ungemüt(h)lich,
adj. adv. ,
gth. von gemütlich
in den neueren bed. 4. 5.
das ironische gemütlich 5 b
reicht vielfach an u.
heran. zuerst bei Campe,
aber noch ohne selbständige erläuterung und ohne beispiele; es wird nur auf gemütlich
verwiesen. in neueren ma. z. b. Leihener 87
b;
d. richt. Berliner (1904) 127
a; Weise 203;
nl. ongemoedelijk
germanismus. '
modewort' Heyne 3, 1140.
vgl. älteres ungemut, ungemütig, ungemutsam, gemütlos (gemütvoll).
im übrigen s. gemütlich;
dazu Boucke
wort u. bed. in Göthes spr. 103 ff.; Vischer
ästh. 2, 199; Freytag 15, 162
ff. 11)
in umfassenderem sinne: nicht aus dem gemüt (
s.gemüt 10. 11)
hervorgehend und deshalb nicht die gesamtheit der seelisch-geistigen kräfte des menschen befriedigend. individuell bei Göthe,
der wahrscheinlich gemütlich, ungemütlich
aus dem hausdeutsch hervorgezogen: (
die 4
letzten bücher Mosis haben den unglauben und seine bestrafung zum gegenstande) wenn uns das ungemüthliche dieses inhalts, der, wenigstens für den ersten augenblick, verworrene, durch das ganze laufende grundfaden unlustig und verdrieszlich macht, so werden diese bücher durch eine höchst traurige, unbegreifliche redaktion ganz ungenieszbar 7, 158
W. vgl. eine gemütliche religion, das gemütliche
das eigentlich menschliche; s. gemüthlich 5 c.
was die '
sittliche theilnahme'
unbefriedigt läszt: der mahler zieht grosze kunstvortheile aus diesem gegensatz (
der siegenden männlich rüstigen gestalten und der unterdrückten sphinxe und harpyien auf einem kragsteine), der zuschauer aber, der dieses motiv zuletzt blosz als mechanisch anerkennt, empfindet durchaus etwas ungemüthliches; denn auch ungeheuer will man überwunden, nicht unterdrückt sehen Göthe 49, 2, 55
W. (
anford. an einen mod. bildhauer).
mit betonung des gegensatzes von verstandes- und empfindungsleben und mit einschlag der bed. 2. 3: selbst das protestantische Genf ... machte sich von diesem ungemüthlichen verstandeswesen nicht los Gervinus
g. d. d. dicht. 3, 180; die umgangssprache ward kürzer, geschäftlicher, aber auch grob und u. Treitschke
d. gesch. 4, 597 (
vgl.u. werden). 22)
bes. ohne '
gemütlichkeit' ('
gemüt'),
die gem. störend, ohne gemütliches wesen, gem. gesinnung, wirkung, verhältnisse. 2@aa)
von personen und persönlich vorgestelltem. gth. von gemütlich 4 d (
s. d.): ach! die anderen dämonen, ungemüthlich, ungefällig, kreischen immerfort dazwischen schadenfroh ein hartes nein Göthe
Pandora 356 (50, 314
W.).
gth. von gemütlich 4 e: doch gefällt mir nicht an ihnen etwas ungemüthliches, unfrohes Grimm
an Benecke 135; kinder, seid nicht so u. (
die angeredeten zögern sich die hand zu geben) Hirschfeld
mütter 119.
vom budeng: er ist still ... aber nicht ... u. Brehm
tierl. 1, 120.
gth. von gemütlich 5 a: ein ungemütlicher vorgesetzter (
anders u. 3
und 4,
wenn es auch einflieszt). u. (
erregt, böse, grob, ausfallend u. ä.) werden;
d. richt. Berliner a. a. o.; staaten, diese u. gewordenen wesen Freytag 15, 169;
auch von thieren, die zu beiszen und zu kratzen anfangen. stärker und als ironisch empfunden: es sind die harten flegeljahre unsrer nation von 12—1500, in denen der einzelne sich sehr u. präsentiert Freytag
an Stosch 25; der ungemüthliche bursch (
voll gemeiner mordgier) 15, 170; Ludwig 1, 169. 2@bb)
von nichtpersönlichem aller art. insbesondere 2@b@aα)
von handeln und thun mit beziehung auf den nebenmenschen, in verkehr und geselligkeit, von art und zuständlichem ergebnis dieses thuns: dasz J. nach jeder richtung seine pflicht sehr reichlich tut und mehr arbeitet als seine ganzen beamten, dankt ihm kein teufel; im gegenteile, das ist so u. (
stört die beanspruchte gemütlichkeit) Freytag
an Stosch 45; die ungemüthliche unterhaltung 6, 46; zug 6, 51; beschäftigung 12, 243; aufenthalt v. Ditfurth
aus sturmbewegter zeit xi; diese versammlung könnte u. werden Schnitzler
Anatol episode 70.
