gethier,
n. ,
sammelwort zu thier (
th. 11, 373),
verhältnismäszig junge bildung, die in der mittelhochdeutschen periode ganz vereinzelt auftritt (Lexer 1, 944)
und in der neueren litteratur ihre reichste verwendung fand. 11)
den ausgangspunkt bildet die collectivbedeutung, für die in [] der älteren sprache auch das simplex eintritt, das thier
als gattungsbegriff. 1@aa)
das grundwort hatte schon in der mittelhochdeutschen zeit in erster linie die bedeutung des wilden thieres entwickelt; dementsprechend tritt auch am zusammengesetzten worte vor allem diese bedeutung hervor: 1@a@aα) schiere kom er zeinem vinstern tan, dâ er durch muoste rîten: dâ hâte sich vil wîten daz tier gein sînem wege gesament mit einer lege lêbart unde lêwen mit ginender kewen recht dâ er solte rîten vür daz er ein vil enge tür gein dem wege gevienc, der mitten durch sie gienc: des vorhte er sich vil sêre. daz getier dem mûl die êre durch sîn vrouwen erzeigte. H. v.
d. Türlin 'âventiure crône' 12766. 1@a@bβ)
diese alte bedeutung schlägt auch noch bei manchen neueren schriftstellern durch: 1@a@b@11)) lassen wir ihn dort mit bären und anderm gethier sich herumschlagen und kehren in die gebildete welt zurück. Göthe (
W. Meisters wanderjahre 3, 9) 23, 124; aber im palmenwald trat er auf, der löwe, ernsten schrittes durchzog er die wüste, dort herrscht er über alles gethier. (
novelle) 15, 325; da bäumt sich zurück des meeres fluth, verknotet in sich die arge wuth, da legt sich der feurige drachenwurm, der erde gethier und der winde sturm. Mosen (
Haland der junge)
ged. 233. 1@a@b@22))
übertragen auf menschen: noch gestern wurde in einer vornehmen .. gesellschaft gesagt, man müsse die unverschämten arbeiter mit gewalt abweisen, ihnen kugeln zu fressen geben, das sei die kost, die ihnen gebühre! solch gräszliche unmenschen, geschieht ihnen wohl unrecht, wenn man ihnen zu schlucken giebt, was sie ihren mitbrüdern zudenken? herzloses prahlendes gethier, diese leute. Varnhagen v. Ense
tagebücher (
juni 1848) 5, 50. 1@a@gγ)
gerne jedoch wird dieser grundbegriff noch einmal durch ein adjectiv zum ausdruck gebraucht: welch getöse? wo entsteht es? welch gewaltiges erschüttern? sind es stiere vor dem schlachtbeil, wild gethier im grimmen kampfe? Göthe (
neugriech. heldenlieder) 3, 226; der Rhein und die wilden waldströme, damals viel gröszer und reiszender als jetzt, hatten von einem berg zum andern freien lauf .. wildes gethier, das man jetzt nicht mehr sonderlich kennt, hauste und horstete in den wäldern, auf den felsen, in den höhlen. Hebel
erzählungen d. rheinl. hausfreundes (
schlacht der Markomannen); dasz mein wildes gethier dich nicht zerreiszt. Bechstein
märchen 84. 1@bb)
die thierwelt im allgemeinen als gegensatz zum menschen: 1@b@aα) gethier, gethiert,
animal, pecus Henisch 1586; aber niemand kann die göttliche allmacht begreifen, die diese ungeheure grosze kugel schwebend in der unsichtbaren hand trägt, und jedem pflänzlein darauf seinen thau und sein gedeihen giebt, und dem kindlein, das geboren wird, einen lebendigen odem in die nase. man rechnet, dasz tausend millionen zu gleicher zeit auf der erde leben, und bei dem lieben gott in die kost gehen, ohne das gethier. Hebel
rheinl. hausfreund '
erde und sonne'; dasz eine solche gesichtsform .. nur von der einen seite in die klasse der vernünftigen geschöpfe, von der andern aber in die klasse des unvernünftigen gethiers eingreife. Musäus
phys. reisen 4, 54; am ende des pfahldorfs standen drei grosze ställe für die heerden, die untergeordneten hirten schliefen auf heu- und strohlagern bei dem gethiere. Vischer
auch einer 1, 153. 1@b@bβ) das naturaliencabinet diente zum schlafzimmer; affen, papageyen und andres gethier belauschten den morgenschlaf der liebenswürdigsten dame. Göthe (
campagne in Frankreich) 30, 207; dann wird erzählt (
in Varnhagen v. Enses denkwürdigkeiten und vermischten schriften), wie er (
Kerner), um physiologische versuche mit thieren anzustellen, mit hunden, katzen, eulen und sonstigem gethier, ganz freundschaftlich in seiner stube zusammenlebe. Biedermann
hallische jahrb. 1839, 1888. 1@b@gγ) bemerkenswerth schien mir ein schwer zu erklärender ton ganz nahe bei mir; es war kein rascheln, kein rauschen, und bei näherer aufmerksamkeit entdeckte ich, dasz es unter der erde und das arbeiten von kleinem gethier sey.
