schlimm,
adj. tortus, obliquus, curvus; improbus, iniquus, perversus, malus, sinister, pravus, teter Stieler 1851,
frühnhd. slim, schlim, slimp, slimpe, schlimp,
obliquus Dief. 387
c, schlem
vel schieggend,
varus 607
b, schlimp, slimp, slump,
obliquus nov. gl. 267
b,
streng mhd. slimp, slimbes,
jedoch nur belegt in der durch assimilation entstandenen form slim, slimmes Lexer
mhd. handwb. 2, 980,
ahd. slimp
gleichfalls unbezeugt, doch zu erschlieszen aus dem subst. slimbi,
f. (?) Graff 6, 793;
mnd. slim Schiller-Lübben 4, 239
b, slem, slen Dief. 387
c,
nnd. slim,
ebenso mndl. und nndl. engl. slim,
schwed. dän. slem
werden als lehnwörter aus dem nd. oder ndl. aufgefaszt. Schade
2 2, 822.
auch ital. sghembo,
piemont, sghinbo,
schief, gekrümmt, bresc. slemba,
schief geschnittene scheibe führt man auf das deutsche wort zurück. Diez
4 400.
seine vorgeschichte ist dunkel; vermutungen über etymologische beziehungen bei Frisch 2, 199
c (
verwandtschaft mit lat. limus), Adelung (
mit lahm),
gramm. 3, 605 (
mit slav. zly
malus, zle
male, serb. zlo), Schade
a. a. o. (
mit lett. schlaups, schlaubs
schräge, auch mit slaf, sliofan, slîfan), Schm.
2 2, 522 (
mit schrem, schräm,
schief, schräg).
die schon oben aus Dief.
beigebrachte nebenform schlem,
die in früheren nhd. quellen häufiger begegnet: schläm, einer der schlems gadt, mit den knüwen eynhinwärtz,
compernis, obliquus Maaler 355
a; schlemm, schiegkend,
varus 356
a, schlemm,
varus, distortis cruribus voc. von 1618
bei Schm.
2 2, 522,
substantiviert schlem,
m. compernis (
neben schlim,
tortus, obliquus, curvus Schottel 1401, der schlem,
compernis Stieler 1852),
hat sich mundartlich bis heute erhalten, meist im sinne von '
schief, krumm' (
s. 1). Schm.
a. a. o. (
Weihers), schläm Frommanns
zeitschr. 4, 285, 142 (
siebenb.-sächs., neben schlimm
in gleichem sinne Schröer 202
a), schlemm 6, 413, 71 (
bern., neben schlimm), Kehrein 1, 351 (
neben schlimm),
doch auch in anderer bedeutung Frischbier 2, 286
b, schlemm, schlömm Spiesz 216.
man könnte daran denken, das e
dieser form durch annahme eines alten ablautverhältnisses zu erklären. der umlaut müszte dann entweder wirklich durch folgendes j
oder durch anlehnung an ein aus *slamjan
entstandenes schlemmen (
s. schlimmen)
hervorgerufen sein. im ersteren falle wäre die form im gegensatze zu schlimm,
als ja-
bildung anzusehen. näher liegt es aber schlemm
als spätere entartung von schlimm
mit offenem e (
brechungs-ë)
aufzufassen. in heutigen oberdeutschen mundarten hat wenigstens der stammvocal diesen klang. im älteren md. wechselt sehr häufig ë
mit i. Weinhold
mhd. gramm. § 46.
auch auf oberdeutschem sprachgebiet greift ë
theilweise weiter um sich als in der schriftsprache, z. b. im heutigen alem. ben (
bin), send (
sind),
aber auch schon in älterer zeit. alem. gramm. § 14, 1.
im heutigen schwäb. ist ë
für gemeindeutsches i
vor m
und n
ganz allgemein. 81.
das eigentliche bair. bietet nur einzelne belege für diese erscheinung, z. b. schef,
dagegen ist die Nürnberger und Oberpfälzer mundart dem ë
geneigter, heute wie das westböhm. besonders vor n
und r.
ebenso kommt es in Tirol vor (
auch als ö).
bair. gramm. § 11.
verbunden erscheinen beide formen in der sprichwörtlichen wendung schlimm sucht schlemm. Simrock 428, 9088;
ähnlich: schlym schlem, eyn jeder findt sin glich. Brant
narrensch. vorr. 60
Zarncke; schlim-schlem quaerit sibi similem, gleich gesellt sich gern zu gleich. Keisersberg
ev. (1517) 185
b. Zarncke
vermutet im commentar zu der obigen stelle, wo er noch 2
belege für die lat. fassung aus den epist. obsc. vir. anführt, entstehung aus lat. similis (quaerit) similem.
auf e
scheint auch das ei
des in Weihers üblichen schleimb Schm.