merklich aus der spr. des gewöhnlichen lebens vordringend, die von einem ungemütlichen ton, mahl, umzug, zustand, leben, tempo,
von einer u. eile, wanderung, strenge, pedanterie, lage
u. s. w., höchst ungemütlichen verhältnissen
u. s. f. redet. jetzt wurde es ihm aber doch u. (
beim nahen wirklicher groszer gefahr oder scherzhaft beim abbrechen der unterhaltung, des spiels u. dgl.);
vgl. weil es unter diesen umständen (
es brennt im hause) u. wurde ... laufe ich an die thür Freytag 3, 61
und unten δ. ihm ist u., er ist nicht in harmonie mit der auszenwelt 15, 166 (
vgl. die dort und die 15, 167
geschilderte lage). 2@b@bβ)
von örtlichem, wohnung, einrichtung, geräth, verkehrsmitteln u. dgl.: etwas ungemüthlicheres, langweiligeres, unheimlicheres ... als die kleinen lombardischen .. städte kenne ich gar nicht Gaudy 19, 31; die pathe sasz in ihrer sommerwohnung, welche etwas kleiner, feuchter und ungemüthlicher war, als ihr quartier in der stadt Freytag 6, 205; gelasz Ebner-Eschenbach 2, 24; wagen E. Gura
erinnerungen 60;
stärker als unbequem
und unbehaglich
von wohnungseinrichtungen: die ungemütliche kalte pracht (
gute stube); in einem mit dem gleichen ungemüthlichen prunk überladenen salon G. Hauptmann
weber 73. fertige häuser standen u. und frostig zwischen pfahlgerüsten Raabe
hungerpastor 2, 66. 2@b@gγ)
von zeitbegriffen: ungemütliche stunden des wartens; abende; als wir dann erwachten, war ein höchst ungemüthlicher tag (
vgl.δ) heraufgedämmert Raabe
Abu Telfan 1, 91; der montag war ihm u., weil sie (
die zeitung) fehlte Polenz
Grab. 1, 213. 2@b@dδ)
von naturerscheinungen: diese naturerscheinung (
blitz) ist für uns u. Freytag 6, 97; der sturm rüttelte u. an meinen fenstern Hamerling 14, 193; aus dem rothbraun der haut war ein ungemüthliches gelbgrau geworden Raabe
Abu Telfan 2, 14; licht, beleuchtung, wetter
u. s. w. 33)
unwillkommen, lästig, unbehaglich, unsympathisch, widerlich, eklig, fatal u. ä., wobei alle gemütlichkeit aufhört, eng an bed. 2
anschlieszend. im ernst und scherz. an die ältere bed. gemütlich 3 a (Boucke 106)
ist nur undeutlich angeknüpft: die erzähler des mittelalters verstehen ausbündig die kunst das zu verschweigen, was ihnen u. ist Freytag 18, 41; jüngst hörte ich eine geschichte, die so u. ist, dasz ich sie nicht loswerden kann 15, 162; pfui, es ist widerlich, sehr, sehr u. 168; weil der krieg anfing u. zu werden 169; pickelhaube
ebd.; u. musz es sein, wenn haupt und rumpf im letzten augenblick getrennte wirtschaft führen wollen Hamerling 6, 56; freilich etwas ungemüthlich auf der bahn mit hindernissen ist der ritt G. Schwetschke
zeitged. 49; jede neue steuer hat etwas erstaunlich ungemüthliches für denjenigen, welcher sie zahlen ... soll Bismarck
pol. reden 4, 249. das ist eine ungemütliche kiste (geschichte)
studentisch. 44)
anerkennend '
ohne spieszbürgerliche gefühlsduselei': B. glaubte im ernst, das ungemüthlichste aller völker (
die Engländer) durch gemüthlichkeit gewinnen zu können Treitschke
d. gesch. 5, 126.
vgl. Freytag 15, 168. 55)
ansätze zu blosz steigernder bed., die sich aus der mit u.
verbundenen starken gefühlswirkung ergiebt, sind bes. im adv. der umgangsspr. vorhanden. vgl. ungemütlich warm, hell, freundlich, grob, u. viel geld.
ebenso bei unheimlich. 66)
in den fällen, wo sich u.
mit den syn. unbehaglich, unbequem
berührt, ist es für die starke überlegenheit unseres wortes bezeichnend, dasz es der bloszen wirkung auf den hautsinn (unbehaglich)
oder auf die körperliche bequemlichkeit die wirkung auf gefühl, empfinden, gemütsleben im ganzen entgegenzusetzen hat. —