verzerren,
vb. ,
zerreiszen, verunstalten, entstellen, zu zerren,
teil 15,
sp. 744.
mhd. verzerren '
zerreiszen'.
formal und auch bedeutungsmäszig von verzehren (
s. d.)
nicht immer scharf zu trennen. —
nd. vertarren '
in unordnung bringen' (Mensing 5, 439)
und obd. verzarr'n
zeigen geöffneten, schweiz. ferzére '
verzerren, zerreissen' (Hunziker
Aargau 85)
gedehnten stammvokal. verzerren
ist zunächst '
zerreiszen', '
in stücke reiszen'
und lebt in dieser bedeutung, wenn auch nur vereinzelt, bis zum ende des 17.
jhs. die heutige bedeutung '
entstellen, verunstalten'
erfährt ihre ausbildung erst im 18
jh., taucht aber sporadisch auch schon früher auf (
s.B). —
auffallend häufig findet sich das wort in der dichtung des sturm und drang (
vor allem bei M. Klinger)
und in der romantik, dagegen fast gar nicht im barockzeitalter. AA.
durch zerren einreiszen, zerreiszen, zerstückeln. diese bedeutung begegnet ahd. bereits beim starken verbum (
s. ob. verzehren,
sp. 2458).
lexikalisch ist sie frühnhd. bezeugt: diuellere v'teren (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 188
a;
dann erst wieder gegen ende des 17.
jhs.: verzerren
divellere, ... alias zerzerren,
dilacerare Stieler
stammb. (1691) 2316.
über diesen zeitpunkt hinaus ist sie nur noch mundartlich nachweisbar: gæbe ich dir min alt gewant, daz ist zebrochen sêre ... du solt gewinnen (
beschaffen) lâzen gewant reht in der mâzen verzart und ouch verbrochen, als ich hân gesprochen diu den mînen sîn gelîch
Laubacher Barlaam 8321
Perdisch; dinen licham laze ich geben den vogeln und den hunden, die dich in kurzen stunden vervuren (
zerreiszen) und verzerren
passional 684, 79
Köpke, und möcht sich nit erweren, wir (
teufel) tæten in ze purver verzerren
d. teufels netz v. 13 080
Barack; schon im 16.
jh. äuszerst selten: er sagt, lieb Christoff, zeuch doch sehr, doch mir den chorrock nicht verzerr Frischlin
dt. dicht. 191
lit. ver.; das der ware leib Christi ... sichtbarlich vnd greifflich gegessen vnd mit zAenen verzert und zermalt werde Fischart
binenkorb (1581) 84
b; er aber verkrempelts (
das buch), verwüstet und verzerret dasselbe in stücken Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 374.
vermutlich hierher auch: swenne si (
die unkeusche nonne) diu kleider hât verzert, der knappe drâte von ir vert Hugo v. Trimberg
d. renner 12 809
Ehrism.; pfäch (
achte) dein, Gredlein, spynn, ker, dich ner, nicht verzer deinen rock Oswald v. Wolkenstein 46, 29
Schatz. —
heute nur noch im alem.: ufe g'stigen und d' red verchêrt, abeg'heit (
heruntergefallen) und d' hose verzêrt
Schweizer volkslieder 211
Tobler. ebenso: verzerren
zerreiszen Martin-Lienhart
elsäss. 2, 913
b;
und in der redensart: er wird ke starche strik verzere
er wird sich nicht sehr anstrengen Hunziker
Aargau 85. BB.
die heutige bedeutung '
verziehen, entstellen, verunstalten',
die auf die veränderung der form des objektes, nicht auf seinen bestand zielt, taucht lexikalisch erst spät auf: verzerren
detorquere, alias zerzerren Stieler
stammb. (1691) 2316;
dann erst wieder: verzerren
distorquere, verzerret
distortus Hederich
dt.-lat. (1777) 2, 3314; verzerren
durch zerren verunstalten, entstellen Adelung 4 (1780) 1576.
sie fehlt bei Kramer,
der verzerren
zwar kennt, aber nur in der bedeutung '
verschleppen'
anführt: die katzen, mäuse
etc. verzerren oft etwas in der nacht; die katz hat das fleisch weisz nicht wohin verzerrt
teutsch-ital. 2 (1702) 1445
b.
diese bedeutung, die vielleicht schon in frühnhd. (15
jh.)
