glas,
n. herkunft und form. ahd., mhd. glas;
as. glas, gles,
dazu das wohl substantivische glasa
glaucus (
equus) Wadstein 109, 17 (
vgl.glasauge 1);
mnd. glas Schiller-Lübben 2, 116
b,
von hier entlehnt ins skandinavische, vgl. Falk-Torp 325; Hellquist 190; Torp 162;
mnl., neunl. glas Verwijs-Verdam 2, 1986,
woordenboek 5, 33;
ags. glæs Bosworth-Toller 479.
germ. grundform *glása-.
ablautend das bei Plinius
hist. nat. 37, 42
als glaesum,
bei Tacitus
Germ. 45
als glesum (= glēsum)
überlieferte latinisierte germ. wort für '
sucinum',
an. glæsa '
mit etwas glänzendem schmücken' Cleasby - Vigfusson 206
a. —
mit gramm. wechsel auf germ. *glazá-
beruhend mnd. glar '
harz' (
a. d. j. 1419) Schiller-Lübben 2, 116
a,
ags. glær '
bernstein, harz' Bosworth-Toller 479
b (
oder ablautend glǣr
nach Holthausen
aengl. etym. wb. 132 ?),
an. gler '
glas' Cleasby-Vigfusson 203
b,
älterdän. glar Falk-Torp 325;
vgl. weiter glaren. —
zu idg. ghel- (ghlē-, ghlō-, ghlə-) '
schimmern, glänzen'
s. Walde-Pokorny 1, 626, Fick 3
4, 146, Walde-Hofmann 604,
wo die sonstigen verwandten aufgeführt sind; vgl. auch glast, glanst, glanster, glander, glandern, glan, glänzen, glinzen.
der unflektierte plural des mhd. (
z. b. Wolfram v. Eschenbach
lieder 5, 7;
v. j. 1388
Marienb. ämterbuch 7, 10
Z.)
begegnet bis ins 16.
jh.: zwey glas mit wein Hans Sachs 21, 314
K.-G.; der umgangssprachliche gebrauch, glas
mit zahlwort als maszangabe unflektiert zu lassen, steht nicht in zusammenhang mit der alten pluralform (
vgl. dasselbe bei fasz, sack
u. s. w.)
und ist schriftsprachlich nur dünn bezeugt, vgl. fünf glas sind eine halbe masz Hebel
s. w. (1832) 3, 477,
sonst ist auch hier die -er-
form üblich, vgl.: dem hab ich ... sechs tausend gläser bier eingeschenkt Chr. Weise
erznarren 97
ndr.; so viel gläser burgunder ... getrunken Göthe IV 27, 220
W.; einige gläser wein Storm
s. w. (1899) 1, 86. —
daneben eine mhd. starke pluralform auf -e
bis ins frühnhd.: durch diu glasse
Seifried Helbling 1, 1355
Seem.; 8 grosze glase (
um 1400)
Marienb. treszlerb. 98
J.; auf kanten, glese (
um 1500)
bei Kern
hofordn. 2, 19;
auch schwach: so hatte ich glassen und schnellküllen (
glasschusser und wurfsteinchen) H. v. Schweinichen
denkw. 14
Öst.; durch die glasen (: blasen) Lohenstein
Sophonisbe (1689)
vorr. a 5
b;
gängig in seemännisch glasen '
halbe stunden',
gleich dem nl., s. B 2 b.
sonst gilt der plur. gläser,
mhd. gleser,
z. b. v. j. 1406
Marienb. treszlerbuch 402
J., Heinrich Wittenwiler
ring 5559
W., obd. gerundet glöser
bei Baumann
bauernkr. in Oberschwaben 115; (
ende des 16.
jhs.)
österr. weist. 11, 304.
auszer für die mehrzahl einzelner glasgegenstände (
s. u.B)
dient er zur kennzeichnung von glasarten (
zu glas A
und C 1): von scheiden der element in den gläsern ..., dasz die vitra sollen ... calciniert werden Paracelsus
op. (1616) 1, 795
H.; was die bereitung des rubins ... und andere künstliche gläser anbelanget
allg. dtsche bibl. (1765) 8, 287 (
vgl.B 3); natürliche gläser von absolut reiner beschaffenheit (
fehlen) Lueger
technik (1894) 4, 676;
vgl. Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 4, 2 (
s.C 1).
bedeutung und gebrauch. aus dem bedeutungskreis '
leuchtender glanz',
vorwiegend '
gelblich-bleicher glanz'
der germ. wortsippe ergibt sich für glas
als grundbedeutung '
leuchtend-durchscheinender, gelblicher gegenstand'.
die ahd. glosse electri clases (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 653, 15
St.-S., sowie ags. glær '
bernstein',
auch mnd. glar '
baumharz' (
die quantität des vokals ist in diesen 3
fällen unbestimmbar)
und lat. (
germ.) glēsum '
sucinum'
erweisen den bernstein als die ursprüngliche sachbezeichnung des mit seiner engeren sippe nur dem germ. kulturkreis eigenen wortes. mit dem zurücktreten des bernsteins als werk- und schmuckstoff geht die bezeichnung glas
auf das neu durch Römer und gall.-rhein. Franken eingeführte ähnliche '
vitrum'
über (
wie in verschiedenen anderen alten sprachen des nordöstl. kulturkreises),
vgl. Schrader reallex. 1, 97
u. 398, Hoops
reallex. 1, 260. —
von der struktur des glases
her rühren übertragungen auf gewisse natürliche minerale, s. C 1,
vgl. auch ahd. eine glossierung für '
lasurstein'
: cianum glas
ahd. gl. 4, 199, 20. AA. glas
als werkstoff '
vitrum'. A@11)
als stoffbezeichnung seit dem ahd.: ebore ac vitro mit helfentpeine unde mit clase Notker 1, 42
P.; vitrum glas
ahd. gl. 3, 120, 1
St.-S.; 4, 109, 25; 165, 43,
vgl.glasa
hialo Wadstein 104, 10, glasz, glays
vitrum Diefenbach
gl. 624
a,
hialum 276
c,
auch haemanthinum vitrum ein gantz rot glasz Frisius (1556) 622
b; die sind ie schedlich aller ding, sie sind gleich hültzen oder glass Hans Sachs 17, 412
K.-G.; do kam er zu ainer aldten glaszhüten, in der man vor vil jaren glasz gemacht het
Fortunatus 33
ndr.; da thut der glasmacher ein hohles eisen in den tiegel, so hängt daran etwas von glas v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 59; glasz ist eine ... materie, die aus saltz, weiszen sand oder kieselsteinen und asche durch das feuer künstlich zubereitet wird Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 295; dichter gleichen dem glase, das im alter bei dem zerfallen bunte farben annimmt Jean Paul
w. 7/10, 490
H.; des zauberers sein mägdlein sasz in ihrem saale rund von glas Mörike
ges. schr. (1905) 1, 153.