2 2, 522
zurückzugehen, in dem das alte b
noch erhalten ist. für ei
statt e
erbringt Weinhold
bair. gramm. § 80
belege aus älterer und neuerer zeit, nicht aber für ei
statt ĭ.
aus ĭ
oder ĕ
kann der diphthong der von Frisch 2, 199
c angeführten form schliem,
die auch durch älteres schliemmen (
s. schlimmen)
bestätigt wird, entstanden sein. für das alem. z. b. beweist das Weinhold
alem. gramm. § 63. 64.
als ablautsform musz wol das bei Dief.
a. a. o. (
s. oben)
aus einem vocabular von 1421
belegte slump
angesehen werden. [] 11)
von der geraden richtung abweichend, schief, schräg, krumm, im früheren nhd. ganz gewöhnlich, heute nur noch in den mundarten. s. die oben unter dem formalen gegebenen belege. ebenso: schälb, uberzwerch, schläm,
limus, obliquus, tortus Maaler 345
a; schälb, schlimm, überzwerg,
belg. dwAers,
limus, obliquus Calepin (1570) 860; gelfs, schelb, schlimm, krumm, überzwerch,
obliquus, indirectus, transversus Henisch 1459, 44; schlimm,
tortus, obliquus, curvus Stieler 1851;
obliquus, tortus, obstipus Steinbach 2, 446,
bei Adelung
als mundartlich bezeichnet. Stalder 2, 329. Weinhold 84
b. Pfister 254 (
Katzen - Elnbogen): schlimmer rücken,
dorsum cucurvum Stieler 1851; schlimme nase,
nasus obliquus Steinbach 2, 446; schlimmes maul,
os tortum ebenda; schlimmer hals,
cervix obstipa ebenda; einen schlimmen hals haben,
einen schiefen Adelung,
niederl. als bezeichnung eines menschen mit solchem halse slim-hals,
obstipus Kilian; schlimmer fusz Stalder 2, 329; schlimme füsze haben,
schiefe Weinhold 84
b,
niederl. als bezeichnung eines krummbeinigen slimbeen,
varus, valgus Kilian;
daher schlem
auch geradezu wie krummbeinig, compernis, so bei Schottel (
s. das formale); schlimme augen,
limi Stieler 1851;
auch von willkürlich verdrehten, schlimme augen machen: dieses mägdlein macht ein spytziges meülein und schlime augen. Lindener
schwankb. 119
Lichtenstein. in adverbialem gebrauch: compernis, der schlimm, und mit den knien einwärts gehet. Matthiä
lex. 1 (1761), 309
b; schlimm schreiben,
schief Adelung. Weinhold 84
b.
verbunden mit krumm: der has loff in dem garten rümb und schlug vil hacken, schlemm und krümb. H. Sachs 4 (1578), 3, 86
d; krumm und schlemm einhinschiegken,
varicari Maaler 356
a.
als gegensatz zu strack,
gerade: die dritte (
maus, muskel, am unteren kinnbacken des pferdes) .. steigt mit jren zum theil stracken, zum theil schlimmen, und zum theil halb circkelförmigen zederlein hinabwertz. Uffenbach
neues roszb. (1603) 1, 28; endet sich mit seinen zum theil schlimmen zum theil stracken zederlein. 1, 137.
sprichwörtlich: oberd. je schlimmer, je dümmer. Adelung;
siebenb.-sächs. te hôst schläm geladden,
bist betrunken. Frommanns
zeitschr. 5, 325, 262,
ebenso in Weihers. Schm.
