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un

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

un

Bd. 24, Sp. 1
un , ursprünglich verneinende untrennbare partikel. II. herkunft und formen. I@AA. J. Grimms annahme, das präfix un- sei mit der präposition in nahe verwandt und habe ebenfalls ursprünglich präpositionscharakter (gramm. 2 (1878) 900, 690; 4 (1898) 1198; Graff 1, 302; Diefenbach vgl. wb. 1, 111), erweist sich als nicht stichhaltig, Graffs wortmaterial, worauf sie sich stützt, als fehlerhaft; s. unten D 1. un- ist vielmehr aus der satznegation entstanden (s. abschnitt III) und mag zu den einst selbständigen adverbialen wörtern gehören, die bereits in uridg. zeit auf den gebrauch in zusammensetzungen eingeschränkt wurden Brugmann grundrisz 2 (1889) § 14 s. 28, § 42 s. 72. die mit der negation ne, ni, n und vielleicht mit der präposition ohne (theil 7, 1210; Paul wb. 393b) verwandte partikel beruht auf idg. *-, n, der schwachstufe von ne. dieses wechselt mit *-, n- zur bezeichnung der nominalen wortnegation Brugmann-Delbrück grundrisz 2, 1 (1906), 105 f. § 58; 4, 529 ff. § 175; Osthoff-Brugmann morphologische untersuchungen 6, 308 f. es entsprechen: aind. a(n)-, arm. an, gr. ἄ(ν)-, lat. in-, en-, osk. umbr. an-, a-, ir. an-, in-, cymr. corn. bret. an- Fowler the negatives in the indo-european languages (Chicago 1896) 1; Fick-Torp 3, 29. 288. im germanischen ist un- wesentlich adjectiv-, dann auch substantivpräfix Kluge vorgeschichte der altgerm. dial. in Pauls grundrisz 12, 480. got. ahd. mhd. asächs. mnd. ags. engl. un-, afries. un- und on-, mnl. nl. on-, anord. ó-, ú-, schwed. o-, n. u- Grimm gr. 2, 764 ff., 905 ff., 988 ff.; 4, 1198 ff.; Wilmanns gr. 2, 567 ff. § 418. 419; mhd. wb. 3, 182a; Schiller-Lübben 5, 14b; Heyne 2, 1136; Weigand-Hirt 2, 1110; Skeat etym. dict. 6743; Richthofen 1100; Ten Doornkaat-Koolman 3, 466; Verwijs-Verdam mnl. wb. 5, 201; wb. der ndl. taal 10, 871; Fritzner ordbog 3, 741; Falk-Torp 2, 1320. I@BB. formen. I@B@11) einige glossen (unaholtha, unaholda, unaholdun Kögel beiträge zur gesch. d. d. sprache 16, 512) und formen wie unoholde, unewân (Grimm gr. 2, 764) haben die frage angeregt, ob es auch zweisilbige formen des präfixes gegeben habe. ein compositionsvocal ist bei partikelcomposition ausgeschlossen Grimm gr. 2, 388. 692. Fowler suchte (s. 8) einen zusammenhang mit zweisilbigen formen verwandter sprachen herzustellen; Kögel nahm (vgl. Adelung wb. 4, 1341; Diefenbach 1, 111 und wahn theil 13, 639) verwandtschaft des präf. ûna jener glossen mit wâna an und wies auf unuwulla 'unhold' Schmeller cimbr. wb. 180b hin. in der trad. fuld. 1, 20 (Grimm gr. 2, 764) überlieferten form unewan > unwân (Schmeller-Frommann 2, 919; theil 13, 603) und in den eigennamen Unewanus Socin 221, Unowani, Unuwan Förstemann 1478 hat sich wohl secundärvocal, wie in heutigen mundarten, eingestellt zeitschr. f. d. mundarten 1909, 198; 1908, 47 f.; vgl. altfränkisch uremaren, urespringe Franck gramm. 72. I@B@22) durch die präposition ohne, der sich un- zunächst in den formen on theil 7, 1201 ff., Oen Crecelius 840, uhn Fischer 1, 108, an Staub-Tobler 1, 261. 263. 300, Weinhold al. gr. 264 anglich, ist das nhd. präfix stark beeinfluszt. die schwächung des un- in on- reicht ins ahd. zurück: vgl. ongedarida 'inlaesam' Steinmeyer-Sievers 2, 616, 28; aus der 1363 vollendeten hs. der Trienter statuten verzeichnet onrecht Weinhold bair. gr. 37. auch die mundarten haben ihr selbstentwickeltes on; Staub-Tobler 1, 297. 298; Weinhold al. gr. 26 f. 76. 95. 265; Kauffmann gesch. d. schwäb. ma. 77 § 83 anm. 1; Crecelius 838 ff.; Luxemburg. wb. 313 ff.; vgl. mnd. ane = un. es wäre also äuszerlich und einseitig, die form on nur aus nl. oder nrh. einflüssen herzuleiten Weigand-Hirt 2, 335. seine schriftsprachliche verbreitung s. theil 7, 1201 eine art volksetymologie (Paul wb. 393b) sieht nun in den on-zusammensetzungen bald composita mit ohne (vgl. alem. on, an, âne Weinhold § 300, 30c) und fördert seit dem 15. jh. das bestreben, den bereich des ohn- für un- immer mehr auszudehnen, während ohne sonst keine composition eingeht Wilmanns gr. 2 § 421 anm. übergangsgebilde liegen in den mhd. adj. unpîn Lexer 2, 1923, unvurt 2, 1982 vor; vgl. unabläszlich, one ableszlich (15. jh.) Diefenbach-Wülcker 11. die mundart hat das heute noch festgehalten: ein bürgermeisterlicher erlasz vom 15. september 1911 ist unterzeichnet: Diefenthal (im Elsasz) ... maire Bisz, ... 40 jahre bürgermeister ohne unterbrochen. für das schwäbische Kauffmann 77; fürs oberhessische Crecelius 847 (ohn-mus, ohnmüszig). die schriftsprache hat ohn(e) seit dem 17. jh. wieder zu beseitigen gesucht, theils mit gefährdung einwandfreier formen wie ohngefähr, ohnhorn, ohneins (th. 7, 1219. 1221; vgl.ungefähr, unhorn, uneins), theils ohne raschen erfolg. trotzdem Schottel, Heynatz, Adelung es bekämpften, hat es sich noch ins 19. jh. herübergerettet. z. b. ohngeachtet der strapazen schreibt Wilhelm Grimm an R. Raumer anz. f. d. alterth. 15, 244. üppig wuchert es im 18. jh. Staub-Tobler 1, 298, besonders im kanzleistil Adelung wb. 4, 828; Heynatz antibarb. 2, 312 f. Lessing gebraucht in seinen übersetzungen aus dem franz. nur ohnlängst Friedrichs d. gr. lettres au public (1753) 11, ohnerachtet 13, ohngeachtet 16; in Voltaires kleineren hist. schriften (1752) ohngefähr 31. 32. 34. 35. 37. 46. 51. 232, dagegen ungefähr 61. 62. 64. 73. 118 u. ö., sowie in allen andern wörtern stets un. s. ferner Muncker 1, VIII. Göthes schreibgebrauch ersieht man aus Bohners sammlungen im beiheft zur zeitschr. f. d. wortf. 6, 37 ff.; vgl. Kühlewein ebenda 33. in der schriftsprache kann es heute als beseitigt gelten. ohnabbrüchig ist oben th. 7, 1203 noch aus einem beschlusz der Frankfurter stadtverordneten, Frankfurter journal 26. mai 1871, verzeichnet; ohnfehlbar schreibt Moltke bei Heyne 2, 1059. I@B@33) grosze mannigfaltigkeit zeigen die mundartlichen formen des präfixes. schweizerisch steht im allgemeinen ùn vor vocalen, d, t, z; ùm vor b, p, m (hier bisweilen ù); nasaliertes ung vor g, k; endlich ù vor f, h, ch, l, m, r, s, w Hunziker (1877) 277. hinzuzufügen sind noch die o-, an- und on-formen, die feinere unterscheidung der langen und kurzen vocale und die möglichkeit, bei den formen ohne schlieszendes n den hiatus vorzuziehen Staub-Tobler 1, 297 f.; Weinhold al. gr. § 24. 300. in dem n der alem. formen chünsch, chünsche, mhd. kiusche, sieht Behaghel gesch. d. d. sprache3 138 § 163 einwirkung der negation un (unkiusche). bairisch: un, u~; in u~tân: au~, an, ou (Aschaffenburg) Schmeller-Frommann 1, 97; ānrecht = unrecht 1, 84; on Weinhold bair. gr. 37. umgekehrt un = on Hans Sachs 22, 450, 27 Keller; ûn = ân Hintner (1878) im Deferegger dialect; Weinhold 43. 71; über das österreichische invogel = unvogel s. u. 6. während gebildete rede grundsätzlich in un-compositis nicht nasaliert Wilmanns gr. 13, 143, nasalieren die oberdeutschen mundarten durchweg, auch das elsässische und schwäbische Straszburger studien 2, 276; Martin-Lienhart 1, 48. schwäbisch wurde un zu ao~, aun, oun, theilweise mit anlehnung an ohne. aõgęse, aõtrõnke, avngevAerlich, ounbewart Kauffmann § 83. die mundarten des groszherzogthums Hessen lassen n nur dann wegfallen, wenn die folgende silbe mit einem consonanten beginnt; z. b. ugut, uglicklich. beginnt diese silbe aber mit einem vocal, so ist n erhalten; z. b. in unartig Hans Reis zeitschr. f. d. mundarten 4, 104. im oberhessischen erscheinen als lautzeichen ûn, uh, û, on, ohn, Oen Crecelius 838. 846. 847. 840. näselung herrscht vor; uñ Crecelius 838 ff.; ũ Autenrieth pfälz. id. 144; , ū Vogtland Gerbet 137 § 148, 1. 357; § 262, 5a; luxemburgisch on, vor guttural ong wb. 313b. in thüringischen gegenden (Pörze, Rudolstadt) steht un, unn vor comparativen: emer un doler: 'immer toller' Hertel thüring. sprachschatz 250; er vergleicht in 'je' 125; in mien, in bèser 'je mehr, desto besser'. dieses unn erklärt aus und Jecht wb. der Mansfelder ma. 155; es entspräche dem epenthetischen oder pleonastischen und in der schweiz. ma. Staub-Tobler 1, 323. 320 f. Weise unsere mundarten 217. mnd. steht neben un : on, durchweg aus östlichen gebieten bezeugt Schiller-Lübben 3, 213b, 228. 5, 18, 94; nd. un brem. wb. 5, 150; Richey id. Hamburgense 326; westfriesisch on und ûn Dijkstra 2, 277 ff. genauere beobachtungen, wie sie etwa für die schweiz. ma. vorliegen, fehlen für die andern. I@B@44) dem mnd. eignet ane (an) = un in formelhaften, besonders participialen zusammensetzungen wie kindere, boren unde aneboren; acker, gebuwet unde anebuwet; anevangen unde anebunden d. h. 'frei' Lübben-Walther 16; Schiller-Lübben 1, 86a. dazu kommen vereinzelte mnd. wörter: anelank 'unlängst', aneweten 'unwissend', anedelet 'ungetheilt', angestalt, anewort 'unwort' und nd. anewedder 'unwetter' brem. wb. 5, 152. I@B@55) nur scheinbar steht und, unt = un in undabläszlich (s. unabläszlich), untscult Lübben-Walther 443. der dental ist nur epenthetisch Wilmanns gr. 1 3, 210; Weinhold mhd. gr. § 193. 199; Schiller-Lübben 4, 502a. I@B@66) echten umlauts ist das u des präfixes nicht fähig; unechter umlaut, wie ihn südöstliche mundarten (Weinhold bair. gr. 45, 34) besonders vor n lieben, zeigt sich in der glosse in uogel (Steinmeyer-Sievers 3, 29, 62) aus dem 14. jh. = ünvogel, womit der pelikan bezeichnet ist Suolahti vogelnamen 399; s. unvogel. auch in dem eigennamen Ynnith (11. jh.) = Unnid (Förstemann 1479) könnte eine frühe umlautsandeutung vorliegen Braune ahd. gr. § 32 anm. 4. schweizerische mundarten haben die umgelauteten steigerungsformen üngerer, am üngersten entwickelt, nachdem das stammwort zum bloszen suffix herabgesunken war Staub-Tobler 2, 427. oberhessisches Oen, Oem (Crecelius 840. 1488. 1499) bezeichnet wohl keinen umlaut, sondern hellere aussprache des û mit nachklingendem beilaut wie im mittelfränkischen Weinhold mhd. gr. § 121. I@B@77) kürze des vocals ist regel; längung zeigt schon ahd. ûnchrûth Sievers die accente in ahd. und as. hss. palaestra 57, 125. im übrigen beschränkt sich dehnung auf mundartlich gefärbte aussprache Wilmanns 1 § 246. neben den kurzen schweizerischen un-, u-, on-, o- stehen örtlich lange ū, ō innerhalb der allgemeinmundart. länge ist mit der alemannischen, schwäbischen, bairischen, mitteldeutschen nasalierung verbunden; s. unter 3. westfriesisch ûn steht neben on Dijkstra 2, 277. verlängerung ist auch in der emphatischen betonung Saran verslehre 128 f. der gewöhnlichen rede möglich: ein ūnangenehmer mensch! Hans Georg Meyer bildung und betonung zusammengesetzter wörter im deutschen 24. I@B@88) durch homorgane assimilation, durch dissimilation und umdeutung wird oft un zu um; s.um. so ahd. umbâre, umbechâme, umberâ, umbewollan u. s. w. Braune § 126; Schatz § 84 f.; Franck § 126; mhd. umprîs, umbescheiden, umbillîch, ummære, ummaht u. s. w. Weinhold mhd. gr. 2 178, 179; Paul mhd. gr. § 71; Wilmanns 1 § 109. nhd. umgeld, umgelder; dazu eigennamen wie Umbescheid, Umbreit (Grimm gr. 2, 769), Umfrid und vereinzelte belege wie umgabe, umwandelbar Schottel friedenssieg (1648) 64; nl. omweg = onweg wb. 10, 2205. in den mundarten: umbild, umkosten, umlang, umg'heit Staub-Tobler 1, 227; umligs, umblix, verumlich 2, 598f.; Weinhold al. gr. § 168; bair. gr. § 139; umam = uneben (?) Schmeller-Frommann 1, 78; 2, 1256; un vor lippenlauten ùm: Martin-Lienhart 1, 48; md. beispiele bei Weinhold mhd. gr. 2 § 183. um = un ist mnd. vor lippenlauten allgemein: vmbarmliken, vmbatlick, vmbedaruicheit u. s. w. Schiller-Lübben 5, 15 ff. so wird mnl. on und ont zu om Verwijs-Verdam 5, 86. selbst in der halbmundart bildet assimilation noch die regel. bairisch wird um zu un in ungət = umgêend 'rotlauf' Schmeller-Frommann 1, 860; umgarten (mumgarten) = ungarten 'gurken' 1, 97, 120; vgl.unmurke = murke 'gurke' Unger-Khull 610b. I@B@99) abfall des präfixes (th. 41, 1609) ohne bedeutungsänderung findet statt bei bannig (s. unbändig, unbannig); äuszerlich betrachtet auch bei flat (s.unflat), hold für unhold Staub-Tobler 1, 1182. 1183; holda für unholda Schmeller-Frommann 1, 1090; schätzbar für unschätzbar u. s. w.; scheinbarer ausfall bei entehren (entunehren, verentunehren) s.unehren. starke contractionen sind schweizerisch möglich: voreinigen = verunreinigen Staub-Tobler 1, 1316; vgl.uren 6, 990; 1, 420. I@B@1010) in der zusammensetzung vertuneren schiebt sich ein t ein Fischer 2, 1393. 1057. I@B@1111) prothetisches h: Hunarg = Unarc Förstemann 1478; Weinhold mhd. gr. § 241; Braune § 152; Franck § 110; Schatz § 80; Wilmanns 1 § 87. I@CC. folgende formen sind von unserm präfix zu scheiden: I@C@11) mhd. un = âne: un zuofal = sunder z Elsbet Stagel 12, 7 Vetter u. o.; wortverzeichnis 130c; kärnt. ûne, ûn Lexer 202. I@C@22) md. un = an luxemburg. wb. 450a. 446a; vgl. siebenbürgisch-sächsisches wb. 1, 1; Weinhold mhd. gr. § 31. I@C@33) die accusativ- und dativformen des personalpronomens un = 'eum, eis', als accus. sing. im alemannischen Weinhold al. gr. 456; als acc. sing. und dativ plural im ripuarischen Weinhold mhd. gr. § 476. 479. I@C@44) un = en und in: unweg Weinhold al. gr. 97; unbuten, unwech Lübben-Walther 427a. I@C@55) un = der negation en: unpfohet, unmag, unweis, unwuste Weinhold al. gr. 97; unzeüge deutsche texte des mittelalters 14, 158. 809, 2. I@C@66) un = ant, ent, int, in, unt, das schon spätahd. erscheint Braune ahd. gr. § 73 anm. 3; Franck altfr. gr. 83; Wilmanns gr. 1 § 324; Weinhold al. gr. 187; Grimm gr. 2, 805; mnd. un = unt (ent): unkegene, unbreken, undelen Schiller-Lübben 5, 14b; Lübben-Walther 427a. I@C@77) un (n) = und, schon ahd. Braune § 126 anm. 4, in mundarten Staub-Tobler 1, 320; Schmeller-Frommann 1, 103; zeitschr. f. d. ma. 1911, 350 ff.; Gerbet 309 ff.; Woeste wb. 280a; Schiller-Lübben 5, 24b, und in lässiger rede überhaupt; s. und. I@C@88) unn = unden Staub-Tobler 1, 299. 323. I@C@99) in unmacht = ohnmacht liegt das verdunkelte präfix â zugrunde Wilmanns gr. 2 § 420, 4; vgl. unland. I@C@1010) ün = ahne Spiesz henneberg. id. 263. 177. I@DD. concurrierende präfixe. Grimm gr. 2, 772. I@D@11) un und in. die vermuthung, dasz ahd. in = un stehen könne Grimm gr. 4, 1198, wird durch inhregil Steinmeyer-Sievers 1, 176, 6 nicht gestützt, da in hier dem ant (ent, int, en, in; anthragilôn : inhrekilôn) entspricht Braune ahd. gr. 66, § 73 anm. 3. die behauptung, in wechsle im ahd. mit un, beruht auf drei glossen Graffs 1, 302, inubita 'inculta' 1, 71, inepanida 'iniquitas' 1, 97 und inantseida 'concessio' 6, 109. von diesen gibt Graff die letzte selbst als fraglich preis, die erste erledigt sich als fehlerhaft durch die richtige lesung 'in cultum inubida' Steinmeyer-Sievers 1, 323, 3; inepanida steht Steinmeyer-Sievers 1, 138, 38 hinter dem auf rasur eingetragenen 'iniquitas', vor 'iniustia in unrecht' (!) und dürfte ebenso zu beurtheilen sein wie 1, 176, 7 'inuestes in uuât', d. h., wie oft in den handschriften der Hrabanisch-Keronischen sippe, ist in als präposition mechanisch dem lateinischen nachgeschrieben. dagegen rücken un und in intensivum (th. 4, 2, 2103; Wilmanns gr. 2, § 424, 2; Schiller-Lübben 2, 353b; Dähnert (1781) 205b; Vilmar 184; zeitschr. f. d. wortf. 6, 203; Weise unsere mundarten § 83; mnl. wb. 3, 824) nahe aneinander. wie in ags. infród Dietrich in Haupts zeitsch. 11, 413, nord. infødd, indful, indarrig, indgod, indglad u. s. f. Falk-Torp 1, 463 verstärkt in mhd. indurstic, inbluotende — wohl auch inbrünstec —, ingetuome, inguot, ingrüene, ingruntlîch, inhitzig, inhônsam, inswarz, inviuric; mnd. inhittich, invurich; nd. infraam, inbös, inklook, inmör Dähnert 205b; inbrâf, infett Woeste wb. 111b; indêpsk, infîn, infündich, ingraemsch, innette, intüksch, inwîs Höfer Germania 15, 64; nhd. inbar Staub-Tobler 4, 1434; inbraun th. 4, 2, 2105; indüerlich, indellig, ingescheid Vilmar 184; inguot Staub-Tobler 4, 860; vermuthlich auch ingrimmig; ingrün th. 4, 2, 2117; inguot ebd.; inheiss Staub-Tobler 3, 1687; inhitzig, inhitzlich th. 4, 2, 1251; inhohl Staub-Tobler 3, 1156; inkräftig zeitschr. f. d. wortf. 5, 239 ff.; inkrank Vilmar 184; inlieb, inrecht Staub-Tobler 6, 222; inrot 6, 1766; inschädlich zeitschr. f. d. wortf. 5, 240; inschlecht Vilmar 184; inschön, inschwarz, instolz, intümpfig Grimm gr. 2, 750; Germania 15, 61; Staub-Tobler 1, 292. mehrere von diesen fallen mit un- bildungen zusammen; so verstärkendes mhd. nhd. inguot, ingut th. 4, 2, 2117 mit dem verstärkenden schweiz. unguet Staub-Tobler 2, 546; ingrundlich 2, 779 und ungrundlich (s. u.); ingrund 2, 774 und ungrund (s. u.) — anders stehen inzicht (inzucht Scherz-Oberlin 734; Campe wb. 2, 828a; Schmeller-Frommann 2, 1103; Paul 274b; zeitschr. f. d. wortf. 10, 26. vgl. inzücht Frisch (1741) 2, 470a, Wielands inzüchten, bezüchtigen th. 1, 1802) und unzucht zu einander — inschlitt th. 4, 2, 2138 und unschlitt (s. dieses); mhd. insinneclich und unsinneclich Höfer Germ. 15, 63; nd. inwân ~ arcwân und unwân Höfer 65. im hessischen wechseln die präfixe in und un. es gelten neben einander ingarstig ~ ungarstig, ingrüen ~ ungrüen, inschlecht ~ unschlecht, intiefe ~ untiefe ganz gleichmäszig zur verstärkung des schon im einfachen worte liegenden begriffs Pfister (1886) 303; Crecelius 480. Diefenbach wollte in der intensiven bedeutung des in einen grund für die verwandtschaft von in und un finden (vgl. wb. 1, 111); aber von in zu un führt wohl kaum eine brücke; daher sind bildungen wie mhd. instabel aufgegeben, weil sie keine anknüpfung im sprachgefühl erlaubten. I@D@22) ebenso stehen sich die comp. mit un- und die mit ur- und â- nahe. un- wechselt, wie nicht selten ahd. und mhd., mit ur- in unholz, unspunn, unschlitt Staub-Tobler 1, 298; unbau, unkund, unstât, unwaring Schmeller-Frommann 1, 134. s.ur Wilmanns gramm. 2, 566. vgl. ungrund und urgrund, ursinnecheit und unsinnecheit mhd. wb. 2, 2, 317b. auch die alten composita mit â Wilmanns gr. 2, § 417, 2; 420 concurrieren, so dasz unkust neben âkust und urkust tritt, âname neben unname, âkraft neben unkraft und urkraft, âmaht neben unmacht; ahd. unwân neben urwân 'desperatio', ahd. unwaringûn 'casu, fortuito' neben urwärig, urbäring Grimm gr. 3, 226. I@D@33) dem ahd. wana verwandtes una begegnete B 1. nd. und dem nd. entsprossene composita mit wan-, wahn- th. 13, 645 ff.; Wilmanns gr. 2, § 415, 3; Woeste wb. 280a; Germania 23, 5 ff.; Adelung 4, 1341 ff. begleiten die mit un-. so nhd. wahnart ~ unart, wahnartig ~ unartig, wahndicht ~ undicht, wahngläubig ~ ungläubig, wahngunst ~ ungunst ~ miszgunst, wahnland ~ unland, wahnlust ~ unlust, wahnlustig ~ unlustig, wahnmacht ~ unmacht, wahnmuth ~ unmuth, wahnmüthig ~ unmuthig, wahnordnung ~ unordnung, wahnsitte ~ unsitte, wahnsittig ~ unsittig; mhd. wantriuwe ~ untriuwe; nhd. wahnzeit ~ unzeit, wahnzeitig ~ unzeitig; nd. wanbannig ~ unbannig, wanmâte ~ unmâte, wanmoedich ~ unmoedich, wanschicht ~ unschicht, wantroestich ~ untroestich. wan wird mit un zu unwan = wan verbunden Lübben-Walther 447b. I@D@44) durchgreifender als wan- macht misz- th. 6, 2274 ff. Wilmanns gr. 2, § 415, 2 unserm präfix weite gebiete des schriftsprachlichen geltungsbereiches streitig. bedeutungsunterschiede kommen hier bei übersicht der wichtigsten gemeinsamen wörter (th. 6, 2276 ff.) nicht in betracht. es berühren sich miszart : unart, miszbau : unbau, miszbegriff : unbegriff, miszbehagen : unbehagen, miszfall : unfall, miszgerathen : ungerathen, miszgeschick : ungeschick, miszgestalt : ungestalt, miszglaube : unglaube, miszglück : unglück, miszgunst : ungunst, miszkraut : unkraut, miszmuth : unmuth, miszordnung : unordnung, miszrath : unrath, miszstimmig : unstimmig, missethat : unthat, misztreu : untreu, miszverhältnis : unverhältnis, miszverstand : unverstand. bei Göthe: miszwetter : unwetter, miszbild : unbild, miszentwicklung : unentwicklung, miszgebildete : ungebildete, miszgeformt : ungeformt, miszgeschöpf : ungeschöpf, miszthätig : unthätig, miszwillig : unwillig Bohner § 25. 