weniger in hinsicht auf das material als auf die herkunft und die besondere kunstform der glasgegenstände wird im mhd. rœmisch
und kriechisch glas
hervorgehoben, s. mhd. wb. 1, 545, Lexer 1, 1028;
in nhd. zeit hauptsächlich venedisches glas: nun gab der herr Fugger
s. f. g. ein willkommen, welches von dem schönsten venedischen glas ein schiff war H. v. Schweinichen
denkw. 77
Öst.; venedisch glas Stieler
stammb. (1691) 662, Göthe 15, 284
W. später meist venetianisches glas;
fester begriff ist auch böhmisches glas: böheimische gläser Abele v. Lilienberg
künstl. unordn. (1669) 2, 255; Cordula stellt den strausz ... in ein böhmisches glas Ruth Schaumann
d. major (1935) 332. A@22)
feste verbale verbindungen für die herstellung von glas
und glasgegenständen; den werkstoff herstellen heiszt in älterer sprache glas brennen,
vgl. Apinus
gl. nov. (1728) 249
und glasbrenner,
und wie heute glas machen,
vgl. Stieler (1691) 662
und glasmacher;
hohle glasgegenstände (
s. unten B 2)
herstellen nennt man noch heute glas blasen,
vgl. Apinus
a. a. o. und Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 301: ijdtliche gelaismecher, die usz geschmoltzer esschen eyn gelass blaessen as romer ind andere gar koestliche oevergulde geleyser Arnold v. Harff
pilgerfahrt 55
Groote; vgl. auch glasbläser; glas pressen
und glas gieszen
sind ausdrücke neuerer technik. glasgefäsze mit künstlerischem schmuck (
schliff)
versehen wurde im älteren nhd. als glas schneiden
bezeichnet, vgl. geschnitten glas
vitrum figuris caelatum Stieler
stammb. (1691) 662: vor ein glas mit mein und meiner lieben hausfrauen wapen sampt dem deckel zu schneiden (
v. j. 1645)
bei Bräuer
gesch. d. lebenshalt. in Frankfurt (1915) 2, 86; (
sie) brauchten nur ein mittelmäsziges schön geschnittenes glas (
zum trinken) Neumark
neuspr. t. palmb. (1668) 326,
vgl. auch glasschneider;
anders für ein geschliffenes optisches glas (
s.B 1 b): man hat eine art vieleckicht geschnittener brillengläser (
facettierte gläser) J. Prätorius
wündschelruthen (1667)
vorwort; glas schleifen
wird noch jetzt sowohl für die herstellung optischer gläser wie für die verzierung von glasgegenständen durch schliff gebraucht: zum schleifen musz man tüchtiges glas erwählen
Chomels öcon. lex. (1750) 4, 1134; matt geschliffenes glas Stifter
s. w. (1901) 1, 47; geschliffnem glas gibt erst der glanz den wert Grillparzer
s. w. (1892) 8, 182
S.; vgl. auch durchgeschliffenes glas Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 301
und glasschleifer,
sowie unten B 1 b. A@33)
typologischen gebrauch erlangt die stoffbezeichnung glas
als träger bestimmter eigenschaften; besonders das mittelalter sieht am glas
gern klarheit, glanz und härte als bild höchster werte, spätere zeit betrachtet sein gleiszen und seine zerbrechlichkeit als symbol trügerischer vergänglichkeit. A@3@aa)
lichtdurchlässigkeit, helligkeit und klarheit. mittelalterlich als gleichnis höchster reinheit aus theologie und bibel stammend; im Mariensymbol ist es sinnbild der jungfräulichkeit: dû bis daz alinge glas dâ durg quam daz vinesternisse der werlde benam
Arnsteiner Marienleich in: MSD 1, 142; alsô diu sunne schînet durch ganz geworhtez glas, alsô gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was Walther v.