2 2, 522;
siebenb. - sächs. de nôs (
nase) stît der schläm (
schief),
d. h. du lügst. Frommanns
zeitschr. 5, 177, 211. 22)
übertragen, nicht auf das richtige ziel zugehend, nicht in der richtigen lage oder verfassung. 2@aa)
von ungünstigem ausgang oder einflusz, von schädlicher wirkung oder beschaffenheit, unangenehm, schädlich, widrig, böse, übel. 2@a@aα)
am nächsten stehen der eigentlichen bedeutung adverbiale wendungen wie: die sache stehet schlimm,
res ad iniqua inclinatur Stieler 1852. Steinbach 2, 446; es steht schlimm mit ihm, das ist, er steht als wenn er fallen wollte,
non recto talo stat, inclinat ad deteriora, minatur res ejus ruinam, casum, interitum Frisch 2, 199
c; um etwas: noch viel schlimmer steht es um die satyrische dichtkunst. Schiller 10, 498. es geht schlimm: bisher ging's freilich schlimm. Göthe 7, 66; 'nun, freund, wie ging dir's heut im flor?' o Charedscha, schlimmer als zuvor. Rückert 4 (1882), 73. schlimm fahren bei etwas: er ist bei dem handel schlimm gefahren.
ähnlich, veraltet, es reicht schlimm herum: jetzo aber, da es schlimm herum reichen will, willst du den kopf aus der schlinge ziehen und nichts davon wissen. Günther 1002.
weniger deutlich tritt der eigentliche sinn des worts bei den folgenden bedeutungsverwandten ausdrücken hervor: einem schlimm mitfahren,
male aliquem tractare Frisch 2, 199
c; schlimm zurechtkommen Adelung.
volksmäszig schlimm dran sein,
nd. hei is slim dran Schambach 195
a; hê is d'r slim an ten Doornkaat Koolman 3, 200
a. 2@a@bβ)
so dann auch in allgemeinster adjectivischer verwendung bei abstracten begriffen, von zuständen, verhältnissen, handlungen u. dgl.: schlimmer handel Steinbach 2, 446: und ward der handel so schlimm, das der Polen uber 20 blieben (
getödtet wurden). Hennenberger
preusz. landt. (1595) 103
a, schlimme sache Steinbach 2, 446; die sache könnte nicht schlimmer seyn.
ebenda; allein, käm es heraus, da gäb's dir schlimme sachen. Göthe 7, 61. angelegenheit: seine häuslichen angelegenheiten fingen an äuszerst schlimm zu werden. 15, 119.
niederd. 'n slimmen kram,
eine böse sache. Mi 80
b; schlimmer zustand: in schlimmern zustande seyn. Steinbach 2, 446; umstand Adelung;
[] schlimmes verhältnisz: ein so schlimmes verhältnisz zwischen der nation und dem thronkandidaten würde auch bei der ruhigsten thronfolge stürme erweckt haben. Schiller 8, 78; schlimme seite: sich auf die schlimme seite legen,
depravari corruptela. Stieler 1851.
auch auf sittliches gebiet bezogen (
vgl.κ),
deflectere de virtutis curriculo. 1852. Frisch 2, 199
c erklärt die wendung: amare prava consortia, in praecipitia deduci, inconsiderate agere, in declivi et praecipiti loco esse. die schlimme seite
erscheint in einer ähnlichen wendung der guten
gegenübergestellt: von der guten auf die schlimme seite gerathen,
ab excitata fortuna ad inclinatam desciscere. Steinbach 2, 446; etwas auf (
heute von) der schlimmsten seite betrachten: ich erstaune über ihre geschicklichkeit, alles auf der schlimmsten seite zu betrachten. Lessing 1, 451; schlimmer sinn
von worten, begriffen: etwas im schlimmsten sinne auffassen; ein schwätzer im schlimmsten sinne des worts; schlimmes zeichen: jüngst in der liebsten vaterhause, bewegt von lautem freudenbrause, begegnete ein schlimmes zeichen. Rückert 1 (1882), 626. schlimme vorbedeutung, wendung, schlimmer ausgang. schlimme zeiten,
aspera Steinbach 2, 446. Frisch 2, 199
c. Adelung, zeit: so geht's mit unsern herrn (
den männern) in dieser schlimmen zeit; es gehen zwanzig drauf, bis dasz ein halber freit. Göthe 7, 51; ei! so schnell in dieser schlimmen zeit verreisen? 57. schlimmer dienst,
besonders in der wendung einem einen schlimmen dienst leisten: ihr müszt verläumdet seyn. vermuthet ihr den feind, der euch den schlimmen dienst geleistet? Schiller
Wallensteins tod 2, 6. schlimmer rath,
adverbial schlimm berathen sein: wie schlimm wir auch berathen waren, mit dem ist gott und seine schaaren.
