vorschusz,
m. ,
vgl.fürschusz th. 4, 1, 1,
sp. 804; vorschusz,
suppeditatio Stieler 1788; vorschusz,
avanzo, prestito Kramer
teutsch-it. dict. 2 (1702) 519
b; vorschusz,
communicatio Steinbach 2, 500; Frisch 2, 236
a; Adelung; Campe;
nd. förschot ten Doornkaat-Koolman 1, 543
b;
statt vorschusz
tritt in älterer sprache und mundartlich vorschutz
ein (
s. dieses):
protropon der vorschutz des mosts Calepinus
dict. XI ling. (1598) 1181
b;
vgl. schweiz. idiot. 8, 1715; Martin-Lienhart 2, 447
a; Schmeller-Frommann 2, 481; Schöpf
tirol. idiot. 653. 11)
plötzliche heftige bewegung heraus oder nach vorn, von flüssigkeiten: vorschusz des wassers Campe;
anspringen des pferdes: wie das seil fiel, that
auch der rapp einen vorschusz Heinse 4, 95
Sch.; vgl. vorschüssig 2. 22)
dinglich, was vorschieszt, zuerst abläuft, gewonnen wird; bei der bereitung von flüssigkeiten, wein, branntwein, öl, essig, vgl. schweiz. idiot. 8, 1716; Schmeller-Frommann
a. a. o.; Unger-Khull
steir. wortsch. 248
a; Lexer
kärntn. wb. 228; vorlasz oder vorschusz von weine oder öle; lauterwein, lauteröl
Alemannia 15, 226; vorschusz, der erste wein, so von der kelter laufft Hulsius-Ravellus (1616) 390
a;
protropum, mustum lixivium der vorschusz Zehner
nomencl. (1645) 337; vorlauf,
alias vorschusz Stieler 1087; vorschusz von most, von öl Kramer
teutsch-it. dict. 2 (1702) 524
b; der vorschusz des weines Steinbach 2, 500; vorschusz des weines, der vorlauf, '
da immer einer edler als der andere, als in Straszburg der Marlemer vorlauf' Frisch 2, 236
a; vorschusz '
ist bei trauben der erste ausbruch ihres saftes, besonders ohne treten oder pressung, also der beste weinmost' Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 843
b;
vgl. vorschuszwein unter 10
und vorschutzwein; der wein, so Vitruvius an diesem orth protyrum nennet, der wirt bei uns der vorschusz genannt; das ist der erst, so von der kälter fleuszt, ehe man
die trauben drittet Rivius
Vitruv (1575) 533;
im bilde: diese meine zwerggedichte halten sich wie neuer wein, solte nun der nachdruck besser, als der erste vorschusz sein? J. Grob
dichter. versuchg. (1678) 54; wann mans (
kirschbrantwein) zum drittenmal brennt, darf man keine kerschen mehr nehmen, brennt nur das lautere wasser aus und behält den vorschusz Hohberg
georg. curios. (1682) 1, 241; den vorschusz (
des essigs) als das phlegma thu hinweg, das sauere, das hernach gehet, behalte 250. —
beim bier: ist das beim anstechen eines fasses zuerst ablaufende bier nicht ganz klar, so wird es als vorschusz gesondert aufgefangen Lueger
lex. d. ges. technik (1894) 2, 408. 33)
in entsprechendem sinne auch von trockenem, besonders von dem zuerst ablaufenden mehl, überhaupt das beste mehl (
vgl. vorschuszmehl unter 10): von dem weizenmähle hat man zu Wienn 4 arten, anderwärts macht man nur drey. 1. das feinste heiszt das mundmähl (flos farinae triticeae), in Obersteyer und zu Memmingen der auszug, im Hohenlohischen der vorlauf, im Darmstädtischen, Wetterau der vorschusz Popowitsch
versuch (1780) 359;
vgl. Unger-Khull
steir. wortschatz 248
a; Pfister
nachtr. 323; das extra weisze roggenmehl, oder den vorschusz Prechtl
technol. encycl. (1830) 10, 58; rockenbrot fast wol speiset, sonderlich das, so aus dem zartesten meel (polline oder vorschusz, welches man die blum des meels nennet) gebacken wird Tabernämontanus
kräuterb. (1687) 591.
