gescheid,
gescheit,
adj. und adv. ,
die richtige form ist gescheid,
denn mhd. und älter nhd. geschîde,
eigentlich '
geistig scharf sondernd und durchdringend',
verbaladjectiv zu schîden,
einer nebenform von scheiden,
wie gefüge
zu fügen;
bei Luther geschiede (1, 524
b)
neben gescheid,
schweiz. gschid,
elsäsz. gschyd
pfingstmontag 73; das fröwlin was geschüdt, wann es forcht syner hüt. Jac. Hartlieb
de fide meretr. bei Zarncke
univ. 1, 86
b (
um 1500);
älter md. geschêde
Germania 7, 362,
ndrhein. geschêde Firmenich 1, 483, 44 (
aus Düren);
in gleicher bedeutung bescheid (Abr. a S. Clara
bei Schm.
2 2, 373, bescheide oder listig
voc. von 1477, beschyde,
expeditivus Dief. 218
a,
mhd. beschîde)
und nd. schide,
astutus Dief. 57
a.
seit dem 17.
jahrh. aus falscher ableitung gescheut
geschrieben und noch bis heute gesprochen, 'gescheut
quod male scribunt gescheid,
quasi idem sit quod modestus. est enim a scheuen,
timere, exponiturque vexatus, omnia timens, suspicax, cautus et metonym. prudens, callidus' Stieler 1763: sie müssen denn nicht klug, nicht wol gescheuet sein. Lohenstein
Ibr. 44; dann er niemalen gescheuet noch witzig gewesen ist. Schuppius 526; das musz ein gescheuter mann sein. Lessing 1, 319; darum, weil die sprache eines volks gescheut und fein ist, darum ist nicht jeder fein und gescheut, der diese sprache redet. Herder 3, 234; einen gescheuten mann (prudens). Kant 5, 266
u. s. w.; Schiller
schreibt gescheid
und gescheut: der gescheide arzt II, 57, 16, ein gescheuter kopf IV, 328, 21;
letzteres auch einige mal bei Göthe: obgleich dem gescheuten alles zuverlässig sein sollte.
an frau v. Stein 1, 322,
im reim auf heute: möge stets so der gescheute nutzend blumenzierde pflegen. 5, 16,
sonst ist in den werken meistens gescheidt
gedruckt, z. b. 14, 261. 270. 20, 135. 210. 22, 215
u. s. w., auch gescheid 8, 75, gescheit 21, 133, gescheiter: weiter 4, 355. —
die richtige ableitung erkannte schon Frisch: 'gescheid,
der die annos discretionis hat, wie man sagt, [] der links und rechts unterscheiden kann, der in viel bescheid weisz' 2, 170
b; vor der zeit wirdt niemand gescheid. Henisch 1531.
vergl. auch bescheiden,
expertus, discretus theil 1, 1556, 2
und das ahd. subst. gascait, gisceid,
klare unterscheidung oder vorstellung. 11)
schlau, listig, verschlagen: ein geschider,
astus Dief. 57
a, gescheid,
vafer, vulpinus Dasyp. E 6
a,
voll lists, versipellis Maaler 172
a, gescheide,
verschmitzt, panurgus Henisch 1533; geselle lieber, hüete al wege dîn, die merker sind geschîde. Hadamar v. Laber 72; dises dorf Wittershausen vor dem Schwarzwaldt, darinn vor jarn seer geschide, listige pawern gesessen und die ain solchen ruof irer geschwindigkait (
pfiffigkeit) halben gehabt, das vil leut dozumal ires rats gephlegen.
Zimm. chron. 1, 301, 14; also der listig gescheid liebhaber die bösen geitigen frawen zu seim willen bracht.