werke 11, 255. sich schlimm berathen haben: du hast dich schlimm berathen, guter jüngling, und nicht die richt'gen pfade ging dein herz. Grillparzer 6 (1887), 38.
bei andern bedeutungsverwandten ausdrücken, adjectivisch: indem der spieler Pfiff — erzürnte götter! — durch einen schlimmen wurf ein auge jüngst verlor. Lessing 1, 28; so bin ich hier, gerettet aus des sturms gewalt und aus der schlimmeren der menschen. Schiller
Tell 4, 1.
adverbial: schlimm treffen wir bei mondenlicht.
Shakesp. sommernachtstr. 2, 1. schlimmer
als gegensatz zu besser:
Fiesko. .. wo besser als in meiner unendlichen leidenschaft kannst du diesen schaz (
die tugend) niederlegen?
Julia. gewis nirgends besser, und nirgends schlimmer. Schiller
Fiesko 4, 12. 2@a@gγ)
die beziehung in solchem sinne auf zustände, erscheinungen der umgebenden natur, wie sie die folgenden verbindungen bieten: schlimmes wetter Adelung; schlimmer sommer: ich hoffte nach einem so schlimmen sommer einen guten herbst zu genieszen. Göthe 27, 5; schlimmer winter,
in der folgenden stelle persönlich gefaszt (
vgl. ι): o winter, schlimmer winter! wie ist die welt so klein! du drängst uns all in die thäler, in die engen hütten hinein. Uhland (1864) 32
vermittelt eine ähnliche anwendung auf sächliche concreta: schlimmer weg,
der schlecht zu passieren ist. Adelung: und wenn wir dann nach einem heiszen tag', nach ausgestandenen fatalitäten, schlimmem weg' im winter, wenn wir eintrafen, in manche noch schlechtere herberge wie diese ist. Göthe 10, 150; schlimmes wasser,
gesundheitsschädliches: hier sah ich mich gezwungen, des schlimmen wassers wegen meinem magen die zufuhr abzuschneiden. Wieland
übers. von Horazens sat. (1794) 1, 169. 2@a@dδ)
die bedeutung des schädigenden, die bei concreten dann meist hinter der des minderwertigen zurücktritt (
vgl. 2,
b, α),
erscheint verstärkt und verinnerlicht in fügungen gleich den folgenden: ich kam in die gegend, welche mit recht den namen schlimme mauer führt: denn es ist dort niemals ganz geheuer. Göthe 24, 81 (
die bezeichnung soll übrigens aus dem namen des ehemaligen besitzers, Slymme,
verdreht sein. Andresen
volksetym.4 118); aber niemand entgeht seinem schlimmen stern. Hebbel 9 (1891), 11.
[] 2@a@eε)
zum begriffe des furchtbaren, schweren erscheint sie erhoben bei wörtern, die schon den begriff des ungünstigen, schädigenden in sich schlieszen: schlimmer sturm, schlimmes unwetter, gewitter, schlimme sünde, schlimmes verbrechen, schlimmes unglück: o, ich befürchte sehr ein schlimmes unglück.
Shakesp. Romeo 5, 3; schlimmer aberglaube: der aberglauben schlimmster ist, den seinen für den erträglichern zu halten. Lessing 2, 311 (
Nathan 4, 4).
von hier aus erklärt sich die mundartliche verwendung des wortes als allgemeine adverbiale verstärkung, vgl. furchtbar, ungeheuer,
engl. awfully
in solchem gebrauche: nd. noch slimmer lâpen,
noch stärker laufen. Schambach 195
a. 2@a@zζ)
statt auf ein eigentliches subst. erscheint schlimm
in solcher anwendung auch auf einen infin. bezogen: vielen gefallen ist schlimm. Schiller 11, 179.
ebenso auf einen infin. mit zu: zu zaubern, gift zu mischen, ist nicht so schlimm! Göthe 7, 67.
auf einen nebensatz in fügungen wie: es ist schlimm, dasz, wenn,
verkürzt schlimm, dasz, wenn: aber mit diesem nothstaat, der nur aus seiner naturbestimmung hervorgegangen, und auch nur auf diese berechnet war, konnte und kann er (
der mensch) als moralische person nicht zufrieden seyn — und schlimm für ihn, wenn er es könnte! Schiller 10, 279; ein einzig böses weib lebt höchstens in der welt: nur schlimm, dasz jeder seins für dieses einz'ge hält. Lessing 1, 9. schlimm genug, dasz, wenn: schlimm genug, dasz deiner sache du nicht gewisser warst! 2, 355 (
Nathan 5, 8).
auch als entgegnung auf eine vorhergegangene bemerkung, mit verschweigung eines als pronomen oder nebensatz zu denkenden subjects: schlimm genug!