d. Vogelweide 4, 12;
nach offenb. 21, 18: siu (
die gottesstadt) ist in goldes scônî samo daz durhliehte glas alliu durhscouwig joh durhlûter
himmel und hölle 42
in: MSD 1, 69;
in weiterer anwendung: mit edlem gstein liecht als das glasz
Sigenot 160
Schade; daz man sich gode glich mache an luterkeit, alse daz glais oder durchschinige dinc sint der sonnen
parad. animae intell. 106
Str.; so noch: christenliche kirch, die bissher rain und unzerstOert beliben ist als ain lauter gold und durchsichtig glas Berthold v. Chiemsee
teutsche theologey 34
R.; rechtschaffne heiligkeit ist wie ein guldnes glasz, durchausz polirt und rein.geh und betrachte dasz Angelus Silesius
cher. wandersm. 59
ndr.; vgl. dazu glaslauter, -rein, -schö
n. durch den gedanken des vergänglichen (
vgl. auch bei b)
umgefärbt: lieht und glanz, herte ist das glas, und so ez allir schonest ist, so brichit ez in kurzir frist Rudolf v. Ems
weltchron. 22779; stolz, übermut und pracht währt in die länge nicht, wanns glasz am hellsten scheint, fällts auf die erd und bricht Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 360; ... das klare glas zerbricht, der reine wein verraucht, der freund fällt schmerzlich in die gicht Logau
sinnged. 255
Eitner; des hellen glanzes wegen als bild des jenseitigen leibes: wie ein glaser ausz asch und sand ein helles glasz formirt zu hand, also ausz meiner asch und kot ein neuen leyb macht unser gott Mathesius
ausg. w. 4, 240
Loesche; gleich wie ein meister in den glaszhütten ausz den dunklen aschen und erde ein schönes helles und durchsichtiges glasz herfür bringet: also wird der ewige ... gott ausz unsern sterblichen cörpern ... dermal eins machen ... unsterbliche, durchsichtige und englische cörper Joh. Saubert
currus Simeonis (1627) 170. —
im nhd. führt besonders die durchsichtigkeit des glases zu vergleichen, vgl. schon mhd.: diu genade an im was, daz er alsam durch ein glas sach in ir herzen grunt
väterbuch 3162
R.; secht wie ein holtz dick ist, trüb und das glasz, das aus ihme kompt, ist helle und nicht trüb (
ebenso ist die luft hell und doch ein körper) Paracelsus
op. (1616) 1, 213
H.; aus unsern augen ..., dadurch man, als durch ein glas, ... sehen kan Ph. Zesen
rosenmând (1651) 39; hinter jenem berge wohnt sie, die meine liebe lohnt. sage, berg, was ist denn das? ist mir doch als wärst du glas Göthe 3, 36
W. gern im vergleich des wassers oder eises mit glas: die flüsz und breite wässer ... wers will gar zierlich tauffen, der nents geschmoltzen glasz Spee
trutznacht. (1649) 113; im sturze harrt, zu glas erstarrt, des wasserfalles welle v. Salis
ged. (1793) 56; an dem laufe eines frischen waldwassers, das so klar wie flüssiges glas ... hervorschieszt Stifter
s. w. (1901) 1, 234. A@3@bb)
härte und zerbrechlichkeit. glas
als festen körper wertet das mittelalter ebenfalls oft positiv als masz hoher güte, wie in der geläufigen formel herter denne ein glas,
z. b. von marmil, hertir danne ein glas Rudolf v. Ems
weltchron. 689;
das nhd. führt dagegen die zerbrechlichkeit als bildgebrauch aus der alten sprache (
sieh auch oben)
weiter: wolten wir die berge zebrechen alse daz glas frau Ava
bei Diemer
dtsche ged. 291, 4; von aschin machit man daz glaz, gar licht ist sin zcubrechin. her (
der spiegel) bedutit dez menschin licham der von aschin ist gemacht Joh. Rothe
ritterspiegel 95
N.; das glas ist ein bild menschlicher vollkommenheit, welche in ihrem höchsten wolstand ... gebrechlich und bald zu nichts gemacht wird Er. Francisci
lust. schaubühne (1698) 2, 32.
früh in sprichwörtlicher anwendung: zuo vil sorg bricht das glasz S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 5
a; wer ein haupt von glase hat, musz nicht mit steinen fechten P. Winckler 2000
gutte gedancken (1685) 112
b (
vgl. hierzu unter glashaus 1);
als bild des leicht zerstörbaren: ich schlug an allen ecken wie glas die kraft entzwei, die wider mich sich strecken und trutzig durfte sein P. Fleming
ged. 455
L.; der purpur risz entzwey, der scepter brach als glas A. Gryphius
trauerspiele 161
Palm; das stärkste geweih wäre gesplittert wie glas Göthe 8, 96
W.; heirathen musz ich meines bruders tochter, sonst steht mein königreich auf dünnem glas
Shakespeare 9, 145.
damit auch als bild des vergänglichen: betrachte, wer ich bin: im huy fahr ich dahin, zerbrechlich wie ein glasz Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 300; die guten tage sind vom glase Stoppe
Parnass (1735) 215; und geld und ehr ist obendrauf ein sehr zerbrechlich glasz
M. Claudius
Asmus (1775) 1/2, 98.
am ausgeprägtesten in der sprichwörtlichen verbindung von glück
und glas: das glück ist ... als ain glasz Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) e 2
a; glück und glasz, wie offt bricht das Lehman
floril. polit. (1662) 1, 369; denn der mensch ist ein mensch, und eine jungfer eine jungfer, und glück und glas, wie bald bricht das Lessing
w. 2, 119
M.; glas ist der erde stolz und glück Uhland
ged. 1, 278
Hartm.-Schm., vgl. auch B 3. A@3@cc)
volksmedizinische und physikalische eigenschaften. glas
wird in alter zeit als heilmittel genannt (
wie noch im volksbrauch üblich, s. hwb. d. dtsch. abergl. 3, 855): für das heilig feur. nim honig und essig under einander, thue gestoszen glasz darein und bestreich den schaden damit Gäbelkover
artzneybuch (1596) 2, 314; thue (
in die beulen) hinein weitzenmehl, huttenrauch, gestoszen venedisch glasz, alles mit honig vermischt J. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 121.
als träger bestimmter physikalischer eigenschaften: (
die elektrizität ist) dergestalt bestimmt, ... dasz wir die formeln der polarität, ... als nord und süd, als glas und harz ... anwenden Göthe II 1, 298
W.; die besten wärmeleiter sind die metalle, die schlechtesten glas und luft Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 1, 172. BB. glas
als geformter gegenstand. B@11)
optisches gerät. B@1@aa)
lichtdurchlässige glasscheibe; am fenster: einhalp der kemenâten want vil fenster hete, dâ vor glas Wolfram v. Eschenbach
Parzival 553, 5; diu frou ir zühte nie vergaz ze kirchen noch ze gazzen. luogen durch diu glasse, rûnen umb üppikeit, daz was ie der frouwen leit
Seifried Helbling 1, 1355
Seem.; was pruchs an öfen und glessern in den anderen thurnen und der stat zinsheusern ist E. Tucher
baumeisterbuch 246
L.; runde butzenscheibe: fenster so man vor zeiten ausz durchsichtigen spiegelsteinen ... gemacht hat, wie jetzt ausz glasz (
ex vitreis orbibus) Calepinus
dict. (1598) 1368
b;
gemalte scheibe: zu ainer gedächtnus stet im chor, im fenster, ins glas geschmelzt ain herzog mit ainem hauenden schwein Aventin 5, 57, 30
Lexer; saal, der war aller gebauen von schönen gläsern, in welchen ... historien ... abgemahlet waren
Amadis 24 (1595) 1392; alt kirchen haben dunckel gläser S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 55
a; alte kirchen, dunkle gläser, sagt das deutsche sprüchwort Göthe IV 23, 200
W.; das schmutzerblindete glas der fensterlöcher H. Watzlik
pfarrer von Dornloh (1930) 29.
