unthier,
n.; mhd. untier;
mnd. undêr;
mnl. nl. ondier;
dän. udyr;
schwed. odjur.
selten oder scherzend ungethier, -thierz (
s. gethier, gethierz) Campe: ein wüstes u. Immermann 16, 152
B.; die ungethiere der schmerzen Emma Förster
briefe (1843) 149; Auerbach 11, 156; 'bau!' schreit er. 'was ist das hier?' und er (
onkel Fritz) faszt das ungethier W. Busch
Max u. Moritz 35. unjedirze Hertel
Thüring. sprachschatz 244; Schulze
nordthür. 45
b. II.
mit un IV B. u.
non negat, ut ita dicam, animalitatem, sed vitium eiusdem, nimirum ferociam et atrocitatem indicat Stieler 2385. I@11)
eigentlich. a)
ein wildes, gefährliches, böses, schädliches widerwärtiges, seltsames u. dgl. thier: Lucidarius 10, 11
H.; gott hasset doch nit ein krot oder ein slang, das doch sint untier, wie möcht er dich (
menschen) dann gehassen? Keisersberg
bilgerschaft (1512) 29
b; das (
die ameise) ist ein cleines thierlin und thuot doch vil schadens, gleich als ein wurm oder ein u., das beiszt und isset das hertzbletlin von der salbeien
baum der seligkeit 23
a; mit zangen wardendt sie (
d. märtyrer) zerrissen, die untier habent sie zerbissen Murner
badenfahrt 1, 38;
so vom crocodil Dapper
Africa (1671) 122
a,
von raubwild österr. weisth. 10, 376
a,
raubvögeln Dannhawer
catechismusmilch 2, 179,
vom iltis Hohberg
georgica (1715) 3, 274
a,
bären Heräus
ged. u. inschriften (1721) 238,
von der meerkatze M. Mendelssohn 3, 338,
dem eber A. v. Droste-Hülshoff 2, 214
u. s. w.; von einem bissigen hunde Raupach
dram. w. ernster gattung 16, 183,
v. aufguszthierchen Oken
bei Krünitz 200, 195; Gutzkow (1872
ff.) 12, 117;
von ungeziefer (
friesisch) Adelung; die scheuszlichen untiere der tiefe E. Th. A. Hoffmann 6, 179
Gr.; in der kapelle lag der schatten wie ein kauerndes u. zusammengerollt O. Ludwig 3, 743;
fremdartige thiere: A. v. Humboldt
kosmos 2, 424; unthier aus fremden ländern Rückert 2, 106.
zusammensetzungen z. b. unthiergestalt Göthe 24, 249, -haufen Jean Paul 44, 149
H., -voll J. A. Ebert
Leonidas (1778) 218. b)
von drachen und fabelwesen: so fiel ihr (
der natur) ein, zu lust ein unthier drein zu mischen; halb sollt es thier halb pflanze seyn Lichtwer
in den literaturbriefen 14 (1762) 288; er hat mit mir in der schandthat diese heulenden unthier erzeugt, die, wie du gesehn hast, stündlich empfangen, und stündlich gebohren, ohn unterlasz bellend, mich umringen Zachariä
poet. schr. (1765) 6, 199; Schiller 15, 1, 79
G.; Wackenroder
herzensergieszungen (1797) 68; die (
Scylla) war ein u. ohne jungfräulichen oberleib J. H. Voss
antisymbolik 1, 238; brüder Grimm
d. sagen (1891) 2, 34; G. Freytag 2, 165; Nietzsche
Zarathustra 172
kriegsausg.; im vergleich: seht, wie ein unthier, sprüht er gift und flamme G. Freytag 3, 122.