'wenige nur erscheinen als producte unmittelbarer composition; für diese pflegt un gebraucht zu werden' Wilmanns gr. 2, § 415, 2. mundartlich ist misz wenig beliebt Weise mundarten 107. I@D@55) seltener concurrieren andere präfixe: zur in ahd. zurtriuwe 'perfidus' ~ untriuwe Wilmanns 2, § 421, 1; ab in mhd. abhold ~ unhold, abholz ~ urholz, unholz (s. oben), abkräftig ~ unkräftig, apunst ~ ununst Wilmanns § 422, 1; aber in nhd. abergunst ~ ungunst, abername ~ unname ~ mhd. âname, aberweg ~ unweg ~ âweg Wilmanns § 422, 2; wider in mhd. widerordenunge ~ unordenunge, mhd. widermære ~ unmære Wilmanns § 422, 3; widersittlich ~ unsittlich Dehmel; bei (zu) in ahd. pîwân ~ unwân, mhd. bîwec ~ unwec, bîsprâche ~ unwort, bîwîp ~ unwîp, zuowîp, nhd. beifrau ~ unfrau, beiname ~ unname Grimm gramm. 2, 772. 712; Wilmanns 2, § 422, 5; th. 1, 1356, 2; gegen in gegenfall ~ unfall th. 4, 1, 2, 2237. — weiter ab liegt die entsprechung gegenpäpstlich ~ unpäpstlich, antideutsch ~ undeutsch, antichristlich ~ unchristlich th. 4, 1, 2, 2222. — ver in mhd. vergunst, verbunst ~ ungunst, nhd. veracht ~ unacht, verächtlich ~ unachtlich, verachtsam ~ unachtsam, verachtung ~ unachtung, vergunst, vergünstig ~ ungunst, ungunstig Fischer 2, 1058; Schmeller-Frommann 1, 28; th. 13, 54 ff.; Leopold zur behandlung des artikels ver 4; Wilmanns gr. 2, § 126; Fischer 2, 1056 ff. negatives ver wird mit un verbunden in vertuneren Fischer 2, 1395, 723. das privative ent in ahd. antêrên ~ unêrôn, mhd. entarten ~ unarten, mhd. entvröuwen ~ ahd. unfrewen, entreinen ~ unreinen, entwirden ~ unwirden, entzieren ~ nhd. verunzieren Wilmanns gr. 2, § 111. 117 f.; Fischer 2, 723. negatives ent wird mit un pleonastisch verbunden in entunehren, entungnoszen th. 3, 641; Staub-Tobler 4, 822 f.; Fischer 2, 742. 1395; 3, 641 f. sogar dreifache negation erscheint in verentuneren Staub-Tobler 1, 397. nicht z. b. in nichtadelich ~ unadelich, nichtbeachtung ~ unbeachtung, nichtbefriedigung ~ unbefriedigung, nichtberechtigt ~ unberechtigt, nichtbildung ~ unbildung, nichtfug ~ unfug, nichtgebrauch ~ ungebrauch, nichtgedanke ~ ungedanke, nichtglaube ~ unglaube, nichthöflichkeit ~ unhöflichkeit, nichtritterlich ~ unritterlich, nichtthätigkeit ~ unthätigkeit, nichtwesen ~ unwesen, nichtwohlbefinden ~ unwohlbefinden, nichtwürdig ~ unwürdig th. 7, 712 ff.; Wilmanns gr. 2, § 418, 4; bei Göthe in nichtachtung ~ unachtung, nichtdankbarkeit ~ undankbarkeit, nichtfertig ~ unfertig, nichtgenannt ~ ungenannt, nichtgeplündert ~ ungeplündert, nichtkenner ~ unkenner, nichtchrist ~ unchrist, Nichtrömer ~ Unrömer, nichtstudiert ~ unstudiert, nichtwesen ~ unwesen, nichtzerlegbarkeit ~ unzerlegbarkeit Bohner § 12; in part. gerund. Bohner 180, vgl. III B 3 sp. 15. I@D@66) fremdsprachliche präfixe können mit un- in wissenschaftlicher terminologie concurrieren, besonders die griech. , μετά, ὑπό, ὑπέρ, z. b.: amoralisch : unmoralisch Mauthner wb. der phil. 2, 150b; alogisch, metalogisch, hypologisch, hyperlogisch : unlogisch. IIII. un als selbständiges oder scheinbar selbständiges wort. II@AA. durch verschweigung wird schein der selbständigkeit bewirkt: ausharren in un .. ich will mich nicht in ausrufen verlieren Göthe IV 3, 191, 13 Weim. II@BB. nl. wird on in der ausdrucksweise on of even scheinbar selbständig nl. wb. 10, 877. 1567; mnl. wb. 5, 500; Kramer (1719) 1, 235a; Dijkstra 2, 277a. etwas dem entsprechendes wie un- oder gerade kommt wohl nur scherzhaft und in der kindermundart vor th. 3, 7; 4, 1, 2, 3542. auf und eben verzeichnet Sanders wb. 1, 339a. verschoben ist das syntactische gefüge in mis un even th. 6, 2275; Schottel 1198b. vgl.uneben. umgekehrt ist un beim letzten theil mehrgliedriger verbindungen unterdrückt, s. unansehnlich. II@CC. 'un interdum est vocabula et elliptice ponitur pro unwahr, hoc est pro falso vel non-vero, adjectivo, quod exprimendum erat, silentio oppresso. sic de re indubia dicere solemus concessionis gratia es ist nicht un, quando certior est, quam ut negari a quoquam possit aut debeat' Wachter gloss. germ. 1740; Steinbach 2, 897: 'sed ut adjectivum absolutum, e. g. es ist nicht un, ut ipse adducit, ego nec audiui neque alibi legi'. Heynatz antibarb. 2, 311. in diesem falle ist un = ohne s. I B 2; th. 7, 1211; Paul 393b f.; zeitschr. f. d. unterricht 17, 655. II@DD. Edward Schröder kennt aus Hessen die meist scherzhaft gebrauchte wendung bei uns ist alles un für 'es ist nichts recht in ordnung'. II@EE. vor participien erscheint schweizerisches un, u selbständig im verbum finitum: es hed .. mi u g'freut 'un- oder übermäszig'; es hed u g'schnīt und u g'windet. dafür tritt auch unig, onig ein, das als regelrechtes adj. und adv. von diesem un abgeleitet ist. s. unig Staub-Tobler 1, 298. vgl.uner 'schwach, miszlich', unerkeit 'unpäszlichkeit, miszliches aussehen' Matthias Höfer etym. wb. 3, 258. unling s. u. IIIIII. zusammensetzung. III@AA. es gibt kaum eine partikel, die ihre productive kraft stärker bethätigt hat und noch heute lebendiger bewahrt als un-. ursprünglich negation des aussagesatzes, verschmolz die privative silbe zuerst mit solchen wörtern, welche den verbalbegriff in nominaler form ausdrücken; von da aus erfolgte die übertragung auf adj. und subst., wobei denn die negative silbe eine etwas anders gewendete bedeutung erhalten muszte oder konnte Brugmann grundrisz der vergl. gramm. 21 (1906) 105 f.; Delbrück grundrisz 4, 533. während nichtgermanische sprachen wie die balt.-slavischen sich grundsätzlich mit ne begnügen, unterscheidet das germanische das adverbale *ne und seine entsprechungen von dem adnominalen *- Brugmann kurze vergl. gramm. der idg. sprachen (1904) 310. beim got. particip wechselt ni mit un Delbrück 531. dieses wird zur übersetzung der adj., adv. und participia mit privativum gewählt, jenes erscheint, wenn ein part. mit οὐ oder μή wiederzugeben ist. 'das un- bewirkt eine festere, allgemeinere verneinung als das ni- und kann einen gewissen nebensinn annehmen, den letzteres nicht ausdrückt' Grimm gr. 3, 720. früh hatte sich zur univerbierung begriffseinung gesellt Brugmann kurze gramm. § 379. aus der keineswegs nur negativen bedeutung des un- erklärt sich, dasz im allgemeinen weder pronomina noch verba damit gebildet sind Grimm gr. 2, 764. im altindischen verbindet sich die privative silbe zwar nicht mit dem verbum finitum; doch ist als gelegentliches wagnis apacasi vāi tvam jālma 'du miszkochst ja, du lump' bezeugt, und in der Theognissammlung erscheint 621 ἀτίει. selten bleiben altind. infinitive wie ánabhibhartum 'nicht herbeibringen' und absolute participia wie ábhtvā 'ohne getragen zu haben'. nominaler charakter des part. begünstigt die verbindung, besonders trifft das für die part. auf to- zu. neben der hauptmasse adjectivischer zusammensetzungen treten altind. auch bereits composita mit abstracten und concreten substantiven auf; diese recht selten, z. b. ákumāra 'der kein knabe mehr ist', ádēva 'nichtgott', häufiger handlungswörter wie ácitti 'das nichtüberlegen, die unachtsamkeit' Delbrück 529 ff. vgl. ἄναες 'unschiffe, schiffe, die keine schiffe (mehr) sind' Aeschylus Perser 677; ἀνολυμπιάς 'eine unolympiade, die in das verzeichnis nicht eingetragen ist' Pausanias 6, 22, 3; Ἶρος ἄιρος Homer Od. 18, 73. wie unter den indogermanischen sprachen die germanischen überhaupt die composition am meisten lieben (R. M. Meyer literarhistorische und biographische aufsätze (1911) 1, 15), so gehört auch die häufigere verbindung des präfixes un- mit substantiven erst dem germanischen an; sie entwickelte sich in den zahlreichsten fällen dadurch, dasz aus den adjectivischen un-compositis substantiva abgeleitet oder solche von adj. zurückgebildet wurden ('rücklaufwörter'): unagei 'furchtlosigkeit' von unagands 'ἄφοβος'; unabänderlichkeit, unabgeschlossenheit u. s. w. von unabänderlich, unabgeschlossen u. s. w. nhd. unzahl ist trotz altn. ótal, mnd. untal jünger als mhd. unzallich, unzellich, unzellicheit, unzalhaft. unwillkür ist von Richard Wagner aus unwillkürlich gebildet, ungebühr erst aus ungebührlich gewonnen u. s. w. im einzelfalle ist freilich die priorität oft nicht zu entscheiden; s. unart. daneben wird auch, wie in den angeführten altind. und griech. beispielen, aus dem positiven wort durch un- unmittelbar ein neuer begriff gewonnen, z. b. got. unlustus, unþiuda, ahd. unerbo, mhd. undiet u. s. w. bei verbalverbindungen handelt es sich regelmäszig um ableitung aus un-compositis oder nominalformen des verbums; einige gelegenheitsbildungen fallen nicht ins gewicht. die adjectiv-compositionen walten vor, neuerdings mehren sich substantiv-zusammensetzungen. das deutsche bewahrt im allgemeinen eine noch fast unbegrenzte fähigkeit der neubildung, im gegensatz zu andern germanischen sprachen. so hat das neuere nl. die möglichkeit eingebüszt, zusammensetzungen mit dem improbativen un- zu bilden nl. wb. 10, 874, und selbst z. b. onweder für 'unwetter' in der uns geläufigen bedeutung des schlechten wetters veralten lassen nl. wb. 10, 2196. auch solche äuszere beschränkungen fallen fort, wie sie für die nl. sprache gelten, die zusammensetzung mit ononder-, wie ononderdrukt, onondermengd, ononderworpen u. s. w. nl. wb. 10, 876 meidet. Adelung hat vergeblich die regel aufgestellt, dasz zweisilbige verbalpartikel die zusammensetzung mit un- ausschliesze wb. 4, 828. unwiedergebracht, unniedergefallen sind nicht gebildet, weil wieder und nieder noch als zu selbständig gefühlt werden. in allen blütheperioden deutscher bildung hat das präfix eine besonders üppige lebenskraft entwickelt; sprachgewaltige und sprachgewandte männer wie Notker, die mystiker, Gottfried von Straszburg (Bechstein zu Gottfrieds Tristan 3862), Abraham a St. Clara (Hans Strigl sprachwissenschaft für alle, jahrgang 2 und 3. Wien 1910 f.), Klopstock, Herder (Suphan 22, 353), Göthe (Boucke wort und bedeutung in Göthes sprache 209 ff., Bohner die negation bei Göthe § 22), Jean Paul (Josef Müller zeitschr. f. deutsche wortforsch. 10, 20 f.), Jacob Grimm (Andresen über die sprache J. Grimms 119, 122 ff., 127 ff.), Rückert, Richard Wagner haben sein verwendungsgebiet erweitert: am planmäszigsten Jacob Grimm, der deswegen dem tadel Andresens (119 anm. 1) nicht entgangen ist; doch können die wortlisten (Andresen a. a. o.), in denen sich nichts gegen den geist der sprache verstoszendes findet, die vorwürfe der willkür und des eigensinnes nicht begründen. vgl. Schlegels gegen Vosz gerichteten tadel, über den J. Grimm th. 3, 489 geurtheilt hat. zahlreiche un-composita der ahd. übersetzungslitteratur sind, ohne zusammenhang mit dem leben, untergegangen; vgl. unroth, unschwarz, únábanémig Steinmeyer-Sievers 2, 366, 33. die vielen trefflichen wörter der mhd. höfischen dichtung haben sich nicht so behauptet, wie die von der mystik in den religiösen sprachschatz übergeführten bildungen. engherzigkeit gegen ursprüngliche fremdwörter, die mit un- zusammengesetzt sind, wie unabsolut, unacademisch, unaccentuiert, unaccurat, unaffectiert, unalamodisch, unallitterierend, unapostolisch, unaristocratisch, unarchitectonisch, unarkadisch, unarmiert, unarticuliert u. s. w. war hier um so weniger am platze, weil auszer der flexion das präfix un-, häufig an stelle des älteren fremden in- getreten, in diesen fällen gerade die eindeutschung des fremden wortes beweist und manche bereicherung der sprache auf diesem wege zustande gekommen ist. es sind gäste von ehrwürdigem alter dabei, z. b. unpartîisch. andere wie mhd. instabel 'instabilis' haben sich nicht eingebürgert. zum vorgang bei der gewinnung des neuen sprachstoffes Behaghel die d. sprache (1907) 149. manche zusammensetzung beruht auf begriffsentlehnung oder sonstiger fremden beeinflussung Brugmann grundrisz 21, 77; zeitschr. f. d. wortf. 3, 220 ff.; 4, 125 ff. übertreibung bei Mauthner wb. der philosophie 1 LXXXI. andere wieder sind künstliche bildungen Brugmann grundrisz 21, 76 und gehören nur bestimmten gebieten der litteratur oder dichtung an (unabendlich, unalternd, unabirrend u. s. w.). die deutsche dichtung holte aus diesen bildungen nothwendige abwechslung und bereicherung ihres immerhin beschränkten adjectivvorathes H. G. Meyer 9. viele adjectiva auf bar sind gewisz von lexicographen und grammatikern nur ausgeklügelt; aber es lieferten auch solche bildungen wie Klopstocks unabhörbar, Richard Wagners unabstreifbar, oder unanrührbar (s. d.), von Dilthey für 'ideal' gebraucht, der sprache schönste bereicherung. der lebendige sprachgebrauch schafft unablässig neues, modelt das alte, bildet neue verwendungen heraus, die wieder zu neuen oder theilweise neuen wortindividuen führen. selbst wenn eigentlich litterarische belege, wie bei unangebracht, unbeachtlich, fehlen, ist zweifel an der vollwerthigkeit und gebräuchlichkeit der zusammensetzung ausgeschlossen. die sprache ist sozusagen auf dem marsche. viele wörter, wie unabsichtlich, sind das ergebnis junger oder jüngster entwicklung. stellte Adelung u. a. das fehlen von unlieb, unschön, unandächtig u. s. w. fest, heute sind sie landläufig. viele knüpfen sich an die periode unserer classischen nhd. litteratur, z. b. unabsehbar, unabsehlich, oder das modewort unendlich zeitschr. f. d. wortf. 6, 118. manche verdanken ihre prägung der scholastik oder der aufklärungsphilosophie; z. b. unabhängig 'independens', unabhängigkeit 'independentia'. eine andere quelle der un-zusammensetzung ist die rechtssprache, die den begriff der rechtlichen bindung durch negative umschreibungen in unermüdlicher abwechslung betont, z. b. unabbrüchig, unabhelflich, unableglich, unabtreiblich, unabläszlich, unnachtheilig u. s. f.; wie schlinggewächse durchwuchern diese bildungen die ältere sprache und erregen den zorn der sprachpädagogen. weniges davon, wie unbedingt, unbeschadet, hat sich festgesetzt. standes-, geschäftssprachen, handwerks-, wissenschaftliche und technische terminologie liefern beiträge; z. b. die weidmannssprache unbändig, die kanzleisprache ungeheuer wie unermangeln, die geschäftssprache unbeachtlich, die heeressprache unabkömmlich in engerer bedeutung. die un- (on-) composita haben in den einzelsprachen und -dialecten hier nicht verfolgbare sonderentwicklungen durchgemacht. im wörterbuch zu behandeln sind nur solche wörter, die ein sprachliches eigenleben oder mindestens ansätze dazu herausgebildet haben, so dasz sie wirkliche wortindividuen geworden sind. für die übrigen zusammensetzungen müssen allgemeine bemerkungen genügen. die aufgabe einer lexicalischen behandlung ist angesichts der thatsache, dasz täglich immer noch neue wörter mit dem präfix un- erzeugt werden, miszlich. alle erzeugnisse dieser sprachschöpferischen bethätigung zu erfassen, ist unmöglich; was sie hervorbringen kann, läszt sich nicht berechnen. ebensowenig wird alles, was sie je hervorgebracht hat, sich in seinem ganzen umfang verzeichnen lassen. was hier geboten wird, ist nur ein querschnitt durch den ungeheuren stoff, wobei insbesondere die für auswahl des materials maszgebenden gesichtspunkte die grenzen setzten. III@BB. die wortgattungen in der zusammensetzung. III@B@11) substantiva. aus der historischen entwicklung der un-composition ergibt sich als natürliche folge, dasz substantiva weit weniger zahlreich sind als adjectiva, und unter den substantiven wieder concreta weniger zahlreich als abstracta; verneint doch un- im wesentlichen eine eigenschaft, keine thatsache, kein dasein. trotzdem sind subst.-composita lebenskräftig entwickelt. III@B@1@aa) concreta. III@B@1@a@aα) die nach dem typus ádēva 'nichtgott' (s. oben) gebildeten zusammensetzungen heben die im simplex liegende vorstellung auf. z. b. im altind. 'der vater wird zum nichtvater, die mutter zur nichtmutter' u. s. w. es ist der typus der absichtsvollen, meist bewuszt-geistreichen oder rhetorisch zugespitzten gelegenheitsbildung. z. b. got. unþiuda 'οὐκ ἔθνος' m. 10, 19; ahd. unmenisco 'nicht mensch'; mhd. unvriunt; nhd. unfreund, unchrist, ungott, ungrieche, unkenner, unliebling, unmönch; nl. ongod, onjood, ongriek, onvrient; Herders unphilosoph, Göthes ungeist Bohner § 22, J. Grimms Unsueven, Dührings ungrösze, Gomperz' unnaturforscher; vgl.adel und unadel und die zweigliederigen verbindungen IV C 3. fast in jedem falle haben bei diesen wortbildungen occasionelle und individuelle umstände mitgewirkt; s. die einzelnen artikel. in der neueren sprache wird in solchen fällen un- vielfach durch das verwandte präfix nicht- verdrängt; vgl. nichtdenker th. 7, 713; nichtleiter, nichtlobredner, nichtpöbel, nichtritter th. 7, 717 ff. Bohner § 12. oder es werden durch diese concurrenz feinere unterscheidungen begünstigt, wie in nichtchrist und unchrist, nichtkenner und unkenner, nichtpoet und unpoet, nichtwesen und unwesen. ist das substantiv ein substantiviertes pronomen, so kann nicht un-, sondern nur nicht— für die composition in frage kommen; vgl. Fichtes nichtich th. 7, 714. III@B@1@a@bβ) häufiger und allgemeiner sind zusammensetzungen nach dem typus ávašā 'nichtkuh = schlechte kuh', in denen der im simplex vorhandene begriff nicht an sich verneint oder aufgehoben, sondern nur in seinen eigenschaften beschränkt wird; s. IV B. so ahd. unerbo, ungiwitiri, ungazungi, unchrût, unmenisco 'unmensch', unquidi, unwitari; altn. ómaðr; mhd. unart, undiet, undinc, unerbe, ungelt, ungeselle, unhallär, unkrût, unkunder, unman, unmensch, unort, untier, unvogel, unvolk, unvrouwe, unvruht, unwîp; nhd. unanländestrand Stieler, unart, unbesuch, unding, ungegend, ungewitter, unland, unmensch, unmusik, unpfennig, unpoesie, unreim, unroman, unsame, unsatz, unschiff, unsprache, unstern, untag, unthier, unvogel, unweg, unwerk, unwetter, unwort, unzeug; Göthe: ungeschöpf, unklang, unlandschaft, unort, unregiment, unsommer Bohner § 22; nl. óndicht, ondichter nl. wb. 10, 1537. als eigennamen dieser art sind 1042 Ungast Förstemann 1479; Socin 220, vielleicht Unlaz, Unsez Socin 217. 220, und 814 Undeo, Unknecht Socin 217 bezeugt. III@B@1@bb) abstracta. III@B@1@b@aα) unmittelbare zusammensetzung des subst. mit dem präfix erfolgt z. b. in got. unlustus, unmahts; alts. unrîm; ags. unræd; altn. ótal; ahd. unlust, unmaht, unende, unêra, unkraft, unkust, unmuoʒa, unfridu, unslâf, unwân, unzît, unzuht; mhd. ungruoʒ, unhou, unlôn, unlop, unmeʒ, unminne, unnutz, unphliht, unprîs, unraste, unrede, unsin, unsite, unwandel, unruowe, unwân; nhd. unbesuch, uncultur, unehre, unfarbe, unfolge, unfriede, ungefühl, ungeburt, ungedanke, ungeist, ungeschmack, ungesetz, ungrund, ungenuss, unlust, unmenge, unmasse, unname, unpflicht, unscham, unsegen, unzeit, unzucht. dagegen kommt bei nhd. unform und manchen anderen rückbildung in frage. abstractwörter als eigennamen bilden eine besondere, seit alters (Brugmann kurze gramm. § 380) stark vertretene gruppe: Unmuot 'Schrecken', Unduruft 'Nichtbedarf' 856, Unrat 'Schaden', Unruoch 'Unbekümmertheit', Unwanus 1013 'Unverhoffen', Unuuanc 819 'Standhaftigkeit' Förstemann 1479 f.; Socin 221; mhd. Undurft, Unfride, Ungelaube, Ungebúrin, Ungesmach, Unmaze, Unmuoss Socin 457, Ungnâd Zimmer. chron. 