ungeziefer(unziefer),
n. ,
älter, ursprünglicher und reicher entwickelt als sein gegenstück geziefer (
vgl. ziefer). II.
herkunft, verbreitung, formen. I@11) u.
ist eine auf gemeingerm. grundlage (
g.* tibr;
an. tafn, tivor, tîfurr;
ags. tîber, tîfr;
ahd. zebar)
erwachsene deutsche bildung, die zuerst im 12.
jh. bezeugt wird. der begriff wurzelt im heidnischen opferwesen (J. Grimm
mythologie 1
3, 36),
dessen unterdrückung hinreichend erklärt, dasz das wort zunächst aus der spr. der literatur und der öffentlichkeit verschwand und in die niederungen des mythologischen denkens zurücktrat. die ausgangsvorstellung hat es mit δαίς,
δαίομαι,
δεῖπνον, daps (Falk-Torp 1240, 1563), '
mahl, opfermahl'
gemein. die überragende wichtigkeit und häufigkeit der thieropfer (J. Grimm
myth. 1, 40
ff.)
muszte auf die hauptbedeutung '
opferthier, vieh' (
daher afranz. toivre, atoivre
entlehnt)
führen, neben der freilich auch die andern bedeutungen der geeigneten opfergabe von früchten, getreide u. dgl., sowie die an. bed. esca feraram, '
a bloody prey' (Cleasby-Vigfusson)
fortbestehen. durch das präfix un wird nun das zum opfer nichtgeeignete bezeichnet, das unreine, verdorbene, aasige fleisch, unkraut, unbrauchbare früchte, unrath sowohl wie das zu opferzwecken nicht geeignete gethier. die annahme (Höfler 922
b),
dasz im heutigen ziefer
der gemeingerm. begriff des opferbaren thieres unmittelbar rein erhalten wäre, wird durch das geringe alter des wortes und durch die möglichkeit, dasz es ungeziefer, unziefer
zur voraussetzung haben kann, zweifelhaft gemacht. auch hier scheint der verneinte begriff, durch un
neu gewendet, verallgemeinert und seiner eigentlichen beziehung auf das opferwesen bald entkleidet, von gröszerer widerstandsfähigkeit als das grundwort gewesen zu sein, während zebar
als bezeichnung des opferthiers mit dem opfer zu grunde gehen konnte; es ist bezeichnend, dasz neben ungesüber, -süfer (
s. u.)
u. s. f. kein gesüber, -süfer
u. s. f. steht. auszer un IV A
kommt für die bed. des schädlichen, widerwärtigen, unheimlichen, verderblichen auch un IV B,
für die mit geziefer 2 a
γ,
δ fast zusammenfallende bed. un IV C
in betracht; steigerndes un IV D (Adelung; u. = urgeziefer Reinwald 1, 50,
vgl. th. 4, 1, 4, 7046)
steht mit der herkunft in widerspruch. geziefer,
ohne (
dem präfix in der wirkung gleichkommenden)
zusatz, wird erst im 17.
jh. versucht (Schmeller 2, 1087
aus cgm. 1219
des 17.
jhs., catalogus 5, 185);
der von Rochholz (
vgl. s. VI
seiner liederchronik)
sprachlich erneuerte text des 1443
entstandenen volksliedes (Tobler 2, 28, 19, 5: das unfich; Staub-Tobler 1, 648)
ist als zeugnis für das 15.
jh. nicht brauchbar (
s. geziefer
sp. 7046).
dem sprachgefühl ist das bewusztsein des wortgeschichtlichen zusammenhanges begreiflicherweise früh abhanden gekommen, subjective etymologie löst die objective ab: schon im 15.
jh. wird u.
an sauber
angelehnt (ungesüber, -süfer, -seuber Staub-Tobler 7, 86
f., ungesuber Oheim
Reichen. chr. 8, 26
Barack, Keisersberg
brosaml. 2, 80
b, ungesüfer
V. Boltz
Pauli bekehrung B 6, ungeseuber G. C. Rieger
schatzkammer 416, des ungesaubers Sastrow 1, 305, A. Henripetri
generalhistorie 289, ungeseufer Sonnentaler
bei Frisch 2, 473
b, Eberlin v. Günzburg 1, 115
ndr., Boner
Plut. 21, Eppendorff
Plin. 47),
mit käfer
zusammengeworfen (
brem. wb. 5, 310, Adelung, Höfler, geziefer
sp. 7046),
mit ziffer numerus (Schottel, Wachter),
mit sippe (D. v. Stade),
mit tewe (
wb. der Eupener spr. 201
a),
mit ziehen (Frisch),
mit ziefen ('
zeugen' Reinwald 1, 50, '
im wachsthum zurückbleiben' Schmeller 2, 1087, Weigand, geziefer
sp. 7045;
die ebda vertretene ableitung, zu dem begriff eines '
kleinen im wachsthum zurückgebliebenen lebewesens'
führend, erfaszt nur eine jüngste, engste bed. von geziefer
und läszt die wortgeschichte von ungeziefer
unerklärt)
oder mit zauber (Diefenbach
vgl. wb. 1, 11)
verbunden. I@22)
ebensowenig wie altgermanisch ist u.