von wappenthieren: diese heraldischen unthiere Bettine
dies buch gehört dem könig 1, 21. c)
vom teufel und gespenstischen wesen: die curiösen herrn studiosi wolten ein solch u. (
den teufel) zu sehen keiner seinen groschen sparen J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 1, 179;
ein in ein scheuszliches gespenst verwandeltes lamm br. Grimm
d. sagen (1891) 1, 109; Laistner
nebelsagen 258. d)
als ersatzwort des aberglaubens für wolf (
zeitschr. f. d. wortforschung 10, 168
ff.),
wie unflat, ungeziefer: auf eim narrechten aberglauben bestehen noch heutigs tags die scheffer, dasz sie nit gern einen wolf nennen hören ... und do sie ja nit vermeiden können, etwas von wolf zu melden, verwandeln sie doch den nammen und sprechen darfür das unthier, der höltzing, der wul oder der Hennicke Kirchhof
wendunmuth 1, 295
Ö.; etliche von adel in Burgund stelten eine wolfsjacht in dem wald Ardenne genannt an und erlegten auch dieser unthier, wie solches die bauren nennen, bey zwölfe Harsdörfer
schauplatz lust- u. lehrreicher gesch. (1653) 2, 266; das u. (man nennet die schelmen nicht gern mit ihrem rechten namen) stellete sich, als ob es ihn wunder nehme
gepflückte finken (1665) 12.
oft von der allgemeinern bed. (
a)
nicht zu scheiden, z. b. Harsdörfer
schauplatz lust- u. lehrreicher gesch. 2, 269; Weise
politischer näscher (1678) 33; Liscow 261; Fouqué
zauberring 1, 54.
fürs 18.
jahrh. reichlich bezeugt (Frisch [1741] 2, 371
c;
zeitschr. f. d. wortf. 10, 169; Dähnert 505
a),
am längsten in Ost- u. Westpreuszen (Frischbier 2, 424
b). e)
scherzend von einem lästigen singvogel: haben sie doch die güte, den shawl dort ... über den käfig dieses unthiers zu werfen Ebner-Eschenbach 3, 102. I@22)
von menschen. vgl. thier 4
b. man rügt meist rohheit, grausamkeit, unmenschlichkeit, aber auch bisweilen blosz ungeschick, unfreundlichkeit, heuchelei, stutzerthum u. s. w., bei frauen unzüchtiges, kupplerisches wesen, zauberei, unmütterlichkeit, bei kindern unart, ungezogenheit; der bedeutungsbereich läszt sich in dieser hinsicht nicht erschöpfen. '
ein lasterhafter, wilder, auch wohl ein jeder unnützer, untauglicher mensch; am häufigsten im gemeinen leben' Adelung.
in den mundarten in vielfacher schattierung, sowohl ernsthaft als spöttelnd und schalkhaft; z. b. roher plumper mensch: bist ein u., es gibt kein gröszeres in den erbsen
zu einem, der mit stärke und zorn prahlt Fischer
schwäb. wb. 6, 261; der
N. is a wahrs u.
d. h. ein roher, unbändiger mensch Hügel
Wiener dialekt 177;
syn. mit bollecker (
frecher kerl, der andre auslacht els. wb. 2, 36
b) Schmidt
westerw. 285;
eine mürrische, unfreundliche person ebda; unmensch Tonnar-Evers
Eupen 131
b;
ungeschickter mensch Brendicke 187
b.