als pars pro toto für das fenster als bauteil, vgl. specularia glasz (
Augsburg 1521) Diefenbach
gl. 545
c;
von den einzelnen scheiben unterschieden: ain groszer hagel und schaur ... erschlug in dem neuen schlosz ful scheyben in den glesern
bei Baumann
bauernkrieg in Oberschwaben 192
lit. ver.; so stehe ich nun auch zuweilen an meinem fenster ... und öffne das glas und die brust dem einströmenden abendhauche H. v. Kleist 5, 134
E. Schm.; vgl. '
an manchen orten für d. fenster' Crecelius
oberhess. 423.
als sonstige schützende scheibe, vor allem zur schaustellung: es haben auch die bauren nur das glasz geleckt und geküszt und nit das heilthumb Jac. Frey
gartengesellsch. 49, 32
Bolte; in fester formel unter glas: meiner mutter wandelte ... der einfall an, diesen kupferstich unter glas zu sezen Hippel
lebensläufe (1778) 1, 28; nur musz ich sie (
anrede) inständig ersuchen, sie (
die mineralien) gleich unter glas zu bringen, damit sie nicht betastet werden Göthe IV 17, 30
W.; auch hinter glas: eine nusz, worin eine kleine muttergottes hinter glas lag G. Keller
ges. w. (1889) 4, 228; die stadt verschwimmt wie hinter glas R.
M. Rilke
ges. w. (1927) 1, 11. glas und rahmen: die sicherung der zeichnungen durch rahmen und glas Göthe 48, 52
W.; er ist ja nur ein mann in glas und rahmen (
portrait) Kotzebue
s. dram. w. (1828) 18, 6; der grosze bekannte kupferstich ... unter glas und goldrahmen Stifter
s. w. (1901) 14, 104. —
dazu die verschiedensten sonstigen verwendungsarten, z. b. treibhausglas: denn wie die kunst ... durch gewisse gläser melonen und andere gewächse für der zeit reif machte Lohenstein
Arminius (1689) 1, 177
a.
anderes: eine kleine laterne, die nur ein glas hatte Fontane
ges. w. I 1, 478; seine ... uhr fiel aus seiner tasche, die kapsel sprang, das glas zerbrach G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 50.
spiegelglas, vgl. ahd. spiegelglas Graff 4, 289: zin anderhalp am glase Wolfram v. Eschenbach
Parzival 1, 20; uz aschin werdit eyn glaz gemacht und heiszis bli gegoszin darin, so gewinnet ez danne solche macht daz ez gebit den wedirschin Joh. Rothe
ritterspiegel 77
N.; poetisch für den spiegel als ganzes: daz man sich drinne (
in den augen) mochte ersehen alsam in eime werden glase Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 19935
K.; ein ieder lobet meinen spruch (
des spiegels), nur alte mägde nicht, weil, dasz ihr schein ietzt tunkel sey, mein glas das urtheil spricht Logau
sinnged. 230
Eitner; die schönheit trat geschmückt zum schmeichlerischen glas J. E. Schlegel
w. (1761) 4, 92; ich könnt es wissen! warum schaute ich nicht längst ins glas der wahrheit! Hebbel
w. 1, 209
W. B@1@bb)
als geschliffenes glas zu optischen zwecken; magisches gerät, art zauberspiegel: derselbig war ein student hochgelerte ... er blickt sie an durch kunstes glasz, er wist, wie sie genaturet was, ir edle complex sagt im das
Ambraser liederbuch 226, 88,
vgl. kunstglas teil 5, 2700
und kunst
ebda 2666; Ramus zeicht sein christallen glasz herausz, sicht darein ... in meim christal ich gsehen hab, wie all sach ist zu stellen ab Jac. Ayrer
dramen 1907
Keller, vgl.krystallen teil 5, 2483
und krystall 2 c
ebda 2482; durch ein geschliffen glasz und durch verfälschte schatten macht er (
der menschengeist) aus nichts nicht viel, stellt lebhaft an die hand die todten, welche wir für längst beerdigt hatten Lohenstein
hyacinthen (1680) 25. '
linse': den Tyroler, der dort geschliffne optische gläser zum verkaufe herumträgt Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 115; er schlief glässer und machte sehröhren Schubart
leben u. gesinn. (1791) 1, 41; convexe und concave gläser A. v. Humboldt
kosmos (1845) 2, 508; jede form (
ist) ... das glas, wodurch wir die heiligen strahlen der verbreiteten natur an das herz der menschen zum feuerblick sammeln Göthe
s. w. (1840) 31, 15; schleift nur gläser, schmiedet röhren, meine (
des sternes) wandlung zu belauern H. Carossa
ged. 59
inselbücherei. von der glaslinse als dem hauptbestandteil aus für ein optisches instrument als ganzes, so '
augenglas, brille',
vgl. berillus paryll, eyn augglaz (
v. 1420) Diefenbach
nov. gl. 51: die synnen seynt ouch worden lasz, und musz nu schriben durch eyn glas Joh. Rothe
düring. chronik 6
L.; oft der plural (
der zwei linsen)
für die einzelne brille: kommt jener nun mit gläsern dort, so bin ich stille, stille, ich rede kein vernünftig wort mit einem durch die brille Göthe 3, 155
W.; sonst der sing. glas: ich hab mein glas verlegt ... die liebesbriefe sind ... zu fein geschrieben Körner
w. 4, 77
Hempel; monokel: vor mir stand ein elegant gekleideter junger mann, der, das glas im auge, mich von oben bis unten ... betrachtete Spielhagen
s. w. (1877) 2, 172. —
fernglas, sowohl die linsen wie das ganze gerät bezeichnend: wir kennen hier von fernen durch eines glases liecht den monden und die sternen, als stünden wir darbey Opitz
dtsche poeterei 43
ndr.; nun kann so hoch das glas der sternekunst nicht klimmen, uns ein gewisses ziel des lebens zu bestimmen Besser
schr. (1732) 1, 15; durchs glas, das unsre schwachen blicke zur kenntnisz ferner welten stärkt Kästner
verm. schr. (1755) 1, 132; hatte durch mein glas die hügel jenseits Boulogne entdeckt Bode
Yoricks empfinds. reise (1768) 2, 11; man beobachtet die wohlbekannte feindliche stellung durch glas oder scherenfernrohr Ernst Jünger
in stahlgewittern (1934) 46. —
vergröszerungsglas im engeren sinn: der neyd ist wie ein gewisses glasz, welches die a-b-c-schmid das muckenglasz nennen, dann so jemand durch dises glasz ein mucken anschaut, so gedunckt ihm disz fast so grosz zu seyn wie ein schwartzer kettenhund Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 112; ich habe (
die zeichnung) bei lichte und mit dem glase und im spiegel betrachtet: es ist mir niemals etwas vollendeteres vorgekommen Herman Grimm
