vorlieb,
adv. ,
s. fürlieb
th. 4, 1, 1,
sp. 768; vorlieb nehmen,
aequi bonique facere rem aliquam Reyher
thes. (1686) o 3
a; vor
ist erst allmählich an die stelle des korrekteren fürlieb
getreten, Adelung
und Campe
verweisen auf fürlieb,
von dem sie behaupten, dasz es nur im gemeinen leben üblich sei, vorlieb
erklärt Adelung
für unrichtig; vorlieb zu nehmen
Urfaust 928,
später (3076) fürlieb z.
n.; die redensart 'ich bitte vorlieb zu nehmen' möchte zu brauchen seyn
allg. dt. bibl. 29, 506.
in der sprache der gegenwart ist zwar vorlieb
vorherrschend, fürlieb
aber noch immer daneben gebräuchlich. —
der ton liegt auf der zweiten silbe, daher wird vor-
in älterer sprache und mundartlich zu ver-
geschwächt: ihr misst halt verlieb nahma Rother
d. schles. sprichw. 93
b; verliebnehmen müssen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 4, 416; durch das licht gemacht und blieb, nimmt mit der krippen hier verlieb A. Gryphius (1698) 2, 245;
nd. ferlêf ten Doornkaat-Koolman 1, 542
a;
weiteres s. unter verlieb
th. 12,
sp. 786. 11) v.
wird im entwickelten nhd. ausschlieszlich mit nehmen
verbunden, in der bedeutung: sich genügen lassen an, zufrieden sein mit, s. aber unten 5 a.
in älterer sprache auch übergehend in den sinn: sich bei etwas beruhigen (
s. z. b. unter 4). —
häufig wurden früher vor
und lieb
in der schrift getrennt: damit vor lieb und vergut nehmen Frey
gartenges. 152
B.; man mus vor lieb nemen, bisz es besser wird Eyering
prov. copia (1601) 3, 199; mit ihrer armen herberg vor lieb zu nehmen Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 1, 398; mit der unfruchtbarkeit meines stils vor lieb nehmen Lichtenberg
br. (1901) 1, 59; nimb vor lieb mit deinem gott P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 317.
vorausstehendes adv. wird gelegentlich mit dem verb. zusammengeschrieben: vorliebnehmen mit dem schein Göthe 47, 310
W.; besonders fand er alles vorliebnehmen zerstörend Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 12; wobei dann der cardinal mit solchen profanen abfällen vorliebnahm Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 305; bitte, so vorliebzunehmen Fontane I 1, 415; wenn sie mit meiner tochter vorliebnehmen wollen W. Weigand
d. ewige scholle (1927) 337. 22)
alleinstehend ohne grammatische bezeichnung des gegenstandes: so müssen sie auch v. nemen, das sie mit den unterthanen in armuth gerathen Musculus
hosenteuffel 26
ndr.; ich wil gerne v. nehmen Schupp (1663) 113; das
[] publikum nimt v. — das ist gut und auch nicht gut Lessing 10, 123
M.; der eine nimt v., wenn du es ihm grade in das gesicht sagst Knigge
umgang mit menschen (1796) 3, 102; v. nimmst du wie herkömmlich Göthe IV 41, 65
W.; wenn ihr mit uns gehen wollt, so müsst ihr eben v. nehmen G. Keller (1889) 6, 379; nehmt dieses mahl vorlieb, ich schriebe gerne mehr Rachel
sat. ged. 138
ndr.; ohne gold nehm ich vorlieb; wer viel hat, hat viele grillen Gökingk
ged. (1780) 3, 62; (
ein glück) ansprechend anspruchslos, lieb, weil vorlieb ich nehme Rückert (1867) 8, 20.
oft wird ein so
zugesetzt: nehmen sie so v. Lessing 18, 90
M.; (
die wirtin) freute sich, dasz die herren so v. genommen Hebel 2, 85
Behaghel; darum müssen sie so v. nehmen Hoffmann v. Fallersleben (1890) 7, 69; nehmt so vorlieb, das essen ist bereit Tieck (1828) 1, 214.
ältere sprache: haben sie gesagt, sie sol also v. nehmen
engl. com. u. trag. (1624) b 2
a; nehmen sie als v. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 37. 33)
näher bestimmt durch verbindungen mit präpositionen: 3@aa) bei ihm so lange v. zu nehmen (
zu wohnen und unterhalten zu werden), als es ihm gefiele Immermann 1, 89
B.; form der einladung: möchten sie, bester freund, ... diesen mittag mit einigen freunden bey uns v. nehmen Göthe IV 34, 26
W. — sie solten in der wenigen bequemligkeit v. nehmen Chr. Weise
erzn. 17
ndr. — wolten auff dem hew v. nemmen Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 1278. 3@bb)
am häufigsten wird das object des v. nehmens
durch mit
angeknüpft; einige verbindungen kehren öfters wieder; kost, bewirtung: die nachbarn nehmen mit käsz und brot verlieb Lehman
floril. polit. (1662) 2, 545; der satan als nimbersat nimbt nit allein verlieb mit saufleisch, verstehe die sinder, sonder er greift auch an die lambl Abr. a
s. Clara
neue pred. 211
lit. ver.; die Niedersachsen können mit schlechter, grober kost v. nehmen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 40; mit mäsziger bewirthung v. nehmen Göthe 24, 365
W.; wenn der ochse den kornwagen in die scheune gezogen hat, so mus er mit heu v. nehmen Schiller
räuber 2, 1; (
einladung:) sie nehmen v. bei mir mit einer suppe E. Th. A. Hoffmann 1, 231
Gr.; so nähm ich hertzlich gern mit trocknen brod vorlieb Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 433; nehmen sie gütig vorlieb mit der ländlichen kleinen bewirtung Voss
ged. (1802) 2, 221; kommt, nehmt vorlieb mit dem, was unser spindelchen an speis und trank für euren gaumen hat Arent
moderne dichtercharaktere (1885) 292.
