schlupfen,
schlüpfen,
verb. durch eine öffnung gleiten, sich leise und geschmeidig fortbewegen. intensiv zu schliefen
in gleichem sinne, vgl. das. ahd. sluphen, sluphan (
auch sluphên?
vgl. zeitschr. f. d. phil. 2, 170),
gewöhnlich in der zusammensetzung intsluphen,
prät. intslupta,
part. perf. insluftiu,
s. Graff 6, 806;
mhd. slupfen, slüpfen,
mitteld. sluppen,
s. Lexer
handwb. 2, 992;
labere .. schlupffen Dief.
gl. 313
c;
labi .. slupffen, hinschlupffen 314
a.
während das wort im ahd. mhd. und noch im ältern nhd. ziemlich selten ist, hat es sich in der neuern sprache sehr ausgebreitet und das alte stammwort schliefen
allmählich ganz verdrängt. Frisch 2, 202
c stellt einen unterschied der bedeutung auf: schlupfen, holl. slippen,
elabi ... kommt mit
labare, labi, elabi, überein, schlieset aber eine geschwindigkeit, list, und dergleichen, ein, und ist dadurch von schliefen unterschieden.
wie bei schleifen
und schliefen,
so gehen auch bei schlipfen
und schlüpfen
form und bedeutung oft in einander über, vgl. ersteres und Wachter 1437.
die ältere sprache bevorzugt die formen ohne umlaut, auch in der neuern schriftsprache kommt schlupfen
noch vor, namentlich bei Göthe
und Lessing,
s. die belege; doch ist heute schlüpfen
die herrschende form und schlupfen
nur noch in mundartlicher (
oberd.)
oder scherzhafter redeweise üblich. dialektisch besonders auf oberd. gebiet: schweiz. schlupfen Stalder 2, 333,
schwäb. schlüpfen Schmid 468,
bair.-österr. schlupffen Schm. 2, 532. Lexer 221,
tirolisch schlüpfen Schöpf 625, slüpfen,
schlüpfen, entwischen Zingerle 51
b,
md. (
wetterauisch)
dafür schluppe Weigand 2, 597,
vgl. unten. auszerhalb des hochd. kommt die ableitung nicht vor. das bei Schambach 196
a angeführte sluppen
dürfte aus dem hd. entlehnt sein, wenn es überhaupt hierher gehört, was bei der verbindung de schau sluppet,
wenn sie zu weit sind, entschieden zu bezweifeln ist (
vgl.schlappen). 11)
durch eine öffnung gleiten, besonders um sich zu verstecken, vgl. Adelung: schlupfen,
occultare, se cacher, sich heimlich verkriechen. Schottel 1402; schlupfen, geschlupfet,
et schlüpfen,
latere, occultare, occulere se, serpere, et trahi in latibula, ex occulto prolabi, abdere se, suspenso gradu ire Stieler 1810; ich schlüpfe,
occulto elabor, tacite abeo Steinbach 2, 455; schlupfen, geschwind in ein loch kriechen, als eine maus,
in antrum se recipere subito, oder als eine schlange,
repere in latibulum suum, in foramine se occultare Frisch 2, 202
c. 1@aa) in etwas schlüpfen: eine maus schlüpft in ihr loch. Adelung; die schlangen schlupfen in die erde. Lessing 6, 405; ich kann nicht begreifen, wo der von Weisling hingekommen ist. es ist als wenn er in die erd geschlupft wäre. Göthe 42, 3; warum schlüpfet der küfer in die fässer? Hebel 2, 137; so schlupfe sie derweile in den kasten hinein! Raimund 1, 350 (
bauer als mill. 1, 10
var.).
