gans,
f. anser. II.
Formen und verwandtschaft. I@11)
von auswärtiger verwandtschaft war längst bemerkt, dasz gans
mit gr. χήν und lat. anser '
überein kommt' Frisch 1, 318
a (
vgl. Wachter 521),
als durch Bopp
das altindische wort hinzutrat, das unserem noch näher liegt, hañsas
m., hañsî
f., und auch die slav. wörter, die schon Henisch
mit aufführt, erwiesen sich als verwandt und zum deutschen am nächsten stimmend im altsl. gsĭ
f. Miklos. 151
a,
poln. geś
f. (gska
f. gänschen, gsiór
m. ganser),
polabisch gongs, gunss
u. ä., s. Schleicher polab. sprache 118,
dann mit vollends verlornem -n
sloven. gós,
russ. gus,
niederwend. guss,
und mit dem gewöhnlichen umsatz von g-
in h-
böhm. hus, husa
f., oberwend. husy
pl., sing. husyca
f. (
gänschen).
auch litt. žasis,
genauer žąsis,
schemait. žansis (Schleicher
comp. § 191),
lett. zôss,
altpreusz. sansy Nesselm.
voc. s. 42.
auch das kelt. ist verwandt, s. u. 5,
a. weiter ausgreifende vergleichungen s. bei Diefenbach
orig. eur. 347
ff., Pictet
orig. indo-europ. 1, 387
ff. I@22)
am alterthümlichsten erscheint die hd. form: ahd. cans, gans,
anser, auca, pl. cansi, gensi Graff 4, 220;
mhd. gans,
pl. gense,
auch noch im gen. dat. sg. gense,
z. b.: zallen zîten drôt er mir (
mit dem messer) als einer veiʒten gense (: Ense). Neidhart 80, 34,
vgl. unter II, 2,
c, β.
Nebenformen auch in der übergangszeit spärlich, z. b. aucula ein clein
gense Dief. 59
c, gänsz
auca (gantz
anser)
n. gl. 41
a,
noch henneb. gense
f. Fromm. 4, 315 (
oder für gänsin?),
also der umlaut in den nom. sg. vorgedrungen (
worauf vielleicht ente
neben ant
einwirkte),
was auch nd. nrh. vorkommt, s. gäus, gOes Fromm. 5, 279;
gansch s. u. 4,
c; merkw. im 15.
jh. gangs Schm. 2, 56, Birl.
Augsb. wb. 180
a (gengslin
ansela),
wol zur bezeichnung des näselns, s. 3,
c. I@33)
aber auch im germ. erscheint das n
gewichen, wie es im altslav. und schon im skr. als halbvocalisch im verschwinden war. I@3@aa)
altn. gâs,
pl. gæs,
mit eingetretener ersatzdehnung (gassi
m. ganser, s. u. gänsel 2),
ags. gôs,
pl. gês,
engl. goose,
pl. geese,
schwed. gs,
norw. dän. gaas,
isl. gás (
gespr. gaus).
Ebenso fries., z. b. ostfr. gôs,
pl. gosen, gose, göse Stürenb. 73
b,
nordfries. gôs Outzen 101, gus,
pl. ges Johansen 102
b.
Ferner mnd. gôs,
im pl. gôse
Rein. vos 1997. 2915,
doch vermutlich mit umlaut gespr.; goes Chytr. 331, gosz 335,
jetzt theils gôs (gûs),
theils gaus,
pl. gæs
oder gäus,
auch im norddeutschen hochdeutsch, z. b.: junker auf dem lande, die ihren frauen nicht gern hafer geben, dasz sie
gühsen mesten können. Coler.
hausb. 365.
aber auch noch gâs,
im Götting. ('
selten gôs') Schambach 59
b,
selbst in zusammens. gâseblaume, gâsekop
neben göæsekop
u. ä. 59
b. 66
b.
mnl. goes,
jetzt aber gans,
pl. ganzen,
wie doch auch schon mnl. (
fläm. noch goos Schuerm. 159
b). I@3@bb)
auch mnd. und mnl. mit n,
ersteres z. b. Uhland
volksl. 567
ff., pl. gense
Rein. vos 1632
und gl. (
Lübbens ausg. s. 58),
auch gansen dat. pl. 1673,
als acc. RA. 595,
das gestützt ist durch das gâse-
in zusammens. neben göæse-
vorhin, auch gansesmalt 15.
jh. Dief. 64
a, gensetegede
Ssp. II, 58, 2 (
s.gänsezehnte);
mnl. gans
Rein. 1701, gansen
dat. pl. 1745,
wo doch an hd. einflusz nicht zu denken ist. es müssen wol im altnd. gebiete gôs
und gans
neben einander bestanden haben (
wie alts. cûst
neben cunst,
s. V, 2667).
Ebenso im nrh. gebiete, im weitesten sinne verstanden, denn der Teuthonista gibt aus Cleve nur gans,
pl. dat. gansen 99
b,
die Cölner gemma 1511 gans B 3
a (
aber gante
ganser),
während in Luxemburg gôs,
pl. gês
oder gais
vorkommt Gangler 184,
aber gänskraitchen
gänsekräutchen 163;
auch siebenb. goas. I@3@cc)
umgekehrt erscheint auch oberd. einzeln das n
geschwunden oder im schwinden: sonneberg. gs (
pl. gens) Schleicher 20;
nürnb. gãs Fromm. 2, 84,
mit genäseltem a,
ebenso schwäb. Schmeller
bair. gramm. § 567 (
wie krãz
kranz u. a.);
schweiz. gaus
f. gans im canton Luzern Stalder 1, 432;
schwäb. findet sich gaũs Birl.
Augsb. wb. 180
a, gûs, gusel
f. gans in der kindersprache Schmid 250 (
s. auch gôsz
ganser u. II, 1,
b);
vgl. schweiz. kûst
für kunst V, 2667 (
schon in ahd. zeit), Weinhold
alem. gr. 168.
ein erster ansatz zum schwinden des n
ist die verlängerung des a, gâns, gânser
u. ä., in md. und nordfränk. mundarten, z. b. hess. Vilm. 115,
thür. I@44)
aber im auslaut auch abweichend gestaltet. I@4@aa)
einmal wie von einer stammform gan,
die zu gr. χήν stimmen würde, ein name des gansers, mnd. ganre anser mas Hoffm.
hor. belg. 7, 26
a aus der nd. gemma Lpz. 1503,
jetzt in Fallersleben gander Fromm. 5, 145,
aber noch nordfries. gaaner Outzen 102,
holst. ganner Schütze 2, 53,
in der Zips goner Schröer 55
b, gna
darst. 243 (
also auch md.),
sächsisch gânert
für gâner (
wie gänsert
für gänser).
ferner in engl. mundarten ganner Halliw. 391
b,
älter schott. ganer, ganaris
pl., s. Jamies. 1, 454
b,
schon ags. ganra Ettm. 709, Wright
vocc. 29
a.