Michelangelo (1890) 2, 273;
anders: (
der wilde) zum ersten mal durch ein glas mit vielen facetten etwan eine blume betrachtend A. Schopenhauer
w. 1, 192
Gr. —
näher bestimmt in der festen verbindung geschliffenes glas: durch ein geschliffnes glas erweckt er (
der mensch) dampf und gluht
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 114; er (
würde) durch ein so scharf geschliffenes glas sehen Klinger
w. (1809) 11, 200. B@1@cc)
die wendung durch (gemaltes, gefärbtes) glas sehen
dient zur kennzeichnung einseitigen urteils; der ausdruck entwickelt sich aus der beobachtung der trüben oder farbigen mittelalterlichen fensterscheibe: sant Paulus sprichet, daz wir nu únsern herren nit mugent gesehen, won alz der durch ain glas oder durch ain nebel siht
St. Georgener prediger 229, 26
R.; der selbe schin (
der sonne) wurt ungelich enpfangen in dem glase: das eine glas das ist swartz, das ander gel, das dirte wis (
folgt allegor. anwendung) Tauler
pred. 21, 14
V.; bei Luther
zeigt sich die phrase in ihren verschiedenen spielarten entfaltet, z. t. ist unter glas
schon '
brille'
zu verstehen (
s. auch glasauge 2 a): avarus ... nihil horum videt, quia excecatus suis opinionibus, das heist als durchs glas ansehen 20, 112
W.; der alle ding durch eyn geferbt glas ansihet 18, 107; inen (
müszte ich) den brill auff die nasen setzen und heiszen meine bücher nicht durch ein gemalet glas lesen 30, 3, 563.
die formel gemaltes glas
herrscht weiterhin durchs ganze frühnhd.: vernunfft folgt den irrwischen, siehet durch den dünckel wie durch ein gemahlet glasz Lehman
floril. polit. (1662) 2, 818; diese sind ... den gemahlten gläsern gleich, welche uns ein ding ... nach der falschen farbe fürstellen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 267
a.
die neuere sprache setzt statt dessen freiere wendungen (gefärbt
bleibt in der wendung durch gefärbte brille
gängig): so richtet die vernunft, wenn kein gekünstelt glas den vorwurf anders weist, als ihn das auge masz Wieland I 1, 19
akad. ausg.; des unmuts trübes glas verkürzte sein gesicht Uz
s. poet. w. 231
Sauer. gern bestimmt ein gen. objekt die art der färbung: durch das parteiisch gefärbte glas einer herrschenden leidenschaft angeschaut O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 54; wie das glas der parteien dieselben gegenstände anders färbt J. G. Forster
s. schr. (1843) 6, 147;
ähnlich: nur dem üblen willen vervielfältigt sich durch sein geschliffenes glas auch das einfachste zu einem gedränge verzerrter gestalten Schleiermacher
s. w. (1834) I 5, 129. B@22)
gefäsz aus glas,
vorwiegend für flüssigkeiten gebraucht. B@2@aa)
im allgemeinen, für verschiedene gefäszarten. mittelalterlich als lampe (
für öl, balsam);
vgl. der ein lieht unde ein lampenglas kristenlîcher êre was
passional 7, 304
Hahn und glasfasz (
s. unten): vorem grâle kômen lieht ... sehs glas lanc lûter wolgetân, dar inne balsem, der wol bran Wolfram v. Eschenbach
Parzival 236, 4;
als behältnis zu verschiedensten zwecken, z. b.: in eimo glase liez er (
Alexander) sich in den sê
Annolied 216
R.; da kam ein weib, die hatte ein glas mit ungefelschtem und köstlichem nardenwasser
Marc. 14, 3;
alte volksmeinung glaubt geister zur hilfeleistung in ein glas
bannen zu können (
vgl. hwb. d. dt. aberglaubens 3, 855): do du ... in der swarzen kunst wurkest und bannest die teufel (
var. geyst) in ein seltsam glas
d. ackerm. aus Böhmen 18, 29
Hübner; sie (
die teufel) uberreden auch die menschen, dasz sie ihn (
den teufel) biszweiln in etwa einem glasz, christal oder spiegl haben, und wann die beschworen oder erfordert werden, so geben sie den menschen red, antwort, rath und that Äg. Albertinus
Lucifers königreich 11
L., vgl. glasgeist, -seher;
davon redensarten wie: gelt kan den teuffel in ein glasz bannen Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 118
b (
d. h. geld regiert die welt); den teufel im gläslein haben '
in allem glücklich sein' Schmeller-Fr. 1, 976;
anders (
zu b
gehörig): den teufel im glas sehen '
vom trinkteufel erfaszt, betrunken sein': am tag der kirchweichin ... sach maniger den teufel im glasz, dasz er so schwach wurd, dasz man in aus dem closter muost fueren Knebel
chron. v. Kaisheim 369
lit. ver. als medizinisch-alchimistische gerätschaft, retorte u. ähnl.: do ir im bsohen in dem glasz (
uringlas) den harn P. Gengenbach 287
Gödeke; es ist nicht allein lächerlich, sondern auch gottlosz des Paracelsi ... seine meynung von der geburt und empfängnúsz eines männleins im glase Joh. Prätorius
anthropod. pluton. (1666) 1, 157; wie leicht könte die magd eine katze in das laboratorium lassen, die mir vor tausend thaler gläser auf einmahl umbwürffe Chr. Weise
erznarren 106
ndr.; ich füllte mehrere arzneigläser mit wasser ..., verschlosz die gläser und vermehrte dadurch meine gelehrte sammlung G. Keller
ges. w. (1889) 1, 102;
blumenvase: vor mir im glase stehn blühende vergiszmeinnicht A. v. Droste-Hülshoff
briefe 162
Schücking; modern als glasgefäsz für eingemachte früchte u. dgl., z. b. drei gläser mit eingekochten kirschen, ein glas marmelade
u. s. w. B@2@bb)
als '
sanduhr',
s. stundenglas (
teil 10, 4, 527): (
tod:) dyn glas ys all vorlopen schyr, neen stund kanstu lengr leven hyr Joh. Stricerius
de düdesche schlömer (1584) g 6
a; der blasse menschenfrasz steht unten, hält den pfeil und unsers lebens glas P. Fleming
dtsche ged. 1, 45
L.; kaum ist wieder der sand im untern glase Göthe 23, 227
W. von der halbstündig ablaufenden sanduhr seemännisch glas
gleich '
halbe stunde'
als übliches zeitmasz, vgl.: nit weniger hat man (
auf schiffen) sanduhren zu halben stunden grosz ... und wann ein glaas oder die erste halbe stund aus ist, so geschicht ein schlag mit der glocken J. Jak. Saar
ostind. kriegsdienst (1662)
zugab 4;
nd. seit ende d. 16.
