage scheint sonderbar, ist es aber im grunde nicht, sie will eigentlich nur so viel besagen, ob ein vorzügliches masz der untern kräfte der seele auch mit einem vorzüglichen grade der obern und besonders des verstandes verbunden seyn könne und müsse. er spricht rühmend von männern, die beides in gleichem grade gehabt hätten, meint aber: die untern kräfte geben nur den schmuck, das wahre nützliche (für die gesellschaft) musz von den obern herkommen, nach dem gewöhnlichen sprachgebrauch verstehe man aber unter genie eine vorzügliche stimmung der untern kräfte, ohne alle rücksicht auf die oberen, ein gebrauch, welcher kurzsichtige vermuthlich zu dem vorurtheile veranlaszt hat, dasz das genie der leitung und des einflusses der obern kräfte nicht bedürfe, sondern sich selbst allein genug sey, woraus denn oft noch der weitere irrthum gefolgert worden, dasz man desto mehr genie habe, je mehr man sich über alle vorschriften der kritik, der vernunft und des wohlstandes hinweg setze, kurz je weniger verstand und tugend man habe oder zu haben scheine (s. 365), d. h. das geniewesen, nachdem die hochflut verrauscht war, in seinem bodensatze, wie er sich nun in dichtung und leben nicht blosz den nüchtern gebliebenen darstellte und von selbst den verstand wieder zu ehren brachte, also auch jene sonderbare frage nahe legte; s. weiter 11, h. 10@bb) aber die hauptsächlichste forschung fällt in die 60 er jahre, in die kreise der sog. popularphilosophen, die wacker mitstrebend das philosophische denken in den dienst der zeit stellten, welche man nun aus tiefem verfall in ungeahntem schwunge emporstreben sah zum höheren, ja zum höchsten. man sieht diese forschung z. b. mehrfach in den literaturbriefen, da heiszt es im 317. briefe (von Resewitz?): unter uns Deutschen musz sich doch jetzt viel genie zeigen, weil verschiedene philosophische köpfe beinahe zugleich darauf verfallen sind, die natur desselben zu untersuchen. das phänomenon musz oft wahrgenommen worden sein, sollte man schlieszen, denn es hat den untersuchungsgeist der Deutschen aufgefordert, das wesen desselben näher kennen zu lernen. 22, 21, das geniewesen selbst lag wirklich in der luft oder im schosz des zeitgeistes, dem ausbruch nahe, die denker halfen herzlich theilnehmend, als wäre es ihre eigenste angelegenheit, zum vollen durchbruch wie mit hebammendiensten. im 92. briefe vom jahre 1760 gibt Mendelssohn bericht von einigen untersuchungen des genies: ich glaube nicht, dasz die alten ein wort gehabt haben, das auszudrücken, was wir itzt genie nennen. ihre schriftsteller schweigen gänzlich von dieser eigenschaft des geistes, die unsere kunstrichter beständig im munde führen und unsere weltweisen nun auch endlich zu untersuchen anfangen. 6, 211 (auch als zergliederung des genies bezeichnet 230). es sind zwei abhandlungen, die er bespricht, die eine von Sulzer, franz. erschienen in der Berliner histoire de l'académie vom j. 1757, deutsch in seinen vermischten philos. schriften Leipz. 1773, sie ist auch die grundlage seines artikels genie in der theorie der sch. w. und künste (dem auch eine reiche literatur über den fraglichen gegenstand beigegeben ist, auch franz., engl. u. s. w.); die andere, versuch über das genie, von einem ungenannten in der sammlung vermischter schriften Berlin 1760, nach Sulzer a. a. o. von Resewitz. was aus diesen untersuchungen hierher paszt, ist etwa folgendes. 10@cc) man gieng zunächst vom wolffischen schulstandpunkt der erkenntnisarbeit aus, daher bei Sulzer, der in der untersuchung zugleich einen wichtigen beitrag zu einer künftigen naturhistorie des menschlichen geistes sah (s. unter 6, e): das genie bestehet vornehmlich in dem vermögen, sich aller erkennenden seelenkräften mit leichtigkeit und geschicklichkeit bedienen zu können. lit. br. 6, 214, es braucht witz und scharfsinnigkeit (s. noch Adelung unter a), oder das vermögen, an den gegenständen eine grosze menge von verhältnissen und beziehungen warzunehmen, sie gleichsam mit einem blick zu übersehen und ihre ähnlichkeiten und unähnlichkeiten zu unterscheiden (gut wolffisch, vgl. Gottsched unter geist 24, d). 217; darüber hinaus aber braucht es eine gründliche beurtheilungskraft, um die (verschiedene) wichtigkeit der verhältnisse schätzen zu können ... nur durch diese eigenschaft kann man zu dem hohen grade der kunst, zur edlen einfalt gelangen, die alles überflüssige verwirft und durch die kleinste mittel die gröszten endzwecke erreicht. 217, in übereinstimmung mit der geläufigen definition des schönen als einheit im mannigfaltigen, doch ist mit der edlen einfalt der standpunkt der äuszeren erfahrung, von dem man ausgieng, schon überschritten und dem genie ein ergänzendes und abschlieszendes hinzuthun aus dem eignen inneren zugesprochen, also das schöpferische (s. 9, e). zugleich aber ist ihm zum schaffen erforderlich besonnenheit oder gegenwart des geistes, welche die seele in der gröszten erhitzung der einbildungskraft bei der freiheit erhält, die aufmerksamkeit, wohin es ihm beliebt, zu lenken, um den vorwurf (object) im ganzen übersehen zu können s. 218, das genie musz meister über seine begeisterung sein, die vernunft musz in dem temperamente seiner fähigkeiten oben an sitzen und im sturme der leidenschaften selbst das steuer nicht verlieren 220. so wird da das genie von dem nichtgenie, das ihm erst nur als wiszbegieriger forscher gegenüber tritt, zuletzt in die schule genommen (aus der die genies selbst nachher einiges hätten ernstlich brauchen können) und ihm dann das höchste menschliche ziel vor augen gestellt, auf das der forscher selbst keinen anspruch macht: ein mensch, der die gröszten begebenheiten und ungestümsten leidenschaften heiter und mit sich selbst bewuszter grösze wie Addisons engel die gewitterwolke vor sich her treibet, ist meines erachtens der vollkommenste sterbliche, der die grenzen der menschlichen fähigkeiten schon beinahe überschreitet (vgl.mehr als mensch unter 9, d), wie Mendelssohn s. 221 aus sich hinzufügt. 10@dd) merkwürdig ist der gang, den die untersuchung von Resewitz nimmt, von welcher Mendelssohn im 93. und 208. bis 210. briefe bericht gibt. er geht von der sog. anschauenden erkenntnis, cognitio intuitiva im wolffischen system aus, und baut darauf die vollendung des erkennens überhaupt, die er dem genie als eigenthümlich beimiszt, auch dem wesen des kunstgenies zu grunde legt: ihm (dem verfasser) ist die bildliche oder anschauende erkenntnis das einzige mittel die wahrheit zu begreifen, zu erfinden, zu erdichten, ein genie zu werden, kurz das grosze geheimnis, das einen Homer, Phidias, Cäsar, Newton und Leibnitz den weg zur unsterblichkeit geführt hat. lit. br. 13, 7, d. h. eine erkenntnis, vermöge welcher wir die sachen in concreto erblicken mit (samt) ihren würkungen, zufälligkeiten und veränderungen, die in denselben aus dem verhältnis mit andern zu entstehen pflegen. das., d. h. im gegensatz zu der abstracten erkenntnis, die zuletzt auf blosze worte angewiesen ist, daher im system als symbolische erkenntnis bezeichnet. er schreibt dem genie die gabe zu, die allerabstractesten wahrheiten durch mannigfaltige und sinnreiche exempel zu erläutern und gleichsam für die empfindungen ihrer mitbürger zu bringen s. 10, also auch das abstracteste wahre zugleich dem empfinden zugänglich zu machen, statt nur dem verstande, aber auch diesz empfinden in ein anschauen umzusetzen: ein Klopstock unternahm es, die feinsten und unbemerktesten empfindungen (durch bilder) dem anschauen darzustellen ... er muszte sie (also auch) anschauend erkennen, ehe er sie anschauend darstellen konnte. 16. er steigert das bis zu einem erblicken der empfindungen und leidenschaften: seine (Klopstocks) elende nachahmer haben die kunst, empfindungen aufzusuchen (wie sonst erscheinungen in der erfahrungswelt), nicht verstanden, sie haben sie nie in ihrer natur erblickt oder nie anschauend erkannt, nur seine worte, nur die namen der empfindungen haben sie sich von ihm zu eigen gemacht u. s. w. 17, also aus dem anschauenden ins 'symbolische' zurückversetzt. er selbst verlangt vielmehr auch für das höchste erkennen ein anschauen und glaubt, dasz es auch einen anschauenden verstand, eine anschauende vernunft gebe (s. 22, vergl. von gott s. 20). Mendelssohn ist bei aller anerkennung des ausgangspunktes mit diesen so weit gehenden folgerungen wenig zufrieden, hält aber doch ein solches erkennen ohne abstraction und worte bei höheren wesen für möglich und spitzt den gedankengang zu der wunderlich klingenden frage zu: vielleicht aber haben die genies (schon) hierin etwas voraus und können mit dem verstande empfinden? mit der antwort: dieses kan niemand entscheiden, der nicht zu ihrem mittel gehöret, ich musz also diese frage unbeantwortet lassen. 27, dabei noch das zugeständnis: nach dieser voraussetzung liesze sich begreifen, was ein wahrhaftes genie unlängst hat behaupten wollen, dasz man nemlich in dem zustande feuriger empfindungen neuere (mehr neue) wahrheiten von gott und seinen eigenschaften fühlen, als durch hülfe der frostigen vernunft beweisen könte. das. das geht auf Klopstocks aufsatz im Nordischen aufseher von der besten art über gott zu denken (werke 1823 11, 207 ff.), der mit seinem überraschenden und kühnen gedankengang auch Lessing (49. lit. br.) und Herder lebhaft beschäftigte. der letztere tritt zum theil für Klopstocks sätze gegen Lessing ein und kommt dabei auch auf Mendelssohns frage: ob grosze genies mit dem verstande empfinden können? ein einfall, den die philosophische laune des sinnreichen D. (Mendelssohns zeichen in den lit. br.) ausgeboren, der das schmeichelhafteste compliment für die genies und für Klopstock ist, den ich (aber) so wenig als D. bestätigen kann, da ich auch sagen musz 'zu deren mittel ich nicht gehöre!' Herder I, 524 (fragm. 3, 317), doch mit dem zugeständnis, unsre anschauende kräfte könnten im zustand der dichterischen empfindungen in der weise mit der vernunft gemeinsam arbeiten, dasz es fast schiene, dasz sie mit der vernunft empfänden s. 525. dieser anscheinend blosz seltsame und höchst unphilosophische gedankengang, zu dem da Resewitz, von Klopstock angeregt, den anstosz gegeben hat, war doch auf dem rechten wege zu dem geheimnis des genialen geistes, wie es nachher auf der höhe der ganzen bewegung eben in deren trägern zugleich zur wirkung und zum bewusztsein kam. denn wenn da fürs genie vor allem in anspruch genommen wird, dasz es in der ungetrennten einheit wirke, die als dem menschengeiste von natur überhaupt eigen erkannt wurde, so fällt ja damit die thätigkeit von verstand und empfindung, geist und gemüt in éin thun zusammen (vgl. den überschwänglichen ausdruck Lavaters unter 11, b), und das ist in jenem fraglichen mit dem verstande, mit der vernunft empfinden wie vorgreifend geahnt, am deutlichsten von Herder, dem das ja aus eigner erfahrung nicht ganz fremd war. so sollte denn das genie den menschengeist überhaupt auf die spuren der gesunden, gottgewollten natur zurückführen. 10@ee) gerade Herdern lag die sache am wärmsten am herzen, nicht blosz dasz der geheimnisvolle begriff ergründet würde, worum er sich auch bemühte, sondern vor allem, dasz er endlich in ganzer fülle in der deutschen geisteswelt wirkend ins leben träte. in der zweiten sammlung von fragmenten vom jahre 1767 handelt eine einleitung über die mittel zur erweckung der genies in Deutschland (I, 243 S.), die er sich schon vorhanden, aber wie im schlummer auf anregung wartend denkt, welche eben ein hauptzweck seiner schrift ist; da heiszt es, nachdem von der klage über den mangel von originalen, von genies, von erfindern die rede war: um also mehr zu thun, als zu klagen, kann man dreierlei versuchen. zuerst als ein weltweiser das genie und originalgeist und erfindung zergliedern, seine ingredienzien auflösen und bis auf den feinsten grund zu dringen suchen u. s. w. fragm. 2, 202 (I, 255 S.); allein zur erweckung des genies trägt dies zergliedern nichts bei, bei aller mühe bleibt die vivida vis animi so unangetastet, als der rector archaeus bei den scheidekünstlern (s. u.gas 2) u. s. w. 203. von einer poetischen übersetzung der morgenländischen gedichte, die ein muster der nachahmung, die original bleibt, hat er einige hoffnung, sie vermöge auch neue und würklich neue genies zu erwecken 238 (274), d. h. die das blosze nachahmen endlich ganz überwinden könnten. indem er am Messias untersucht, was ihm zur vollendung noch fehle, äuszert er den Klopstockianern gegenüber: ich schreibe doch vielleicht, was viele bei sich gedacht, oder gar ein genie, das sich bei Klopstocks Messias so findet, als Alexander am bilde Achills, was dies genie schon dunkel in seiner seele fühlet. 242 (276). und in der 3. sammlung, wo er seinen plan eines umfassenden psychologischen lehrgedichtes vorträgt, das ihm da als die höchste und nötigste leistung erschien, ruft er hoffend aus: wie würde ich mich freuen, wenn etwa ein genie, indem es dieses läse, erwachte, sich fühlte, seine schwingen wiegte, um von ihnen den staub der systeme abzuschütteln, und alsdenn seinen flug zur sonne nähme u. s. w. fragm. 3, 219 (I, 476 S.), was ihm denn eigentlich an Göthen eintreffen sollte, dessen genie er ja wirklich erweckt hat und den er in Straszburg vor dem bilde Shakespeares mit umarmungen zum deutschen genie der zukunft gleichsam einweihte (von deutscher art und kunst 112, Haym Herder 1, 424). 10@ff) um das geheimnis des genies, das der zergliedernden wissenschaft entschlüpfe, doch zu fassen, braucht er den elektrischen funken als bild, wie man damals die elektricität gern zur erklärung des seelenlebens zuzog: woher glühet uns bei der Youngischen schrift über die originale (s. 9, f, γ) ein gewisses feuer an, das wir bei blos gründlichen untersuchungen nicht spüren? weil der Youngische geist drinn herrscht, der aus seinem herzen gleichsam ins herz, aus dem genie ins genie spricht, der wie der elektrische funke sich mittheilt. fragm. 2, 204 (I, 256); weil es aber gefährlich ist, als ein zweiter Prometheus den elektrischen funken vom himmel selbst zu holen, weil es schwerer ist, künstler, als ein sophist über die kunst zu sein (will er selbst dem gehofften genie nur als kritiker vorarbeiten). 205. schon bei Abbt 1, 31 der funke des genies, vom feuer des himmels hergenommen, bei Leisewitz 107 das talent als der funken des himmels; Gellert ist bei ihnen (Mauvillon und Unzer) ein mittelmäsziger dichter ohne einen funken von genie: das ist zu hart! Göthe 33, 11; bei Schubart leben u. gesinn. 2, 106 die himmelsflamme, das genie. dasselbe in anderer fassung ist das genie als äther, ätherisch, die damals noch neu und frisch waren, mit naturwissenschaftlichem denken auf die seelenwelt übertragen (s. unter geist 13, b, auch 23, f): den genies, die blos aetherisch lesen, ist sie (die übersetzung des Sophokles) eine sichere handleiterin zu einer klaren quelle. Herder fragm. 2, 269 (291 S.), ätherisch als gegensatz zu philologisch lesen, nach dem innersten geistigen gehalt. die höchste wirkende kraft in den geistern wie in der belebten welt überhaupt denkt er sich noch in den ideen zur philosophie u. s. w. vertreten durch einen elektrischen funken, nachher springenden funken und aetherstrahl. 1, 34 (1, 5 a. e.). das genie als ätherstrahl, der lohe aetherstrahl genie Schiller I, 298, des genies gefährlicher aetherstrahl 302 (s. u. 11, g, β), noch in einem briefe an Humboldt s. 232 nennt er seinen genius den ätherischen theil meiner natur. 10@gg) der begriff ward übrigens früh von den sog. schönen wissenschaften auf alles menschliche streben und leisten überhaupt ausgedehnt, d. h. an der überwindung der einseitigkeit gearbeitet, von der er ausgegangen war, eine arbeit mit der wir noch nicht fertig sind. 10@g@aα) schon der junge Lessing verlangte auch vom groszen gelehrten, z. b. dem naturforscher schöpferischen geist nach art des dichters (s. unter 9, b, α), gleich Gellert unter 9, a a. e., und schon Bodmer unter 9, d, β stellt den helden im kriegs- und staatsleben unter den begriff genie (ohne das franz. wort). auch Th. Abbt in seiner schrift vom verdienste, in der ein cap. von der grösze des geistes, d. h. dem genie handelt, dessen wesen und geheimnis zugleich gegenstand der untersuchung ist, spricht da zuerst von groszen feldherren und staatsmännern, von ihren thaten des genies 1, 17, vom genie des gesetzgebers und feldherrn 30, sodann von dem der groszen denker s. 22. 35 (geister, die das masz eines propheten haben 26), und nur beiläufig von den genies in den schönen kenntnissen und künsten s. 30, die er hinter die männer der that stellt, wie er s. 28 W. Penn an grösze und verdienst über Homer und Milton sieht. ganz allgemein bei Herder: jeder mensch von edeln lebendigen kräften ist genie auf seiner stelle .. und wahrlich, die besten genies sind auszer der bücherstube. z. phil. u. gesch. 8, 83 (vorher büchergenies und papiermotten). auch Göthe im 19. buch aus m. l., wo er von der genieperiode handelt, spricht von dieser erweiterung des begriffes, setzt sie aber zu spät an: natur-vorzüge sind am wenigsten zu läugnen, und doch gestand der gemeine redegebrauch damaliger zeit nur dem dichter genie zu. nun aber (mit Lavaters physiogn. u. dergl.) schien auf einmal eine andere welt aufzugehen: man verlangte genie vom arzt, vom feldherrn, vom staatsmann und bald von allen menschen, die sich theoretisch oder praktisch hervorzuthun dachten. Zimmermann vorzüglich hatte diese forderungen zur sprache gebracht. Lavater in seiner physiognomik muszte nothwendig auf eine allgemeinere vertheilung der geistesgaben aller art hinweisen, das wort genie ward eine allgemeine losung u. s. w. 48, 148. 10@g@bβ) daher nun, zum unterschied von anderen, poetisches genie Lessing 5, 101, litt. br. 22, 31; es (diesz psychologische gedicht) wäre vielleicht die gröszte höhe des poetischen genies in unsrer stufe der cultur. Herder fragm. 