daneben steht zwar, wie nd. gander
vorhin, engl. gander,
ags. gandra,
aber diesz ist aus jenem eher begreiflich, als umgekehrt, durch einschub des d
wie in ἄνδρα aus anra,
nhd. minder
aus mhd. minre
u. ä. oft. Auch hd. ein oder zwei spuren davon, einmal in oberbair. gander
ganser Schm. 2, 53,
aber mit der aussprache ganer
oder ganr,
die denn auch da die urspr. form bewahren mag, denn diesz bair. gander
dem nd. ganter (
s. e)
gleichzusetzen ist nicht möglich. dann in dem ganner,
der tauchergans des Bodensees sp. 1255,
wo in der nebenform gann
vielleicht auch das fem. dazu bewahrt ist; wenn sich einmal eine aufzeichnung des 13.
statt des 16.
jh. finden sollte, wird sie vielleicht ganre
oder ganer
m. und gane
oder gan
f. bieten. auch md. gantrich (
nördl. v. Leipzig)
ganser wird eig. gandrich,
urspr. ganerich
sein. I@4@bb)
schon unter ganner
ward ags. ganot
fulica verglichen, bei uns ist fulica hagelgans, snegans
u. ä. Dief.
n. gl. 184
b,
im prompt. parv. 186
a ist ein vogel verzeichnet gante,
bistarda (
bistarda trappe, trapgans Dief. 75
c),
der herausg. und Douce
bei Halliw. 391
b sieht darin den heutigen gannet,
d. i. pelecanus bassanus, die schottische gans, bes. im Frith of Forth heimisch; aber gannet
heiszt der vogel eig. in Cornwallis und Irland (Nemnich 4, 893),
welsch aber gan
oder gans (
das. 894).
wie dem auch sei, das ags. gannot,
gewiss nicht entlehnt, war der name einer gänseart und das altengl. gante
ist in der form dasselbe wort. I@4@cc)
mit ganot
aber stimmt in der hauptsache ahd. ganazo
und ganazzo
anser, auch 'ganzo
vel antrech,
anetus' Graff 4, 220;
man sieht nach diesem ganzo
und dem späteren ganze, ganz
ganser (
s.ganze)
das ganazo
als erweitert an mit unechtem a,
aber es wird umgekehrt sein. kommt doch bei den gleichen lauten von ahd. ganz
integer unter allen formen bei Graff 4, 221
ff. nicht eine mit so eingeschobenem a
vor, zu ganazo
aber tritt stützend als nebenform ahd. ganizo Schm. 2, 56, ganitzo
gl. blas. 72
b,
mhd. ganiz anser (
neben gans
auca) Mones
anz. 3, 50,
noch im 15.
jh. ganysz
anser Dief.
n. gl. 25
b (
ja noch östr. ganis
m. Höfer 1, 270,
vgl. u. II, 1,
b),
mit echtem i,
denn daraus begreift sich der umlaut in genz ganser Germ. 12, 204,
jetzt sächs. gensch (
auch gænsch),
ohne umlaut im voc. inc. teut. gansch anser (
neben gans
auca, s. II, 1,
b),
sodasz das ahd. wort zugleich mit weichem und hartem z
gegolten haben wird, wie auch in schwacher und starker form zugleich. I@4@dd)
dasz das -z
bildend war, nicht stammhaft, verbürgt auch das merkw. östr. gánauser ganser Castelli 137, Schm.
2 1, 924,
älter gónaus 917, Nemn. 1, 261,
in Presburg gónauser Schröer 55
b.
es wird neben altem ganazo (
auch ganaʒ?
s. II, 1,
b)
und ganizo, ganiʒ
auch ganuʒo, ganuʒ
bestanden haben, das durch irgend welchen einflusz auch zu gánûʒ
wurde (
vgl. z. b. kückaus
und gúckuser
kukuk V, 2523).
so galt für ente ahd. anat, anit
und anut (Graff 1, 335
fg.),
für binse pinaʒ, piniʒ
und pinuʒ (3, 130),
und auch da findet sich solche höhere betonung, verlängerung, ausweitung der endsilbe in bair. bímaiszen
binse Schm. 1, 175, 15.
jh. pimissen
das., pimisz Dief. 519
a,
in einem voc. inc. teut. b 8
b bimszen
scirpus und bimissen
ulva, est quaedam herba, liesch,
ein verwandtes gewächs. und merkw. auch für anser in einem bair. voc. d. 15.
jh. gamaizz Fromm. 4, 291
b,
mit -m
für -n
wie eben in pimisz
u. s. w. für biniʒ.
An einer stammform gan
neben gans
ist nicht zu zweifeln, wie ähnlich vuhs
fuchs in goth. faúhô,
mhd. vohe
eine stammform fuh
neben sich hat. I@4@ee)
nd. steht neben gôs
gans gante
m. ganser Brem. wb. 2, 482, Dähnert 141
b, Schambach 59
b (
acc. sg. und pl. ganten),
mnd. gante,
auch nrh. in der gemma Cöln 1511 B 3
b, gaent Dief. 37
a;
auch mit umlaut nd. ghente
in einem nrh. gefärbten nd. voc. Dief. 37
a,
wie noch nl. gent,
pl. genten,
mnl. ghent
hor. belg. 7, 12
a;
sie entsprechen dem hd. ganze
und genz,
werden also auch gleiche entstehung, d. h. alts. ganato, ganit
u. ä. hinter sich haben, entsprechend dem ags. ganot
u. b, das engl. ebenso zu gant
wurde, auch für ganser: a gose and a gant Halliw. 391
b.
wegen ganter
s. u. ganser. I@55)
noch bleiben aber fragen übrig. I@5@aa)
haupts. nach dem gantae
des Plinius hist. nat. 10, 22 (
var. ganzae)
von gänsen in Germanien, die dort so hieszen und selber oder ihre federn bis nach Rom bezogen wurden; es ist gewiss haupts. an die Rheinlande gedacht, er nennt die Morini, ein belgisches volk, von wo sie herdenweise bis Rom getrieben wurden; s. dazu Diefenbach
orig. eur. 347, Hehn
kulturpflanzen und hausthiere 268.
diesz ganta
kann dem auslaut nach nicht das ahd. gans,
der sache nach nicht das ahd. ganzo
oder nd. gante
sein, das mit seinem -z
oder -t
zu bestimmt den ganser bezeichnete, um von gänsen überhaupt gelten zu können. Es wird aber keltisch sein, wo noch heute dentaler auslaut gilt: ir. gäl. gédh, géadh
f. gans, corn. guit, gûdh
gans u. s. w. (
s. Diefenb.
a. a. o. 349, Pictet 1, 388);
ausfall eines n
vor t
mit ersatzdehnung ist im kelt. zum theil ein regelrechter vorgang (Zeusz-Ebel
gramm. 42),
für ganser aber findet sich noch jetzt ir. gäl. gandal.