gehalt, bezahlung: wenn er absonderlich mit geringer besoldung v. nimmt Chr. Weise
polit. redner (1677) 311; er nimmt des tages mit einem zechin v. Göthe IV 8, 378
W. — mit wenigem, mit dem guten willen v. nehmen,
unbestimmte oder abstracte ausdrücke: man mus mit wengem v. nehmen Eyering
prov. copia (1601) 3, 199; leicht einzusehen, dasz man, um etwas von allem zu haben, mit wenigem von jeder art v. nehmen müszte A. W. Schlegel 11, 6
B. — nehmen sie mit dem guten willen v. Heinse 10, 192
Sch.; lebe wohl und nimm mit dem besseren willen v. Göthe IV 29, 87
W.; die dummen und die verliebten nehmen schon mit dem guten willen v. Moltke (1892) 4, 238; (
Jesus) nimm vorlieb mit treuem willen, gieb mir kraft, so hab ich lohn Zinzendorf
teutsche ged. (1766) 250; (
bitte,) diszmal mit diesem meinem wolgemeintem fleisz und mühseliger arbeit v. zu nehmen Binhardus
thür. chron. (1613)
vorrede d 3
b; lieber leser, nimm so mit der willigen liebe for lieb Zesen
rosenmând (1651) a 11
a; wer desz guten genossen hat, der musz mit bösem auch
[] v. nehmen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 381. —
das object kann auch eine person sein: ein mädchen könnte immer noch mit ihnen v. nehmen Rabener (1777) 6, 141; einstweilen kann die mühle, denke ich, mit mir v. nehmen Dörfler
d. lampe d. törichten jungfrau (1930) 381; verdien ich nun dein herz, so schwör und bleib mein eigen und nimm mit mir vorlieb Günther 1, 157
Krämer. besonders in dem sinne, dasz keine weitere gesellschaft beansprucht werden soll, z. b. bei einladungen: zugleich wünsche ich, du möchtest diesen mittag mit mir v. nehmen Göthe IV 9, 289
W.; so müssen sie denn mit mir allein v. nehmen Spielhagen (1877) 1, 74. 44)
veraltet ist v. nehmen
mit dem acc., auch in dem sinne sich beruhigen bei etwas, es hinnehmen, sich gefallen lassen, nicht widerstreben: de de hund targt (
neckt), mutt de bät vörleef nehmen Kern-Willms
Ostfriesl. (1869) 66; ein solches wiederschallen und echo muste der gute herr ... v. nehmen und nur verbeiszen Brandt
bericht vom leben Taubmanns (1675) 49; (
Debora) muste auf dem felde unter einer eiche ihre ruhestatt vor lieb nehmen Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 229; wolltest du wohl ... eine tracht schläge v. nehmen? Möser (1842) 9, 117; (
ein armer theolog,) der gewisz den verdienst gern v. nimmt A. v. Droste-Hülshoff
br. an Schücking (1893) 180; nehmt dieses (
band) so vorlieb und tragt es unbeschwehrt S. Dach 717
Ö.; die klüger ist, nimmt gern vorlieb, was gott ihr gab
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 277; manchen streich vorlieb musz unser ritter nehmen A. v. Droste-Hülshoff (1878) 2, 158
Cotta. 55)
einzelnes: 5@aa) nehmen
durch ein compositum variiert: ewer majestät wolle ... dieses mein geringe tractament v. auff- und annehmen
schausp. engl. comöd. 50
Cr.; welches sie ja v. annehmen Hoppe
gesch. d. ersten schwed.-poln. krieges (1887) 52. 5@bb) v.
mit vorgut
verbunden: gleich frew sich mit seins gleichen wol und nem ein teil in trewen muht mit dem andern vorlieb und gut H. Sachs 13, 82
K.-G. lieb
als subst. liebe
gefaszt wird durch willen
verstärkt: (
wollet) zur zeit mit dieser meiner wenigen arbeit vorlieb und willen nehmen
Königsb. dichterkr. 146
ndr.; da das publicum so gut gewesen ist, auch mit dem zweyten büchel meiner 'sämmtlichen werke' vor lieb und willen zu nehmen
M. Claudius
Asmus 4, iii; Stieler 1359
verzeichnet vorwillennemung. 5@cc)
eigenthümlich mit v.
statt v.: wan es euch heut beliebt, zu nehmen mit vorlieb, was meine wohnung gibt D. v.
d. Werder
hist. vom ras. Roland (1636) 1, 60. 66) vorlieb haben
in anderem sinne; vor
ist hier zeitlich zu nehmen, vorher, eher (
vgl. vorliebe 10
und vorlieben
am ende): got ist würdig lieb zuo haben, wann er hat uns vorlieb gehabt A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) g 4
b. 77)
ableitungen zu v. nehmen:
vorliebnehmer, m., in ungünstigem sinne: die v. und greifzu schämen sich nicht, nur durch ihre weiber zu stehen Fr. L. Jahn 1, 354
E. —