ähnlich (zu etwas) hineinschlupfen: diese (
füchslein) .. meinen, das horn (
des argali, eines wilden schafes) sei wegen ihnen da, schlupfen hinein und wohnen darin. Hebel 2, 113; diesen augenblick benutzte der lauerer, um in das haus zu schlüpfen. Immermann 4, 15
Hempel; (
sie) schlüpfeten, wenn dies vollbracht, zum ruhekabinette. Hölty 28
Halm; komm, komm! wir schlupfen da hinein. Göthe 12, 211; aber da (
in die höhle) schlupft er hinein. 40, 176. 1@bb)
ähnlich in kleider schlüpfen,
sie schnell anziehen; so besonders oberdeutsch in den rock, die strümpfe, die handschuhe schlupfen. Adelung; sie führte ihn in die garderobe des grafen, liesz ihn seinen rock ausziehen, und in den seidnen schlafrock des grafen hinein schlüpfen. Göthe 18, 305; da nahm ich Hansens kürasz und schnallt ihn an .. schlupft in seine armschienen und handschuh. 42, 10;
ähnlich übertragen: seine (
Franz Moors) untreue seele schlüpft geschmeidig in alle masken, und schmiegt sich in alle formen. Schiller 2, 364. 1@cc) aus etwas schlüpfen: kaum schlupft er des tags einmal aus seinem engen gäsgen. H. L. Wagner
frohe frau 5; der Michel und der Dusle bleiben bei der pforte, dasz nicht etwa ein anderer hinaus schlupfet. Göthe 14, 226; wo der gnom aus seinem stollen schlüpfet. Immermann 12, 107
Hempel; so schlüpft die keusche oreade dem satyr aus der hand, der sie im bad erschlich. Wieland 9, 14;
bildlich etwas schlüpft einem aus den händen,
entgeht einem, man bekommt etwas nicht, was man schon sicher zu haben glaubte: ich musz meine vorsicht verdoppeln, dasz mein sieg mir nicht aus den händen schlüpfe. Brawe
bei Adelung;
besonders aus den kleidern schlüpfen,
sie schnell ausziehen; aus der haut schlüpfen,
bildlich: hast dennoch vor forcht wöllen ausz der haut schlupffen.
buch d. liebe 204
a. der vogel schlüpft aus dem ei: aus der welt bin ich geschlüpft, wie der vogel aus dem ei. Rückert (1882) 5, 233. 1@dd) durch etwas schlüpfen: durch alle winckel schlupfen,
omnes angulos perreptare Wachter 1437; durch einen zaun schlüpfen Adelung; wie die sanften abendwinde durch die weiden schlüpfen. Geszner
s. ebenda; wenn diu (
wasser-) slang daʒ tier siht slâfen mit offem mund ... daʒ dâ haiʒt cocodrillus, ... sô welzt si sich in ainem glaten laim, daʒ si dester paʒ durch des selben tiers maul geslupfen müg. Megenberg 273, 7; nachdem schlupfte er durch einen metallenen fingerring hindurch. Hebel 3, 142; durch diesen ausgang schlüpfte die gräfin. Oppermann
hundert jahre 5, 125; stille, was schlüpft durch die hecken raschelnd mit eilendem lauf? Schiller 11, 208; keinen drängend, von keinem gedrängt, mit besonnener eile, schlüpft ein liebliches paar dort durch des tanzes gewühl. 40;
bildlich: allein es wird gar bald, wenn wirs nur leicht betüpfen, nach hirngespenster art, uns durch die finger schlüpfen. Wieland
suppl. 1, 166 (
natur der dinge 3, 438); wohl dem menschen, dem das blut in den adern hüpfet; der mit immerfrohem muth durch das leben schlüpfet. Gotter 1, 109.
für durch die thür schlüpfen
auch zur thür hinein schlüpfen
u. ähnl.: und als die schneider nach hause kam'n, da können sie nicht hinein; da schlupften ihrer neunzig ... zum schlüsselloch hinein.
wunderh. 2, 235
Boxberger. 1@ee)
mit andern präpositionen: schlupf unter die deck!