möglich übrigens dasz im alten Rheinlande sich ein gall. ganta
gans und ein germ. ganata
ganser berührten. I@5@bb)
das ganta
gilt aber noch bis tief ins mittelalter im latein, auch rom.: prov. ganta, guanta,
wilde gans, storch Rayn. 3, 423
a,
noch jetzt ganto (
auch kranich),
altfranz. gante, gente
gans (Diez
wb.2 1, 202);
vom mlat. s. Ducange,
auch Diefenb. 347 (
als wildgans z. b. II, 1,
e),
es hat mit dem deutschen nichts zu thun, wird aber für Irland bezeugt bei Giraldus topogr. Hiberniae 1, 18 aucae minores albae, quae et gantes dicuntur,
zugleich mit bezugnahme auf Plinius wie es scheint. I@5@cc)
aber auch das deutsche wort erscheint auf rom. boden, deutlich als rest aus alter zeit: span. gansa
f. gans neben oca,
und dazu ganso
m. ganser (
auch gänsebraten)
neben ansar, gansaron
m. junge gans; port. ganso
m. ganser, gans. auch altfranz. nach Roquefort 1, 665
b ganse
wilde gans, storch. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11) gans
in seiner genaueren bedeutung. II@1@aa) gans
f. gilt zwar im genauen sinne für das weibliche thier, aber auch als gesamtwort, mit einschlusz des gansers, wie umgekehrt lat. das masc. anser (
das doch auch als f. vorkommt)
mit für die gans, obwol es gewiss eig. den ganser bezeichnete, wie es denn die alten vocc. meist festhalten, indem sie für das weibliche thier das volksmäszige, spätlat. auca
aufnehmen, z. b.: gans, auca,
aber gantz, ein herr unter den gensen, anser
voc. 1482 k ij
a;
so war auch das skr. m. hañsas
zugleich ganser und gans überhaupt (Wilson
2 967
a).
bei uns gilt das f. ebenso z. b. bei ente, ziege,
selbst kuh (
s. V, 2547),
während das n. bezeichnender wäre wie bei huhn.
s. übrigens auch gänsin. II@1@bb)
ein masc. gans kommt zwar hd. vor, doch nur scheinbar, während im schwed. neben gs
f. mundartlich wirklich gas, gAes
m. besteht, s. Rietz 187
b (
wie gr. χήν m. und f.). II@1@b@aα)
östr. im 15.
jh. gans
m. ganser, gänserich: der herczag hort dy wort des mans und sprach 'ja pocz hinkender gans!' daʒ was allwegen gern sein swur (
d. h. fluch) ... Beheim
Wiener 332, 1 (
vgl. mnl. gansbloed, gansdood
verhüllend für gods blod Oudem. 2, 350);
ebenda 332, 30
heiszt es (
auszer dem reime) pocz hinkender gancz!
und beides ist dasselbe, letzteres aus dem ahd. ganazo,
das andere aus ahd. ganaʒo
oder ganaʒ
geworden, das sich eben daraus und aus anderem ergibt. aus Schmalkalden gibt Vilmar 115 der gâns
ganser, in der ausspr. gûns (
vgl. henneb. 'gôënz'
ganser Fromm. 4, 315,
d. i. ganze),
leider ohne den pl. II@1@b@bβ)
reiner erhalten im äuszersten südosten in gânes m. ganser (
neben gans
f.)
in der Zips Schröer 53
b,
das unmittelbar auf ahd. ganaʒ
oder ganuʒ
zurückgeht, gewiss auch mhd. noch ganeʒ;
auch das östr. ganis
ganser u. I, 4,
c mag dasselbe sein, doch vgl. dort ganisz 15.
jh., freilich mit fehlendem umlaut. Eigen aus derselben gegend bei Schröer
nachtr. 28
a gansai
m., s. über diesz -ai
das. 15
b und Haupt
zum üblen weibe s. 70;
es ist kosend gemeint, vgl. u. gänsel. II@1@b@gγ)
ein voc. inc. t. g 1
a (Dief. 37
a)
gibt neben gans
auca gansch anser, masculus aucae, wo eine ältere ausg. h ij
a gantz
hat; vielleicht ist das gansch
die fortsetzung eines mhd. ganʒ
m. neben ganz
m. und gans
f., obwol auch -nsch
aus -nz
nicht unmöglich ist (
vgl.gensch
u. I, 4,
c).
mhd. ganʒe
ganser ist bewiesen durch nhd. ganse (
s. d.),
für ein ganʒ
neben ganz
spricht wol auch das würzb. gôsz
m. ganser Schm. 2, 76 (
vgl. I, 3,
c).
Eigen auch bei Kil. 750
b 'gans, gent
anser mas, goes
anser foem.',
diesz gans
ganser kann wol nur aus einer hd. quelle übernommen sein, wie ganser
das er gleichfalls anführt. II@1@cc)
bei der bedeutung ist zu bemerken ein ausweichen in verwandte vögelarten. wie die gans in art und gestalt zwischen ente und schwan steht (
Linné begriff alle drei unter dem namen anates),
so wird für das sanskritwort auch die bed. schwan angegeben (
vergl.anser Amyclaeus
vom schwan Virg. Cir. 488),
die bergente,
anas tadorna, heiszt nd. auch grafgôs,
grabgans, die löffelente,
anas clypeata, nd. auch lepelgôs,
s. Kosegarten
wb. 413,
eine ahd. gl. aber gibt '
anetus, ganzo
vel antrech' (
entrich) Graff 4, 220;
vergl. das schwanken des rom. ganta I, 5,
b, das auch dem mlat. worte eigen ist: s. auch ags. ganot
fulica, das doch mit ahd. ganuʒ
ganser stimmt, unter ganner
und dieses selbst als '
tauchergans'
und '
tauchente'. II@1@dd)
noch nhd. heiszen auch andere ähnliche vögel gans,
auch heimische, z. b. die kropfgans
in Östreich (
s. Popowitsch
vers. 296),
die heergans,
der reiher, die brandgans, fuchsgans
u. a., anas tadorna, die trappgans,
trappa (
schon 15.
jh., s. I, 4,
b), hagelgans (
s. d.)
das wasserhuhn, birkhuhn; auswärtige, wie die baumgans, löffelgans, schwemmergans.
es mag urspr. schwimm- oder wasservogel überhaupt bedeutet haben, wie denn Linné unter anseres
die schwimmvögel überhaupt begriff. im skr. hiesz der flamingo hañsaka. II@1@ee)
am nächsten aber steht dem engsten eigentlichen begriffe die wilde gans, anser minor, gregatilis Aler 835
b,
die stammart aus der die hausgans durch zucht entstanden ist (
über ort, art und alter dieser züchtung s. Hehn 267
fg.). II@1@e@aα)
ahd. 'wildiu gans,
aucer' Graff 4, 220,
sie ist oberhalb grauer farbe, daher als graue
von der weiszen
hausgans unterschieden: ags. anser, hwît gôs,
ganta græg gôs Wright
vocc. 62
a,
altn. grâgâs,
s. Egilss. 264
a,
noch norw. dän. graagaas,
auch hd. bei Henisch 1350, 17 graw gans.