4, 384, 24 ff.; nhd. Umfried, Ungenad, Ungewitter, Unglaub, Unruh. der heutige Königsberger name Unfrau kann auf mnd. unvrowe 'trübsal' zurückgehen. III@B@1@b@bβ) die gröszte zahl der subst. un-composita gehört zu adj., die mit un- bereits zusammengesetzt waren: got. ungaraihtei, unhrainei, unriurei, unselei, unswerei, unwammei, unþiuþ, unkunþi, unledi, unhrainiþa u. s. w. (auch concreta, die zu adj. gehören, nehmen dadurch an abstracter bedeutung theil: unhulþa, unhulþo 'diabolus' Wilmanns gr. 2, § 418, 2); ahd. ungahiurî 'monstrum'; mhd. ungetüeme Wilmanns § 418, 5; unsicher unbilde, nhd. unbill; ahd. unfruatî, unganzî, ungimacha, ungiwara, ungistuomî, ungizâmî, unheilî, unhuldî, unmammuntî, unstâtî u. s. w.; mhd. unbedroʒʒenheit, unbehende, unbehendecheit, unbekanntnisse, unbescheidenheit, unbesichtecheit, unendelîcheit, ungehôrsame u. s. w.; nhd. unabänderlichkeit, unabgeschlossenheit, unabkömmlichkeit, ungelegenheit, ungüte, unnatürlichkeit, unschönheit, unstäte, unverfrorenheit u. s. f. III@B@1@b@gγ) zu verben gehörige comp. begegneten schon altindisch nach dem typus ácitti 'nichtachtung': so got. unfreideins, ungalaubeins, ungahôbains, unbimait; ahd. unirwartunga, unengoltinî, unveruechsellîchî, ununtarsceidunga, unsculdigunga; mhd. unbetrachtunge, unbewegunge, unbewerde, undîhen, undöuwen, unêrunge, ungenesen, ungeschehenheit, unkochen; Tauler: unmugen, unverblîben, unvermügen, unwellen, unwesen, unwiʒʒen; nhd. unachtung, undäuen, undauung, unduldung, unehren, unehrung, uneinen, uneinung, unentweihung, unentwöhnung, das ungedenken, die unvollendung, das unwirschen u. a.; Herder: das unbenehmen, unbesinnen; Göthe: unbewusztsein, unnachlassen, untheilnehmen, untrauen. meist ist aber dabei auch mit nominaler grundlage zu rechnen, so dasz undauung zunächst aus dauung, uneinung aus einung u. s. w. abgeleitet sein könnte. über die verschiebung der grenzen Paul principien 202 2 ff. mindestens haben diese substantiva simplicia die entstehung der verbalcomposition begünstigt. die fähigkeit der verba, mit un- nominale zusammensetzungen einzugehen, hat sich im laufe der entwicklung so vermindert, dasz heute als regel gilt, in solchen fällen, besonders bei den substantivierten infinitiven, das präfix nicht- zu verwenden. man zieht nichtachtung, nichtduldung, nichtnachlassen u. s. w. den mit un- verbundenen wörtern vor, sagt namentlich das nichterscheinen, das nichthalten, unterscheidet das nichtsichtbarwerden und das unsichtbarwerden, nichtbildung und unbildung u. s. w., sagt wohl unverkäuflich, aber nicht der unverkauf Adelung 4, 827; Heynatz antibarb. 2, 515; Andresen über die sprache J. Grimms 119; Wilmanns gr. 2, § 418, 4; Bohner § 12; th. 7, 712 ff. III@B@1@cc) nur in der zusammensetzung mit un- sind heute üblich: unflat, unfug, ungeheuer, unhold, ungemach, ungestüm, ungethüm, ungeziefer, unwissenheit. theils liegen negative adj. zu grunde, theils ist das positive simplex unüblich oder erloschen. ungefähr und unschlitt scheiden aus; ungefähr ist mit ohne gebildet, unschlitt hängt vielleicht mit mnd. ungel 'talg' zusammen Wilmanns gr. 2, § 418, 5. III@B@22) adjectiva. wenn, wie J. Grimm sagt, nach unserm sprachgefühl theoretisch jedes adj. mit un- verbunden werden könnte, so wird doch diese möglichkeit in der that stark eingeschränkt. zunächst durch einen in dem charakter dieser comp. liegenden allgemeinen zug. negativer beschaffenheit eignet eine gewisse unbestimmtheit und abstractheit; weiter spielraum ist ihre voraussetzung. die mehr eindeutigen, concreten, begrifflich bestimmten zweigliedrigen comp. sind deswegen in der minderzahl. dazu kommt, dasz diese einfacheren adj. durch sonderentwicklungen in bedeutung und gebrauch sich vermindert haben. noch im mhd. kann jedes adj. mit un- verbunden werden Weinhold gr. § 299, was nhd. unmöglich geworden ist. adjectiva mit negativem sinn, wie arg, blosz, böse, gering, karg, nackt, niedrig, schlecht, schlimm, selten, übel u. a. entziehen sich vom standpunkt des heutigen sprachgefühls im allgemeinen der zusammensetzung. es war nicht immer so: einen ahd. eigennamen Unarc (Socin 223a) verzeichnet Grimm gramm. 2, 769, unkarg, unselten gebraucht er selbst Andresen 122; unübel reicht in die gegenwart. dem mundartlichen un-intensivum versagen sich diese begriffe durchaus nicht; vgl. ungarstig, unschlecht. begriffe ferner, bei denen die verneinung durch die privative silbe keine andere specifische eigenschaft bezeichnen würde, eignen sich überhaupt nicht zur zusammensetzung mit un-; z. b. ewig, die farbenbezeichnungen weisz, schwarz, roth, blau u. s. w., die den stoff bezeichnenden adj., wie hölzern, eisern, wächsern u. s. f. (aber unbleiig). die abwesenheit der bestimmten farbe, des bestimmten stoffes u. dergl. könnte heute nur durch nicht bezeichnet werden: ein ausgesprochenes nichtroth; nichteiserne stützen versagen. auch in diesem falle gilt die regel eigentlich nur vom standpunkt der heutigen schriftsprache; Notker bildete unswarz, Graff verzeichnet 1, 303 unrot. die mundart hat im un- intensivum ein beliebtes und wirkungsvolles mittel der farbenbezeichnung: hessisch ist ungrün ein leuchtendes, intensives grün. wird grün auf die gesinnung übertragen, dann steht der comp. ungrün wieder nichts im wege. ähnlich verhalten sich einerseits billig : unbillig, andrerseits billig : teuer. zugleich ist das begriffspaar billig : teuer ein beispiel für den weiteren fall, in dem von bildung eines un-compos. abgesehen ist, wenn ein einfacher gegensatz durch ein anderes gut gebräuchliches wort gegeben war. so stark : schwach, fern : nah, jung : alt, hoch : niedrig, scharf : stumpf, krumm : gerade, grosz : klein, hoch : tief, faul : fleiszig, breit : schmal (unbreit, umbreit ist mhd. adj. unbereit), dick : dünn, fest : lose, hell : dunkel, zahm : wild, kühn : feige, reich : arm, schön : häszlich u. s. w. der euphemismus feinerer bildung begnügt sich trotzdem, besonders im 'artigen' 18. jh., oft mit den halbheiten der un-composita. Adelung 4, 827: 'nur die fälle sind ausgenommen, wo man wohl wörter hat, den gegensatz einer eigenschaft auszudrücken, man aber aus glimpf statt deren lieber die blosze abwesenheit andeuten will, da es denn in manchen fällen, aber auch nicht allemahl, erlaubt ist, wörter mit un- zu bilden, einen harten begriff auf eine glimpflichere und gelindere art auszudrücken.' so steht unfleiszig neben faul, unfern neben nahe, ungut neben schlecht u. s. w.; für Göthe vgl. Bohner § 26. J. Grimm verwendet meist aus freude an reicherer unterscheidung unalt, uneinfach, unganz, unhart, unhübsch, unreich, unspröde, unstrenge, unvoll, unweich, unhäufig, unfest, das terminus technicus der grammatik geworden ist. nhd. unhoch, unstark ist z. b. früher gebraucht. im nl. ist nicht nur das adj. onsterk, sondern auch das subst. onsterkheid vorhanden nl. wb. 10, 1797. das nhd. nicht beliebte unteuer ist z. b. als mhd. untiure, mnd. undure vertreten u. s. f. wenn das nl. in der litotes mit niet auch sonst ungebräuchliche wörter, wie onhoog, zuläszt nl. wb. 10, 876, so fehlt dem deutschen diese allgemeine fähigkeit. für jeden dialect, für jede sprachperiode und litteraturgattung ist die untersuchung gesondert zu führen, ohne dasz die fürs heutige nhd. maszgebenden gesichtspunkte und regeln eine bindung ergäben. Wilmanns faszt den heutigen grammatischen gebrauch so zusammen: 'zu keiner zeit ist neben jedem positiven ein negatives adjectivum üblich gewesen. wo eine eigenschaft nicht im gegensatz zu einer andern empfunden wird oder der gegensatz durch ein besonderes wort bezeichnet werden kann, ist die zusammensetzung mit un- entbehrlich; ausgeschlossen freilich nicht' gr. 2, § 419, 1. wird in uneins un- mit einem zahlwort verbunden, so ist es wie uneinig als adj. empfunden, ohne jedoch etwa die bildungsfähigkeit der nl. compositionen oneensgezind, oneensheid nl. wb. 10, 155 f. zu erreichen th. 3, 254; Paul wb. 124b. III@B@2@aa) adjectiva, die im wortanfang nur mit dem präfix un- zusammengesetzt sind. III@B@2@a@aα) un- verneint oder modificiert ein einfaches adj., z. b. got. unbruks, unfagrs, unfroþs, unhails, unhrains, unriurs, unsels; ahd. unfrô, unkund, unreini, unsuazi; mhd. undære, uneben, unedel, ungar, unguot; nhd. undeutsch, unecht, uneins, unfertig, unreell (Göthe, Bohner § 22), unwahr u. s. w. ebenso verbindet sich un- schon im got. auch mit abgeleiteten und zusammengesetzten adjectiven: unbarnahs, unhunslags, unswikunþs u. s. w. eigennamen bilden wieder eine gruppe: ahd. Unachar 'Unwachsam', Unarc 'Unfeige', Unchad 'Stumm', Unforaht 'Unerschrocken', Ungrimmus, Unhard 'Nachgiebig', Unlaz 'impiger', Unleid 'Harmlos', Unric 'Unmächtig', Untrut 'Ungeliebt', Unowani 'Unverhofft', Unwizi 'Unverständig', Unzeiz 'Unanmuthig' Förstemann 1479 f.; Socin 223; mhd. Unnutz, Unstete, Unwert Socin 445; nhd. Unwerth. von eigennamen können adj. gebildet werden, die nicht zu erschöpfen sind: unalcäisch, unäolisch, unamerikanisch, unattisch, unciceronianisch u. s. f.; von diesen bildungen ist nur, was sich sprachlich dauernder festgesetzt hat, in das wörterbuch eingetragen. III@B@2@a@bβ) auch auf substantivischer grundlage scheinen früher adj. dieser art entstanden zu sein; z. b. got. unkarja zu kara, mhd. unminne zu minne Wilmanns gr. 2, § 419, 1. doch läszt der heutige eigenname Minne auf ein wirkliches mhd. adj. minne, das in geminne, unminne, anminne erhalten ist, schlieszen; vgl. den fischnamen minne th. 6, 2242 und Geilers von Kaisersberg anrede wo ist mein ett? wo ist mein minn? Sanders 2, 1, 311c. auf dem umwege durch eine ellipse gelangt das nhd. adj. unpasz zu substantivischer grundlage. unwirsch, mhd. unwirdisch, gehört zum subst. unwirde. III@B@2@a@gγ) auszer frage steht schon seit alters verbale grundlage; z. b. got. unnuts zu niutan, unqêþs zu qiþan vgl. ahd. unbûantlîh, unkundentlîh, unsagelîch; mhd. undenklîch, unlîdelîch, untregelîch; nhd. undenklich, unleidlich, unleugbar, unrettbar, unsagbar, untröstlich: aber die meisten verbaladjectiva dieser art lieben composition mit mehreren partikeln Wilmanns 2, § 366, 5. siehe b. III@B@2@bb) adjectiva mit mehr als einem präfix. die schon hervorgehobene begriffliche unbestimmtheit und unanschaulichkeit der negativen eigenschaften, die der reicheren verwendung zwei gliedriger composita nicht günstig war, begünstigt andrerseits die mehr gliedrigen zusammensetzungen, bei denen denn auch der positive begriff der stammsilbe sehr stark beeinträchtigt werden kann. zwei präfixe sind sehr beliebt (g. unandsôks, unatgâhts; ahd. unarspurilîh, ungiboganlîh; mhd. unerforschbære, unüberwindelich; nhd. unabänderlich, unausrottbar u. s. f.), drei nichts seltenes (mhd. unurgevêhet, unûʒgedroschen; nhd. unverantwortlich, unwiederherstellbar u. s. f.). solche zusammensetzungen, durch die culturentwicklung der letzten jahrhunderte gefördert, überdies noch durch ableitung neuer wörter (z. b. unwiederherstellbarkeit) verlängert, können schleppend und unkräftig wirken; aber das verfahren der sprache ist doch echt organisch und deswegen nothwendig, weil sich die deutsche sprache andern mitteln der bereicherung, wie der aufnahme einer gröszeren menge fremden wortstoffes (vgl. das englische) oder stärkeren stilistischen bindungen (vgl. das französische) versagt. es ist ein beweis für ihre brauchbarkeit, dasz diese bildungen zahlreich in die andern modernen german. sprachen übergegangen sind. charakteristisch für die wortgruppe ist einerseits die reiche morphologische gliederung mit häufung der präfixe und ableitungssilben, und andrerseits bei der ganz überwiegenden mehrzahl dieser adj. die verbale grundlage. III@B@2@b@aα) die häufung der präfixe scheint zum theil mit gründen der eurhythmie zusammenzuhängen; maszgebend war die betonung; s. V. oft wäre das zweite präfix entbehrlich: z. b. in unabänderlich, unabwendbar, unermeszlich; es gibt ja auch unänderlich, unwendbar, unmeszlich. die erweiterten wortformen boten für die aussprache und verwendung den vortheil, dasz zusammenstosz der beiden schweren silben (ún-aenderlich) vermieden wurde. mhd. betonungsgesetze scheinen eingewirkt zu haben Michels § 36, 1; 45 anm. 1. ferner kommt, wie im griech. und lat., auffrischung verschliffener ausdrucksmittel in frage; vgl. neue jahrb. 1912, 43 f. die meisten dieser wörter sind spätmhd. III@B@2@b@bβ) die mehrzahl der vielgliedrigen adj.-comp. beruht auf verbaler grundlage. wörter mit nominaler grundlage fehlen freilich nicht; z. b. ungebärdig, ungeheuer, ungestüm, unverbrüchlich, unvorhanden, unzufrieden u. a., und die nominalformen des verbums haben vielen adj. auf lich, besonders in älterer sprache, zur grundlage gedient; z. b. ahd. unirbetontlîh, ungitholentlîh, unirfarantlîh, unbifanganlîh, unvirmitanlîh, unuberwuntanlîh Grimm gr. 2, 679 ff.; Wilmanns gr. 2, § 364 f.; mhd. unbetwungenlich, unerwordenlich, unüberwundenlich; nhd. ungeflissentlich, unverzüglich. die neuere sprache zieht es vor, die wörter vom verbalstamm zu bilden, und deutet auch nominale ableitungen gern in verbale um: unerbaulich, ungebührlich, ungedeihlich, unbedenklich, unverderblich, unempfänglich, unempfindlich, unverfänglich, unerfreulich u. v. a. Wilmanns gr. 2, § 366. III@B@2@b@gγ) viele sind heute nur mit un- möglich oder üblich: unabänderbar, unabweisbar, unaufhaltbar, unauflösbar, unauslöschbar, unbezwingbar, unerforschbar, unermüdbar, unerschwingbar, unersetzbar, unüberwindbar, unverlierbar, unvermeidbar, unwiderlegbar, unzerstörbar u. a.; unabänderlich, unabweislich, unabwendlich, unauflöslich, unbezwinglich, unerbittlich, unerdenklich, unerfindlich, unentgeltlich, unvergleichlich, unergründlich, unerläszlich, unverrücklich, unverwüstlich, unwiderruflich, unaufhaltsam u. v. a. Wilmanns gr. 2, § 366. 4, 377; Paul 580a. natürlich sind die simplicia vielfach vorhanden gewesen oder zum theil nicht ausgeschlossen, werden aber nicht als gegensatz mehr empfunden. das nähere lehren die einzelnen artikel. III@B@33) un- in verbindung mit participialformen. wie von der verbindung mit participien die composition überhaupt ihren ausgang genommen hat, so haftet un- im participium heute noch seiner wortbildenden kraft nach am zähesten; hier schafft der einzelne immer mühelos neue verbindungen, die völlig frei und dehnbar bleiben können, ohne als feste zusammensetzungen zu verknöchern und zu verarmen; so versagt denn jede aufzählung und jeder versuch, alle derartigen compositionen zu erschöpfen. Steinbach, Campe, Hilpert und van Dale lehren es. auch hier zeigt sich oft, dasz irgend einmal zu einem scharf umrissenen begriff verdichtet ward, was vorher nur als ausgedacht oder als geiler trieb gegolten. bekanntlich sind die part. aus verbaladjectiven hervorgegangen und können sich dann wieder zu adjectivischer function entwickeln. verbaladjectiva und participia treten sich schon sehr früh kaum unterscheidbar nahe. in der germanischen und deutschen entwicklung kommt nur der zweite, spätere vorgang in betracht, die allmähliche adjectivierung des participiums. sie ist für die un-composition wichtig, weil diese um so ergiebiger wird, je mehr der nominale charakter des wortes sich herausbildet. daher wird meist versucht, einige abschnitte dieses vorganges zu scheiden. vgl. Paul princ. 308 ff.; Wilmanns gramm. 2, § 384; Wunderlich 1, 126. die dem mhd. noch eignende ausgedehntere verwendung des präfixes zur negierung des verbalen participiums (Weinhold mhd. gramm. § 299; Paul § 315; Wilmanns 3, 1, 107, § 59, 4; mhd. wb. 3, 182 b; zeitschr. f. d. unterr. 8, 685 ff., z. b. wir mügen ungetanzet niht sîn, ich hân mînen zëhenden ungegeben, du hâst mîn unvergeʒʒen u. ä.) hat die neuere sprache bis auf die mundarten und wenige nachklänge eingebüszt. vgl. Opitz th. 1, 892, Staub-Tobler 2, 297, unbeworren, unbeholfen, unverloren, unvergessen, unverworren u. a. ebenso veraltet im nhd. die umschreibung durch das part. präs. mit sîn, werden, ligen; z. b. unregenende sîn Paul § 287; th. 10, 1, 313; Vernaleken 1, 15 ff.; Wilmanns 3, 171 ff.; Wunderlich 1, 163 ff. s. unvermuthend, unkönnend, ungehörend, unschlafend, unwillend, unwissend u. a. im allgemeinen sind die nhd. part. präs. zu adjectiven geworden. III@B@3@aa) die mit un- zusammengesetzten participia präs. haben sich im allgemeinen sehr vermindert. im got. sind sie häufig, im ahd. und mhd. werden sie immer spärlicher, im mhd. beschränken sie sich, abgesehen von poetischer und litterarischer rede, auf wenige wirklich gebräuchliche wörter Wilmanns gramm. 2, § 419, 2. zu enge urtheilte allerdings Adelung 4, 828: 'mit den mittelwörtern der gegenwärtigen zeit verbindet un- sich niemahls .. und obgleich einige unserer neuen dichter dergleichen zusammensetzungen gewagt haben, .. so ist doch solches nur aus unkunde der eigenthümlichen art der deutschen sprache geschehen, indem man nicht leicht ein allgemein gangbares gutes wort dieser art aufweisen wird.' 4, 835 lehnt er wie Heynatz antib. 2, 514 unbestehend aus demselben grunde ab; findet ungebührend vor Adelungs augen 4, 853 gnade, so verwirft es Heynatz 2, 520. doch verzeichnet Adelung immerhin: unbedeutend, ungeziemend, unvermögend und unwissend. duldsamer war Campe 5, 117b; er bezeichnet die participia präs. nur als selten und führt auch blosze litteraturwörter an. vor allen haben dichter durch participialbildungen die im deutschen kleine zahl der ihnen so unentbehrlichen adjectiva zu vermehren gesucht. so steuerte Opitz unbestehend bei; Klopstock unablassend, unentscheidend, ununternehmend, unverlöschend, unverrathend, unverwesend; Vosz unaltend, unerbarmend, unverdienend, unversiegend; Gerstenberg unauszudrückend; Klamer-Schmidt undauernd; Wieland untheilnehmend; Lavater unklügelnd; Herder unverwirrend, unauszuforschend; Schiller unbeglückend u. s. w. freilich haben nicht immer die genannten das wort gerade neu geschaffen. Göthe verwendet, und zwar meist in der prosa: unabwechselnd, unausdrückend, unbeachtend, unbedeutend, unbefriedigend, unbelehrend, undurchscheinend, unerreichend, unfühlend, unnachlassend, unpassend, unschmelzend, untaugend, untheilnehmend, unüberzeugend, unvermögend, unversiegend, unvorahnend, unwelkend, unwissend, unziemend, unzuberechnend, unzusammenhängend Bohner 38 ff. 179. 'die vorliebe für das präfix un- geht hierbei so weit, dasz Göthe von einer unausdrückenderen sprache und einem unbelehrenderen auszug redet, statt die sonst übliche umschreibung mit weniger anzuwenden' Bohner § 22. am weitherzigsten war J. Grimm: 'nhd. haben dergleichen zusammensetzungen ihr ungewohntes, man sagt eben nicht: unglaubende heiden, untragender acker, unredender mann, etc., aber schon: unliebende eltern, unvermögende, unwissende leute, unentweihende hände; ich glaube, dasz dichter ohne gefahr neue bildungen wagen dürfen und durchführen werden' gramm. 2, 770. er verwendet denn auch in seiner sprache viele part. präs., selbst in fast rein verbaler function, z. b. unablassend, unabweichend, unanziehend, unauffassend, unbeleidigend, unentehrend, unfliegend, unfragend, unfühlend wie Göthe, ungehend, unredend, unlachend, untragend, unwelkend (Göthe) u. a. Andresen 127 f. weniges davon konnte sich einbürgern; die meisten bildungen dieser art würde Heynatz privatbarbarismen nennen; vgl. antib. 2, 699. III@B@3@a@aα) noch überwiegend verbales participium, theilweise mit wahrung des tempusunterschiedes, bleibt die un-composition heute nur in einigen verbindungen von unvermögend, unwissend, unzusammenhängend. nahe stehen Göthes undurchscheinend oder unleuchtend, unanstoszend, unkönnend, unliebend u. a. in der urkundensprache erscheint das abgeschliffene unabgesagen = unabgesagende (s. d.). früher waren part. häufiger, z. b.: got. unhabands; ahd. unwanenti, unsakenti, unsorkenti Graff 1, 306; unstinchente Trudperter hohelied 114, 29 Haupt; mhd. sich bôt der lewe an sînen vuoʒ und zeicte im unsprechenden gruoʒ Iwein 3870; dazu Lachmann 147 und Erdmann § 132; den stegreif ungetretende j. Titurel 16, 24; Grimm gr. 4, 1091. 