nd.; es fehlt mnd., mnl., nl., engl. wie in den nord. sprachen. freilich dringt es in nd. oder dem nd. benachbarte gebiete ein (ongesiefert of ongetsiefert,
Limb., Schuermans
vlaamsch id. 425
b, ongetsiefer
bijvoegsel 216
a,
vgl. ongedierte, ongewormte; ungezifer Fr. Reuter
bei Müller
lex. 174
b; augezifer
Eupen 10
a;
bei Schmidt-Petersen 149
b ist fries. ungisifer
angesetzt),
ist dort aber wenig heimisch (
in Corners gesangb. reimen ungeziefer: ungewitter Kehrein
kirchenl. 529, 12; 538, 30).
natürlich ist fast überall für die begriffs- und bedeutungsgeschichte lehrreicher ersatz vorhanden, z. b. nord. utyske, utøi,
nl. ongedierte,
vläm. ongroei,
mnd. untûch,
nd. untüg,
nhd. gezeug, unzeug,
fries. undeksen,
lippisch ungefeim (Frommann
mundarten 6, 490), unbrut, unfasel, unfisel, unfrut, ungefisel, ungeschmeisz, ungethier, ungethierze, ungewürm, ungezücht, unvieh, biene
u. s. f. das hauptverbreitungsgebiet ist obd. und md.; Ulrich v. Zatzikhofen,
der verf. des j. Titurel, Joh. v. Würzburg, Schiltberger, Rosenplüt, Meisterlin
und die sog. Nürnberger priamelhs. sind zeugen fürs 12.
bis 15.
jh.; fürs schweiz. s. Staub-Tobler (uzieffer Gotthelf);
els. 2, 893; Schmeller 2, 1087 (ziefer Brenner-Hartmann
Bayerns ma. 2, 450; Lexer
kärnt. 265;
zs. f. d. phil. 26, 1
und die glossare der österr. weist.); Gebhardt
Nürnberg 252; Reinwald 1, 49; 1, 52;
obers. 2, 599
a; 1, 419
a; Crecelius 845;
Lenz vgl. wb. 73
b;
lux. 316
a. I@33)
bei der übersicht über die bedeutungsgeschichtlich eine einheit bildenden formen sind zunächst die ohne das präfix ge-
gebildeten vorangestellt: untziber Rosenplüt
zs. f. d. alterth. 32, 437, 28; unzibel
F. Faber
pilgerb. 764; Ehinger (1529)
bei Klüpfel
urk. z. g. d. schwäb. bundes 2, 344; A. Blaurer
an Bullinger briefw. 2, 495; Fronsperger
kriegsordnung 99
b (1564;
in derselben stelle des kriegsbuchs 1578 1, 134
a ungezibers);
urk. 1602
schr. d. vereins f. gesch. d. Bodensees 28, 94; unzúbel
Württemb. geschichtsquellen 16, 233; unziver Luther 32, 484, 17
W.; Schönsleder lii 5
a; unzifer (unziffer;
vgl. Paul
d. gramm. 1, 283) Schiltberger 60, 30; Rosenplüt
beicht 10;
priamelhs. 13, 118, 13;
heil. leben wintert. 47
a; Meisterlin
städtechr. 3, 151, 159; A. v. Eybe
sp. d. sitten (1511) a a 6
b;
kuchenmaistrey (1497) E 4
b; Luther
vorr. über Daniel 7, 382
B.; 2 Mos. 8, 21
u. o.; ebenso u. v. a. Parac., Sachs, Seb. Franck, Mathesius, Fischart, Fronsperger, J. Ayrer,
die österr. weist., Aeg. Albertinus, Petri, Moscherosch, Dannhawer, Abr. a St. Clara, Hohberg;
von lexicographen Alberus, Frischlin, Megiser (onziffer), Henisch, Dentzler, Aler (
vgl. Fischer schwäb. wb. 3, 644);
nicht beweisend für die nhd. dehnung des stammvocals (Wilmanns
gr. 1, 322;
facultative länge im mhd., wie sie Falk-Torp
ansetzen, unbelegt) unzyfer Luther 25, 601
W.; Sachs 1, 381, 29
K.; Weckherlin 2, 160, 141 (unzúffer G. Blarer 1, 491; unzuffer Meisterlin
städtechr. 2, 151, 18
var.);
doch unzeiffer Luther 26, 532
W. und das sehr oft bei ein und demselben schriftsteller mit unzifer (unziffer)
wechselnde unziefer (unzieffer): Luther 4, 382
b Jen.; Bindseil 7, 484; Sachs 17, 125, 6
G.; Kirchhof
wend. 2, 166; Huberinus
form zu predigen 49
a; Schmidel
reise 30, 19. Fischart
bei Böhme
in Pfeiffers Germ. 28, 406; Tabernämontanus
kräuterb. 1221;
später u. a. Guarinonius, Petri, Meyfart, Grimmelshausen, Harsdörffer, Dannhawer, Buchholtz, Aitinger, Happel, Abr. a. St. Clara (ohnziffer
neben unziefer
a. weiszheit lustg. 357, 579; unziefer Treuer
Däd. 1, 777); Orsaeus, Schottel, Rädlein, Ludwig 1716;
von Adelung
und Campe
als obd. verworfen; 'unziefer,
besser ungeziefer' Braun (1793) 274
a; Hügel
Wiener. dial. 177; Unger-Khull 611
b; Gebhardt
Nürnberg 252.