Bocc. 81, 156
a; wie ein junger münch durch seine gescheide list groszen unglucke entginge. 35, 32
Keller; dasz sie solche gescheide hohe list erdachten.
buch d. liebe 312, 1; da sie (
gnade) aber einen verschmitzten, gescheiten antrifft, und der einen groszen verstandt hat und sinnreich ist. Luther
tischr. 95
a; den gotweisen gescheiden mann Ulyssem. Schaidenreiszer 55
b; dein muoter (
Penelope) ist daran schuldig, welche gescheid und listigklich mit uns (
freiern) umgeet. 6
a; wer andern schlingen legte, war gescheut, und wer den fallstrick entdeckte, hies vollends ein durchtriebener kopf. Heilmann
Thucyd. 419; er ist gescheut oder verschlagen, im ganzen aber doch unklug. Kant 4, 37; aber mir wirst dasmal nicht z'gschid (
mich wirst du nicht überlisten)! Felder
Nümmamüllers 67;
von thieren: sô gar ein kundig fohe (
fuchs) sich dunket sô geschîde. Hadamar v. Laber 432; mit list hast an im nit, der fuchs dem wolff ist viel zu gschied. B. Waldis
Es. 4, 94, 12
K.; die schlange war gescheider, denn kein gethier.
buch d. liebe 291, 3;
bildlich: der apt was ein gescheider fuchs (
accorto uomo).
Bocc. 4, 11
b. 22)
arglistig: geschid sin in boszheit,
callere in malicia Dief. 90
c; gescheider, arglistiger,
astutus voc. 1482 m 4
a; gescheid, arglistig, geschwind,
callidus Calepinus (1570) 1617; boszhafftig, geschid, betruglich,
malitiosus Maaler 75
a,
vgl. bösgescheid
th. 2, 257; und mag kein unheil dich verseren oder kein geschider man vertören. Konr. v. Dangkrotzheim
namenb. 515;
vgl.wenn der grosze haufe einen boshaften menschen klug nennt, so hat er oft insofern recht, dasz derselbe wirklich verstand hat, aber darin hat er unrecht, dasz er ... nicht erkennt, einem solchen gescheiten aber boshaften menschen müsse eine weit höhere art von verstand fehlen. Garve
anm. zu Cic. de off. 2, 14. 33)
klug, scharfen verstandes, im gegensatz zu dumm. 3@aa) gescheid,
sagax, solers Dasyp. E 6
a; her (
der vurste von Brunswic) ist wol geschide. Haupts
zeitschr. 13, 517; den gescheiden nennet sy (
die welt) einen luchsen.
meisterl. f. 23
nr. 245; die nachtpauren glaubtens waren nicht gescheider.
nr. 229; du scholt hin und her fliegen und scholt gar gescheit sein, so erkriegstu die notürft dein.
vogelgespräch 335
Haupts ztschr. 6, 101 (15.
jh.); keiser Sigmund, ein weltgescheid mann. S. Frank
chron. (1551) 208
a; nicht allein ein fromer, sondern auch ein weiser, gescheider, ja auch ein küner und kecker man. Luther
deudsch katech. (1529) K 2
a; wer in solchen sachen der geschickste und gescheideste ist. L 3
b; der ich doch für einen ganz gescheidten und geschickten jungen zu gelten glaubte. Göthe 25, 8. 20, 135; einen halberwachsenen sohn, geradezu, aber gescheit und gutmüthig. 21, 133;
Adelheid. ihr werdet nie gescheid werden!
Liebetraut. wird man das, gnädige frau? 8, 55; ob er ihn glatt, oder über den kamm scheren wird, weis ich noch nicht. wenn er aber gescheid ist, so wird er ihn rechtschaffen zerkratzen. Lessing 3, 41; bist du doch nie dummer, als wenn du um gotteswillen gescheid sein soltest. Schiller III, 366; wer urtheilskraft in geschäften zeigt, ist gescheut. Kant 10, 217; ein gescheuter mensch ist ein richtig und praktisch, aber kunstlos urtheilender mensch. 225; das hat er nun eben nicht gescheut gemacht, herr vetter! H. L. Wagner
kindermörd. 29;
[] es gibt wenig menschen, die ein gescheutes gesicht machen können, wenn sie nach der sonne sehen. Lichtenberg 1, 212; der gescheideste einfall, den ein mensch in dieser lage nur haben kann. Schiller III, 496; das bild am kopf (
der pfeife) ist abgewischt; wars dumm, wars ein gescheides. Lenau
neuere ged. 207. 3@bb)
von thieren: es must gar ain gescheider hunt sein, der unterm tisch het gefunden ain pein.