das beste salz: dieses ist nun das erste und beste salz, man nennet es daher den vorschusz Langsdorf
von salzwerken (1781) 417. —
der erste einschusz in den backofen Unger-Khull
a. a. o.,
vgl. vorschuszsemmel unter 10. 44)
das sprossen und knospen bei pflanzen und dann für sprosz, knospe: der vorschusz junger knospen bei gewächsen Westenrieder (1816) 640;
vgl. schweiz. idiot. 8, 1716. 55)
das recht, zuerst oder vor einem andern zu schieszen, z. b. bei einem wettkampf: den vorschusz haben,
haver il primo tiro Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 524
b; vorschusz, der anfang des schieszens oder der erste schusz Rädlein (1711) 1016
a; vorschusz,
explosio prior Frisch 2, 236
a;
übertragen dann auf das anspielen beim billard oder kegeln Adelung. 66)
etwas hervor- oder überstehendes, besonders an gebäuden, vordach, vorbau u. ä., vgl. schweiz. idiot. 8, 1716; vorschusz, vorschopf vor der
thür eines hauses Hulsius-Ravellus (1616) 390
a; vorschusz eines dachs Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 524
b; vorschusz am hausz,
projectum Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 338
b; dieser vorschusz (
der dächer) geht bei einigen ... bis auf 8 oder 6 schuhe vom erdreich hinab Ploucquet
vertraul. erz. einer Schweizerreise (1787) 38; an seinem hause wird er den vorschusz mit den Chariatiden anbringen, der zu Athen am tempel des Erechteus bewundert wird
Europa (1803) 2, 205. 77)
visier des helmes: bei aufhebung des helmes vorschusz hiengen die goldgelbe haarlocken hervor Helwig
Ormund (1666) 19. —
aufgestülpter rand an hüten, mützen oder ärmeln Unger-Khull
steir. wortschatz 248
a; vorschusz an einem pelzrock Kramer-Moerbeek (1768) 401
b;
vgl. auch Schmeller-Frommann 2, 481;
die tuchweber nennen '
dasjenige ende des tuches, welches als probe vorn oder obenhin geschlagen wird, den mantel oder das mantelende, auch den vorschusz' Campe. —
bei Fischart
geschichtkl. 174
ndr. für den hosenlatz, s. die stelle unter vorschupf. 88)
im entwickelten nhd. bezeichnet das wort am häufigsten einen geldbetrag, der jemandem vorausbezahlt wird, obgleich er erst später einen anspruch darauf hat, oder ein darlehen. wie bei vorschieszen (
s. dieses unter 7
ff., sp. 1465)
ist mit vorschusz
die vorstellung der hülfeleistung verbunden, nur dasz es sich bei vorschusz
fast immer um geld handelt, während das verbum sich auch auf anderes beziehen kann (vorschieszen 9),
doch s. unten die stelle aus Voss
unter h. 8@aa) die unkosten, die ausgaben, den vorschusz
ò verschusz (
s. th. 12,
sp. 1183) ersetzen Kramer
teutsch-it. dict. 2 (1702) 783
a; vorschusz des geldes Steinbach 2, 500; vorschusz von jemandem verlangen, den vorschusz abarbeiten Adelung; vorschusz, '
ein jemandem aus freundschaftlicher güte gemachter geldvorschusz' Westenrieder (1816) 640; '
alle vorläufige auslage, um einen spätern gröszern gewinn zu befördern' Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 843
b; umb einen vorschusz zu abstattung solcher zehrungskosten anlangen Harsdörffer
t. secretarius (1656) 2, 371; um sie bey vorfallenden mangel mit vorschusz zu secundiren v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 152; der vorschusz, den dieses etablissement erfodert Lessing 17, 241
M.; er unterstützet den anbau und den ankauf durch beständige auslagen und vorschüsse Herder 15, 32
S.; (
gewinn,) der ihm nach abzug der erhaltenen vorschüsse übrig bleibt G. Forster (1843) 3, 7; vom vorschusznehmen bin ich kein freund Engel (1801) 3, 213; empfängt sie von dort hinreichenden vorschusz, dasz sie ihre hiesigen schulden bezahlen kann Göthe IV 19, 289
W.; herrschaftlicher vorschusz an die gemeine nach der groszen wassersnoth Schiller 6, 290
G.; ich sprach von deinen vorschüssen und nannte sie eine drückende schuld Hebbel
br. 1, 295
W.; baare vorschüsse auf waaren, auf effecten, auf wechsel ... und auf hypotheken Freytag (1886) 15, 47; die seehandlung bezieht für ihre vorschüsse 4 procent zinsen vorweg Bismarck
polit. reden 1, 359
Kohl; half er auch feld und gehöfd anbaun durch kenntnis und vorschusz Voss
ged. (1802) 2, 79; wie sie (
die kolonie) vom mutterlande vorschusz fordert verlangt es einen zuschusz auch von ihr Rückert (1867) 10, 545.