sonst bei uns volksm. auch schneegans, hagelgans (
und haalgans,
wildgans Henisch 1349, 62),
beide schon im 15.
jh. gleich wildgans Dief. 544
c,
bei Stieler 598
auch hagere gans,
anser sylvester, fulica; mehr bei K. Schiller
mekl. thierb. 3, 13.
auch blosz gans,
von ihrem zuge mit geschrei heiszt es: sieh da! sieh da! trompetend zieht her über feld die gans. Schmidt von Werneuchen
ged. (1797) 103. II@1@e@bβ)
in einer redensart: es ist närrisch, dasz jemand vor das alter sorget, denn es kömmt von sich selber. wol dem, der mit der wilden gans in die wette lebet!
sagt ein singender vagant
bei Weise
kl. l. 205 (
c. 9); ein ider lebet mit der wilden gans in den tag hinein. Butschky
kanz. 712. 742. 748; weil du, den wilden gänsen gleich, in tag hinein lebest. 715,
als freier wilder zugvogel, der nimmt wo er findet, gegenüber der hausgans, die es daheim gut hat, um geschlachtet zu werden; die redensart klingt recht nach den zuständen des 30
jähr. krieges. aber das erste auch in anderer auffassung bei Stieler 599
von einem der sehr alt wird, wie bei Henisch 1348, 52, Steinbach 1, 556
nur mit dieser auslegung er lebt mit der wilden gans (den wilden gänsen) um die wette,
cornice vivacior est; vgl. bei Henisch 1350, 21 ein zaun wehret drei jahr, ein hund überwehret drei zäune ... ein kraw (
cornix) drei wilde gäns
u. s. w., alt als ein schneegans 1350, 43. II@1@e@gγ)
eine ganz andere bedeutung aber musz sie noch gehabt haben, wenn man ein schweres unrecht ihnen klagte (
vgl. V, 922)): wer hie uf erden velschlich wirbt, ob der eins unrechten (
l. rechten) todes stirbt, das sei den wilden gensen klagt. Herm. v. Sachs. (
mörin?) 11
a im mhd. wb. 1, 478
b; das si den wilden gensen klagt!
Zimm. chron. 4, 327,
als könnten sie es den göttern melden, da bei den menschen keine hülfe zu finden, es wird an einen zug wildgänse und ihr '
trompetendes'
geschrei gedacht sein (
ein seitenstück zu den kranichen des Ibycus)
; ebenso den wilden gemsen klagen
Hätzl. 282
b.
die seeleute warnt ein solcher zug vor einem kommenden sturme (Henisch 1349, 68),
von wildgänsen als halbgöttlichen oder unheimlichen wesen, männlichen wie weiblichen, belege aus der gegenwart und dem 15.
jh. in J. Grimms
myth. 1051
fg.; auch die gans war gewiss eine wilde, die kreuzfahrer mitführten, und wânten daʒ der heilig geist mit der gens wêr, und wânten daʒ kung Karl ûf gestanden wêr und mit füer und si belaitte Schm.
2 1, 924. II@22)
die zahme oder hausgans (
altn. heimgâs),
auch bauerngans; Trochus H 3
a unterscheidet horningsgans
anser februus, stoppelgense
anseres minores, welsche gense,
anseres Penelopes majores (
nach Odyss. 19, 536
fg.).
sie heiszt auch die weisze gans (
s. 1,
e, α),
z. b. in der vogelhochzeit: die weisze gans mit ihrem kragen fret die braut im kammerwagen. Uhland 40. II@2@aa)
von ihrem thun und leben. II@2@a@aα) spricht man vom bindeschlüssel, so sagt mancher 'was frag ich nach dem bann? ich fresse durch den bann, wie eine gans gras frisset durch den zaun'. aber scherze, was du wilt .. Otho 1344,
zur sache vgl. rechtsalt. 595;
ihr leibfutter aber ist hafer (
daher mhd. habergans
sitzungsber. der k. k. ak. 65, 389): eine gans, die im hafer gewesen ist, läszt es nicht mehr. Frischbier
sprichw. s. 76;
darum sind sie gern im haberstroh (
vgl. d.),
d. h. auf einem geschnittenen haberfelde,
wie es auch heiszt Fromm. 4, 316,
in den schwaden (strô
von den halmen beim hauen z. b. Jeroschin 11970): wenn es wol geht, so ist ihm do gleich wie der gans im haberstro. Wolfh. Spangenberg
ganskönig II 8
a; drei gäns im haberstroh saszen da und waren froh
u. s. w. wunderh. 3, 416; drei gäns im haberstro, sie aszen und waren fro
u. s. w. Garg. 91
a (
Sch. 158),
vgl. den heil. Martinus inter anseres im stro
sitzend (
s. c, δ),
und sie waren alle fro ... und schnatterten mit schalle Uhland
volksl. 571
in einem schlemmerliede; gänse wöllen immerdar trinken. Henisch 1349; wenn ein gans trinket, so trinken sie alle. 1351, 41; trinkt ein gans, so trinken sie all.
ganskönig H 6
a; wenn die gans das wasser sieht, so zappelt ihr der steisz. Simr.
spr. 3005,
freilich mehr des schwimmens wegen. in boshaftem vergleich mit den weibern (
vgl. gänseprediger, gänsemarkt): die weiber haben éinen witz mehr als die gänse, wenn es regnet, so gehen sie ins trockne. 3008. II@2@a@bβ)
sie pfeift, zischt
einen feind an: ir geschwetz achten wir als wan uns ein gans anpfiff. Fischart
bien. 148
b (1588 162
a); es ist mir so viel als pfiffe mich eine gans an,
flocci aestimo. Frisch 1, 317
c,
vgl. gänsepfeifen; die zischende gans, die die wolligen kleinen in schutz nahm. Schmidt von Werneuchen 8.
sonst schnattert
sie vor lust u. ä. (
vergl. aus Uhl.
u. α): der gäns aigenschaft ist schnattern. Henisch 1348, 61; die enten schnattern, die gens stät dattern. Eyering 2, 131,
vgl. unter dattern,
auch dadern, dradrauen.
daher schnadergans, bladergans Uhl. 572.
von ihrem gagen, gaggen, gacken, gagagen (kaken Aler 835
b)
s. spalte 1143. 1129,
z. b.: wenn eine gans gaggt, so gaggt die andere auch. Simr.
spr. 12309;
man legte es auch aus, als ob sie ortsgeheimnisse ausschrieen (
von einer sprache der gänse, die man verstehen lernen kann, s. Wuttke
volksabergl. § 468,
gänse wahrsagend § 157. 348): die gens gagen davon,
gleich es weisz niemand dann iederman, notum lippis et tonsoribus. Frank
spr. 2, 15
a; bald gacktens auch den ganzen tag die hühner und die gänse nach. Bürger 93
b.
mehr von der bezeichnung ihrer stimmen s. Wackernagel
voc. an.2 s. 50.
von ihrem schnattern, womit eine die andere ansteckt, auch die redensart: drei frawen, drei gäns und drei frösch machen ein jahrmarkt. Henisch 1350, 51,
vgl. gänsemarkt. II@2@a@gγ)
von ihrer körperhaltung u. dgl., auch gemütsart: die falschen heiligen, wenn sie andechtig sein wöllen, werfen sie den kopf zu beiden seiten, wie eine gans gehet. Luther
gl. zu 1 kön. 18, 26; solt er an der bekandnus tanz, so wanket er gleich wie ein gans (
beim gehn) von einer seit zur andern bald.
ganskönig H 6
a;
sie haben einen watschelnden gang,
müssen übrigens barfusz
gehn, wofür sich ein bedauern vielfach ausspricht (
vgl. u. gänschen),
z. b. in einem schwäb. kinderspruche: gäns gehnt barfusz, barfusz gehnt se, keine schüelen hent se. E. Meier
kinderr. s. 124,
s. dazu Zingerle
kinderspiel im mittelalter 2.
ausgabe seite 57; gewiss die gäns gehn ungern barfusz.
Garg. 92
a (
Sch. 160); die gänse gehn überall barfusz. Simr.
spr. 3009; wer kann allen gänsen schuh machen? 3001; ich frag nichts nach den gänsen so barfusz gehen,
non curo anseres nudipedes ire Henisch 1349, 11,
d. i. ich kann mich nicht um alles kümmern, für alles sorgen, wie nd. de gœs gaon äöwrall barft,
man findet überall mängel Danneil 206
a.
von ihrem marsche s. gänsemarsch.
Ihre kopfhaltung: er sihet auf ein seit, wie ein gans die ein apfel suchet,
ex coclitum familia est. Henisch 1348, 54,
weil sie bei forschendem blicke ein auge schlieszt und den kopf nur halb zur seite dreht, besonders spaszhaft anzusehen wenn sie nach oben sieht, z. b. beim donnern, daher er guckt wie die gans nach dem wetter,
von einem verdutzten (
vgl. gänseblick), er stand da wie eine gans wenns donnert,
vgl. nd. K. Schiller 3, 10
b,
vom wetterleuchten Fromm. 5, 57; herr, wie würd wir bestan, so wir nichts in der gschrift westen? 'wie die gens am wetter'. H. Sachs
dial. 5, 25; da steht man denn mit einmal dumm und stumm, den gänsen gleich, wenns auf dem anger blitzt. Gökingk 1, 154 (180); ihr herren gaffet mich alle an wie die gans ein neues thor. Köhler
kunst üb. a. k. 112, 8,
vgl.kuh 3,
c; ein gans hat ihren aignen kopf. Henisch 1351, 20, jede gans hat ihren kopf,
quot capita tot sensus Stieler 599. man sagt die gänse wären dumm. Göthe 5, 80. es kann auch einer witzigen gans ein ei entfallen. Denzler 2, 121
a. II@2@bb)
ihr wert im hause. II@2@b@aα)
als lebende hausgenossen gelten sie ziemlich wenig, nicht mehr wie im alterthum, wo sie auch königinnen (
und göttinnen)
lieblinge im hofe waren, wie in der Edda der Gudrun im ersten Gudrunliede str. 16,
wo sie selbst an leid und klage der herrin theil nehmen (
vgl. von ihrer sprache a, β),
und in der Odyssee 19, 536
fg. der Penelope, dienten sie doch noch bei den späteren Griechen als liebesgeschenke (
s. Hehn
kulturpfl. 267).
jetzt heiszt es z. b. um der gänse willen,
für nichts und wieder nichts, z. b. in der Wetterau; und weiln er gleich mit weib und kindern aufbrach, dachte ich: er wird ja um der gänse willen nicht hinziehen (
nach Moskau).
Simpl. 2, 95
Kz. (5, 20); der gäns halben.
Werth. ded. vorr.; hast du zur sachen zu reden, so thue das maul auf und denk nicht, dasz du umb einer gans willen da sitzest. Henisch 1351, 31.
In launigem gegensatz zum menschen: ich wil .. gnuog sünden, er (
gott) mag mich doch nit loszen verloren werden, ich thue wie vil ich well, er het doch das himelrich nit den gensen gemacht, sonder den menschen,
gedanken eines leichtfertigen. Keisersberg
christ. bilg. 37
a,
vgl. u. festen
verb. (
wo mit
für nit
druckf.);
im folg. zugleich mit einer erwiderung: der himmel ist den gänsen nicht gebaut, den gottlosen auch nicht. Henisch 1497, 8;
es gab aber wirklich einen gänsehimmel (
s. d.).
Ähnlich ein trost für geklätsch und nachrede: man musz die leut reden lassen, gäns könnens nicht. Henisch 1351, 36, Frank
spr. 1, 153
b, und muesz man die leut reden laszen, die gens köndens (
praes.) nit
Zimm. chr. 3, 286, 36,
noch nd. K. Schiller
zum mekl. kräut. 3, 10
b.
ein politisch satir. spruch: dann wo nit leut sein, da setzt man dgens uf dbenk.
Zimm. chron. 4, 330. II@2@b@bβ)
aber zum hause gehören sie doch: er waisz nicht wer seine gäns sein,
albus an ater sit nescit, Henisch 1348, 66
nach Eyring 2, 454,
weisz nichts von sich und seinen verhältnissen. von einer neuen bekanntschaft die sich rasch machte, heiszt es scherzhaft z. b.: ich wuszte bald
oder er erzählte mir alle seine hühner und gänse (
auch alle seine hühnchen und hähnchen),
bes. in bezug auf seine familienverhältnisse. ja das musz nach folg. sogar einen bedeutendern hintergrund haben: e quercu natus sit an saxo ignoro, ich waisz nit, wer seine gens sind (
als übers. der lat., homerischen redensart). Schm.
2 1, 924,
seine ältern, sein geschlecht, auch meine anten und gens,
ahnen das. sp. 114,
wofür ein beleg, waisz nit wer ihre enten oder gäns gwest sein,
oben unter ente 5.
ostfries. so wît lôpen sîn göse nich,
so weit gehn seine begriffe nicht Stürenberg 73
b,
im anschlusz an rechtliche bestimmungen, wie weit eines gänse gehn dürfen, s. RA. 595.