für bestie Campe
verd. wb. (1813) 150
a. a)
von männern: wel ein untier man an dir sehi H. Seuse
d. schr. 450, 6
B.; Mars, du grausames u.! Rist
friedejauchzendes Teutschland (1653) 226; dieses u. (
der oberste der räuber) durchreisete unterschiedliche landschaften, welche er mit rauben, morden, brennen erfüllete A. Olearius
oriental. reise anhang 32; will ich doch lieber todt seyn, als dasz ich bey einem solchen unthiere (
grausamen u. harten ehemann) meine tägliche noth ausstehen soll Chr. Weise
d. klügsten leute (1675) 353; mein u. (
böser ehemann)
ehe eines weibes (1735) 228; dieses greuliche u. 96; 230; Lohenstein
Arm. 1, 167
a; Ziegler
Banise 121; daher müssen bey zusamlaufendem pövel ... marcktdiener bestellt seyn, damit mord und schlägereyen vorgebaut werde, die solche zancksüchtige unthier bald einführen Hohberg
georgica (1682) 1, 52; dieses sey gnug von diesem u., dem pabst Höllenbrand G. Arnold
ketzerhist. (1699) 336
a; wer zu viel sauft, wird zu einem u. Castelli
ital. d. wb. (1741) 1, 3
b; ein atheist ist eine brut der hölle ... kurz, es ist ein u., das schon lebendig bey dem satan in der hölle brennt Lessing 2, 74
M.; lebt dieses u. (
Lomellino) noch? Schiller 3, 138
G.; das gemästete u. (
ein kunsthändler) H. v. Chézy
erzähl. u. novellen (1822) 1, 96; u.
von einem lahmen flickschneider Holtei
erz. schr. 4, 147; jene gigantische redensart gegen dieses u.: eure gravität, eure eminenz J.
V. v. Scheffel (1907) 1, 111; wenn nur nicht jede bestie von u., die auf zwei beinen geht und nase, auge und maul am richtigen flecke hat, sofort dächte, sie sei ein mensch W. Raabe
Horacker (1876) 104;
im wortspiel mit unmensch: ein arges, ehebrecherisches geschlecht, das weder u. noch unmensch, sondern ein ungeheuer ist Hamann 4, 69
Roth- W.; ich bin kein unmensch und kein u. W. Raabe
Abu Telfan (1870) 2, 166.
komisch: was vor ein u. und abscheuliches monstrum müszte ich doch sein, wenn ... Holtei
erz. schr. 15, 113; und das alte u., sein schwiegervater, der general R., der sehr viel geld hat und nichts ausgiebt Bismarck
briefe an schwester u. schwager 24; wann wir (
stutzer) uns hören nennen, was wir sind für unthier Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 416; C. S.
einsmals über die heuchler klagte und wünschete an einem ort zu seyn, da dergleichen unthiere nit anzutreffen v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 150; die grosze brüderschaft der gehörnten unthiere (
hahnreie) Gynäcophilus
der polit. freiersmann (1668) 114;
von einem alten manne, der ein junges mädchen geheiratet Mittler
volksl. 599; meine töchter! traut nur keinem untier, welches hosen trägt! H. Heine 2, 366
E.; die fastenspeisen nannte er thorenspeisen, die bettelmönche kuttentragende unthiere D. Fr. Strausz 7, 33. b)
von frauen. ein liederliches weibsbild Schmidt
westerwäld. 285: Floretto, das schändliche u. (
beschuldigt einen wie Pothiphars weib) Chr. Weise
der grünenden jugend überfl. gedanken 207
ndr.; lasset das schöne u. (
Banise) eintreten Ziegler
Banise 522; Wiedemann
gefangenschaften (1620)
sept. 17; ist dann niemand bey der hand, der mich von diesem u. errette? (
von der mutter, die ihre kinder um ihr erbtheil bringt)
ollapatrida 62
Wiener ndr.; durch die vermittelung eines alten unthiers hat sich seine neigung einem cloac zugewendet Zinzendorf
Socrates (1732) 52; beim knotenmachen werden alte weiber als zauberinnen und böse unthiere genannt Jac. Grimm
kl. schr. 2, 151. c)
mundartlich schimpfwort für unartige, böse kinder Stürenburg 297
a; Dähnert 505
a. d)
die n. schriftspr. verschont mit der schelte u.
