geziefer,
n. ,
spät belegte bildung. 11)
verschiedenartig gedeutet wird die stellung zu dem verbreiteten ungeziefer (
s. d.). 1@aa) Jacob Grimm
erklärt ungeziefer
als unthier: 'die ältere richtige schreibung war ungeziber (
bei Burc. Waldis 184
b), und es ist die verneinung von ziber, zeber
althochd. zepar,
angels. tiber, opferthier,
altfr. toivre, atoivre'
Reinhart Fuchs 54;
vgl. auch mythologie 1
3 33.
dazu vgl. hostia, cepar edho daʒ kote antfenki ist ende kotes pipot
keronische glossen s. Steinmeyer - Sievers 1, 171; zepar
sacrificium s. Graff 5, 580;
vgl. hwaêr is ðaet tiber ðaet dû torcht Gode tô ðâm brynegilde bringen þencest
angels. genes. 22, 7 (
ubi es victima?)
u. a. s. Bosworth-Toller 981
c.
so wird ein gegensatz gewonnen zwischen thieren, die zum opfer dargebracht werden können, und solchen, die durch miszgestalt oder unansehnlichkeit des wuchses davon ausgeschlossen sind. bildungen mit un,
die hierzu stimmen, begegnen freilich erst in der mittelhochdeutschen zeit, einmal ungezibele (
mhd. wb. 3, 873
b);
einmal ungezibere (Lexer 2, 1892): vor der burc lît ein hac, dâ nieman durch komen mac vor grôʒem ungezibele. da ist alleʒ ein genibele niden an der halden. von würmen manicvalden ist der hac behüetet harte. Ulrich v. Zazikhoven
Lanzelet 5043; den ist unkunt die edelkeit des grales, von dem kein ungezibere uberal in salva terra hat niht trales. Albrecht v. Scharffenberg
jüng. Titurel 5198;
dazu vgl.: da würget man sie mit widen und stricken an hohen galgen und baumen ... da ward ein groszer jamer: etlich clagten ire man, etlich ir kinder, etlich ire brüder, und was ein gemain weinen umb das unzifer, das auf dem Eyberg hieng Sigmund Meisterlin
dtsch. städtechr. 3, 151; gebieten den Juden, dasz sie in jaresfrist alle heuser verkauften ... reuten daʒ unzifer
aus 159.
von solcher bildung und verwendung soll sich dann geziefer —
ohne änderung der bedeutung —
losgelöst haben. Schmeller 2
2, 1087 (
vgl. auch 1074)
findet die ableitung von opferthier zu 'nobel
und antik'.
er weist aus fränkischem gebrauch zifer, gezifer
als benennung für das federvieh nach (
vgl. auch zeifelein [
Grabfeldgau] junges huhn)
und kann im fränkischen zifen, zifeln (im wachsthum zurückbleiben,
vgl. zipun,
ignavos glossen zu Prudentius s. Graff 5, 578; arzibuta,
residem [
ovem morbo]
ebenda)
die grundlage nachweisen, auf der sich gerade der begriff des minderen wuchses entwickeln mochte. vgl. auch zib, zibele,
lockruf für junges geflügel Schmeller
a. a. o.;
vgl. auch: geziefer, junges federvieh, unnöthiges federvieh,
auch (
Meiningen) kaninchen, stallhasen [Reinwald 1, 49; 3, 52] Spiesz
beitr. z. Henneberg. idiot. 78;
auch für das Schwäbische bucht Birlinger
neben der übertragenen bedeutung (schwarm junger mädchen)
und der von ungeziefer
die zum obigen stimmende: geziefer ... geflügel des hauses
wb. z. volksthüml. aus Schwaben 34.
dazu vgl. aus dem österreich. jetzt ziffer, zifferig, kärglich ... kränklich, mager Unger-Khull 651.
diese auffassung wird auch dadurch gestützt, dasz unter den übertragungen, die hier gerade früh ansetzen, neben der frauenwelt (
s. frauengeziefer
unten)
auch die jugend eine besondere rolle spielt; freilich mit der wendung ins böse s. bubengeziefer
sp. 7048.
aus solcher auffassung erklärt es sich auch leichter, wieso geziefer
und ungeziefer
in einer und derselben bedeutung zusammentreffen, denn diese thatsache steht fest, wenn auch zeitliche, landschaftliche und stilistische sonderneigungen, die auf grund der genaueren vergleichung von ungeziefer
mit geziefer
sicherer gefaszt werden, den gebrauch beider bildungen wieder gliedern (
vgl. sp. 7047).