spargere zettelen
vel ver-, zerzern
vorliegt (
s. Diefenbach
gloss. 544
c),
lebt heute noch in der Wiener mundart, s. Jakob
Wien 210
a;
vgl. dazu noch: zerreiszen, ... verzAerren und umschleiffen (
vom löwen, der die herde überfällt) Hohberg
habspurg. Ottobert (1664) P 6
a. B@11)
die bedeutung '
verunstalten, deformieren'
wird nur da recht sichtbar, wo sich mit dem betroffenen objekt die vorstellung einer äuszeren oder inneren form notwendig verbindet. erst um 1700 (
s. 2)
legt sich das wort auf begriffe dieser art fest. die wenigen belege vor 1700,
die die seltenheit der bildung verzerren —
ganz im unterschiede zu zerzerren —
in mhd. und frühnhd. zeit zeigen, stehen der allgemeineren bedeutung '
durcheinander-, in unordnung, in verwirrung bringen'
näher. nicht zufällig begegnet verzerren
zufrühest im kreise der gottesfreunde, hier auf die seelische ordnung zielend: aber er (
der ritter) solte sin hertze und sine sinneliche vernunft nut alse gar verzerren unde uffe frúnt und uffe weltliche ere legen Nicolaus v. Basel
leben u. ausgew. schr. 254
Schmidt. durch die umgebenden adjektiva verdeutlicht: (
Jesus) hiet (
wenn er nicht göttlicher abkunft wäre) auch an jme alle vbel vnnd vngefell, die aus aigener lieb vnd hochfart eruolgen, nemlich wær er der vnwarhaftigist, vngerechtist vnder allem geschOepf, auch verplendt, vnreig, hAessig, verzert vnd vngeordent Berthold v. Chiemsee
theologey 70
R. dagegen schon im sinne '
verunstalten': derowegen gar keine gefahr zubesorgen, dasz es (
d. gebärmutterzäpfchen) sol die frucht in mutter leib unterdruchen, verderben oder verzerren Sebiz
de partu Caesario (1583) 148
a;
im wortspiel: abscheulich ist es, wan naszweise kerls ... das jenige in eine sprach einführen wollen, welches diselbe nicht nur nicht zieret, sondern verzerret, verirret, verwirret Moscherosch
gesichte (1650) 597.
in späterer zeit finden sich nur gelegentlich noch verwendungen im sinne '
verwirren, durcheinanderbringen': ja, er glaubte nicht, dass bey ordentlichen geburten, nur ein einziger faden des netzwerkes (
des gehirns, des verstandes) zerrissen oder verzerret würde Bode
Tristram Schandi (1776) 2, 185; wie sein (
des wütigen, wahnsinnigen) verzerrtes haar sich auf dem haupte sträubt Pfeffel
poet. versuche (1816) 1, 106. B@22)
sie steht zunächst von der menschlichen erscheinung, vor allem vom gesicht und den gesichtszügen im sinne von '
entstellen, verziehen, verrenken'
; vgl. verzerret, ... gesicht und gebärden
distortus vultus gestusqve Hederich
dt.-lat. (1777) 2, 3314; den mund, das gesicht, die geberden, die gliedmaszen verzerren Adelung
versuch 4 (1780) 1576. B@2@aa)
sehr häufig, meist auf grund seelischer affekte, als mimischer vorgang: man spührt (
in der stadt) kein winselndes gedränge, das seine noht den gassen schreit und mit verzerrtem angesichte der säumenden erbarmung winkt Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 6, 12; dasz du es wenigstens nicht kannst, das spricht schon dieser hönsche ton, schon diese mine, die auch den schönsten mund verzerren würde Lessing 3, 396
L.-M.; der aff erschrack, verzerrte das gesicht Gellert
s. schr. (1839) 1, 262; ich hab's mit augen gesehen, wie die von weltlust und wilder leidenschaft verzerrtesten physiognomieen ... sich plötzlich in die falten des ernstes legten Schubart
s. ged. (1825) 1.
vorber., iv; wir drängten und schossen und hieben, dasz sie die mäuler verzerrten und ihre linien zuckten Göthe I 8, 177
W.; dann kamen (
bei dem sänger) die gebärden, das verziehen des gesichts und das verzerren des körpers
ebda 45, 118
W.; schmerz verzerret ihr (
der gequälten im Tartarus) gesicht — verzweiflung sperret ihren rachen fluchend auf Schiller 1, 284
G.; endlich trat eine menschengestalt ... hervor, aber sie wahr (!) sehr bleich und sehr verzerrt von wildestem zorn Fouqué
zauberring (1812) 1, 114; und ekelhafte fledermäuse wie mit verzerrten lachenden menschengesichtern schwangen sich hin und her E. T. A. Hoffmann
s. w. 1, 206
Gr.; Klimene liesz über ihr von miszgunst verzerrtes antlitz einen lebhaften wechsel gelblichgrüner schlagschatten streifen Holtei
erz. schr. (1861) 35, 202; unschön sind dabei nur die selten den tänzen fehlenden unanständigkeiten und die gewohnheit, den mund in der häszlichsten weise zu verzerren Ratzel
völkerkunde (1885) 2, 133; bei kränkungen gebärdet er (
der schimpanse) sich wie ein verzweifelter ..., verzerrt sein gesicht Brehm
tierl. (1890) 1, 86
P.-L.; mit seinen breitspurigen augen blickte er erwartungsvoll auf ihre verzerrten lippen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 119; der grimm verzerrte grotesk sein kleines, listiges gesicht Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 143.
fast pleonastisch: zwei mannspersonen tanzten ... und sangen oder sprachen alsdann auch, mit sonderlich verzerrten grimassen einige worte her J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 282; (
von gefangenen:) o welche falsche, schändliche, von leidenschaft verzerrte fratzen! Grabbe
w. 2, 488
Blumenthal. —
vgl. auch in 1zerren 2 b '
das gesicht verziehen, ein gesicht schneiden'
bei maler Müller
w. (1811) 2, 168
und Göthe I 37, 16
W. und im gegensatz dazu die verbindung das maul, den mund zerren,
d. i. aufsperren, s. 1zerren 2 b,
teil 15,
sp. 746.