1095; dir dienstes unversagende Titurel 9285, 4; zeitschr. f. d. wortf. 1, 102; unwiʒʒende leit ebd.; Grimm gr. 4, 69. zur bedeutung Wilmanns gr. 3, 1, 105; unslâfend zeitschr. f. d. wortf. 1, 101; mnd. unvorsagen ebd. 1, 102. III@B@3@a@bβ) die participialadjectiva stehen zwischen den bildungen verbalen und nominalen charakters etwa in der mitte; die beziehung aufs verbum ist noch nicht erloschen Wilmanns gr. 2, § 384, 4. ihre verwendung reicht besonders im got. und in der neueren sprache weiter als die der reinen participia. z. b. got. ungahabands sik, ahd. unvaranta scaza 'res immobiles' Steinmeyer-Sievers 2, 137; Grimm gr. 4, 68; Wunderlich 1, 121 f.; Scherz-Oberlin 1827; Lexer 2, 1949; mhd. ungehôrend zeitschr. f. d. wortforsch. 1, 99; nhd. unabhangend, unabhängend, unablautend, unalliterierend, unabschlieszend, unabweichend, unanmaszend, unanziehend 'keine attraction ausübend', unentehrend, unstillstehend u. s. w. natürlich grenzen sie aufs nächste ans adj.; vgl. Andresen über die sprache J. Grimms 127. auch einige sog. participia necessitatis (Wilmanns gr. 3, 1, 55. 109. 2, § 385) mit zu gehören hierher, wie unabzusehend, unauszudenkend, unauszudrückend, unauszuforschend, unzuberechnend, unzubezweifelnd, unzuverneinend, ein unauszugründendes wunder J. Grimm bei Andresen 129 u. a. III@B@3@a@gγ) wirkliche adjectiva haben, wenigstens für das unmittelbare sprachbewusztsein, den bezug aufs verbum fallen lassen. schon im got. bedeutet unsaiƕands auch 'unsichtbar', und im ahd. stellen sich statt der bisweilen gebrauchten part. präs. die betreffenden adj., wie unziganganlîh für unziganganti, ein. im mhd. werden adjectivisch gebraucht: unhœrende, ungehœrende 'surdus', unredende 'infans', unsehende 'caecus', ungenesende, unhelende = unhelbære, unleistende, unschamende, unsmeckende, unsprechende, unvarnde, unvergeltende pass., unversehende adv., unversagende. im nhd. ist dann die adjectivierung durchgedrungen, z. b. in unbedeutend, unbefriedigend, ungenügend, ungeziemend, unvermögend, unwissend, unzutreffend, unzureichend und vielen selteneren wörtern Wilmanns gr. 2, § 384. vgl. nl. onargwanend, onbeduitend, ondeugend, ondoorschijnend, onnadenkend, onoplettend, onvoldoend, onwetend. die simplicia sind keineswegs immer ebenfalls adjectiviert; es fehlt ein wirklich allgemein übliches wissend neben dem adj. unwissend; die simplicia haben dann meist einen weit geringeren bedeutungsumfang als die composita. steigerung und substantivierung sind üblich: ein unwissender, der unvermögende, das unzutreffende u. s. w. auch: herr unwissend erscheint bei Tieck. III@B@3@bb) part. prät. das leidende mittelwort, so wol in den stamm- als gedoppelten zeitwörtern, kan vor sich nehmen das verneinende wörtlein un, und alsdenn wird es ein neues wort, mit füglicher schöner deutung, dasz es dem teutschen wegen der übergroszen menge leichtlich nicht wird nachgeredet werden können' Schottel 610. auch in der fortentwicklung der part. prät. zu adjectivischer geltung geht die deutsche sprache weiter als alle andern germanischen verwandten. der steigerungsformen, die am sichersten adjectivierung bezeugen, enthalten sich die übrigen germanischen sprachen, von wenigen neubildungen abgesehen, selbst in ihrer jüngeren entwicklung Wilmanns gr. 2, § 384, 5. die meisten partikelcomposita weisen mehr als ein präfix auf, oft sind sie vielsilbig und, wenn auch in neuerer zeit am üppigsten ausgestaltet, doch im wesentlichen durch das spätmhd. bereits vorgebildet; J. Grimms ansicht, dasz partikelcompositionen wie unabgebrochen sehr jung seien (gramm. 4, 857 anm., vgl. 874), bestätigt sich nicht. ausbleiben der partikel ge- wird durch un- begünstigt: unansehen = unangesehen L. Fries Würzburg. chron. 131a, th. 4, 1, 2, 1621, oder die stellung des ge- wird unsicher: mhd. geunêret neben ungeêret, geunminnet neben ungeminnet; ungeabtruckt = unabgetruckt Mynsinger 39, th. 4, 1, 2, 1624; Adelungs versuch, auf grund einer erfolglosen unterscheidung (wb. 3, 220, ebenso Campe 5, 176b) die formen ungemiszhandelt, ungemiszbraucht u. s. w. zu gunsten der heute durchgedrungenen unmiszhandelt, unmiszbraucht u. s. w. durchzusetzen, ist mit recht miszlungen; zeitschr. f. d. wortf. 1, 316; Wilmanns gr. 3, 17. veraltet sind fügungen wie ungelügenstraffet, lasz in acht nicht ungenommen Luther bei Schottel 611. III@B@3@b@aα) auszerhalb syntactischer gruppen erscheint das appositive und absolute participium heute mehr in der kunst- und schriftsprache Wilmanns gr. 3, 1, 108; Delbrück vgl. syntax 2, 493; Erdmann-Mensing 2, 274. im mhd. gibt es viele solche un-comp., theils passivisch, theils activisch aufgefaszt: ungedanket, ungedienet, ungevrâget, unverschuldet, ungeredet, ungerëgenet, ungesprochen, ungespart, ungestriten, ungevohten, ungëʒʒen, ungetrunken u. s. w. die mundarten halten das fest und gestalten es noch lebendig aus, z. b. schweiz. unzenachtgessen, ungespannen, ungeblinzt, unverwenkt Staub-Tobler 1, 297. die ältere nhd. schriftsprache ist noch reicher daran als die neuere. Schottel 610 verzeichnet u. a. unbesessen, ungebüsset, unbeweigert, unberathet, ungebettelt, ungeherzt, ungekirnt, ungelenkt. heute gelten noch u. a. ungebeichtet, ungefrühstückt, ungespeist, ungegessen, ungetrunken, ungeletzt, ungearzt ( Campe), ungebürget, ungesucht, ungezwungen, unberührt, unbegehrt, unverdient, unverweilt, unverhohlen u. s. w. Paul mhd. gr. § 291; Grimm gr. 4, 74 ff. 1252 f.; Vernaleken 2, 511; Erdmann 1, 86; Wilmanns gr. 3, 1, 107. 113; Wunderlich 1, 126; nl. wb. 10, 872; mnl. wb. 5, 202. absolute constructionen wie mhd. und frühnhd. des rehtes unverzigen (unbenommen), ungewart (ungeletzt) irer eren, dein unvergessen, ungenetzt der taschen, ungehindert (ungeirret) ein ieglichen, der ungezelt (Grimm gr. 4, 1093) wirken nur wenig in der neueren sprache nach; z. b. mir unbewuszt 'me inscio', vgl. ihm unwissend und entsprechende constructionen der nord. sprachen bei Falk-Torp 2, 1320; unverletzt deines verstandes, seiner ungeachtet, einigen menschens unvermerkt, meist in veralteten verbindungen des 16. und 17. jhs. Schottel 611; Grimm 4, 1059; Erdmann-Mensing 2, 231; Vernaleken 2, 512. tritt das nomen in übereinstimmendem casus hinzu, so ähneln die verbindungen etwa dem lat. ablativus absolutus; aber die deutschen casus wechseln: got. unþvahanaim handum Marc. 7, 5; mnl. onghedweghenre hande; ahd. imo unwiʒʒentemo; mhd. unverdienter, unverschulter, unverclageter, ungewarnter, ungenôter, ungehôrter, unbesorgter dinge; unofgesageter lêhen; mnd. onentzegeder vede; nhd. unverwandtes (n) fuszes, blicks; vgl.auf unverwanten fusse Schottel 611; unbenommenen muthes, ungehörter sache; unversehrter bäume; unverrichteter dinge, sache (n); unverschuldeter sachen; mnd. ungeschaffeder saken; unbesonnener weise, auch mit unterdrückung des subst.; unverdienter maszen; älter: seine angelegenheiten unversäumet; den botten ungemeinet; den authoren unverglichen; iren herren unbegrüszt; dies unangesehen. allgemein gültige constructionen haben sich, abgesehen etwa von den heute adverbial aufgefaszten umschreibungen mit weise und maszen (Wilmanns gr. 2, § 458) nicht festgesetzt Grimm gr. 4, 1091 ff.; Vernaleken 2, 511 ff.; Wunderlich 1, 395. einige mit un- zusammengesetzte participia sind, wohl unter einflusz der kanzleisprache nahezu conjunctionen oder präpositionen geworden: unangesehen, unbeschadet, unerachtet, unerwogen, ungeachtet, ungehindert u. a. Grimm gr. 4, 1098; Vernaleken 2, 450. 511 ff.; Wilmanns gr. 2 § 444, 2; Paul mhd. gr. § 291 anm. 2. III@B@3@b@bβ) in verbalen verbindungen. die überwiegende zahl der in lebendiger rede auftretenden un-composita haftet in verbalen verbindungen. zunächst können die part. fast aller transitiven verba als prädicative attribute erscheinen; z. b.: eine königin, die ihre tage nicht ungenützt verbringt Schiller Maria Stuart 67; einen brief ungelesen zurückschicken; der hund läszt keinen unangebellt vorbei u. dgl., ohne dasz sich stets daraus die möglichkeit oder üblichkeit des un-compositums als nominalen attributes zu ergeben braucht. statt der unangebellte wird lieber der nicht angebellte gesagt. intransitiva sind nicht ausgeschlossen, z. b.: den strauch unabgeblüht ausgraben, die blumen unausgeblüht verwelken lassen, unverworren sein mit mnd. und Luther; ungeflogen, unvergessen bleiben Opitz; ungestorben bleiben Paul Fleming. die meisten composita mit unabge-, unange-, unausge- u. s. f. bleiben gelegenheitsbildungen ohne beglaubigung längeren lebens. ebenso im nl.; vgl. nl. wb. 10, 877. wird die fortdauer eines zustandes betont, so erweisen sich die un-comp. in verbindung mit verben wie sein, lassen, bleiben, bestehen, dauern, liegen, sich halten, zeigen, auftreten u. s. w. als ein vorzügliches ausdrucksmittel. gern wird, besonders bei sein, durch ein hinzugefügtes noch, heute noch, damals noch, bis jetzt, bisher, bis dahin u. dgl. die fortdauer des zustandes auf einen bestimmten zeitpunkt bezogen. der tempuscharakter bleibt theils erhalten, z. b. in unausgeblüht, theils schwindet er, besonders in engeren verbindungen wie ungesungen, ungeflucht sein Staub-Tobler 1, 297. III@B@3@b@gγ) einen schritt weiter in der entwicklung des nominalen charakters bezeichnen die eigentlichen participialadjectiva. sie lassen sich aus der verbalen verbindung lösen und zu selbständigen attributen machen. ein kennzeichen der entwicklung ist es, dasz präpositionale bestimmungen, die in den verbalen verbindungen heimisch sind, nun in wegfall kommen. auch steigerungsformen setzen schon ein. z. b.: der unvoreingenommene besucher, der unabgeschreckte jüngling Lessing; Grimms bildungen: undargestellt, uneingesehen, unerleuchtete neuerungen, ungemachte beute, unüberzeugt, unzugedeckt Andresen 128. III@B@3@b@dδ) der isolierungsprocesz findet in der ausbildung des völlig nominalen adjectivums seinen abschlusz. der tempuscharakter kommt nicht in frage, steigerung wird regel. häufig begünstigte der untergang des participiums das durchdringen des adj., wie in unbefangen, unbewuszt unerfahren, unverwandt 'non cognatus'; nominales ungestalt, unumwunden, úngeschickt, únbedacht, úngelernt u. s. w. steht neben verbalem ungestellt, unumgewunden ungeschickt, unbedácht, ungelérnt u. s. w. es fördert die isolierung, wenn das simplex nur in anderer function fortbesteht; vgl. unbeholfen neben beholfen sein, beholfenheit, unbekümmert neben bekümmert u. s. f. der isolierungsvorgang findet auch darin seinen ausdruck, dasz sich das un-comp. steigern läszt, nicht aber das simplex; z. b. die ungeahntesten prägungen Kühnemann Schiller (1905) 403; aber nicht die geahntesten. erst durch die zusammensetzung erhalten nach heutigem sprachgefühl adjectivischen charakter z. b. unausgesetzt, unbescholten, unentwegt, unerhört, unerschrocken, ungehalten, ungehobelt, ungemessen, ungesäumt, ungeschliffen, ungezogen, unumwunden, unverfroren, unverhofft, unverrückt, unversehen, unverwandt Paul wb. 580a f. meist verharren die participialen un-comp. mit vorliebe auf einer oder der andern stufe der adjectivierung; seltener lassen sich an demselben wort alle formen dieser entwicklung verfolgen, z. b. bei unberührt, das rein verbales participium mit tempusunterscheidung sein kann, in mannigfachen verbalen verbindungen erscheint, als eigentliches participialadjectivum, als reines (auch activisches) adjectivum, als adverbium und substantiviert gebraucht werden kann (s. d. w.). III@B@3@b@eε) substantivierung der aus part. entstandenen adj. erfolgt ebenso leicht wie bei den andern adj. III@B@3@b@zζ) eigennamen reichen von alter zeit bis in die neueste: Ungemalno 'Ungemahlen' 1294 Socin 445; Ungenant Grimm gr. 2, 770; Peter Unverdorben Uhland volksl. 126; meister Ungeschickt Grillparzer. III@B@44. adverbia. Adelung führt nur vier gebräuchliche adv., die nicht zugleich adj. sind, an und erklärt, dasz ihre zahl nicht willkürlich vermehrt werden dürfe wb. 4, 826 f.; doch früh schon drang die privative silbe tief und wirksam in fast alle adverbialen formen der sprache ein. neben adjectivischen adverbien auf ba, wie got. unfairinodaba, stehen adverbia auf o und i, wie got. unweniggo, ahd. unemizigi, unzählige meist spätere auf ig, isch, lich, bar, haft, sam; isoliertere bildungen, wie ahd. unforawîsingûn 'fortuito', mhd. unwol, ungerne, unlange, nhd. unselten, nl. onver; casusformen der verschiedensten art, wie die genitive ahd. unaruntes Graff 1, 429, unarsuohtes, undanches, mhd. undurftes, unendes, ungevertes, ungewaltes, unheiles, unholdes, unlanges, unmuotes, unveiles, nhd. unanders, undings, mnd. unvorwândes, unvorwardes; dative, wie ahd. unzîtim 'intempestive', mhd. undurften, unschulden, unmâʒen; ahd. unforn, unlengerun; accusative, wie mhd. unvil, unnâ, sînen unwillen; präpositionale verbindungen, wie von unlangen, über unlang, für unbetrogen, für ungelogen, für ungut, unvorhanden, zu meinem unbesten, im unklaren; participialadverbia, wie ahd. unpilipono, mhd. nhd. unbesêndes, unversehens, unvergebenes, mnd. unvorwândes, ahd. unfarholano, unfarstolano, mhd. nhd. unangesehen, unerwant, ungeachtet, unbeschadet, unverdâhtes, unverschämt, unverschult, unerkannt 'sehr, in hohem grade' Staub-Tobler 3, 370 (wie in manchen schon angeführten fällen ist in neuerer sprache die hauptmasse der adverbialformen mit dem adj. zusammengefallen); und substantivische umschreibungen, wie zunmâʒer wîse, unglücklicherweise, unbesonnenerweise u. s. f., in denen sogar weise dann auch ganz fehlen kann Grimm gr. 3, 128; zeitschr. f. d. wortf. 1, 269, unverdientermaszen, unverdienter dinge Grimm gr. 4, 1091. unlängst ist aus unlanges mit epithetischem t durch anlehnung an den superlativ entstellt Wilmanns gr. 2, 439 ff. III@B@55. un- in verbindung mit verben. das eigentliche gebiet für die wirksamkeit der privativen silbe ist die nominalcomposition. wo un- mit starken verben zusammengesetzt erscheint, liegen grenzüberschreitungen (s. u.c) oder unorganische bildungen der geschäfts- und kanzleisprache (s. u.b) vor. die übrigen zahlreichen bis heute lebendigen und lebenskräftigen verbalen un-compositionen sind von nominalen un-compositis abgeleitet und folgen der schwachen declination. Grimm gr. 2, 770 f.; Wilmanns gr. 2, § 418 anm. III@B@5@aa) vom nomen abgeleitete verbalcomposita. III@B@5@a@aα) während in der schriftsprache diese comp. nur noch mit vorsetzung einer partikel auftreten, bildeten die älteren sprachperioden, wie es die mundarten vermögen, auch ohne partikel, allein mit un- das neue wort. g. unsweran zu unswers; ahd. unplîdên zu unplîdi; mhd. unmæren zu unmære; schweizerisch unfläten, unflätelen von unflat, unnamen von unname Staub-Tobler 1, 1226. 4, 724; schwäbisch unsinnen, unsinneln von unsinn Campe verd. wb. (1813) 516b. das ältere nhd. führt noch einige bildungen dieser art fort, z. b. undäuen, unkochen. neubildungen, wie unvernunften für déraisonner Heynatz 2, 539; Campe verd. wb. 516a haben sich nicht durchgesetzt. III@B@5@a@bβ) von partikeln, die in der wortbildung vor der privativen silbe gebraucht sind, kommen heute nur ge, be, ver in betracht, früher auch ar, er: ahd. arunmahtan, erunmahtên, arunkanzen, arunwerdan Graff 1, 308; ga in wechselnder stellung: kaunmagan, unkamagan Graff a. a. o.; mhd. geunêren, geunmæren, geunschuldigen, geunsinnen, geunsüeʒen; frühnhd. geunbilligen th. 4, 1, 3, 4637; geunwillt Sanders 2, 2, 1607b. be: ahd. beunwerdên, piunsuparan Graff 1, 309; mhd. beunsûberen; nhd. beunehren, beunfruchtbaren, beunruhigen, beunseligen th. 1, 1748. zahlreich und noch in der gegenwart vermehrungsfähig sind die mit ver zusammengesetzten verba: ahd. veruntriuwan Graff a. a. o.; mhd. verunglimpfen, verungelten, verungenædigen, verungenôʒen, verungenôʒsamen, verunliumunden, verunnamen, verunrehten, verunreinen, verunreinigen, verunruochen, verunsælen, veruntriuwen, verunvlætigen, verunwæhen, verunwerden; nhd. verundeutschen, verunedeln, verunehren, verunreinigen, verunflätigen, verunfrieden, verunglaubigen, verunglimpfen, verunglücken, verungnaden, verungültigen, verunheiligen, verunrathen, verunrechten, verunreinigen, verunrichtigen, verunruhigen, verunsäubern, verunsichern, verunsichtbaren, verunstalten, verunsterblichen, veruntiefen, veruntreuen, verunwilligen, verunwirschen, verunwürdigen, verunzieren. Dilthey wagt verunklärt. von mundartlichen vgl. z. b. die schwäbischen composita bei Fischer 2, 1395 ff. III@B@5@bb) mit unorganischem un = ohne sind einige heute wieder veraltete geschäfts- und kanzleiwörter gebildet: unermangeln, unverfangen, unverhalten (s. d. w.). III@B@5@cc) grenzüberschreitungen finden sich schon in der älteren sprache, wie das formelhafte, aber doch wohl organisch gebildete adv. mnd. untovaren Schiller-Lübben 5, 83b; vgl.to varende 5, 202b. ohne nachfolge sind die nl. bildungen onachten, onbedriegen, onkennen (wb. der nl. taal 10, 873) geblieben. der junge Herder versucht gelegentlich (1770) unzubeugen die wolkenschlacht. o wirst du wenn im segen niedersteigen und fruchtbarkeit zergehn? 29, 331 und Göthe unzuthun II 49, 1, 194 Weim.; Bohner § 22; s. u. J. Grimm (Andresen 127) scheut nicht: dasz die orthographie ungenüge. sich unvermischende buchstaben. das was sie ererbt oder unverlernt haben. III@B@66) univerbierung verschiedener wortclassen durch das präfix. die kraft des präfixes reicht aus, um wortgebilde zu schaffen, in denen verschiedene wortgattungen, ja ganze syntaktische gruppen zu einem mehr oder weniger einheitlichen begriff verschmolzen werden. got. unhanduwaurhts; ahd. ungalîhherzî; mhd. ungeoffenbârekeit; nhd. unanländestrand. weiter gehen die mundarten, indem ohne concurriert. 'impransus' unzimbiss geessen, 'incoenatus' unzenacht gässen Staub-Tobler 1, 297; unherzangerührt 6, 1263; vgl. den eigennamen Untâtvertrîp Socin 457. III@CC) un- in der wortmitte. setzt sich ein un-compositum weiter mit subst. zusammen, so steht im allgemeinen un mitten im wort Grimm gr. 2, 989 f. es kommen da durchweg neuere und neueste bildungen in betracht, wie ortsunkundig, wegunkundig, gebrauchsunfertig, gebrauchsunfähig, bewegungsunfähig, concurrenzunfähig, kritikunfähige jugend (Münchener allg. zeitg. 114, 580), lebensunfähig, successionsunfähig, zahlungsunfähig, beschluszunfähig, sprachunfähig, widerstandsunfähig, webunfähige spinne, farbenunbestimmt, mordsungern, wunderunlieb neben ahd. boreunchunt, altn. allókátr, mhd. tôtunrein. nach analogie dieses verfahrens schreibt Hans v. Bülow: denken sie einmal darüber nach, wie die sache anständig und doch möglichst kostunspielig hergestellt werden kann briefe und schr. 5, 480; dabei wirkte einerseits die unmöglichkeit mit, unkosten als verneinten begriff zu gebrauchen, andrerseits das gefühl, dasz in spielig das eigentlich der negierung mit un fähige adj. spildec (s. th. 5, 1880; Kluge7 260; Weigand 1 5, 1128; Falk-Torp 2, 1121) enthalten ist. J. Grimm gr. 2, 990 bezeichnet ungottesfurcht als falsch gebildet und verlangt gottesunfurcht. aber das adj. ungottesfürchtig ist öfter bezeugt (s. u.), ungottesfürchtigkeit verzeichnet Campe (s. u.). verschmelzen im sprachgefühl die compositionsglieder zu einem begriff, dann tritt un auch an die spitze: unlebensfähig, unschreiblustig, unzahlungsfähig. so erklärt sich das von Heynatz antib. 