ähnlich desto schlimmer:
postmeisterin. .. werden sich schon legen, die stolzen wellen.
madame Sommer. desto schlimmer. Göthe 10, 136;
Razmann. .. ich sage dir der ruf unsers hauptmanns hat auch schon ehrliche kerls in versuchung geführt.
Spiegelberg. desto schlimmer. Schiller
räub. trauersp. 2, 7.
eingeschoben: was noch schlimmer ist: einem schnell einfallenden regengusz aber ist's nicht untersagt, allen den in die ecken geschobenen kehrig aufzurühren, in die canäle zu schleppen, ja, was noch schlimmer ist, in die abzüge zu führen, die nur zum abflusz des wassers bestimmt sind. Göthe 27, 143.
mit anderen pronom. prädicativ verbunden: im haus' ist nichts so schlimm, die zeitung macht es gut. 7, 45; hat es (
das geld) Sophie wohl selbst? verflucht! das wär noch schlimmer! 79; nein! das ist schlimmer, o! viel schlimmer, freund! als wir's in Wien uns hatten träumen lassen. Schiller
Piccol. 1, 3.
nd. dat, et is nich slim,
hat nichts zu bedeuten, häufig als ablehnung des danks, auch als frage: is denn dat slim? Schambach 195
a.
gnomisch: nd. dat is slimmer, as schelm kum heruut,
das ist ein loser schelmenstreich, das ist so schlimm, als es nur sein kann. brem. wb. 4, 831; nichts ist so schlimm, es ist zu etwas gut. Simrock 428, 9086; s'ist nichts so schlimm als man wohl denkt, wenn man's nur recht erfaszt und lenkt. Friedrich
Stradella 2, 8.
mit adjectiven: lau ist schlimmer noch als kalt. Lessing 2, 339 (
Nathan 5, 5). 2@a@hη)
in besonderer weise entwickelt sich das wort durch die beziehung auf körperliche zustände. dem bisher entwickelten gemäsz kann die wendung es steht schlimm um einen
ohne weiteres auch auf körperliches befinden angewandt werden. ebenso erklären sich daraus leicht ausdrücke wie eine schlimme krankheit
und ein schlimmer fall,
in der sprache der ärzte. ähnlich, veraltet, einen schlimmen umstand haben: ihr habt einen schlimmen umstand, doch wird euch zu helfen sein, wenn ihr folgen wollt. Hebel 2, 140.
wie hier so hat auch in dem volksthümlichen schlimm krank sein, werden:
nd. he is slim krank ten Doornkaat Koolman 3, 200
a das wort den sinn von bedenklich. man sagt weiter einem ist, wird schlimm,
seltener persönlich einer ist, wird schlimm,
ihm wird übel, schlecht, er fühlt neigung zu ohnmacht oder erbrechen: es musz ihr wohl recht sehr schlimm seyn. Gellert
bei Adelung; wo einer, es sei schriftlich oder mündlich, dem mäcenaten so unmäsziglich
[] räuchert, dasz diesem schlimm darob wird. Klopstock 12, 54; wenn sie länger verziehen, so wird ihre mama glauben, dasz sie sehr schlimm sind. Weisze
bei Adelung;
die baronin. .. es wird mir schlimm — Lotte! — ach!
die damen. eine ohnmacht! Gotter 3, 402; mir wird so schlim. Frischbier 2, 286
b; hlts mih, miar wiard schlimm! Castelli 244. Hügel 139
b;
man sagt auch, so in Posen, wenn man etwas übertriebenes hört: dasz mir nicht schlimm wird. Bernd 264.
aber auch im weiteren sinne von '
krank'
wird das wort gebraucht: bettlägrig und schlimm genug bin ich freilich einige tage gewesen. Lessing 12, 531; sie fanden sie (
die kranke) auch wirklich schlimmer, als sie vermutheten. Göthe 19, 251;
nd. ganz slimm wesen,
sehr krank sein. brem. wb. 4, 831.