3, 218; das wunderbare phänomen, dasz ihrem kopfe beide richtungen (die metaphysische und poetische) in einem so eminenten grade eigenthümlich sind .. gibt bei genauerer untersuchung gewisz nicht geringe aufschlüsse über die innere verwandtschaft des dichterischen und des philosophischen genies. W. v. Humboldt an Schiller 64. auch dichtergenie, tragisches genie Herder II, 231, auch naives und sentimentalisches genie Schiller X, 500. dann künstlerisches oder kunstgenie, musikalisches oder musikgenie, malergenie u. s. w. 10@g@gγ) in philosophie und wissenschaft: ein philosophisches genie. litt. br. 22, 35, auch als zur wissenschaft überhaupt erforderlich, wie für den künstler gleichfalls: der grosze künstler, der unter den genien, die in der geschichte des menschlichen geistes als sterne der ersten grösze erscheinen, einen platz bekommen soll, musz wie Homer, wie Phidias oder wie Händel, auszer dem seiner kunst eigenen genie ein groszes philosophisches genie besitzen u. s. w. Sulzer theorie 2, 366a. auch im ausgesprochensten unterschied von wissenschaft: ach! die natur ist blosz ein buch für götter, auch das genie versteht nur manche blätter, und, wenn der text ihm oft zu dunkel war, las wissenschaft indesz den commentar (nicht den text selbst). J. B. Michaelis 2, 198. vom denken und fassen des genies: es ist eine wahrheit ... dasz zu gewissen bildern (ideen) und begriffen ein gewisser erster adlersblick nöthig sei ... es kam auf den ersten allmächtigen eindruck an, ist dieser verfehlet, so ist alles verloren, verloren der erste unerklärliche scharfsinn, der nie durch geduld und fleisz ersetzt wird, verloren das grosze innerliche gefühl eines bewusztseins, das man das ganze habe, verloren das hausherren- und eigenthumsrecht, mit diesen begriffen schalten und walten zu können, kurz verloren das was man genie nennt u. s. w. Herder fragm. 3, 38 (I, 380 S.); man sagt von Newton, dasz bei gelegenheit eines fallenden apfels das ungeheure system der attraction in seinem gehirn aufdämmerte. durch wie viel tausend labyrinthe von schlüssen würde sich ein gewöhnlicher geist bis zu dieser entdeckung haben durchkriechen müssen, wo das verwegene genie durch einen riesensprung sich am ziele sah. Schiller an Körner 1, 24. auch z. b. physiognomisches genie Göthe 48, 145. 10@g@dδ) im groszen weltleben herrschergenie, staatsmännisches genie, feldherrngenie, auch militärisches, strategisches, politisches, dann auch kaufmännisches genie u. ähnl.: das politische herrschergenie. Klinger 10, 268, satirisch von Robespierre; das kühne, euch (teufeln) furchtbar und mir (Satan) nur lächerlich scheinende zwittergenie, das sich gern herrschergenie nennte. 282; er (Rochow) war noch drei monat vorher handlungsdiener in Stettin und ging als solcher zum Schillschen corps, ein militairisches genie. vertr. briefe über die verh. am preusz. hofe (1807) 2, 72; ihr (Mephistopheles) seid mein mann, noch fand ich nie solch ein politisches genie. Lenau 2, 30. 10@g@eε) scherzhaft oder satirisch schon in den 60 er jahren das genie eines kuchenbäckers, genie in der toilettenkunst, s. unter 8, c Göthe, Abbt, Zachariä. nun auch kneipgenie, gaunergenie u. ähnl. im jahre 1790 erschien in Berlin bei Himburg ein buch thaten und feinheiten renommirter kraft- und kniffgenies, eine sammlung von spitzbubengeschichten. 10@hh) bemerkenswert ist, wie auch der satz, dasz es für das genie keine hindernisse gebe, schon in den 60 er jahren auftrat und zur frage wurde: man irret sehr, sagt er (d. h. Meinhardt), wenn man den mangel groszer genies dem mangel an belohnungen und aufmunterungen zuschreibt. das wahre genie arbeitet, gleich einem reiszenden strome, sich selbst seinen weg durch die gröszte hindernisse. Shakespear, der zu einem handwerke erzogen worden, ward ein groszer poet, ohne irgend eine aufmunterung zu haben, ja so gar, ohne selbst es zu wissen u. s. w. Lessing 6, 279 (332. lit. br.); sie wissen meine paradoxe meinung, dasz niemals die belohnungen der groszen die erste triebfeder des genie sein können. ununterstützt von reichthümern und bequemlichkeit, oft mitten in verfolgungen, verwiesen des landes, in zerrüttungen des staats, da schrieben die Homere, die Buttlers, die Dantes. Herder II, 364. so schon Sulzer in dem unter b angeführten aufsatz, von dem Mendelssohn nachricht gibt: bei auszerordentlichen genies pflegt sie (die lust zur sache) bis zur leidenschaft anzuwachsen ... sie übersteigen alle schwierigkeiten, die sich ihnen darbieten, und werden ohne die geringste aufmunterung in der kunst oder wissenschaft vortreflich, die ihre zuneigung erworben hat. lit. br. 6, 216; s. auch im 317. lit. br. 22, 23. die gegentheilige meinung z. b. bei Gellert in einer vorlesung vom j. 1767 (vergl. dazu 9, a): ein geist sei von natur noch so grosz, wenn er bei seinen unternehmungen durch sorgen, durch mangel, durch die furcht eines unbilligen spottes, durch die last verschiedner (andersartiger) arbeiten gefesselt wird, wird er sich nie genug erheben, uud indem er sich erhebt, so wird er unter der schweren bürde wieder sinken u. s. w. 5, 271, während er sonst ebenda in der hauptfrage der zeit mutigste hoffnung hatte: es giebt in dem reiche der schönen wissenschaften, wie auf der erdkugel, unangebaute, auch ganz unentdeckte gegenden, und kein groszes genie darf verzagen, dasz es nichts neues werde unternehmen können u. s. w. 278, auf das er also auch hoffte und rechnete, noch am abend seines lebens. 1111) die eigentliche genieperiode. 11@aa) der jetzt gangbarste name, sturm- und drangperiode, der doch das wesen der sache nicht bezeichnet, nur eine äuszerung davon und auch diese nur nach ihrer form, ist, was doch bemerkt sei, dem 18. jahrh. noch fremd und von späterer literarischer entstehung; noch Göthe im 19. buch von wahrheit und dichtung, das von der genieperiode handelt, macht keinen gebrauch davon, wie ich ihn z. b. auch in Fr. Horns buch vom j. 1812 die schöne litt. Deutschlands während des 18. jahrh., ja noch in W. Menzels buch von 1828 die deutsche litt. vergebens suchte; aber bei Tieck im j. 1828 doch schon als völlig gangbar: wir haben jene zeit halb vergessen .. den neueren critikern und erzählern ist fast nur der stehende beiname der sturm- und drang-periode im gedächtnis geblieben. schriften von Lenz 1, vii (krit. schr. 2, 179). Aber das 18. jahrh. bot den anlasz zu dem ausdruck. schon Klopstock dachte sich den heldengesang der barden der vorzeit als stürmisch, im vergleich mit dem durch schulregeln und versfüsze gefesselten gange der gleichzeitigen dichtung frei und grosz daherfahrend wie windsbraut, wie sturm (aber zugleich 'wahr'!), in einer ode vom jahre 1767: gestaltet mit kühnem zug, tausendfältig, und wahr, und heisz! ein taumel! ein sturm! oden 1, 285 (der hügel u. der hain), was denn zug für zug als zeichnung des bildes von dichtung gelten kann, dem die jungen genies in den 70 er jahren nachjagten (vergl. unter c, δ). verstärkt sturm und drang als titel eines schauspiels von Klinger vom jahre 1776 auf vorschlag von Kaufmann (s. Rieger Klinger 163. 173), was denn der zeitstimmung entgegenkommend ergriffen wurde als das bezeichnende wort (doch vergl. sturm und gedränge schon im jahre 1773 Lavater aus Herders nachl. 2, 76): ich lebe so hin, bald in drang und sturm, bald im gelinden säuslen. Klinger briefl. vom j. 1777 bei Rieger 407 (zugleich in erinnerung an 1n. 19, 11. 12, wind, sturm, und sanftes sausen, in dem gottes geist auftritt); am dienstag führten sie hier (in Leipzig) sturm und drang von mir auf. das.; (genies) immer schreiend von kraft und stärke, sturm und drang, schmähen über pedanterei und schulgelehrsamkeit u. s. w. Fr. Müller 2, 20, im munde eines teufels, vom j. 1778; es war daher zu viel sturm und drang in ihr (und das mag ein mitleidenswürdiger zustand sein ...), dasz sie im grunde nicht wuszte was sie that. gesch. eines genies 1780 1, 292; dasz ich verstumme vor dem drange und sturm in meiner brust. 293; lange schon in manchem sturm und drange wandeln meine füsze durch die welt. Bürger 104a (an das herz, 1792); Göthe spricht im jahre 1803, da er seine studien zur farbenlehre durchsieht, von der wechselnden art des betriebes, dabei: die mühe, der fleisz, das schleppen und schleifen und dann wieder der sturm und drang u. s. w. an Schiller 22. mai 1803. die stellung drang und sturm, wie bei Klinger selbst vorhin, auch noch später: die meisten dieser (politischen) schriftsteller erinnern an die genie- kraft- drang- und sturmmänner, die Deutschland vor einigen jahren aus dem reiche der ästhetik weggelacht hat. es ist, als wenn sie jetzt ihr heil ernsthafter in der politik hätten versuchen wollen (als revolutionäre). Kästner 3, 176, vom jahre 1793. vergl. auch geniedrang und die worte Göthes von Klinger vielmehr muszte er sich durchstürmen, durchdrängen 26, 256 (aus m. l. 14). auch wurf- und schwungmänner sagte man (s. unter genieschwindel und unter h, δ), schwung- und kraftmänner alm. der bellettr. 1782 s. 120 und geniemänner (s. unter 12, c, γ). 11@bb) das wesen ist eher bezeichnet durch ein wort Göthes, allerdings nicht von der eigentlichen geniezeit, sondern von Klopstocks auftreten, mit dem aber die sonne jenes neuen tages eigentlich aufgieng: nun sollte aber die zeit kommen, wo das dichtergenie sich selbst gewahr würde, sich seine verhältnisse selbst schüfe und den grund zu einer unabhängigen würde zu legen verstünde. alles traf in Klopstock zusammen, um eine solche epoche zu begründen. 25, 290 (aus m. l. 10). dasz das genie, das ja zu keiner zeit gefehlt hatte, nun zu selbstbewusztsein und selbstgefühl erwachte allen bisher geltenden verhältnissen gegenüber, das ist am ehesten das bezeichnende und wesentliche dieser zeit; hatten doch die philosophischen helfer eben daran gearbeitet, ihm zum bewusztsein seiner ausnahmstellung zu verhelfen (s. 10), und Klopstock, an dem jene zum guten theil das wesen des genies hatten begreifen und an sein endliches wirkendes auftreten glauben lernen, hatte zuerst eben diesz selbstbewusztsein und gefühl in vollstem grade, wie er es z. b. im jahre 1782 ausspricht, aber längst besasz: bürdet ihr nicht satzungen auf dem geweihten dichter? erhebt zu gesetz sie? und dem künstler ward doch selbst kein gesetz gegeben, wie's dem gerechten nicht ward (1 Tim. 1, 9). oden 2, 75, ästhetiker. wie hoch man damals das steigende selbstbewusztsein des genies aufschraubte, zeigt besonders der lange glühende ergusz Lavaters über dessen herrlichkeit, auf den Koberstein hinwies (§ 300 anm. 10) und der an stürmischem überschwang auch in dieser zeit seines gleichen sucht, in den physiogn. fragm. 4, 80 ff. vom jahre 1778: genie ist genius. wer bemerkt (d. h. beobachtet), wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet, singt u. s. w. als wenns ihm ein genius, ein unsichtbares wesen höherer art dictiert oder angegeben hätte, der hat genie, als wenn er selbst ein wesen höherer art wäre, ist genie u. s. w.; dann ist von engelserscheinung die rede, die ins innerste mark trifft, unsterblich ins unsterbliche der menschheit wirkt, es werden erklärende namen und bezeichnungen möglichst tief und weit zusammengesucht und hingeschüttet in sprudelnder verwirrung, wie quellgeist, urkraft, menge in- und extensiver seelenkräfte, concentrierung aller naturkräfte, centralgeist, centralfeuer dem nichts widersteht, dann auch übermacht über alles wo es hintritt, die 'genieen' heiszen ebenbilder der gottheit, menschengötter, propheten, priester, könige der welt u. s. w.; dabei ist das genie zu gleicher zeit instinct und vernunft im schnellsten flammenstrome der empfindung und thätigkeit (also wie von Resewitz u. a. unter 10, d geahnt war), zugleich aber meisterschaft über sich selbst neben herrschaft über die gemüther. das ist denn wirklich windsbraut in geist und seele, das geschilderte wie die schilderung selbst, wenn auch tiefklare lichter dazwischenblitzen (der kurze auszug gibt nur ein ganz blasses bild); allein solcher sturm war wirklich nötig, um nicht nur schädlich festes einzureiszen (das genie heiszt dort auch in einem atem schöpfer, zerstörer), sondern vor allem den natürlichen boden in den geistern rein zu fegen von wust und schutt für neues leben und wachsthum; das genie heiszt dort auch 'selbstleben', d. h. entgegen allem überlieferten leben (vergl. unter d), gleich darauf aber: sein weg ist immer weg des blitzes, oder des sturmwindes, oder des adlers; das alte leben, wie es die schule und überlieferung pflegte, war zu wenig mehr wirkliches leben, jetzt brach ein neues aus, aus der urquelle, in sturm und drang, als könnte das höchste und vollkommenste, wie es noch gar niemand kannte, in allen lebensformen, gleich in einem wurf oder schusz oder sprung erreicht werden (wie es die Franzosen dann politischsocial versuchten). 11@cc) der sturm richtete sich vor allem gegen die formen, in denen die schulüberlieferung die geister erzog, regeln, principien, system, sodasz nun wankend wurde, was bisher als das festeste und nötigste für den bestand der geisteswelt und nicht blosz dieser galt. 11@c@aα) wie schon bei Gellert und dem jungen Lessing das genie im gegensatz zum schulmäszigen regelbegriff auftritt, s. u. 9, a. b, wie aber diese stimmung sich dann steigerte und verbreitete, davon als proben: eben so musz ein genie sich herablassen (wie der engel in den teich Bethesda) regeln zu erschüttern, sonst bleiben sie wasser. Hamann 2, 430; gemeine genies beugen sich unter das joch (der willkürlichen regeln), aber genies, die sich fühlen, schwingen sich über diese regeln hinaus und zeigen dem philosophischen gesetzgeber, dasz die schranken, die er gesetzt hat, erweitert werden müssen. litt. br. 22, 51 (man bemerke sich fühlen, vom erwachten selbstbewusztsein); vielleicht ist dies die ursache, warum regeln kein genie wecken, noch weit weniger schaffen können, ja warum sogar die gröszesten genies zügel- und regellos sind. Herder II, 231, es ist von der tragödie die rede, bei der man nun, da sie endlich als höchste kunstleistung an stelle des epos auftrat durch Shakespeares anregung, die von Frankreich aus auferlegte strenge regel am schärfsten als fessel und schranke des neuen gährenden lebens empfand; man spricht täglich davon, wie nachtheilig dem genie alle allgemeine regeln und gesetze sein .. und dennoch soll das edelste kunstwerk unter allen, die staatsverfassung, sich auf einige allgemeine gesetze zurück bringen lassen, sie soll die unmannigfaltige schönheit eines französischen schauspiels annehmen u. s. w. Möser phant. 2, 16. 11@c@bβ) gegen principien und system z. b. Göthe in dem aufsatz von Erwin und dem Straszburger münster, von deutscher baukunst 1773: schädlicher als beispiele sind dem genius principien. vor ihm mögen einzelne menschen einzelne theile bearbeitet haben, er ist der erste, aus dessen seele die theile in ein ewiges ganze zusammen gewachsen hervortreten. aber schule und principium fesselt alle kraft der erkenntnis und thätigkeit. 39, 342 (d. j. Göthe 2, 206); so vermag sich keiner deiner (des philosophischen kenners) schlüsse zur region der wahrheit zu erheben, sie schweben alle (gebunden) in der atmosphäre deines systems. 343 (207), also das system, das höchste stichwort der zeit daher, nun im widerspruch mit der wahrheit und sie ausschlieszend, wie vorhin das principium als hemmnis der erkenntnis (vergl. dazu u. ε). schon in jenem aufsatz in den litt. br. 22, 49 ff. wird die frage aufgeworfen: kann das system bei dem genie statt finden, oder nicht? dann: man kann es zugeben, dasz ein genie in seiner bahn gehindert wird, wenn es bei jedem schritt furchtsam auf das system zurück sieht, dasz es in einem engen gesichtskreis eingeschränkt wird und sich vielleicht dadurch nie über die gemeine denkungsart erheben und etwas besonders leisten wird, also im system (es ist dabei sowol an philosophie wie kunst gedacht) nur das gewöhnliche, gewordene, abgelebte enthalten, über das der geist hinaus drängte zu neuem, höherem; es folgt übrigens eine rechtfertigung des systems und der regeln, um sie mit dem streben des genies in einklang zu bringen, d. h. ein versuch, die alten schulbegriffe selbst, die zu eng und trocken geworden waren, auszuweiten und zu vertiefen mit neubelebung, aber doch im dienst des genies. es war ein kampf des neuen lebensgeistes gegen die gelehrte überlieferung, die in ihrer scheinbar erschöpfenden abgeschlossenheit das deutsche dichten und denken einschnürend hemmte, daher in jenem ergusz Lavaters das genie auch als überkunst, übergelehrsamkeit; vergl. dazu unter gelehrt 3, d; man hatte das besonders an Homer und Shakespeare gelernt (vergl. 9, c, β): was ersetzt bei Homer die unwissenheit der kunstregeln, die ein Aristoteles nach ihm erdacht, und was bei einem Shakespear die unwissenheit oder übertretung jener kritischen (d. h. ästhetischen) gesetze? das genie, ist die einmüthige antwort. Hamann 2, 38. 11@c@gγ) aber es wird anderseits doch auch wieder mitten im sturm und drang den regeln das wort geredet, wie schon in der vorbereitenden zeit, doch in tieferer neuer fassung, z. b.: in fremden sprachen quälte man sich (bisher) von jugend auf, quantitäten von sylben kennen zu lernen, die uns nicht mehr ohr und natur zu fühlen gibt, nach regeln zu arbeiten, deren wenigste ein genie als naturregeln anerkennet. Herder von d. art u. kunst 41, also für die schulregeln nun naturregeln, die aber von der anerkennung des genies abhängen, das ja mit der natur im bunde steht. so schon bei Gellert die regeln der natur als die des genies: wir haben (in uns) ein gefühl .. des schönen und schlechten, welches das genie leitet, bei seinen nachahmungen der natur, fast ohne dasz es sich dessen bewuszt ist, nach den regeln der natur zu arbeiten. 