[]gletscher,
m. ,
ein von der schriftsprache schon früh übernommenes wort aus schweizerdeutschen mundarten, die es ihrerseits aus dem romanischen entlehnt hatten, vgl. wallis. glačer,
obw. glačer(a),
tessinisch giascei,
frz. glacier
zu vulgärlat. *glaciarium,
ableitung von glacia '
eis',
s. zs. f. dtsche wortforsch. 2, 73; Gamillscheg 470; Meyer-Lübke 3771;
ferner den ortsnamen Gletsch
im Oberwallis, auch das letztlich zugrundeliegende lat. glacies '
eis' (
vulgärlat. glacia)
begegnet im sinne von 'gletscher'.
eine urkunde von 1173
spricht vom glacies inferior
d. i. dem unteren Grindelwaldgletscher, s. fontes rerum Bernensium 1, 451.
den fremdartigen charakter des wortes gletscher
und seine verwandtschaft mit lat. glacies
hat man schon früh empfunden; vgl.: gletscher wie etlich meinen von glacie Seb. Münster
cosmographia (1550) 401.
das 18.
jh. sah in gletscher
noch ein durchaus schweizerisches wort: ferner (
ist) in Tyrol ein übliches wort, die eisberge (in der Schweiz gletscher) zu bezeichnen Adelung
magazin d. dtschen sprache (1763) 2, 105;
noch schärfer gefaszt: 'gletscher
ein nur in der Schweiz übliches wort'
ders. wb. 2 (1775) 716.
neben gletscher
verwenden die deutschen mundarten der Schweiz in gleichem sinne auch firn: die eisberge nennt man allgemein gletscher, ausgenommen im Glarnerland, wo man sie firnen heiszt, und in Graubünden, wo sie wadrer oder auch wadrez genamset werden J. R. Wyss
skizze einer mahlerischen reise durch d. Schweiz (1816) 122.
wortgeographisch reicht gletscher (glätscher),
neben dem auch die formen gletzer, gletschner
und glitscher
begegnen (
s. u. und Bühler
Davos 1, 294),
bis ins Vorarlberger land, wo ältere denkmäler das in jüngerer zeit hier eingedrungene ferner (Brandner ferner)
noch nicht kennen. s. W. Flaig
d. Silvrettabuch (1940) 78.
die mundarten Tirols, denen wiederum das romanische lehnwort gletscher
unbekannt ist, verwenden statt dessen die ältere bezeichnung ferner,
die bereits in einer schenkungsurkunde des bischofs von Brixen für das kloster Wilten bei Innsbruck vom jahre 1260
begegnet (cacumen montis qui dicitur Fernaer),
während die täler des östlichen Tirol das noch ältere kees (
zu ahd. ches
gelu, s. ahd. gloss. 1, 687
anm. 5,
zu Zach. 14, 6, 10./11.
jh.)
bewahrt haben. die grenze zwischen ferner
und kees
bildet das Wipptal, s. O. Stolz in:
zs. d. dtschen u. österreich. Alpenvereins 59 (1928) 14.
wenn die drei deutschen bezeichnungen firn, ferner
und kees
in der schriftsprache vor dem romanischen lehnwort gletscher
zurücktreten muszten, liegt das offenbar daran, dasz die berge und gletscher der Schweiz, besonders des Wallis, zunächst ins blickfeld der chronisten und geographen traten (
s. u. 2)
und auch dem verkehr früher erschlossen wurden als die der Zentral- und Ostalpen. 11) gletscher
ist zunächst '
eis'
schlechthin, wie auch ferner
und firn
zunächst den vorjährigen schnee meinen, s. den beleg von 1711
unter gletschereis (
sp. 8339).
nur die schweizerdeutschen mundarten kennen diesen allgemeinen gebrauch: es ist gletscher uf em wasser; de
r brunne
n hät gletscher '
ist zugefroren' Staub-Tobler 2, 655; gletscher zinggen '
eiszacken'; gletscherkalt '
eiskalt' Stalder 1, 453; Staub-Tobler 3, 241.
daneben gleichbedeutendes gletsch (glatsch),
ebenfalls nur schweizerisch, s. Staub-Tobler 2, 655.
als '
glatteis, eisfläche auf wegen und gewässern': gang nid uf-e gletscher '
auf die beeiste strasze' Staub-Tobler
a. a. o.; isgletscher
glatteis ebda: wie man in Kratzerentobel kam, do lag ain gletscher über die strasz inher, dass er (
der reiter) ze fuess gon muesst Joh. v. Watt 1, 338
Götzinger. 22)
die schriftsprache schränkt den gebrauch von gletscher
auf die regionen des hochgebirges ein, versteht jedoch darunter nicht ausschlieszlich die heutige fest umrissene bedeutung (
s. u. d). 2@aa)
in nachwirkung der ursprünglichen bedeutung 'glacies'
steht gletscher
anfänglich mehrfach im sinne von gletschereis,
von dessen härte, reinheit und heilkraft man durch Seb. Münster
wuszte. in seiner cosmographia (1544) 359
stehent [] ältere und jüngere bedeutung nebeneinander: was bei den gletscheren verstanden (
kapitelüberschrift). wiewol die gletscher nit bergwerck noch metallen seind, seind sie doch gleichformig in der reinikeit den lauteren cristallen, werden zum mherern theil gefunden gegen mittag uff den höchsten und wilden bergen, die man nent schneeberg, ist aber nit schnee noch eysz in seiner natur eigentlich, ist viel mere ein verhertet eysz, daz uff der höhe der bergen nümmermere zerschmeltzt, sunder von zwey oder drey tausent jar her do gelegen ist und garnah zu eim stein worden ... es braucht auch daz landvolck den gletscher in tödtlichen kranckheiten für artzney, nemlich do mit zu stellen disenteriam.
teils inhaltlich, teils wörtlich kehrt diese darstellung wieder bei Joh. Stumpf
Schweizerchron. (1548) 2, 284
b, L. Lavater
d. buch Job (
Zürich 1582) 241
und Matthias Burglechner
tyrolischer adler (
um 1610),
s. zs. d. dtschen u. österreich. Alpenvereins 59 (1928) 64; so dann etliche der allerhöchsten und wildesten gebirg sölichen schnee und firn auff etlich tausend jar här stätigs besamlet habend, wirt derselbig zeletst an vilen orten so hert, lauter und klar als ein schöner cristall und verlaszt gar die natur unnd eigenschaft des gemeinen schnees und ysz, und wirt ein verhertet ysz, das auf der höhe niemer zergadt, sonder gar beinaach zuo einem stein wirt, und sölichs wirt von den landleuten genennt glettscher Stumpf
Schweizerchron. (1548) 2, 284
b; dise brunnentropfen haben auch dise art, dass kein cristall, kein gletscher ... sein wasser behalten mag, es zerspringt alles Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 46; zwischen solchen bergen (
im Wallis) findet man zu oberst in der höhe etwan gantze thäler unergründtlicher ungleublicher tieffe mit eise (so sie firn oder gletscher nennen) auszgefüllet
J. Boterus allgem. weltbeschr. (
Köln 1596) 1, 102; Plinius hat ohnzweifel das lang-verjährte schweitzerische eis, welches man gletscher nennet, ... für kristall angesehen Er. Francisci
d. alleredelste veränderung (1671) 224.
die frühen lexikalischen belege spiegeln den gleichen bedeutungsstand: glacies indurata gletzscher, wie man in Alpibus uff den schnebergen findet
vocab. rei numariae (
Wittenberg 1558) n 6
b; gletzscher
glacies indurata Dentzler
clavis (
Basel 1716) 309
b;
in anlehnung an Seb. Münster: gletscher
ein verhärte eysz gleichförmig in der reinigkeit dem lauteren cristallen Henisch
teutsche sprach (1616) 1648. 2@bb)
daneben begegnet schon früh die anwendung auf vereiste berggipfel und -hänge. gletscher
ist daher im älteren schrifttum wiederholt name eines bestimmten berges, ohne dasz sich immer ausmachen liesze, welcher gipfel gemeint ist. vgl. aus dem romanischen die fest gewordene benennung Monte Rosa
d. i. mont roisier '
gletscherberg': apud Sedunos mons est quem quidam Silvium nuncupant, Salaszi Rosae nomen ei imposuere, in hoc monte ingens est glaciei perpetuae cumulus ... Valesiani hunc a glacie den Glettschert denominarunt Josias Simler
Vallesiae descriptio (1574) 74
b; Silvius mons, von Teutschen der Gletscher genannt, von wegen das ein ewiger firen und gletscher auf seiner first ist (
vor 1572) Äg. Tschudi
Gallia comata (1758) 361
J. J. Gallati; ir rAeten warn fon Giwaltar ... fom fall am Lauffen zu Schiffhausen, fom Gletschar unt fom fernen rägen Fischart
Gargantua 47
ndr.; in Schweitz seind grosse berg, als der Gotthart, Gletscher, Hocken Paracelsus
chir. bücher u. schr. (1618) 54
b; unden an dem hohen berg, der Glitscher genand, nembt der herrlich und in alten historien vilberümbte flusz, der Rein, seinen ursprung H. Schickhard v. Herrenberg
beschreib. einer reisz ... in Italiam (1602) 14; dieses vornehmen flusses eigentlicher ursprung und erster quell soll in denen Graubundten dem hohen gebürg, der Glitscher genandt ... zu finden sein
d. neugierige u. veränderte Teutschland (1684) 20. 2@cc)
schlieszlich bahnt sich im 16.
jh. auch die heutige bedeutung an, so in dem frühesten beleg: (do) zugent sy an
[] den gletscher wider Lömschen in, gewunnent die huot an dem wilden Elsiken und lagent die nacht uff dem gletzer ..., als man uff den gletscher lag, do regnett, schnygt und haglet es Petermann Etterlin
kronika von d. loblichen eydtgnoschaft (1507) 69
b; diser glettscher ist an vilen enden unergrüntlich tieff, offtermals spaltet er auf, machet grosse weite spält und schrunden; so sich die aufthuond von neuwem, gibt es ein so grausamen thon oder knall, als wölte das erdtrich brechen Stumpf
Schweizerchron. (1548) 2, 284
b. anfenglichen ist zuo wissen dasz diss land (
Wallis) gerings umb beschlossen mit grausamen hohen bergen, ... die ... zuo ewigen zeiten entweders mit gletschern oder schnee bedeckt seind Seb. Münster
cosmographia (1550) 389; deszhalben so man den gebrauch hinweg thut, ist nicht daran gelegen, du habest gold oder stein, ein adamant oder eisz, so von dem gletscher herkommen H. Pantaleon
warhafftige bestätigung (
Basel 1571) 25; (
der viehauftrieb erfolge über einen) hochen, wilden, beschwerlichen und unsicheren glötschner oder verner; (
es sei) nunmehr aus dieser ursach ummüglichen, dieweil diser gletschner oder ferner von jar zu jar, je lenger, je mehr nit allain wilder, kelter und schärfer, sonder auch mit zerspaltung, aufwerfung und weiterung der kliffter (
klüfte) sich zaigen thue (1595
aus dem Paznauntal)
zs. d. deutschen u. öst. Alpenvereins 59 (1928) 22; (
es werden) auch bey dem Rofner überaus hoche perg gesechen, darauf die ewigen ferner oder glätscher ligen (
um 1610) Matthias Burglechner
tyrolischer adler, ebda 62; es seyen auch diszorts tzway underschidliche täler, davon das ain auf der linggen seiten Oxenthal genannt würdt, durch dasselb kan man jedoch mit groszer gefar über ainen hohen gletscher ins Engendein komen, das ander thaal würdt genant Klosterthal, von dannen kombt man auch über ainen hohen gletscher ins Bretigew zum kloster (1612,
aus d. Bludenzer herrschaftsurbar)
bei W. Flaig