2, 540 getadelte unvonnöthen und unvorhanden Grimm gr. 2, 937. III@DD) wenn die zusammensetzung neben un- noch ein zweites privatives präfix enthält, so hebt meistens die eine negation die andere auf, um eine bejahung zu erzeugen Schottel 776. seltener ist die pleonastische oder intensive verwendung des un- bei negativem suffix. der erste fall liegt z. b. bei unmiszverständlich 'sehr klar, deutlich', unabergläubisch 'frei von allem aberglauben' vor, der zweite bei compos. mit los, wie mhd. unruochelôsikeit, nhd. unsorglos = sorglos Weinhold mhd. gr. 278; Grimm gr. 2, 555 f.; Roethe zu Reinmar von Zweter 123, 12; Staub-Tobler 3, 1427 ff. in andern mit doppeltem un- ausgestatteten wortgebilden ordnet sich das zweite mit dem stammwort verschmolzene präfix dem ersten fast bedeutungslos unter, z. b. in unverungeltet 'unbesteuert mit dem sog. ungelt'. III@EE) un- als stammsilbe für ableitungen. vereinzelte kühnheit bleibt es, wenn Karl Chr. Fr. Krause würde der deutschen sprache 17 un mit der ableitungssilbe ling zusammenschweiszt. unling 'sprachliches unding' zeitschr. f. d. wortf. 2, 188; 4, 167. 205; vgl. uning 'uneinigkeit' Staub-Tobler 1, 299 und oben II. IVIV. bedeutung. in der bedeutungsentwicklung hat man von den negationen auszugehen, die logischen ableitungen Höfers Germ. 14, 201 sind durch einblick in die geschichtliche entwicklung zu ersetzen. diese hat für eine der germ. sprachen, das nl. Verwijs (nl. wb. 10, 875) festzulegen versucht: aber, irregeleitet durch eine theorie der grundsätzlich ständigen abschwächung von ton und bedeutung, ohne glück; muszte er doch dieser theorie zufolge die älteste verbindung, die participiale, zu der jüngsten machen. an das participium hat sich, wie Delbrück vgl. syntax 2 § 175 gezeigt, die negation zuerst geheftet, am participium wurde die ursprüngliche satznegation zur wortnegation, nachdem sie durch univerbierung mit der nominalform des verbums zur begriffseinheit mit dem neuen wort gelangt war, wobei sich sinn und function der wortnegation in die der späteren privativen silbe verwandelte. vom part. dehnte sich die verbindung auf die nächstverwandten participialadjectiva und adjectiva aus. schon im uridg. konnten die -to-verbaladjective nicht mehr nur den zustand, sondern auch eine eigenschaft, die möglichkeit und fähigkeit bezeichnen; ájitas 'unverwelklich', ἄλυτος 'unlöslich', invictus 'unbesiegbar, sieghaft' Brugmann kurze gr. 317 f. § 387, 5. die improbative bedeutung der privativen silbe, schon im sanskrit vorhanden (vgl. ávasā 'schlechte kuh' oben sp. 10), konnte sich besonders bei substantiven, deren häufigere verbindung mit un- erst innerhalb des germanischen erfolgte, recht entfalten, nicht ohne einflusz des germ. lebensernstes und der germ. neigung zu sittlichen werthurtheilen, nicht ohne einflusz der thatsache, dasz die Germanen in berührung mit fremder cultur zu einer umwerthung alter werthe gelangten. so war allmählich das weite gebiet der hauptsächlich durch un- gebildeten sprachlichen übergangs- und zwischenbegriffe gewonnen zur bezeichnung von nicht eindeutigen eigenschaften, von jenen mittelzuständen, die J. Grimm gr. 3, 684 mit den dämmerungserscheinungen zwischen tag und nacht vergleicht. in ununterbrochener wechselwirkung von bloszer verneinung und erzeugung positiver gegensätze, von steigerung und abschwächung, von schärfung und milderung des urtheils, im engsten anschlusz an welt- und zeitanschauung beginnt auch im sprachleben der un-comp. sich eine nationale ethik zu äuszern. so weit die gemeingermanische entwicklung. alle gemeingermanischen adjectiva und participia haben nur negative bedeutung Falk-Torp 2, 1320. auf dieser stufe ist das nl. stehen geblieben, ja es hat sogar in der fähigkeit, die improbative bedeutung auszuprägen, verluste erlitten. das deutsche fügt eine abgeschwächte tautologische oder expletive und eine steigernde augmentative oder intensive bedeutung hinzu. da diese bedeutungen schon in mhd. litteratursprache, ja theilweise schon im ahd. auftreten, musz ihre ausbildung in der lebendigen sprache des volkes schon früh erfolgt sein. in reichen mundarten, wie der schweizerischen Staub-Tobler 1, 297 f., ist die ganze bedeutungsentwicklung lückenlos vertreten; untür kann 'werthlos, ungeschlacht, stark, unempfindlich, wild, gespensterhaft, über die maszen theuer' bedeuten. ob auch im deutschen mit einer im laufe der sprachentwicklung eingetretenen allgemeinen schwächung von ton und bedeutung zu rechnen ist, wie sie Verwijs nl. wb. 10, 875 für das nl. (schwerlich mit recht) annimmt, bleibt zweifelhaft. die bedeutungsentwicklung beweist hier nicht; es hat nicht nur abschwächung stattgefunden (z. b. mhd. ungemach, nhd. ungemach; unschône, unschön; unbescheiden u. s. w.), sondern auch steigerung (z. b. in ahd. unzuht, nhd. unzucht; ahd. untât 'macula' und nhd. unthat; mhd. unwiʒʒende, nhd. unwissend Grimm gramm. 2, 771). diese sprachlichen veränderungen scheinen sich auszerhalb des präfixes im wortkörper vollzogen zu haben. die gewichtsvertheilung in umfangreicheren worten hat Verwijs nicht beachtet. im gegensatz zu den concurrierenden partikeln in, ur, â, misz, zur, ab, aber, wider, ent, gegen, ver, bei, zu (s. oben I), die von wesentlich örtlich-sinnlicher bedeutung ausgehen, bezeichnet das der negation entsprossene un- hauptsächlich ein logisches, unsinnlich-formales verhältnisz. näher steht nicht, non und vielleicht wan (s. oben sp. 5). für die synonyme unterscheidung der einzelnen concurrenzen lassen sich keine allgemeinen regeln aufstellen, den unterschied berücksichtigen die einzelnen artikel. die älteste eingehende semasiologische betrachtung über un- stellt in einem abschnitt über die richter Hugo von Trimberg an: ein wîser man sprach: lieber sun, ein lasterblech daʒ heiʒet un, daʒ durch tiutschiu lant nu gêt und vorn an manigen worten stêt, der lop eʒ nidert unde swachet und eʒ gar ze nihte machet. des hân ich leider vil geziuge, die mir gestênt daʒ ich niht liuge: »unsêlic, unsinnic, unstête, unreine, unedel, unertic und ungemeine, ungeduldic, unordenlich, ungehôrsam, unhöfelich, unbillich, unzimlich, unmenschlich, unkristenlich, unversunnen, unêrlich, unveterlich, unmüeterlich, unswesterlich, unbrüederlich, unfriuntlich, ungeselleclich, untugentlich, unendelich, unflêtic, unkiusche, unlüstic, unheimlich, ungetriuwe, unküstic, unwert, ungewis und ungelêrt, ungelöubic und unbekêrt, unbescheiden, unredelich, unwillic, ungenêdic, unfridelich.« noch vindet man der worte vil, der ich doch niht mêr schrîben wil. alein nu klebe diz lasterblech an manigen worten als warmeʒ bech, doch ist ein gelt, ungelt genant, daʒ verre und nâhen leider ist bekant, von sînem unrehte und grôʒer untât renner 9199 ff. Ehrismann. ebenso unbestimmt lauten die zeugnisse der älteren grammatiker und lexicographen. z. b. 'vn- est inseparabilis praepositio vel steriticia syllaba, ein raubents, nemendts wörtlein, welches dem wort, dem es zugesetzt, seine krafft vnd deutung nimpt vnd verkert' Laurentius Albertus deutsche gr. 123. 'un vox compositionis, quae plerumque latinorum praepositionem in quoad significationem et hac ratione contrarium rei exprimit' Steinbach 2, 897. reicher und eindringender hat zuerst Wachter in den prolegomena seines gloss. germ. sectio V die bedeutungen zu bestimmen versucht, freilich ohne scheidung von zufälligem und wesentlichem: 'un particula latissime regnans ... praefigitur substantivis et adjectivis. in illis varium admittit significatum, in his unum tantum; ... substantivis präfixum significat defectum ... excessum ... vim habet negandi ... significat pravitatem naturae ... vitium in agendo (unthat), sensum intendit; adjectivis präfixum semper negandi vim habet.' meist begnügt man sich mit der erfassung der privativen bedeutung. 'un ... ist eine praepositio inseparabilis, welche das gegenspiel der bedeutung des wortes andeutet und den mangel daran' Frisch (1741) 2, 403b; 'un eine verneinende anfangssylbe' H. Braun dtsch. orthogr. gramm. wb. 270a; 'was ihre (der partikel un) bedeutung betrifft, so ist sie sehr einfach, indem sie eine verneinende kraft hat und eigentlich die abwesenheit desjenigen begriffes bezeichnet, welchen das wort, mit welchem sie zusammengesetzt ist, ausdrückt' Adelung 4, 826; doch berücksichtigt er auch die gewinnung des positiven gegentheils, das improbative und intensive un. Campe 5, 117a schreibt Adelung aus. Heynatz betont die dehnbarkeit des begriffes: 'dieses wort (un) zeigt in der zusammensetzung nicht immer den gegensatz von dem einfachen worte, sondern oft nur eine ansehnliche veränderung an' antib. 2, 509. J. Grimm mahnt mit recht, 'jedes solche wort aus seiner zeit und aus seinem ort zu beurtheilen' gr. 2, 771. die erste strenge bedeutungsentwicklung gab Höfer Germania 14, 201 ff.: er construiert den hergang so, dasz er un- entweder den ganzen begriff (1) oder damit verbundene nebenbegriffe des brauchbaren, nützlichen, guten (2a), gewöhnlichen, herkömmlichen, regelmäszigen (2b) negieren läszt. damit gewinnt er richtig das improbative un- (aus 2a), gekünstelt das augmentative (aus 2b) und ohne jede innere begründung das tautologische un-. enger gestaltet sich bei beschränkterem stoff die entwicklung, wie sie Verwijs für das nl. (wb. 10, 874 ff.) umschrieben hat. handelt es sich hier im wesentlichen auch nur um die negative und die improbative bedeutung, so wird doch der übergang der einen in die andere (wb. 10, 876) sprachpsychologisch überzeugender als bei Höfer aufgewiesen. am anschaulichsten ist die bedeutungsgeschichte bei Staub-Tobler 1, 297 f. zu verfolgen. die fruchtbarkeit monographischer behandlung zeigten an Göthes gebrauch Lehmann, Boucke und Bohner. un- hat im wesentlichen vier bedeutungen, die negative, die improbative, die expletive und die augmentative; die ersten beiden werden auch als privativ bezeichnet, die letzten sind deren umkehrung. IV@AA) verneinendes un-. IV@A@11) in der ursprünglichen, ältesten verbindung, der mit den nominalformen des verbums, hat die privative silbe einfach verneinende, den begriff aufhebende bedeutung. sie steht in diesem falle der satznegation noch sehr nahe und kreuzt ihre wege wieder mit denen der neu gebildeten satznegation nicht: g. unbeistjoþs 'ungesäuert', unbimaitans 'unbeschnitten', unsaiƕands 'nicht sehend'; ahd. ungidân, unfarholan, unforahtenti; mhd. ungesungen, ungetihtet, unsprechende; nhd. ungethan bleiben; ungesattelt, unbedeckt; unverrechnete zinsen, wofür Schottel 778 nicht verrechnete sagt; ungefrühstückt, ungegessen und ungetrunken fortgehen; mir unbewuszt 'me inscio'; unwissend, wer er sei = 'da er nicht wuszte'; schweiz. ungeregnet, ungesegnet, ungebetet, unbereit, ungeblinzt; ein vexierbescheid lautet: was machst? — öppis ung'machts. was luegist? — öppis ung'luegets. was lachist? — öppis ung'lachets Staub-Tobler 1, 297. in solchen fällen sind die satznegation oder ohne zu ungefähr gleichwerthig. auch in den mit un- verbundenen eigentlichen verbalformen (oben III B 5 c) vertritt un als einfache verneinung das nicht: ungenügen, unverlernt, unzuthun. ebenso ursprünglich bei adjectiven: g. unhrains; ahd. unkund; mhd. ungar; nhd. uneins, undeutsch, unecht. Notker übersetzt: under ganzemo unde unganzemo, unebenemo unde ebenemo, fone unsuozemo wirt suoze, fone unhertemo wirt herte, fone unswarzemo wirdet swarz. bei fremdwörtern ist das präfix noch lose vorgeschoben und geht über die einfache aufhebende verneinung des begriffes kaum hinaus: unlitterarisch, unreell, unconsequent. sonst entsteht beim adjectivum durch wort- und begriffseinheit früh etwas neues, indem bei eigenschaften mindestens gradunterschiede vordrängen. wenn nhd. das unschöne auch im einfachen gegensatze der wissenschaftlichen erörterung das nichtschöne sein kann, so bezeichnet es ästhetisch seinen begriff schon mit ausschlusz des häszlichen. es kann etwas geradezu unschön und doch anziehend, lebendig, charakteristisch sein; es fehlt ihm nur die einheit des wirklich schönen. nicht unschön zielt auf diesen positiven inhalt, an den die moralische und conventionelle bedeutung anknüpfen konnte (siehe 2). substantiva mit ausschlieszlich verneinender privativer silbe sind, wenn auch sehr alt, doch nicht häufig: ádēva 'nichtgott'; g. unþiuda; ahd. ununtarscidunga; mhd. unkochen; nhd. ungeist: bildungen, die meist nur gelegentliche verbindung eingegangen sind, ohne zu dauern (s. III A 1). im übrigen begnügt man sich bei derartigen, oft absichtsvollen bildungen mit der satznegation nicht und grenzt sie gegen die un-composita bedeutungsvoll ab Heyne 2, 990. wenn Göthe sich in der bekannten briefstelle (th. 7, 712) einen nichtchristen nennt, aber die bezeichnung eines unchristen ablehnt, so schlieszt er sich nur aus der gemeinschaft eines historisch-engen, veräuszerlichten, landläufigen kirchenchristenthums aus, ohne sein inneres verhältnis zu den höchsten christlichen idealen zu verleugnen; vgl. 25, 210 Weim.; zu Eckermann am 11. märz 1832. ein andermal 29, 67 Weim. sind ihm unchristen die Türken; der gebrauch deckt sich hier mit dem nl. (nl. wb. 10, 874; s.b). 'es wird das zuwort nicht unterweilen sehr füglich gebraucht an statt des verneinenden vorwortes un, also dasz es gleichsam ein verdoppeltes, und das nicht mit einem mittelstriche angehänget werde ... adverbium nicht eleganter fungi potest officio negantis praepositionis in multis vocabulis, ubi negans illa praepositio un est inusitata et tunc particula nicht lineola annectitur suo nomini aut verbo et est nervosae significationis' Schottel 777. hart an der grenze eines neuen begriffes liegen: unbildung, unduldung u. a.; sie können auszer dem mangel an bildung, duldung auch deren gegentheil barbarei, pfafferei bezeichnen; vgl. unart, unbau u. dgl. IV@A@22) mit der einfachen verneinung kann sowohl das wirkliche gegentheil bezeichnet, als auch ein neuer begriff mit positivem und specifischem bedeutungsinhalt gewonnen werden. durch isolierende verengung wird ungerade ein mathematischer, ungläubig ein theologischer, unsterblich ein metaphysischer, unendlich ein critischer oder musicalischer, unciceronisch ein philologischer u. s. w. begriff; nl. ondicht ist prosa. das vorhandensein des begrifflichen gegentheils als simplex ist dabei nicht erforderlich; z. b. gibt es im sinne Richard Wagners eine unendliche melodie, ihr gegentheil ist nicht die endliche; ungereimt 'ineptus' ist nicht das gegentheil von gereimt. begriffe wie unschön, undeutsch, mnd. undudesch, unecht können durch übertragung und bedeutungserweiterung in neuem sinne gebraucht werden. es kommt hier darauf an, ob das simplex begrifflich bestimmte eigenschaften hat, die als gegentheil zum bewusztsein gebracht werden können: undeutsches, unechtes empfinden, unschöne handlungsweise. die meisten un-comp. gehen über den bedeutungsumfang der ursprünglichen stammwörter hinaus: unwissend, unvermögend, unberufen, unehrenhaft, unehre, unglück, untugend, unschuld, unheil u. s. w. der abstand des simplex von seinem comp. kann durch abweichende syntaktische function sich vergröszern. vergeszlich ist activisch, unvergeszlich passivisch; untröstlich subjectiv, tröstlich objectiv; unverderblich medial, verderblich activisch; fehlbar von personen gebraucht, unfehlbar 'sine dubio' und von sachen. über wechselwirkung von bedeutung, wortbildung und betonung s. abschnitt V. IV@A@33) die litotes (im weiteren sinne) nimmt ihren ausgangspunkt ebenfalls von dem einfach verneinenden un-. vgl. th. 7, 708 f. im allgemeinen Grimm gr. 3, 701 ff.; Vernaleken 1, 301 ff. fürs nl. Verwijs 10, 873. handelt es sich nur um die objective bezeichnung eines zustandes, einer thatsache u. s. f., so kann von litotes als enthymematischer redefigur eigentlich nicht die rede sein; z. b. ungilonot ni bileip Otfried Sal. 20; niht ungidanes ni bileip 2, 2, 6; vgl. ad Luitb. 93 ff.; ähnlich deutsche texte des ma. 14, 155, 792, 7 f. 803, 2 f., wo in beiden fällen kein = 'ullus' sein kann und un- keine steigernde positive bedeutung zu haben braucht; wir mugen ungetanzet niht sîn Berthold von Regensburg = 'wir wollen tanzen'; die thür darf nicht unverschlossen bleiben = 'musz verschlossen sein'; wir kommen nicht ungefrühstückt = 'wir kommen, nachdem wir gefrühstückt haben'. noch ferner stehen: nichts unwesentliches, d. h. 'alles wesentliche', nichts unreines, nichts unheimliches u. dgl. die wirkliche litotes läszt, besonders bei erfassung von eigenschaften, subjective grad-, werth-, gefühlsunterschiede einflieszen und schafft dazu neue abstufungen der bedeutung. sie scheint nicht ohne einwirkung des lateinischen erst in der neueren sprache festere formen angenommen zu haben. noch unbeholfen merkt Schottel 776 an: 'dasz man die deutung eines dinges könne etwas milteren oder linderen durch nicht oder etwa nicht: hinwider dasz man sie könne schärffen oder härter machen durch nichts. als wenn man sagt: dieses were etwa nicht unbillich, nicht untreulich gehandelt: solches klinget etwas gelinder als wenn man saget: dieses ist billich, treulich gehandelt. hinwieder ist es hart und scharf, wann man sagt: es ist nichts unbilliges, nichts untreuliches gehandelt worden. hieraus kunte er nicht ungegründet muhtmassen, ist etwas weniger als gründlich ... wil man aber die deutung gar hart machen, als denn geschiehet solches durch vorsetzung: gantz, durchaus, mit nichten. als: es ist mit nichten nichts unbilliges gehandelt worden. in lingua Germanica excusatius aut moderatius negat etwa nicht, fortius negat nichts, intensissime negat durchaus nicht, gantz nicht, gantz und gar nicht.' es werden also mittelbegriffe gewonnen, z. b.: nicht unlieb 'haud ingratum', nicht unbedenklich 'satis periculosum', eine nicht unbestrittene behauptung 'eine ziemlich, mit fug und recht bestrittene', nicht unrathsam 'haud scio an ex re sit' u. s. w., die ihrerseits wieder abgestuft werden können. 'der ausdruck nicht unbeschränkt kann nicht etwa dem beschränkt gleichgesetzt werden, sondern er bezeichnet eine mittelstufe, die wir noch verstärken durch nichts weniger als' Vernaleken 1, 301. verstärkungen wie keineswegs, keinesfalls, unter keinen umständen u. ä. dienen demselben zweck. vgl. präfixartige zusätze wie fast bei Göthe; Kühlewein 32. auch ironische und euphemistische färbung tritt auf; z. b. das ist nicht unschlau, kein unglück Heyne wb. 2, 989; sei kein unmensch, gesagt beim erbitten einer bloszen gefälligkeit; herr untier, herr unflat als euphemistische anrede für den wolf zeitschr. f. d. wortforsch. 