lautwandel 53 Wörterbücher · 2,7 Mio. Artikel
Wildcard · " Volltext

Aggregat · alle Wörterbücher

ungeheuer

nhd. bis spez. · 10 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
Anchors
17 in 10 Wb.
Sprachstufen
4 von 16
Verweise rein
55
Verweise raus
46

Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

ungeheuer n.

Bd. 24, Sp. 700
ungeheuer, n. (m. f.), aus dem vorigen adj. (adv.) substantiviert. g. unbezeugt, unhiurja für unbiarja θηρία Tit. 1, 12 vermuthet van Wijk. altschwed. ohyra, ohyre, ohyr, f. n. Söderwall 2, 152b f.; schwed. ohyra; norw.n. uhyra, uhyre (teilweise entlehnt Falk-Torp 1321). ahd. ungihiuri (signa et monstra lib. sap. 8, 8 forazeichan edo unkihiuri, f. n.?, Steinmeyer-Sievers 1, 559, 30) neben ungihiurida (monstra zaubar. ungihiurida ebd. 2, 247, 47); mhd. ungehiure, ungehûre, m. f. n., Lexer 2, 1837; mnd. ungehûr(e), n. mnl. ongehier(e), -gehure, -gehuer, n. Dijkstra 2, 292b (onhuer); Molema 304a. Staub-Tobler 2, 1587 (ungehür, hungür, hunghür, auch umghîer); els. 1, 370b; Schmeller 1, 1155; Lenz vgl. wb. 73a; lux. 315a; Eupen 131b (onngehü'er, aungehü'r); Münch ripuar. 127; brem. wb. 5, 151; 6, 384. die neigung zu weniger fest gewordener substantivierung ist schon beim adj. reichlich belegt (s. d.); die ältere spr. zieht der, diu ungehiure vor, die alleinherrschaft des neutrums setzt sich erst im 18. jh., vielleicht unter mitwirkung des lat. monstrum, prodigium und ihrer neusprachlichen entsprechungen durch; der ungeheuer bezeichnet im 17. jh. den teufel (s. II 1 b), einen wüterich u. dgl. (nach diesem befehlich, die stadt anzuzünden, zog er, der ungehewer, herzog Hans v. M., aus der stadt hinweg Rätel schles. chr. 355; v. d. Werder ras. Rol. 186), die menses (s. Guarinonius u. II c), das f. liegt, wie in ungihiurida, ungeheure (s. d.), bei vielen stellen abstracter verwendung (s. I) nahe, ohne dasz entscheidende verbindungen auftreten. der plural lautet durchweg ungeheuer (vereinzelt erscheint ein unflectierter casus: zum teufel und sein ungehewr. ... weich, böser kundt Kehrein kirchenl. 2, 706, 6, wenn nicht collectiver sing. vorliegt), selten und schriftsprachlich veraltet ungeheure Stieler, Dusch verm. w. 165; Iselin verm. schr. 2, 69 (ungehiure j. Titur. 6006, 3; 6049, 2); mundartlich auch mit der endung -er Staub-Tobler 2, 1587. durch die begriffsgeschichte geht noch deutlicher als beim adj. ein bruch; der alte begriff wird durch einwirkung gelehrter bildung und durch das aufklärungszeitalter in den hintergrund gedrängt, fremdsprachliche, bes. lat., franz., engl. wörter treten störend in den gesichtskreis, füllen die immer leerer werdende worthülse mit verändertem inhalt und führen zu neuen constructionen. nur die ältere schriftsprache, die terminologie der medicin und des aberglaubens, die mundarten wahren im einzelnen einen ununterbrochenen zusammenhang mit der gesamtentwicklung. erst durch unsre class. literatursprache gewinnt das (bis dahin verhältnismäszig nicht viel gebrauchte und nach geschlecht und flexion oft schwankende) wort seine ungemeine häufigkeit. wenn die neuere sprache verwendungen bietet, die an ungeheuer, adj. 1. 2. 3 erinnern, hat trotzdem umbildung stattgefunden. z. b. du wirst bemerkt haben .., dasz man hier ohne unterlasz die vorzüge der südlichen naturen geltend machen und uns als nordische ungeheuer (vgl. das adj. 1, aber auch monstra) auszeichnen will Häusser d. gesch. 