ungeheuer,
n. (
m. f.),
aus dem vorigen adj. (
adv.)
substantiviert. g. unbezeugt, unhiurja
für unbiarja
θηρία Tit. 1, 12
vermuthet van Wijk.
altschwed. ohyra, ohyre, ohyr,
f. n. Söderwall 2, 152
b f.; schwed. ohyra;
norw. dän. uhyra, uhyre (
teilweise entlehnt Falk-Torp 1321).
ahd. ungihiuri (
signa et monstra lib. sap. 8, 8 forazeichan edo unkihiuri,
f. n.?, Steinmeyer-Sievers 1, 559, 30)
neben ungihiurida (
monstra zaubar. ungihiurida
ebd. 2, 247, 47);
mhd. ungehiure, ungehûre,
m. f. n., Lexer 2, 1837;
mnd. ungehûr(e),
n. mnl. ongehier(e), -gehure, -gehuer,
n. Dijkstra 2, 292
b (onhuer); Molema 304
a. Staub-Tobler 2, 1587 (ungehür, hungür, hunghür,
auch umghîer);
els. 1, 370
b; Schmeller 1, 1155; Lenz
vgl. wb. 73
a;
lux. 315
a;
Eupen 131
b (onngehü'er, aungehü'r); Münch
ripuar. 127;
brem. wb. 5, 151; 6, 384.
die neigung zu weniger fest gewordener substantivierung ist schon beim adj. reichlich belegt (
s. d.)
; die ältere spr. zieht der, diu ungehiure
vor, die alleinherrschaft des neutrums setzt sich erst im 18.
jh., vielleicht unter mitwirkung des lat. monstrum, prodigium
und ihrer neusprachlichen entsprechungen durch; der ungeheuer
bezeichnet im 17.
jh. den teufel (
s. II 1 b),
einen wüterich u. dgl. (nach diesem befehlich,
die stadt anzuzünden, zog er, der ungehewer,
herzog Hans v. M., aus der stadt hinweg Rätel
schles. chr. 355; v.
d. Werder
ras. Rol. 186),
die menses (
s. Guarinonius
u. II c),
das f. liegt, wie in ungihiurida, ungeheure (
s. d.),
bei vielen stellen abstracter verwendung (
s. I)
nahe, ohne dasz entscheidende verbindungen auftreten. der plural lautet durchweg ungeheuer (
vereinzelt erscheint ein unflectierter casus: zum teufel und sein ungehewr. ... weich, böser kundt Kehrein
kirchenl. 2, 706, 6,
wenn nicht collectiver sing. vorliegt),
selten und schriftsprachlich veraltet ungeheure Stieler, Dusch
verm. w. 165; Iselin
verm. schr. 2, 69 (ungehiure
j. Titur. 6006, 3; 6049, 2);
mundartlich auch mit der endung -er Staub-Tobler 2, 1587.
durch die begriffsgeschichte geht noch deutlicher als beim adj. ein bruch; der alte begriff wird durch einwirkung gelehrter bildung und durch das aufklärungszeitalter in den hintergrund gedrängt, fremdsprachliche, bes. lat., franz., engl. wörter treten störend in den gesichtskreis, füllen die immer leerer werdende worthülse mit verändertem inhalt und führen zu neuen constructionen. nur die ältere schriftsprache, die terminologie der medicin und des aberglaubens, die mundarten wahren im einzelnen einen ununterbrochenen zusammenhang mit der gesamtentwicklung. erst durch unsre class. literatursprache gewinnt das (
bis dahin verhältnismäszig nicht viel gebrauchte und nach geschlecht und flexion oft schwankende)
wort seine ungemeine häufigkeit. wenn die neuere sprache verwendungen bietet, die an ungeheuer,
adj. 1. 2. 3
erinnern, hat trotzdem umbildung stattgefunden. z. b. du wirst bemerkt haben .., dasz man hier ohne unterlasz die vorzüge der südlichen naturen geltend machen und uns als nordische ungeheuer (
vgl. das adj. 1,
aber auch monstra) auszeichnen will Häusser
d. gesch. 3, 279, 5;
oder im dichterischen bilde: die flamme das ungeheuer Göthe 6, 13
Weim.; am perlenlichten morgenhimmel drauszen lag ein unbekanntes ungeheuer
das mittelmeer Stifter 3, 67.