mundartlich: 's mul verzerren
den mund verzerren Martin-Lienhart
elsäss. 2, 913
b. —
von der menschlichen stirne: und mit grämlichen mienen wird die bitterkeit dem, der ihn (
den salzig-bitteren, unfruchtbaren boden) kostet, die stirne verzerren K. G. Bock
Virgils lehrgedicht vom landbau (1790) 64.
häufig wird in fast formelhafter wendung von den (
gesichts-)
zügen, nicht vom gesicht selbst gesprochen: sie müssen sich vor solchen unanständigen heftigkeiten hüten, die ihnen alle lineamente in unordnung bringen und ihnen wirklich ihre ganzen gesichtszüge verzerren Rabener
s. schr. (1777) 4, 203; auch gesichtszüge, welche die leidenschaft lange verzerrt hatte, werden von der hand des todes geebnet Herder 15, 431
S.; seine gesichtslineamente waren vor gram schrecklich verzerrt Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 219; er (
der eigensinn) macht ungesundes blut, eine abscheuliche farbe und verzerrt die züge Deinhardstein
ges. dram. w. (1848) 2, 88; die züge waren regungslos, bis die leidenschaft sie bewegte. dann verzerrten sie sich bis zur wildheit Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 50; als ich vom bureau nach hause kam und mein kind sah, in hohem fieber liegend und mit von angst und schmerzen verzerrten zügen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 320; seine männlichen züge waren verzerrt Feuchtwanger
Simone (1950) 141.
vielleicht noch von der vorstellung des verzerrten gesichtes her zu verstehen: sie (
die mutter) schlug es (
das kind) auch, aber hals über kopf und verzerrt von rachsucht H. Mann
d. untertan (1950) 9;
in gehobener sprache tritt das adjekt. verzerrt
auch unmittelbar neben den mimischen ausdruck: ein toll verzerrtes lächeln steigerte den ausdruck bitterer ironie bis zum possierlichen E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 54
Gr.; Unrat drehte sich unter der tür noch einmal um, sein lächeln war verzerrt vor angst vor dem verfolger H. Mann
d. blaue engel (1950) 29; erst sitzt er (
der misanthrop) eine weile die stirn von wolken frei; auf einmal kömmt in eile sein ganz gesicht der eule verzerrtem ernste bei Göthe I 4, 159
W.; er ... verwandelte ... seine grinsende freundlichkeit in eben so verzerrten ernst Tieck
schr. (1828) 17, 14; mit gesträubten federn, den schnabel gräszlich aufgerissen, flatterte sie (
die mutterente, deren junge von dem hunde bedroht wurden) in wiederholten angriffen gegen Bauschans gesicht ..., wobei sie zischte, und wirklich erzielte sie durch den anblick ihrer verzerrten unbedingtheit ein verblüfftes zurückweichen des feindes Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 266. B@2@bb)
die verzerrung kann auch von auszen durch eine physische anstrengung hervorgerufen sein: dabei hat sie den sehr widerlichen fehler, beim singen das gesicht, oft auf burleske weise, zu verzerren Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 2, 1, 463; ein rotes gesicht, verzerrt von der anstrengung O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 2, 220; wir waren darin übereingekommen, dass es nichts prosaischeres gebe, als den anblick der ... verzerrten physiognomien der bläser R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 137.
vereinzelt: wäre ich Ulysses, er sollte seinen rücken unter meinem scepter verzerren Göthe I 37, 133
W. B@2@cc)
vom physiognomischen ausdruck sich immer weiter entfernend, fast schon eine natürliche entstellung ausdrückend, somit der verwendung 2
sehr nahe stehend: wenn mich ein antlitz schreckte, vom elend ganz verzerrt A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 3, 54; und ein greis und ein jüngling im todeskampf verzerrend verwandte, ähnliche züge Grillparzer
s. w. 1, 159
Sauer; er haftet starr am entsetzlichen bild, ... vom todeskrampf verzerrtem gesicht Gaudy
s. w. (1844) 4, 60. er ... sah mit wilder freude in die verzerrten züge des todten H. Schmidt
ges. schr. 8 (1861) 332.