gern wird es volksmäszig von erkrankten, besonders verwundeten, geschwollenen, entzündeten gliedern des körpers gesagt: einen schlimmen fusz, finger, eine schlimme hand, ein schlimmes auge haben,
so auch nd. ten Doornkaat Koolman 3, 200
a. 2@a@thθ)
anders modifiziert und verinnerlicht in sonstiger anwendung auf lebewesen, wie gefährlich, zum schaden geneigt, nach Adelung
nur im gemeinen leben. so von thieren: ein schlimmer hund Adelung;
im bilde: das schlimmste thier. wie heiszt das schlimmste thier mit namen? so fragt ein könig einen weisen mann. der weise sprach: von wilden heiszts tyrann, und schmeichler von den zahmen. Lessing 1, 22. 2@a@iι)
tiefer von personen: ein schlimmer knabe Adelung; die schlimmen monarchen. Schiller 1, 341; der schlimmste neidhart ist in der welt, der jeden für seines-gleichen hält. Göthe 3, 308.
im bilde: der müsziggang der schlimmste feind der jugend. Gellert
bei Adelung.
sprichwörtlich: je slimmer schelm, je beter glukk,
je ärger schelm, je besser glück. brem. wb. 4, 831; jo slimmer schelm, jo grötter glücke, jo krümmer holt, jo beter krücke. Woeste 241
a.
das wort nähert sich so dem begriffe von '
schlecht, moralisch verderbt, minderwertig': wenn ich einen menschen in einem stücke als sehr schlimm und gottlos kenne, so darf ich ihm in allen andern eben auch nicht viel gutes zutrauen. Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 1 (1790), 105; ich bin nicht schlimm, mein vater — heiszes blut ist meine bosheit, mein verbrechen jugend. schlimm bin ich nicht, schlimm wahrlich nicht — wenn auch oft wilde wallungen mein herz verklagen. Schiller
don Karlos 2, 2.
in solchem sinne dann auch: ein schlimmes gemüt. eine schlimme that.
adverbial: o wüszest du, wie alle von dir sprachen, so arg, so schlimm. Grillparzer 4 (1887), 152. 2@a@kκ) schlimm
erscheint daher als gegensatz von gut
in moralischem sinne: schlimm oder gut, sind wir übereingekommen, seyen prädikate, die eine handlung erst in der seele erlange. Schiller 4, 300; wo falsch und wahr und schlimm und gut sie längst auf formeln brachten. Grillparzer
5 2, 135.
adjectivisch (
prädicativ)
oder adverbial: die menschen, die man ihm bald gar zu gut beschrieben, bald gar zu schlimm. Wieland 9, 154.
den bedeutungsübergang vom schädigenden zum sittlich verwerflichen veranschaulicht die folgende stelle: der prüfstein trügt dich nie: gut ist, was wohl dir thut, und das ist schlimm, o herz, wobei dir schlimm zu muth. Rückert (1882) 7, 372. 2@a@lλ)
auch sich zu der bedeutung '
böse, erzürnt'
entwickelnd, nur mundartlich: die mutter ist schlimm,
aufgebracht, schilt Frischbier 2, 286
b; sonst ward der vader schlemm
ebenda. milder wie ernst: er sieht so schlimm aus,
macht stets eine ernste miene. ebenda. 2@a@mμ)
wie scharf, alles mit übertriebener pünktlichkeit und genauigkeit verlangend: ein schlimmer hausherr, eine schlimme frau Adelung,
nd. de herrschop is slimm,
sagt das gesinde, wenn sie scharf und genau auf ordnung hält. Dähnert 430
a. 2@a@nν)
listig, verschlagen brem. wb. 4, 831. Dähnert 430
a. ten Doornkaat Koolman 3, 200
a. Wossidlo 170:
nd. een slimmen schelm,
ein schlauer gast brem. wb. 4, 831; he was mi to slimm.
ebenda; een slimmen kopp.
