unheimlich,
adj. adv. ,
i. a. gth. v. heimlich.
mhd. unheimlich,
mnd. unhêmelik,
mnl. onheimelijc,
nl. onheimelijk (
an. úheimill,
aschwed. ohemol,
schwed. ohemul,
dän. uhjemlet,
in selbständiger bedeutungsentwicklung '
ungesetzlich, unrechtmäszig, unberechtigt').
bis heute etymologisch durchsichtig, wird unheimlich
fortsetzung des verdunkelten ungeheuer (
s. d.; auch für ungetüm [
das schon im 15.
jh. vorhanden war: ungetume
durch segen zu bannendes mäuseungeziefer, Zeitzer hs. 1471
in Pfeiffers Germ. 20, 325;
vgl.ungetüm,
n., 2 a
ende]
ist eine ungeheuer
und unheimlich
entsprechende entwicklung vermutet);
die etymologisch am nächsten stehenden adj. unheimisch
und ungeheim (
s. d.)
sind in der entwicklung hinter u.
zurückgeblieben. unheim
statt u. Hebel 1, 58
B. (
statthalter v. Schopfheim 28). Staub-Tobler 2, 1788 (
daneben unheimelig
als ableitung von heimelen 1285); v. Klein 2, 207;
els. wb. 1, 337
a; Schöpf 235 (u.
scheint sonst im bayerisch-österreichischen durch syn. wie enterisch
verdrängt); Schmidt
westerw. 283;
lux. 316
b; Bernd
Posen 331. Stieler
und Adelung
übergehen es (Stieler
führt aber ungeheim
und Adelung 2, 1080 Keisersberg
ausg. d. juden 74
an), Schwan
bezeichnet es als wenig gebräuchlich; seitdem ist es eins unserer geläufigsten wörter geworden. vgl. ungemütlich. 11)
gth. v. heimlich 1; unheimisch 1, ungeheuer 1
entsprechend: unhaymleich
no domestigo (1424)
Bayerns mundarten 2, 397
Brenner; durch unheimliches rechts- und verfassungswesen Körte
sprichw. 8.
unüblich. vgl. ausheimisch, uneinheimisch. 22) heimlich 3 c
und d,
insbesondere ungeheuer 2, unheimisch 2
entsprechend (
s. auch ungeheim): ein rauher unheimlicher weeg Keisersberg
bei Frisch 1, 437
b;
mit einschlag von bed. 3/4 Bettine
briefe 2, 107;
onzeker Kramer-Moerbeek; Sachs 5, 154, 5
K.; das unheimliche Tirol zu verlassen Häusser
d. gesch. 470; C. begann sich trotz seiner 3000 soldaten u. zu fühlen H. Grimm
Michelangelo 2, 21 (
nach 3: ein unheimliches gefühl der unsicherheit Ruge
briefw. 2, 370);
ungemütlich, nicht anheimelnd, von wirtschaft im hause, wo nicht heiterer wirt und heitere wirtin gepaart sind Voss
ged. 2, 194; in diesem öden, unheimlichen gemache Holtei
erz. schr. 3, 25; doch ist es einem in solcher unordnung ... so u. zum schreiben Dahlmann
an Gervinus 2, 231; Freytag 11, 24; Moltke 6, 78; 4, 40;
vgl. unheimelig Staub-Tobler 2, 1285; u. genug gähnte die schwarze spalte mir entgegen H. v. Barth
kalkalpen 355;
die örtlichen vorstellungen verblassen: es wurde ihm plötzlich so u. in dem fremden elemente Storm 1, 33, Scherer
litg. 98,
was dann zu 3
hinüberführt. von naturerscheinungen: unheimliches wetter
coelum pluviosum, minus serenum Steinbach 1, 728; unheimliche (
rauhe, unfreundliche) witterung Heynatz
antibarb. 2, 108; Bernd
Posen 331; so manchem Frankfurter bürgerskind wirds gangen sein wie mir, dasz es ihm kalt und u. ist, als wär ihm die woll abgeschoren mitten im winter Bettine
dies buch 1, 131;
vgl.recht heimlich kalt