in der mundart: mit ein'n verzarrten g'friss (
häszliches gesicht), ls wnn er'n krmpf in g'sicht hätt' Mareta
österr. volksspr. 1, 64
a; der krampf had ihr 's ganzi g'sicht verzarrt Hügel Wien 182
a. B@33)
von der naturhaften entstellung, unförmigkeit als zustand: die mönche ... mit den ... verschrobenen und verzerrten gesichtsbildungen Nicolai
reise (1783) 5, 29; der andere theil (
eines brautpaares) war buklicht, von verzerrtem gesicht und ohne allen geist Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 1, 16; da alle Ägypter verzerrte und afrikanische gesichter hatten, so ahmten die künstler ... die natur so nach, wie sie sich ihnen darstellte Winckelmann
s. w. (1825) 9, 317; solch einen weiten strich (
ausdehnung) hat die zum theil verzerrte, überall aber mehr oder minder unbärtige östliche (
gesichts -)bildung Herder 13, 220
S. auch hier wiederum fast pleonastisch: eine häszlich verzerrte altweiberfratze H. Heine
s. w. 13, 128
bei Sanders 3, 1731; hier (
beim Medusenhaupt aus glasmasse) ist an keine verzerrte fratze mehr zu denken Böttiger
kl. schr. (1837) 1, 266; hörtest du kein teuflisches lachen? sahst keine verzerrten fratzen und larven? Bauernfeld
ges. schr. (1871) 3, 283;
auch: wenn alle ... verzerrte augen (
der armen leute) sie anschielend ... rufen werden ach und weh über ihre erschaffer maler Müller
w. (1811) 2, 24. —
hierher: die natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein modell. sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt lücken Nietzsche
w. I 8, 122; riesenhafte felsenblöcke, miszgestaltet und verzerrt, schaun mich an gleich ungetümen H. Heine
s. w. 2, 385
Elster. von imaginären bildern in traum und phantasie: und ein leises wehen und rauschen hub sich aus den tief unterirdischen burggewölben auf, ... dasz mancher meinte, auch äusserlich neben sich ein verzerrtes grabesbild zu erblicken Fouqué
zauberring (1812) 3, 161; was spielst du (
in gedanken) so mit wüsten heidenschemen, verzerrt durch graun der düstern nachtgebärde? Arndt
w. 4, 264
R.-M.; denn unheimlich verzerrte gestalten ... umdrängten ihn (
in seiner einbildung) Fontane
ges. w. (1905) I 6, 316; sie folgte ihm (
im fiebertraum) hierhin und dorthin, wie sein schwankendes bild bald häszlich verzerrt, bald in männlicher schöne sie führte W. Raabe
s. w. I 4, 93;
mehr abstrahierend: alle die ... bildungen, die sich ... in seinem malerischen sinn bewegt hatten, ... fuhren jetzt, mit verzerrten zügen, durch seine seele Wackenroder
herzenserg. (1914) 29; er sah sich gefangen, betrogen, irgendwie verrathen. die verzerrtesten möglichkeiten tanzten vor seiner im nu entzündeten phantasie Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 6, 217; in zusammenhanglosen, verzerrten bildern drangen die erinnerungen aus jener zeit auf mich ein Anzengruber
ges. w. (1890) 1, 75. B@44)
disproportionierte oder entstellende wiedergabe von bildlichen oder sprachlichen darstellungen. B@4@aa)
gewollte oder ungewollte entstellung durch menschenhand. B@4@a@aα)
von vorgegebenen formen, die in ihrer bildlichen wiedergabe verunstaltet sind: er besasz wirklich eine grosse menge von plumpen und verzerrten gesichtern, sehr stumpf in allerhand steine geschnitten Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 2, 215; (
der junge künstler) verzerrt ein griechisches bildsäulengesicht in hundert andere zu seinen figuren Gleim
briefw. 1, 321
Körte; diese acht umrisse (
abbildungen) sind unvollkommene nachrisse von sogenannten propheten, aposteln, heiligen
etc., zu denen sich unten ein schwacher und ein verzerrter (
gezeichneter) kopf gesellt Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 124; man kann hier die bemerkung machen, ... dasz masken, die mädchen oder jünglinge vorstellten, nicht das verzerrte, widernatürliche aussehen hatten, welches man bei masken der greise ... findet Winckelmann
s. w. (1825) 9, 468; diese ungeschickt aufgestochnen, copirten und in so manchem sinne verzerrten und zerfetzten blätter (
kupferstiche) haben gerade meine kritische fähigkeit aufgeregt Göthe IV 21, 65
W.; die ausgestopften vierfüszigen tiere sind meistenteils sehr miszgestaltet; ... die vögel sind weniger verzerrt J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 24; wenn auch stark verzerrt sind neben ihnen (
den Pharaonen) die neger des Sudan in den wandgemälden so deutlich wieder gegeben Peschel
völkerkunde (1874) 13; die verzerrten gesichter, welche Michelangelo in zierrathen anbrachte nach art der grottesken Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 43; in ihrer mehrzahl erscheinen sie (
die frühmittelalterlichen figuren) uns verzerrt, disproportioniert, grotesk und karrikaturenhaft Dvorak
kunstgesch. als geistesgesch. (1928) 99; aber Klaus Schart war noch nicht bei maskenmachern zu besuch gewesen. von den wänden, von tisch und stuhl und fuszboden ... grinsten ihn zahllose bunte larven an: lustige, böse, grausige, wüste, verzerrte Kluge
Kortüm (1938) 15.
die entstellung geht bis zur unkenntlichkeit: (
die bilderschrift) nähert sich dieser (
der zeichenschrift) auch dann ..., wenn die bildliche gestalt so verzerrt ... wird, dass nicht mehr das auge den bezeichneten gegenstand dargestellt erkennt, sondern gedächtniss und verstand ihn aufzusuchen genötigt sind W. v. Humboldt
ges. schr. 2, 39
akad. von einer ganzen kunstrichtung (
vgl. ähnl. unter verzerrung 2 a): die ... figuren von gottheiten ... sind (
bei den Etruskern) vorzugsweise in jenem verzerrten styl gebildet Ed. Gerhard
akad. abhandl. (1866) 1, 104.
als substantiviertes part. praet.: ein gemählde im geschmacke des Calot, das heiszt, im geschmacke des verzerreten
allg. deutsche bibl. (1765) 1, 2, 103; Piranesi schwelgte im häszlichen und verzerrten Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 364.