jhs. bezeugt, ebenso im engl. (1599),
vgl. Murray
dict. 4, 202
c;
fürs nl. des 17.
jhs. s. woordenboek 5, 37;
vgl. auch Kluge
seem. wb. 321.
der deutsche gebrauch dürfte trotz älterer bezeugung dem nl. entstammen, wie sich aus der gängigen pluralform glasen (
s. sp. 7659)
und den frühnhd. belegen folgern läszt, die niederländisches behandeln: wy segelden van Ganges riff af hen tom Schagen in xxv glasen (
für 1571)
bei Kluge
a. a. o.; weshalber alle glasen oder eine halbe stunde von jedem schiff ein canonschusz gethan wurde J. W. Vogel
ostind. reisebeschr. (1704) 590; um zwei glas wurde die insel sichtbar Hans Grimm
volk ohne raum 1, 226;
weitere belege bei Kluge
a. a. o. B@2@cc)
vorherrschend ist der gebrauch als '
trinkglas'
; die in älterer sprache häufige bezeichnung goldenes, silbernes glas
ist als vergoldetes, versilbertes oder mit entsprechender metallfassung versehenes trinkglas aufzufassen, z. b.: ich ... vorkoufte em 8 silberynne gleser, die wugen 4 (
mark) lodiges minus 1 sc. (1422)
handelsrechn. d. dtsch. ordens 469, 30
S.; guldnes glasz Angelus Silesius
cherub. wandersm. 59
ndr., s. sp. 7661;
vgl. noch: wem vergleicht sich dieses leben? einem übergüldten glasz
bei Fischer-Tümpel 1, 253,
s. auch Schiller-Lübben 2, 116
b, Verwijs-Verdam 2, 1987; steinglas (
v. j. 1388)
Marienb. ämterb. 7, 10
Z. und steinot glas (
v. j. 1402)
zs. f. gesch. d. Oberrheins 16, 260
bedeutet wohl kristallgefäsz, vgl. auch: do sy die cristallen gleser ze trincken ... bereyt funden Arigo
decam. 587, 14
K. B@2@c@aα)
einige beispiele für glas
als trinkgefäsz: dâ daz tranc und daz glas verborgen und behalten was Gottfried v. Straszburg 11679
Ranke; zwüschend mund und glas mag komen, das den trunk hindert J. v. Watt
dtsche hist. schr. 1, 501; vor zyten setzt man guttrolf dar, gleser mit den engen kragen Th. Murner
mühle 1070
Albrecht; sie sprachen 'gebt uns zu trincken wol aus dem hohen glas!'
bergreihen 68
ndr.; es ertrincken mehr im glasz dann in allen wassern Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 85
a; ein blank venedisch glas, worin behagen lauschet, des weins geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet Göthe 15, 284
W., vgl.A 1; ein silbergeschirr, darauf eine fein gearbeitete kanne mit malvasier, geschliffene gläser ... stand W. Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 111; ins alten schloszwirts garten da klingt schon viele jahr kein glas Mörike
ges. schr. (1905) 1, 70. B@2@c@bβ)
die angabe des glasinhalts schlieszt sich präpositional zumeist durch mit
an, daneben durch voll,
heute schon seltener werdend: desselben pulvers der abt in einem glase mit wein ... Feronde zuo trincken gab Arigo
decam. 220, 12
K.; mit einem meszigen glass vol wein
zimmerische chron.2 4, 274
B.; die gleser sampt dem brentenwein Wickram
w. 3, 35
B.; schmiesz darauff ein glasz mit wein vor dem fürsten auf den tisch Chr. Weise
erznarren 116
ndr.; (
ein) platzmeister ... bringt burschen und mädchen das gefüllte glas mit labendem bier Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 155.