fastn. sp. 783, 17; die wölffe fressen auch offtmals die gescheiden hündlein. Mathesius
Luther 99
b; ein gescheider fuchs wird auch über das fuchsbret gerückt.
hist. von Jesu Chr. 1, 52
b; man fengt auch ein gescheiden fuchs.
froschm. 1, 2, 14 M 2
b; der gescheid han mit dem listigen fuchs. H. Sachs 2, 4, 37; also fahet man die thörechten meus, so man in ein specklin auf die fallen legt, zu den gescheiden ratzen und katzen muosz man ein ander köder haben. S. Frank
spr. 1, 122
b; der gescheiden atzlen sein dannoch jre aier gestohlen. Henisch 1533. 3@cc)
überaus klug, überklug: wir lernen eh arabisch, dann unser muotter zungen recht reden und schreiben, oder verkünstlents aber zu vil gescheid. S. Frank
spr. 2, 12
a; die gescheidten weiber, die das gras wachsen, die flöhe husten und die mucken niesen hören. (Ettner)
med. maulaffe 1045,
schweiz. er ist so gschid, er kört (
gleich g'hört) fasts gräs wachsa. Tobler 234; ein weib, das sich gescheid dunckt, ist ein doppelt närrin. Henisch 1533; ausz gescheiden kinderen werden gecke.
ebenda; siebengescheid,
überaus klug Schm.
2 2, 374, neungescheid,
s. th. 7, 682. 44)
verständig, vernünftig, einsichtsvoll, besonnen. 4@aa) gscheid, verstendig Maaler 195
b; so aber ein fraw weise ist, gescheide, fursichtig und wolredende in guten dingen. Albr. v. Eyb
spiegel d. sitten 13
b; wer mich liset, der mag gescheid und fürsichtig vermerket werden.
vorr. C 4
b; (
die mutter spricht zum gatten der tochter) ir solt aber der gescheider sein. wist ir denn nit, dasz zwen hart stein malen weder sauber noch klein? eins sol dem anderen nachgeben. H. Sachs 17, 154, 30
Keller; der gescheutere giebt nach. Serz 52
b; so bistu doch in dem nicht gscheid, das du ihr den mutwillen zu sichst. Jac. Ayrer
schöne Melus. 1, 335
a; bist gescheid, so leid und meid. Henisch 1533; die — werden erst mit dem vierzigsten jahr gescheut,
sero sapiunt hi Phryges Serz 53
a; der (
Adam) hätte gescheuter sein und lieber gar nichts zeugen sollen, als solches gesindel. J. Paul
Siebenk. 1, 141. 4@bb)
seinem gegensatze narr, thor
gegenübergestellt: wann man anfangt gescheid sein, so will allweg ein narr im spil sein und ein bub mitlauffen. Henisch 1534; du bist ein gescheuter narr,
stulte sapis Serz 53
a; in der that, sehr lobenswürdige anstalten, die narren im respekt ... zu halten, damit die gescheiden es desto bequemer haben. Schiller II, 25 (
räuber, schausp. 1, 1); der gescheidte soll den narren auf dem rücken tragen. Simrock
sprichw. 3476; dem thoren ist der gescheute mann entgegengesetzt. Kant 10, 10; ein thor wird nur durch schaden und alter gescheut.
ebenda. 4@cc)
übertragen auf sachen und abstractionen: eine gescheute regimentsverfassung. Heilman
Thucyd. 1105; ein gescheuter entschlus. 750; ich möchte doch wissen, was für eine geheime kraft in diesem albernen nahmen stecken soll! und das verbot ... ist nicht um ein haar gescheidter. Wieland 12, 168; setz ich nicht in jede bücherlotterie und erstehe die gescheutesten sachen? J. Paul
flegelj. 1, 68;
substantivisch: alles gescheidte ist schon gedacht worden, man musz nur versuchen, es noch einmal zu denken. Göthe 49, 21. 4@dd) nicht gescheid, nicht recht gescheid sein,
etwas verrückt sein, einen sparren zu viel haben Rädlein 363
b. Krämer 542
a. Schöpf 597: ein seltsamer vogt, der unter dem badhütlein erschupft (
eunuch) und nicht recht gescheide war.