metaphorisch: das filosofische ... christenthum hatte ... das anziehende gemählde des religiösen lebens ... verzerrt Brinckmann
filos. ansichten (1806) 104; was sie (
die verstoszene stieftochter) seyn wird — ist ein unähnliches verzerrtes gemälde, an dem ich keinen theil mehr haben will Iffland
theatr. w. (1827) 7, 165; der mensch ist von geburt aus gottes bild, er selbst verzerrt es durch grimasse Görres
ges. schr. (1854) 1, 187. '
miszgestaltet, entstellt',
im hinblick auf eine, meist schon bekannte, person oder sache: weil ich seinesgleichen bin ... und sogar in dem verzerrten ebenbilde (
eines untergebenen) meine züge wiederfinde
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 12; sein dreizehnjähriger bruder ... wirkte wie sein leicht ins karikaturistische verzerrtes ebenbild
qu. v. j. 1938.
häufig steht verzerren
im zusammenhang mit der darstellungsform der karikatur, vgl. zerrbild,
teil 15,
sp. 734; verzerrtes gemälde,
richtiger: überladenes gemälde
statt karikatur. caricare
heiszt it. überladen Moritz
gramm. wb. (1797) 4, 288;
zerrbild ...
ein absichtlich verzerrtes bild von etwas, um sich darüber lustig zu machen, zu spotten Campe
wb. 5, 847
a: ich läugne nicht, dasz ich mir manchmal in gedanken damit einen spasz mache, diese gespenster (
karikaturen) aufrufe und sie noch schlimmer verzerre Göthe I 18, 283
W.; das bildchen ist darin gut, dass es kein verzerrtes zerrbild ist, und Iflands katzenbuckel nur so ganz leise da oben sich erhöhet (1801) Caroline 2, 146
Waitz. auch übertragen: sollte man nicht glauben, sie (
diese phraseologie) wäre aus tragischen harlekinaden, politischen grotesken, verzerrten carricaturen zusammengehangen? Gerstenberg
recensionen 119
lit.-denkm. B@4@a@bβ)
von der entstellenden wiedergabe in sprachlicher darstellung: er gedenkt eine satyre zu schreiben, und gewissen bestimmten individuen, deren bild sich allenfalls verzerren läszt, in der öffentlichen meinung zu schaden Göthe I 45, 191
W.; Well, der zwei Kades (
ort in der wüste) annimmt, verzerrt die lage des landes über die maszen
ebda 7, 177; es musz uns nichts schrecklicheres sein, als in der gesellschaft einen menschen zu wissen, der aufmerkt, nachschreibt und, wie jetzt gleich alles gedruckt wird, eine zerstückelte und verzerrte unterhaltung ins publicum bringt
ebda 18, 312; die lüge bleibt immer; sie ist nur abermals zurückgeworfen und zurückgeworfen auf die sache selbst, und wir bekommen (
i. d. darstellung der geschichte) stets ein unwahres, ein verzerrtes, ein schiefes und falsches bild von der früheren welt
ders., gespräche 2, 90
Biederm.; die erste pflicht ist, die thatsachen nicht, der eigenen ansicht zu gefallen, zu verzerren Rehberg
pol.-hist. kl. schr. (1829) 117; es ist ein eitler wahn, dasz aus lebensnachrichten, die ... in allen zügen verzerrt sind, sich ... ein natürliches ... lebensbild herstellen lasse Strausz
ges. schr. (1876) 6, 50; die carricatur (
i. d. dichtung d. 16.
jhs.) verzerrte sich noch, das besondere erhielt immer allgemeineren charakter, der äuszere stoff verlor allmählig die neuheit, und man lernte nun von selbst auf den geist in dem stoffe achten Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 3, 152; er hatte (
in seinem bericht) übertrieben, hatte alles verzerrt Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 111; die ganze gefühlsverlogenheit des nazismus, die ganze todsünde des bewuszten umlügens und des bewuszten verzerrens im schutz der sentimentalen vernebelung: all das drängt sich in meiner erinnerung in diesem saal zusammen
V. Klemperer
l. t. i. (1949) 235.
hierher wohl auch: dies (
die vorhergehenden schilderungen) sind kleine verzerrte proben von dem, was eine reine menschliche seele ... vermöge Herder 8, 183
S. '
entstellend deuten, auslegen, kritisch beleuchten': und du hast zu befahren, dasz jedes wort nicht blosz auf der goldwaage geprüft wird, sondern auch nach zwei seiten verzerrt wird (1889) Mommsen-Wilamowitz
briefw. 358; nur ein ausdruck kann, so berechtigt er ist und im zusammenhang unzweideutig, verzerrt werden
ebda. B@4@bb)
von der entstellung als natürlichem vorgang (
lichtbrechung, gesetzmäszige sinnestäuschung u. ä. B@4@b@aα)
im eigentlichen sinne: was dazwischen (
zwischen 2
oppositionen v. himmelskörpern) vorzugehen scheint, ist ein durch die bewegung der erde verzerrtes bild Schubert
verm. schr. (1823) 1, 93; treten aber luftschichten verschiedener dichte zwischen das auge und den gegenstand, so werden die ... strahlen ... abgelenkt, der gegenstand erscheint in verzerrten formen Muspratt
chemie 5 (1896) 887.