ebenda; sprichwörtlich so slimm, as rottenkruud,
sehr schlau und verschlagen. ebenda. Schütze 3, 310. 2@a@xξ)
im verkehr mit frauen durch schlauheit und dreistigkeit gefährlich, lose, einer, dem nicht zu trauen ist. Frommanns
zeitschr. [] 3, 231, 10 (
fränk.-henneb.). Spiesz 216. Hunziker 223. Seiler 255
b: (
frau Humprecht zu v. Gröningseck) sie sind auch gar zu schlimm, dasz sie es nur wissen. Wagner
kindermörd. 13 (
neudr. s. 10). 2@bb)
im allgemeineren sinne von '
schlecht, minderwertig, gering, unrichtig, unzweckmäszig beschaffen',
seltener in neuerer als in älterer sprache, eine anwendung, die wol theils an a anknüpft, theils unmittelbar aus 1
entwickelt ist. 2@b@aα)
von gegenständen: mnd. ik danke di, Jhesu, dat du dy letest winden in slymme unde wullen doke.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 239
b; is by nachte in slymmen kledern hemeliken van der borgh gewecken.
quelle ebenda; manlath dat is en penningh der slimmesten munte.
quelle ebenda; bystu doch (o mynsche) eyn slymme ertrick unde aschen.
quelle 240
a; schlimmester teil,
pars postrema, sequior, vilissima Stieler 2268; schlimme augen haben,
unbrauchbare, die nicht gut sehen können Adelung.
sprichwörtlich: mnd. dar is neen drek so slym, he wyl enen slimmeren hebben.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 240
a.
das gleiche meint wol die folgende fassung, die aber auch moralisch gewandt werden kann: es ist keiner so schlim, er wil einen schlimmern haben. Petri 2, Aa 8
b; schlimmes leder, schlimme schuh. Gottsched
d. sprachk. 555.
von münzen auch wie unecht, falsch: ein schlimmer schilling Frischbier 2, 286
b.
schlecht, mit bezug auf künstlerischen wert: das stück war nicht schlimm. Göthe 27, 124. 2@b@bβ)
von thieren wie unbrauchbar: ich musz bekennen, dasz die henn nicht schlim ist, aber 3. thaler ist gleichwohl zuviel geld darvor.
Simpl. 4, 252, 17
Kurz; verwünschtes thier! bricht endlich Hansens grimm laut scheltend aus, indem die hiebe flogen. so bist du denn zum ackern selbst zu schlimm, mich hat ein schelm mit dir betrogen. Schiller 11, 21;
sprichwörtlich: mnd. it is ein slim prt, dat syn eigen voer nicht vordeinen kan. Tunnicius 953. 2@b@gγ)
von menschen mit bezug auf seine erschaffung: mnd. du scalt bedencken dine groten slimheit jeghen sine groten hocheit, wo slim du bist gemaket von aschen und drecke.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 239
b.
mit bezug auf körperliche untüchtigkeit: habt jhr dann, sagt der heyd, ein solches schlecht vertrawen zu mir, dasz jhr euch last in meinem beyseyn grawen, dasz jhr mich also schlim, und so untüchtig acht, dasz ich nicht schützen könt euch für des ritters macht. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 1, 80, 3.
auf geistige vielleicht in folgender stelle: mnd. o Rustevyl, du slymme dwas (
armer thor?), du arme slumpe grove wycht, machstu solke spyse nicht ...?
Reinke de Vos 830
Prien. betreffs der übertragung des worts auf moralisches gebiet, s. a, ι.
mit bezug auf rang, gesellschaftliche stellung: mnd. alse he sede, he were gades bade, hebben em de Wollinschen geantwerdet, id werde got so slimme diener nicht hebben, alse he were, de so slicht unde nakent hergingen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 239
b. 2@b@dδ)
daher auch mit wörtern wie amt, art verbunden: to eneme slymmen ambachte.
quelle ebenda; wente de hertige van so slymmer art unde slechte(n) geboren was, dat he so eddelen blodes unwerdich was.
quelle ebenda; dâr nâ bevôlen se er ein slim ambacht in dem klôster.
quelle bei Schröder
vruwenlof u. van S. Marinen 15, 51.
in sonstiger beziehung auf eigenschaften oder thätigkeiten: ein schlimmer bezahler,
malum nomen Frisch 2, 199
c; wach auf, steh auf, herr, lasz nu sehen, wie du, erzürnet, kanst umbgehen mit deinen feinden, und wie schlim für deinem schweren grim jhr grim. Weckherlin 21. 2@b@eε)
adverbial: ich bin schlimm mit dir zufrieden. Schiller
Fiesko 2, 13; sie (
die darsteller eines schauspiels) machten es nicht schlimmer als eine angehende liebhabertruppe. Göthe 27, 8;
moralischer bedeutung nahekommend, vergl. 2,
a, k: sie wollten verbessern, marquis, was ich schlimm gemacht. Schiller
dom Karlos 4, 7. 2@b@zζ) schlimm
in solcher verwendung als gegensatz zu gut: wenn ich aber besser trincke vinum, so rede ich latinum, und zwar nicht das schlimste, sondern auszbündig gut küchen-latein. Schuppius 544.