Silvrettabuch (1940) 78; anno 1595, den 24. maij umb die 2. nach mittag, hat sich gegen S. Bernhard zu ein gletscher oder schneeberg oberhalb Sanct Brantschier gespalten und sich herab in das fürfliessend wasser gestürtzt S. Münster
cosmogr. (1628) 689. 2@dd)
die so entstandene mehrdeutigkeit machte eine schärfere abgrenzung in der geographischen literatur notwendig, vgl.: wir bitten den leser niemahls zu vergessen, dasz wir unter dem gletscher nicht die eis- und schneeberge, viel weniger das flache eismeer (
das firnbecken), sondern nur das durch die voneinander stehende berge hervorgetriebene eis ... verstehen und solche auswürffe, unter welchen her das wasser aus dem eismeer hervorfliesze Joh. Georg Altmann
beschr. d. helvetischen eisbergen (
Zürich 1751) 41;
im streng fachsprachlichen sinne umfaßt gletscher
freilich heute nicht nur, wie hier, die sich tatwärts senkende gletscherzunge, sondern auch das quellgebiet des gletschers, das firnbecken. 2@ee)
der allgemeine sprachgebrauch geht jedoch, obwohl die geographische fassung des begriffes sich in der gegenwart mehr und mehr durchsetzt, darüber hinaus und versteht unter gletscher
nicht nur sogenannte '
hängegletscher', (
auch '
kar-, plateaugletscher'),
sondern auch firnhänge und ragende gipfel überhaupt. engere und weitere fassung des begriffes gehen daher in der literatur lange neben einander her: die morgenröthe, die untergehende sonne, ... die eiszberge, die von den Schweitzern glätscher genannt werden, sind alles sachen, die nach gantz verschiedenen weisen auf das gemüthe würcken J. J. Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 81; (
man) sieht die hohen eisberge, nebst dem aus der höhe ins thal herabhangenden gletscher
anmuth. gelehrsamk. (1751) 4, 186
Gottsched; von diesen (
eisbergen) strecken sich fünfe durch fünf verschiedene öffnungen ins Siementhal und werden gletscher genannt
J. Moore abr. d. gesellsch. lebens (1779) 118; die hochgethürmten glätscher, die kalten eisthäler Musäus
physiognom. reisen 4 (1779) 100; nur der see und die weiszen gletscher leuchten im mondenlicht Schiller 14, 315
G.; vor ihm (
dem Montblanc) sahen wir eine reihe von schneegebirgen dämmernder auf den rücken von
[] schwarzen fichtenbergen liegen, und ungeheure gletscher zwischen den schwarzen wäldern herunter ins thal steigen Göthe I 19, 247
W.; gegen 2 uhr in Grindelw. angekommen, sahn den ausflusz des untern glätschers III 1, 101; dumpfdonnernd, wie die hölle in Aetnas tiefen rast, kracht an des bergstroms quelle des gletschers eispallast (1790) Fr. v. Matthisson
ged. 1, 181
lit. ver.; auch den eispol hab ich besucht; da thürmten, chaotisch untereinandergewälzt, schröcklich die gletscher sich auf Hölderlin
s. w. 2, 27
v. Hellingrath; granitblöcke mit blüthen bedeckt, die einsam aus den Savoyischen glätschern hervorragen A. v. Humboldt
ansichten d. natur 1 (1808) 316; der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher gletscher des Walliserlandes Grimm
dtsche sagen 1 (1891) 227; auf der andern seite bedeckt eine donnerschwangere wolke ... den gipfel eines gletschers
deutsches museum (1812) 2, 187; wie schauerlich steht dort der gletscher reihe Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 8, 222; sieh da, die Alpenkette weit hinaus mit den gezackten leuchtenden gletschern B. Auerbach
schr. (1892) 17, 201; (
er) sah den weiten stillen kreis von gletschern im hellsten mondenscheine über den wäldern Eichendorff
s. w. (1864) 2, 481; reizende stille einsamkeit (
in den steirischen bergen), zwar keine gletscher, aber doch schneeige köpfe Bismarck
br. an s. braut (1900) 352; der kaiser (
Napoleon) voran und hinterdrein klimmend die braven grenadiere, während aufgescheuchtes gevögel sein krächzen erhebt und die gletscher in der ferne donnern Heine
s. w. 3, 158
E.; hoch oben vor dem tiefblauen himmel glühte festlich entrückt das diamantene eis der gletscher R. Bach
reich der kindheit (1936) 257.