genetivischer anschlusz ist seltener; vgl. (
zu a
gehörig) der zeigte mir solch heylthumb, ... ein gleszlin des schweisz sanct Michaels Montanus
schwankbücher 405
lit. ver.: ich thue dem herrn diss glässlein weins bringen
engl. comedien u. trag. (1624) h 8
b;
in gegenwärtiger sprache in gehobener ausdrucksweise: auf, trinkt erneuter freude diesz glas des echten weins! Göthe 1, 117
W.; meister Wiegand sitzt ... hinter einem glase bairischen bieres G. Hauptmann
weber (1892) 48. —
gängiger wird in jüngerer sprache flexionsloser anschlusz (
vgl. H. Paul
dtsche gr. 3, 294),
vgl. ein gläslein wasser Arigo
decam. 511
K., ein gläslein wein H. v. Schweinichen
denkw. 379
Öst.: und liesz gleich unter die jungfer ein grosz glasz bier gantz sachte auszgieszen Chr. Weise
erznarren 172
ndr.; während die frau ... ein glas kirschpunsch auf den tisch stellte Fontane
ges. w. I 1, 10. B@2@c@gγ)
bedeutungsmäszig kann glas
bei flexionsloser anreihung des inhalts stark entdinglicht werden zur maszangabe oder bloszen formel für geringe mengen (
etwa gegenüber flasche)
oder für das trinken überhaupt: die liebwehrteste gesellschaft, die ... sich recht vergnügt ... bey einem zwieback und glasz wein aufgehalten (
hatte) Ettner v. Eiteritz
medic. maulaffe (1719) 3; wie ein glas Madeira bey verdorbenem magen Mozart
bei Jahn
Mozart (1856) 3, 498; ja, ja, beim glase wein hört ich wohl manchen prahlen Göthe 9, 44
W. als masz bestimmter grösze: item sal man allirley getrencke bei eyme gantzen stoffe und bei eyme halben stoffe und virtel vom stoffe schencken und mit keyme glase messen (
v. j. 1417)
acten d. ständetage Ost- u. Westpr. 1, 308; fünf glas sind eine halbe masz Hebel
s. w. (1832) 3, 477;
vgl. in älterer mundart: glas
flüssigkeitsgemäsz = ¼
schoppen Bauer-Collitz
Waldeck 146. B@2@c@dδ)
anderseits steht glas
elliptisch für den inhalt; syntaktische vorstufe ist umstellung des attributs: ein gut glas mit wein verderbt ein muck die drein fällt Lehman
floril. polit. (1662) 2, 621; mein hirn, erhitzet durch ein glasz, vermeinet mehr reichtumb zu haben, dan Mydas und Cræsus besasz Weckherlin
ged. 1, 179
F.; der weingott schlage mich, berauscht von einem glase Dusch
verm. w. (1754) 159; schafft ihr ein gutes glas, so wollen wir euch loben Göthe 14, 107
W.; weiht dann uns manch schäumendes glas
bei Arent
mod. dichterchar. (1885) 35;
so auch bei anderen glasgefäszen (
s. oben a): ich setzte sie (
die blumen) in frisches glas Göthe 4, 151
W. B@2@c@eε)
der trinkerbrauch entfaltet mannigfache feste wendungen und formeln; so die allgemein üblichen verbalen verbindungen ein glas füllen, schenken, einschenken, trinken, leeren
u. a., auch mit ellipse des inhalts: sie trunken alle zuo der stunt daz tiefe glas an den grunt
gesamtabenteuer 2, 470
v. d. H.; seht doch die tollen säufer an, wie lustig hier ein jeder kan die vollen kannen, krüg und gläser leeren Seb. Brant
narrenschiff 18
Z.; füllt die gläser! maler Müller
w. (1811) 3, 264; und trank bei gelegenheit wacker sein glas, wie einem deutschen gelehrten ziemt G. Freytag
ges. w. 6, 322;
dazu anderes wie: du ein fauler zecher bist, heb hinten übersich das glas! so lauft er dir mer und basz (16.
jh.) Uhland
volksl. 592; der graue stürzte jählings einige gläser hinunter E. T. A. Hoffmann
s. w. 4, 7
Gr.; vgl. auch bei stürzen I A 4 b
teil 10, 4, 703. —
zechen nennt die alte trinkersprache mit gläsern streiten, fechten: dann Cypellomachus nit wolt mit gläsern streiten, wie er solt, allein streit mit psyctere grosz, daryn wol giengen zehen mosz G. Wickram
kunst z. trinken 108
Teubner; ein cavallier bin ich, weil ich in krieg will ziehn, wo man mit den gläsern ficht und das fleisch mit gabeln sticht Chr. Reuter
Schlampampe 63
ndr.; auch: in Teutschland acht man die gröste kurtzweil mit gläsern zu spielen, und wird ... bey der Teutschen nassen höflichkeit ... auch verbleiben Harsdörffer
gesprächspiele (1647) 1, 4;
im besonderen für zu viel trinken zu viel, tief ins glas gucken, sehen,
vgl.zu viel ins glas geguckt haben Kramer
teutsch-ital. 1 (1700) 527
b: hast du zu tief ins glas geguckt? Wieland
Lucian (1788) 3, 348,
ebenso W. Körte
sprichwörter (1837) 159; es wäre meine art, zu tief ins glas zu sehen? Kotzebue
s. dram. w. (1827) 5, 200;
desgl. ein glas zu viel, über den durst trinken: wenn traubengold im krystallglase blinkte, so trank ich oft — vielleicht ein glas zu viel Schubart
s. ged. (1825) 2, 55; der alte mochte ein glas über durst getrunken haben, denn er sprach vom teufel, der ihn und sein kind holen wolle Hauff
s. werke (1890) 2, 25; man glaubt wirklich ... ein glas über den durst getrunken zu haben Göthe IV 39, 201
W.; für das sitzen beim trunk an, beim, hinterm, überm glas: da lagend die von Augspurg in des Alexanders haus inen an glesern (
Augsburg, 16.
jh.)
städtechron. 22, 350, 6; bey einem glasse wein läszt sich so eine unwichtige sache schon überdenken A. G. Meiszner
skizzen (1778) 1, 135; der du bei einem vollen glase dir trinkst allmälig roth die nase Tieck
schr. (1828) 1, 342; meister Wiegand sitzt ... hinter einem glase bairischen bieres G. Hauptmann
weber (1892) 48; die schützenmeister ... machten sich nun über einem glase daran, den feindlichen general zu bestimmen Hans Grimm
volk ohne raum 1, 87. — auf ein glas bitten '
einladen': bitte meine gute brüder auff die music und ein glasz!
