stecknadel,
f. ,
nadel mit knopf, um etwas festzustecken; deshalb auch knopfnadel (
th. 5
sp. 1482)
oder kopfnadel (
sp. 1777)
genannt. begriffliche entsprechung zu unserm wort ist heftnadel (
th. 4, 2
sp. 775).
zusammen mit ihrer schwester, der nähnadel (
th. 7
sp. 302),
differenzierungsbegriffe der aus dem urzeitlichen dorn entwickelten nadel (
th. 7
sp. 250).
wohl in anlehnung an unser wort ist ein sprachlicher versuch zu stande gekommen wie spennadel (
th. 10, 1
sp. 2156,
s. auch spännadel
sp. 1891). eyn stecknol, spange
spinter Diefenbach
gloss. 547
b; stegnolde
ebenda; stecknadeln Elisabeth Charlotte
briefe 2, 76; ein steck- oder spennadel
acicula Corvinus
fons latin. 7
a; stecknadel
acicula Stieler 1343;
acicula capitata Frisch 2, 325
a;
acus capitulata Steinbach 2, 100. Kramer
dict. 2 (1702), 919
b schwankt zwischen stechnadel (
oben sp. 1281)
und stecknadel,
entscheidet sich aber doch für das letztere: grosse stecknadel
spillone 2 (1702), 924
c; kleine stecknadel
spilletta, spillettina ebenda. einem niederdeutschen stêkenatel (
vgl. eine stäknahtel Zesen
adriat. Rosemund 32
neudr.)
will gerecht werden: eine pferdehornisse, hinten mit einem braunen, fast einer steckenadeln langen und dicken stachel Göchhausen
notabilia venatoris 193; steckenadeln Amaranthes 1896.
dagegen wendet sich Adelung
lehrgebäude der deutschen sprache 2, 246. 11)
im eigentlichen sinne, im dienst der toilette und sonst: ein stecknadel: ich bin steif, rund und lang, dem frauenvolke werth Harsdörffer
gesprechspiele 3, 454; bald war der sessel nicht recht gesetzet, bald lagen ihr die stecknadeln nicht recht Zendorius
teutsche winternächte (1682) 403; mit neuen heffteln oder stecknadeln Widmann
Fausts leben 716; schwarze steckenadeln
zum trauerkostüm Amaranthes 1897; zugleich folgt ein ℔ stecknadeln. es kostet 2 rth. 12
gr. gut geld ... der messingdraht ist so theuer Göthe IV 22, 66
Weim.; eine goldne stecknadel ... die ein vergiszmeinnicht vorstellte Keller 4, 229. 1@aa)
insbesondere: mit stecknadeln anheften attaccare con spille, spillare, spillettare Kramer
dict. 2 (1702), 924
c u. s. w.: zogen mir meine kleider ... ausz, und hiengen mir hingegen einen arm voll alter zusammen geneheter und mit stecknadeln aneinander geheffteter lumpen umb den leib Jan Perus 36; bey der tafel heftete ich mit einer stecknadel ein billet an meine serviette Knigge
roman meines lebens 1, 247 (
vgl. Holtei
erz. schriften 10, 26); Gottfrieds freundliche schwester, hatte ihm ein band geschenkt, und es mit einigen stecknadeln auf dem hute befestigt Ch. v. Schmid 4, 9; ein paar stecknadeln reichten hin, die schleife wieder zu befestigen E. Th. A. Hoffmann 11, 93. —
zu anderen zwecken: so schlag zu oberst bey dem C in den rechten puncten eine reine stecknadel, vnd halt ein gerades linial daran Fronsperger
kriegsbuch 2, V 3; Mendelssohn und andre ... haben versucht die schönheit wie einen schmetterling zu fangen, und mit stecknadeln ... festzustecken Göthe IV 1, 238
Weim.; auf das eine kissen hat er mit stecknadeln meinen und seinen namen verschlungen gesteckt Brentano 1, 164. 1@bb)
als charakteristisches kleingeräth der frau: die stecknadeln, mit denen die frauenzimmer sich verschanzen, halten keinen sturm aus Hippel
über die ehe 36; entriss ich dich dem schwefelpfuhl, dass ich in eines mädchens kreis mich bannen, dass ich stecknadeln lösen sollte, statt der riegel, womit die geheimnisse des alls verschlossen sind? Grabbe 2, 49 (