3, 279, 5; oder im dichterischen bilde: die flamme das ungeheuer Göthe 6, 13 Weim.; am perlenlichten morgenhimmel drauszen lag ein unbekanntes ungeheuer das mittelmeer Stifter 3, 67. von den alten bedeutungen des adj. 1. 2. 3 wird da nichts mehr gespürt. II. eigentlich als abstractum; vgl. ungeheure, f.; selten im plural, bisweilen collectiv. I@11) von naturerscheinungen wie u. adj. 2, verdunkelt zu einem dem l. impetus, minae u. s. w. ähnlichen begriff: wenn man mit öl wil leschen fewr, so wird noch mehr ungehewr Petri 2, D d d Iv; die erd, luft, wasser und das feuer all gottes creature, fiel an sie (Magdeburg) mit solch ungeheuer, ja wider die nature Opel-Cohn 225 (vgl. die definition des lat. monstrum, monstrositas); des donners ungeheuer Rist himl. lieder 1, 59; der winde ungeheuer Zinzendorf ged. 31. unklarer: allein der gottheit feuer war wie ein ungeheuer, im angesicht der zeit: die creatur ward augenblicklich scheuer vor dieser spuhr der unanfänglichkeit (sp. 121 nachzutragen) somnium Socratis, kl. schr. 2; nach ungeheuer 4 weisend: darumb deckt sie umb sich her dunckel, grawen, ungehewer Königsberger dichterkr. 108 neudr. von örtlichkeiten: wo man in heissem sande der syrten ungeheur (aestus?) um Ammons tempel fande A. U. v. Braunschweig Oct. 3, 685. aber auch ungeheure vastitas, solitudo liegt nahe. veraltet. ortsnamen Unghürschwächtel, Unghürhorn Staub-Tobler 2, 1588. I@22) wie u. adj. 3, bisweilen ins concrete übergehend, grauenvolles, greuel, schrecken, gefahr, schwere not, unglück, unfall, widerwärtigkeit u. dgl.; von kriegsgefahr, der folter Staub-Tobler 2, 1588; widerwärtigkeit, unfall Schmeller 1, 1155; mnd. wildheit, ausschweifung (Rich. Schröder stellt es begrifflich zu firina); norw. dial. uhyra, f. miszgeschick; vgl. ungeheure: was segen kan doch Teurdank, dieser held teur, das im kein leid noch ungeheur durch mein anschläg geht zu handen? Teurdank 53, 84 G.; das der endchrist solt solche ungehewer (n. plur. oder f. = ungeheure) in der kirchen durffen furnehmen, schweyge denn volbringen Luther 8, 710, 31 Weim.; das letzt ungeheur (widrige erlebnis) des neids und hasz (1555) 1, 147a; es musz eyn strmerey und ungehewer heyssen, das ich widern Hochstrat geschrieben Hutten 2, 192, 38; weils wol gieng, bliebstu stets bey mir, jetzt fleuhst von mir im ungehewr Waldis Esopus 1, 248 Kurz; S. Dach 211; er, der zuvor mit ungehewr und jamer uns geschlagen Weckherlin 1, 342, 61; wir entkommen nun dem groben ungeheuer Rein. Fuchs (1650) 197; von den durch Ludwigs XIV. einfälle herbeigeführten zuständen: bey der gemeinen noth und diesen ungeheuren, was that dein kluger fürst, der zur regierung kam? er eilete so fort, der feuers-brunst zu steuren Besser (1732) 1, 67; concreter werdend: man schos da mordlichs feir, gos siedend wasser, pAech und anders ungeheuer von maur und trnen ab Rompler 107; nach II 1 hinüberspielend: dasz mich kein ungeheuer (noctium phantasma) erschrekket Neumark fortgepfl. lustw. 