häufig vom spiegelbild: hohlspiegel verzerren die figuren Adelung 4 (1780) 1576; oder dasz gar er mir sei von den tückischen einer, der spiegel, welche die gradesten züge zu widriger schiefe verzerren Rückert
ges. poet. w. (1867) 2, 125; es ist ein verkleinernder hohlspiegel, der die hereinfallenden gegenstände in etwas verzerrter schärfe wiedergiebt Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 65; hängt ein groszer spiegel ... und wirft dem hineinschauenden ein etwas geisterhaftes, verzerrtes abbild seines verehrlichen ichs entgegen W. Raabe
s. w. II 2, 45; abends ... ging er mit dem bauern plaudernd den schmalen feldweg am bach entlang, in dem sich das knorrige geäst der weiden verzerrt spiegelte
daheim v. 14. 6. 1934, 14
a. B@4@b@bβ)
in bildlicher verwendung: seine (
des geschichtschreibers) seele (
gleiche) einem spiegel ..., damit er alle begebenheiten, so wie er sie empfängt, ... wieder vorzeige, nichts aber verzerret oder verfärbet
br., d. neueste litt. betr. 20 (1764) 40; ja, man kann sagen, diese art köpfe wirken wie unebene spiegel, in denen alles sich verrenkt, verzerrt Schopenhauer
w. 1, 24
Gr.; in der menschengattung ist das individuum ... nur ein ... katoptrisch verzerrtes bild J. G. Forster
s. schr. (1843) 5, 176; allein ich musz ... gestehen, dasz alles verrückte wesen und treiben ... mir ein gräuel ist, als ein verzerrender hohlspiegel des geistes Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 310; sein (
Göthes) freund Lenz, der in jenen jahren ein verzerrtes spiegelbild der Götheschen excentricitäten war, (
hatte) ein anderes drama (
geschrieben) (1890) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 429; solcherart (
wie in Schillers '
geisterseher') verzerrt, opernhaft zugestutzt, spiegelte sich damals die furchtbare geheime justiz der lagunenstadt in der phantasie des gebildeten Deutschland wieder J. Schlosser
präludien (1927) 119. B@4@b@gγ)
vergleichbar sind jene fälle, in denen durch eine verzerrung der äuszeren oder inneren wahrnehmung ein entstelltes bild der wirklichkeit vermittelt wird. z. t. in unmittelbarer anlehnung an die voraufgehenden belege: nur dem üblen willen vervielfältigt sich durch sein geschliffenes glas auch das einfachste zu einem gedränge verzerrter gestalten Schleiermacher
s. w. (1834) I 5, 129; sehr oft beruht die unvollkommenheit der crystalle auf einer ungleichen ausdehnung ursprünglich gleichnamiger flächen, und die gestalten (
der kristalle) erscheinen dabey wie verzerrt Oken
allg. naturgesch. (1839) 1, 17;
und ähnlich (
vgl. 2): in diesem schein und widerschein (
des wertes eines menschen) selbst flimmert alles, licht und schatten, so durcheinander, dasz sich nur ein verzerrtes, gespenstisches bild gestalten will Aurbacher
volksbüchlein (1835) 64; da stellten sich ihm alle erfahrungen des letzten tages plötzlich dar, verzerrt und vergröszert durch die verwirrung seines kopfes G. Keller
ges. w. (1891) 5, 132.
hierher auch: wie sehr jeder affekt oder leidenschaft die erkenntnisz trübt und verfälscht, die ursprüngliche anschauung der dinge entstellt, färbt, verzerrt Schopenhauer
w. 2, 438
Gr. B@55)
entstellung akustisch wahrnehmbarer erscheinungen. B@5@aa)
im bereiche des musikalischen: sie (
die vorsänger in den synagogen) verzerren den ton so entsetzlich Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 16; gellend klang sie mir, verzerrt, die reine, edle glocke
qu. v. j. 1933; diese lieder gleichen denen der O-Waihier, sie sind aber roher, verzerrter Chamisso
w. (1836) 2, 226; doch stöszt man auch oft auf platte ... harmonieen, ... auf schlecht klingende, ... verzerrte Schumann
ges. schr. (1854) 1, 129; man darf nur mit der hand wanken; so ist der contur des stücks auf diesem instrumente (
klavier) verzerrt Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 287; daher hat auch (
bei der klage der Pamina) der musikalische ausdruck bei gröszter schärfe und nachdrücklichkeit die vollste klarheit und kommt nirgend in gefahr zu verzerren O. Jahn
Mozart (1856) 4, 641.
von der modulation der menschlichen stimme: ach so, sagte Belfontaine, leicht verzerrt, dann kann ich mir meinen besuch ja schenken E. Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 84. B@5@bb)
von der sprache: die sprache ward durch eine menge uneigentlicher ausdrücke und durch eine verzerrte aussprache ein kauderwelsch willkürlich ding
M. Claudius
Sethos (1777) 1, 106; im verzerrtesten judendialekt zeihte sie die arme tochter der unkeuschheit A. v. Arnim
s. w. 2 (1839) 217.