obers. wb. 1, 495
a;
vom sommer Hebbel
tageb. 2, 194; wie unheimlich und schwül ist's hier im saal Grabbe 2, 136;
vgl. heimlich warm
gewitterschwül Spiesz
Henneberg. 98;
obers. 1, 495; Ruckert 76; es war
recht deutsch u. heimlich um mich, ein kleines sechserlicht brannte matt Laube 8, 16;
wegen dieses sinnlich-geistigen gefühlswertes in der dichtung beliebt: Platen 2, 315; Chamisso 4, 148; Hoffmann v. Fallersleben 1, 98; Freytag 3, 171;
vom nebel Immermann
bei Sanders 1, 729
c;
bildlich v. stille, die auf nichts gutes schlieszen läszt, wie stille vor dem gewitter (
vgl. 3) Dahlmann
franz. revol. 128,
dürre: jahrb. d. Grillparzerges. 5, 235,
sausen O. Jahn
Mozart 4, 365,
klängen Peschel
völkerk. 277
u. s. w. düster vom aussehen Staub - Tobler 2, 1288;
mit einmischung von 3/4: Lotze
mikrokosmus 1, 78; u. schön Lenau 277; Fontane I 2, 155. (
vgl. wild, dämonisch
u. dgl.); ein unheimliches zucken in seinen mienen Alexis
Roland 1, 76;
adv. Droste - Hülshoff 2, 127; unheimliche falten Freytag 15, 75; das unheimliche spiel der jahre Stifter 3, 15. 33) ungeheuer 3, heimlich 3 c, unheimisch 2/3
entsprechend (
vgl. ungeheim). 3@aa)
nicht vertraut, fremd, entfremdet, unfreundlich, ungnädig; feindlich, schädigend, beunruhigend, unzuträglich, unbequem; unfriedlich, bösartig, unerfreulich, gefährlich, bedenklich u. ä. (
wir sind geneigt, die uns noch geläufigen ausdrücke zu b
zu ziehen):
Lucidarius 74, 39
Heidlauf; gebrechen, die ... got inen selbs unhaymlich und fremde machen Tauler
serm. (1508) 86
b (126, 27
Vetter); wie ist dir got so hört und so unhaimlich Keisersberg
ausg. d. juden 74;
veraltet oder mundartlich (unheimelig
fremd, nicht befreundet Staub-Tobler 2, 1285, unhamlich
unfreundlich, wunderlich 1288; unhaimlich
unvertraut Schöpf 235).
wildschweine sollen geschont werden, wiewol sie den leuten schaden thun und dem wiltpret u. sind Albr. v. Brandenburg (1480)
bei Steinhausen
privatbr. 1, 213; der Alemannier nachbarschafft ist den Römern sehr u. gewesen Wurstisen
bei Frisch 1, 437
b, Scherz-Oberlin 2, 1844 (
heute nach b
verstanden); ein frölicher geruheter sontag gegen einem unmüssigen, sorgfeltigen, unheimlichen (
unruhevollen, unfriedlichen, nicht stillen, vgl. heimlich 3 c
γ, ungeheuer
sp. 694, 3 b) sonnabend oder wercktag Herberger
Jerusalem (1609) 290;
veraltet. in gifftigen oder dergleichen unheimblichen kranckheiten Guarinonius 26; das unheimlichste aller gifte Peschel
völkerk. 193 (
vgl.b). ich merkte was unheimliches (
der gefragte ist irrsinnig) und drum fragte ich durch einen unweg Göthe 19, 134, 25
W.; einen unheimlichen zustand (
des kranken Schiller) Lotte
an Göthe im Göthejahrb. von Geiger 4, 240; G. Keller 1, 142; dem unheimlichen hader A. v. Humboldt
kosmos 2, 362, 514; verhältnisse Nitzsch
d. studien 20; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 214;
schwächer Bauernfeld 1, 9;
adv. dasz die sache u. (
vgl.b) für uns stand Gentz
tageb. 1, 62. 3@bb)
erst seit dem ende des 18.