6, 44 (2. mor. vorl.), vergl. in einer früheren vorlesung von regeln der kunst, ich möchte bald sagen regeln der natur (bei den alten), denn was sind alle regeln der kunst anders, als stimmen, befehle der natur, welche die gröszten geister gehört, verstanden und ausgeübt haben? 5, 130. wie nun das genie über die regeln zu verfügen hat, auszer über die der natur: es giebt regeln, die .. die natur der kunst oder wissenschaft, darinn ein genie arbeitet, selbst festsetzt, diese sind für das genie unverletzlich. es giebt aber regeln, die willkürlich oder unbestimmt sind, und an diese bindet sich das genie nicht, oder bestimmt sie durch den neuen schwung, den es nimmt. litt. br. 22, 51; der kunstrichter schreibt vor: genies, ihr müszt die regeln durch euer exempel gültig machen! Herder I, 211, auch naturgenie genannt 207, von metrik (s. u.δ). in jenem ergusz Lavaters erscheint aber selbst das verhältnis zur natur in seltsamer steigerung, das genie als 'übernatur': aller genieen wesen und natur ist — übernatur — überkunst, übergelehrsamkeit, übertalent, selbstleben! 11@c@dδ) auch den regeln der sprache gegenüber, in vers und prosa, machte sich diese selbstherrlichkeit der genies, die 'sich fühlte', merklich geltend, es tritt in den 70 er jahren versuchsweise eine geniale grammatik wie eine geniale metrik auf (wenn sie diese schulnamen noch vertragen können), deren genauere betrachtung eigentlich am leichtesten und sichersten das wesen der ganzen bewegung erkennen liesze, sowol den sturm gegen das bestehende, das mit so langer und peinlicher mühe hergestellt war, als die notwendige schranke, an der er sich brach, um dann zum segenbringenden hauch zu werden für den durch den sturm neugewonnenen boden; hier sind ja dafür nur andeutungen möglich. von der interpunction der genies spricht einmal J. Paul spöttelnd, wie von ihrem stil: manche gaben sich gar nicht die mühe (zumal im trauerspiel) und waren bei sinnen — andere fragten den henker nach komma und kolon, sondern schrieben gerade aus, nämlich in gedankenstrichen (von denen z. b. Lavaters mehrangeführter ergusz strotzt). palingenesien 1798 1, 174; tausende vergaszen im tumulte alles, besonders todte sprachen und lebendige, und führten ein waarenlager von welten bei sich, die gelehrte ausgenommen, und schrieben blos in abgerissenen gedanken und in abgerissenen hosen. 175; vergl. eine sinnlose, zerhackte, holperige prose (der genies) Sturz 1, 118. von genialer orthographie wäre z. b. aus Göthes entsprechender zeit mehrerlei beizubringen (der da auch viel mit gedankenstrichen denkt), z. b. warrlich d. j. Göthe 3, 10, inrsten 132, liebr Kestner 1, 345, allerdings in briefen, aber es zeigt den unbewuszt waltenden sinn, der dem überlieferten und den regeln abgewandt dem leben selbst zustrebt (denn man sprach und spricht noch so); eben daher auch, bewuszter oder vollbewuszt, dichterisch das nit für nicht 2, 37 im reime, im Werther nach der ersten fassung bis zu die guten kerls von pfarrers 3, 325, d. h. was ihm die lebendige rede ins ohr gab, nun auch in die feder genommen mit keckem überspringen der regeln und der schule. ebenso wird die metrik von ihm genial behandelt, mit überspringen aller mühsam erworbenen formen und regeln, in den gedichten, in denen eben sein sturm und drang sich ausbrauste, wie wanderers sturmlied, an schwager Kronos, Prometheus; auch dazu hatte übrigens Herder das wort ausgegeben, eben vom standpunkt des genies aus der schulüberlieferung gegenüber, im anschlusz an Klopstocks odenversmasz, dessen rechtes verständnis er dem naturgenie anheim gibt. fragm. 1, 126 (werke I, 207), dabei: hätten wir einen dithyrambischen dichter, der würklich vom blitzstrahle des Bacchus getroffen trunken und begeistert tönen würde — natürlich wäre kein gefesseltes sylbenmasz für ihn, er zerreiszt es, wie Simson die bastseile, als zwirnsfäden. 127 (208), ungefähr wie Klopstock u. a sich das versmasz der barden gedacht haben muszte. 11@c@eε) zu bemerken ist da noch, wie dieser verächtlichen behandlung der geltenden formen in dieser zeit ein drängen auf den inhalt entsprechend gegenübersteht, womit das sog. ästhetische ausgeschlossen blieb, in dessen dienst nachher auf der höhe der ganzen bewegung das genie treten sollte. damals stand im vordergrunde ein aufregendes ahnen unerschlossener tiefen in geist, gemüt und welt, ein lechzendes verlangen nach neuen wahrheiten (s. sp. 2184), dessen befriedigung man eben vom genie erwartete, auch oder besonders vom dichtergenie, wie denn dieses auch die popularphilosophen der 60 er jahre mit dem philosophischen genie meist in nächster verbindung lassen. daher auch vom ästhetiker: kein mann von genie (war Klotz), das heiszt ohne fähigkeit neue grosze ideen aus der tiefe zu heben. Göthe 33, 118 (d. j. Göthe 2, 432); s. auch u. β, wie er bei gelegenheit des Straszburger münsters für den kunstgenius erkenntnis und wahrheit in anspruch nimmt. heiszt es doch noch in später zeit bei ihm: das erste und letzte, was vom genie gefordert wird, ist wahrheitsliebe. 56, 123 (spr. in prosa 547); s. auch unter a Klopstocks 'wahr' von den barden. 11@dd) den alten formen gegenüber, die das aufgeregte neue eigenleben als leer oder willkürlich, wo nicht fratzenhaft empfand, war eben leben das losungswort, bei Lavater u. b gesteigert oder deutlicher 'selbstleben'. 11@d@aα) auch schon bei Gellert, in bezug auf das regelmäszige schauspiel der französischen periode: ja, ihr regeln, vom genie verlassen, euch hat das theater die gesetzmäszigen trauerspiele und lustspiele zu danken, in welchen .. doch alles leer und ohne leben ist! 5, 168 (127); aus der geniezeit erzählt Göthe z. b. von der unlust, die minnesänger zu lesen, um für den eignen stil einen anhalt zu finden: die sprache hätte man erst studieren müssen und das war nicht unsre sache, wir wollten leben und nicht lernen. 48, 85 (aus m. l. 18); für Herder und Göthe ist leben, lebendig das losungswort geblieben für ihre eigne gedankenwelt, jener z. b. bezeichnet die schöpfung des genies als 'das leben des lebens': wie ohne trieb (keimtrieb) kein gewächs wächst, so am wenigsten jene ambrosisch-geniale frucht, das leben des lebens. Kalligone (1800) 2, 214, oder wie es Göthe ausdrückt, wo er von Günthers genie spricht: er besasz alles, was dazu gehört, im leben ein zweites leben durch poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen leben. 25, 81 (aus m. l. 7). 11@d@bβ) denn auch das wirkliche leben der alltagswelt sollte durch genie gefärbt und erhöht werden, wie Werther von seiner jugendliebe berichtet: war unser umgang nicht ein einziges weben von der feinsten empfindung, dem schärfsten witze, dessen modificationen bis zur unart alle mit dem stempel des genies bezeichnet waren? Göthe 16, 13. der höchste drang der endlich befreiten eignen urkraft war sogar darauf gerichtet, ein ganz neues leben, eine neue welt herzustellen; die geniedramen, noch die Schillers, arbeiten wesentlich daran, man redete bald nachher davon mit spott (vergl. h), z. b. Zimmermann: eine anzahl sprudelgeister erinnert man sich vielleicht, die vor einigen jahren sich über alle bande des universums hinwegsetzten, die in mehr nicht als fünf genau gezählten jahren (von 1776 bis 1780) ganz Deutschland umstimmen (d. h. geistig umwandeln, auf einen höheren ton stimmen) und dann unter ihrer stolzen anführung alle nationen um sich her und alle zeitalter vor sich verdunkeln und überflügeln wollten. einsamkeit (1784) 2, 8. vgl. u. c, δ J. Paul von dem waarenlager von (neuen) welten, das die genies bei sich führten, auch Schiller in der leichenphantasie welten schliefen im herrlichen jungen I, 107. 11@d@gγ) seine spitze aber fand diese richtung in Göthes Prometheus, selbst in trotziger fehde gegen die gottheit, wie gegen die eignen ältern: hier sitz ich, forme menschen nach meinem bilde u. s. w., wie beim jungen Herder die dichter sein sollten zweite Prometheus, schöpfer unsterblicher götter und sterblicher menschen krit. wälder 1, 151, das genie ein zweiter Prometheus fragm. 2, 205 (s. 10, f); vergl. das genie als schöpfer u. 9, e, mehr als mensch (schon im 17. jahrh.), ja ein gott unter den menschen Herder u. 9, d. noch bei H. Heine, in der ihm eignen färbung: der poet, der kleine nachschöpfer, gleicht dem lieben gott auch darin, dasz er seine menschen nach dem eigenen bilde erschafft u. s. w. romant. schule 83. 11@ee) auf solcher höhe des verstiegenen selbstbewusztseins und selbstgefühls, das nun auch waltet und schaltet ohne verantwortung nach oben oder unten, weil es sich selbst und allein auf der höchsten höhe fühlt, schlägt das genie aber auch in das entgegengesetzte ende um, wird aus einem schaffenden ein zerstörendes, verzehrendes, aus einem vertrauten gottes zu einem des satan, wie das Lavater ausplaudert: die gesichtsfarbe (Stolbergs), sie ist nicht die blasse des alles erschaffenden und alles verzehrenden genius, nicht die wildglühende des verachtenden zertreters. phys. fragm. bei Göthe 48, 154 (aus m. l. 19); schöpfer, zerstörer (die genies). dies. bei Koberstein § 300 anm. 10 (25, 28); der charakter des genies ... gegebenheit, wenn ich so sagen darf ... was man hat im augenblick des wollens und begehrens — ohne zu wissen wie? — was gegeben wird — nicht von menschen, sondern von gott, oder vom satan! das.; vergl. dazu bei Bodmer u. 9, d, β von groszen gemüthern, die in ihren thaten übermenschlich oder auch unmenschlich erscheinen. daher Mephistopheles von Gretchen: mein mäskchen da weissagt (ihr) verborgnen sinn, sie fühlt, dasz ich ganz sicher ein genie, vielleicht wohl gar der teufel bin. Göthe 12, 185, mit bezug auf ihre worte zu Faust vorher: aber, wie ich mich sehne dich zu schauen, hab ich vor dem menschen ein heimlich grauen, und halt ihn für einen schelm dazu! 182. auch milder oder zahmer als kobold, hausteufelchen als helfer, zugleich in trefflichem anschlusz an alten volksglauben (vergl. 6, a franz. génie für kobold, und u. 3, a des Sokrates δαιμόνιον als kobold), in Bürgers lied von der prinzessin Europa, das er als bänkelsänger singt und dabei den recensenten droht: traut nicht! es regt sich hie, in meinem wolfstornister, der kuckuk und sein küster (d. h. teufel) — ein kobolt — heiszt genie. dem schaffts gar guten frieden (gegen feinde), wem gott solch ding beschieden. ged. 1789 2, 8. das genie als zerstörend, wenn ihm freier lauf wird, auch im Werther: folgt der mensch (dem väterlichen rate des 'philisters'), so gibts einen brauchbaren jungen menschen, und ich will selbst jedem fürsten rathen ihn in ein collegium zu setzen, nur mit seiner liebe ists am ende, und wenn er ein künstler ist, mit seiner kunst. o meine freunde! warum der strom des genies so selten ausbricht, so selten in hohen fluthen herein braust und eure staunende seele erschüttert? — liebe freunde, da wohnen die gelassenen herren (urspr. kerls) auf beiden seiten des ufers, denen ihr gartenhäuschen, tulpenbeete und krautfelder zu grunde gehen würden, die daher in zeiten mit dämmen und ableiten der künftig drohenden gefahr abzuwehren wissen. Göthe 16, 18 fg., also philister und genie als gegensatz, die alte und die neue welt, die nicht ohne verwüstung jener ins leben treten könnte, d. h. unsere genieperiode die ältere und doch so verschiedene schwester der französischen revolution. 11@ff) daher ist beim genie auch von wildheit, ja tollheit die rede. jenes meint eigentlich den scharfen gegensatz zur cultur oder übercultur, den man, von dieser in bangigkeit versetzt, bei der natur suchte, in ihrem schärfsten begriffe gefaszt, deren spiegel man in den schilderungen von reisenden oder missionaren von den zuständen bei wilden völkern sah (wie ganz scharf ausgesprochen schon Montaigne), z. b.: wir beneiden die wilden, betrachten ihren zustand und sehen in ihrem spiegel unsere glücklichere vorfahren. Creuz 2, 156, d. h. die Germanen des Tacitus. auf dichtung angewandt im Spectator nr. 160 (s. u. 9, c, β): there appears something nobly wild and extravagant in these great natural genius's u. s. w. (wie Shakespear, Pindar, Homer). bei Herder: wissen sie also, dasz je wilder, d. i. je lebendiger, je freiwirkender ein volk ist (denn mehr heiszt dies wort doch nicht!), desto wilder, d. i. desto lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es lieder hat, seine lieder sein! je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher denkart, sprache und letternart das volk ist, desto weniger müssen auch seine lieder fürs papier gemacht und todte letternverse sein u. s. w. von d. art u. kunst 11 fg. daher bei Schiller in anwendung auf die Griechen: so lange Athen und Sparta ihre unabhängigkeit behaupteten .. war der geschmack noch unreif, die kunst noch in ihrer kindheit .. zwar hatte die kunst schon einen erhabenen flug gethan, aber nur mit den schwingen des genies, von dem wir wissen, dasz es am nächsten an die wildheit grenzt und ein licht ist, das gern aus der finsternis (der uncultur) schimmert (d. h. glänzt). X, 306 (10. ästh. br.), wobei wesentlich an Homer gedacht ist. daher in einer hübschen schilderung eines genies als kind diesz als kleiner wilder, in einem gedichte die erziehung des dichters vom j. 1772: ich träume mir — so gut der traum sich schafft — ein stammelnd kind, neugierig, flatterhaft, erhitzt auf lust, zu jedem spiel entschlüssig, itzt aller freund, itzt aller überdrüssig, in einem wink beruhigt und empört, ohr, wo es sieht, und auge, wo es hört, auf alles wach, und über nichts verlegen u. s. w. der züge gnug! — ich nenn' es ein genie, und jede kunst kann unsern kleinen wilden mit gleichem recht zu ihrem liebling bilden. J. B. Michaelis 2, 192 fg. genie und tollheit: nichts ist also mehr übrig, als die gränzstreitigkeiten des genies mit der tollheit zu untersuchen. Hamann 2, 92 (vom j. 1761), es folgen beispiele aus dem jüdischen und griechischen alterthum, z. b.: die Juden sahen also die manie gleichfalls für die wirkung eines genies an, ja wunderten sich gar, dasz es menschen von gesundem bauerverstande möglich wäre ihm zuzuhören (als propheten); genie ist ihm zugleich noch genius, δαιμόνιον, s. dazu 3, a. bei Kant: wie es denn auch schon eine alte bemerkung ist, dasz dem genie eine gewisse dosis von tollheit beigemischt ist. 10, 197, anthrop. § 34, in der ersten ausg. s. 125: wahnsinn mit affect ist tollheit, welche oft original .. sein kann und alsdann, wie der dichteranfall (furor poeticus) an das genie grenzt. neuerdings ist es von ärztlicher seite wirklich unter dem gesichtspunkt der geistesstörung behandelt worden: F. W. Hagen, über die verwandtschaft des genies mit dem irresein, zeitschr. f. psychiatrie bd. 33 1876 (s. Fichtes zeitschr. f. philos. 70, 305), darin: ein genius aber von ganz besonderer eigenheit, kraft und gewalt .. ist das genie u. s. w. 11@gg) diese gegensätze, in denen das genie sich bewegt, jeweilen die denkbar gröszten die die welt bietet, werden ihm selbst aber auch zu schmerz und leiden, wo nicht zum verderben: diese erkenntnis oder erfahrung tritt auch schon in der genieperiode, ja vorher deutlich auf. 11@g@aα) es ist eigentlich eine seiner aufgaben, die widersprüche des weltwesens, die es in sich schärfer erfährt, erlebt, als gewöhnliche sterbliche, eben zu deren gewinn und besten zu versöhnen, in ihre einheit zu bringen, wie Hamann einmal bemerkt (gegen Mendelssohns angriffe), allerdings zunächst auf geschmacksfragen bezogen: das mittel zwischen entgegenstehenden extremitäten zu finden, ist ein werk des genies, und sich bei diesem gefundenen mittelmasze zu erhalten, ein werk des geschmacks. 2, 486. es gerät aber auch durch die widersprüche in zwiespalt und streit nicht nur mit der welt, auch mit sich selbst, wie Göthe eben von den ergüssen der eigentlichen geniezeit kennzeichnend sagt (aus m. l. 18): aufrichtiges wollen streitet (da) mit anmaszung, natur gegen herkömmlichkeiten, talent gegen formen, genie mit sich selbst ... so dasz man jenes ganze betragen als ein vorpostengefecht ansehen kann, das auf eine kriegserklärung folgt und eine gewaltsame fehde verkündigt. denn genau besehen, fügt er bedeutsam hinzu, so ist der kampf in diesen funfzig jahren (also um 1820) noch nicht ausgekämpft, er setzt sich noch immer fort, nur in einer höhern region. 48, 86, was denn noch für unsere zeit seine geltung hat, die sich auf vielen wichtigsten punkten als eine fortsetzung der genieperiode ansehen läszt. 11@g@bβ) von den leiden des genies handelte, aus eigenster erfahrung, schon Haller in einem besondern aufsatze vom j. 1734 nachtheiligkeit des geistes, wie er das genie noch nennt (s. 7, a), beginnend: menschen sind in vielem kinder, am meisten aber darinn, dasz sie nach gütern sehnen, in deren besitze keine glückseligkeit ihnen bevor steht. Hirzels ausgabe s. 374; ein solches ersehntes gut ist der geist, dessen vorzüge gezeichnet werden, dann aber: ohngeachtet aller dieser vortheile habe ich den geist immer für ein gefährliches geschenk des himmels gehalten, das einem brande gleich in die weite leuchtet, in der nähe brennt. 376. die folgenden ausführungen, nur in einer uns vielfach ungewohnten ausdrucksweise, die vieler erläuterungen bedürfte, zeigen doch, wie gründlich der junge gelehrte und dichter den bodensatz des genies schon geschmeckt hatte; es schlieszt z. b. seinen besitzer leicht von freundschaft aus, erweckt ihm neid und hasz, erschwert selbst geistige befriedigung, ist als beobachter auch ein vergröszerungsglas, unter welchem die schönheit verschwindet und die fehler zunehmen 377, im leben aber plagt es sich zugleich mit dem gegenwärtigen, das auch andere empfinden, und mit dem zukünftigen, das nur er einsihet das.; wer wolte also den geist, ein wahres vorrecht zu mehrerer qual, wünschen, da er die freuden des lebens geringer, die verdrüsse doppelt macht? 