1, 13; etwas ungeheures (adj. 5 a), eine ungeheure lästerung: entschlossen ... herauszuströmen das ungeheuer Klopstock Messias 13, 533; unüblich. ganz verallgemeinert und nicht ohne einwirkung von monstrum, prodigium (commenta, fictiones) und ihrer sippe: weissagungen und andre ungeheuer (sinnlose erscheinungen) des tages, aus religiöser phantasterei entspringend, Göthe II 4, 7, 21 Weim. vgl. Schwabe bel. 1, 62. I@33) gelegentlich erscheint das adv. oder unflectierte wort substantiviert: das dauernde ungeheuer (die eigenschaft, dasz der Rheinfall immer in ungeheuerer bewegung ist) musz uns immer wachsend erscheinen Göthe III 2, 145, 27 Weim.; nachher das vollkommne (u.). wie leicht sich das bildliche eindrängt, lehrt am schlusz der aufzeichnung: man fühlt wohl, dasz man keinen kampf mit diesem ungeheuer bestehen kann. IIII. concret. II@11) dem adj. 4 entsprechend, ein gespenstisches, unheimliches wesen, auch als unförmlich, riesig, gräszlich u. ä. vorgestellt. vgl. unhold. II@1@aa) lamia eyn ungehuuer Schröer vocab. 1447; eyn grausam ungestalt ungeheur ... oder geyste Arigo 282, 23 u. ö.; seltzame ungehewer und gespenst Nas antip. 4, 98a; u. und meerwunder Nigrinus v. zäub. 201; auch übertragen engl. comedien 1624 Q 4a; ein geist oder u. Schweinichen 131; pack dich, du ungeheur, in deine todtenklufft Ziegler Ban. 888; ein poltergeist Frisch (1741) 1, 449a; spectrum Zedler 38, 1372; mit allen riesen und ungeheuern (vgl. das adj. 5, aber auch unten 2) Wieland Ag. 1, 199; nach altem gebrauch: in den zwölf nächten ... wo alle ungeheuer freiere gewalt haben J. Grimm Reinhart Fuchs liv; zweideutig: die baronin prallte vor ihm zurück wie vor einem ungeheuer (vgl. 2) Holtei erz. schr. 8, 147; ein u., schiechs thier Laistner nebelsagen 14; eine fastnachtmaske, d' unghürer fared ūs, s' Grebliung'hür ein localgespenst, auch gutartige hausgeister Staub-Tobler 2, 1587 f.; Schmeller 1, 1155; alp, incubus Höfler 231b; dat ungehür (unhür) het mi reden aus dem munde des gemeinen mannes brem. wb. 5, 151; 6, 384. II@1@bb) verkirchlicht vom teufel, vgl. das adj. 4 b (der t. sol ein grosz gots feint und pöses ungeheuer sein Arigo 236, 9 K.): darauff bald auch der ungeheur jhn umbbracht Kreckwitz lustwäldlin 168; der ungehewer erzeiget sich allenthalben Dannhawer cat. 2, 418; wie denn? zum ungeheuer! (m?) lescht nichts mir dieses feuer? Dach 480; veraltet und nur noch als n. möglich: eine gesellschaft fratzenhafter ungeheuer hat den h. Antonius in die lüfte geführt H. Grimm Michelangelo 1, 77, wobei denn aber heute immer mehr an schreckhaft-phantastische naturwidrige äuszere gestalt und erscheinung, als an den gespenstisch-teuflischen character gedacht wird. II@1@cc) zauberisches altschwed. ohyra, ohyre trolskhet, trolskt Söderwall 2, 152 f.; ungeheuer 'das unheimliche' (zs. f. d. altert. 53, 134), feindlich schädliche, üble (adj. 3 c) als krankheitsbezeichnung, ursprünglich die krankheit bewirkend wie der nachzehrer bei den menstruierenden Höfler 231b (vgl. Gotthelf bei Staub-Tobler 2, 1587); die menses selbst inmassen sich vil (menstruierende) gar mit nichten verwaren und den ungehewr fliessen lassen, wie er fleuszt Guarinonius 934 (vgl. das adj. 3 e); rotlauf (wildnis, wildes thier) röteln, masern, schafblattern Höfler ebd.; weichselzopf brem. wb. 6, 384 (unhürs-klatten verworrene haare, bes. pferdemähnen ebd.);n. ohyra rose Nyrop-Vogt 22; norw. dial. uhyra, f. unthier; zündt drauff ein liecht an bey dem fewr, erplickt als baldt das ungehewr, den wolff stehn oben bey dem herd Fischart Eulenspiegel 10490 H.; vgl.unflat, unthier, ungethüm, ungeziefer; n. dial. uhyre, schwed. ohyra ungeziefer. s. das adj. 3 c, 4. nicht mehr schriftsprachlich; nur im scherz: ob sie lustig ist, ob sie von wespen gestochen ist oder von andern ungeheuern Caroline 1, 195 Waitz; ungeheuer als bezeichnung der syphilis (Herder 16, 276), cholera (Göthe III 18, 97 Weim.), hypochondrie (Miller briefw. 