neben diesen formen gehen solche mit collectivem präfix ge (
oft nebeneinander gestellt, z. b. A. v. Eyb
sp. d. sitten a a 6
b untzifer,
in der gleichlautenden stelle d. schriften 2, 139, 9 ungetzifer; Schottel, Kramer, Rädlein; utsiver
neben getsiver Gebhard
Nürnberg 252):
mhd. ungezibere
j. Titurel 5198; ungeziber B. Waldis
Esopus 1, 359
K.; Fronsperger
kriegsbuch 1, 134
a;
mhd. ungezibel Ulrich v. Zatzikhofen
Lanz. 5043; Joh. v. Würzburg
W. v. Österreich 1066; ungezifer, ungeziffer: A. v. Eyb
d. schr. 2, 139, 9;
Wilw. v. Schaumburg 170; Paracelsus 1, 309 A; B. Waldis
Es. 2, 31
K.; Münster
cosm. 245; W. H. Ryff
confectb. e 2
a;
sp. d. gesundheit 97
a; Eppendorff, Mich. Herr,
M. Lindener, Christ. Masz, Nas, G. Rivius, Sebiz, Tabernämontanus, Fischart, Eyering, Zinkgref, Grimmelshausen, Neumark, J. Prätorius, Hohberg, E. Ch. v. Orleans; J. J. Schwabe
bel. 1, 311,
im reim auf tiefer; Lindenborn
Diog. 2, 24, 289; ungeziffer
noch Stifter 5, 1, 356 (
vgl. zifferfeinde und ungeziefer Brentano 5, 330). ungezüffer Hedio
chr. germ. 254
a; ungezyfer Weckherlin 1, 307. ungeziffer Frisius, Maaler, Hulsius-Ravellus;
vgl. Lenz
vgl. wb. 73
b.
unsre normalform ungeziefer (ungezieffer,
zur dehnung s. oben unziefer;
in mundarten findet sich gedehnter wie ungedehnter vocal z. b. obers. 2, 599
a, Heilig
Taubergrund 70)
tritt im 16.
jh. hervor (ungezieffer Parac. 2, 310 B,
allerdings im druck Husers 1616; ungziefer Seb. Franck
sprüchw. [1541] 1, 135
b; Ryff
thierb. B b 6
a u. ö.; Höniger
sarracen. gesch. [1580] 54; Hertzog
schiltwache L iiij),
wird im 17.
jh. häufiger (Opitz, J. Böhme, Harsdörffer, S. v. Birken, Prätorius, Ziegler, Ch. Weise, Ad. Olearius, Arnold, Abraham a St. Clara; Zehner
nomencl. 211;
nomencl. in usum schol. Hamb. 1634, 161; Garth-König 371
a; Wiederhold 389
b; Schottel 650; Stieler 1951),
erscheint im 18.
jh. noch oft in der schreibung ungezieffer (J. G. Schmidt
rockenphil. 1, 74; Hohberg
georg. 3, 6
b; Brockes
vergn. 4, 204; Frisch
nouv. dict. 625,
doch 1741 ungeziefer)
und verdrängt in der zuletzt genannten schreibung schriftsprachlich alle andern formen. IIII.
bedeutung und gebrauch. die unter I 1
entwickelte grundvorstellung erhält in der anwendung verschiedene färbungen. II@11)
von sachen durchweg collectiv gebraucht, bezeichnet es unreines und verunreinigendes, ekelhaftes, widriges, schädliches, verderbliches: zum funfunddreissigsten soll man ... kain unzifer an die gassen werfen (1533)
niederösterr. weist. 2, 233, 21; 222, 3; 525, 28 (
auch abraum, unrat aller art); so sie dann kommen bisz auff den bronnen, so mag man schelmen oder ander unzibel hinein werffen, ihnen das wasser also verunreinigen L. Fronsperger
kriegsordnung (1564) 99
b (schelten oder andersz ungezibers
kriegsbuch 1578, 1, 134
a); Staub-Tobler 7, 87, 2; Wedel
hausbuch 100;
unholz, unkraut: uff und nach söllichem hat der ... ackerman ... angefangen ... die unnutzen schosz, dorn, tistel und alles ungebuwen gestüd und heger uszgerütten, hat nit nachgelassen, bis alles ungesuber und unholtz usgerüt Oheim
Reichen. chr. 8, 27
Barack; vgl. unsauberes,
das unsüfere
der wiesen Staub-Tobler 7, 76
und ungeseuber Frisius 1217
a; ich hab die knecht zwaimal gehaissen, sy solln die dörner und das ungetzifer ausz dem acker tragen A. v. Eyb
d. schr. 2, 139, 10;
der fuchs nennt so die unerreichbaren birnen: fürwar, ich ir nit wil; sein noch nit reiff, ja hart und sawr, es fresz kein hungeriger bawr. ich kenn gar wol das ungeziber: ders iszt, der kriegt fürwar das fieber B. Waldis
Esopus 1, 359
K. 3, 73, 29;
unflat, kot, unrat: Frisius 1199
b,
vgl. die österr. weist.; syn. geschmeisz 1, 2
th. 4, 1, 1, 3942; je weniger hat es (
das metall) dessen (
des quecksilbers) khots, unziefers und art bey Guarinonius 40;
vom quecksilber dieses unziefer und gifft
ebda; übertragen: irrdischer wuost und ungeseuber Frisius 1306
b; Staub-Tobler 7, 87; diesem ungeziefer und sawrteig der muamedanischen lehrer Höniger
sarrac. gesch. 54 (
vgl. geschmeisz 2 c); mensch, solltestu in dir dasz ungeziefer schauen, es würde dir für dir als für dem teufel grauen A. Silesius
wandersmann 34
ndr.; beliebt bei Luther,
syn. mit dreck, plunder, wust, krimskrams, unfug, unsinn, gräuel
u. dgl. (
vgl. geschmeisz 5): für groszem unzifer menschlicher aufsetze 8, 88
a Jen.; 6, 103
b und 6, 512
b unter geschmeisz 3, 5; 4, 382
b; 6, 96
a Jen.; denn in den selben (
stiften und klöstern) regiert er und treibt sein gauckelspiel mit seinem weywasser, messe, vigilien, ablas, fegfewr und des unzelichen unzifers viel
vorr. über Daniel 7, 382
Bindseil; 26, 601
W.; unzibel der messe Ehinger
bei Klüpfel
urk. z. g. d. schwäb. bundes 2, 344.
in n. spr. veraltet, nur noch bildlich (
von intriguen Chr. Gryphius
poet. wäld. 2, 406;
von druckfehlern Heinse 9, 324; Holtei
erz. schr. 39, 154)
und durch bed. 3 b
hindurchgegangen: Voss
antisymb. 2, 269; lauset euch an Christi brust von der sünde ungeziefer! Heine 1, 470. II@22)
von unheimlichem und geisterhaftem, wobei neben dem von der kirche für dämonisch erklärten opferwesen thierseelen- und tabuvorstellungen mitgewirkt haben können. vgl. ungeheuer,
ungethüm und den gs. der heimlichen, geheuren thiere, der hausthiere und ziefer (J. Grimm
myth. 1, 46).
so von gespenstern und geistern Staub-Tobler 7, 87, 1 b;
fliegendes und kriechendes u.
und gewürm war ein gegenstand der scheu und wurde mit bösen geistern in zusammenhang gebracht, s. th. 5, 19; geschmeisz 4
sp. 3943;
dazu 3 Mos. 11, 41
f., apostelg. 10, 12; Göthe
Faust 4305; ungeziefer
im volksaberglauben Wuttke (1860) 171, Meyer
abergl. des mittelalters (1884) 82 (ungeziffer weg bannen Prätorius
katzenveit H 8
b; beschwören Scheffel 2, 77; machen Prätorius
Blockesberges verr. 151; erzeugen Laistner
nebelsagen 329);
auch unsauber
spielt wieder hinein (Staub-Tobler 7, 78 d
β '
nicht geheuer'; unsaubere geister Luther, Prätorius, Göthe);
unverstandenes wie ziebchen (Hertel
Thür. 264)
kann auch hier anknüpfung finden. so vom teufel und von teuflischem: du heylest sy (
deine seele) dann mit rew und mit peicht, vor dem alles hellisch untziber hin weicht, Hans Rosenplüt
spruch v. d. welt 28; das pös untzifer (dy hellischen zwerg)
beicht 10; ein wohnung aller hellischen drachen, würme und ungeziffer
Faust volksb. 36
ndr.; vom teufel J. G. Schmidt
bei Müller-Fraureuth
obers. wb. 1, 419
a; ihr höllisches u., nur immer heraus vor meine christliche klinge! Eichendorff 3, 256 (
vgl. höllisches ziefer Schönherr, sauberes ziefer
v. einer trute J. J. Schwabe
tintenf. B 7
b).
von wölfen: dan das gebirgte gebe des ungesaubers viele Sastrow 1, 305; '
ältere abergläubische bez. für den wolf' Unger-Khull 611
b; die schäfer dürfen in denen zwölf christ-nächten den wolf nicht nennen ... daher geben sie ihm solcher zeit allerhand namen als u., feind, rähes
u. dgl. rockenphil. 1, 224; J. Grimm
Reinh. Fuchs liv
a. 2;
myth. 1, 46;
zs. f. d. wortf. 10, 170;
vgl. unten 4; wegen des ungeziefers der wölf
schulakten 1656
Württemb. vierteljahrshefte n. f. 11, 154.
von drachen Sachs 12, 152, 6
K.; Zimm. chr. 4, 211; J. Neuhof
gesantschaft (1666) 189
b; Nicolai
reise 2, 629;
von ungeheuern, monstrositäten: den jungen affen Waldis 2, 31
K.; Reinke 6025
ff. (
schlangen und affen vor allen andern thieren dem teufel unterworfen Luther
s. th. 9, 441, 445);
des meeres Fischart
gorg. Med. kopf 418, 8
H.; ob ein basilisk oder sonsten ein monstroses gifftiges wunderthier oder ungezifer aus demselben (
hahnenei) hervorgebracht werden könne E. Gockelini
der eierlegende hahn (1697) 34;
auch im Lanzelot 5043,
bei J. v. Würzburg 1066
und im j. Titurel 5198
ist von ungeheuern, nicht etwa von insecten die rede. feindselige ungeheuer, übertragen, im geistlichen sinne: weil .. er (
der christ) darin (
in der welt) lebt als unter schlangen und allerley unziver Luther 32, 484, 18
W.; J. Böhme 2, 656;
gewissenh. priester 12; Arnold
ketzerhist. 212
b;
im allegorischen bilde Huberinus
form zu predigen 49
a;
ra.: etwas als ein unzieffer meiden und fliehen J. Moysz (1581)
vorr. vgl. geziefer 2 a
γ und geziefer
syn. mit unthier
bei Freiligrath. II@33)
von thieren im allgemeinen, die ursprünglich unter ähnlichen gesichtspunkten wie die bei 1
und 2
beobachteten betrachtet wurden, wobei entstehung aus aas, unrat u. s. w. oder aus abergläubisch aufgefaszter handlung (Prätorius
glückstopf 380)
eine rolle spielte, bes. verderblichen, schädlichen, ekelhaften, widrigen, plagenden, lästigen, schmarotzerhaft - überflüssigen, verächtlichen u. dgl. meist collectiv (
heil. leb. wintert. 1471, 47
a; Brockes
ird. vergn. 4, 204;
Fischarts sprache ein urwald ... voll sonderbaren ungeziefers und gewürms Gervinus
g. d. dicht. 3, 164; groszes u. musz dasein, um das kleine zu vertilgen Gutzkow
ritter v. geiste 4, 215),
doch auch individuell, bes. in älterer zeit (wiewol das geringste u. gottes allmacht zu preisen .. genug wäre Lohenstein
Arm. 2, 216
a; ein u., das mir grosze freude gemacht hat, die ... cicada graeca Göthe IV 34, 46, 8
W.)
und mit plur. (vorausz wachsen die unziffer Parac. 1, 137
B.; Herr
feldb. 48
a; die katzen und andere u.
viehbüchlein 1667, 119; H. Braun
orthogr. gramm. wb. 271
a).
das derbere (Weigand
syn. 3, 871) geschmeisz (
s. d. sp. 3942, 4)
hat auch diese bed. entwickelt; mit dem begriffsverwandten gewürm,
das vielfach als engerer begriff (
s.gewürm sp. 6821),
sonst nahezu synonym (
vgl.böses gewürm Herder, gewürm
sp. 6823, unreinen würmen 6824)
mit u.
verbunden wird (
sp. 6821
ff. 6824
f.),
theilt es die bei dieser gruppe collectiver begriffe wie gewürm, gethier,
nl. ongedierte
hervortretende neigung, in der jüngsten bedeutungsentwicklung die richtung auf kleine und kleinste lebewesen, das kriechende und fliegende kleine unzeug zu nehmen (gewürm
sp. 6824, 6826;
die collectivbildung kann nicht nur steigernd, sondern auch mindernd wirken, indem sie das einzelne in der masse verschwinden läszt),
womit denn der untergang der sacralmythologischen grundvorstellung besiegelt ist. uns unbewuszt lebt sie in der durch un
improbativum (
s.un IV B)
ausgedrückten, für unsern begriff ganz wesentlichen, bedeutung fort, die meist (
nicht bei Ryff
thierb. 1545 B b 6
a: das gewürm und ungezieffer, schedliche und unschedliche, welche man insecta nennen mag)
kräftig unterstrichen (
z. b. das allerschedlichst unzieffer Sachs 17, 125, 26
G.; disc. d. mahlern 4, 113;
M. Mendelssohn 3, 414; das, bezüglich auf schädlichkeit, sogenannte u. Göthe IV 40, 169
W.; Naumann
vögel 1, 339; böses Neumark
fortg. lustw. 1, 3; giftig Ryff y 6
a; Opitz
poem. 36
ndr.; Klinger 8, 65; '
schädliche thiere kleinerer art, bes. insecten und gewürm ..., vornehmlich solche, welche durch beiszen und nagen beschwerlich fallen' Adelung;
von schlangen: das häszliche u. Göthe IV 1, 6
W.; bei den insekten will ich nur anmerken, dasz du sie nicht mit dem schändlichen namen u. nennest Hegel 11, 1, 4; er meinte, die Franzosen seien blosz räuber und mörder, man müsse sie ausrotten wie ungeziffer Stifter 5, 1, 356;
vgl.gewürm sp. 6823; abscheulichen ungeziefers S.
Brunner erz. 1, 31; H. v. Barth
kalkalpen 484)
oder zur vorstellung des schmarotzerhaft - überflüssigen, verächtlichen abgeflacht erscheint (
z. b. das u. des ungeziefers Schopenhauer 2, 207; Staub-Tobler 7, 86; Adelung)
und sich zu scherzhafter verwendung eignet (sie hatten ja einen ganzen haufen von solchem u. bei sich,
von lästigen papageien und kakadus Holtei
erz. schr. 10, 187; entfernen sie dies vierbeinige u.
einen hund 1, 49).
gth. schönes geziefer
s. geziefer
sp. 7047. II@3@aa)
im weiteren sinne umfaszt u.
einen groszen kreis von thieren (
aufzählungen Krünitz 196, 345
ff.),
meist solche, die ersichtlich der bed. 2
entkleidet sind: pysz die störch hinein chomen und vertreyben die schlangen und die nottern, wann das unzifer wanung hat unter den paumen und darauff Schiltberger 60, 30; musten im viel unziffers fangen, als eidechsen, krotten und schlangen Sachs 8, 465, 18
K.; ungziefer des wassers Franck
sprüchw. (1541) 1, 135
b; Grimm
kinder- und hausmärchen 2, 113; kriechendes ungezifer der erden Christ. Masz
practica (1566) A 4
b; Kramer (1702) 2, 1449
b;
3 Mos. 11, 42, 29;
vgl. fliegendes u., gewürm (
s. d. sp. 6823) der erde, fliegendes
und kriechendes gewürm (
ebda sp. 6825); vor katzen, ratzen, iltnisz, eidern, mäusen, eulen, habichten und anderm u. und schädlichen raubvögeln
viehbüchl. 118; ratten, mäuse oder sonstiges u. Manes
versicherungslex. 283.
sonst, bes. in ä. spr., von einem krebs Lindener
katzipori 115
ndr.; hirschen acta germ. 1, 3, 39 (
scheltend); dem u. der crocodile Ziegler
ban. 686; dieses königliche unziefer
der seidenwurm Harsdörffer
trichter 3, 422; der henker hohle die verfluchten unholden, die so unbarmherzig sein konnten, ein so hübsches kleines gesichtchen in ein u. (
schmetterling) zu verwandeln! Wieland 11, 89; Ebner-Eschenbach 4, 160.
ähnlich gewürm
vom kohlweiszling s. gewürm sp. 6826; unser pfarrer friszt das u.,
eine schnecke Göthe 37, 113, 7
W. u.
in der wappenkunst Zedler 49, 1516. II@3@bb)
im engeren sinne insecten (
vgl. Ryff
oben): in altem gmîr dô ruotend wir: vol was die stat unzibels, der ruow was nit vast vil
F. Faber
pilgerbüchlein 764; Luther
wählt es 2 Mos. 8, 21; arof hebraice, unziuer
tischreden 2, 103
W.; vgl. zu 2 Mos. 8, 21 (
s. geschmeisz 4,
Bindseil 7, 484);
insecta ungezifer Chytraeus 377; unzifer
noxium volatile Alberus Tt j
b; fliegend ungezifer Frischlin (1591) 117;
nomencl. (1634) 161; Kramer (1702) 2, 1441
b; u., gewürme: insecta gehören unter die anzahl der thiere und sind knochen- auch blutlose kleine auch vollkommene thierlein, welche eine pergamentähnliche haut und merklich eingekerbten leib haben. sie bestehen in allerley mücken, fliegen, käfern, sommervögeln, spinnen, maden, erdflöhen, baum und andern läusen, baum-wantzen, ameisen, raupen, regenwürmern, schnecken, heuschrecken und anderm fliegenden, kriechenden und gehenden gewürme, so menschen und vieh, gewächsen sowol als anderen dingen beschwerlich sind
allg. haush. lex. (1749
ff.) 3, 607; u. nistet sich ein Lichtenberg
br. 1, 251; überhäuft sich Mayfart
Sodoma 1, 330; nimmt überhand Laube 8, 336; u. ausbrüten Fouqué
gefühle 1, 44, haben, bekommen, kriegen, abschütteln (sich des ungezüffers erschütten Hedio
chron. g. 254
a); fangen, von u. bekrochen werden G. Keller 6, 346, an u. leiden Immermann 3, 58; reinigen von u., lebendig voll u. sitzen (stecken Happel
ak. rom. 634), von u. starren Laukhard
leben 3, 240
u. s. w. ra.: dos u. friszt unsereenen bale ganz uf Polenz
Grab. 1, 63; dasz ihr der scharfrichter das u. von ihrem runtzlichen fell abfegte
vern. tadl. 1, 230; Staub-Tobler 1, 1183; damit (
dasz man eine arme nimmt, damit sie einen desto besser versorge) setzet man sich oft u. in peltz G. Cober
cabinetprediger 1, 113;
vgl. th. 6, 352; 7, 1534; das haus anzünden, um das u. daraus zu vertreiben Moltke 2, 120. Campes,
unter geziefer
sp. 7046 c
erwähnter versuch, für das einzelne insect ziefer (
s. d.)
anzusetzen, war erfolglos. II@3@cc)
als krankheitserscheinung oder krankheit, fäulnis u. dgl. verursachend (ziefer kolik
bei thieren s. schwäb. wb., giftig ziefer
qualster Höfler 852
b und das syn. wurm
ebda 820
b ff., geschmeisz 2 b): das weret den würmen und dem untzifer und dem faulen fleisch
kuchenmaystrey (1497) E 4
b; all ungezifer des leibs Ryff
hauszapoteck (1548) e 2
a; das vertreibt die würm und alles unzifer, das in einem menschen wachsen mag Gäbelkover 2, 140; südwinde ... mehren die feuchtigkeit, gebähren flüsse, husten, schnuppen, ungezieffer und würmer Hohberg
georg. 3, 6
b; sie leiden an u. — ach, wenn ich nur einmal die würmer ganz los wäre G. Büchner
nachgel. schr. 135.
bildlich: wenn der herr Christus ein solchs unzifer im bauche hette, so muost er ein starcke purgation einnemen Rauscher 100
pap. lügen (1562) O 1
a;
vom himmel gefallenes u.,
pestilenz verursachend Nigrinus
papist. inquis. 522.
bauchweh beim vieh s. schwäb. wb., pferdekrankheit, ebda. das Pandorisch ungezifer
krankheiten aus der hexenbüchse der Pandora Fischart
ehzb. 54, 30
H. verunreinigendes D.
F. Strausz 5, 289. II@3@dd)
in manchen verbindungen verallgemeinert und verflacht sich die bed. erheblich; z. b. geziefer und u. Wieland 14, 128
unter geziefer
sp. 7047, 2 a
δ,
wozu un
sp. 26, 3
die erklärung gibt; ähnlich thieren und geziefern Merck geziefer
sp. 7046 d; vermaledeyt under allem unzifer und viech der erden B. v. Chiemsee 138; Frisius 964
b;
zur abgrenzung s. gewürm sp. 6820; thieren und ungeziefern
N. D. Giseke 37. II@44)
auf menschen übertragen; vgl. ziefer,
geschmeisz 6,
mnd. untûch;
nl. ontuig (
wb. 10, 2001, 4);
dän. utøi; unzeug, gezücht 2 c, ungezücht, gelichter, gesindel, brut, gewürm
sp. 6827
ff. u. dgl. Sanders
syn. (1882) 440;
umgekehrt führte mhd. undiet
zu uted, utede, uteder '
ratten und mäuse'
der nord. sprachen (Falk-Torp 1323)
und mnl. ongediede
zur bed. ferae. zum bilde Görres
br. 3, 115;
wortspiel G. Blarer
br. u. akten 1, 490.