378. so nennt sich der junge Klopstock grosz und elend: warum erhebt sich mein herz, auch über die edelsten herzen, grosz und elend zu sein? Mess. 4, 812. Hamann seufzt einmal, brieflich: genie ist eine dornenkrone und der geschmack ein purpurmantel, der einen zerfleischten rücken deckt. 3, 174. der junge Herder warnt sich selbst vor dem flug des genius: lieber will ich in meiner sphäre würksam sein und den vesten tritt auf der erde, die unser aller mutter ist, nicht verlassen, sonst beschiffe ich mit flügeln, die mir nicht die natur gab, das luftige reich der möglichkeit und werde unglücklich. I, 11 S., vergl. unter 10, f seine äuszerung, dasz es gefährlich sei, als ein zweiter Prometheus den elektrischen funken vom himmel zu holen. der arme Lenz bricht einmal in die klage aus in einem brief an Herder: ein poet ist das unglücklichste wesen unter der sonnen. aus Herders nachl. 1, 231, wozu denn aus seinen gedichten viel tiefster schmerzensausbruch beizubringen wäre. was aber der eigentliche führer des geniedranges auf seiner kometenbahn, Göthe in sich gelitten hat, nicht blosz in der eigentlichen geniezeit, dafür wäre fast ein ganzes buch nötig zur darlegung. er spricht es auch später noch nicht immer so ruhig kühl aus (für den druck), wie z. b. in wahrh. u. dicht. b. 15: das gemeine menschenschicksal, an welchem wir alle zu tragen haben, musz denjenigen am schwersten aufliegen, deren geisteskräfte sich früher und breiter entwickeln u. s. w. 26, 312, oder wenn er sich als genialischen nachtwandler zeichnet (60, 295), sondern auch mit ausbruch schmerzhaftester bitterkeit, z. b.: ob denn die glücklichen glauben, dasz der unglückliche wie ein gladiator mit anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische pöbel zu fordern pflegte? 49, 57 (spr. in prosa nr. 163), vgl. Eduard in den wahlverw. 17, 189; mit demselben grundgedanken in einem briefe vom jahre 1810 an die Schillerin, bei der er trostworte sucht für tiefste verstimmung: dabei zeigte sich noch etwas sehr bedenkliches, was aber, wie mich däucht, blosz durch eine einsame kritliche hypochondrie erzeugt wird. mir erschienen nämlich nicht allein das publicum, sondern auch gönner, freunde, freundinnen, selbst die nächsten, immer unter jener gestalt des tyrannen, der den becher so lang in den strudel wirft, bis der arme taucher zugleich mit dem becher ausbleibt. Charl. von Schiller u. ihre fr. 2, 248. das ist denn die vollste hypochondrie des genies, die ja schon im Tasso zu tage kommt, am schärfsten aber in den geniejahren selber, z. b. in seinen Wertherleiden: ihr (Kestners) seid gesegnet, wie der mann, der den herrn fürchtet. von mir sagen die leute, der fluch Cains läge auf mir. keinen bruder hab ich erschlagen. und ich denke, die leute sind narren. d. j. Göthe 1, 373. dazu das gefühl eines nahenden frühen endes (z. b. das. 3, 31. 68, auch im schwager Kronos und sonst), wie es auch Klopstock und Schiller in der jugend hatten, als der erwachte genius am gewaltigsten arbeitete, dasz die leiblichen fugen darunter wankten: qual genug für die stärkste und tapferste seele. auch der junge Schiller hat die qualen des genies in furchtbarster bitterkeit durchzukosten gehabt, z. b. auch, wie Haller, in bezug auf freundschaft (s. hist.-krit. ausg. I, 55 ff.); daher schmerzensschrei und warnung wegen des ätherstrahls genie: unglückselig! unglückselig! die es wagen götterfunken aus dem staub zu schlagen. ach die kühnste harmonie wirft das saitenspiel zu trümmer, und der lohe aetherstrahl genie nährt sich (doch) nur vom lebenslampenschimmer. I, 298 (melancholie an Laura); jünglinge! jünglinge! mit des genies gefährlichem aetherstrahl lernt behutsamer spielen. 302 (monument Moor des räubers). 11@g@gγ) und wie sich das bei späteren, den sog. epigonen noch verschärfte, eigentlich bis ins grauenhafte, davon als probe aus einem gedichte, das von Grabbe handelt: der dichtung flamm' ist allezeit ein fluch! wer als ein leuchter durch die welt sie trug, wohl läszt sie hehr den durch die zeiten brennen ... doch sie verzehrt — ich sprech es aus mit graun ... und male brennt sie — durch die mitwelt geht einsam mit flammender stirne der poet, das mal der dichtung ist ein Kainsstempel! Freiligrath 1, 191 fg. (bei Grabbes tod); zum Kainsstempel vgl. vorhin Göthe vom fluch Cains, welche äuszerung doch Freiligrath noch nicht kennen konnte; so stimmt das bild von der flamme zu dem vom brande bei Haller vorhin, dessen aufsatz ihm auch sicher nicht bekannt war. da sind denn aber nur wenige schritte weiter nötig, dasz dieser fluch sich gegen den genius selber kehre, wie Eichendorff in einem sonnett von kunstirrungen es befürchtend ausspricht: o herr! gieb demuth denen, die da irren, dasz, wenn ihr' künste all zu schanden werden, sie thöricht nicht den gott in sich verfluchen! ged. 1843 s. 77 (1875 s. 74). auf dem wirklichen ende dieser linie aber liegen irrsinn oder selbstvernichtung, wie wir sie denn auch an so edlen geistern erfahren muszten wie Hölderlin und Lenau, der für seinen Faust, weil er nicht gott selbst werden kann, nur ewige selbstvernichtung als ende weiszes ist aber die linie, die Göthes Prometheus begonnen hat (den er doch selbst verdeckt halten wollte), nur dasz er zur rechten zeit davon umkehrte, wie sein Faust. auf dem wege dieser linie liegen aber auch verzweiflung, weltschmerz, sittliches verkommen, in allem ein schmähliches verfehlen des wahren zieles, das der höchsten menschenkraft durch den geniebegriff gesteckt war. 11@hh) an warnung vor dem überschwang der bewegung hat es schon vorher nicht gefehlt, wie denn auch ihre ausschreitungen und verirrungen schon in der zeit selbst scharf gehechelt wurden. 11@h@aα) wie Lessing, der den neuen begriff des genies in seiner selbstherrlichkeit zuerst grosz und kühn gezeichnet hatte (s. 9, b, α), doch bald auch kritisch bemerkte, dasz grosze genies auch auf unzählige paradoxa verfallen, dann von Klopstock das wort fallen liesz: gerade weil ich ihn für ein groszes genie erkenne, bin ich gegen ihn auf meiner hut (s. 9, b, γ), so sah er die gefahr der verachtung aller überlieferung und bezeichnete sie scharf, schon im j. 1768, in bezug auf die regeln und das drama: wir waren auf dem punkte, uns alle erfahrungen der vergangenen zeit muthwillig zu verscherzen, und von den dichtern lieber zu verlangen, dasz jeder die kunst aufs neue für sich erfinden solle (s. a. a. o.), vergl. das wort, das er im j. 1776 für die regeln einlegt: man hintergeht oder wird selbst hintergangen, wenn man die regeln sich als gesetze denket, die unumgänglich befolgt sein wollen, da sie weiter nichts als guter rath sind, den man ja wohl anhören kann. wer leugnet, dasz auch ohne sie das genie gut arbeitet? aber ob es mit ihnen nicht besser gearbeitet hätte? 10, 2 (zu Jerus. phil. aufs.); in der vorigen äuszerung sei wol bemerkt jeder für sich, was z. b. auf die sprache angewandt, wie es in der geniezeit doch auch versucht wurde (vgl. u. c, δ), in voller durchführung die sprache selbst in ihrem wesen aufheben würde. und wenn sich auch in Göthe noch spät jener geniale trieb ausspricht in dem bekenntnis gern wär ich überliefrung los und ganz original u. s. w. (dazu vgl. 9, f), so beklagt er doch eben so gut als dichter bitter den mangel einer vorgefundnen überlieferung, zunächst in bezug auf metrik: daher entstand das unglück, dasz die eigentlich geniale epoche unserer poesie weniges hervorbrachte, was man in seiner art correct nennen könnte. 48, 85 (aus m. l. 18), wie er aus seiner geniezeit bedauernd berichtet: die ausführung stockte, weil ich weder in prosa noch in versen eigentlich einen styl hatte und bei einer jeden neuen arbeit .. immer wieder von vorn tasten und versuchen muszte. 26, 314 (aus m. l. 15). 11@h@bβ) besonders Herder, der selbst vorher so sehnlich nach dem erwachen von genies und zweiten Prometheus gerufen und eifrig dafür gewirkt hatte, geht dann mit dem begriff und seinen vertretern, wie sie sich nun darstellten, scharf ins gericht, in der schrift vom erkennen und empfinden vom jahre 1778: am ersten genie, das den funken vom himmel stahl (Prometheus), nagte der geier, und jene genies, die gar den himmel bestürmen wollten (die Titanen), liegen unter dem Aetna und andern bergen. sie hatten zum theil auch hundert hände und schlangenschwänze, wie die himmelstürmenden genies und neuen religionsschöpfer unsrer zeiten, aber vater Zevs war ihnen gewachsen. zur phil. u. gesch. 8, 86, es ist dann kritisch von begeisterung, schöpferkraft, originalität, himmelaufstrebender, sich aus sich selbst entwickelnder urmacht die rede; das klingt wie durch Göthes Prometheus veranlaszt, er braucht selbst titanisch von sich in der geniezeit: meine titanischen ideen waren nur luftgestalten, die einer ernstern epoche vorspukten. 29, 216 (Rom 10. januar 1788). weiteres bei Herder a. a. o.: überhaupt ists knabengeschrei (vgl. die jungen männer, die kinder von hundert jahren s. 89), was von dem angebornen enthusiasmus, der heitern, immer strömenden ... quelle des genies da her theoretisirt wird. der wahre mensch gottes fühlt mehr seine schwächen und grenzen, als dasz er sich im abgrund seiner 'positiven kraft' mit mond und sonne bade. 94; wenn ... ein alter treuherziger bauer begriff hätte, den aufschrei und das unverschämte gekreisch unsrer jungen genies zu richten: arme menschheit, wie würde er dich bedauern! 89. das genie, das eigentlich die menschheit in ihrer reinsten erscheinung darstellen sollte, sieht er nun der natur entfremdet und zum zerrbilde geworden, weil wir das genie meistens nach unförmlichkeit, nach zu früher reife oder übertriebnem wuchs schätzen 84, dann deutlicher: so wie sich am holzhauer und lastträger seine arbeitsmuskeln am meisten (einseitig) stärken, wie es krankheiten giebt, da ein glied, der kopf z. e. aufschwillt und zum riesen wächst, indesz die andern glieder verdorren, so ists mit dem, was die pöbelsprache genie nennt. hier ein übertriebner witzling (geistreicher) ohne gesunden verstand und herzenstreue, dort ein fliegendes sonnenross und verbrennet die erde, hier ein speculant (philosoph) ohne die mindeste anschauung und handlung, der mit den wichtigsten dingen wie mit unbedeutenden zahlen spielet, ein held mit leidenschaft bis nahe der verrückung u. s. w. ist das genie, wie bist du vom himmel gefallen, du schöner morgenstern, und webst und tanzest gleich einem irrlichte auf sumpfigen wiesen, oder rollest als ein schädlicher komet daher, vor dir schrecken und hinter dir pest und leichen. 84 fg. später, im j. 1800, gegen ein wort Kants von genies, die unordnung stifteten, nimmt er den begriff in schutz gegen seine misbraucher: dasz übrigens, weil einige freche jünglinge den namen des genies misbrauchten, die Deutschen sich dies wort selbst zum spott und ekel machten und in solcher bedeutung von geniemännern, geniestreichen, er ist ein genie u. f., nicht oft und nicht verächtlich gnug sprechen können, als ob ihnen nichts entbehrlicher wäre als diese himmelsgabe, dieser allemannismus hat der benachbarten nationen hochachtung gegen sie nicht vermehret u. s. w. Kallig. 2, 216; vergl. Göthe unter ε. 11@h@gγ) auch andere stimmen der zeit erklingen in bitterer enttäuschung oder hartem tadel über das treiben der genies, z. b. bei Schubart, der selbst zu ihnen gehörte und den bodensatz und katzenjammer des geniewesens gründlich durchkosten sollte, in einem briefe an maler Müller vom j. 1776 über Klinger, den er zuvor als den deutschen Shakespear begrüszt hatte: du siehsts jezo klar, wie unsere nation aus dem traume erwacht und die von einigen genies verursachte anarchie verdammet, mit dem bedeutsamen worte, aus seiner klopstockischen gesinnung flieszend: schau, Müller, gott ists gröszte genie und hat doch alles nach masz, zahl und gewicht so weislich geordnet. genies und sichtbare gottheiten, sollen sie nicht also auch dem gott nachahmen, der der gott der ordnung ist? wie viel herrliche gedanken hat Klinger ohne wirkung verkrizt, da liegen sie nun im mist u. s. w. (Rieger Klinger in der sturm- u. drangp. s. 206), zu sichtbare gottheiten vergl. 9, d (mehr als mensch), besonders unter γ, auch bei Herder vorhin der wahre mensch gottes, das rechte genie, im dienst der gottheit. daher auch in einem gebet für Deutschland von der höhe des Ulmer münsters, vom j. 1776: gib uns dichter, die von tugend glühen u. s. w. dient das rasche feuer kühner jugend, dient die himmelsflamme, das genie nicht der wahrheit, nicht der schönheit, tugend, so verlösch' es! so vertilge sie! Schubarts leben u. gesinn. 2, 106, ged. 1825 3, 31. auch bei Müller selbst, gleichfalls im kreise der genies, erscheint es schon von seiner kehrseite, in jämmerlichster beleuchtung, allerdings vom niedrigsten alltagsstandpunkt aus, in Fausts leben 1778, im munde des magister Knellius: (Faust) ist ein narr .. mit dem kein ordentlicher mensch sich vertragen kann, ein hasenfusz, ohne sitten, mit einem wort ein genie. werke 2, 39; jeder bube kann seinem humor (laune) nachlaufen, jeder narr, jedes genie. 44; geld, herr Sandel, geld regiert die welt! wer geld hat, hat genie und verstand, geld ist mein genie und lorbeerkranz. 41. höher greifend und ernster gemeint, zugleich als selbstkritik des genies, das nun vor dem ungeheuren der aufgabe erschrickt, im munde eines teufels, der in der hölle über den stand deutscher literatur bericht gibt: andre schnitzen am drehbret, wollen neue verfassungen und sitten schnörkeln (drechseln) und mit einem hundsbein die welt ausglätten, sehn nicht, wie ihr geniunculus in (letzten) zügen liegt und fieberimagination für wahrheit hinträumt. 22, vergl. vorher von solchen, die durch die straszen laufen immer schreiend von kraft und stärke, sturm und drang, schmähen über pedanterei und schulgelehrsamkeit, wollen alles schinden und zusammenhauen, was ihnen in weg kommt, zu beweisen, dasz auch schwung in ihren armen sitze. 20. auch die burlesk satirische vernichtung des geniewesens Plimplamplasko der hohe geist (heut genie) vom j. 1780 ist unter mitwirkung zweier selbstbetheiligten, Klinger und Lavater, geschrieben, s. Er. Schmidt Lenz und Klinger s. 102. 11@h@dδ) wie vollends das urtheil klang und klingen muszte bei solchen, die auszer dem aufgeregten kreise blieben, bei nüchternen oder dürftigen geistern, die doch auch das recht und die aufgabe hatten, den gefährlichen tollheiten gegenüber den verstand wieder zu ehren zu bringen, davon doch auch proben. Nicolai z. b. im feynen kleynen almanach, der die auftauchende volksliedbewegung unter dem gesichtspunkt des geniewesens sah (über seine berechtigung dazu vergl. z. b. unter 9, f, β Herder): zwaren spuret man hin vnndt her newe gesellen, nennen sich genyes, schwetzen d'lang vnndt d'quer von volcksliedern, von wurfe und sprunge (d. h. Herder), 's aber eytel mummerey, 's sind doch versemacher u. s. w. 1777 s. 11; da gybts aber, lybe gelarte herren, vnnder euch sichere genyes, geuche, gecken vnndt anderes müsziges gesindel vol dunckels vnndt vbermuts, wolten schier wz newes vnndt sonderliches auszfynden, mochten eben dj christenheyt leren, alle narren weren klug vnndt alle kluge leute weren narren ... vnndt gemeyne schlechte leutt hetten den rechten verstand und dj rechte poeterey. solches genyevolcks wegen ists gar loblych, dz echte vnndt ware volckslyder ynn dj welt kommen u. s. w. 1778 s. viii, s. auch s. 72. auch bei Bahrdt muszte Herder für das genieunwesen herhalten: J. G. Herder ist ein kraftgenie. und man weisz ja, wie diese herren sind. sie rennen überall den leuten wider die stirn, schlagen links und rechts um sich, sehn alles, was ihnen in den weg kommt, für unseres herrgotts hornvieh an u. s. w. kirchen- u. ketzeralm. 1781 s. 74. aber auch Sturz, der treffliche, aber ruhige, sagte scharfe worte, z. b. (es ist in alte zeit und nach Asien verlegt): manches genie rührte mit seinem nacken an die stirne, und sah auf sein zeitalter verächtlich herab. alle diese unsterblichen, mit ihrem gewühl von schriften und thaten, sind verschlungen im abgrund des nichtseins! und ihr — emporgejauchzte ephemeren (nachahmung der geniesprache), ihr belustiger müsziger knaben u. s. w., euch wandeln schon schauer der ewigkeit an? ihr ahndet wonnedank künftiger geschlechter? u. s. w. 1, 212 fg.; unserm volk, unserm jahrzehend allein erschienen die vertrauten der götter, zermalmten die eisernen fessel der regel, und stürzten die verehrten idolen von ihren altären, gewannen lieb die matrone natur, zeugten mit ihr knaben, heiszen werke des genies u. s. w. 213. wie das schaffen und gebahren der genies auf männer von der alten schule wirkte, zeigt eine briefliche äuszerung Pfeffels vom j. 1778 nach einem besuch Klingers (Er. Schmidt a. a. o. 72): seit vorgestern bin ich mit den deutschen genies auf ewig zerfallen .. es ist folter, einen buben, der eine handvoll von Shakespeares excrementen gefressen hat, ehrliche leute, die nicht nach Shakespeares excrementen stinken und doch ehrliche leute sind, verachten und beschimpfen zu sehen, was denn für Klingers leistungen und stimmungen auf der höhe seines sturmes und dranges keineswegs zu stark ist. Fr. Schulz im almanach der bellettristen fürs jahr 1782, der s. 100 ff. Klingern behandelt (einer unsrer kraftmänner, die die natur darstellen wie sie ist), äuszert dabei: Klinger .. wird nun doch überzeugt sein, dasz das nicht natur schildern heiszt, wenn man einen misthaufen mit allem zugehör so natürlich und zum greifen darstellend schildert, dasz magen und nase genug hat? wird uns doch nicht mehr für so dumm halten, dasz wir jugendliche, erhitzte, unbezäumte phantasie, ungezogenheit, tolles springen und gebärden für genie halten sollen? 