Königsb. dichterkreis 23
ndr.; modern umgangssprachlich ist zu einem glas bitten,
geläufig auch ein glas anbieten: er mache sich kein bedenken, den herren ein glas sekt anzubieten W. v. Polenz
Grabenhäger 2, 319.
aus dem brauch des gesellschaftstrinkens: da hat einer wunder gesehen, wie da die gleser, becher und allerley trinckgeschirr umbgiengen Fischart
Gargantua 123
ndr.; ein glas brechen '
zutrinken',
vielleicht aus dem brauch des wirklichen glaszerbrechens, hauptsächlich als übergangsritus, stammend, s. hwb. d. dtsch. abergl. 3, 854: und (
hört) schenken ein beyd bier und wein, und kannen klopffen, glässer brechen Fischart 1, 375
Hauffen; dasz ... etliche spanische obersten mit trinken, zubrechung der gläser ... gestelt, als wann sie ein grosze victorien erhalten ... und brachen die Spanier ein glasz, brach er wieder Zinkgref
apophthegmata (1653) 3, 17.
ebenso: ich hoffe auch mit meinem herrn vater ein paar gläser zu zerstoszen Gottsched
dtsche schaubühne (1741) 3, 142,
vgl.glas stoszen
teil 10, 3, 504.
im gleichen sinn einem ein glas bringen: nimt er ein glas, bringet es dem storch zum willkomm Joh. Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 269; dem bruder meines lebens ... sei denn aus herzensgrunde das erste glas gebracht! Eichendorff
s. w. (1864) 1, 392;
auch einem ein glas zutrinken: so will ich ... hoffen ... ihnen aus der quelle selbst ... ein glas zuzutrinken Göthe IV 8, 272
W.; mit ellipse des verbums: dieses glas dem guten geist! Schiller 4, 4
G.; der freundschaft dieses dritte glas zur heiligung des festes! E.
M. Arndt
s. w. 3, 131. ans glas schlagen, klopfen
als ruhezeichen zur rede: erhob sich ... schlug an sein glas und sprach unter lautloser stille
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 208; beim zweiten gang ... klopfte Gustav Schleiden ans glas Wolfgang Götz
d. gralswunder (1926) 155; das glas erheben, heben, aufheben
als gruszgebärde vor dem zutrinken oder beim ausbringen eines trinkspruches, z. b. freunde, hebt die gläser hoch!; wir erheben unser glas und trinken auf das wohl des jubilars!
u. ähnl.: der oheim (indem er sein glas aufhob): lassen sie uns auf glückliche vereinigung trinken! Göthe 47, 335
W.; der Holländer ... hob sein glas zum andern mal und sagte einen trinkspruch dazu W. Schäfer
wendekreis n. anekd. (1937) 215. B@33)
seit dem mhd. gilt glas
auch für den glasflusz, einen künstlichen edelstein: der koufman dran verliuset, der glas vür rubîn kiuset Freidank 126, 2;
hierher, auf gleichsetzung von saphirus '
saphir'
mit safer '
glasflusz mit kobaltkalk blau gefärbt' (
s. teil 8, 1635;
vgl. saphîr
als variante zu safer
bei Lexer 2, 569)
beruhend, stellen sich glossierungen des 15.
jhs.: saphirum ein glasz Diefenbach
gl. 511
c;
saphirus ein edelsteyn o. glasz
ebda; eyn slicht (
glatt, poliert?) glas
nov. gl. 326
b;
saphirium eyn schyr (
glänzend) glas
ebda; die edelstein durch kunst gemacht werden ... und (
ist) nichts dann die farb in einem schlimmen glasz oder christall Guarinonius
greuel der verwüstung (1610) 119; es wird auch geclagt, dasz mit cleynodien und edelgesteinen vielerley betrug vorgehe, insonderheit in dem dasz gefärbt gläszer und duppletten ... für gute orientalische wahr verkaufft ... werde
d. stadt Straszburg polizeiordn. (1628) 77; wer mit gefärbtem glase wie mit edelgesteinen prangen darf Herder
w. 3, 292
S. in vergleichen als minderwertiges kunsterzeugnis dem echten stein gegenübergestellt (
vgl.glas als symbol der vergänglichkeit bei A 3 b): ihr blinden, ihr! könt ihr nicht unterscheiden das falsche glasz vom hellen diamant? das auszenwerk ist euch allein bekannt G. Knittel
poet. sinnensprüche (1677) 36; 'das sind hohe gemüter, welche allezeit etwas sonderliches haben'. 'ein iedweder narr will was sonderliches haben'. 'eine crystall ist kein diamant und ein blaues glas ist kein hyacinth' Chr. Weise
polit. redner (1677) 316; die welt beut uns einen strohhalm für eine güldene kette ... ein stücklein glasz für einen diamant, das ist, sie beut uns die eitelkeit für die ewigkeit Scriver
seelenschatz (1737) 22
b. CC.
vom '
vitrum'
her übertragen. C@11)
auf strukturähnliche naturprodukte, besonders das glaserz (
vgl. sp. 7680),
vgl. schon ahd. für den '
lasurstein' (
s. oben sp. 7660): ich weiz ein gruobe hie bî, iz hât glas und blîlinden
märe vom feldbauer (14.
jh.) 472
in: Germania 1, 346
ff.: erstlich ... wisset ihr ..., das ... mit dem wort glasz ... man auch etliche glatte und spissige metall, und was schlecht und glat ist oder sein glantz und glasst hat, ... nennet Mathesius
Sarepta (1571) 187
a; die ... wegstrecke war durch viele massen von ... obsidian, einem vulkanischen glase, bestreut Ritter
erdkunde 10, 410; 'gläser
natürliche, nennt man eine reihe hyalin-amorpher ... mineralien, welche sowohl in ihrer morphologischen beschaffenheit als auch hinsichtlich ihrer chemischen zusammensetzung den künstlichen gläsern
entsprechen' Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 4, 2.
vgl. auszerdem glasachat, glasachtig, gläsern 2
ende, glasfaden, glasgestein, glasglanz, glasig 1, glasperle, glasstein 2. C@22)
der äuszere teil des pferdeauges, die hornhaut, vgl. 'glas
tunica cornea bey den pferden' Nemnich
wb. d. naturgeschichte 197: (
die augen des pferdes bestehen aus zwei teilen) deren der erste ist das glasz oder der durchscheinende crystall, welcher die substanz und wesen des augs einfasset und ihm die gestalt einer durchscheinbaren kugel mittheilet ... der andere theil ist das inwendige im aug, welches eigentlich der augapffel ist ... wolzumercken, dasz das glas dasjenige ist, dessen man, wann das aug angesehen wird, alsbald ansichtig wird. des inwendigen im aug ... aber wird man erst gewahr, so man bey nahem und durch das glas hineinschauet v. Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 2, 75
a.