1, 73) u. dgl. hat mit der alten entwicklung keinen zusammenhang mehr, sondern den umweg durch den begriff monstrum (s. 2) gemacht. auch in der sprache der dichtung und der bildung ist noch weniger als beim adj. von dem alten vorstellungsgehalt übriggeblieben; z. b. die nacht schuf tausend ungeheuer Göthe 1, 68 Weim.; die indischen u. (götzen) 7, 43 Weim. höchstens etwas gefühlswert wird durch erinnerung an solche alten zusammenhänge bestimmt: die nacht allein, das schwarze ungeheuer, hat man mit eingesperrt zu diesem armen Lenau 29; still ist der grund meines meeres: wer erriethe wohl, dasz er scherzhafte ungeheuer ('schwimmende räthsel und gelächter') birgt Nietzsche Zar. 170 kriegsausg. vgl. ungeheuer adj. 1 g. ende. II@22) der im mythologischen denken wurzelnde begriff ist in der neueren schriftsprache gelehrter bildung und dem denken der aufklärung gewichen, indem er sich lat. definitionen von monstrum (monstrum est omne contra naturam Donatus; quicquid est natura deforme, hoc est praeter naturam aut deficit, aut excedit, monstrum aut res monstrosa est Calepinus sept. 954a; monstrum ein ungehewer oder ungehewrigs, ungewönlichs und unnatürlichs ding Faber thes. 520a) näherte, die eigentlich gar nichts mit dem ursprünglichen deutschen begriffe zu thun haben. gelehrte herkunft bezeugen die frühsten belege u. 3; eine spur der fremdartigkeit verrät noch manche ra. wie der mensch ist ein wahres, wirkliches, reines u. u. dgl. (freilich kommen ähnliche verb. auch in den rom. spr. vor). der beginn dieser entwicklung fällt etwa mit dem untergang von kunter und der aufnahme von monstrum im 16. jh. zusammen. die intensive und steigernde bed. des adj. (5. 6) unterstützte diesen vorgang, theilweise geriet ja auch das adj. in die fremde abhängigkeit. Frisch 1741 (1, 449a) gibt ungeheuer für monstrum, 'sonderlich der grösse nach', stellt aber die bed. daemon malus, spectrum molestum noch voran und Stieler 833 kennt nur ungeheur spectrum, larva, terriculum, phantasma, lemures. durchgedrungen ist der neue begriff erst im 18. jh., umschrieben von Adelung als 'ein ding, welches wegen seiner grösze furcht und entsetzen verursacht, in welchem verstande man sehr grosze und ungewöhnliche thiere, einen ungewöhnlich groszen menschen u. s. f. ungeheuer zu nennen pflegt; der nebenbegriff der furcht und des entsetzens ist dem hauptworte noch wesentlicher als dem beyworte'; ein ungestaltes geschöpf (Ad.), murmelthier (Frisch 2, reg. d. lat. w. 68a), eine miszgeburt (Ad.), 'ungeheuer, monstrum, ein gegenstand, der wegen seiner grotesken ausbildung in erstaunen, auch in furcht und schrecken, bes. bei abergläubigen setzt; man versteht darunter jede regelwidrige bildung eines naturkörpers' u. s. w. Krünitz 196, 247 ff. monster, gedrocht, wanschepzel, schrik dier, wangedrogt Kramer-Moerbeek (1768). II@2@aa) von menschen: es müsten gewisz keine gerade männer mehr in der welt seyn, so dasz man aus noth ein ungeheuer wehlen müste d. vern. tadler. 1, 284; Göthe III 1, 307, 3 Weim.; das fleisch des ungeheuers Goliath 21, 9, 27 Weim. II@2@bb) von thieren und unthieren: ja selbst ein ungeheur erschreckt' ihn nicht Göthe 16, 136 Weim.; so habe ich z. b. von dem Minotaurus, den harpyien und einigen andern ungeheuern keinen gebrauch gemacht gespr. 8, 32; allgemein von den ungestalten der kunst-mythologie (Bohner 81); und hinter ihm, welch abentheuer! bringt man geschleppt ein ungeheuer Schiller 11, 272 (kampf m. d. drachen); riesen und drachen ist freilich durch die eingedrungene griech.-lat. mythologie die beziehung auf II 1 genommen; ein stinkthier Brehm tierl. 1, 666; die könige ... sind in der sittlichen welt, was die u. in der natürlichen Grotes weltg. 10, 122. ältere beispiele fordern andre auffassung: manige wilde ungeheure j. Titur. 6006, 3 (6049, 2) greift auf das adj. 1 und 3, Fischart Eul. 10490 (s. o. II 1 c) auf 3 c zurück. noch bei Thomasius (welche, als sie von den mägden vernehmen, was vor ein ungeheuer (affe) droben im bette erschiene, sich entsatzten ernsth. ged. 2, 337) ist in der vorstellung der mägde ungeheuer II 1 gemeint. viel nachgeahmt ist des Horaz belua multorum capitum sat. 2, 1, 76 (Büchmann24 411): das fratzenhafte, vielköpfige u. eines empörten volkes Steffens was ich erlebte 2, 285; diesem tausendköpfigen, bizarren, chamäleontischen u. E. Th. A. Hoffmann 2, 12; dann dreiköpfigtes (triceps) Gottsched d. neueste 3, 428; zweyköpfiges Babo 49; die philosophie als ein u. mit vielen köpfen Schopenhauer 1, 145 u. s. f. II@2@cc) von sachen (wie im franz. u. engl. Murray 6, 631a; Littré 2, 612c, 5), wobei sich leicht (z. b. Göthe 37, 145, IV 6, 292 Weim.) personification einschleicht: die erste ausgabe (des angehenden renommisten) wird für ein ungeheuer (einen degen) bestimmt, das seine schwache hand kaum zu heben vermag portraits (1779) 51; von bergen ihr schrecklichen u. von unausdenklicher zahlloser centnerlast Bräker 2, 127; diese gegenfugen sind nur ungestalte ungeheuer Göthe 45, 206, 10 (Rameaus neffe) Weim.; vom Straszburger münster 37, 145, Mailänder dom 47, 64 (vgl. 6), elephantenschädel IV 6, 292 u. s. w.; das graue u., die Berliner monatsschrift K. L. v. Haller rest. 1, 151; ein felsblock H. v. Barth kalkalpen 494; ein gestricktes buntes ungeheuer, wie wir ... im tapisserieladen gekauft J. v. Bismarck br. 32; scherzhaft von einem knopf Staub-Tobler 2, 1588. vgl. 5 ein ungeheuer von (einem) knopf. zwischen 2 c und 6 stehen fälle wie meinem dramatischen ungeheuer Hebbel br. 7, 160. zum terminologischen gebrauch s. 6. personificationen und allegorien s. 3. II@33) im sittlichen sinne. hier trifft übertragung wie beim lat. monstrum und prodigium mit der entwicklung des adj. 3 früh (mnl. wb. 5, 561) zusammen: das ungeheuer, die Calpurnia, ware diesem rechtschaffenen mann darum aufsetzig A. U. v. Braunschweig Oct. 1, 280; von Nero Arnold ketzerhist. 33b; ich ungeheuer! und bey diesen gesinnungen soll ich an ihren vater schreiben? Lessing 2, 318, 32; Richard der dritte ... ist unstreitig das gröszte, abscheulichste u., das jemals die bühne getragen 10, 98; des erdbodens Schmidt gesch. d. Deutschen 5, 320; ungeheuer mit majestät Schiller 2, 5; auf erden Pfeffel 2, 68 u. s. w. (oft nach dem lat.); dieser Badiggi war ... ein wahres moralisches u. Laukhard leb. 1, 257; sonst hatten ungeheuer einer bestimmten gattung: piraten, sklavenhändler und dergleichen volk ausschlieszlich das recht, verächtlich von leben und tod zu denken Freytag 15, 74. im gegensatz: dahero hielte er es für rathsamer, sich der gnade der feinde, welche ja noch menschen, keine ungeheuer wären, zu ergeben Lohenstein Arm. 1, 599; Lessing 2, 335, 2; Klopstock od. 2, 20, 14; Hufeland kunst 664; Göthe Iphig 355. zu 4 führt scherzhafte verwendung hinüber: Wieland das ungeheuer hats (die zeichnung) verlegt Göthe IV 3, 210, 3 Weim.; Treitschke aufs. 1, 325; Bismarck br. a. s. braut 68. früh wie in antiker personification und allegorie: wie nun die werckheiligkeit ein grosz und grewlich ungehewer (wenn nicht I 2) theatr. diab. 186c; krieges ungeheuer Morhof unterr. 2, 16; Klopstock od. 2, 84; die barbarei Günther 494; pöna Herder 15, 412; u. s. w. das kleine u. miszverstand Heinse 10, 118; hat sich die schuld in ein elendiges u. verkörpert? Auerbach 17, 107. so wohl auch in die mundart gedrungen (Staub-Tobler 2, 1588, 3), wo es auszerdem, vielleicht noch im zusammenhang mit dem adj. 3 einen rohen, wilden, zerlumpten, pöbelhaften, alten, häszlichen menschen bedeutet (ebd.). vgl. 4. II@44) als schelt-, kose- und kraftwort (mnl. wb. 5, 561): was murrest du ungeheuer noch viel? Rist friedew. Teutschland 203; Amor ... das ungeheur (der gewaltige) Dach 498; was aber acht man doch ein altes ungeheuer? (eine alte jungfer) Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 65; Göthe 11, 69 Weim.; willst du miszgestaltes ungeheuer, schrie ergrimmt der pflanzer ihm (dem Huronen) entgegen, willst du diebsgesicht mir aus dem hause! Seume ged. 79; leben sie wohl für immer, sie ... majorennes ungeheuer, sie Nestroy 2, 57; verworfenes u. Holtei erz. schr. 4, 197; sie nannte ihn (ihren mann) ... nicht anders als u., wie wenn das sein taufname gewesen wäre 11, 36; ein unmensch brem. wb. 6, 364; Pansner schimpfwb. 73a; das kleine u. Göthe IV 3, 262 Weim.; Arnim 1, 32; Keller 7, 311; Spielhagen 1, 116; vgl.ungeheuerchen und ungeheuer von briefträger u. 5. in älterer spr. wird das adj. u. substantivierte adj. ebenso verwendet: facculdey, maleventure! ach du alde ungehure! schilt der kaufmann sein weib Mone altd. schausp. 2, 136, 916. von Alexander: er ist ein ungehûre man (teufelskerl) Lamprecht Al. 4454 K.; mnd. wb. 5, 45b. II@55) nach fremdsprachlichem vorbild (monstrum hominis, mulieris, monstre de, of u. s. w.), zur umschreibung des begriffs, der intension dienend, durch bestimmende zusätze erläutert: zwar Chrysis, meine ziehr, der schönheit ungehewer (prodigium, wunder, ausbund), trägt gegen mir noch fewer und ich auch gegen ihr Tscherning (1642) 166; (dasz hier das adj. 5. 6, wie Weigand syn. 3, 860 will, eingewirkt habe, ist weniger wahrscheinlich); das u. der armut (halb persönlich) Butschky Pathmos 570; ein u. der weitläufigkeit (e. stadt) J. Risler Spangenberg 109; das u. eines gesellschaftswagens Stifter 1, 101; die wilden u. der waldbäche 2, 241. glücklicherweise sind wir mit nachbildungen des mostro di natura, monstre de nature, monster in nature, verschont, wie sie Valentini 2, 2, 1176a versucht. oft mit präpositionen: da war kein ungeheur vom reifenrock bekannt Gottsched schaubühne 6, 400; ein u. von einem nuszbaum S. Brunner erz. 1, 133; Spinoza sei atheist, pantheist oder ein u. von beiden gewesen Herder 16, 419; einem u. von grobem dicken wuchrer Göthe 47, 359, 9 Weim.; witzig heute mittag ging das u. von briefträger an meinem hause vorbei und brachte mir nichts Börne 13, 30; Paris dieses angenehme u. moderner civilisation Pückler Semilasso 2, 75; ein wahres u. von liebenswürdigkeit Bauernfeld 1, 102. dasz sie zwei ungeheuer an wissenschaft, anbei auch zwei ungeheuer von unermeszlichem hochmuthe gewesen sind J. B. Scheibe freim. gedanken 21. ein u. in wollust und tücke zu seyn portraits (1779) 183. II@66) trotz seiner entwerthung und verfälschung sind dem worte als rest uralter geschichte noch, dem redenden meist unbewuszte, gefühlsmäszige bestandtheile verblieben, die es im allgemeinen unmöglich machen, dasz ungeheuer im rein wissenschaftlichen sinne ganz affectlos terminologisch gebraucht werden kann; z. b. fehlt die im franz. und engl. bei monstre, monster vorhandene möglichkeit, regelwidriges oder auszergewöhnliches aller art in der naturwissenschaftlichen fachsprache teratologisch einfach als u. zu bezeichnen. vereinzelt ist es versucht z. b. ungeheuer, seltenheiten Eschenburg beisp. 8b, 177; daher man denn wohl sagen dürfte, dasz .. das riesenfaulthier weit weniger ein u. sei als der ai Göthe II 8, 227 Weim. doch bleibt die regel, dasz u. eigentlich nur scherzhaft, übertragen oder bildlich von einer miszbildung, einem wechselbalg, bastard, ungethüm, unding, unsinn, einer abgeschmacktheit, wunderlichkeit u. dgl. gesagt wird. vgl. monstrositas u. seine sippe sowie ungeheuerlichkeit. (das adj. 3 e und 5 d ist andre wege gegangen): andrer solcher ungeheuer (von wörtern) zu schweigen Gottsched sprachk. 142; ein widersprechender character ist ein u., das in der natur nicht vorkömmt crit. dichtk. 619; die groszen staatskörper ... als politische ungeheuer und misgeburten anzusehen d. neueste 1, 174; eine symphonie ... ein musikalisches u. Lessing 9, 297; Mahomets paradies oder der ... mystiker schmelzende vereinigung mit der gottheit ... würden der vernunft ihre u. aufdringen Kant 5, 121, 1; das harmonische dreieck .. kann auf vielfache weise ein u. werden Herder 12, 178; u. von historischer ekloge 3, 319; dergleichen u. (abgeschmackte baupläne) Göthe IV 10, 360, 24 Weim.; willst du durchaus heirathen, nimm einen narren; denn gescheidte männer wissen allzugut, was ihr für u. aus ihnen macht A. W. Schlegel Shak. 3, 237 (Hamlet 3, 1); Klinger 3, 25; welch ein u. ist doch des menschen herz! Holtei vierzig jahre 1, 389; das u. unserer belletristik, der historische roman Justi Winckelmann 1, 330; kinder ohne vorurtheile! gott bewahre einen vor solchen ungeheuern Ebner-Eschenbach 4, 23. deutlicher im sinne des faultless monster (Murray 6, 631a): sie haben einen zu richtigen begrif von der menschlichen natur, als dasz sie nicht alle unempfindliche helden für schöne u., für mehr als menschen, aber gar nicht für gute menschen halten sollten Lessing 17, 73; Herder 3, 41; Göthe gespr. 2, 268. IIIIII. in zusammensetzungen z. b. akten- u. Immermann Münchh. 4, 228; meerungeheuer Göthe IV 9, 204; religions- u. 7, 217 Weim.; satz-, schiffs-, see-, wortungeheuer u. s. w. ungeheuerbändiger Böttiger kl. schr. 1, 370; -haupt Herder 9, 59; -gegürtet Immermann 15, 62; -geschichte (geschichte von einem u.) Storm 4, 203; -gewimmel Böttiger kl. schr. 2, 81; -malend Herder 6, 226; -tilgend Stolberg 5, 55 u. ä. ungewöhnlich ungeheuersgrösze Forster 6, 320. komisch ungeheuerndirektor J. Paul 4, 48; vgl.monster-master, ungeheuernordensgeneral ebd.; ungeheuer-bild s. das adj. 5. —
23411 Zeichen · 574 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Ungeheuer

    Adelung (1793–1801) · +6 Parallelbelege

    Das Ungeheuer , des -s, plur. ut nom. sing. von dem vorigen Bey- und Nebenworte. 1. Ein Ding, welches wegen seiner Größe…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    ungeheuer

    Goethe-Wörterbuch · +1 Parallelbeleg

    ungeheuer [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    Ungeheuern.

    Mecklenburgisches Wb. · +4 Parallelbelege

    Ungeheuer n. ein übergroßes Gebilde: dat Ungeheuer die Pferdekeule, die Wod' herunterwirft Ha Witt . Hd.

  4. Spezial
    ungeheuer

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +2 Parallelbelege

    un|ge|heu|er I adj. 1 (unermesslich) da temëi, enorm (-s, -a), imens (-sc, -a), teribl (-i, -a), nia da dí 2 (riesig) gr…

Verweisungsnetz

77 Knoten, 80 Kanten

Tap auf Knoten öffnet Detail · Drag zum Umpositionieren · Scroll zum Zoomen

1-Hop 2-Hop
Filter:
Anchor 1 Hub 3 Kompositum 60 Sackgasse 13

Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit ungeheuer

15 Bildungen · 14 Erstglied · 0 Zweitglied · 1 Ableitungen

Ableitung von ungeheuer 2 Analysen

un- + geheuer

ungeheuer leitet sich vom Lemma geheuer ab mit Präfix un-.

Alternativen: ungeheuern+-er

Zerlegung von ungeheuer 2 Komponenten

ung+e+heuer

ungeheuer setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

ungeheuer‑ als Erstglied (14 von 14)

Ungeheuerfels

PfWB

ungeheuer·fels

Ungeheuer-fels m. : FlN, amtl. Am Ungeheuerfels [Kaislt ( Zink FlN 175)]; vgl. Ungeheuerstein . —

ungeheuerheit

DWB

ungeheuer·heit

ungeheuerheit , f. , groteskheit Raupach dr. w. ernst. g. 8, 222 . vgl. nl. onguurheid, guurheid, engl. monsterhood. vereinzelt. ebenso unge…

ungeheu(e)rig

DWB

ung·e·heuerig

ungeheu(e)rig , adj. mhd. ungehiurec Alex. 3678 Guth. mnl. ongehierich. nl. gurig, -heid. fries. onhurich, -eit. ungehürig Staub-Tobler 2, 1…

ungeheuerigkeit

DWB

ungeheuerig·keit

ungeheuerigkeit , f. s. oben ungehurigkeit. für ' die eigenschaft eines dinges, da es ungeheuer ist ' Campe ( doch nur als wort des gemeinen…

ungeheuerlich

DWB

ungeheuer·lich

ungeheuerlich , adj. adv. , wie ungeheuerig seitenstück zu ungeheuer; während aber die neuere schriftsprache ungeheuerig fallen liesz, sucht…

ungeheuerlichkeit

DWB

ungeheuerlich·keit

ungeheuerlichkeit , f. , erst im 19. jh. nach der neueren bed. des adj. gebildet: kurz, man hat mit den allerwunderlichsten ungeheuerlichkei…

Ungeheuerloch

PfWB

ungeheuer·loch

Ungeheuer-loch n. : FlN, mda. Uⁿgehäieʳloch [ RO-Potzb ], amtl. Ungeh e uerloch [ RO-Potzb ]. —

Ungeheuersee

PfWB

ungeheuer·see

Ungeheuer-see m. : FlN, Name eines stehenden Gewässers, amtl. Ungeh e uersee [ NW-Weish/B Leistdt ]. —

Ungeheuerstein

PfWB

ungeheuer·stein

Ungeheuer-stein m. : FlN, Ungeheuerstein heute Saufels [Kaislt]; vgl. Ungeheuerfels . a. 1600: Der Bockenberg hat in sich den Unge- heuren S…

Ableitungen von ungeheuer (1 von 1)

ungeheu(e)re

DWB

ungeheu(e)re , f. , mehrfach mit ungeheuer I, II 1 sich mischend; unter ungeheuer, n., sind auch schon weibliche substantivbildungen, die vo…