102. bei Zimmermann heiszt es in der schon angeführten stelle von den sprudelgeistern (s. unter d) weiter: sie nahten sich den herzen der menschen mit sitten aus den zeiten Knipperdollings, und ihrer meinung nach herrschten sie schon von Winterthur bis nach Astrakan über alles volk, wie über hunde und gemein vieh. aber in weniger als fünf jahren waren alle diese glänzenden hoffnungen bankrott! die betrübte erfahrung zeigte bald, dasz diese aus dem samen Rousseaus in sandigtem boden gezogene kraftknaben ... nicht eine fliege wegjagen konnten u. s. w. einsamkeit 2, 9; vielleicht hätte die leidige genieseuche in Deutschland weniger gewütet, wenn sie nicht am meisten unter rohe junge leute gekommen wäre, die in der entfernung von allem weltumgange lebten, in bacchantischer einsamkeit jene wilden anfälle von ihrer selbstheit hatten und jene jämmerlichen träume von ihrer kraft. 10; sodann war ausgemacht bei diesen knaben, man müsse ohne lust und liebe nichts lernen und nichts treiben .. deswegen sieht man seitdem so oft genies in zerrissenen hosen und einige, die nicht undeutlich zu verstehen geben, es wäre ihnen weit besser gedient mit etwas weniger respekt für ihre kraft und desto mehr mit einem alten überrock. das., also damals auch schon das nun sogenannte verbummelte genie, wie nachher bei J. Paul in einem cap. von der empfindsamen kraftdekade (vgl. schon unter c, δ): tausende vergaszen im tumulte alles .. und schrieben blos in abgerissenen gedanken und in abgerissenen hosen. palingenesien 1798 1, 175; die meisten sezten aus virtuosenlaune (s. dazu 7, d) nicht eher einen vers auf, als bis sie nichts mehr anzuziehen hatten. 172. es heiszt da auch: so grosze köpfe und noch dazu eine solche menge derselben wies auszer Utopien noch kein land auf als Deutschland von anno 1770 bis 1780 u. s. w. s. 169; genies mit thränen in den augen theilten auf den straszen prügel aus und scheltworte auf dem papier. 172; kein geist von einigem gehalt sezte einen fusz in eine universitätsbibliothek, und der lange streit, ob Shakespear gelehrt war oder nicht, fiel über diese stief-Shakespears völlig hinweg. 173. in den fragmenten im Athenäum aber steht das kraftwort: die geschichte von den Gergesener säuen ist wohl eine sinnbildliche prophezeyung von der periode der kraftgenies, die sich nun glücklich in das meer der vergessenheit gestürzt haben. 12, 84 (1798). 11@h@eε) auch Göthe spricht mehrmals von jener zeit, freilich in späteren jahren, in gleicher, doch verblaszter beleuchtung, z. b. in den tages- und jahresheften unter d. j. 1794, wo er auf die kreise geführt wird, die sich um Klopstock, Wieland, Herder gebildet hatten: mir wurden viele sprudelköpfe zu theil, welche fast den ehrennamen eines genies zum spitznamen herabgebracht hätten. 31, 40; im 19. buch von wahrh. u. d.: das wort genie ward eine allgemeine losung, und weil man es so oft aussprechen hörte, so dachte man auch, das was es bedeuten sollte, sei gewöhnlich vorhanden. da nun aber jederman genie von andern zu fordern berechtigt war, so glaubte er es auch endlich selbst besitzen zu müssen. es war noch lange hin bis zu der zeit, wo ausgesprochen werden konnte: dasz genie diejenige kraft des menschen sei, welche durch handeln und thun gesetze und regel gibt (dazu s. 12, d). damals manifestirte sichs nur, indem es die vorhandenen gesetze überschritt, die eingeführten regeln umwarf und sich für gränzenlos erklärte. daher war es leicht genialisch zu sein, und nichts natürlicher, als dasz der misbrauch in wort und that alle geregelten menschen aufrief, sich einem solchen unwesen zu widersetzen. wenn einer zu fusze, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die welt lief, so hiesz diesz eine geniereise, und wenn einer etwas verkehrtes ohne zweck und nutzen unternahm, ein geniestreich. jüngere lebhafte, oft wahrhaft begabte menschen verloren sich ins gränzenlose, ältere verständige, vielleicht aber talent- und geistlose, wuszten dann mit höchster schadenfreude ein gar mannichfaltiges mislingen vor den augen des publicums lächerlich darzustellen. und so fand ich mich fast mehr gehindert .. durch falsche mit- und einwirkung der sinnesverwandten, als durch den widerstand der entgegengesinnten. worte, beiworte, phrasen zu ungunsten der höchsten geistesgaben verbreiteten sich unter der geistlos-nachsprechenden menge dergestalt, dasz man sie noch jetzt im gemeinen leben hie und da von den ungebildeten vernimmt, ja dasz sie sogar in die wörterbücher eindrangen und das wort genie eine solche misdeutung erlitt, aus der man die nothwendigkeit ableiten wollte, es gänzlich aus der deutschen sprache zu verbannen u. s. w. 48, 148 ff.; zu der letzten äuszerung vergl. Campe u. 7, e. 11@h@zζ) auch wie sitte und sittlichkeit durch das geniewesen zu schaden kamen, wird von ihm bemerkt: es ist noch ein brief von Bürger aus jener zeit vorhanden, woraus zu ersehen ist, dasz von sittlich ästhetischem unter diesen gesellen keineswegs die rede war. jeder fühlte sich aufgeregt und glaubte, gar wohl hiernach handeln und dichten zu dürfen. 48, 91; jenes ungebildete, damals mitunter genialisch genannte betragen (wie das öffentliche baden). 99, vergl. von damaligen verrücktheiten 96. in dieser richtung klingt schwere klage namentlich aus den kreisen der nüchternen, der 'philister' (vergl. Werther u. 11, e), z. b.: kraftgenie, das sich über sitte, vernunft und anstand hinauszusetzen einen besondern freibrief zu haben glaubt! Knigge umgang 2, 8; vergl. u. 10, a Adelung von dem irrthum, dasz man desto mehr genie habe, je mehr man sich über alle vorschriften der kritik, der vernunft und des wohlanstandes hinweg setze, kurz je weniger verstand und tugend man habe oder zu haben scheine. wie damit die neue richtung gleich anfangs gegen das anstiesz, was bis dahin von den vertretern des damaligen fortschritts gewonnen war, als deren führer Gellert erschien (der selbst zuerst nachdrücklich vom werte des genie geredet und das wort eingebürgert hatte s. 9, a), zeigt sich in der besprechung der schrift von Mauvillon und Unzer über den werth einiger deutschen dichter in den Frankf. gel. anz. 177: an Gellert, die tugend und die religion glauben (wobei eig. die vernunft nicht fehlen dürfte), ist bei unserm publico beinahe eins. die sogenannten freigeister in sachen des genies, worunter leider alle unsre jetzt lebenden groszen dichter und kunstrichter gehören, hegen eben die grundsätze dieser briefsteller, nur sind sie so klug, um der lieben ruhe willen eine esoterische lehre daraus zu bilden. Göthe 33, 11, aus der esoterischen sollte aber eine offene, fast allgemeine werden. 11@ii) dem gegenüber ist denn beachtenswerth und wichtig, wie eben die zeit den begriff doch auch im besondern auf das sittliche anwandte, von sittlichem genie sprach: da ich zum ersten mal von Woldemar hörte, tugend wäre eine freie kunst, und wie das kunstgenie durch that der kunst gesetze gäbe, so das sittliche genie dem menschlichen verhalten: gerecht, gut, edel, vortrefflich wäre, was der gerechte, gute, edle, vortreffliche mensch seinem charakter gemäsz ausübte, verrichtete, hervorbrächte. dieser erfände gleichsam die tugend, erschaffte der menschenwürde ihren ausdruck, gebäre sie. Jacobi Woldemar 2, 206, also das gute, gleich dem schönen, eine geniale schöpfung des menschengeistes. so äuszert Klinger von J. G. Schlosser, Göthes schwager: in ihm hatte sich die menschliche natur veredelt ... kein unreiner faden läuft durch das reine gewebe seines lebens ... ich möchte sagen: nur die tugend war sein genie und machte es aus, so ganz und vollendet stellte er sie dar. werke 11, 108, zugleich als andeutung dafür, zu welcher reinheit und klarheit Klinger selbst sich aus dem wüsten seines geniewesens emporgearbeitet hatte. s. auch vom moralischen genie in uns (nach Plato) J. Paul vorsch. d. ästh. § 14. ebenso ist edles genie gemeint: Lerse, einer von den vortreflichsten menschen, Göthens liebling ... ein edles genie. Stillings wanderschaft (1778) 159. da ist denn das genie mit dem charakter in eins gesetzt, der charakter zum begriff des genies erhöht, während sonst beide neben einander auftreten, z. b.: genie und charakter sind 'die einzelne menschenart (individualität), die einem gott gegeben'. Herder z. phil. u. gesch. 8, 82; dem mann, der genie und charakter, d. i. gute eigne art hat, wie gott sie ihm gab. 94. 1212) genie auf der höhe der ganzen bewegung, in der groszen zeit und weiter. 12@aa) es ist die zeit der klärung, zu der sich das genie aus der jugendlichen gärung jener ersten zeit des trüb brausenden mostes zum klaren edlen wein durcharbeitete. 12@a@aα) der vorgang dieser klärung wäre an und in Göthe aufzuzeigen, dessen selbstentwickelung aus der einen zeit in die andere wesentlich um den geniebegriff und dessen reinere darstellung sich bewegt und damit zwischen beiden zeiten die brücke bildet; hier sind doch nur andeutende proben möglich. es ist eben in der hauptsache ein streben, ja ein ringen gegen den überschwang des geniewesens, dessen gefahren und schmerzen er zu lebhaft zu empfinden gehabt hatte. wie er sich z. b. bald gegen das streben ins grenzenlose wehrte, vor dem er noch spät so gern warnt (vergl. u. 11, h, ε), zeigen u. a. die briefe aus der Schweiz (1775): es ist mir nie so deutlich geworden ... dasz ich in der beschränkung glücklich sein könnte u. s. w., jeder handwerker scheint mir der glücklichste mensch ... er arbeitet ohne zu denken .. und ist ein ganzer mensch. 16, 204, also ein sehnen vom denken fort, d. h. vom übermasz des genialen bewusztseins, das zur qual wird, nach dem geraden gegentheil, beschränkung, die er dann später auch für die kunstarbeit des genies verlangt, auch mit rückkehr zur regel, in schärfster fassung als gesetz: vergebens werden ungebundne geister nach der vollendung reiner höhe streben .. in der beschränkung zeigt sich erst der meister, und das gesetz nur kann uns freiheit geben. 11, 316. 47, 102. auf der Harzreise im j. 1777 erscheint sie unter den tugenden als erste, die er beim gemeinen mann findet: bei einem wirthe, der gar viel väterlichs hat, es ist eine schöne philisterei im hause, es wird einem ganz wohl ... da sind doch alle tugenden beisammen, beschränktheit, genügsamkeit, grader sinn, treue u. s. w. an fr. v. Stein 1, 131, wobei selbst der philister, noch im Werther als gegensatz zum genie schlecht behandelt (s. u. 11, e), bei ihm zu ehren kommt, so stark schlug ihm der pendel nach der andern seite. es kommt sogar zu einer ordentlichen absage an das genie, das seine höchste stelle auf den stufen des menschenwertes einer andern tugend einräumen musz, in den geheimnissen (1785): wenn einen menschen die natur erhoben, ist es kein wunder, wenn ihm viel gelingt u. s. w. doch wenn ein mann von allen lebensproben die sauerste besteht, sich selbst bezwingt, dann kann man ihn mit freuden andern zeigen und sagen: das ist er, das ist sein eigen u. s. w. 13, 184, sich selbst bezwingen nun sein ziel, um so zu seinem reinen ich zu kommen. das ist aber zugleich die schule der frau von Stein, wie er es ihr selbst oft genug bekennt, z. b.: hätt ich auch ohne dich je meinen lieblingsirrthümern entsagen mögen? br. 2, 188 (9. apr. 1782). auch die wirkung, die sein geniewesen in seinem kreise übte, sieht er ernüchtert mit schrecken und selbstanklage, ja verdammung, in dem gedichte Ilmenau vom jahre 1783: ich brachte reines feuer vom altar (als Prometheus), was ich entzündet, ist nicht reine flamme. der sturm vermehrt die gluth und die gefahr, ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme u. s. w. 2, 149. so suchte er sich selber angestrengt den rückweg vom geniebegriff, der, 'mehr als mensch', an die gottheit reichen wollte (s. 9, d), eben zum menschen, zum allgemeinen menschenboden, ohne darüber den genius preiszugeben, denn: je mehr du fühlst ein mensch zu sein, desto ähnlicher bist du den göttern. 2, 377 H. 12@a@bβ) auch Schiller, in dessen bündnis mit Göthe sich die höhe der ganzen bewegung darstellt, hatte einen ähnlichen entwickelungsgang in seiner weise durchzumachen gehabt, sturm und drang und gärung des genies (vergl.das verwegene genie u. 10, g, γ), mit gewaltigen, übergroszen plänen, wie Göthe, darauf enttäuschung, selbsterkenntnis, selbstbeschränkung und selbsterziehung zur klärung. davon nur als probe der hinweis auf eine ausführung in dem aufsatz über die nothwendigen gränzen beim gebrauch schöner formen vom j. 1795 von einem jüngling, der sich als kunstgenie fühlt: in seinem kopf arbeiten dunkle ideen wie eine werdende welt .. er nimmt das dunkle für das tiefe, das wilde für das kräftige, das unbestimmte für das unendliche u. s. w., nach enttäuschung durch des kenners urtheil aber: schlummert nun echte geniuskraft in dem fraglichen jüngling, so ermannt er sich doch wieder und behorcht, wenn er zum echten dichter geboren ist, die menschheit in seiner eigenen brust .. unterwirft die üppige phantasie der disciplin des geschmackes und läszt den nüchternen verstand die ufer ausmessen, zwischen welchen der strom der begeisterung brausen soll u. s. w. X, 405 fg., offenbar ein selbstbekenntnis, schon unter Göthes einflusz; vergl. noch im xenienalmanach von geschmack und genie: warum will sich geschmack und genie so selten vereinen? jener fürchtet die kraft, dieses verachtet den zaum. XI, 177. wie stark übrigens seinem genius von haus aus die kraft beiwohnte, nach allem sturm und drang sich zugleich über sich selbst zu erheben zu reiner höhe, zeigt seine selbstritik der räuber, die selbst schon zugleich den zweck hatten, den geniedrang im übermasz ad absurdum zu führen als weltzerstörung und selbstzerstörung. eine absage an das geniewesen ist auch zugleich der inhalt des gedichtes 'die ideale', mit entschlossenster rückkehr in geduldigste alltagsarbeit, die doch von dem höchsten ziele nichts aufgibt: beschäftigung, die nie ermattet, die langsam schafft, doch nie zerstört, die zu dem bau der ewigkeiten zwar sandkorn nur für sandkorn reicht u. s. w. XI, 26. 30, nur zu verstehen als froh gefundener äuszerster gegensatz zu dem früheren genialen streben, das nach einem ätherischen auffliegen mit verfehlen des wahren zieles kläglich ermattete u. s. w.; vergl. auch unter genial seinen spruch vom meister, der jahre lang bildet und sich nie genug thut und dem genialen geschlecht dagegen, dem es im traume beschert wird, wobei er gewiss mehr Göthes, als seiner gedachte. 12@a@gγ) merkwürdig ist übrigens, dasz das gemeinsame schaffen beider genien, zu dem sie sich nun vereinigten, da sie sich an einander als dichter wiederfanden, der eine aus der naturforschung, der andere aus der philosophie heraus, in die sie vom wege des schaffens abgeraten waren, doch auch wieder mit einem genialen thun im sinne der ersten zeit begann, mit den xenien, von denen Schiller setbst an W. v. Humboldt meldet: eine angenehme und zum theil genialische impudenz und gottlosigkeit, eine nichts verschonende satire, in welcher jedoch ein lebhaftes streben nach einem festen punkt zu erkennen sein wird, wird der charakter davon sein. briefw. 285, wie er es als geniewesen bezeichnet: Gotter .. der das genie- und xenienwesen vor seinem tode so bitter beklagt hat. an Göthe 4. ausg. 1, 291 (17. aug. 1797); es war, als müszte auch das männliche genie bei dem neuen anlauf wieder jugendlich anfangen. daraus erhob sich ihnen aber zugleich der geniebegriff zu seiner reinsten höhe, wie eine äuszerung Göthes zeigt: doch läugne ich nicht, dasz wir den creator spiritus wohl zum freunde haben müssen, wenn wir das nächste jahr nicht zurück, sondern vorwärts treten wollen ... denn nach dem tollen wagestück mit den xenien müssen wir uns blosz groszer und würdiger kunstwerke befleiszigen. an Schiller 15. nov. 1796, also das genie wieder als schaffender geist für sich auch auszer und über dem menschengeiste gedacht, nicht in diesem mit allen seinen mängeln aufgehend, wie in der genieperiode, nicht als unverantwortlicher gott, sondern als verantwortlicher vertreter gottes; s. dazu 9, e. 12@bb) dem groszen schaffen, das sie nun in die hand nahmen, gieng wieder auch forschung über den entscheidenden begriff zur seite, wieder aufgenommen namentlich von geistern wie Schiller und Kant. im vordergrunde oder mittelpunkte steht aber da die wahrnehmung des erstern, dasz das genie naiv sein müsse, wie im gegensatz zu dem künstlich aufgeschraubten bewusztsein oder selbstbewusztsein und selbstgefühl des genies, das ihm vor und in der genieperiode von den philosophen eingeflöszt worden war in bester meinung und doch wol nicht ohne mitschuld an dem fehlschlagen jenes ersten anlaufes (s. 11, b). 12@b@aα) in der abhandlung über naive und sentimentalische dichtung heiszt es in scharfer formel: naiv musz jedes wahre genie sein, oder es ist keines. seine naivheit (var. naivetät) allein macht es zum genie. Schiller X, 437, und diesz nicht blosz von kunst, sondern der begriff in aller weite gefaszt: und was es im intellectuellen und ästhetischen ist, kann es im moralischen nicht verläugnen. das war zwar an sich nicht neu, schrieb doch schon Gellert dem genie ein schaffen zu nach den regeln der natur, fast ohne dasz es sich dessen bewuszt ist (9, a, γ), und von Shakespeare war schon gesagt, er sei ein groszer poet geworden, ohne selbst es zu wissen (10, h) vgl. 9, b, β. aber Schillern gieng nun die erkenntnis von der ganzen wichtigkeit dieses punktes an seiner eignen natur auf, die auch im dichter zur bewuszten erkenntnis drängte, zumal seit er mit Göthen in unmittelbare und freundliche berührung kam und nun den geniebegriff verkörpert vor sich sah und fühlte, als wichtigsten gegenstand des forschenden denkens für seine eigene lebensaufgabe. 