in besonderer wendung; in der erwartung eines erbes übernimmt man die kosten des begräbnisses: er starb, und ward mit groszer pracht, wie wohl auf vorschusz nur, begraben Gökingk
ged. (1780) 3, 235. 8@bb)
deutlich im sinne einer vorauszahlung eines theils dessen, worauf man zu einem späteren termin anspruch hat: avance, vorbezahlung, vorschusz Wächtler (1714) 48; vorschusz '
nennt man diejenige zahlung, welche einem meister geleistet wird, bevor er noch eine arbeit fertigt' Helfft
wb. d. landbaukunst (1836) 399; vorschüsse auf lohn, gage (
des schauspielers), schriftstellerhonorar
u. s. w.; die leute sind nur mittelmäszig und verlangen fast so viel als der beste acteur; vorschusz, reisegeld, alles Lessing 18, 204
M.; da ein buchhändler so oft vorschüsse geben musz, so kann er auch wohl einmal ein manuscript beym empfang bezahlen Göthe IV 10, 334
W.; (
den verleger) um einen ferneren vorschusz auf meinen historischen roman zu bitten Hebbel
tageb. 1, 380
W.; von dem gelde, das ihm auszer den bereits erhobenen vorschüssen noch zukam, sah er keinen kreuzer
M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 5, 6. —
im bilde: dasz es keinen schlimmeren ... wucherer giebt als die zeit, und dasz sie, wenn zu vorschüssen gezwungen (
wenn man vorgreifend etwas verlangt), schwerere zinsen nimmt als irgend ein jude Schopenhauer 4, 526
Gr. 8@cc)
vorausbezahlung auf ein zu druckendes schriftwerk: da man indessen auch bey uns in Deutschland neulich einen vorschusz, auf die neue ausgabe des sogenannten Messias ausgeschrieben hat
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 770; es (
das werk) soll auf vorschusz gedruckt werden, und ich will ... die namen derjenigen vordrucken lassen, welche darauf pränumeriren Rabener (1777) 3, 280. 8@dd)
in der folgenden stelle bezeichnet vorschusz
die eigenen in erwartung des gewinnes gemachten auslagen: ich dank es meinem glück, mein vorschusz ist nicht einem schiff vertraut (
my ventures are not in one bottom trusted)
Shakespeare kaufm. v. Venedig 1, 1.
in gleichem sinne: (
wie) der buchhändler den namen eines verlegers bekömmt, so wird auch sein vorschusz der verlag genannt Gottsched
beob. (1758) 3, 95. 8@ee)
einige verbale wendungen sind zu beachten; jetzt ungewöhnlich, früher sehr häufig ist vorschusz tun: einem einen vorschusz thun Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 519
b; Steinbach 2, 500; Frisch 2, 230
a; kauffleute, welche ihm hiebevor ... so groszen vorschusz hatten gethan Schupp (1663) 401; sie werden diesen und jenen vorschusz, den sie im dienste gethan, keine hoffnung haben, wieder zu erhalten Lessing
Minna v. Barnhelm 4, 6; ich will ihnen vorschüsse thun Stephanie
d. jüng.