10, 169. IV@BB) das improbative un-. unter den zu gebote stehenden bezeichnungen, z. b. verschlechternd, schwächend, mindernd, eine entartung anzeigend, tadelnd, miszbilligend, entstellend u. s. w., ist hier als die umfassendste die von Verwijs gebrauchte 'improbativ' gewählt. IV@B@11) die sprache schreitet weiter von der blosz formalen, abstracten verneinung zu einer inhaltlichen umgestaltung des begriffes fort. stellte das einfach verneinende un- den empirischen begriff in frage, so verneint das un- improbativum die idee, nicht den gegenstand, wie er ist, sondern wie er sein soll. nicht willkürlich erdachte oder empirische nebenbegriffe, wie Höfer Germania 14, 203 will, sondern der ideelle hauptbegriff steht in rede. so gelangt die partikel dazu, das abweichen von der rechten art und beschaffenheit, vom rechten wege, vom brauchbaren, nützlichen, guten, gewöhnlichen, herkömmlichen, regelmäszigen, hemmung, irrung, entstellung u. s. f. auszudrücken. durch anlehnung an stilistische verbindungen und volksetymologische umschreibungen ergibt sich auch bezeichnung des unnöthigen, unangenehmen, unheimlichen, unförmlichen, überwältigenden u. s. w. ein unmensch ist freilich ein mensch, aber ein solcher, dem alles abgeht, was den menschen zum menschen macht, edleres menschenthum, humanität. schon indogermanisch vorhanden, im deutschen reicher als in andern germ. sprachen entwickelt, ist diese bedeutung bis heute lebendig geblieben, am üppigsten natürlich in der mundart; z. b. im schweizerischen unmeinung 'schlechte meinung', untätli 'fehlerchen', unwörtli 'böses wort', diese drei nur in der litotes mit kein, unlei 'üble art', unmann 'ein grober mann', unarbeit 'niedrigster dienst', unsache 'schlimme sache', unheimetli 'armseliges bauerngut', unhalb 'unrechte seite', unhandel 'raufhandel', unbot 'zu niedriges angebot', unsamen 'verderblicher samen', unprobst 'ein zum fastnachtsscherz gewählter probst' u. s. w. Staub-Tobler 1, 297 f. IV@B@22) gesetzmäszigen übergang der negativen in die improbative bedeutung sehen wir noch täglich sich vollziehen. dieser weg ist kein weg lautet die bespöttelte warnungstafel am unweg, dem verbotenen wege; das ist kein benehmen, kein wetter, keine lösung der aufgabe, kein urtheil, keine sprache die umschreibung für 'unpassendes benehmen, scheuszliches wetter, unwetter, eine unmethodische oder falsche lösung, ein unannehmbares urtheil, eine in diesem falle unangebrachte art zu reden'. geradeso z. b. im lat. nullis maioribus ortus Horaz sat. 1, 6, 10; im nl. Verwijs 876; vgl. Behaghel die d. sprache (1907) 132. in demselben wort kann diese entwicklung stattfinden, z. b.: unart, unbau ist mangel an bestellung, bebauung, und dann schlechte, mangelhafte bestellung, bebauung. IV@B@33) weil hier subjective werthurtheile entscheiden, verwandeln sich im allgemeinen absolute begriffe gern in relative; wörter wie unart werden zum spiegel von culturzeitaltern. feinere bildung zieht den mittelbaren tadel oder die vorsichtige einschränkung dieser mit un- improbativum zusammengesetzten wörter der unmittelbaren, schärferen, uneingeschränkten miszbilligung vor: so ergibt sich der euphemistische zug dieser wortgruppe. unart konnte früher die schlimmsten laster bezeichnen, der euphemismus des 18. jh. hat dem ein ende gemacht; unartig ist ein harmloser tadel geworden. die bedeutung des präfixes sinkt vom absoluten 'nicht' herab zum relativen 'wenig, schwer, kaum'. das prägt sich in verbindung von gradanzeigenden adverbien und in steigerungsformen aus: ziemlich unbedenklich, recht unliebsam, ziemlich ungern, ein unbelehrenderer auszug 'der weniger belehrung spendet', eine unausdrückendere sprache Göthe. durch die erreichten abstufungen boten sich besonders der litotes die unbeschränktesten möglichkeiten, wie sie Göthes altersstil aufweist Bohner 149. IV@B@44) volksetymologische umdeutung des privativen in das improbative präfix liegt in ungeld (s. d.) vor. eigentlich 'indebitum', wird es durch die abneigung gegen die rein fiscalischen verbrauchssteuern in eine lästige abgabe umgedeutet. ähnlich wird oft un- augmentativum dem privativen präfix im reflectierenden sprachbewusztsein genähert, wenn z. b. unsumme als eine nicht leicht zu zahlende, unzahl, unmenge u. dgl. als eine nicht leicht zu zählende menge aufgefaszt werden. IV@CC) das expletive (pleonastische oder tautologische) un-. IV@C@11) das nebeneinanderbestehen zahlreicher wenig oder gar nicht unterschiedener formen mit und ohne un-, wie ahd. ungiwitiri neben giwitiri; mhd. unkunder neben kunder, ungesuht neben suht und gesühte; mnd. unstûr neben stûr, unnode neben node, unwan = wan; nhd. unwetter neben wetter, unbrut neben brut, unkosten neben kosten, unschätzbar neben schätzbar, unlast neben last, unwurm neben wurm, unverdrusz neben verdrusz, unsäuisch neben säuisch, unlag neben lag u. s. w., führte zu einer abschwächung der partikel, und zwar in dem sinne, dasz sie vielfach ihres specifischen und logischen charakters fast entkleidet, pleonastisch erschien, als ein bloszer 'den mund füllender tautologischer zusatz' Schmeller-Frommann 1, 97, ähnlich dem expletiven und, s. 4. dazu kam, dasz seit alter zeit un- in verbindung mit negativen begriffen auftrat, deren verneinung durch un- nicht aufgehoben erschien. so stand neben abgründlich ein unabgründlich; besonders wörter mit dem suffix -los, mochte es nun ursprünglich positiv gewesen sein oder nicht, erhielten noch das präfix der privativen silbe (unendelôs, unruochelôs, unruochelôsikeit, unsorglos, unzweifellos u. s. w. s. oben III D; Paul beitr. z. gesch. d. d. spr. 12, 555; th. 4, 2, 2457), wobei dann präfix und suffix sich aufheben mochten oder das schwerere suffix die vorsilbe zur bedeutungslosigkeit herabdrücken muszte. es wurde also überflüssig, pleonastisch. im griech. steht neben privativum ein collectivum, ἀθροιστικόν, und copulativum, undeutlich gemacht durch concurrenz des präf. sa (sam): ἄλοχος, ἄκοιτις, ἀδελφός, ἀγάλακτες, ἀκόλουθος, ἀτάλαντος Kühner-Blass 13, 2, 323 ff. IV@C@22) so hatte un- seinen werth als negation eingebüszt und konnte expletiv verwandt werden, nicht nur in den mundarten (z. b. untäppisch 'tölpelhaft', unabschichenlich 'abscheulich', untüfelig 'teufelsmäszig', unschlecht 'übel', unplump, unplümpsch 'plump', keinen unverdrusz haben 'sich nicht verdrieszen lassen', unübel 'übel', nicht unübel 'nicht übel', nichts für unübel nehmen 'nichts übel nehmen', nicht unwohl 'nicht wohl' Staub-Tobler 1, 298; Höfer 204; Unger-Khull 610), sondern auch in der schriftsprache, zum beispiel nicht unschwer 'leicht', nicht unweit 'procul', unzweifellos 'sine dubio', fast unausschlieszlich in den vorschriften für die manöver der bayrischen kavallerie 1888, nicht leicht unüberwindbare schwierigkeiten, zweifel an der unglaublichkeit zeitschr. für d. unterr. 7, 821 f., vgl. Paul principien 138 f. es liegt nicht immer eine von der sprachpädagogik zu bekämpfende verirrung, sondern auch eine, wie das steigernde un- zeigt, zielbewuszte, gesetzmäszige entwicklung vor. IV@C@33) ohne vollen logischen werth ist un- ferner in parallelen, überwiegend antithetischen zwillingsformeln verwendet, in denen ein positiver begriff mit seinem scheinbaren gegentheil in der art verbunden wird, dasz es auf gegensatz oder ausschlieszlichkeit gar nicht ankommt, sondern vielmehr durch das begriffspaar ein ganzer begriffskreis bezeichnet werden soll. wahrscheinlich liegen ursprüngliche rechtsformeln zu grunde, die den ganzen bereich eines begriffes ('alles' oder 'alle ohne ausnahme, in jeder beziehung, erscheinungsform, gestalt' u. dgl.) in einem beispiel erschöpfen wollen; aber die bezeichnung des ganzen durch das einzelne, des allgemeinen durch das besondere hat auch poetischen charakter. bedeutende schriftsteller geben dann diesen formeln oft stilistische prägung. so wird im afries. di berna ende di onberna Richthofen 1100a, im mnl. tale ende ontale Verdam 419a, mnl. wb. 5, 960, im mnd. plicht unde unplicht, recht unde unrecht, mhd. nhd. benantlich oder unbenantlich th. 1, 1465, benent oder unbenent, fundens und unfundens th. 3, 1645, Staub-Tobler 1, 847, gesucht oder ungesucht, gewunnen oder ungewunnen th. 4, 2, 4285, schult unde unschult, in wegen und unwegen, rede unde unrede, râm unde unrâm, mit gerichte und ungerichte verbunden; vgl. mnd. wb. 5, 14b; ern sagte es im danc noch undanc Iwein 5404; in volksmäsziger redeweise: der deibel nimmt die graden und die ungraden Raabe hungerpastor 47 u. o. ich habe ihnen artige und unartige dinge zu vertrauen Göthe IV 4, 250 Weim.; bestimmte und unbestimmte gegenstände 22, 68; gemeldet oder unangemeldet kommen IV 4, 7, 24; der fähige wie der unfähige ist gewonnen II 36, 266; über die deutsche sprache und den fug und unfug, den sie sich jetzt musz gefallen lassen II 41, 110. allmählich löst sich die formel ganz ins wortspiel auf, so bei Göthes beliebter antithese: arten und unarten, wesen und unwesen, vermögen und unvermögen u. s. w. Bohner 43. 132. 152. IV@C@44) in leichtunfertig Göthe Hans Wursts hochzeit 105 liegt wohl expletives un- = und vor. s. und. IV@C@55) umdeutung. wenn Wilhelm Raabe in den leuten aus dem walde Aurora Pogge den adoptivsohn Fiebigers als dessen unnatürlichen sohn (vgl. unnatürlich) bezeichnen läszt, so ist dieses un- ihrer halbmundart allerdings zunächst als un- expletivum gemeint, wirkt aber dadurch komisch, dasz es bei dem leser, der von der schriftsprache ausgeht, an das negative oder improbative un- anklingt. vgl. unachtlich. IV@DD) un- intensivum, in steigernder, verstärkender bedeutung. IV@D@11) wurde ein an sich negativer oder der negation verwandter begriff mit dem un- improbativum verbunden, so ergab sich leicht eine verstärkung des begriffs. der beharrungszustand des tautologischen un- (C 1) wurde im sprachgefühl mit vorliebe durch annahme einer steigerung ersetzt, so dasz manche der dort in betracht gekommenen wörter auch hierher gehören. ein unwetter wurde 'ein groszes wetter', ein ungewitter 'ein starkes gewitter', ein unwind 'ein gewaltiger wind', unkosten 'erhebliche kosten', ein unwurm auch 'ein riesiger wurm', ein unkerl 'ein prachtexemplar z. b. eines fisches, thieres' u. dgl. diese verstärkende bedeutung konnte in mhd. unendelôs, unruochelôsikeit eindringen. aber auch positive begriffe, wie sie sich mit un- expletivum verbunden hatten, konnten durch un- eine steigerung erfahren. da sich expletives un- gern mit emphatischen ausdrücken wie unverdrusz, unmenge, unmasse, unhaufe, unabgründlich, unschätzbar, unzweifellos, unausschlieszlich u. s. w. verband, heftete sich an das präfix auch die bedeutung des nachdrucks, der logischen wichtigkeit, in dem dabei volksetymologische ergänzung den negativen charakter der privativen silbe ausgiebig in anspruch nahm (s.B 4). dem un- intensivum steht ein griech. ἐπιτατικόν zur seite, dessen verhältnis zum privativum allerdings nicht eindeutig klar ist: ἀτενής 'intentus', ἄσκιος 'dicht beschattet', ἄξυλος 'holzreich', ἄβιος = πλούσιος, ἄπεδος 'eben', ἄβρομος 'sehr tönend', ἀχανής 'sehr gähnend', ἀσπερχές 'vehementer' Kühner-Blass 13, 2, 324. im lat. ist neben dem in privativum ein intensivum vorhanden, z. b. in impotens = 'vehemens, nimis potens' Forcellini (1831) 2, 477c f.; idg. forschungen 26, 53 f. auf intensive bedeutung von misz (miszlähme, schwed. missdre, missbrot), von lat. dis und male (male parvus, male dispar) hat bereits Adelung 3, 219 hingewiesen; viele steigernde adverbien (sehr, furchtbar, entsetzlich, grausam, arg, vgl. Weise mundarten 134), zahllose un - composita wie unerkannt, unendlich, unvergleichlich gehen von negativer grundanschauung aus. Behaghel die d. sprache (1907) 132; Weise mundarten 216. schweizerische mundarten verwenden das privative präfix als selbständiges wort (s. II) für 'vel maxime' und knüpfen ableitungen wie unig 'überaus grosz', undings adv. 'übermäszig, sehr' daran Staub-Tobler 1, 298; unmöglich 'sehr schön, vorzüglich gut' Autenrieth 144. IV@D@22) hauptsächlich die mundarten haben diese entwicklung folgerichtig vollzogen. un- bezeichnet oft zunächst ein äuszerliches übermasz, auch ohne üble nebenbedeutung, oft nur ungewöhnliche grösze von naturgegenständen, dann verstärkt es ebenso abstracte begriffe aller art. unmensch ist schweiz. ein ungewöhnlich groszer mensch, ähnlich unkue, unschaf, unrind, ohond, unthier, unnase, unmul, unstuck, unhuet; untiefi 'grosze tiefe', unlängi 'sehr lange zeit', unlast 'schwere sorge'; unschnee, unwind; ungrosz 'ungeheuer grosz'; unschön 'sehr schön' Staub-Tobler 1, 298; unhöh 'grosze höhe', unochse 'ein starker ochse', unkerl; steirisch: unhauf 'übergrosze menge' u. s. w. unhund, untüfel ist im schweiz. 'ein roher mensch', unirrung 'arge störung', untuss 'tücke', unanter 'spottwort'. bayrisch unbräfe 'ausnehmend gute beschaffenheit'; ungrosz, unlang, unreich, untieff 'sehr grosz' u. s. w.; badisch unschwer 'sehr schwer'; hessisch unbedeutend 'sehr bedeutend', unfalsch 'durchaus falsch'; hessisch und pfälzisch unbarbarisch 'ungeheuer'; oberhessisch ungeneussig 'gefräszig'; thüringisch unstormelich 'sehr stürmisch' (vgl. mnd.); nd. unbegerlich, unverlanglich 'unmäszig im begehren, zu viel verlangend', unströmig 'rasch', unniess 'unrecht', unwanbandig 'ungeheuer' u. s. f. die litteratur- und schriftsprache folgen in einigem abstande. mhd. unplozlich; Weinhold zieht auch ungelt, unkunder, ungesuht, unmeʒʒe hierher mhd. gr.2 290; mnd. unachtlich, unstormich, ungestormicheit, unwint; nhd. unlast, un masz, unmasse, unmenge, unsumme, untiefe, unthier, unzahl u. a. über contaminationen der bedeutungen s. B 4. IV@D@33) so ergibt sich für ein und dasselbe wort bisweilen doppelte bedeutung: untiefe ist 'seichte stelle' und 'grosze tiefe', unmasz 'mangel an masz' und 'überreiches masz', unmühe 'mangel an mühe' und 'übergrosze mühe' u. s. w. danach wechselt auch die betonung. VV. betonung. in der betonung der deutschen un - composita bethätigt sich lebendigstes sprachgefühl; wortclassen, bildungsgesetze, bedeutungsentwicklung, satzfunction, stellung, gefühlswerthe, emphase, rhythmus und viele andere gesichtspunkte werden da mit erstaunlicher sicherheit, meist unbewuszt, vom sprechenden beachtet oder unterschieden und veranlassen unzähliche feinheiten und schattierungen, die dem zu denken geben, der über mangel an nuancen in der deutschen sprache klagt. dasz die verhältnismäszig grosze freiheit und unfestigkeit des deutschen accentes auch mit dem vorhandensein einer betonten und einer unbetonten form der idgerm. privativen silbe zusammenhängt, ist nicht unmöglich Hirt der idg. accent 312 f. § 349; Wilmanns gr. 13, 447; Gebhardt zeitschr. f. d. mundarten 1907, 164; Axel Kock quell. u. forsch. 87, 235. die betonungserscheinungen sind früher wenig berücksichtigt. noch Adelung sagt nur: 'diese partikel hat in der zusammensetzung allemahl den ton' wb. 4, 828; Campe fügt hinzu: 'wenn der begriff, welchen es bezeichnet, herausgehoben werden soll' wb. 5, 117a. tonzeichen sind in den wb. meist unterlassen und erregen, wo der ton mehr construiert als objectiv beobachtet wird, oft bedenken. jedenfalls ist hier reines verstehen und treues nachfühlen, nicht vernünftelnde regelsucht am platze. vgl. Wilmanns gr. 13, 440. ahd. un - comp. hat Lachmann untersucht klein. schriften 1, 375 ff. 395 f. 398 ff., die mhd. Michels elementarbuch § 45. Paul stellt mhd. gr.8 13 anm. 6 fest, dasz un- im mhd. nach belieben betont oder unbetont gebraucht wird und hebt metrik § 52 hervor, dasz das schwanken in der betonung nicht nur metrisch, sondern auch sprachlich begründet sein musz. die nhd. betonung ist von Paul wb.2 580a eingehender berücksichtigt als bei Heyne 3, 1136 und Weigand-Hirt 2, 1111. gelegentlich haben u. a. August v. d. Hagens Germania 1, 163, Zelle ebd. 2, 151, J. Grimm gr. 1, 19 und Behaghel die d. sprache (1907) 197 f., gesch. der d. sprache3 § 110 ff. s. 106 ff., systematisch Wilmanns gr. 13, § 349. 353. 354. 357. 358, Minor nhd. metrik2 69 f., Hans Georg Meyer bildung und betonung zusammengesetzter wörter im deutschen (1911) 23 ff. den un-compositis beachtung geschenkt. wenn auch der übergang von *ne- zu *- in unbetonter stellung sich vollzogen haben musz, so ist doch später die privative silbe in uridg. zeit wahrscheinlich durchweg haupttonig gewesen Brugmann grundrisz 21, 116 (1906). im sanskrit betonen die composita das präfix, wenn ihr redetheilcharakter derselbe ist wie der des endgliedes Hirt § 349. im germanischen haben die nomina den hauptton auf der privativen silbe Wilmanns 13, § 352 f. 2 § 418, 1; Behaghel gesch. § 111. schwankend oder mindestens nicht sehr fest zeigt sich die betonung der zusammengesetzten adjectiva im alts., ahd. und mhd. Behaghel § 118; Wilmanns 13, 445; Michels 48 f. die möglichkeit, das präfix zu betonen, hat sich bei emphase und im gegensatz immer erhalten: es wird gesäet verweslich und wird auferstehen únverweslich, trotz unverwéslich; du erbittliches oder únerbittliches schicksal! Göthe 23, 149 Weim., trotz unerbíttlich Hans Georg Meyer 24. vgl. Behaghel § 123, 116. so besonders in den antithetischen zwillingsformeln. über abschwächung von ton und bedeutung s. IV. die allgemeinen hauptgesichtspunkte der nhd. betonungsweise sind für die gemeinsprache folgende. seine in der geschichtlichen entwicklung wurzelnde wahlverwandtschaft mit dem nomen beweist un- auch in der betonung, insofern es sich nomina im ton völlig unterordnen kann, während es formen gegenüber, die im sprachlichen bewusztsein mit recht oder unrecht ans verbum angelehnt werden, machtlos bleibt und ihnen ihren eigenton belassen musz; z. b. úngern, aber undénklich; únsichtbar, aber unsíchtbar 'nicht zu sichten'. im allgemeinen Paul principien2 205 f. 202 f. (der kürze wegen sei nun in diesem sinne von 'nominalem' und 'verbalem' betonungstypus die rede.) im adj. und part. treffen sich beide betonungsweisen und ergeben mannigfaltige mischung; z. b. folgen der analogie verbaler betonung: unentwégt, ungemeín, unmittelbár; ein noch únbestrafter angeklagter; der angeklagte ist noch unbestráft. der unterschied der betonung in attributiver und in prädicativer stellung erklärt sich meist daher, dasz in dieser ursprünglich verbale auffassung, in jener nominale wirksam ist; vgl. noch eine únverdiente auszeichnung, aber die auszeichnung scheint mir unverdíent; únberufenen ist der eintritt untersagt, aber unberúfen! im sinne der absoluten participialconstruction, 'ohne dasz ich es berufen will'. trotzdem die mundarten abweichen und hin und wieder falsche analogie diese typen durchbricht, können sie doch als regel gelten. mit un- comp. verba haben überhaupt keine besonderen betonungssysteme entwickelt, weil sich un- mit verben grundsätzlich nicht verbindet. die mit un- zusammengesetzten verba werden durch den ton des ableitungstypus bestimmt; z. b. verúnehren von únehre, beúnruhigen von únruhe. aus rhythmisch - mechanischen gründen findet sodann bei mehreren präfixen eine vertheilung des gewichtes statt, die einzelne silben gegeneinander abstuft, besonders um die gefahr der einförmigkeit bei vorherrschend absteigender betonung zu vermeiden Wilmanns 13, § 352. wird die privative silbe ihrer negativen kraft beraubt, so kann sie in verblaszter expletiver oder neu gewonnener augmentativer bedeutung zu formaler geltung herabsinken und mit dem nomen zu einem neuen positiven begriff zusammenschmelzen, der nun natürlich auch in der betonung sich den gesetzen der privativen silbe entzieht. z. b. ùnménge, ùnreích zeitschr. f. d. unterr. 17, 508; Hauschild die verstärkende zusammensetzung (1899) 2 f.; Behaghel § 112, 1. manche silben, besonders längerer wörter erhalten durch betonung gefühlswerth. man sagt: ein únverantwortlìcher leichtsinn!, während man von únveràntwortlìchen rathgebern redet. selbst mehrere haupttöne werden so möglich Behaghel die d. sprache (1907) 198; gesch. § 123; zeitschr. f. d. unterr. 17, 512. wenn un- nur die negation nicht vertritt, neigt es dazu, wie diese seinen ton einzubüszen: der zeitpunkt ist unábsehbar = nicht ábsehbar, nicht ábzusehen. s.unabsehbar. vgl.C. die alte satznegation *ne war ebenfalls unbetont Gebhardt zeitschr. f. d. mundarten 1907, 164. geräth das un-comp. häufig oder regelmäszig in den satz- oder periodenschlusz, so nimmt das wort auch auszerhalb dieser stellung wohl den typisch steigenden ton an. ich thue das ùnwillkǘrlich, aber únwillkǜrliche bewegungen Minor 95; Behaghel § 96. von der stärke des auf un- fallenden haupttones zeugen manche sprachliche erscheinungen. in der schweizerischen mundart kann der präfixton den folgenden wortkörper fast ganz verschlingen. z. b. sinkt in úngr 'ungern' das stammwort zum bloszen suffix herab und ergeben sich dann umgelautete steigerungsformen Staub-Tobler 1, 298. 2, 427. vielleicht ist so auch uren 'unrein' ebd. 1, 420. 