12@b@bβ) die frage wird von beiden dichtern einmal im j. 1801 brieflich besprochen, wobei sich Göthe entscheidet: ich glaube, dasz alles was das genie als genie thut, unbewuszt geschehe. der mensch von genie kann (zwar) auch verständig handeln, nach gepflogener überlegung .. das geschieht aber alles nur so nebenher. kein werk des genies (dagegen) kann durch reflexion ... verbessert ... werden u. s. w. an Schiller 4. ausg. 2, 280 (2. ausg. 2, 282), während Schiller hier gegen Schelling nur verfocht, der behauptet hatte, in der kunst gehe man vom bewusztsein aus zum bewusztlosen fort: in der erfahrung fängt auch der dichter nur mit dem bewusztlosen an, nachher aber: das bewusztlose mit dem besonnenen vereinigt macht den poetischen künstler aus. 278 (338 fg.); auch Göthe äuszert einmal, in der ersten zeit ihrer freundschaft: so wenig man mit bewusztsein erfindet, so sehr bedarf man des bewusztseins besonders bei längeren arbeiten. 1, 92 (112), diesz zugeständnis als gewinn aus den ideen des freundes bezeichnet, der ihm dann auch im j. 1800 von Fr. Schlegels auslassungen über die geniefrage (im Athenäum) meldet: sie werden erstaunen darin zu lesen, dasz das wahre hervorbringen in künsten ganz bewusztlos sein musz, und dasz man es besonders ihrem genius zum groszen vorzug anrechnet, ganz ohne bewusztsein zu handeln. 2, 243 (295). wie entschieden er aber später das (philosophische) bewusztsein für sein und das rechte menschliche thun überhaupt ablehnte, sagen sprüche wie: all unser redlichstes bemühn glückt nur im unbewuszten momente u. s. w. 3, 291. und schon im j. 1772 im zwiegespräch mit sich: wenn schönheit und grösze sich mehr in dein gefühl webt, wirst du gutes und schönes thun, reden und schreiben, ohne dasz dus weiszt warum. d. j. Göthe 1, 310, brieflich an Herder, dessen wirkung man darin sehen darf, wie in dem schmerzensruf vorher: armer mensch, an dem der kopf alles ist! 307; gibt er doch auch von seinem philosophischen denken an: wenn ich nach meiner weise über gegenstände philosophirte, so that ich es mit unbewuszter naivetät u. s. w. 50, 51 (34, 94 H.), vgl.fruchtbare dunkelheit 50, was er früher dumpfheit nannte, im gegensatz zu dem überbewusztsein des geniedranges. dasz Schiller die bedeutung des unbewuszten und naiven im geistesleben, im gegensatz zur philosophie, die auf bewusztsein als letztes ziel drängt und in der er vorher befangen gewesen war, an Göthen erkannte, zeigt deutlich sein merkwürdiger vierter brief an diesen, darin: geister ihrer art wissen daher selten, wie weit sie gedrungen sind, und wie wenig sie ursache haben, von der philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann. diese kann blosz zergliedern was ihr gegeben wird, aber das geben selbst ist nicht sache des analytikers, sondern des genies, welches unter dem dunkeln, aber sichern einflusz reiner vernunft nach objectiven gesetzen verbindet. briefw. 1, 5 (6), also Kants 'reine vernunft' nun in unbewuszten drang umgesetzt, samt den 'objectiven gesetzen' aus dem kopfe ins 'herz' verlegt (was ja in Kants postulaten der praktischen vernunft eigentlich auch gethan ist), und das fällt denn erfüllend zusammen mit dem, was in der zweifelnden frage der 60er jahre, ob das genie etwa mit der vernunft empfinden (d. h. empfindend setzen, schaffen) könne, von den am genie studierenden philosophen geahnt war (s. 10, d). 12@b@gγ) wie diesz naive in den begriff des genies bei beiden förmlich aufgenommen und damit verschmolzen wurde, zeigt der ausdruck dafür in einer verhandlung vom j. 1798, wo Göthe einmal meldet: ich war dieser tage mit Meyern in einer kleinen differenz .. er behauptete, dasz sogar das genialisch naive in einem gewissen sinne durch schule überliefert werden könne. 2, 86 (107), was übrigens nicht ganz seinen beifall hatte, wol aber den Schillers: in ihrem streit mit Meyern scheint mir dieser ganz recht zu haben. ob sich gleich das schöne naive in keine formel fassen und folglich auch in keiner solchen überliefern läszt, so ist es doch seinem wesen nach dem menschen natürlich, da die entgegengesetzte sentimentale stimmung ihm nicht natürlich, sondern eine unart ist u. s. w. 87 (108), also das geniale in jenem sinn als das menschlichnatürliche überhaupt und allen zum besten der ausbildung fähig, womit die ausnahmestellung des genies samt ihren gefahren ganz aufgehoben, das menschliche ganze vielmehr auf einen höheren stand gehoben und doch zugleich mit der natur wieder vereinigt wird. in jener abhandlung übrigens tritt im verlauf der untersuchung der geniebegriff aus einander in zwei arten, das naive und sentimentalische genie, s. X, 492 ff., wobei denn jenes im engeren sinne gemeint sein musz, diesem aber nach der anfänglichen begriffsbestimmung das naive nicht ganz abgesprochen wird, weil es damit aufhören würde genie zu sein (s. X, 468, 18 ff.), wie denn W. v. Humboldt von Schiller selbst bemerkt: vielmehr war er wieder in höherem grade naiv, als es die entschiedene hinneigung zur sentimentalischen gattung zuzulassen schien. briefw. s. 32, s. auch s. 256. 12@cc) auch von der weiteren zeichnung, die Schiller a. a. o. vom geniebegriff entwirft, dürfen die hauptzüge hier nicht fehlen, es ist darin zur erfüllung gebracht, was vorher darüber gedacht und ermittelt war. 12@c@aα) auf kunst bezogen, den regeln und dem geschmack gegenüber, erscheint es als frei und doch fest in sich selbst ruhend: unbekannt mit den regeln, den krücken der schwachheit und den zuchtmeistern der verkehrtheit, blosz von der natur oder dem instinkt, seinem schützenden engel geleitet, geht es ruhig und sicher durch alle schlingen des falschen geschmacks, in welchen, wenn es nicht so klug ist sie schon von weitem zu vermeiden, das nichtgenie unausbleiblich verstrickt wird. X, 437, wo denn im schützenden engel auch die ursprüngliche vorstellung des genius wiederkehrt (s. 2. 3); der gedanke in tiefster ausführung und gehobenster fassung auch in dem gedichte der genius, am schlusse: und an alle geschlechter ergeht ein göttliches machtwort: was du mit heiliger hand bildest, mit heiligem mund redest, wird den erstaunten sinn allmächtig bewegen. du nur merkst nicht den gott, der dir im busen gebeut, nicht des siegels gewalt, das alle geister dir beuget. einfach gehst du und still durch die eroberte welt. XI, 70. 12@c@bβ) dasz der begriff aber nicht auf kunst beschränkt, sondern mit dieser in den dienst des menschen und der menschheit überhaupt gestellt wird für ihren fortschritt dem höchsten zu, zeigt der zweite absatz dort, vom verhältnis des genies zur natur, wobei auch die wissenschaft, d. i. die philosophie in betracht gezogen ist (wie in dem gedichte der genius): nur dem genie ist es gegeben, auszerhalb des bekannten noch immer zu hause zu sein und die natur zu erweitern, ohne über sie hinauszugehen. zwar begegnet letzteres zuweilen auch den gröszten genies u. s. w. X, 437, 17, also die (menschliche) natur fortzubilden, aber im namen der natur, als thäte es sie selbst; so noch deutlicher im vergleich mit verstand und vernunft im verhältnis zur natur: wiederholen zwar kann der verstand, was da schon gewesen, was die natur gebaut, bauet er wühlend ihr nach. über natur hinaus baut die vernunft, doch nur in das leere. du nur, genius, mehrst in der natur die natur. XI, 176. vergl. bei Lavater u. 11, c, γ das genie als übernatur, überkunst u. s. w. 12@c@gγ) und noch höher steigend, bis zum denkbar höchsten: die verwickeltsten aufgaben musz das genie mit anspruchsloser simplicität und leichtigkeit lösen: das ei des Columbus gilt von jeder genialischen entscheidung. dadurch allein legitimirt es sich als genie, dasz es durch einfalt über die verwickelte kunst triumphirt. es verfährt (dabei) nicht nach erkannten principien, sondern nach einfällen und gefühlen, aber seine einfälle sind eingebungen eines gottes (alles was die gesunde natur thut, ist göttlich), seine gefühle sind gesetze für alle zeiten und für alle geschlechter der menschen. X, 437, 24 ff., vgl. weiterhin: mit dieser naiven anmuth drückt das genie seine erhabensten und tiefsten gedanken aus, es sind göttersprüche aus dem mund eines kindes. 439, 9. also das wesen des genies eigentlich in die (durch cultur verlorene) einheit der menschennatur verlegt, die eben damit die kraft wiedergewinnt, alles beste des rein natürlichen und des göttlichen in sich in eins zu setzen, den ersten anfang und das letzte ende aller entwickelung in eins zu verknüpfen und damit die menschheit auf ihren weg zum ziele zu bringen, indem es durch dichtung bestrebt ist, der menschheit ihren möglichst vollständigen ausdruck zu geben (451, 28). 12@c@dδ) wie diesz bild vom genie fast durchaus anschlusz hat an der älteren forschung, dafür sei wenigstens wegen der ihm zugesprochenen einfalt verwiesen auf Lessing u. 9, b, β: das genie liebt einfalt, der witz verwicklung. 7, 135, witz, d. h. esprit, der vorher an der stelle des genies stand; und auf Sulzer u. 10, c von dem wege, wie es zur edlen einfalt gelangt, um durch die kleinsten mittel die gröszten zwecke zu erreichen. 12@dd) auch die forschung, die Kant damals dem geniebegriff, wie den ästhetischen zeitfragen überhaupt widmete, ist zu erwähnen, schon weil sie auf das ästhetische denken Schillers und Göthes einflusz übte. 12@d@aα) wenn z. b. Göthe in seiner darstellung des geniewesens in der sturm- und drangzeit (s. 11, h, ε) äuszert: es war noch lange hin bis zu der zeit, wo ausgesprochen werden konnte: dasz genie diejenige kraft des menschen sei, welche durch handeln und thun gesetze und regel gibt. 48, 149, so ist das wol eine freie, gedächtnismäszige bezugnahme auf Kants kritik der urtheilskraft (1790), wo § 46 ff. vom genie handeln, § 49 von den vermögen des gemüths, welche das genie ausmachen (es sind einbildungskraft und verstand); da heiszt es im verlauf: nach diesen voraussetzungen ist genie: die musterhafte originalität der naturgabe eines subjects im freien gebrauch seiner erkenntnisvermögen (s. 182 Kirchm.), d. h. ein ingenium (naturgabe), das, ohne vorbilder zu brauchen, selbst zum vorbild und muster für andere wird, wie es vorher heiszt: ein vermögen, das schnell vorübergehende spiel der einbildungskraft aufzufassen und in einen begriff (der eben darum original ist und zugleich eine neue regel eröffnet, die aus keinen vorhergehenden principien oder beispielen hat gefolgert werden können) zu vereinigen, der sich ohne zwang der regeln mittheilen läszt. 181, und nachher, von der wirkung solches schaffens auf ein anderes genie, welches dadurch zum gefühl seiner eigenen originalität aufgeweckt wird, zwangsfreiheit von regeln so in der kunst auszuüben, dasz diese dadurch selbst eine neue regel bekommt. 182; ebenda dann das genie als seltner günstling der natur, das dann doch selbst schule bilden kann, womit die schöne kunst doch auf nachahmung kommt (die sonst vom genie durchaus ferngehalten wird), der die natur durch ein genie die regel gab, wie in § 47 definiert wird: genie ist das talent der erfindung dessen, was nicht gelehrt oder gelernt werden kann, § 46 genie ist die angeborne gemüthsanlage (ingenium), durch welche die natur der kunst die regel giebt (s. 169 K.), womit denn die begriffe natur und regel, die sonst im geniewesen im streit lagen, eben im genie auf eins gebracht sind, aber nur auf kunst bezogen, während Göthe den satz aufs menschenthun überhaupt erweiterte; dasz übrigens das auch schon in der genieperiode und vorher erkannt und gesagt war, s. u. 11, c, γ. 12@d@bβ) wie auch Schiller von Kants denken einflusz und anregung nahm, zeigt u. a. die vergleichung seiner äuszerungen über das verhältnis des genies zur natur u. c, β mit der ausführung des philosophen a. a. o.: die einbildungskraft (als productives erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in schaffung gleichsam einer andern natur, aus dem stoffe, den ihr die wirkliche giebt .. nach principien, die höher hinauf in der vernunft liegen (und die uns ebensowohl natürlich sind, als die, nach welchen der verstand die empirische natur auffaszt), wobei denn der stoff der natur zu etwas anderem, nämlich dem, was die natur übertrifft, verarbeitet werden kann. s. 177, also über die natur hinaus und doch zugleich noch innerhalb (unserer) natur; für productiv braucht er nachher auch das alte schöpferisch im gleichen sinne (178), denn auch dieses merkmal des geniebegriffs war aus der allerersten zeit überliefert, s. 9, e; auch als naiv oder unbewuszt arbeitend erscheint das genie bei Kant: (daraus ergibt sich) dasz es, wie es sein product zu stande bringe, selbst nicht beschreiben oder wissenschaftlich anzeigen könne ... und daher der urheber eines products, welches er seinem genie verdankt, selbst nicht weisz, wie sich in ihm die ideen dazu herbeifinden, auch es nicht in seiner gewalt hat, dergleichen nach belieben oder planmäszig auszudenken und anderen in solchen vorschriften mitzutheilen, die sie in stand setzen, gleichmäszige producte hervorzubringen. 170 (§ 46). 12@d@gγ) erwähnenswert ist hier etwa noch, wie er an dem begriff der regel fest hält und falsche genies daran miszt: da die originalität des talents ein (aber nicht das einzige) wesentliches stück vom charakter des genies ausmacht, so glauben seichte köpfe, dasz sie nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende genies, als wenn sie sich vom schulzwange aller regeln lossagen und glauben, man paradire besser auf einem kollerichten pferde als auf einem schulpferde. 173 (§ 47), dabei mit einem scharfen worte wider geniale philosophen: wenn aber jemand sogar in sachen der sorgfältigsten vernunftuntersuchung wie ein genie spricht und entscheidet, so ist es vollends lächerlich u. s. w. auch in Kants anthropologie (1798) handeln § 47 ff. von der originialität des erkenntnisvermögens oder dem genie, sie bieten in der hauptsache eine kürzere und leichtere darstellung des in der kritik der urtheilskraft scharf begrifflich untersuchten, hie und da doch einfach deutlicher und in neuer beleuchtung. bemerkenswert ist etwa die frage: ob der welt durch grosze genies im ganzen sonderlich gedient sei, weil sie doch oft neue wege einschlagen und neue aussichten eröfnen, oder ob mechanische köpfe .. mit ihrem alltägigen, langsam am stecken und stabe der erfahrung fortschreitenden verstande nicht das meiste zum wachsthum der künste und wissenschaften beigetragen haben (indem sie, wenn gleich keiner von ihnen bewunderung erregte, doch auch keine unordnung stifteten), mag hier unerörtert bleiben. 162 (§ 48); aber, fährt er fort, ein schlag von ihnen, geniemänner (besser genieaffen) genannt, hat sich unter jenem aushängeschilde mit eingedrängt, welcher die sprache auszerordentlich von der natur begünstigter köpfe führt, das mühsame lernen und forschen für stümperhaft erklärt und den geist aller wissenschaft mit einem griffe gehascht zu haben, ihn aber in kleinen gaben concentrirt und kraftvoll zu reichen vorgiebt u. s. w. 163, dann noch von dem schaden, den dieser schlag thut, wenn er über religion, staatsverhältnisse und moral gleich dem eingeweiheten oder machthaber vom weisheitssitze herab im entscheidenden tone abspricht und so die armseligkeit des geistes zu verdecken weisz, was denn auf die romantiker gemünzt sein wird; vergl. u. geniemäszig. 12@ee) auch Herders ist noch einmal erwähnung zu thun, der im j. 1800 in der Kalligone 2, 204 ff. auf die frage zurückkam, zuerst in scharfer kritik wider Kant, dessen bekämpfung ja das werk überhaupt mit zum ziel hat, dann in eigenster tiefgreifender ausführung; doch ist hier nicht näher darauf einzugehen, zumal jener kampf zum theil auf misverständnissen beruht, welche aufzulösen hier nicht der ort ist, die eigene ausführung aber bringt zum theil nur altes in neuer beleuchtung, zum theil steht sie eigentlich auszer der bewegung der zeit, weist aber zugleich weit über sie hinaus. erwähnt sei doch, dasz Herder das genie auch für die wissenschaft wieder in anspruch nimmt (s. schon der junge Lessing u. a. unter 10, g) gegen Kant, der es daraus bestimmt und scharf verwies: wer in wissenschaft erfindet, bringt eben sowohl etwas eigenthümliches neues aus sich hervor, das er nicht lernte (sonst hätte ers nicht erfunden), als der dichter. und je wichtiger, je umfassender und gröszer dies neue war, principien der gesammten naturphilosophie z. b., die der erfinder im anschauenden blick vor sich sah, desto mehr war er ein genius der wissenschaft, die durch ihn ward, vom lerner und nachahmer specifisch verschieden. Kalligone 2, 208 fg. überhaupt wird der begriff über das ästhetische hinaus, in das er ihn bei Schiller und Göthe eingeschränkt sah oder zu sehen glaubte, ins gröszte erweitert; es ist ihm der menschengenius, der grosze heilige genius der menschheit, der am gedeihen der menschheit überhaupt arbeitet, auch naturgeist genannt, (s. dazu u. 1, b), wie éiner, der durch die geschichte der menschheit hin wirkt, in einzelnen geistern vertreten: unglücklich, wenn hiezu nur bildhauerei und dichtkunst, redner- und malerei gehörte, als ob diese werke des namens genie allein werth wären. was irgend durch menschliche natur genialisch hervorgebracht oder bewirkt werden kann, wissenschaft und kunst, einrichtung oder handlung, ist werk des genius, der jede anlage der menschheit zu erwecken und zu ihrem zweck zu fördern eben genius ist u. s. w. 224; es ist ein höherer, himmlischer geist, wirkend unter gesetzen der natur, gemäsz seiner natur, zum dienst der menschen, er kann der leitende, wirkende schutzgeist seines geschlechts sein, der vorsehung wirkender bote 225 fg. dazu dient ihm auch eine etymologie (vergl. u. 1, b): der genius schaffet, erzeuget, stellt sich selbst dar, genius gignit, sui simile procreat, condit genus. so ist ihm der begriff noch das höchste im menschenbereiche, wie in jungen jahren, darum auch: dem genie bücke sich die kritik, auch mit seinen fehlern gebührt ihm hochachtung, denn das feinste urtheil als solches steht unter dem genie, dies erfinde oder stelle dar, es entdecke oder bereite entdeckung vor. 269, was doch zugleich wieder gegen Kant gemünzt ist. 12@ff) was Göthe seit der zeit seiner klärung über art und wert des genies dachte, zeigen ungefähr neben dem unter a, α beigebrachten seine auslassungen über die genieperiode in wahrheit und dichtung, s. 11, h, ε. andere lehrreiche äuszerungen, ohne vollständigkeit, die schon wünschenswert wäre: wie ein geringer aber richtiger verstand mehr als ein verworrenes und ungeläutertes genie zur zufriedenheit anderer wirken kann, so erhub er (Serlo) mittelmäszige talente, durch die deutliche einsicht, die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswürdigen fähigkeit. 