jhs. mit engerer beziehung auf das gefühlsleben schrecklich, grauenvoll; schauder, angst, entsetzen, furcht, beklemmung, unbehagen, befangenheit, abneigung u. ä. verursachend: es is mer gans unhähmlich Niebergall 262;
nicht wohl zu mute Schmidt
westerw. 283; auch ist mirs (
Weislingen) so u., wohin ich trete Göthe 39, 68, 27
W.; et weert mer ganz u. hei! Wegeler
Coblenz 88; Göthe IV 5, 105
W.; 13
1, 55, 11
W.; gespr. 6, 233;
abgeschwächt Schleiermacher I 5, 417; mir ward zuletzt ganz u. zu muth Fouqué
held d. nordens 3, 108; Ebner-Eschenbach 1, 96; es ist fast u. zu sehen, wie Justi
Winckelmann 1, 45; es ist u., wenn man auf so eine menschenkennerin trifft Schnitzler
Anatol 46; der reine weltuntergang (
es wird sturm geläutet), u. G. Hauptmann
weber 102. es macht mir ein unheimliches gefühl, dasz ich sie (
Göthe) verfehlt habe Iffland (1793)
schr. d. Götheges. 6, 93, eindruck, stimmung
u. dgl.; das gefühl des unheimlichen G. Keller 2, 65; sich u. fühlen, finden, befinden Solger
Erwin 1, 49; Holtei
erz. schr. 7, 65; Mörike 3, 14;
sich u.
fühlend: weil sie (
finsternis) uns unheimlich macht Göthe II 5, 392
W.; Görres 2, 86 (unheimlich zu sinn); Fontane I 2, 11. für H. blieb die ähnlichkeit ... u., ja bedrängend Göthe 24, 323, 24
W.; G. Freytag 8, 126; Fontane I 6, 45; Ebner-Eschenbach 4, 176; G. Hauptmann
eins. menschen 56.
vielfach in a
wurzelnd, meist stark gefühlsbetont: unheimlich geheimnisz E.
M. Arndt 4, 297; u. von jemand sprechen Bettine
Günderode 1, 214;
von rätsel, ringen, schauspiel, spannung, ruhe
u. s. w.; ein beengender, von dicker luft unheimlicher poetischer krempelladen (
vgl. 2) Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 68; brief (
der unbeabsichtigt so traurige folgen hatte) G. Keller 2, 61; die heide ... macht das herz still und schwermütig, aber ungleich unheimlicher ist der charakter des moores Allmers
marschenb. 1/2, 89 (
vgl. 2
u. 4).
von personen: ein unheimlicher mensch
von menschen, '
in deren gegenwart einem nicht heimlich, nicht wohl zu muthe, nicht gemüthlich ist'
; auch der unheeml. Bernd
Posen 331; es ist ein unheimlicher mensch,
es steckt nichts gutes dahinter Schöpf 235; einem haufen unheimlicher (
wenig vertrauen erweckender) leute Arnim 1, 400 (
vgl. eine heimelige alte frau Staub - Tobler 2, 1285, unheimelig
ebda); Fr. kam scheu heran, die mutter war ihm u. geworden mit den schwarzen bändern und den verstörten zügen Droste - Hülshoff 2, 268 (
vgl. 2
ende);
conventionell verflacht, bisweilen scherzhaft: ihr seid mir u. ... gebt einander zu meiner beruhigung doch wenigstens die hände Ebner-Eschenbach 4, 300; Fontane I 4, 293.
mischung der bedeutungen ist in manchen ausdrücken die regel; z. b.: allerlei dunkle, unheimliche gerüchte (Raabe
hungerpastor 1, 208), geschichten
u. ä., etwa solche, die nichts gutes, sondern gefahr, verderben, unglück, fürchterliches, bedenkliches u. s. w. ahnen lassen, mysteriös, rätselhaft, die den reiz des geheimnisses an sich haben u. s. w.; vergangenheit Mommsen
röm. gesch. 3, 464;
auch ohne sittlichen tadel: der u. verschlossenen menschenart Justi
Winckelmann 1, 288. ein unheimliches verschwinden,
geheimnisvolles, unglückverheiszendes, doch auch mit einwirkung v. bed. 4 (
es war, als ob der teufel ihn hinweggeführt hätte); ein mir unheimlicher standpunkt (D. Fr. Strausz 3, 27),
in dem ich mich nicht zurecht finde, der mir fremdartig oder nicht geheuer vorkommt, der nicht innerlich frei und froh macht, wobei man sich nicht wohl fühlt, der befangenheit, ratlosigkeit, verständnislosigkeit auslöst u. dgl., ja sogar bed. 4
kann einflieszen (
s. unheimliche praxis
unter 4, eine unheimliche verirrung, unheimliches verschwinden
oben). 44)
die unheimisch 4, ungeheuer 5
entsprechende bed. ist im 16.