lustsp. (1771) 115; wie manche herrschaft würde diesen vorschusz nicht gern thun Möser (1842) 1, 168. —
übertragen: ich hoffe, gott wird dir noch einmal einen kleinen vorschusz thun (
dich noch einige jahre leben lassen) Tieck (1828) 6, 18. 8@ff)
andere wendungen: wenn er den vorschusz zu geben sich geweigert Göthe IV 32, 169
W. — dem Renatus, der seine persönliche hülfe verlangte, machte er vorschüsse Platen 3, 144
R.; Sixtus regulirte selbst ihren haushalt und machte ihnen vorschüsse Ranke (1867) 37, 297. —
besonders häufig: ein buchhändler hatte ihm vorschusz geleistet Göthe 32, 70
W.; (
die geldbesitzer) leisteten darauf einen allgemeinen vorschusz Ranke (1867) 9, 50. —
beachtenswert sind folgende wendungen; zur bezeichnung der verschuldung: dasz ich wegen meiner reise ... bei ihm in starken vorschusz gerathen bin G. Forster (1843) 7, 103;
übertragen und auf den briefwechsel bezogen (
vgl. die stelle aus Hebbel
unter g): er bildet sich wirklich ein, im vorschusz zu stehen (
so dasz wir nun ihm schreiben sollen) Göthe 24, 108
W. im vorschusz stehen
heiszt also hier vorschusz geleistet haben,
vgl.: bey jemandem im vorschusse stehen,
ihm geld vorgeschossen haben; sich wegen jemandes in starken vorschusz setzen,
ihm viel geld vorschieszen Adelung; so kann ich doch wenigstens dieses nicht geschehen lassen, dasz sie meinetwegen sich in kostbaren vorschusz setzen Rabener (1777) 3, 81. 8@gg)
einige beispiele übertragener anwendung sind schon angeführt, im allgemeinen ist sie im entwickelten nhd. selten: es war mir sehr wohlthuend, bei meiner ankunft ... ihren brief vorzufinden; ein solcher vorschusz trägt bei mir immer doppelte zinsen Hebbel
br. 6, 173
W. (
vgl. die stelle aus Göthe
unter f); für die erste thatsache ... wird der dichter meist einen vorschusz von glauben sich ausbitten müssen O. Ludwig (1891) 5, 329; den Phöbus, welchen du, o groszer gläubiger! durch pflegung seiner schaar und vorschusz hoher güte zum langen schuldner machst Günther
ged. (1735) 726. 8@hh)
wie bei vorschieszen (
s. dieses unter 9)
kann es sich auch bei vorschusz,
wie wohl selten, um anderes als geld handeln: der (
der gutsherr), wenn darbend ein mann für weib und kinderchen brotkorn heischt vom belasteten speicher, ihn erst mit dem prügel bewillkommt, dann aus gestrichenem masz einschüttet den kärglichen vorschusz Voss
ged. (1802) 2, 29 (
vgl. unter 10 vorschuszweise
die stelle aus Kretschmann).
in der älteren sprache hat fürschusz
die allgemeine bedeutung von fürsorge, hülfeleistung, s. schweiz. idiot. 8, 1717,
was auch bei vorschusz
gelegentlich noch nachwirkt: giebt ihnen nicht nur freiheit wieder heimzugehen, sondern thut ihnen auch allen vorschusz Herberger
Jesus Sirach (1698) 265
b; ich bin der musze gram; die arbeit ist mein leben. nur fleisz und vorschusz sinds, wodurch man freunden nützt Hagedorn (1769) 1, 64. 99)
vereinzeltes: schweiz. ist die anwendung von überschusz, vorrat schweiz. idiot. 8, 1717. — vorschusz, vorzug, vortheil ... das pferd hat einen vorschusz vor jenem Rädlein (1711) 1016
a. —
vorwand: vorschusz,
vorschub,
excusatio calva Aler
dict. (1727) 2, 2127
b;
vgl. vorschub 7 b. 1010)
auszerordentlich häufig in neuerer sprache als erstes glied von zusammensetzungen in dem unter 8
behandelten sinne, hülfeleistung durch darlehen, vorauszahlung: