steckbrief,
m. ,
amtliches ausschreiben, welches unter darbietung einer genauen personalbeschreibung zur verhaftung eines gerichtlich beschuldigten, welcher flüchtig ist oder sich sonst verborgen hält, auffordert. vgl. Holtzendorff
rechtslexicon3 3, 780.
die herkunft der bezeichnung ist zweifelhaft; beliebt ist heute die herleitung aus dem gebrauch der westfälischen feme, einem verbrecher den ladebrief zusammen mit einem königspfennig bei nacht in den thorriegel des hofes zu stecken Jak. Grimm
rechtsalterthümer 845;
auch sonst findet sich dergleichen: so mugent si den brief an die porten, da dan sin wonunge ist, stecken und henken oder under der porten instoizen und hant damit ir botschaft recht und redelichen verkundiget
quelle von 1325
bei Wenck
hessische landesgeschichte 1, 302,
doch auch hier nur dann, wenn sich die gehörige, d. h. persönliche ladung nicht ermöglichen läszt: adressat der ladung ist aber doch immer der beschuldigte selbst; es fehlt also durchaus hier das unserm steckbrief
wesentliche moment der verhaftsaufforderung, gerichtet an fremde behörden u. s. w. so hat denn mehr wahrscheinlichkeit, dasz steckbrief
sich mit hinblick auf 1stecken
verb. 18
erkläre: '
ein brief, welcher einem heimlich zugesteckt wird, heimliche nachricht giebt'
von einer behörde heimlich an eine andere gesandt, um eines flüchtigen verbrechers habhaft zu werden; erst durch die zeitungen wurde der steckbrief
eine öffentliche, allen zugängliche bekanntmachung: er nimmet stekkbriefe mit von der obrigkeit des orts ... und bringt beede zu gefänglicher verhaft Harsdörffer
frauenzimmergesprechspiele (1641) 6, 302 (steckbrief
teutscher secretarius (1656) 1, Ee 5
a); steck-
sive stöckbriefe
literae accusatoriae Stieler 240,
weil sie die verhaftung, d. h. festsetzung des verbrechers veranlassen sollen (
vgl. einen ins gefängnis stecken
unter 1stecken
verb. 10);
so stark drängte sich dieses moment [] der älteren sprache in dem wortbegriff hervor. steckbriefe
lettere di arresto di qualche gran malfattore fuggitivo Kramer
dict. (1702) 2, 924
c;
dasz hier aber das wortbildende moment überhaupt verborgen liegt, macht deutlich: vnnd ist darauf vnser bedencken, das ir den befeder vnd seinen mithelfern mit vleis nachtrachtet, ob ir die zu hafften bringen möchtet, do ir auch dortzu unserer hafft- oder steckbrieffe bedurffet, seindt wir euch dieselben mitzuteilen gnediglich geneigt
quelle von 1555
bei Diefenbach-Wülcker 863.
vgl. auch die entsprechenden begriffe fangbrief (
th. 3
sp. 1311)
und haftbrief (
th. 4, 2
sp. 132) —
vgl. auch noch: ich musz sie besuchen, ob sie auch etwa steckbriefe bey sich haben Creizenach
schausp. englischer comöd. 177 ,3 (
bestrafter brudermord 4, 1); in solchem lichte und glantze offenbarete er sich auch vom himmel herab dem apostel Paulo, da er vor seiner bekehrung mit steckbriefen nach Damasco reisete Sperling
Nicodemus quaerens (1718) 1, 556,
gewisz keine entsprechungen zur ladung durch den femboten. aa) einen steckbrief ausstellen; einen steckbrief erlassen (
durch die zeitungen): zum überflusz mag noch ein steckbrief in die zeitungen gerückt werden Tieck
schriften 5, 300; er hat sich aber von Basel nach Mülhausen begeben, dahin aber Bulingerus alsbald steckbrieffe nachgeschickt Arnold
unpart. kirchen- und ketzerhistorie (1699) 2, 320
a; wir wollen ihm steckbriefe nachschicken, damit er seinem richter nicht entlaufe Gottsched
deutsche schaubühne 5, 349; man hat ihm steckbriefe nachgeschickt, ... ein preisz ist auf seinen kopf gesetzt Schiller 2, 17 (
räuber 1, 1); alle kinder, die jährig und drunter sind, in Bethlehem morden lassen und sodann flüchtigen fuss setzen können, ohne dasz ihm steckbriefe nachgesandt werden können, ohne dass er einzuhohlen und zu bestrafen ist? Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 189.
auch: es wurden steckbriefe und boten zu fusz, zu pferde und zu wagen, ausgesandt 2, 402. — Reinhold habe falsche wechsel geschmiedet und werde desshalb mit steckbriefen verfolgt Göthe 41, 1, 157
Weim.; auf dem marktplatz steht ... der polizeicommissarius ... er controlirt pässe und wanderbücher, oder macht auf steckbriefe aufmerksam Gutzkow
werke (1872) 11, 47; die vom herzoge nachgesendeten steckbriefe wies man in Preussen und Hannover als offenbar willkürlich zurück Treitschke
deutsche gesch. im 19.
jahrh. 3, 561; einen steckbrief erneuern,
damit das fragl. verbrechen nicht verjähre. ein steckbrief ist erledigt. bb) steckbrief
als subject und in gröszerer activität: als schon auf allen straszen steckbriefe voran flogen Hebel 2, 215
Behaghel; kein verdacht drohte, keine requisition verfolgte, kein steckbrief bezeichnete sie Holtei
erzähl. schriften 3, 99; die steckbriefe waren angekommen Auerbach
schriften (1892) 10, 47.
vgl. von besserer einrichtung des laufs der steckbriefe Möser
werke 3, 162 (
überschrift). cc)
in erweitertem gebrauche: o ja! aber warum rennt man so hastig, dasz man, wenn man vielleicht ein dieb ist, sich selbst für den steckbrief zeichnet? Hebbel 1, 1, 345
Werner; sie verfolgen meine muthmaszlichen gedanken mit steckbriefen, sie sprechen zu mir ganz wie ein polizeisekretär Riehl
Eisele und Beisele (1848) 190. dd)
der grad der genauigkeit und ausführlichkeit einer beschreibung soll deutlich gemacht werden: o! ich wollte ihn so beschreiben, wenn ihm der steckbrief gefertigt werden sollte Knigge
roman meines lebens (1781) 3, 62; ich weisz, dasz personalbeschreibungen, so genau wie steckbriefe, jetzt unerlässliches bedürfniss für jeden historischen roman sind Gaudy
werke (1844) 12, 27; er beschreibt das ungethüm so genau, dasz die polizei einen steckbrief danach abfassen könnte Hebbel
werke 1, 12, 67
Werner; die archaeologie ist erst in ihren anfängen; freilich auch noch nicht in gefahr, von werken des genies im stil von steckbriefen zu reden Justi
Winckelmann 2, 1, 383.
neben charakteristik: fatal ist, dasz diese äuszere charakteristik, dieser steckbrief seiner literarischen physiognomie leider gut getroffen ist Görres
briefe 3, 253.
dasz es aber ein heimlich zugesteckter brief sei, scheint auch im folgenden der nebensinn des wortes anzudeuten: duldet man ja doch, fast möchte ich sagen mit übermenschlicher humanität, die erbärmlichsten
[] steckbriefe über universaltincturen, gesundheitschocolate und die essentia miraculosa coronata; selbst bey hundertfacher wiederholung Lichtenberg
vermischte schriften 7, 383. ee)
als letzte scherzhafte krone aller briefschreiberei erscheint der steckbrief: dieses mal wars (
der brief) ein expresser, das nächste mal wirds ein steckbrief Lichtenberg
briefe 3, 159. ff)
in weiterer zusammensetzung: steckbriefen verb., in einem steckbrief, im steckbriefstil beschreiben: nach herzenslust hat er sich über sein liebes ich ausgequetscht und seinen lebenslauf gesteckbrieft Jahn
werke 2, 777
Euler. —