jedenfalls konnte geziefer
als sammelname für kleine lebewesen leicht die intensiv steigende partikel un
an sich ziehen —
namentlich zur bezeichnung von gröszeren thieren — (
vgl.unwetter,
unthier, ungewürme [Lexer 2, 1890 ],
auf die Much
dtsch. literaturz. 1896
s. 492
verweist),
während ihm die für ungeziefer
entscheidende richtung auf lästige thiere nicht so wesentlich scheint, so früh sie auch bezeugt ist. wenn die entwicklung des sammelbegriffes geziefer
auf dem umweg über ungeziefer
gesucht wird, bleibt die unterdrückung des präfixes un
zu rechtfertigen, wozu die berufung auf bestimmte compositionsformen (
s. sp. 7048)
doch nicht ganz ausreicht. 1@bb)
beachtenswerth sind zeugnisse des 16.
jahrh., die formen mit und ohne das präfix ge
in diesen bedeutungskreis stellen. Chyträus
bucht als niederdeutsche form zefer:
insecta, ungezifer, geschmeisz, gewörm ...
buprestes, ein giftig zefer, darvan de ossen odder köye sterven
nomenclat. latino-saxonicus (1525) 377. 379;
cantharis, goldtzefer, spanische fliege 379;
brucus vel bruchus, ein zefer 380 (
vgl.bruchus,
raup, hewschreck, käfer Calepinus 179;
cantharis, grüne käfer 202
u. a.).
dazu stimmt (
als sammelbegriff)
das erste zeugnis für geziefer,
das freilich aus spätererer und durch varianten bestrittener überlieferung gewonnen ist: nun schüttle sonder tadel den pfauenwedel du! man staübt aus seiner stuben geziefer vor dem schmaus, mit pfeifen und mit tuben führt man die braut nach haus.
Schweizer schmachlied, das man für die Öestreicher 1444
gemacht s. Rochholz
eidgenöss. liederhandschr. 67 (
bei Tschudi 2 [1736], 414: man mus das unvech stoüben);
dieser —
zwar zum vergleich mit menschen angezogenen, aber doch —
sinnlich erfaszten verwendung steht bei Luther
der erste beleg für die so viel beobachtete übertragung auf den menschen gegenüber: mit gedult in gott werdt jrs uberwinden und euch des buben geziffers gar nichts trösten 34 II 91. 1@cc)
während das 16., 17.
und 18.
jahrh. weitere zeugnisse stellen, bleiben die wörterbücher lange zurück. Steinbach
führt geziefer
vor ungeziefer,
insecta an 2, 1090 (
ebenda ziefere,
frigutio als schlesisches wort); Frisch
bucht ziefer
als grundwort zu ungeziefer 2, 473; Adelung
verweist von geziefer
auf ungeziefer 2, 673.
dazu vgl.: unser allgemein bekanntes ungeziefer setzt geziefer, so wie dieses ziefer voraus Campe
verdeutschwb. 378; weil das daraus abgeleitete sammelwort, geziefer, da wo es noch jetzt gebräuchlich ist, eine sammlung solcher thierchen (
insecten) ... bezeichnet
ebenda; ich trage also darauf an: dasz man ziefer für ein einzelnes insect ... geziefer für mehre arten solcher insecten zusammengenommen, wieder gebräuchlich zu machen suchen möge
ebenda. mundartlich hat schon Reinwald
aus dem Hennebergischen geziefer
an ziefer, junges haus-federvieh
angelehnt und auf ziefen
zurückgeführt, das er mit zeugen (geziefer-gezücht)
zusammenstellt idiotikon s. 50;
vgl. auch Spiesz
s. 78.
ostmitteldeutsch wird geziefer
von Müller-Fraureuth (
s. 419)
belegt; aus dem oberdeutschen vgl. auszer Schmeller (
s. o.): gezifer, ungeziefer, übertragen gesindel ... kann doch nur halbmundart sein H. Fischer
schwäb. wb. 3, 644; zifer, ungeziefer, niederträchtige bande Martin-Lienhart 2, 893. 1@dd)
in bezug auf die formen ist zur quantität des vocals auf die ältere schreibung geziffer
neben gezifer
hinzuweisen. bemerkenswerth ist auch für den gebrauch der numeri, dasz der plural —
namentlich in neuerer zeit —
gemieden wird. bei Erasmus Francisci
indisch - chines. lustgarten 1, 37
begegnet die geziefer;
dazu vgl.: aber doch hab' ich mich mit allen menschen, thieren und geziefern ganz gut vertragen können Merck
briefw. 2, 104.