Dunkel ist auch ein abweisendes hohnwort, wo einer nach seinen gänsen einen andern fragt: sie (
die romanisten) verachten aber die geschrift .. sprechen, ob die geschrift in der bibel alle wahr sei? und wann man in mit höchstem fleisz christlich ler (
aus der bibel) vorsagt, sprechen sie alsbald 'hastu mein gens nit gesehen?' H. Sachs
dial. 73, 13; wan dir ein groszer herr ein ere wölt thuon, dir ein essen schicken, mst er dir selber das bringen und über die gassen har tragen? das .. wer ein grosz unvernunft, er det es ouch nit, er sprech 'hest du min gens nit gesehen?' Keisersberg
christ. bilg. 211
c;
bestand der hohn darin, dasz man den andern plötzlich als gänsehirten, gänsejungen behandelte? dieses hirtenamt war doch damals nicht so gering als heutzutage: sprichw. wer spilen will, der musz nicht der gänse hüten. Henisch 1497;
sie waren gegen den wolf zu schützen, der in allerlei beziehungen zu ihnen erscheint, z. b.: wenn der wolf die gänse betten lehret, so friszt er sie auch für das lehrgelt. Henisch 1497, 19,
vgl. die gans mit dem wolfe tanzend Uhland
volksl. 566.
vielleicht waren jene worte der anfang eines volksliedes oder spieles, wie noch im Elsasz habt ihr den blauen storchen nicht gesehn? Fromm. 5, 260.
eigen dem pfaffen die gänse hüten,
sterben, gestorben sein M. Kramer 1787 2, 160
b,
eig. den graswuchs auf dem kirchhof mehren helfen für des pfaffen gänse? vgl. unter gänsehimmel. II@2@b@gγ) gans
und schwan
verglichen (
vgl. 1,
c): ein gans schnattert übel unter den schwanen. Henisch 1351, 23; gans unter den schwanen ...
Saul inter prophetas, graculus inter musas, nos poma natamus (
d. h. pferdeäpfel unter borsdorfern im bache). 1348, 43,
zugleich mit gelehrtem anhalt in Virgils videor .. argutos inter strepere anser olores
ecl. 9, 36,
vergl.nu lêrt de gans den swanen singen Tunnicius
nr. 436; kan ich nicht singen wie ein schwan, so mag ich mit den märtensgänsen schnattern oder zischen. Morhof
ged. 463,
von sich selbst in einem gedichte 'märtensgans zum hochzeitgeschenke'; warum sich diese gans bei so viel schwänen wage. Günther ...,
von einem dichter; vor dieser schar, die neben deiner schönheit schwan nur schlecht befittigt schnatterhafte gänse sind. Göthe 41, 191.
Darauf fuszt denn das bekannte wortspiel von Joh. Hus: Johannes Hus hat von mir geweissagt, da er aus dem gefengnis in Behemerland schreib 'sie werden itzt eine gans braten (denn hus heiszet eine gans,
s. unter I, 1), aber über hundert jar werden sie einen schwanen singen hören, den sollen sie leiden'. Luther 5, 302
b. Hus
als gans war in Deutschland wolbekannt, s. z. b. gänseglaube.
Übrigens ist in der altreligiösen sage oft die gans an die stelle des schwans eingerückt, s. Grimm myth. 1051, Simrock
myth. 491,
von der wildgans, an die bei dem vergleich überhaupt ursprünglich gedacht sein wird, unter 1,
c, γ. II@2@cc)
aber gerupft und gebraten wird sie hochgehalten. II@2@c@aα)
ihre federn: es will ein jeder gern ein feder von der gans haben. Henisch 1351, 29,
wo einmal gebeutet wird, will jeder etwas; politisch angewandt in Brants
klage über den verfall des reiches: den dunkt nit das er ettwas hab, wer nit dem römschen rich bricht ab ... ein ieder fürst der gans bricht ab, das er dar von ein fäder hab. darumb ist es nit wunder grosz, ob joch das rich si blutt und blosz.
narrenschiff 99, 121,
wobei zugleich an den reichsadler gedacht sein könnte. ein sprichwort: wer die gans gar hinnach wirft, wenn ihr ein feder ausgerupft ist, der ist ein närrischer hauswirt. Henisch 1351, 45 (
ähnlich bei Luther,
s. Dietz 2, 7
a),
denn sie werden auch noch lebend gerupft, man rupft an etlichen orten die gäns zweimal im jar Maaler 155
b.
ein witzwort spricht von scheren
statt rupfen,
in verkehrter welt: im fladenhaus (
s. unter gampen 1), da man die gens schirt.
lasztafel u. pract. des dr. Grillen A ij
b,
daher bei Fischart
groszm. 103 (
Sch. 628),
vgl. gänscherer. II@2@c@bβ)
als speise: esset was ihr habt, und lasset den leuten die gänse gehen,
prov. in eos qui suis non sunt contenti. Henisch 1348, 68. fette, gemästete gans,
auch als Martinszins (Martinsgans): ain gemesteu gans an sant Merteins tag.
font. rer. austr. II, 6, 273 (14.
jh.); gänse fretzen (frexen), nudeln, stopfen,
mit gewaltsamer mästung fett machen; der müller auf der obermül der hat ein feiste gans ... die wöll wir mit uns tragen (
ihm entführen). Uhland
volksl. 573; wie meint ihr herren? haltet ihr uns nicht manns genug ... dasz ihr uns den todt also tröwet als einer feisten gans? Philander
ges. (1650) 2, 720,
als sprichwort s. unter dräuen 8
und schon mhd. s. I, 2.
schon im 13.
jh. wurde sie auch geblendet zum besseren mästen, Hadlaub
MSH. 2, 287
b verlangt zur herbstfeier vom wirte, er soll besenden gense die dâ sîen blinde. II@2@c@gγ) gebratene gans,
das alte festessen im herbste: gense, hüener, vogel, swîn, dermel (
würste), pfâwen sulnt dâ sî
n. Steinmar
MSH. 2, 154
a, gänse
von den vögeln
unterschieden (
ähnlich wie der daumen
unter den fingern,
die rose
von den blumen,
s. R. Köhler
Germ. 7, 375).
auch bei Henisch 1497: vögel vor Michaelis und gänse nach Martini seind nicht am gesundesten zu essen. aber es wird viel darauf gewagt,
scherzhaft, '
man riskiert es doch'; ein gute gans ist lobenswert. ja ich wolt auch ohn all beschwert einer guten feisten gans auch nicht misgönnen mein eignen bauch, dasz sie darinnen würd begraben.
ganskönig H 5
a; dann wie das sprichwort sagen thut, kalt gebratne gänse sind auch gut. D 1,
kalter gänsebraten; es ist dem mann umb ein vogel, sagte jener fuhrmann, und legte die gans für sich (
d. h. die eine die aufgetragen war). Neander
spr. 12
Lat. Hauptsächlich zum feste des heil. Martinus, in Martinsliedern heiszt es u. a. (
vgl. besonders u. gänsevogel): so lasset uns all in gemein bei braten gensen frölich sein. Uhland
volksl. 571; bruder Urban, gebt uns vinum! ... die gans die will begossen sein, sie will noch schwimmen und baden, ja baden! so wird uns wol geraten (
d. h. zum glücke dienen) haec anseris memoria (
d. h. minne,
minnetrunk). 572.