Katziporus K 6;
im ausruf zu einem, der wunderliches thut oder erzählt, der sich unnöthige sorge macht u. s. w.: wenn man jemanden auf seine schwänke erwiedert 'ihr seid nicht klug', so ist das ein etwas platter ausdruck für 'ihr scherzt', oder 'ihr seid nicht gescheut'. Kant 10, 225; herr vetter, mit aller ehrfurcht von ihnen gesprochen! sie sind nicht gescheut. denken sie, dasz wir einen landstreicher heurathen wollen? C.
F. Weisze
lustsp. 2, 156;
tirol. bisch gscheid?
bist du bei troste? Schöpf
a. a. o. [] 55)
vorsichtig: gescheid, behutsam,
cautus, providus Henisch 1533. Maaler 195
b. 66)
bescheid wissend, klar sehend, kundig: nun wären wir gescheidt! das ist ein tolles wesen! der teufel mag das ding nun auseinander lesen! Göthe 7, 101; er ist immer noch einmal so gescheid als einer, der vom rathhaus kommt. 14, 82; ich kan nicht gescheut aus dieser sache werden,
nescio, quid hoc sibi velit Serz 53
a;
Jupiter. ich mag es wohl leiden, dasz die leute gescheider (
aufgeklärter) werden. Wieland 25, 148; hier wird man mit schaden gescheid gemacht, hier heists sperr oculos. Rädlein 363
b;
obersächs. einen gescheid machen,
ihn aufklären; in Nordböhmen, jemanden gescheit machen,
ihn bestrafen und dadurch zur besinnung bringen Knothe 251.
auch mit abhängigem casus, 6@aa)
mit genitiv: auff ein zeit redt er mit seiner hausfrawen, welche auch nicht aller dingen geschid war.
rollwagenb. 138, 21
Kurz; es ist kein narr, er ist seins vorteils gescheid. S. Frank
spr. 1, 43
b; sie sind der sachen viel zu gescheid. Fischart
bienenk. 43; gesellschafft suoch disz streits gescheid. J. v. Schwartzenberg 153
d. 6@bb)
mit dativ: eignen sachen ist niemand gescheid gnug. Henisch 1533;
leipz. gescheit dem dinge!
so ist es recht angefangen. Albrecht 122
a. 77)
der viel gelernt hat, gelehrt: über alle meine lerer hastu mich geschiede gemacht, denn deine zeugnis sind meine auslage. Luther 1, 524
b (8, 196, 16
Weim.); er ist gescheut genug,
nimis doctus, scitus est Stieler 1763; ein gescheuter kerl,
homo doctus Serz 52
b; zwar bin ich gescheidter als alle die laffen, doctoren, magister, schreiber und pfaffen. Göthe 12, 29 (
Faust 366
Weim.). 88)
in verallgemeinerter anwendung. 8@aa)
tüchtig, gut, vortrefflich, ordentlich, passend: es ist nun zeit, dasz ich ihnen (
den jungen) einen gescheiden hofmeister halte. hisher habe ich den schulmeister lassen zu ihnen gehen. Rabener
sat. 3, 18; so halt't doch eure mäuler dort, kann kein gescheit wort vor euch reden. Fr. Müller 1, 301; man hat gar zu wenig zeit zum lang und gescheid sprechen dahier. Wieland
an Merck (1835) 223; eine gescheute stunde,
bona horula Serz 53
a;
bair. e gscheids bier, e gscheids feuer. Schm.
2 2, 374;
leipz. er hat keine gescheiten stiefel mehr. es ist nichts gescheites zu essen da. Albrecht 122
a; ein spiel, an dem nichts gescheutes ist,
ludus gravitate carens Serz 53
a; da musz es was gescheidtes werden. Göthe 12, 124 (
Faust 2443
Weim.); weil er der Hedibia nichts gescheiders zu antworten wuszte. Lessing 10, 110;
elliptisch für '
es wäre besser, gerathener'
: tirol. mar bleibn decht gscheidar banond. Schöpf 597. 8@bb)
bair. gscheide weis,
auf vernünftige art, im ernst Schm.
2 2, 374.