dagegen werden auch verbindungen wie allerhand geziefer (Immermann 2, 82)
und ähnliche wendungen, in denen die mehrzahl durch den zusammenhang immer wieder anschaulich gemacht wird (
vgl. Storm 2, 296),
trotzdem im singular belassen. 22)
sinnliche und übertragene verwendungen. 2@aa)
innerhalb der sinnlichen verwendung zeigt sich deutlich, dasz bei geziefer —
zum theil in bewusztem gegensatz zu ungeziefer —
nicht nur lästige thiere, sondern auch angenehme und erfreuliche vorschweben: schönes geziefer.
in zahlreichen fällen ist überhaupt an eine solche gliederung unter dem gesichtspunkt des angenehmen oder nützlichen gar nicht gedacht. diese letztere, bei der der einflusz von ungeziefer
mit zu würdigen ist, beherrscht allerdings den neueren gebrauch mehr und mehr. 2@a@aα) buttervögelein, oder zwiefalter, wie man die buntgemahlte fliegen, und schöne geziefer, so den sommer durch auf zweigen, blumen, und kräutern herum spielen, und nicht anders, weder ein geflügeltes blümlein, durch die lufft flattern, nennet Erasmus Francisci
indischchines. lustgarten (1688) 1, 37; neben dem schönen geziefer und geblüme war auch des ungeziefers und der giftkräuter von jeher genug E.
M. Arndt
schriften an meine l. Deutschen 3, 141. 2@a@bβ) er gehe hin zu den blumen und blättern: die können ihn lehren, dasz ohne zuvor vorhandenen idealischen saamen der sommer - vögel oder zwifalter und raupen, solches geziefer, aus blumen und laub erwachsen könne Erasmus Francisci
höllische Proteus (1695) 749;
dazu ich ferner alles geziefer rechne, was ausser besamung desz männ- und fräulein, auch wol kan generieret werden
indisch-chin. lustgarten 1, 121;
vgl. luftgeziefer, blattgeziefer 1, 37; will man nur völker erkunden, wie man steine ausliest, pflanzen einlegt und geziefer sammelt, dann ist das hergebrachte genug
F. L. Jahn 2, 2, 484;
vgl. geziefern Merck
briefw. 2, 104; 'hätt' da was für dich, weil d' schon a freud' an solchenen geziefer hast' ... der kaplan rollte das blatt auf und fand einen jener käfer, die man, ihrer langen, schön geschwungenen fühler wegen, böcke nennt Anzengruber (
dorfgänge 1. '
der einsam') 3, 178; motten und nachtschmetterlinge ... das unter diesem jagen und schlagen immer nur ängstlicher werdende geziefer schien sich zu verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum Fontane (
schach v. Wuthenau) I 3, 285. 2@a@gγ)
bei der beziehung auf schlangen und gewürm wird bereits der begriff des lästigen, schädlichen überwiegen: daher die schlange, von den Aegyptern ... zu einem bildzeichen desz lebens und der artznei gebraucht worden: gleichwie sonst die alten dieses geziefer auch zum sinnbilde der vier elemente genommen Erasmus Francisci
lustige schaubühne (1697) 3, 42; dem geziefer der ottern und schlangen
curiöse grillen (
Chemnitz 1728) 274
s. Müller-Fraureuth
a. a. o.;
vgl. otterngezücht; war eine grube voller schlamm, die rund umher den zugang wehrte. in ihrem schwarzen schosze schwamm ein heer von kröten und von schlangen ... 'da seht' ruft junker Haksch und springet mit allen vieren in den moor er schwingt, zwar bass mit koth lackieret, doch vom geziefer unberühret, siegreich sich aus dem ekeln grab. Pfeffel
poet. vers. 6, 34; ein unthier ... gar zu trutzig, entreckt es schweif und tatz ... wer dächte, dass am Rheine noch solch geziefer sei. Freiligrath
sämtl. werke (
New- York 1858) 1, 143. 2@a@dδ)
auf diesen begriff wird meist durch besondere bestimmungen neben dem subst. eigens hingewiesen, seltener ist er schon durch den zusammenhang zu gewinnen; immen, brynnen, und unnütz gezifer der khefer Casp. Glanner
new. teutsch. geistl. u. weltl. liedlein 1 (
München 1578),
nr. 20. 2@a@d@11)) sie haben die frösche vor allem andern geziefer und ungeziefer der welt in ihren besondern schutz genommen Wieland 14, 128 (
Abderiten 5, 2); in dem schrank hatte ich sehr sorgfältig wespennester, puppen, larven und anderes gezücht und geziefer einquartiert Paul Heyse (
die pfadfinderin) 2, 8, 68. 2@a@d@22)) o, wenn je ein mittel gegen die mücken und spinnen erfunden werden sollte, machen sie es doch ja gemeinnützig! denn wenn man oft in himmlischen entzückungen aufgefahren ist, erinnert einen das leidige geziefer, mit seinen stacheln und krabbligen füszen, gleich wieder an die sterblichkeit Göthe (
triumpf der empfindsamkeit 2) 14, 19; lustiges fest, der schönheit blumen schenken! aber ach, sie locken würmer herbei, der fliegen unzahl, käfer und schnaken und wilden geziefers summenden, surrenden, nagenden schwarm. Immermann (
gedichte V) 11
s. 204; oben im herrenhause ... lag fingerdicker staub und todtes geziefer auf simsen und geräthe Th. Storm (
z. chronik v. Grieshuus)
werke 6, 136. 2@a@d@33)) auch wohnen leider in einem lande oft in buntem gemisch leute von allerlei volk, wie auf der deutschen eiche mancherlei geziefer
F. L. Jahn 2, 2, 485; als das wasser wieder war wasser geworden, kamen frösche ohne ende! das war die zweite plage. — item es kam geziefer aus dem staube Hebel (1832) 4, 57; und das geziefer (mäuse) füllte sich den wanst; wenn es mit dem fressen nicht mehr fort wollte, rollte es die schwänze auf und hielt ein schläfchen in den hohlgefressenen weizenbrötchen Storm 2, 296; ich weisz nur, dasz allerhand geziefer auch auf diesem heiligen berge stach, bisz, kratzte, stahl und unaussprechlich frasz Immermann 2, 82; und jetzt sitzen alle, die mitgesponnen und nicht mitgesponnen haben, im netz und können sich anfallen wie geziefer Anzengruber (
der schandfleck) 2, 116 da rennt das geziefer wie toll in den fluss. Geibel (
rattenfänger) 4, 148. 2@a@d@44)) es hagelt fliegen, schnecken, spinnen, raupen, dornen, blätter ... meine tante ... ist in ohnmacht gefallen ... wir ... säubern sie von dem geziefer, von blatt und dornen Detlev v. Liliencron (
aus marsch u. geest) 2, 213. 2@bb)
zu den übertragungen 2@b@aα)
ist schon oben auf zusammensetzungen wie frauengeziefer
und bubengeziefer
hingewiesen worden, wie überhaupt die übertragungen zumeist in der form der composition hervortreten. aus dieser form könnte auch die für die deutung von geziefer
aus ungeziefer
fehlende erklärung der unterdrückung des präfixes un
am ehesten gewonnen werden. 2@b@a@11)) es sind nun vier jahr, dasz mich mein vater an einen fremden ort schickte, da hatte ich mir vorgenommen, mit dem frauengezieffer recht bekand zu werden Chr. Weise
erznarren 169
neudr.; vgl. dazu: das frauenziefer all steckt strauszgen forne fr. J. Rachel
satyr. gedichte (IX 119) 129
Drescher. 2@b@a@22))
zum bubengeziffer (
s. sp. 7046)
vgl. auch geziefer
als schimpfwort für eine schar loser buben (
Zwickau)
s. ztschr. f. d. ma. 6, 214.
dazu vgl.: hier sind die groszen lexica, die groszen krambuden der literatur ... nimm zuerst diesen knotigen prügel, womit der criticus alles junge geziefer auf der stelle breit zu schlagen pflegt Göthe (
die vögel) 14, 97. 2@b@bβ)
im gegensatz zu diesen zusammensetzungen und viel mehr vom bedeutungsgehalt des ungeziefers
erfüllt 2@b@b@11))
stehen andere composita: giftvolle blindschleich und goldhellen molch, mit aller greulbrut unter himmelszelt ... gieb ihm, der all dein menschgeziefer hasst aus deines busens füll' ein würzelchen. Voss
Shakespeare (
Timon v. Athen) 4, 3) 3, 560 (
with all the abhorred births below crisp heaven ... who all thy human sons doth hate; mit allem anderen abscheulichen ungeziefer unter dem wolkichten himmel ... der alle deine menschlichen söhne hasst Eschenburg; jeglich scheusal ... deine menschenkinder Schlegel
u. Tieck); ich hasse nicht den thron, sondern nur das windige adelsgeziefer, das sich in die ritzen der alten throne eingenistet Heine
reisen 4, 105;
dazu vgl. sorgengeziefer Gerok 165. 2@b@b@22))
auszerhalb der composition vgl.: tilgt aus dies rasende geziefer, fürsten, des wahnsinns, das sich giftig schäumend aufreckt. G. Hauptmann
bogen des Odysseus (4) 134.