6, 990 zu verstehen. der starke ton begünstigte die unterdrückung des vocals bei vorangehendem ge-, z. b. in formen wie gunêret Wilmanns gr. 13, 411, oder formen wie únglîch. in zusammensetzungen wie únfallversicherungsgesetz, únzuständigkeitsverfahren, wëroltúnstâti Wilmanns gr. 13, 441, bombenúnverschämtheit, heidenúnfug u. s. w. hält das präfix mühelos schweren wörtern das gleichgewicht. in der Nürnberger mundart ist un- fast immer träger des haupttones. 'wo die schriftsprache das 2. glied betont, gebraucht die ma. lieber umschreibungen, z. b. nitson soŋ 'nicht zum sagen' für unsaeglich; nìt tson háltn für unháltbar' Gebhardt gr. 323; zeitschr. f. d. mundarten 1907, 165. die mundarten, besonders die Süddeutschlands, entziehen sich mehr oder weniger den für die sprache der gebildeten geltenden gesichtspunkten. für das nürnbergische hat das Gebhardt gezeigt: der ton liegt hier auf dem präfix, wenn dieses zum eigenschaftswort sich verhält wie ein bestimmungswort zum grundwort, wenn also das ganze mit un- beginnende wortgebilde einen einheitlichen sinn hat (únerläszlich 'nothwendig', úngeleitet 'allein'); wird un blosz als verneinungswort gefühlt, so ist es wie mhd. en, ne, franz. ne unbetont; der mann aus dem volke sagt únmglich, únberèchenbàr zeitschr. f. d. ma. (1907) 164 ff. für fast jede mundart ist die untersuchung gesondert zu führen; unterschiede wie nl. óndicht und ondícht wb. 10, 1537 kennt die nhd. schriftsprache nicht, luxemburgisch wird z. b. ondíjen, ondújen wb. (1906) 314, kärntisch endónkst (undankes) betont. hier handelt es sich im wesentlichen um die gebildete rede und die schriftsprachlichen verhältnisse. bei ausdrücken der kanzleisprache und allen wörtern, die ein nur papierenes leben führen, hat die frage der betonung wenig oder gar keine bedeutung. rein metrisches scheidet ebenfalls aus. V@AA. zusammensetzungen mit wirklich verneinendem präfix. V@A@11) substantiva. V@A@1@aa) negierte substantiva haben regelmäszig den hauptton auf der ersten silbe: úndank, únfall, únglück, únrecht; únhallär (umb aín ungeráden únhallr Kaufringer 11, 502); úngeziefer; únangebrachtheit, únschicklichkeit, únzurechnungsfähigkeit u. s. w., wenn sie nicht von einem anders betonten adj. abgeleitet sind: unermészlichkeit, unstérblichkeit, unersaettlichkeit u. s. w. únumgänglichkeit ist von unumgaenglichkeit zu scheiden, dieses von unumgaenglich 'non vitabilis, necessarius', jenes von únumgänglich 'consuetudini non aptus, ab hominum consuetudine abhorrens'; únhaltbarkeit (únhaltbar) von unháltbarkeit (unháltbar); únsichtbarkeit (únsichtbar) von unsíchtbarkeit (unsíchtbar) u. s. f. August 163; Zelle 152; Minor 70; Wilmanns 13, 441. 446; Meyer 24. bei mehrsilbigen stammwörtern findet durch gewichtsvertheilung ein ausgleich zwischen hauptton und nebentönen statt: úngenùsz, únèhre, únèhrenhaftigkeìt, ùnabaenderlichkeìt, ùnausfǘhrbarkeìt, ùnmíttelbarkeìt. hier wie sonst kann vom versaccent der nebenton vor dem hauptton bevorzugt werden, ohne dasz die lebendige sprache davon berührt wird. V@A@1@bb) gegen die tyrannei der ableitungssilbe -ei, die immer den ton heischt, kann allerdings un- nicht aufkommen: mnd. unvlêderíe, nhd. unflätereí Wilmanns gr. 2 § 287; Minor 67. V@A@1@cc) tritt un- in die wortmitte, so entscheidet für die betonung die wortbildende function des vorhergehenden compositionsgliedes: besitzt dieses determinative kraft, um dem folgenden wort einen neuen begriff zu verleihen, so zieht es den hauptton auf sich und ordnet sich so den begriff des un-compositums unter; bezeichnet es nur einen grad oder die steigerung des im folgenden wort enthaltenen begriffs, so verliert das anfangswort den hauptton und hat sich seinerseits dem folgenden hauptbegriff unterzuordnen; daher wird betont: eísenbahnunglück, bóotsunfall, betríebsunsicherheit, kíndesundank, freúndesunbill, búbenungezogenheit, litteratúrunwesen, poebelunruhen u. s. f.; aber: heiden-, höllen-, riesenúnfug, hauptúnsinn, ein erzúngläubiger, erzúntugend, bombenúnverschämtheit u. s. f. man unterscheidet ein bómbenunglück (ein durch platzen einer bombe verursachtes unglück) von dem kraftwort bombenúnglück. in losen zusammenrückungen lockert sich auch das accentverhältnis etwas: wíderstandsunfähigkeit neben widerstandsúnfähigkeit, wobei wie in hálbunsinn das gegentheil zu stark empfunden wird und oft bewuszt verneint werden soll; ráthsunfähigkeit neben rathsúnfähigkeit Wilmanns 13, 441. 2 § 414. V@A@22) adjectiva. V@A@2@aa) die adjectiva und participialadjectiva haben, wie sie in der verbindung mit dem präfix un- allen andern wortgattungen vorangegangen sind, hauptsächlich den oben festgestellten unterschied nominaler und verbaler betonung ausgebildet. so ergibt sich mit nominaler betonung: únecht, únklug, únlieb, únrecht, únschön, únwirsch, únflätig; úngnädig, úngestüm, úngeschlacht, úngestalt; úngehorsam, úngenügsam, únduldsam; únaufmerksam, únbiegsam, únvortheilhaft; únfreundlich, únpäszlich, únbillig; únzweideutig, únebenbürtig, únzurechnungsfähig u. s. f.; andrerseits mit verbaler betonung: unsaeglich, unabséhlich, unerbíttlich, unersaettlich, unerfórschlich, unerschǘtterlich; unzaehlich, untádelich, unentgéltlich, unverzǘglich; unabaenderlich, unaufhoerlich, unaufloeslich; unabséhbar, undénkbar, unnáhbar, unleúgbar, unréttbar, unságbar, unberéchenbar, unübertrágbar, unverkénnbar, unwándelbar, unzerstoerbar; unaufháltsam, unbeúgsam, unrátsam u. s. w. viele wörter lassen sich schon etymologisch ebensogut auf einen nominal- als auf einen verbalstamm beziehen: unsäglich, unglimpflich, unlöblich, unglaublich u. a. Wilmanns gramm. 2 § 366. 1. 3; Osthoff das verbum in der nominalcomposition 116 ff.; Paul principien 2 203; es kommt für die betonung nur darauf an, für welchen zusammenhang sich die heutige sprache überwiegend entscheidet. bei den verbaladjectivischen simplicia auf lich, bar u. s. f. wird sehr oft heute nicht an das nominale simplex, sondern an das dem simplex zu grunde liegende verbum angeknüpft. wir denken bei unheilbar nicht an das mhd. subst. comp. heilbære, sondern an das verbum heilen. bei ein und demselben worte ist doppelbeziehung möglich, sowohl die aufs adjectivum, als auch die auf das verbum: únlesbar und unlésbar, únbrauchbar und unbraúchbar, úndeutlich und undeútlich (= undeútbar), únkenntlich und unkénntlich (= unkénnbar) u. s. w. der doppelbetonung sind viele adj. unterworfen: únhörbare geräusche, aber die explosion war hier unhoerbar; únlösliche bestandtheile, die säure ist im wasser unloeslich; únberechenbarer schaden, der schaden ist unberéchenbar; únglaubhafte gerüchte, die nachricht ist mir unglaúbhaft; únzerbrechliches spielzeug, die fesseln waren unzerbréchlich u. s. f. das adverbium enthält, von kurzen wörtern wie úndings, úngern, únfern, únlängst, únwert abgesehen, regelmäszig verbale betonung. erleichtert wird die beziehung auf das verbum, wenn der begriff passivisch ist (α) und wenn durch wirkliches oder angenommenes fehlen des einfachen adjectivs (β) eine anknüpfung an den verbalbegriff begünstigt wird: V@A@2@a@aα) unságbar, unthéilbar, unsaeglich, unausspréchlich, unglaúblich, untroestlich, unvergészlich, unverdérblich, unstraeflich, unverwérflich u. s. w. Wilmanns gramm. 2 § 366, 4. 377, 2. das suffix bar liebt passivische begriffe. umgekehrt erleichtert activische oder neutrale bedeutung die beziehung aufs nomen und führt zu nominaler betonung: úngebührlich, únempfänglich, únempfindlich, únerfreulich, únbehaglich, únschicklich, úntauglich, únziemlich, únvortheilhaft, únschadhaft u. s. f. dieser unterschied prägt sich in doppelbetonungen aus, wie: unausfǘhrlich 'nicht auszuführen', aber únausführlich 'nicht ausgeführt, zu kurz'; unerbaúlich non aedificabilis, únerbaulich parum acceptus; unverdérblich, únverderblich; unertraeglich, únverträglich; únbeweglich, unbewéglich u. s. w. Minor 70; Wilmanns 13, 446. V@A@2@a@bβ) unausloeschlich, unerbíttlich, unersaettlich, unumstoeszlich unverbrǘchlich, unwiederbrínglich; unnáhbar, unverkénnbar, unréttbar; unaufháltsam. es kommt natürlich wieder nicht darauf an, ob das simplex überhaupt nachzuweisen ist, sondern ob im sprachbewusztsein der mehrzahl der sprechenden vom simplex abgesehen ist. dem fehlen des simplex ist es gleichzusetzen, wenn das einfache adj. meist nähere bestimmung verlangt oder in anderm sinne gebraucht wird: unverdaúlich, unverbrénnbar, unverlétzlich; unerlaeszlich, unféhlbar, unéndlich, unstérblich Meyer 23 f. die beziehung aufs nomen ist dagegen immer gegeben, wenn das simplex vorhanden und als gegensatz empfunden wird. so erklärt sich insbesondere bei verbaladjectiven die möglichkeit, auch vom verbalbegriff abzusehen und an das adjectivische simplex anzuknüpfen. von dem heutigen vorhandensein des simplex hat man die betonung überhaupt abhängig machen und dem präfix, wenn das simplex ganz oder in der gleichen function fehlt, den verneinenden charakter im strengeren sinne absprechen wollen Meyer 23. aber die thatsache wirklicher verneinung liegt doch auch in diesen fällen vor; und die unterscheidung versagt sogar bei wörtern wie úngestüm und únpäszlich Meyer 24, weil in der schriftsprache die simplicia fehlen. überhaupt dürfte es nicht möglich sein, etymologische verhältnisse, wie sie hier die betonung beeinflussen sollen, allein nach dem standpunkt des landläufigen sprachbewusztseins richtig zu beurtheilen; die simplicia fehlen sehr selten, irgend einmal waren sie meistens vorhanden, oft sind sie durch rückbildung künstlich geschaffen. auch die betonung ist das ergebnis geschichtlicher entwicklung. V@A@2@bb) eine störung der regelmäszigen betonung liegt in unmittelbár (vgl.offenbár) vor; es ist kein altes wort, noch jünger als mittelbar th. 6, 2394, mit bedeutungsentlehnung von 'immediátus', franz. 'immédiat' gebildet, 'ohne mittel' Paul wb.2 u. d. w. mittel 3; Wilmanns gr. 13, 449. der ton schwankt durch drei wortsilben: únmittelbare verbindungen, únmittelbare abhängigkeit, únmittelbar bist du nicht gemeint; die wirkung war unmittelbár. ebenso meist das adv.; doch auch unmíttelbar grell = 'unvermittelt grell'; unmíttelbarkeit des gefühls. es wird weniger das fr. wort oder analogie von 'elementár', 'polár' u. dgl., als emphase wirksam geworden sein, der unmittelbár wie offenbár, unentwégt, ungemeín, unbedíngt u. a. leicht unterliegen Minor 64. 68. 70. ungefaehr, ungeheúer s. C. V@A@2@cc) in der wortmitte ist das un- der adjectiva denselben gesetzen wie das der subst. unterworfen, s. oben A 1 c. hat das dem präfix vorangehende wort nur steigernde bedeutung, so entbehrt der wortanfang des tons: tiefúnglücklich, totúnrein, erzúngläubig, wunderúnlieb, das allerúnsinnigste gebahren, wunderúnsanft, grundúnehrlich, bombenúnfleiszig, mordúngern u. s. w. bestimmt der erste worttheil den ganzen begriff, so bleibt das präfix ohne ton: úmlautsunfähig, kritíkunfähig, rátsunfähig, lébensunfähig, záhlungsunfähig, órtsunkundig, gebraúchsunfertig u. s. w. freilich ist bei diesen immerhin etwas locker zusammengeschobenen verbindungen, die auch beim aussprechen bisweilen noch durch pause getrennt werden, die stärke des nebentones oft der des haupttones fast gleich: kritík-űnfähig, gebraúchs-űnfertig, mőrds-úngern, frben-únbestimmt. ähnlich stoszen die accente in únmíszverstndlich, ún - schreíblustig, ún - rátsfähig, úngóttesfürchtig aneinander. bildungen wie kostúnspielig (Hans v. Bülow) bleiben auch in der betonung vereinzelt. V@A@2@dd) wichtig ist das verhältnis der haupt- und nebentöne bei längerem wortkörper Paul wb. 580a. in wörtern des verbalen betonungstypus sinkt das präfix unmittelbar vor haupttoniger silbe selbst zur tonlosigkeit herab: undénkbar, undénklich, unéndlich, unmoeglich, unglaúblich u. s. w. wird das präfix von der haupttonigen silbe noch durch ein ein- oder zweisilbiges wort getrennt, so stellt sich ein nebenton auf un- ein: ùnabaenderlich, ùnabséhbar, ùnausstéhlich, ùnbegreíflich, ùnübersétzbar, ùnwiderléglich, ùnunterscheídbar u. s. w. diese betonung gilt besonders für viele passivische verbaladjectiva, die ohne un- nicht gebräuchlich sind Wilmanns gramm. 2 § 366, 4. 377. unter den comp. des nominalen betonungstypus bilden die aus unfesten zusammensetzungen entstandenen eine charakteristische gruppe. die haupttonige erste silbe des simplex (z. b. ábhängig, zúständig, vórsichtig) wird hinter dem präfix tonlos (únabhängig, únzuständig, únvorsichtig) und tritt hinter dem nebenton der dritten silbe zurück: únabhngig. dieser gruppe haben sich adj. angeschlossen wie: únachtsàm, úndankbàr, únbarmhèrzig, únbotmszig, únbuszfèrtig, únmaszgèblich, únvorschriftsmszig; dazu participia: únangebràcht, únausgemàcht u. s. w. Paul 580a; Wilmanns 13, 455. V@A@2@ee) wohl allgemein schwanken unerfindlich und unwillkürlich: unerfindlich, von Wilmanns 13, 446 als stets únerfindlich bezeichnet, kann aber doch ebenso in prädicativer verbindung verbal betont werden: das ist mir unerfíndlich; unwillkürlich könnte alle 3 hauptsilben betonen, trotzdem unwillkǘrlich die geläufigste betonung bleibt Wilmanns 13, 455. V@A@33) participia. V@A@3@aa) im allgemeinen theilen die part. die betonungsgesetze der adj. bei den part. sind die betonungsmöglichkeiten am reichsten entwickelt und am beweglichsten geblieben. der unterschied der sogenannten verbalen und nominalen betonung erklärt sich aus der entwicklung der part. zu adjectiven, der analoge vorgang ist bei dem adverbalen und adnominalen jungen nicht zu verfolgen. adverbal ist es unbetont: ich kann mich nicht entschlíeszen; es gewinnt ton beim part.: ich bin nìcht entschlóssen; verkürzend in gewöhnlicher gegensätzlicher rede: bist du entschlossen es zu thun? ich bin nícht entschlossen, d. h. 'ich habe mich entschlossen, es nicht zu thun'. so ùngewíllt, ùngesónnen. erst bei völliger nominalisierung gewinnt das präfix ganz die herrschaft: níchtchristlich, níchtchrist. wie in der bedeutung geht un- auch in der betonung über die kraft des nicht hinaus: die worte waren nicht gekünstelt; in nìcht gekǘnstelten worten; nícht gekǜnstelte worte; in der betonung űngekünstelte worte bestätigt der accent die begriffseinung und adjectivierung. dasz schon Otfried diesen betonungsunterschied gekannt hat, ergiebt sich aus Lachmanns beispielen (kl. schrift. 1, 377), freilich auch, dasz der dichter ihn im vers nicht durchführt, was aber metrische gründe haben kann und für die gewöhnliche rede nicht beweist. ob die betonung des mhd. un- in rein verbalen verbindungen eine andere gewesen ist als in nominalen, bedarf der untersuchung. als paradigma für die möglichkeiten einer fein abwägenden betonung sei ein recht junges participialadjectivum gewählt, bei dem die verbale entstehung noch durchgefühlt wird: unangebracht. die hauptbetonung únangebràcht (eine ganz únangebràchte sparsamkeit, empfindlichkeit ist hier recht únangebràcht) ergiebt sich aus der früheren regel über die aus unfesten zusammensetzungen entstandenen composita. bei improbativem un- lockert sich das wortganze etwas, und wie wènig ángebràchte empfindlichkeit betont man auch ùnángebrachte empfindlichkeit. ähnlich das ist ùnángebràcht = nìcht ángebracht, ǜbel ángebracht. die präposition erhält auszerdem den hauptton, wenn das präpositionale verhältnis hervorgehoben oder doch noch verstanden wird: unángebrachte postsendungen, d. h. 'nicht an den adressaten gebracht', unángebrachte heirathsfähige töchter 'nicht an den mann gebrachte'. rednerischer nachdruck kann endlich alle drei hauptsilben gleich machen: welch únángebráchte geheimnisthuerei! V@A@3@bb) part. praes. wirklich adjectivierte part. praes. betonen regelmäszig nominal: únbedeutend, únwissend, únzutreffend; únabhngend, únallitterìerend, únverlschend; únzusàmmenhängend. betonung der präposition ist möglich: ùndúrchscheìnend neben úndurchscheìnend, und ermöglicht unterscheidung: únanziehend 'uninteressant', ùnánziehend 'keine attraction übend'. dichterische oder doch litterarische wörter knüpfen gern an den verbalen zusammenhang an und drücken das in der entsprechenden betonung aus: ùnáltend, ùndaúernd, ùntheílnehmend, ùnklǘgelnd, unwélkend, unrédend u. s. f. so wohl auch überwiegend die mhd. part. praes. unsméckende, unleístende u. s. w. trotz abweichender scansion. die part. necessitatis betonen verbal ùnzuberéchnend, ùnzubezweífelnd u. dgl.; oder mit hervorhebung des präpositionalbegriffes: ùnábzusehend, ùnaúszudrǜckend, ùnaúszugrǜndend. V@A@3@cc) part. praet. das appositive und absolute part. wird regelmäszig verbal betont; ebenso das part. in verbalen verbindungen und die als präpositionen verwandten participialformen des kanzleistils. einige participialadjectiva behalten ihren ursprünglichen ton auch in neuester nominaler entwicklung, z. b. unentwégt. in längeren wörtern hat der accent die neigung aufzusteigen: ùnbekànnterweíse, ùnbekànntermászen, ùnverrìchteter dínge. die präposition wird betont in wörtern wie unábbeschissen (15. jh.), unaúsgeblüt, unvóreingenommen. wechsel der betonung nach attributiver oder prädicativer stellung ist meist die regel. únbewuszte erinnerungen, mir unbewúszt; únberufene, unberúfen; únbeschränkte vollmacht, die vollmacht ist unbeschraenkt; ein úngeheiztes zimmer, das zimmer ist ungeheízt und unbeleúchtet. doppelbeziehung aufs verbum und aufs nomen kann in der betonung zum ausdruck gelangen: ungeschíckt 'non missus', úngeschickt 'non habilis'; ungehóbelt, úngehobelt; ungeschlíffen, úngeschliffen; ungewáschen, úngewaschen. bedeutungsübertragung hebt in allen solchen fällen das part. aus der verbalen sphäre heraus. ähnlich kann die aufgabe des tempuscharakters den ton ändern: unerschrócken 'non perterritus', únerschrocken 'strenuus'. V@A@44) verba. die von nominalen zusammensetzungen abgeleiteten verba behalten den auf ún- fallenden hochton der nomina: únplîdên, únêren, beúnruhigen; die unorganischen und seltenen verbindungen mit dem verbum betonen den verbalbegriff: unermángeln, unverfángen; untováren. únzuthun betont Göthe im gegensatz zu úmzuthun; Grimmsche wagnisse, wie ungenügen, unverlernen, sind zu lebendiger verwendung und wirklicher betonung nicht gediehen. V@A@55) univerbierte wortgruppen setzen wohl einheitlicher betonung widerstand entgegen, z. b. unherzangerührt. vgl.C. schwierigkeit macht z. b. der eigenname Untâtvertrîp. V@A@66) das improbative un- ist bisher vom nur negierenden nicht getrennt. es übertrifft dieses an tonstärke wie an bedeutungsgehalt; vgl. űnchrist, níchtchrist; únwissenschaftlich, nìcht wissenschaftlich; únkritisch, nìcht kritisch. ähnlich im nl. (nl. wb. 874. 875). V@BB. zusammensetzungen mit dem nicht verneinenden un-. das steigernde un- der mundarten und der neueren sprache ist im wesentlichen tonlos; auf den folgenden begriff fällt der hauptton: unménge, unmásse, unzáhl; unbraefe, untíef, ungrósz u. s. w. Wilmanns 13, 441. doch wird in der betonung gebildeter rede únmenge von unménge u. s. f. oft nicht geschieden. das expletive un- ist ganz farblos und hat grundsätzlich keinen ton, den es aber durch gegensatz in zwillingsformeln gewinnen kann. s. oben IVC. das schwanken mancher wörter, wie ungeheúer, unbaendig, verglichen mit úngeheuer, únbändig, läszt sich aus der geschichtlichen entwicklung erklären. th. 4, 1, 2, 2479 ist bei ungeheuer auch an einwirkung des un-augmentativum gedacht; unbändig kreuzt mit unbánnig; s. d. V@CC. isolierte formen, in denen un- mit ohne concurriert. über kanzleiwörter, wie ohnermangeln, s. oben A 4. unherzangerührt A 5. die betonung ungefaehr entspricht der geschichtlichen entstehung aus âne gevǽre. reine substantivierung bricht mit der historischen erinnerung und macht sich unabhängig; z. b. das blinde úngefähr. so betonen auch präpositionale verbindungen: von úngefähr; dagegen: das ungefaehre, im ungefaehren.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 9.–12. Jh.
    Altsächsisch
    unPräf.