wie allgemein die sitte war, zeigt die redensart er hat vil Martinsgäns helfen essen,
est alter Methusalem. Henisch 1351, 49
aus Eyring 2, 308,
vgl. das helfen essen
unter δ; das helfen
weist noch, obwol verklingend, auf die alte bedeutung des essens des festbratens (
vgl. u. klage 2,
a). gefüllte gans,
anser Trojanus, eine mit birnen, quitten, castanien u. s. w. gefüllte gans Comenius
orb. p. 2, 321 II@2@c@dδ)
die gans als martinsschmaus ist ohne zweifel uralt, und auch '
die mährchen, welche man von dem verkehr des heil. Martini mit den gänsen erzählet' (Adelung
unter martinsgans)
haben einen tiefen hintergrund; vgl. z. b. bei Uhland 571
den heiligen mitten unter den gänsen sitzend (
s. a, α),
eigentlich als ihr hirt (
wie S. Antonius hirt der schweine);
in einem andern Martinsliede: was haben doch die gense getan, dasz so viel müssens leben lan? die gens mit irem dadern ... sant Martin han verraten ... darumb tut man sie braten. 570;
nach einem andern liede hat der heilige den vogel vor dem wolfe errettet, und darauf der heilige sant Merten hat mein leib auch helfen essen. 567,
d. h. die Martinsgäste schmausen eigentlich mit dem heiligen, zugleich ihm zuo er Uhland 567,
in älterer formel aus dem 13.
jh. dem guoten sant Martîne ze lobe und ze minnen Stricker
kl. ged. 5, 167,
obwol da nur vom trinken der bauern und der seinen die rede ist (Mertentrunk Uhland 573).
dieser minnetrunk, eigentlich gedächtnistrunk, beim Martinsschmause lebte noch im 16.
jh., s. haec anseris memoria
unter γ am ende, wo er aber zugleich der gans selber gilt, auf die also selber von der heiligkeit des festes etwas übergegangen war.*)
das alles weist sicher auf ein götterfest aus der vorchristlichen zeit, und der heil. Martin ist an die stelle eines gottes getreten (
vgl. Simrock
myth.2 248,
reiche nachweisungen bei K. Schiller
mekl. kräuterb. 3, 12),
dem die gänse heilig waren, wie er denn als hirtenheiliger, als behüter des weideviehs galt, s. Grimm
myth. 1093. 1189,
in einem ahd. hirtensegen als hirt selber im dienste gottes (Christas hirti),
s. Haupts
zeitschr. 11, 257
ff., Müllenhoff
u. Scherer
denkm.2 s. 9. 298.
aber auch: S. Gallus wachtede de göse, S. Merten mestede se.
N. Gryse
spegel F 4
bei K. Schiller 3, 12
a,
vergl. gansgalli,
dummer mensch Schm. 2, 56,
eig. S. Gallusgans? II@2@c@eε) die
junge gans
heiszt auch das '
gänsgekrös' Frisch 1, 317
c,
flügel, füsze, kragen, lebern, magen u. s. w. in einer pfefferbrüh Comenius
o. p. 2, 322,
Nürnb. kochb. 1734 257: die jung gans,
acrocolia anseris, trunculi, fsz und kragen. Schönsleder S 3
b,
ganskrös Aler 835
b,
noch bair., auch gansjunges, ein junges von einer gans Schm. 2, 269;
auch kleine gans, gänsekleint
öcon. lex. Leipz. 1731
sp. 750, gänseklein.
franz. petite oye Frisch
franz. wb. 1, 1182,
vergl. mlat. gantula
neben ganta
bei Ducange, Diefenb.
orig. eur. 347. II@2@dd)
im scherze ist die rede von blauen gänsen
oder enten (
ähnlich Gellerts grünem esel),
die eigentlich in ein fabelland gehören, mit dem man narren foppt oder fängt, s. im mhd. wb. 1, 478
b von dem lande da die gens wern blaw
und blaw gense sagen
schon im 15.
jh. schlechtweg für lügengeschichten als wahr erzählen, wie von blab enten sagen (
als weinhausgeschwätz)
Wilw. v. Schaumb. 64,
s. unter ente 6,
vgl. vom blauen storch
Germ. 1, 335, Fromm. 5, 259.
an die verkehrte welt erinnert auch: er hat von sieben gänsen wurst zu machen
u. ä., thut beschäftigt ohne es zu sein Frischbier
s. 76;
vgl. gänsemilch. II@2@ee)
ein spiel im 16.
jahrh. die gans gaht auf den predigstul.
Garg. 166
c (
Sch. 307
b),
vergl. gänseprediger.
s. auch gänslein, gänsespiel. II@33) gans
vom menschen. II@3@aa)
von vergleichungen und beziehungen zwischen beiden sind schon die angeführten redensarten voll. ein dicker z. b. wackelt, bummelt wie eine fette gans Simrock
spr. 3018.
beim ersten sprossen des bartes sagt man von dem jungen manne, er liegt mit den gänsen im kriege,
d. h. processe, s. V, 2217 (
nd. mit den gösen im process liggen
Brem. wb. 2, 530),
ostpreusz. auch er ist noch mit dem ganter (
ganser) im streit Frischbier
s. 76,
*)
dasz man auch des geopferten thieres oder menschen minne
trank, urspr. aus seinem blute, läszt sich, glaub ich, aus Nib. 1897, 3
u. a. noch erkennen. d. h. es ist noch streitig, '
ob aus dem flaum federn oder haare wachsen' (J. Grimm
oben I, 1141);
auch wer sich nicht rechtzeitig hat scheren lassen, musz das wort hören, weil die haarstoppeln an kiele erinnern. von einem gar zu feigen (
oder auch einfältigen)
heiszt es, er ist so schlecht (so dumm) dasz ihn die gänse beiszen.
von einem der einfältig in die welt geht und eben so klug wiederkommt: da er über die Elbe eine gans flog, kam er eine gans herwieder. Mathesius
Syr. 1, 127
b; damit ein gans über meer fahr (
also eine wilde) und komm ein gans herwider dar.
ganskönig F 8
b, ein gans übers meer, ein gans wider her Frisch 1, 317
c,
oder mit witzigem wechsel des namens, als wäre es doch etwas anderes (
s. unter gagag): gleich wie ein gans fleugt über Rein, komt ein gaggag wider allein.
ganskönig H 6
a (8
a); vestes (
für coelum
bei Hor.), non animum mutant, qui trans mare currunt. der Teutsche redet es kurz also aus: hans hinüber, gans herüber.
Simpl. 1685 1, 545,
von reisenden Deutschen die als Französlinge u. ä., doch nicht klüger wiederkommen, wie bei Albertinus
narr. 230 flieget ein gans übers meer, so kompt ein gaga wieder. II@3@bb)
daher gans
selbst vom menschen, schon mhd. (
selbst gansaffe
narr Renner 4205,
fem. ganseffîn 4201): ir (
Parzival) sît ein gans. möht ir gerüeret hân den vlans (
mund) und het den wirt gevrâget!