wunderh. 2, 583
Boxberger; der bündel schlüpft, so sanft wie flaum, dem burschen zwischen seine beine. Wieland 18, 136; wir wandten uns aber von dem lande wieder zum wasser und schlupften behende zwischen die binsen. Göthe 40, 193;
vgl. auch: unterschleif bedeutet seiner ableitung nach etwas, das mit unter schleift, mit unter schlupft. Lessing 8, 281. 22)
in andern verbindungen ist die spezielle bedeutung des gleitens durch eine öffnung ganz aufgegeben und bedeutet schlüpfen
überhaupt gleiten, schleichen, kriechen, fallen u. s. w.: man erblickt keinen vogel, kein thier, als das eilend nach einem schutzorte schlüpft. Göthe 8, 252; eine amme .. schläft ein und läszt das ihr anvertraute kind .. von ihrem schosze unter die füsze der mitreisenden schlüpfen. 46, 190; hinter dem weiten kranze (
von mädchen) ragte manch weibliches haupt in reifer schönheit, um .. bei guter gelegenheit selbst noch ein biszchen jugendlicher über den rasen zu schlüpfen (
beim tanze) als in sonstigen tagen erlaubt war. Keller 1, 138; ich sah manch thier in dem revier von hohl (
loch) zu hohl gar schlüpfen wohl.
wunderhorn 1, 253
Boxberger; die knaben schlüpfen scherzend um ihn her. Göthe 9, 57;
mhd. auch reflexiv: und welcher sich chan zue sluppen mit üppiger, snöder ribaldrei. Vintler
bluemen der tugent 9069. abschlüpfen: frau von G .., .. führte ihre tochter .. wieder in ihre alten zimmer ein .. und schlüpfte ab. H. v. Kleist 4, 123
Hempel. 33)
in einigen fällen ist schlüpfen
geradezu an stelle des ausgestorbenen schlipfen
getreten, indem es bedeutet '
über eine fläche hingleiten'. 3@aa)
auf dem eise gleiten, glitschen, vgl. Schöpf 625.
so bei Klopstock
vom schlittschuhlaufen: ich erfinde noch dem schlüpfenden stahl seinen tanz! 1, 187; viel sind der schweber um den leichten stuhl (
schlitten), der auf stahlen wie von selber schlüpft. 233. 3@bb)
überhaupt ausgleiten: schlupfen, schlupferen,
labi. glisser, glitzschen, klitzschen, gleiten, anfangen zufallen. Schottel 1402;
glitschen, ausrutschen Lexer 221; dein füsz stand zu slüpffen.
quelle bei Schmid 468; wann ein kind sicht, das yemand gleitet, schlupffet ... vermeidet es und gehet einen andern weg beneben dem gefarlichen ort hin. Kirchhof
wendunmuth 1, 328
Österley (1, 284); mitten in dem see stund ein frewlin zart on kleidung plos auff einer runden kugel, die sich stettig dreet umwartz, das dem frewlin sein fues offt gunden schlupffen.
meisterl. fol. 23,
nr. 245. 3@cc)
ähnlich bildlich: 'unsere sprache habe wegen der überhäuften consonanten etwas barbarisches an sich' — so reden unsere weiche nachbarn (
die Franzosen), und dünken sich mit ihrer schlüpfenden mundart grosz, die wegen der öftern elisionen, ... wegen der überall gleitenden fortschiebung der töne — keinen gewissen tritt hat. Herder 2, 31
Suphan. 44)
vereinzelt findet sich bei schlüpfen
causative verwendung: und weil eben die hochzeitnacht seines sohnes einbrach ... schlüpfte er (
der könig des geisterreichs der abendröte) sie (
die sängerin Nika) auf seinem letzten strale hinweg. Herder 26, 441
Suphan. hierher gehört wol auch die glosse: sorbere ... hinein srflen
vel schlupfen
vel schlurfen Dief.
gl. 543
a,
wenn nicht ein schreibfehler vorliegt (
für schlurpfen).
doch kann man auch ein ganz verschiedenes verb. annehmen, vgl. schlappen,
schliffen,
schluppern, schlürfen.