u. 17.
jh. wohlbekannt, im 18.
von Kramer (1719), Steinbach (1734)
u. Frisch (1741)
zwar erwähnt, doch von der aufklärung zurückgedrängt, bis das ende des 18.
jhs. sie wieder hervorzieht; dann wird sie allgemein: ein unhaimlichs schretlein Sachs
fastnachtsp. 7, 148
G.; der unhemlich
bei Teplitz ein waldgespenst Petters
stoffsammlung 16; s unhäml kimt Göpfert
sächs. erzg. 36; unheimchen
obers. wb. 2, 599
a; unheimliche weiber Alexis
hosen 1, 5, geister Kauffmann
dea Hludana (
beitr. 18) 157; ein unheimlicher (
hexenmeister)
zs. f. volksk. 9, 209.
verblaszt: mächte (E. Th. A. Hoffmann 10, 42), gestalten, ding, tier
u. s. f.; Vischer
ästhet. 2, 131; Fontane I 5, 252; Laistner
nebels. 13; gewächs (
eibe) Wimmer
boden 224;
an unheimliche wesen erinnernd Scherer
litg. 119. es ist geleich unheimlich hin H. Sachs 12, 305, 19
Keller; Faust volksb. 111
ndr.; Ayrer 2142, 22
K.; v. Klein 2, 207; es sol ... bei des Attilae grab von gespensten so unsicher und unheimblich sein G. Maier
hist. lustgarten (1625) 1, 21; Göthe
Faust 4990. ein sehr unheimliches haus, von gespenstern verunruhiget Steinbach 1, 728; örter
theatr. diab. 2
a; Megiser
ann. Car. 910; Droste-Hülshoff 2, 353; wasser Zedler 49, 1630; nähe (
vgl. oben Wurstisen) Fouqué
gefühle 1, 24; wirtschaft E. Th. A. Hoffmann 12, 115; arme Raabe
Horacker 130; künste Meyer
aberglaube (1884) 246; praxis Riezler
hexenprocesse 102; beschäftigung (
mit gegenständen des aberglaubens)
u. s. w.; subst. Bettine
dies buch 1, 290;
adv. u. belebt von gespenstischen gästen Laistner
nebels. 116; u. aussehen Riezler
hexenpr. 259; er sprach unheimlichst hohl Raabe
schüdderump 1, 9;
scherzend: die reinigungsfrau umschlich mich u. spähend Immermann 2, 101. 55)
die erst im 19.
jh. entwickelte steigernde bed. entspricht der von ungeheuer 5/6. '
riesig, auszerordentlich' Genthe
slang 65; u. viel geld
ebda; u. streben, ein unheimliches streben, unheimlicher streber
studentenspr.: ich hörte von den paar commilitonen ... wahrhaft unheimliche dinge von seiner ... gelehrsamkeit Spielhagen 1, 8; eine unheimliche rührigkeit Seidel
Hühnchen 169; u. witzig Schnitzler
kakadu 137.
in älteren fällen überwiegt bed. 3;
z. b. Heine 3, 37; Hebbel I 8, 121; O. Jahn
Mozart 4, 417;
vgl. Fontane I 4, 78; Ebner-Eschenbach 4, 234; Geibel 1, 221. 66)
gth. v. heimlich
secretus: das gerichte ... gottes ... sagt euch u., das ... Carlstadt
bei Luther 18, 464, 7
W. (
erklerung 1525
C 2
b); und soffen und machten es gantz u. Grunau
preusz. chron. 2, 34; Hulsius-Ravellus (1616) 397
a; Rädlein 984
b;
apertus Steinbach;
öffentlich Campe;
gelegentlich wohl so noch gebildet (
z. b. lit. centralblatt 1912, 1161
wortspielend),
doch unüblich. nur diese bed. will Verdam
mnl. wb. 5, 767
fürs nl. zulassen. Schellings
individuelle definition: u. nennt man alles, was im geheimnisz, im verborgnen, in der latenz bleiben sollte und hervorgetreten ist II 2, 649
folgt Adelung,
der heimlich
von einem fingierten verb. hemen '
verbergen'
ableitet. —