[] es mochten igel oder wieseln seyn, oder was in solcher stunde dergleichen geschäft vornimmt. Göthe (
dichtung und wahrheit 17) 48, 58; eine amsel sang jeden morgen und jeden abend, und wenn einmal die sonne scheinen durfte, wagte sich das kleine geflügelte getier heraus und gelbe falter flogen um die treibenden haseln und weiden. Weitbrecht
Phaläna 229. 1@b@dδ) ungleich gethier bringt nichts herfür, sagte der benedictiner als er zu einer bernhardiner nonne gieng.
klosterspiegel 45, 24
Wander; Friedrichs des groszen rath lenkte die aufmerksamkeit Katharinas auf den Darmstädtischen hof, wo die 'grosze landgräfin', die frau jenes grotesken soldatenspielers, welcher (seit 1757) das städtchen Pirmasens zu einer 'menagerie für allerlei soldatisches gethier' gemacht hatte, drei mannbare töchter besasz. Scherr
Blücher und seine zeit 1, 160. 1@cc)
frühzeitig hat, da für die vogelwelt in gevügel, gevögel,
für die kriechenden thiere in würme, gewürm,
gesammtnamen vorlagen, der thiername neben der allgemeinen bedeutung eine besondere einschränkende verwendung entwickelt. im gegensatze zu den eben besprochenen gattungen kennzeichnet er die gruppe der vierfüszigen thiere. abweichend von den handschriften zeigen jüngere drucke von Konrads v. Megenberg
buch der natur spuren dieser neuerung: zum beginn des 3.
buches, wo Konrad
in anknüpfung an das buch '
de animalibus quadrupedibus'
seiner vorlage die da gênt auf der erden
dem gefügel
und den waʒʒertieren
entgegensetzt (
Pfeiffer 114),
verzeichnet der Frankfurter druck von 1540
das stichwort von gethier,
dem sich das vierdt .. von gevögel; das sechste .. von gewürm
anschlieszt. hierher gehört vielleicht auch: die (schlange) war gescheider denn kein gethier.
buch der liebe 291
c; die zack'gen gipfel starrten nackt und blosz, die wüste schwieg, des lebens ganz beraubt; kein wurm und kein gethier, kein halm, kein moos. Chamisso
ged. (
Thanatos) 388; vor mir huldigte nun die ganze natur. alles gethier der erde, alles gevögel unter freyem himmel, alles gewürm, das auf erden kreucht, was lebt und webt, sang und sprang. Fr. Müller (
Adams erwachen) 1, 20. 22)
das verblassen der collectivbedeutung wird durch den pluralgebrauch gekennzeichnet; dieser stellt sich vor allem bei der allgemeinsten (
unter b behandelten)
bedeutung ein: alszo nu das weselchen dese wort von allen getyren hatte gehort,
Reinh. fuchs 434; jung lag dort die welt im zarten hauch des erst gewordnen, noch nach tagen zählt' ihr alter; abend war's, feinduft'ge röthe glänzt' am himmel, in des stromes fluthen taucht die sonne nieder. an dem ufer, spielend, scherzend tummelten sich die gethiere, durch der palmen schattengänge kam das erste menschenpaar. Scheffel
trompeter6 193. 33)
die beziehung auf das einzelne thier im singular knüpft vorwiegend an die ältere verwendung des grundwortes für die gattung der unthiere und raubthiere an. 3@aa) das gethier hat aber, wie ich schon lange gemerkt, eine sonderbare sympathie zu mir, es kommt eben so oft freiwillig, als es wieder von einem mächtigern geiste, um mich zu turbiren und zu entsetzen, abgesendet ist, denn ihr müszt wissen, dasz der verdammten bestie wohl in meiner nähe ist. Tieck
novellenkranz (hexensabbath) 2, 263; da der körper den fischern als eine menschenähnliche gestalt vorgekommen war, so machten sie sich weiter in die see hinein, um ihn genauer zu beobachten .. am folgenden tage fuhren sie mit mehr kähnen aus, um des gethieres habhaft zu werden. L. Tieck
gesammelte novellen (der wassermensch) 1, 60; gift schaffe aus ihr (
der apotheke) auf dasz ich es lege dem wüsten gethier. J. Kerner
lyrische ged. (1847) 337. 3@bb)
gerne von heraldischen thieren: auch griffen die von Schwyze mit manchen klugen mann voll mannheit und voll hitze den löwen kühnlich an, hei, weil sie ihn bis auf den tod geschlagen, bis er hinsank so roth, so blühendroth. von Uri auch der bauer mit seinem schwarzen stier bestritt wie eine mauer das grimmige gethier.
lied von dem Sempacher streit Rochholz
eidgenöss. liederchron. 37;
[] dies ist der tisch; — hart unter'm lindenpaar erhebt er sich; — du kannst des reiches aar zur stunde noch auf seiner platte schauen. der stadt des reiches flog sein adler vor; hier auf dem tische, dort auch über'm thor und in den kirchen weist es seine klauen. ein todt gethier. Freiligrath (
freistuhl zu Dortmund) 2, 134.