19, 124 (lehrj. 4, 19), eine deutliche lehre aus der zeit seiner eigenen abwendung vom geniebegriff (a, α); ähnlich: sind wir im stande, mit dem complex von geisteskräften, den man genie zu nennen pflegt, der aber oft sehr zweideutige wirkungen hervorbringt, dem gewissen und unzweideutigen genie der hervorbringenden natur entgegen zu dringen. 55, 265 (vom j. 1796). daneben doch flug des genies (vergl. Herder u. 10, e a. e.): nur dem ganz ungebildeten zuschauer kann ein kunstwerk als ein naturwerk erscheinen .. niemals wird er sich mit dem ächten künstler erheben, wenn dieser den flug, zu dem ihn das genie treibt, beginnen ... musz. 38, 150, man spricht auch von fittigen des menschlichen genius, z. b. Hamann 8, 378, zugleich mit nachklang der antiken vorstellung vom geflügelten genius. selbst auf schwindelnder höhe, doch nun mit sicherem unterbau, den die überlieferung gibt, über welche man in der geniezeit hinwegsprang (s. 11, c und h): er machte mich auf unscheinbare bilder aufmerksam und suchte mir begreiflich zu machen, dasz eigentlich die geschichte der kunst allein uns den begriff von dem werth und der würde eines kunstwerks geben könne, dasz man erst die beschwerlichen stufen des mechanismus und des handwerks, an denen der fähige mensch sich jahrhunderte lang hinauf arbeitet, kennen müsse, um zu begreifen wie es möglich sei, dasz das genie auf dem gipfel, bei dessen bloszem anblick uns schwindelt, sich frei und fröhlich bewege. 19, 343 (lehrj. 6); daraus spricht die erfahrung, die er an sich selbst in Italien machte: einer (meiner capitalfehler) ist, dasz ich nie das handwerk einer sache, die ich treiben wollte oder sollte, lernen mochte. daher ist gekommen, dasz ich mit so viel natürlicher anlage so wenig gemacht und gethan habe. 29, 35 (20. juli 1787). bemerkenswert auch: so hat die vernunft und das ihr verwandte gewissen eine ungeheure autorität, ingleichen das was wir mit dem namen genie bezeichnen. 53, 88; man gesteht dem hasz zu, dasz er das genie supplire, und man kann es von allen leidenschaften sagen, die uns zur thätigkeit auffordern. 46, 27; das erste und letzte, was vom genie gefordert wird, ist wahrheitsliebe. 56, 123 (spr. in pr. 547). 12@gg) besondere aufmerksamkeit wendete J. Paul dem genie zu in der vorschule der ästhetik § 8 ff., wo denn auch betrachtungen und beobachtungen von hohem wert niedergelegt sind (einige nachträge in der kleinen bücherschau werke 45, 11 ff.). 12@g@aα) er stellt z. b. eine gattung für sich auf, die er weibliche, empfangende oder passive genies nennt (§ 10) und in die mitte zwischen talent und genie setzt als gränzgenies, welche, reicher an empfangender als schaffender phantasie, nur über schwache dienstkräfte zu gebieten haben ästh. 1813 s. 54, welche zwar, mit höherm sinne als das talent, den groszen weltgeist .. aufnehmen, welche treu an ihm, wie das zarte weib am starken manne, das gemeine verschmähend, hängen, aber denen das verhängnis die sprache abgeschlagen (55); wiewol unähnlich dem talentmenschen, der nur welttheile und weltkörper, keinen weltgeist zur anschauung bringen kann, und wiewol eben darum ähnlich dem genie, dessen erstes und letztes kennzeichen eine anschauung des universums, so ist doch bei den passiven genies die weltanschauung nur eine fortsetzung und fortbildung einer fremden genialen. 57; als vertreter dieser gattung bezeichnet er z. b. (indem er sich auf 'todte' beschränkt) Diderot, Rousseau, Moritz, Sturz, Novalis; von Lessing aber heiszt es bedeutsam: nach meiner furchtsamen meinung ist mehr sein mensch ein aktives genie als sein philosoph. 59. 12@g@bβ) das letztere, nun einfach genie genannt, behandeln § 11 ff., das beste, was die erde hat, den wecker der schlafenden jahrhunderte s. 65, in ihm stehen alle kräfte auf einmal in blüte 66. unter seinen merkmalen stellt er aber die besonnenheit in erste linie (§ 12), noch in deutlicher nachwirkung der ersten jugendlichen genieperiode, vor welcher doch auch schon z. b. von Sulzer besonnenheit oder gegenwart des geistes als wesentliches merkmal des genies gefordert worden war, das auch im sturme der leidenschaften selbst das steuer nicht verlieren dürfe (10, c). bei J. Paul ist es eine höhere, eine göttliche besonnenheit, so weit von der gemeinen unterschieden, wie vernunft von verstand u. s. w. s. 67 (daneben doch das genie ist in mehr als einem sinne ein nachtwandler 68); der ewig zum schwindel bewegte Alfieri fand auf kosten seiner schöpfungen weniger ruhe in als auszer sich, der rechte genius beruhigt sich von innen, nicht das hochauffahrende wogen, sondern die glatte tiefe spiegelt die welt. 70. wie hoch er den begriff faszt, zeigt sich in § 14, der vom instinkt des genies handelt: eben dieser hellere glanz des überirdischen triebes wirft jenes licht durch die ganze seele, das man besonnenheit nennt u. s. w. 80, ein sieg mit überirdischer kraft und helle über allen stoff und sturm der erde. 12@g@gγ) den kern des genies sucht er nämlich in einem instinkt oder trieb, auch das unbewuszte (unergründliche) genannt, dem er überhaupt für das wesen des menschen eine besondere wichtigkeit beilegt: das mächtigste im dichter, welches seinen werken die gute und die böse seele einbläset, ist gerade das unbewuszte. 74. im genie wirkt ein göttlicher instinkt 80 (instinkt des göttlichen 89), der ihm die vielheit der welt auf eine harmonische einheit bringt (denn es gibt nur ein göttliches, obwol vielerlei menschliches 82) und ihm schon von kind auf die welt harmonisch aufnehmen läszt, dasz sie sich ihm zu einem lebenslied gestaltet: das herz des genies, welchem alle andern glanz- und hülf-kräfte nur dienen, hat und gibt éin ächtes kennzeichen, nämlich neue welt- oder lebens-anschauung. das talent stellet nur theile dar, das genie das ganze des lebens. 84; dieser weltgeist des genius beseelet, wie jeder geist (in der natur), alle glieder eines werks, ohne ein einzelnes zu bewohnen .. der Göthe'sche z. b. würde uns, wie im nachlässigsten gedichte, so in der reichs-prose doch anreden. 85 u. s. w. auch Schelling setzt das geheimnis des genies in einen instinct: eben so sieht und hört der mensch, was er sieht und hört, nur vermittelst eines höhern instincts, der, wo er vorzugsweise auf das grosze und schöne gerichtet ist, genie heiszt. weltseele (1798) 293, ähnlich auch Schiller (c, α), und das naive, was dieser als wesen des genies bezeichnete (s. b), ist im grunde eins damit und mit dem unbewuszten J. Pauls hier. 12@hh) von allem weiteren nur proben, zumal das weitere kein wirkliches weiterkommen über jene höhe hinaus darstellt, wenn es auch an ausführung in breite und tiefe nicht fehlt. 12@h@aα) äuszerungen der jugendlichen romantiker z. b., in denen sich selbst eine art sturm und drang wiederholte; da klingt es jugendlich hochfliegend und altklug orakelnd: man kann sagen, dasz es ein charakteristisches kennzeichen des dichtenden genies ist, viel mehr zu wissen, als es weisz dasz es weisz. Fr. Schlegel Athenäum 12, 45; wer sucht, wird zweifeln. das genie sagt aber so dreist und sicher, was es in sich vorgehen sieht, weil es nicht in seiner darstellung und also auch die darstellung nicht in ihm befangen ist u. s. w., dann: wenn wir von der auszenwelt sprechen, wenn wir wirkliche gegenstände schildern, so verfahren wir wie das genie. ohne genialität existirten wir alle nicht. genie ist zu allem nöthig. was man aber gewöhnlich genie nennt, ist genie des genies. 77. 78; genie zu haben ist der natürliche zustand des menschen. gesund muszte er auch aus der hand der natur kommen, und da liebe für die frauen ist, was genie für den mann, so müssen wir uns das goldene zeitalter als dasjenige denken, wo liebe und genie allgemein waren. 3, 7; jeder vollständige mensch hat einen genius, die wahre tugend ist genialität. 3, 9; genie ist nichts, als geist in diesem thätigen gebrauch der organe. bisher haben wir nur einzeln genie gehabt, der geist soll aber total genie werden. Novalis 2, 137; genie ist gleichsam seele der seele .. instinct ist das genie im paradiese, vor der periode der selbstabsonderung (selbsterkenntnis). 142; jede person ist der keim zu einem unendlichen genius. 144. 12@h@bβ) einige spätere äuszerungen: wir armen bewuszten menschen scheinen nun (im vergleich mit dem sichern instinct der thiere) von dieser göttlichen sicherheit des angreifens und fassens alles stoffes entblöszt zu sein. aber es ist nur scheinbar. alles genie und talent ist nichts weiter als instinct. nenne mir den künstler, den dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem drange geworden wäre u. s. w. Immermann Münchh. 1, 173. ebenso im anschlusz an die unbewuszte kunstthätigkeit der thiere, tiefer gefaszt, in Schellings sinne: es ist derselbe geist, der im menschen als freiheit erscheint ... dieselbe bildende kraft, die den arm des Michel Angelo bewegte, die sich zum menschlichen genius verklärt und zugleich mit dämonischer unwiderstehlichkeit, mit unbewusztem drang wie mit menschlich bewuszter freiheit meiszel und pinsel ergreift und eine zweite höhere schöpfung in der schöpfung hervorbringt. Wienbarg ästh. feldzüge 201 fg. 12@h@gγ) wie der begriff weiter gelebt und gewirkt hat in der kunst und wissenschaft und im leben, kann hier nicht verfolgt werden. das wort hat einerseits seinen alten zauber noch, geeignet den denkbar höchsten, auch reinsten ehrgeiz zu entzünden (der sich doch nicht verträgt mit dem naiven und unbewuszten, das dem wahren genie als nothwendig erkannt wurde), anderseits kleben ihm auch die schatten, irrungen und gefahren noch an, die das wort schon vor hundert jahren bald auch in misachtung brachten (s. 11, h) und die der begriff nun einmal gerade durch das bewusztsein aus sich entwickelt und damit seine opfer fordert; davon zeugt der sprachgebrauch, in dem z. b. ein verkanntes genie, auch verkommenes, verbummeltes genie geläufig sind, und noch schlimmer, wo das genie sich mit dem alkohol als erhebungs- oder trostquelle tief einläszt (vgl. kneipgenie). daher wird, wo man sicher gehen will, das lat. genius vorgezogen, das von jenem verderb im leben noch unberührt ist (vgl. 3). 12@ii) der geltende begriff tritt deutlicher heraus im verhältnis zu dem verwandten talent, das noch kurz zu betrachten ist. 12@i@aα) ein wesentlicher, obwol mehr äuszerlicher unterschied beider besteht darin, dasz einem menschen auch mehrere talente zugeschrieben werden, was bei genie nicht vorkommt, obschon man von besonderem genie zur musik, zur malerei u. dergl. spricht. daher z. b. Kestner in seiner aufzeichnung von Göthe im j. 1772: er hat sehr viel talente, ist ein wahres genie und ein mensch von charakter. Göthe u. Werther s. 36. darauf fuszt die bemerkung in den sog. fragmenten im Athenäum: dasz man talente nur hat, besitzt .. genie kann man eigentlich nie haben, nur sein. auch giebt es keinen pluralis von genie, der hier schon im singularis steckt. genie ist nemlich ein system von talenten. 12, 31. 12@i@bβ) begrifflich werden sie doch auch ohne wesentliche oder deutliche unterscheidung gebraucht, dasz sie beide mehr zur steigerung des gemeinsamen begriffes wirken, z. b.: seufzen musz der menschenfreund, wenn er sieht, wie in den schulen, die mit dem namen lateinische schulen prangen, die erste junge lust ermüdet, die erste frische kraft zurückgehalten, das talent in staub vergraben, das genie aufgehalten wird, bis es, wie eine gar zu lange zurückgehaltene feder, seine kraft verliert. Herder fragm. 3, 40; die herrlichsten talente, die gröszesten genien auch in unserm volk, woran muszten sie ihre gaben oft und meistens verschwenden? Kallig. 2, 229; es läszt sich nicht leicht denken und übersehen, was die umstände für den künstler thun müssen (dasz er völlig gedeihe), und dann sind bei dem gröszten genie, bei dem entschiedensten talente noch immer die forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat. Göthe 20, 248 (lehrj. 8, 7); genie ... naturell, talent. 36, 208. ja auch ganz ohne unterscheidung, beide unter einem begriff gesehen: Rammler, Klopstock, Uz und Lange, vier genies von so verschiedenen talenten, sollten die nicht einem Horaz gleichwiegen? Herder fragm. 3, 171; genie ist ein talent, dasjenige, wozu sich keine bestimmte regel geben läszt, hervorzubringen. Kant kr. d. urth. § 46. das folgende talent meint denn auch nichts andres, als genie, das zeigt sicher das dann gebrauchte dämonisch (s. dazu 2, h): dasz zu allen zeiten und unter allen völkern talente ans licht kommen, ist eine erfahrung, die eben ja jeder bemühung um ausbildung der talente zu grunde liegt. nicht in Athen und Rom allein wurden dämonische, göttliche männer geboren. Herder hum. br. 93 (18, 81 S.), nachher das. genius, genie. 12@i@gγ) die bestimmte unterscheidung, wie sie nun geläufig ist, zeigt sich aber doch auch früh. schon Adelung in der 1. ausg. (1775) setzt an: das genie erschafft, das talent setzt nur ins werk, vgl. daneben seine bemerkung im deutschen styl 2, 370: überdiesz ist das genie eine mitgift der natur, kann also auch in dieser rücksicht den werth nicht haben, als nützliche talente, welche durch mühe und fleisz erworben werden, während er im erstern satze auch das talent wol als naturgabe ansieht, nur als eine niedere und wie im dienst des genies. W. v. Humboldt bekennt von sich: so habe ich nie eigentlich poetisches talent in mir wahrgenommen, und so kenne ich, zwar nicht aus eigener, aber doch fremder erfahrung, wie viel zeit die sucht verse zu machen, ohne von genie oder wenigstens talent unterstützt zu sein, unnütz versplittert. briefw. mit Schiller 45. J. Paul handelte in der vorschule der ästhetik eingehend vom unterschied beider, besonders in § 9 (vergl. u. f), z. b.: die zweite stufe (der schöpferischen thätigkeit) ist diese, dasz mehrere kräfte vorragen (statt der gleichmäszigen einheit derselben im genie), z. b. der scharfsinn, witz, verstand, mathematische, historische einbildungskraft u. s. w., indesz die phantasie (als eigentlich schaffende kraft) niedrig steht. dieses sind die menschen von talent, deren inneres eine aristokratie oder monarchie ist, so wie das genialische eine theokratische republik. s. 49 fg.; da es kein bild, keine wendung, keinen einzelnen gedanken des genies giebt, worauf das talent im höchsten feuer nicht auch käme — nur auf das ganze nicht — so lässet sich dieses eine zeitlang mit jenem verwechseln, ja das talent prangt oft als grüner hügel neben der kahlen alpe des genies, bis es an seiner nachkommenschaft stirbt u. s. w. 53; das talent stellet nur theile dar, das genie das ganze des lebens. 84; daher kann das blosze talent, das ewig die götterwelt zum nebenplaneten oder höchstens zum Saturn-ring einer erdigen welt erniedrigt, niemals ideal runden und mit dem theil kein all ersetzen und erschaffen. 90; s. auch vom talent und genie in der philosophie s. 50 fg. bemerkenswert auch äuszerungen bei P. A. Pfizer: ich halte das genie nicht für den superlativ des talents, sondern talent und genie für zwei verschiedene weltanschauungsweisen. das genie ist schaffendes, intuitives, das talent discursives, analytisches erkennen, und die gabe der intuition ist allerdings die höhere geistesform und kommt allein dem höchsten künstler, demjenigen, der nicht blosz gegebenes verarbeitet und analysirt, sondern aus sich selbst heraus etwas erzeugt, sei er nun bildner, dichter, staatsmann oder feldherr, zu. briefw. zweier Deutschen 117 fg.; das talent steht auszer, oder wenn man ihm recht schmeicheln will, über der welt, die es anschaut und reflectirt, das genie wohnt im mittelpunkte seiner welt und durchschaut sie, wie der somnambule seinen körper von innen heraus. das talent wirkt mechanisch oder atomistisch, das genie organisch oder dynamisch. 119. 1313) endlich genie im kriegswesen, gleichfalls von franz. ursprung und auf lat. ingenium zurückgehend. 13@aa) franz. heiszt génie auch das militärische ingenieurwesen, die ingenieurkunst, nicht von genius, wie das vorige, sondern von der spät und mittellat. form genium für ingenium (die sich aber auch mit genius mischte, s. 5, c); daher z. b. in einem voc. von 1417 michania (griech.) mit geniositas erklärt Dief. nov. gl. 253a, d. h. maschinenkunst. man nannte die maschine, das kunstvolle, gleichsam geistreiche, ingeniöse werkzeug, wie bei uns einfach kunst (s. d. 5, c ff.), so mlat. ingenium, daher noch ital. ingegno maschine, kunstvolles werkzeug, span. ingenio, franz. engin, engl. engine, daher auch franz. und bei uns ingenieur, seine kunst aber le génie, auch ital. genio, wahrscheinlich unter einwirkung von genius, wie umgekehrt altital. ingegno auch für genius gebraucht war (s. 5, c). 13@bb) daher geniecorps, auch genietruppen, genieregiment, geniecompagnie, geniereserve, genieofficier, geniewesen u. a., erst seit dem 18. jahrh.; franz. heiszt auch das corps einfach le génie, dazu école du génie, arme du génie u. ä., bei uns noch ins 18. jahrh. herein vielmehr ingenieurcorps, ingenieurschule, vergl. general-ingenieur und ingenieur im kriegswesen unter general 2, c, β.
248740 Zeichen · 3684 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Genīe