collectiv: darumb was unziffer tüt verzern, do man arm leüt mit solt nern
sog. Wolfenbüttler priamelhs. 13, 118, 13;
gemeint sind ungeladene gäste, mit hunden, katzen, fliegen, flöhen, läusen zu vergleichen; ähnlich gewürm (
s. d. sp. 6826)
von schmarotzern; vgl. unten; von juden Meisterlin
städtechr. 3, 159;
N. besach die veint auch und als die ordnung gemacht, kam er wider, sagt 'des ungeziffers ist vile'
Wilw. v. Schaumburg 170; Luther 26, 531, 532
W. von seinen gegnern; dazu th. 4, 1, 2, 2827, gejäde 3 a; geschmeis und unzifer
des papstthums s. geschmeisz 6;
von Romulus u. Remus Sachs 20, 151, 25; 162, 11
G.; 4, 15, 26
K.; unwürdigen senatsmitgliedern Münster
cosm. 245;
hofgesinde Franck
Germ. chron. 43
b; Stilling 4, 544;
straszenräubern Micrälius 4, 494; pfaffen E. Ch. v. Orleans 5, 279;
jungen gelehrten Lessing 1, 322; 5, 270;
dirnen Bode
Thom. Jonas 2, 354
u. s. w.; hier ist u. im hause,
schmarotzer, theater der Deutschen 7, 304; die besitzlosen arbeiter ... galten für eine art u. Varnhagen v. Ense
tageb. 4, 201;
mit näheren bestimmungen: das geschmeisz und ungeseufer der pfaffen, münch und nunnen Eberlin v. Günzburg 1, 115
ndr.; Luther 6, 103
b unter geschmeisz 6; Rückert 10, 187; das unzúbel der reiter
Württemb. geschichtsquellen 16, 233; si ... habend ain grosz unzibel von huoren und trossbuoben Ambrosius Blaurer
an H. Bullinger (1546)
briefw. 2, 295; das u. der schmeichler
litbriefe (1761) 11, 10. u. eines staates Dusch
verm. schr. 195, das u. einer ruhigen welt und eines langen friedens A. W. Schlegel
Shak. 6, 139. das gelehrte u. Liscow
vorr. 53; das poetische u. Gottsched
d. neueste 2, 311; diesem literarischen u. (
kritiker) Börne 1, 172; das u. in schönen kleidern Chr. Weise
zs. f. d. wortf. 2, 34.
s. auch bubengeziefer, zifer
niederträchtige bande els. 2, 893, geziefer
als schimpfwort. individuell: sie ist ein rechtes u. Kramer (1702) 2, 1449
b; ich glaube, das weibliche u. will uns höhnen?
neue schausp. (1771
ff.) 10, 1, 35;
vgl. frauengeziefer, geziefer
sp. 7048
und ziefer,
das aber auch ein kühnes, listiges mädchen ( v. Klein 2, 246),
eine muntere dirne (Schmid
schwäb. wb. 548)
bezeichnen kann; von Esopus Sachs 20, 129, 5
G.; an meine blume soll mir das u. (
der hofmarschall ist gemeint) nicht kriechen Schiller 3, 453 (
kabale u. liebe 4, 3);
der schäfer redet seinen pfarrer, der Wolfgang oder Wolf hiesz, in den zwölfnächten 'herr Ungeziefer'
an rockenphil. 1, 225;
vgl. oben 2. weg! mit den ungeziefern! Lohenstein
Arm. 2, 690
b. unziefer, u.
auch ein schimpfwort für ausgelassene kinder Hügel
Wiener dial. 177;
ebenso ziefer (Rosegger); wenn im das maul auffgieng, schalt er mich 'du jüdisch unzifer, du christlich unzifer' J. Wild
neue reisbeschr. (1613) 62; juckt dir das räudige herz noch? ... ha u., das sich im schimmer brüht! maler Müller 2, 206; Pansner 73
b. II@55)
zusammensetzungen: einerseits kopfu. Höfler 852
b; haus-, hofu. Sanders
erg. wb. 672
c u. dgl. (
durch etwas kürzere form empfahlen sich eher adelsgeziefer, sorgengeziefer
u. s. f.),
anderseits