vorbei,
adv. (
s. fürbei
th. 4, 1, 1,
sp. 662);
in älterer schreibweise vorbey,
so noch bei Adelung,
während Campe vorbei
schreibt. im mhd. hat vür
die bedeutung unseres vorbei,
auch im zeitlichen sinne, vgl. mhd. wb. 3, 375
a (II), bei
ist späterer verdeutlichender zusatz; im nhd. wird dann wieder vorbei
mit präpositionen verbunden, um genauer den sinn zu bezeichnen; mnd. vorbî Schiller-Lübben 5, 314
b;
mnld. vorebi Verwijs-Verdam 9, 953; fürbey
et vorbey,
trans, praeter Stieler 143; vorbey, vorüber (fürüber),
adv., di passaggio, passando d'appresso Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1247
b; für-
vel vorbey Steinbach 1, 103; Adelung; Campe. —
da der ton auf der zweiten silbe liegt, so verflüchtigt sich leicht der vokal der ersten, s. Fischer
schwäb. wb. 2, 1643;
schw. idiot. 4,
[] 907;
tempestas desaeviit, das gewitter ist verbei
nomenclator lat. germ. (1634) 32; wo seindt die 256 remische bäbst? firbei Abr. a
s. Clara
pred. 80
Bertsche. 11)
in örtlichem sinne, in sehr verschiedener anwendung; der gegenstand oder die person, worauf die bewegung bezogen wird, kann ruhen oder auch selbst in bewegung sein; die mit vorbei
bezeichnete bewegung kann an den seiten von hinten nach vorn oder in umgekehrter richtung vor sich gehen, ferner an der vorderseite nach rechts oder links, doch auch hinter der person oder dem gegenstand. immer ist wesentlich, dasz die bewegung dabei von dem gegenstand oder der person fortfährt. in allen diesen anwendungen berührt sich vorbei
mit vorüber (
s. dieses); Adelung
meint, dasz letzteres das edlere wort sei, Campe
will vorüber
im örtlichen sinne auf die bewegung von der seite her beschränken. 1@aa)
welche art der bewegung gemeint ist, braucht nicht besonders ausgedrückt zu werden oder kann aus dem zusammenhang entnommen werden: (
er) wollte sich mit Altkirch nicht auffhalten, sondern avancirte geschwinde vorbey Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 126; ein jünger des herrn, der des weges v. zog Aurbacher
volksbüchlein (1835) 5; hier kommt einer zu pferde und schnaubt und stampft und spritzt v. O. Ludwig
schr. 1891
ff. 2, 15. —
oder aber es treten nähere örtliche bestimmungen hinzu: der zug kommt hier, musz hier vorbeikommen; wann ich allhier vorbey wandele Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 22. — er hörte diese wehklage von oben herunter an seiner stube v. nach dem hausplatze eilen Göthe
w. 21, 223
W.; hart an deiner nase v. Schiller
schr. 1, 200
G.; vorbey an heulenden grotten maler Müller
w. (1811) 1, 60; dicht an den soldaten v.
briefe von u. an Herwegh (1896) 190; die bilder ziehn in heitrer wahrheit an dem entzückten blick vorbei Körner
w. 2, 57
H.; wo ihre churfürstl. durchlaucht gleich bey ihnen vorbey muszten Göthe IV 1, 104
W.; bei der hütte v. Tieck
schr. (1828
ff.) 4, 368; da schnurrt ein vögelein ... ihm bey dem ohr vorbey Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 38; wo die weiber herr sind, geht unser herrgott hinterm haus v. Fischer
schwäb. wb. 2, 1643. ihn stört aus frommer phantasey ein rauschen neben ihm vorbey Kretschmann
w. (1784
ff.) 1, 64. ich laufe hier links um den tannengrund v. Tieck
schr. (1828) 4, 368. — hart unter dem garten v. Storm
w. (1899) 1, 28. — er trug es vor meinen augen vorbey Steinbach 1, 103; kunte kein mensch vor Schlampampens hause vorbey gehen Chr. Reuter
ehrl. frau 10
ndr.; vor der wachparade v. Brentano
schr. (1852
ff.) 5, 24; vor der lanze und dem sturme vorbey siegend zu schweben Klopstock
oden 1, 190
M.-P. 1@bb) vorbei
ohne verb.; aufforderung, ausruf: runde vorbey (
ruf des postens),
perage cursum tuum Stieler 143; vorbey verwegner dieb! denn unter diesem dache, in jedem winkel hier, hält armuth treue wache Lessing
w. 1, 26
M. substantiviert: im v. wurde vor einem gasthofe gehalten
d. neue Europa (1845) 13. 1@cc)
dem accus. nachgestellt; Adelung
will diese fügung nur im uneigentlichen sinne zulassen; in der sprache der gegenwart wird diese anwendung von vorbei
gemieden; hier die klippen Olaus v. Herder
w. 5, 169
S.; hier die hundertfarbige pforte vorbey ... dort den klee des thals vorbey, und das weidende lamm Klopstock
oden 1, 218
M.-P. weiteres s. unter 3: vorbeigehen, -eilen, -fahren, -fliegen, -flieszen, -führen, -gehen, -kommen, -laufen, -passieren, -rauschen, -reisen, -schieszen, -schiffen, -schleichen, -schreiten, -schwimmen, -segeln, -sein, -streichen, -strömen, -winden, -ziehen.