ähnlich: der name Bambarra soll ein verzerrter übelname ... seyn, und ... Bambugr (
menschenfresser) ... heiszen Ritter
erdkunde (1822)
teil 1, 1, 442. B@66)
von abstrakten (
formen, gesetzen, ordnungen). B@6@aa)
von der entstellung und verfälschung ethischer wertbegriffe: ein philosoph wie Voltaire ..., der ... alles gute verzerrte, wo er es fand Klinger
w. 3 (1815) 260; dann sind wir eben in irgend eine einseitigkeit hineingerathen, ... die nicht allein sich selbst, sondern auch das ursprüngliche wahre in uns verschiebt, verzerrt Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 315; die demokratische richtung konnte sich einiger tugenden rühmen, die Uhlands herz an die partei fesseln muszten, obwohl sie in der demokratie der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 301; in der gemeinschaft der Hitlerianer hat es nur einen veräuszerlichten, einen verzerrten und vergifteten heroismus gegeben Klemperer
l. t. i. (1949) 13; einen gegensatz zu ihm (
Klinger) haben wir in Heinse, der den sinnlichen epikureismus Wielands eben so verzerrt und karrikirt einseitig steigerte Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 3.
nicht selten steht in dieser verwendung das substantivierte part. praet.: in keinem menschen hab' ich die heterogenen eigenschaften: — zärtlichkeit und mut, liebe zum guten und schönen, und zürnenden hasz gegen das böse und verzerrte aller art Schubart
leben 2 (1793) 80; genius musz man das feuer nennen, was durch seine rapide, sorglose manier, durch seine mit dem verzerrten und entarteten in der natur so sehr vertraute einbildungskraft hindurchschimmert Forster
s. schr. (1843) 6, 62; das anmutige und gesunde und das verzerrte und sonderbare, masz und willkür brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in lichtblicken aus Keller
ges. w. (1889) 1, 289. B@6@bb)
von ästhetischen u. a. wertbegriffen, formen, gestaltungen u. dgl.: fast alles (
im komischen) geht über das wahre hinaus, ist verzerrt, verstümmelt, zu sehr vergröszert Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 362; und es ergötzt mich, dasz zur zeit eines Schinkel grade der ... verzerrteste geschmack wieder mode wird Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 115; statt der falschen fantasmagorie unsrer verzerrten tragischen gebilde mag dann eine höhere geistige poesie der wahrheit hervortreten Fr. Schlegel
s. w. (1846) 2, 248; wenn doch zugleich eine edlere freude in uns darüber erregt wird, dasz auch das schlechteste und das gemeinste von dem wesen und dessen ausdruck durch die schönheit nicht entblöszt ist, sollte sich dasselbe auch auf eine etwas verzerrte weise darin offenbaren Solger
vorles. über ästhetik (1829) 385; die gezerrte und oft verzerrte form seiner (
Jean Pauls) bücher Laube
ges. schr. (1875) 1, 177; ernste stoffe oft leichtsinnig verzerrt Scherer
litteraturgesch. (1920) 64. B@77)
im bereich des seelischen. vereinzelt steht ein beleg wie: (
der menschen) bunter uneiniger wechsel, ... der ist gerade die wahre gestalt des übels; ich mag es nicht nachempfinden, wie er mich oft verwirrte und verzerrte Hölderlin
ges. dicht. 2, 55
Litzm. (
vgl. dazu ob. 1).
überleitend zum folgenden: alle seine (
des enttäuschten) lang gehegten und gewarteten vorstellungen, empfindungen und entwürfe liegen nun auf einmal, wie auf der folter ausgespannt, verzerrt und zerrissen da Lenz
ges. schr. 3, 154
Tieck. deutlich anknüpfend an die bedeutung '
entstellen, verunstalten, verbilden': die gewöhnliche wirkung des romanen-lesens auf die alltäglichen menschen, das alle einfache, natürliche gefühle in ihnen verzerrt und verdunkelt Klinger
w. 8 (1809) 35; eben so kann das laster, wo es biegsamen stoff findet, in einem hohen grade verzerren Lichtenberg
verm. schr. (1800) 3, 522; so zu seyn, dazu wurde ihre phantasie von jugend auf gebildet, oder späterhin verzerrt Jacobi
w. (1812) 1, 165.
fest geworden ist der gebrauch des part. perf. als adjektiv, oft den begriffen wie '
übersteigert, maszlos'
nahestehend: nun kommen dazwischen einzelne stellen, und gegen das ende ganze tiraden des höchsten, oft verzerrtesten affects, und natürlich fällt auch hier der schauspieler in eine falsche rührung Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 58; unsere tragödie ist veraltet, ... es sind so übertriebene leidenschaften, so verzerrte gefühle Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 228; das eigenthümliche, nicht selten übertriebene und verzerrte selbstgefühl (
Bodmers, Lavaters) Gervinus
dt. dichtg. (1853) 4, 49.
ganz üblich zur charakterisierung eines bestimmten menschentyps im sinne von '
bizarr, verschroben, überspannt'
u. ä.: (
ihre) antwort war völlig so, wie man sie von einem so verzerrten charakter vermuthen kann
F. H. Unger
Julchen Grünthal (1784) 187; sonst sind mir (
Werther) einige verzerrte originale in den weg gelaufen, an denen alles unausstehlich ist, am unerträglichsten ihre freundschaftsbezeigungen Göthe I 19, 14
W.; schwärmer, enthusiasten, fanatiker, kurz alle überspannte und verzerrte köpfe Klinger
w. 11 (1809) 147; ihr kennt die eitlen töchter Evas, und ich brauche euch nicht zu sagen, was dieses (
das bücherschreiben) für verzerrte ungeheuer aus ihnen machen musz
ebda 3, 25; der bey weitem verzerrtere T. A. Hoffmann Gersdorf
repertorium (1840) 90; (
bei Zacharias Werner) haben wir überall die wunderlichsten krämpfe, ungeheuere verzerrte charaktere ..., ins gräszliche, ins verzückte, ins heroische übertrieben Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 609.
ähnlich: es ist nicht angenehm, sich nach so vielen jahrhunderten ruhigen, ungestörten schlafes von einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen geschlecht wecken und angaffen lassen zu müssen (
von exhumierten) W. Raabe
s. w. I 6, 282; von der ins phantastische verzerrten genialität dieses mannes (
kurfürst Johann Wilhelm) ein verständliches bild zu gewinnen, ist schwer Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 374. B@88)
eine steigerung erfährt der wertbegriff, wenn das ausmasz der entstellenden veränderung durch zusatz angegeben wird: verzerrt war die grazie zu einer widrigen maske Herder 24, 204
S.; und wie es unter gewissen gegebenen umständen nicht anders möglich sei, als dasz durch eine so fehlerhafte veranstaltung das beste naturell in ein moralisches miszgeschöpf verzerrt werden müsse Wieland
bei Hoffmann
wb. d. dt. spr. (1861) 6, 364; die edle einfalt der schrift (
religion) musz sich in alltäglichen assembleen von den sogenannten wizigen köpfen miszhandeln und ins lächerliche verzerren lassen Schiller 2, 10
G.; zum wüterich verzerrt dich menschenwahn
ders. 4, 26; (
die dichter,) die seine plane, situationen und charaktere ins fratzenhafte verzerrten Tieck
schr. (1828) 1, xv; so wird das grosze zum gemeinen verzerrt, das reinmenschliche durch grobe pinselzüge verwischt, das gewöhnliche zum unding verschraubt Jahn
w. (1884) 1, 256; wahre freundschaft ist nicht zu einem kränklichen gefühlsspiel zu verzerren
ebda 2, 501; zum krampfhaften lächeln verzog sich der mund, und das muskelspiel in den eingefallenen backen verzerrte im augenblick das gesicht zur schauerlichen maske E. T. A. Hoffmann
s. w. 1, 19
Gr.; nicht mehr verzerrt sich meines freundes bild in des empörers grauliche gestalt Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 9, 259; denn in der that sind die humoristischen charaktere, die Jean Paul mit so viel prätension anlegte, fast eben so widerlich wie seine hohen menschen, weil sie ebenso in karrikaturen verzerrt sind Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 222; zu dieser ... philsophie meinte er sich bekennen zu können ohne furcht vor dem ... verdammungsurteil eines zum rachsüchtigen tyrannen verzerrten gottes, wie ihn das christentum lehre Prutz
pr. gesch. (1902) 3, 45; aber schon bei Rousseau ... verzerrt sich das gleiche verhältnis ins widerwärtige G. Keller
ges. w. (1889) 3, 43; da sich ihr freundliches, vertrautes gesicht über nacht zu einer so bösartigen fratze verzerrt hat Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 185.
hierher: es scheint ihm (
Dehmel) das augenmasz dafür zu fehlen, wo die verständlichkeit der gedanken in unklarheit übergeht, wo die symbole ins groteske sich verzerren
zs. f. dt. unterricht 24, 396. CC.
fachsprachliche verwendung. C@11)
in der medizin: verzerrtes auge
auge mit nach auszen umgestülptem augenlid (
ectropium),
s.zerrauge,
teil 15,
sp. 734
und zarrauge,
teil 15,
sp. 283.
vermutlich ungebräuchliche lehnübersetzung aus dem französischen: ein verzerrtes auge
oeil éraillé Mozin
dt.-frz. (1856) 4, 1091
c (
s. u. verzerrung 5 b,
sp. 2564);
auch für '
augapfel mit roten fadenähnlichen streifen',
vgl. Schaffer frz. wb. 1, 495
b und Mozin
dt.-frz. 1, 792
b s. v. érailler.
s. hierzu auch Sachs-Villatte
enzykl. wb. d. frz. u. dt. spr. 1, 594
b s. v. érailler. C@22)
in der manufaktur: (sich) verzerren
in der textilfachkunde von zeugen, stoffen gebraucht; wohl so viel wie '(
sich)
verziehen'
von fäden oder ganzen stoffpartien, was durch material- oder webfehler oder auch aus anderen gründen geschehen kann: einen zeug verzerren
érailler une étoffe Schaffer
dt.-frz. wb. 2, 3 (1838) 550;
ebenso Mozin
dt.-frz. 4, 1091
c; verzerrter flor
crêpe éraillé ebda; vielleicht so viel wie '
gekreppter stoff, flor'
? vgl. auch Sachs-Villatte
enzykl. wb. d. frz. u. dt. spr. 1, 594
b s. v. érailler.
der ausschlieszliche nachweis in frz. wbb. läszt auch hier auf eine ungebräuchliche lehnübersetzung schlieszen (
vgl. auch unten verzerrung 5 c,
sp. 2564).