wohl frauen u. kinder, die ältere nicht. Pansner
schimpfwb. 74
a: pfui dich an, du u., sagte
Z., bistu eine christin worden? Buchholtz
Herkuliskus (1665) 110
b;
Herkules (1666) 1, 714;
pferd zum esel: du tummes u. ..., bistu nit ein esel wie zuvorn? Trebellius
polit. narrenkappe (1683) 126; kommst du, du u.? Hunold
der europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 834;
theater der Deutschen (1768
ff.) 4, 89;
Henzi zu Dücret: geh, unthier, deine wuth soll mich vom recht nicht leiten Lessing 5, 108
M.;
Faust zu Mephistophiles: hund! abscheuliches u.! Göthe 14, 225
W.; Fouqué
held des nordens 1, 188; G. Freytag 8, 274. e) unthier, unthierchen
als kosewort: mehr als alle armut, als alle not, nagt an deinem herzen, dasz du jenes kleine unthierchen gebarst E. Th. A. Hoffmann 5, 7
Gr.; mein u. von einem rothschimmel hatte einen anfall von heimweh bekommen Ebner-Eschenbach 4, 107. I@33)
von gegenständen: ein wüstes u. ist die see A. v. Droste-Hülshoff 2, 146; er ... stehe allein dem drohenden u. (
der unbekannten groszstadt) ... gegenüber W. Raabe
hungerpastor 2, 65.
im räthsel vom schiff Schiller 11, 354
G. I@44)
von abstracten vorstellungen: ein abschückhlich u., die hoffart Tschudi
chron. 1, 79; ich mag dieses u., dieses göldene kalb, welches mein vater also heilig anbetet, nicht haben
der unsichtbare Charmion (1697) 310,
das laster J. J. Schwade
belustigungen 7, 489,
der pennalismus Schöttgen
pennalwesen (1747) 120,
die sünde J. J. Moser
bei Heynatz
antibarb. 2, 538,
der krieg Klopstock
oden 2, 84, 24
M.-P., die unvergänglichkeit Herder 26, 431
S.; das reiszende u. des luxus Jean Paul 34, 23
H.; das rachentflammte u. (
des todes nacht) H. v. Kleist 2, 327
Schm.; hunger, du u., lasz vom nagen ab Immermann 16, 334
B.; das schicksal Grabbe 1, 453; jetzt ist das u. die tendenz Gutzkow (1872
ff.) 5, 273;
das ungeheuer starrer satzung Lenau 324
B. IIII.
mit un IV D (un
intensivum). II@11)
von thieren: ein sehr groszes thier Lexer
Kärnten 61;
groszes, mächtiges, auszerordentliches thier Doornkaat-Koolman 3, 468
a; so hob sich der breite rücken eines dankbaren untiers (
des delphins) unter ihm (
Arion) hervor Novalis 4, 77
M.; die scharfsichtigen Indianer erspähen oft eins dieser untiere (
eine art katzenfisch, bis zu 50
kg schwer)
Gordon Mac Creagh Weiszwasser u. Schwarzwasser, übersetzt von Rickmers (1928) 122;
in halbmundart: dieser hund is ein undiert von eine karnalje (
eine grosze k.) Seidel
vorstadtgesch. 174.
wegen seiner stärke vom zuchtthier Lori
Lechrain 492; Schmeller-Fr. 1, 618 (
mit euphemismus erklärt): haltung des unthiers
den pfarrern (
Augsburg 1684)
verboten Schmeller-Fr. 1, 97;
veraltet. II@22)
von menschlichen wesen: allein David wuste, wo das u. (
der riese Goliath) am übelsten verwahret war Chr. Weise
d. klügsten leute (1675) 40;
von einem riesen Alxinger
Doolin 4, 32. II@33)
von gegenständen: kein berg kan sich so hoch in luft und wolken strecken, es steigt kein fels so tief ins meer hinein, die nicht vor ihrer grösze kleine hügel und bey dem unthier zwerge seyn Brockes
bei Weichmann
poesie der Niedersachsen 1, 6;
nd. von einem grotesk aussehenden, ungeschlachten ding, oft komisch. —