[] 1@dd)
ebenso mit dem dativ, auch vorangestellt: das kriegsvolck der see vorbey führen Steinbach 1, 103; dem gebauer meiner kleinen sängerin v. Thümmel
w. (1811
ff.) 3, 299; der katarakte v. grafen zu Stolberg
w. (1820
ff.) 6, 83; vorbey der eiche wehte dunkler der staub Klopstock
oden 1, 110
M.-P.; wann reiszend ihm vorbei ein wogenstrom ins meer hinab mit schaumgebrause rollt Bürger
w. 165
b Bohtz (
Il. 5, 598); vorbei schritt er dem alten Fritz Rückert
w. (1867
ff.) 1, 179; kein hoher wandrer zog vorbei der stätte Geibel
w. (1888) 1, 10
Cotta. s. unter 3 vorbeirennen, -eilen, -fahren, -fliegen, -gehen, -kommen, -laufen, -reisen, -rennen, -schieszen, -segeln, -stürmen. 22)
bewegung in der zeit: die vorstellung ist zunächst die, dasz die zeit oder ein bestimmter zeitabschnitt an jemandem vorübergeht: die zeit vorbey fahren, streichen lassen Steinbach 1, 103;
weiteres s. bei vorbeisein
unter 3;
anderseits wird es auf vorgänge, zustände u. ä. bezogen, die in der zeit verlaufen: wir wollen den regen erst vorbey lassen Adelung;
auch in dieser zeitlichen anwendung berührt sich vorbei
mit vorüber;
letzteres soll nach Adelung
der '
edlern schreibart'
angehören; im jetzigen sprachgebrauch wird bei bestimmten wendungen, wie aus den unter 3
angeführten verbalverbindungen hervorgeht, das eine oder das andere vorgezogen; bei vorbei
wird, wie es scheint, schärfer betont, dasz etwas in der zeit abgelaufen, zu ende ist, nicht mehr aufgenommen werden, in die wirklichkeit eintreten kann: v. ist v. Campe; denn wenn einer (
ein traum) vorüber ist, so ist er v., und es bleibt nix haften davon O. Ludwig
schr. (1891
ff.) 2, 98. —
bei zeitangaben mit vorüber
wechselnd (
s. unter 3 vorbeisein),
in der antwort und auch sonst: aber sieh! schon mittag vorbey! da kommen ja bereits meine gäste Lessing 13, 399
M.; wie alt ist sie jetzt? fünf und achtzig vorbey maler Müller
w. (1811) 1, 280.
abschlusz, ende (
s. vorbeisein): es ist fehlgeschlagen! — alles vorbei E. Th. Hoffmann
w. 6, 119
Gr.; vorbei! ein dummes wort. warum vorbei? vorbei und reines nicht, vollkommnes einerlei Göthe
Faust 11596. 33) vorbei
verbindet sich mit verben zu trennbaren zusammensetzungen, zunächst in meist loser, in der schrift oft nicht bezeichneter verbindung mit solchen, die transitiv oder intransitiv die vorstellung einer bewegung ausdrücken oder zulassen (vorbeihelfen, sich vorbeiwagen)
oder auch eine bewegung begleiten (
z. b. vorbeikeuchen);
bei anderen ist die vorstellung der bewegung hineingedacht (vorbeisehen).
ein verbum der bewegung ist zu ergänzen bei verbindungen wie vorbeidürfen, -können, -lassen, -müssen, -sollen, -wollen. v.
kann sich enger an eine ortsangabe als an das verbum anschlieszen, dabei wechselt der satzton: er ging an dem háus v.
gegenüber: er ging an dem haus vorbéi.
in einer anderen gruppe liegt in vorbei
der sinn des verfehlens: vorbeigreifen, -hauen, -langen, -schieszen, -schlagen, -stechen, -werfen.
die zeitliche vorstellung ist besonders in der verbindung mit sein
reich entfaltet. solche composita können natürlich in unerschöpflicher fülle gebildet werden, Campe
hat über 180
stichworte aufgestellt, eine zahl die mit leichtigkeit vermehrt werden könnte. hier folgt eine auswahl; von freieren verbindungen beachte vorbeibegehren, -brennen, -denken, -dunkeln, -läuten, -murmeln, -neigen, -quellen, -rufen, -schreien, -schwören, -stocken, -strahlen. —