gnomisch: wie kan man aus schlimmen eisen ein gut schwerdt machen?
pers. rosenth. 1, 5. 2@b@hη)
auch wie gering in quantitativer beziehung, wenig: Andreas der apostel ein .. hat von einem knaben klein, fünff gersten
[] brod empfangen, und auch zween fisch, die bracht er jhm, und sprach: was hilffts, dens ist zu schlim, unter den grossen hauffen. Ringwald
evang. (1646) M 4
a. 33)
substantiviert. 3@aa)
als masc. 3@a@aα)
von personen mit bezug auf geringe körperliche tüchtigkeit: da war gar keine furcht bey heyden mehr zu sehen, der schlimste wolt' es wol mit hundert, an jtzt gehen. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 26, 22. 3@a@bβ)
von geringem ansehen: ein sammet baret, darin ich mich nicht der schlimmste zu sein gedaucht. Schweinichen 1, 46. 3@a@gγ)
mit sittlicher beziehung: sie zerbrechen sich die köpffe wie es doch möglich gewesen wäre, dasz die natur hätte können einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde den dreyeinigen gott um zehen silberlinge verrathen. Schiller
räuber schausp. 2, 3. 3@a@dδ)
neckisch schlimmer
wie loser, böser: willkommen, du viel schlimmer, in meines vaters haus! Uhland
ged. (1864) 234. 3@a@eε) der schlemme,
schiefe, wirkliche oder fingierte bezeichnung eines tanzes, vergl. schlemmer
unter schlimmen.
von einem krummbeinigen, schiefgewachsenen (
compernis, obliquus): einer der den schlemmen wol trätten kan. Maaler 355
a. 3@bb) schlimmes, schlimmeres:
nach 2,
a, β: weil nichts schlimmers daraus erfolgt, als dasz wir hier bleiben. Lessing 1, 317; er habe damit nur so viel sagen wollen, dasz das jahr 1810 dem geneigten leser gutes und schlimmes untereinander, und manchmal auf den nämlichen tag bringen werde. Hebel 2, 170; sag an und weder schlimmes hehle mir noch gutes. Schiller
braut von Mess. 2114.
sittlicher bedeutung sich nähernd, vgl. 2,
a, κ: und den will ich sehn, der mir etwas schlimmes nachreden kann. Lessing 1, 331. das schlimme, schlimmere, schlimmste (
verstärkt das allerschlimmste),
nach 2,
a, β: jedoch das allerschlimmste, das haben sie nicht gewuszt; das schlimmste und das dümmste, das trug ich geheim in der brust. H. Heine 1, 75
Elster (
buch der lieder, lyrisch. interm. 24); schon hatte sich Wilhelm gefaszt gemacht, das schlimmste von ihr zu hören. Göthe 18, 178. sich auf das schlimmste (
die ungünstigste nachricht, den ungünstigsten ausgang) gefaszt machen. das schlimme, schlimmste (bei einer sache) ist: und das schlimmste war, ich konnte gar nicht wehren. Göthe 7, 103.
eingeschoben was das schlimmste war: und was das schlimbste war, so flickte der bruder laicus noch immerhin nur alte (
schuhe).
Simpl. 3, 379, 10
Kurz; Theophan. sie lieben Julianen?
Adrast. (
spöttisch) und was das schlimmste dabey ist, ohne den Theophan um erlaubnisz gebeten zu haben. Lessing 1, 441.
sprichwörtlich: wir argwonen immer das schlimmere. Eiselein 551; das schlimmste ist noch nicht vorbei.
ebd.; das schlimmste kommt erst nach.
ebenda; Simrock 428, 9087; auf dieses öde, meerumtobte land (
St. Helena) ward in der väter zeit vor grauen jahren ein mächt'ger weitberühmter mann verbannt, .. im groszen wie im schlimmen unerreicht. Grillparzer
5 2, 87.