    Köbler As. Wörterbuch

    un , Präf. nhd. un... ne. un... (Präf.) Vw.: s. -āwāniandelīk*, -bardaht*, -bardoht*, -bilithunga*, -bitharvi*, -biwandl…

  2. 8.–11. Jh.
    Altenglisch
    unst. F. (jō)

    Köbler Ae. Wörterbuch · +1 Parallelbeleg

    un , st. F. (jō) Vw.: s. unéaþnėss

  3. 8.–11. Jh.
    Althochdeutsch
    un

    Etymologisches Wb. des Ahd. (EWA) · +1 Parallelbeleg

    irhalbûnlîchênAWB adv., Gl. 1,527,21 (12. Jh., bair.): ‚von der Seite her, auf der Seite; ex latere‘. Die Endung des Adv…

  4. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    UNuntrennbare partikel.

    Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke) · +2 Parallelbelege

    UN untrennbare partikel. , die sich auch goth. ahd. as. ags. findet, altn. ô . sie hat häufig nicht den hauptton, nament…

  5. 1200–1600
    Mittelniederdeutsch
    unPräp.

    Köbler Mnd. Wörterbuch · +44 Parallelbelege

    un , Präp. Vw.: s. in (2)

  6. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Un

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Un , eine Partikel, welche in dieser Gestalt nur allein noch in der Zusammensetzung üblich ist. Sie ist aus ohne entstan…

  7. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    un

    Goethe-Wörterbuch

    un [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  8. modern
    Dialekt
    un

    Elsässisches Wb. · +9 Parallelbelege

    un- [ùn; vor Kehllauten ù, vor Lippenlauten ùm Hf. ] Vorsilbe der Negation; vor Participien: ungësse n , ungetrunke n ,…

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