    Adelung (1793–1801) · +2 Parallelbelege

    Das Genīe , (sprich Schenīe, zweysylbig) des -s, (sprich Schenīes, dreysylbig) plur. die -s, (sprich Schenies, zweysylbi…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Genie

    Goethe-Wörterbuch

    Genie vereinzelt mask ( AADuW2,523 42 1 ,196,16 Carlyle,Schiller ) — Mit über 350 Belegen annähernd gleich stark belegt …

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Genie

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09) · +1 Parallelbeleg

    Genie (franz., spr. schenī, v. lat. genius ) bezeichnet (im abstrakten Sinne) den höchsten Grad allgemeiner oder speziel…

  4. modern
    Dialekt
    Genie

    Mecklenburgisches Wb. · +2 Parallelbelege

    Genie keit s. Sche-.

  5. Sprichwörter
    Genie

    Wander (Sprichwörter)

    Genie 1. Das Genie braucht keinen Adelsbrief. Clemens XIV. sagte: »Das Genie bedarf keines Adelsbriefs und die Tugend is…

  6. Spezial
    Genief

    Dt.-Russ. phil. Termini · +1 Parallelbeleg

    Genie , f гений , м

Verweisungsnetz

41 Knoten, 35 Kanten

Tap auf Knoten öffnet Detail · Drag zum Umpositionieren · Scroll zum Zoomen

1-Hop 2-Hop
Filter:
Anchor 1 Hub 1 Kompositum 29 Sackgasse 10

Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit genie

98 Bildungen · 96 Erstglied · 0 Zweitglied · 2 Ableitungen

Ableitung von genie

ge- + nie

genie leitet sich vom Lemma nie ab mit Präfix ge-.

genie‑ als Erstglied (30 von 96)

genieblitz

DWB

genie·blitz

genieblick , genieblitz , m. genialer geistesblitz oder blick: wenn philosophische weniger als schöne geister gern mit sentenzen, genieblick…

Geniedirektoren

Meyers

Geniedirektoren , in Österreich, Frankreich etc. soviel wie Ingenieuroffiziere vom Platz; Geniedirektion , die von ihnen geleitete Festungsb…

geniedrang

DWB

genie·drang

geniedrang , m. genialer geistesdrang: als Berlichingen, Werther etc. noch neu waren, nahm jeder junge mensch, der geniedrang fühlte oder vi…

geniefieber

DWB

genie·fieber

geniefieber , n. geniedrang als fieber: aber das leidige geniefieber, es ist schlimmer als das dreitägige! wenns einen ergriff, so bekam er …

Geniefurz

Wander

genie·furz

Geniefurz Das ist ein Geniefurz. Aus Schwaben ohne Beispiele der Anwendung; wol ohne Zweifel vom Volkswitz in der Periode des Geniewesens (h…

geniegeschrei

DWB

genie·geschrei

geniegeschrei , n. schreiendes gerede von genie: doch jedes ding hat seine zeit, so auch die genies und das geniegeschrei. das. 120.

geniemäszig

DWB

geniemäszig , genialisch: der modeton einer geniemäszigen freiheit im denken. Kant 2, 33 ( vgl. unter genie 12, d, γ ); als adv.: will nicht…

geniemann

DWB

genie·mann

geniemann , m. als spottname bei Kant, aus dem gebrauch der zeit: ein schlag von ihnen, geniemänner (besser genieaffen) genannt. anthrop. s.…

Geniemißbrauch

GWB

genie·missbrauch

Geniemißbrauch für den inflationären Gebrauch des Wortes ‘Genie’ im Zuge des aufkommenden Geniekultes in den 70er Jahren (zur Sache vgl Geni…

Geniepark

Meyers

genie·park

Geniepark , soviel wie Ingenieur-Belagerungspark, s. Belagerungspark .

genieperiode

DWB

genie·periode

genieperiode , f. : eine der lächerlichsten genieperioden war die bergmännische in Weimar, als die bergwerke in Ilmenau wieder gangbar gemac…

Genieprodukt

GWB

genie·produkt

Genieprodukt -ct idVbdg ‘rhapsodische G-e’ für die im kollektiven Gedächtnis des Volkes aufbewahrten, von Rhapsoden bereits phantasievoll an…

geniereich

GWB

genie·reich

geniereich über viel Geschicklichkeit, Begabung, Genie verfügend, auch ‘genie- und talentreich’ Vignola ist ein sehr angenehmer und g-er Bau…

geniereise

DWB

genie·reise

geniereise , f. : wenn einer zu fusze, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die welt lief, so hiesz diesz eine geniereise. Göthe 48, 149…

genieren

Pfeifer_etym

genie·ren

genieren Vb. ‘stören, belästigen’, meist reflexiv ‘sich unsicher fühlen, gehemmt sein, sich schämen’, Entlehnung (18. Jh.) aus gleichbed. fr…

geniert

GWB

geniert als Adj in verfestigter Bed: verlegen, eingeschüchtert Melusine | Schrecken Apprehension Wiedersehen Genirt 25 2 ,273,9 Wj Schema [ …

genies

FWB

1. ›das Genießen, der Genuss, die Freude, Ergötzung‹.; 2. ›Nutzung, Benutzung, Nutznießung, Vorteil, Gewinn, Nutzen‹.

genieschwindel

DWB

genie·schwindel

genieschwindel , m. schwindelndes, taumelndes gebaren der genies: freilich gukt ( beim maler Müller ) auch hier und dort ein wenig genieschw…

Geniese

Campe

Х Das Geniese , des — s , o. Mz. s. Ge — 2. 2).

genieseuche

DWB

genie·seuche

genieseuche , f. das geniewesen als krankheit, seuche, welche eine zeit ergriffen hat: vielleicht hätte die leidige genieseuche in Deutschla…

Geniesnase

GWB

genies·nase

* Geniesnase als äußeres Kennzeichen geniehaft-großen Wesens [ mBez auf die Geburt der Prinzessin Louise Auguste Amalie ] ein großes, schöne…

geniesprache

DWB

genie·sprache

geniesprache , f. sprache wie sie genies führen: schon ist es miszlich, die geniesprache in der philosophie des lebens gültig machen zu woll…

Ableitungen von genie (2 von 2)

ungenie

DWB

ungenie , n. : sonderung der geniuswerke darin ( in Göthes schriften ) von den misgeburten des ungenies C. Fr. Cramer (1797) schr. d. Götheg…

urgenie

DWB

urgenie , n. , urgenius, m., genie 9 (12) mit ur- C 4 c: das gröszte, schöpferischte ( so ) urgenie Lavater physiognom. fragm. 2, 194 ; Musä…