don Juan und Faust 1, 2); ich habe einen jungen mann gekannt, der eine stecknadel dem geliebten mädchen, abschied nehmend, entwendete, den busenstreif täglich damit zusteckte, und diesen gehegten und gepflegten schatz von einer groszen, mehrjährigen fahrt wieder zurückbrachte Göthe 24, 222
Weim.; und nie empfing ich ihn (
den roman) zurück, ohne dasz mir Amalie die schönsten stellen mit stickgarn oder einer stecknadel bezeichnet hätte Hauff 2, 126. —
wie das trinkgeld
dem manne, so wird stecknadelgeld (
s. unten)
der frau, dem mädchen gereicht: (
Lisette:) und wenn befehlen sie, dass ich sie erinnern soll? (
Orbil:) das war eine vernünftige frage. nehmt etwas davor zu stecknadeln Hippel
der mann nach der uhr 10 (
theater der Deutschen 1, 283); (
Blumenau:) du wirst mir doch beistehen, nicht wahr? (
Therese:) ganz gewisz nicht! (
Blumenau:) auch nicht, wenn ich dir stecknadeln in den schoss werfe? (er wirft ihr einen beutel zu). (
Therese:) o stecknadeln kann ein mädchen immer brauchen Kotzebue
dramat. sp. 3, 212. 1@cc)
als weibliche waffe: damit ging sie mit einer stecknadel auf den erstaunten pagen ein und stach ihn, wie es traf Arnim 2, 277; kind, lege alle waffen von dir, stecknadeln und alles Raupach
dramat. werke 2, 389; wenn du nicht von mir bleibst, hier ziehe ich eine grosse stecknadel aus dem mieder; damit wehr ich mich Immermann 15, 19. 1@dd)
als zahlmittel im kindlichen handel und wandel: stecknadeln gegen maikäfer setzen Fr. L. Jahn 1, 265; einige bunte seidenflöckchen mit goldfädchen, flittern und anderen agréments mehr oder weniger fantastisch verwirrt und hinter einem quadratzoll weiszen glases auf papier glatt gedrückt, und das alles mit einem thürchen bedeckt, lieszen uns an vielen orten die kinder um den preis einer stecknadel sehen, weszwegen wir der akademie zwölf kreuzer für einen brief stecknadeln berechnen Brentano 5, 9; so machen sich gern die kinder aus dergleichen überresten von flittern irgend eine glitzernde zusammenstellung unter einem stücken glas, hinter einem thürchen von papier, und zeigen einander für eine stecknadel diese herrlichkeit
ebenda; ihr kinder, bringt haderlumpen mir! ich gib euch schön gemahlt brieff darfür, stecknadel, hefftlein vnd schleiffen Ayrer 532, 10 (
Julius rediv.).
auch sonst: vmb stecknadeln spielen
ludere aciculis Corvinus
fons latin. 7
a; (
wir) spielten um nüsse und stecknadeln Göthe 38, 74
Weim. 22)
vergleiche und redewendungen von zum theil sprüchwörtlichem werthe: 2@aa)
von einem lebhaften schmerze: und da hat es ihm drei stiche in die seite gegeben, wie mit stecknadeln Bahrdt
geschichte seines lebens 3, 244.
von einem, der sich auf seiner stelle, in seiner situation nicht wohl fühlt: er steht (wie) auf stecknadeln Wander 4, 791. 2@bb) eines wie eine stecknadel suchen,
d. h. mit besonderer aufmerksamkeit, wie sie diesem winzigen gegenstande gegenüber nothwendig ist: ich suche sie alle beyde, wie man eine stecknadel suchet Cronegk
schriften 1, 112; des fräuleins abwesenheit konnte nicht lange verborgen bleiben; ihr frauenzimmer suchte sie, nach dem sprichwort, wie eine stecknadel Musäus
volksmärchen der Deutschen 1, 118; ich habe dich wie eine stecknadel gesucht Schröder
dram. werke 3, 176 (
das blatt hat sich gewendet 2, 9); die kammerjungfer suchte unterdess hinter allen hecken herum, als hätte sie eine stecknadel verloren Eichendorff 3, 23.
vgl.: so wie einer, der die versteckte stecknadel sucht, und in dem augenblick, wo man ihm sagt, dasz er ganz nahe dabei ist, wieder meilen weit davon läuft Forster 7, 151. —
entsprechend oben 1
d: (schreien,) als wenn kinder eine stecknadel gefunden haben Prätorius
anthropodemus plutonicus 3, 18. 2@cc)
von unmöglichem: eine stecknadel in einem fuder heu suchen Wander 4, 791; des schwagers haus wusste der arme jüngling ... so wenig zu finden, als in einem wagen heu eine stecknadel Hebel 2, 158
Behaghel. —
zum bildlichen ausdruck einer groszen zahl: ich dächte, unsere anakreontischen dichter könnten ihrer (
der oden) in einem jahre mehr machen als ein Nürnberger künstler stecknadeln oder glascorallen Lessing 3, 237. 2@dd)
als der inbegriff des kleinen, unscheinbaren, schwer erkennbaren zu verschiedenartiger gradbestimmung: es ist so hell, man hätte eine stecknadel auf dem boden sehen können. tiefe stille herrschte rings um; man hätte eine stecknadel fallen hören Holtei
erz. schriften 3, 242; (
man) drängte sich dermassen in der kapelle des Santo, dasz dort keine stecknadel zur erde konnte Gaudy 14, 105.
fast personficiert wie im märchen: die angst, mit der zwei bediente über die drei zimmer wachen, dasz auch nicht eine stecknadel hinaus kann Gutzkow
ritter vom geist 1, 297. 2@ee)
in mannigfacher weise zur bildlichen einkleidung eines negationsbegriffes: ich wollte nicht eine stecknadel darum geben Wander 4, 791; meine freunde zu sehen, achte ich eine reise nicht so viel als eine stecknadel G. Chr. Lichtenberg
briefe 1, 28; für was er (
gott) uns halten musz, können wir schon daraus sehen, dasz er uns vom wesentlichen nicht einer stecknadel grosz anvertraut hat
aphorismen 2, 123; und mich hat das unglück so herum und so müde gezaust, dasz ich mein leben gegen eine stecknadel aufsetze Bürger 299
Bohtz; bey mir hat sie (
die verkäuferin) keine stecknadel angebracht, und keinen kreutzer geld von mir gesehen Petrasch
lustspiele 2, 34.
entsprungen aus dem begriff der werthlosigkeit des gegenstandes: nein, ich habe mein lebetag nichts gestohlen, nicht einmal was, das eine stecknadel werth wäre Holberg
dänische schaubühne 3, 320; dieser tage würde ich wiederkommen, ihn abzuholen, und dann, fehle auch nur eine stecknadel, ihr das haus über'm kopfe anzünden Gaudy 23, 152; dabei verfalle ich jedoch nicht in den fehler jener kleinigkeitskrämer ..., die da meinen, der herr berufe seine heerscharen zum weltgericht um jeder stecknadel willen Pückler
briefwechsel 1, 377. 2@ff)
als ausdruck der liebe und verehrung für einen verstorbenen: man möchte ihn mit stecknadeln wieder ausgraben Wander 4, 791.
bildlich: weil wir sie (
Luthers lehre) haben, achten wir jhrer nicht, ... wenn sie uns aber aber aus dem gesicht weggerissen, da wollten wir armen neidhammel sie gerne, wenn es nur sein kündte, mit stecknadeln aus der erden graben Mathesius
Syrach (1586) 2, 150
a. 33)
doch im sprüchwort: eine stecknadel hat auch einen kopf Wander 4, 791;
und wer die stecknadel nicht achtet, kommt nicht zur nähnadel
ebenda; eine stecknadel täglich bildet einen groten im jahre
ebenda. vgl. die geschichte von der aufgenommenen stecknadel, die dann schliesslich den aufnehmer zum millionär umschuf Fontane I 4, 273.
gleichwohl aber charakterisiert einen kleinlichen menschen: die alte redete, wie es einer person geziemt, die eine stecknadel aufhebt Göthe 21, 43
Weim. 44)
in weiterer zusammensetzung: stecknadelbehälter, m.: der kleine altar mit einem weihbecken, das aber völlig wasserleer und sogar ein stecknadelbehälter geworden war Gutzkow
zauberer von Rom 3, 48. —