von den alten bedeutungen des adj. 1. 2. 3
wird da nichts mehr gespürt. II.
eigentlich als abstractum; vgl. ungeheure,
f.; selten im plural, bisweilen collectiv. I@11)
von naturerscheinungen wie u.
adj. 2,
verdunkelt zu einem dem l. impetus, minae
u. s. w. ähnlichen begriff: wenn man mit öl wil leschen fewr, so wird noch mehr ungehewr Petri 2,
D d d I
v; die erd, luft, wasser und das feuer all gottes creature, fiel an sie (
Magdeburg) mit solch ungeheuer, ja wider die nature Opel-Cohn 225 (
vgl. die definition des lat. monstrum, monstrositas); des donners ungeheuer Rist
himl. lieder 1, 59; der winde ungeheuer Zinzendorf
ged. 31.
unklarer: allein der gottheit feuer war wie ein ungeheuer, im angesicht der zeit: die creatur ward augenblicklich scheuer vor dieser spuhr der unanfänglichkeit (
sp. 121
nachzutragen)
somnium Socratis, kl. schr. 2;
nach ungeheuer 4
weisend: darumb deckt sie umb sich her dunckel, grawen, ungehewer
Königsberger dichterkr. 108
neudr. von örtlichkeiten: wo man in heissem sande der syrten ungeheur (
aestus?) um Ammons tempel fande A. U. v. Braunschweig
Oct. 3, 685.
aber auch ungeheure
vastitas, solitudo liegt nahe. veraltet. ortsnamen Unghürschwächtel, Unghürhorn Staub-Tobler 2, 1588. I@22)
wie u.
adj. 3,
bisweilen ins concrete übergehend, grauenvolles, greuel, schrecken, gefahr, schwere not, unglück, unfall, widerwärtigkeit u. dgl.; von kriegsgefahr, der folter Staub-Tobler 2, 1588;
widerwärtigkeit, unfall Schmeller 1, 1155;
mnd. wildheit, ausschweifung (Rich. Schröder
stellt es begrifflich zu firina);
norw. dial. uhyra,
f. miszgeschick; vgl. ungeheure: was segen kan doch Teurdank, dieser held teur, das im kein leid noch ungeheur durch mein anschläg geht zu handen?
Teurdank 53, 84
G.; das der endchrist solt solche ungehewer (
n. plur. oder f. = ungeheure) in der kirchen durffen furnehmen, schweyge denn volbringen Luther 8, 710, 31
Weim.; das letzt ungeheur (
widrige erlebnis) des neids und hasz (1555) 1, 147
a; es musz eyn strmerey und ungehewer heyssen, das ich widern Hochstrat geschrieben Hutten 2, 192, 38; weils wol gieng, bliebstu stets bey mir, jetzt fleuhst von mir im ungehewr Waldis
Esopus 1, 248
Kurz; S.
Dach 211; er, der zuvor mit ungehewr und jamer uns geschlagen Weckherlin 1, 342, 61; wir entkommen nun dem groben ungeheuer
Rein. Fuchs (1650) 197;
von den durch Ludwigs XIV.
einfälle herbeigeführten zuständen: bey der gemeinen noth und diesen ungeheuren, was that dein kluger fürst, der zur regierung kam? er eilete so fort, der feuers-brunst zu steuren Besser (1732) 1, 67;
concreter werdend: man schos da mordlichs feir, gos siedend wasser, pAech und anders ungeheuer von maur und trnen ab Rompler 107;
nach II 1
hinüberspielend: dasz mich kein ungeheuer (
noctium phantasma) erschrekket Neumark
fortgepfl. lustw. 1, 13;
etwas ungeheures (
adj. 5 a),
eine ungeheure lästerung: entschlossen ... herauszuströmen das ungeheuer Klopstock
Messias 13, 533;
unüblich. ganz verallgemeinert und nicht ohne einwirkung von monstrum, prodigium (commenta, fictiones)
und ihrer sippe: weissagungen und andre ungeheuer (
sinnlose erscheinungen) des tages,
aus religiöser phantasterei entspringend, Göthe II 4, 7, 21
Weim. vgl. Schwabe bel. 1, 62. I@33)
gelegentlich erscheint das adv. oder unflectierte wort substantiviert: das dauernde ungeheuer (
die eigenschaft, dasz der Rheinfall immer in ungeheuerer bewegung ist) musz uns immer wachsend erscheinen Göthe III 2, 145, 27
Weim.; nachher das vollkommne (u.).
wie leicht sich das bildliche eindrängt, lehrt am schlusz der aufzeichnung: man fühlt wohl, dasz man keinen kampf mit diesem ungeheuer bestehen kann. IIII.
concret. II@11)
dem adj. 4
entsprechend, ein gespenstisches, unheimliches wesen, auch als unförmlich, riesig, gräszlich u. ä. vorgestellt. vgl. unhold. II@1@aa) lamia eyn ungehuuer Schröer
vocab. 1447; eyn grausam ungestalt ungeheur ... oder geyste Arigo 282, 23
u. ö.; seltzame ungehewer und gespenst Nas
antip. 4, 98
a; u. und meerwunder Nigrinus
v. zäub. 201;
auch übertragen engl. comedien 1624
Q 4
a; ein geist oder u. Schweinichen 131; pack dich, du ungeheur, in deine todtenklufft Ziegler
Ban. 888;
ein poltergeist Frisch (1741) 1, 449
a;
spectrum Zedler 38, 1372; mit allen riesen und ungeheuern (
vgl. das adj. 5,
aber auch unten 2) Wieland
Ag. 1, 199;
nach altem gebrauch: in den zwölf nächten ... wo alle ungeheuer freiere gewalt haben J. Grimm
Reinhart Fuchs liv;
zweideutig: die baronin prallte vor ihm zurück wie vor einem ungeheuer (
vgl. 2) Holtei
erz. schr. 8, 147; ein u., schiechs thier Laistner
nebelsagen 14;
eine fastnachtmaske, d' unghürer fared ūs, s' Grebliung'hür
ein localgespenst, auch gutartige hausgeister Staub-Tobler 2, 1587
f.; Schmeller 1, 1155;
alp, incubus Höfler 231
b; dat ungehür (unhür) het mi reden
aus dem munde des gemeinen mannes brem. wb. 5, 151; 6, 384. II@1@bb)
verkirchlicht vom teufel, vgl. das adj. 4 b (der t. sol ein grosz gots feint und pöses ungeheuer sein Arigo 236, 9
K.): darauff bald auch der ungeheur jhn umbbracht Kreckwitz
lustwäldlin 168; der ungehewer erzeiget sich allenthalben Dannhawer
cat. 2, 418; wie denn? zum ungeheuer! (
m?) lescht nichts mir dieses feuer? Dach 480;
veraltet und nur noch als n. möglich: eine gesellschaft fratzenhafter ungeheuer hat den h. Antonius in die lüfte geführt H. Grimm
Michelangelo 1, 77,
wobei denn aber heute immer mehr an schreckhaft-phantastische naturwidrige äuszere gestalt und erscheinung, als an den gespenstisch-teuflischen character gedacht wird. II@1@cc)
zauberisches altschwed. ohyra, ohyre
trolskhet, trolskt Söderwall 2, 152
f.; ungeheuer '
das unheimliche' (
zs. f. d. altert. 53, 134),
feindlich schädliche, üble (
adj. 3 c)
als krankheitsbezeichnung, ursprünglich die krankheit bewirkend wie der nachzehrer
bei den menstruierenden Höfler 231
b (
vgl. Gotthelf bei Staub-Tobler 2, 1587);
die menses selbst inmassen sich vil (
menstruierende) gar mit nichten verwaren und den ungehewr fliessen lassen, wie er fleuszt Guarinonius 934 (
vgl. das adj. 3 e);
rotlauf (
wildnis, wildes thier)
röteln, masern, schafblattern Höfler
ebd.; weichselzopf brem. wb. 6, 384 (unhürs-klatten
verworrene haare, bes. pferdemähnen ebd.)
; dän. ohyra
rose Nyrop-Vogt 22;
norw. dial. uhyra,
f. unthier; zündt drauff ein liecht an bey dem fewr, erplickt als baldt das ungehewr, den wolff stehn oben bey dem herd Fischart
Eulenspiegel 10490
H.; vgl.unflat,
unthier,
ungethüm, ungeziefer;
dän. dial. uhyre,
schwed. ohyra
ungeziefer. s. das adj. 3 c, 4.
nicht mehr schriftsprachlich; nur im scherz: ob sie lustig ist, ob sie von wespen gestochen ist oder von andern ungeheuern Caroline 1, 195
Waitz; ungeheuer
als bezeichnung der syphilis (Herder 16, 276),
cholera (Göthe III 18, 97
Weim.),
hypochondrie (Miller
briefw. 1, 73)
u. dgl. hat mit der alten entwicklung keinen zusammenhang mehr, sondern den umweg durch den begriff monstrum (
s. 2)
gemacht. auch in der sprache der dichtung und der bildung ist noch weniger als beim adj. von dem alten vorstellungsgehalt übriggeblieben; z. b. die nacht schuf tausend ungeheuer Göthe 1, 68
Weim.; die indischen u. (
götzen) 7, 43
Weim. höchstens etwas gefühlswert wird durch erinnerung an solche alten zusammenhänge bestimmt: die nacht allein, das schwarze ungeheuer, hat man mit eingesperrt zu diesem armen Lenau 29; still ist der grund meines meeres: wer erriethe wohl, dasz er scherzhafte ungeheuer ('
schwimmende räthsel und gelächter') birgt Nietzsche
Zar. 170
kriegsausg. vgl. ungeheuer adj. 1
g. ende. II@22)
der im mythologischen denken wurzelnde begriff ist in der neueren schriftsprache gelehrter bildung und dem denken der aufklärung gewichen, indem er sich lat. definitionen von monstrum (monstrum est omne contra naturam Donatus; quicquid est natura deforme, hoc est praeter naturam aut deficit, aut excedit, monstrum aut res monstrosa est Calepinus
sept. 954
a; monstrum ein ungehewer oder ungehewrigs, ungewönlichs und unnatürlichs ding Faber
thes. 520
a)
näherte, die eigentlich gar nichts mit dem ursprünglichen deutschen begriffe zu thun haben. gelehrte herkunft bezeugen die frühsten belege u. 3;
eine spur der fremdartigkeit verrät noch manche ra. wie der mensch ist ein wahres, wirkliches, reines u.
u. dgl. (
freilich kommen ähnliche verb. auch in den rom. spr. vor).
der beginn dieser entwicklung fällt etwa mit dem untergang von kunter
und der aufnahme von monstrum
im 16.
jh. zusammen. die intensive und steigernde bed. des adj. (5. 6)
unterstützte diesen vorgang, theilweise geriet ja auch das adj. in die fremde abhängigkeit. Frisch 1741 (1, 449
a)
gibt ungeheuer
für monstrum, '
sonderlich der grösse nach',
stellt aber die bed. daemon malus, spectrum molestum noch voran und Stieler 833
kennt nur ungeheur
spectrum, larva, terriculum, phantasma, lemures. durchgedrungen ist der neue begriff erst im 18.
jh., umschrieben von Adelung
als '
ein ding, welches wegen seiner grösze furcht und entsetzen verursacht, in welchem verstande man sehr grosze und ungewöhnliche thiere, einen ungewöhnlich groszen menschen u. s. f. ungeheuer
zu nennen pflegt; der nebenbegriff der furcht und des entsetzens ist dem hauptworte noch wesentlicher als dem beyworte'
; ein ungestaltes geschöpf (Ad.),
murmelthier (Frisch 2,
reg. d. lat. w. 68
a),
eine miszgeburt (Ad.), 'ungeheuer, monstrum,
ein gegenstand, der wegen seiner grotesken ausbildung in erstaunen, auch in furcht und schrecken, bes. bei abergläubigen setzt; man versteht darunter jede regelwidrige bildung eines naturkörpers'
u. s. w. Krünitz 196, 247
ff. monster, gedrocht, wanschepzel, schrik dier, wangedrogt Kramer-Moerbeek (1768). II@2@aa)
von menschen: es müsten gewisz keine gerade männer mehr in der welt seyn, so dasz man aus noth ein ungeheuer wehlen müste
d. vern. tadler. 1, 284; Göthe III 1, 307, 3
Weim.; das fleisch des ungeheuers
Goliath 21, 9, 27
Weim. II@2@bb)
von thieren und unthieren: ja selbst ein ungeheur erschreckt' ihn nicht Göthe 16, 136
Weim.; so habe ich z. b. von dem Minotaurus, den harpyien und einigen andern ungeheuern keinen gebrauch gemacht
gespr. 8, 32;
allgemein von den ungestalten der kunst-mythologie (Bohner 81); und hinter ihm, welch abentheuer! bringt man geschleppt ein ungeheuer Schiller 11, 272 (
kampf m. d. drachen);
riesen und drachen ist freilich durch die eingedrungene griech.-lat. mythologie die beziehung auf II 1
genommen; ein stinkthier Brehm
tierl. 1, 666; die könige ... sind in der sittlichen welt, was die u. in der natürlichen
Grotes weltg. 10, 122.
ältere beispiele fordern andre auffassung: manige wilde ungeheure
j. Titur. 6006, 3 (6049, 2)
greift auf das adj. 1
und 3, Fischart
Eul. 10490 (
s. o. II 1 c)
auf 3 c
zurück. noch bei Thomasius (welche, als sie von den mägden vernehmen, was vor ein ungeheuer (
affe) droben im bette erschiene, sich entsatzten
ernsth. ged. 2, 337)
ist in der vorstellung der mägde ungeheuer II 1
gemeint. viel nachgeahmt ist des Horaz
belua multorum capitum sat. 2, 1, 76 (Büchmann
24 411): das fratzenhafte, vielköpfige u. eines empörten volkes Steffens
was ich erlebte 2, 285; diesem tausendköpfigen, bizarren, chamäleontischen u. E. Th. A. Hoffmann 2, 12;
dann dreiköpfigtes (
triceps) Gottsched
d. neueste 3, 428; zweyköpfiges Babo 49; die philosophie als ein u. mit vielen köpfen Schopenhauer 1, 145
u. s. f. II@2@cc)
von sachen (
wie im franz. u. engl. Murray 6, 631
a; Littré 2, 612
c, 5),
wobei sich leicht (
z. b. Göthe 37, 145, IV 6, 292
Weim.)
personification einschleicht: die erste ausgabe (
des angehenden renommisten) wird für ein ungeheuer (
einen degen) bestimmt, das seine schwache hand kaum zu heben vermag
portraits (1779) 51;
von bergen ihr schrecklichen u. von unausdenklicher zahlloser centnerlast Bräker 2, 127; diese gegenfugen sind nur ungestalte ungeheuer Göthe 45, 206, 10 (
Rameaus neffe)
Weim.; vom Straszburger münster 37, 145,
Mailänder dom 47, 64 (
vgl. 6),
elephantenschädel IV 6, 292
u. s. w.; das graue u., die Berliner monatsschrift K. L. v. Haller
rest. 1, 151;
ein felsblock H. v. Barth
kalkalpen 494; ein gestricktes buntes ungeheuer, wie wir ... im tapisserieladen gekauft J. v. Bismarck
br. 32;
scherzhaft von einem knopf Staub-Tobler 2, 1588.
vgl. 5 ein ungeheuer von (einem) knopf.
zwischen 2 c
und 6
stehen fälle wie meinem dramatischen ungeheuer Hebbel
br. 7, 160.
zum terminologischen gebrauch s. 6.
personificationen und allegorien s. 3. II@33)
im sittlichen sinne. hier trifft übertragung wie beim lat. monstrum
und prodigium
mit der entwicklung des adj. 3
früh (
mnl. wb. 5, 561)
zusammen: das ungeheuer, die Calpurnia, ware diesem rechtschaffenen mann darum aufsetzig A. U. v. Braunschweig
Oct. 1, 280;
von Nero Arnold
ketzerhist. 33
b; ich ungeheuer! und bey diesen gesinnungen soll ich an ihren vater schreiben? Lessing 2, 318, 32; Richard der dritte ... ist unstreitig das gröszte, abscheulichste u., das jemals die bühne getragen 10, 98; des erdbodens Schmidt
gesch. d. Deutschen 5, 320; ungeheuer mit majestät Schiller 2, 5; auf erden Pfeffel 2, 68
u. s. w. (
oft nach dem lat.); dieser Badiggi war ... ein wahres moralisches u. Laukhard
leb. 1, 257; sonst hatten ungeheuer einer bestimmten gattung: piraten, sklavenhändler und dergleichen volk ausschlieszlich das recht, verächtlich von leben und tod zu denken Freytag 15, 74.
im gegensatz: dahero hielte er es für rathsamer, sich der gnade der feinde, welche ja noch menschen, keine ungeheuer wären, zu ergeben Lohenstein
Arm. 1, 599; Lessing 2, 335, 2; Klopstock
od. 2, 20, 14; Hufeland
kunst 664; Göthe
Iphig 355.
zu 4
führt scherzhafte verwendung hinüber: Wieland das ungeheuer hats (
die zeichnung) verlegt Göthe IV 3, 210, 3
Weim.; Treitschke
aufs. 1, 325; Bismarck
br. a. s. braut 68.
früh wie in antiker personification und allegorie: wie nun die werckheiligkeit ein grosz und grewlich ungehewer (
wenn nicht I 2)
theatr. diab. 186
c; krieges ungeheuer Morhof
unterr. 2, 16; Klopstock
od. 2, 84;
die barbarei Günther 494;
pöna Herder 15, 412;
u. s. w. das kleine u. miszverstand Heinse 10, 118; hat sich die schuld in ein elendiges u. verkörpert? Auerbach 17, 107.
so wohl auch in die mundart gedrungen (Staub-Tobler 2, 1588, 3),
wo es auszerdem, vielleicht noch im zusammenhang mit dem adj. 3
einen rohen, wilden, zerlumpten, pöbelhaften, alten, häszlichen menschen bedeutet (
ebd.).
vgl. 4. II@44)
als schelt-, kose- und kraftwort (
mnl. wb. 5, 561): was murrest du ungeheuer noch viel? Rist
friedew. Teutschland 203; Amor ... das ungeheur (
der gewaltige) Dach 498; was aber acht man doch ein altes ungeheuer? (
eine alte jungfer) Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 65; Göthe 11, 69
Weim.; willst du miszgestaltes ungeheuer, schrie ergrimmt der pflanzer ihm (
dem Huronen) entgegen, willst du diebsgesicht mir aus dem hause! Seume
ged. 79; leben sie wohl für immer, sie ... majorennes ungeheuer, sie Nestroy 2, 57; verworfenes u. Holtei
erz. schr. 4, 197; sie nannte ihn (
ihren mann) ... nicht anders als u., wie wenn das sein taufname gewesen wäre 11, 36;
ein unmensch brem. wb. 6, 364; Pansner
schimpfwb. 73
a; das kleine u. Göthe IV 3, 262
Weim.; Arnim 1, 32; Keller 7, 311; Spielhagen 1, 116;
vgl.ungeheuerchen und ungeheuer von briefträger
u. 5.
in älterer spr. wird das adj. u. substantivierte adj. ebenso verwendet: facculdey, maleventure! ach du alde ungehure!
schilt der kaufmann sein weib Mone
altd. schausp. 2, 136, 916.
von Alexander: er ist ein ungehûre man (
teufelskerl) Lamprecht
Al. 4454
K.; mnd. wb. 5, 45
b. II@55)
nach fremdsprachlichem vorbild (monstrum hominis, mulieris, monstre de, of
u. s. w.),
zur umschreibung des begriffs, der intension dienend, durch bestimmende zusätze erläutert: zwar Chrysis, meine ziehr, der schönheit ungehewer (
prodigium, wunder, ausbund), trägt gegen mir noch fewer und ich auch gegen ihr Tscherning (1642) 166; (
dasz hier das adj. 5. 6,
wie Weigand
syn. 3, 860
will, eingewirkt habe, ist weniger wahrscheinlich); das u. der armut (
halb persönlich) Butschky
Pathmos 570; ein u. der weitläufigkeit (
e. stadt) J. Risler
Spangenberg 109; das u. eines gesellschaftswagens Stifter 1, 101; die wilden u. der waldbäche 2, 241.
glücklicherweise sind wir mit nachbildungen des mostro di natura, monstre de nature, monster in nature,
verschont, wie sie Valentini 2, 2, 1176
a versucht. oft mit präpositionen: da war kein ungeheur vom reifenrock bekannt Gottsched
schaubühne 6, 400; ein u. von einem nuszbaum S.
Brunner erz. 1, 133; Spinoza sei atheist, pantheist oder ein u. von beiden gewesen Herder 16, 419; einem u. von grobem dicken wuchrer Göthe 47, 359, 9
Weim.; witzig heute mittag ging das u. von briefträger an meinem hause vorbei und brachte mir nichts Börne 13, 30;
Paris dieses angenehme u. moderner civilisation Pückler
Semilasso 2, 75; ein wahres u. von liebenswürdigkeit Bauernfeld 1, 102. dasz sie zwei ungeheuer an wissenschaft, anbei auch zwei ungeheuer von unermeszlichem hochmuthe gewesen sind J. B. Scheibe
freim. gedanken 21. ein u. in wollust und tücke zu seyn
portraits (1779) 183. II@66)
trotz seiner entwerthung und verfälschung sind dem worte als rest uralter geschichte noch, dem redenden meist unbewuszte, gefühlsmäszige bestandtheile verblieben, die es im allgemeinen unmöglich machen, dasz ungeheuer
im rein wissenschaftlichen sinne ganz affectlos terminologisch gebraucht werden kann; z. b. fehlt die im franz. und engl. bei monstre, monster
vorhandene möglichkeit, regelwidriges oder auszergewöhnliches aller art in der naturwissenschaftlichen fachsprache teratologisch einfach als u.
zu bezeichnen. vereinzelt ist es versucht z. b. ungeheuer, seltenheiten Eschenburg
beisp. 8
b, 177; daher man denn wohl sagen dürfte, dasz .. das riesenfaulthier weit weniger ein u. sei als der ai Göthe II 8, 227
Weim. doch bleibt die regel, dasz u.
eigentlich nur scherzhaft, übertragen oder bildlich von einer miszbildung, einem wechselbalg, bastard, ungethüm, unding, unsinn, einer abgeschmacktheit, wunderlichkeit u. dgl. gesagt wird. vgl. monstrositas
u. seine sippe sowie ungeheuerlichkeit. (
das adj. 3 e
und 5 d
ist andre wege gegangen): andrer solcher ungeheuer (
von wörtern) zu schweigen Gottsched
sprachk. 142; ein widersprechender character ist ein u., das in der natur nicht vorkömmt
crit. dichtk. 619; die groszen staatskörper ... als politische ungeheuer und misgeburten anzusehen
d. neueste 1, 174; eine symphonie ... ein musikalisches u. Lessing 9, 297; Mahomets paradies oder der ... mystiker schmelzende vereinigung mit der gottheit ... würden der vernunft ihre u. aufdringen Kant 5, 121, 1; das harmonische dreieck .. kann auf vielfache weise ein u. werden Herder 12, 178; u. von historischer ekloge 3, 319; dergleichen u. (
abgeschmackte baupläne) Göthe IV 10, 360, 24
Weim.; willst du durchaus heirathen, nimm einen narren; denn gescheidte männer wissen allzugut, was ihr für u. aus ihnen macht A. W. Schlegel
Shak. 3, 237 (
Hamlet 3, 1); Klinger 3, 25; welch ein u. ist doch des menschen herz! Holtei
vierzig jahre 1, 389; das u. unserer belletristik, der historische roman Justi
Winckelmann 1, 330; kinder ohne vorurtheile! gott bewahre einen vor solchen ungeheuern Ebner-Eschenbach 4, 23.
deutlicher im sinne des faultless monster (Murray 6, 631
a): sie haben einen zu richtigen begrif von der menschlichen natur, als dasz sie nicht alle unempfindliche helden für schöne u., für mehr als menschen, aber gar nicht für gute menschen halten sollten Lessing 17, 73; Herder 3, 41; Göthe
gespr. 2, 268. IIIIII.
in zusammensetzungen z. b. akten- u. Immermann
Münchh. 4, 228; meerungeheuer Göthe IV 9, 204; religions- u. 7, 217
Weim.; satz-, schiffs-, see-, wortungeheuer
u. s. w. ungeheuerbändiger Böttiger
kl. schr. 1, 370; -haupt Herder 9, 59; -gegürtet Immermann 15, 62; -geschichte (
geschichte von einem u.) Storm 4, 203; -gewimmel Böttiger
kl. schr. 2, 81; -malend Herder 6, 226; -tilgend Stolberg 5, 55
u. ä. ungewöhnlich ungeheuersgrösze Forster 6, 320.
komisch ungeheuerndirektor J. Paul 4, 48;
vgl.monster-master, ungeheuernordensgeneral
ebd.; ungeheuer-bild
s. das adj. 5. —