Parz. 247, 27. 515, 13; er orhuon, er gans, er trappe! Haupt 8, 558; der sinne ein gans, der zühte ein kuo.
Helbl. 2, 386; wir sind allhie nicht so grobe esel, gense oder enten, die .. von den papisten erst erlernen müsten das man eid und pflicht halten müsse. Luther 8, 7
a; ein solcher aufgeblasner hans wirt wol genant ein grobe gans.
ganskönig H 4
b; ich .. ward über die impertinente professorgans (
Semler) so erbittert .. Lessing 12, 530;
s. auch gänselöffel 2.
Dagegen weingans, weinschlemmer Albertinus
narr. 223
ff., wie der himmel nicht für die gäns gemacht ist worden, also ist er auch nicht für solche volle zapfen und weingäns gemacht 227. 'mein weingensle'
Zimm. chr. 4, 69 (
vergl. gänsewein),
s. auch gänsebrüderschaft, gänseheiser, gänsekragen 2, gänseritter. II@3@cc)
besonders auch von weibern (
vergl. schon mhd. den scherz des abtes Haupt 8, 98, 82),
namentlich von mädchen (
s. gänslein, gänschen): sie ist eine rechte gans,
stupida est. Stieler 599;
Lieschen. pfui, mutter! redt nicht so wunderlich! des abends erst! da könnten vollends die leute denken, er wolle des nachts bei mir bleiben.
Marie. du bist eine dumme gans. eben der leute wegen will er nur abends kommen .. Weisze
kom. op. 3, 158; bleiben sitzen, herr sekretarius! das weib ist eine alberne gans. Schiller
cab. u. l. 1, 2; entweder sei sie eine gans, sich davor zu fürchten, oder ein luderchen. Göthe
bei Riemer mitth. 2, 664; ihr seid ein paar gänse (
der doctor zu seinen töchtern). J. Paul
Tit. 2, 47; eine gans war sie schon immer. ich glaube nicht, dasz sie jetzt ihren namen schreiben kann. Gutzkow
ritter v. g. 2.
buch 5.
cap.; aber eine pächterin sagt auch von sich und ihres gleichen selber, im sinne der städterinnen: wir arme gäns' in unserm dörfchen hier, wie müssen wir den winter doch vertrauern! Schmidt von Wern.
alm. f. 1802
s. 195.
tirol. gans, gansl
kokettes mädchen Schöpf 174,
vergl.gansen,
gansig. II@44)
andere übertragungen. II@4@aa)
eigen gans,
membrum virile Maaler 156
b, Henisch 1348, 59, Stieler 599, Frisch 1, 317
c u. a., noch in Posen Bernd 71,
in Nürnberg (
von knaben) Schm.
2 1, 924 (
vgl. Fischart
u. gänsekragen).
und umgekehrt altn. gâs
schonender ausdruck für die weibliche scham Fritzner 194
a,
wie hd. gensel Osw. v. Wolkenstein 175
u. öfter (Schöpf 174), das gensel fliesen (
verlieren)
deflorari Lexer 1, 863.
isl. gás
ist vulva vaccarum Biörn 1, 270
b.
vgl.gänselöffel 2. II@4@bb)
bair. heiszt die gschorne
oder gscherte gans
semmelstücken in wassersuppe, mit in schmalz gerösteten zwiebelstücken übergossen Schm. 2, 56;
vgl. schwed. smörgs ('
buttergans')
ein butterbrot, auch kurz gs Rietz 187
b,
wo mehr, z. b. gs
ein stück butter in gewisser form. II@4@cc)
im salzwerke zu Allendorf in Hessen ein klumpen fertiges salzes. Krünitz 16, 19,
erinnert an das eben genannte schwedische gs
und an das folgende, wie denn Frisch 1, 319
a schwankend gänse, gense, gänze
plur. angibt. II@4@dd)
in hochöfen roheisen, wie es aus dem ofen kommt, in gewisser form und grösze: dieses im hohen ofen geschmelzte eisen wird .. berausflieszend gelassen in eine form .. in ein grosz dreieckigtes stücke, so in 4 bis 6 centner wieget, und solches nennt man eine gans. Balth. Rössler
hellpolierter bergbauspiegel Dresd. 1700
s. 153;
bei Frisch 1, 318
c ganz f., im Chemn. bergwerkslex. 235
b unsicher 'gans
oder ganz',
doch mit vorziehung des letzteren, im pl.: frischen wird auch genennet, wenn die gänse oder gänze auf den eisenhämmern geschmelzet werden .. 220
a,
wie 'gänze, gänse'
pl. Scheuchenstuel 91,
bei Adelung, Krünitz 16, 20 gänse, eisengänse, ganseisen.
westf. ne gous van blie,
gegossene stange von blei Firmenich 1, 355 (Schm.
2 1, 925).
da in der berg- und hüttensprache bilder von hausthieren genommen auch sonst häufig sind (
s. u.kühkamm),
wird gans
das echte sein, zumal nach dem gebrauch u. c und b. es heiszt freilich schwed. gös
m., franz. gueuse
f., ob entlehnt nach nd. göse
pl., gänse? vgl. unter gang II, 3,
b, α am ende. II@4@ee)
bei den schnittern ein arm voll halme, deren vier dann eine garbe bilden, bei Zeitz eine gans,
anderwärts ein gänschen,
im Anhaltischen ein frosch. Krünitz 16, 18, gänschen
öconom. lex. Leipzig 1731
sp. 840. II@4@ff)
in den sandsteinbrüchen zu Pirna heiszt die gans
die grobe steinart, die nur zu mühlsteinen, säulen u. dgl. gebraucht wird. Krünitz, Adelung. II@4@gg) ein gans,
flotz ausz bintz gemacht oder knospen, darauf die knaben lernend schwümmen, mit einem schnabel als ein gans, scirpea ratis. Maaler 156
b,
nach Frisius 1118
b. II@4@hh)
an der kelter die gänse,
breter von hartem holze die über den stock (
die trauben im kar)
kommen, s. Popowitsch
vers. 231. II@4@ii) 'gäns und milch'
heiszt die gänsedistel;
vgl. gänsemilch. II@55)
die zusammensetzung geschieht theils mit gänse-
theils mit gans-,
letzteres hauptsächlich oberd., während gänse-
die md. und schriftdeutsche herschende bildung ist, oberd. und rheinisch meist gäns-,
wie früher auch md. neben gänse- (
vgl. Göthe
u. gänseblümchen, Luther
u. gänseei, gänsefeder);
diesz gänse
ist von haus aus nichts als der gen. sing. (
s. I, 2),
jetzt freilich und schon längst als pl. gefühlt, sodasz darin gänsebraten
dem kälberbraten
zur seite tritt. einzeln, z. b. bei Henisch 1349,
auch gänsenfusz, gänsenflügel,
im 16.
jh. gensenthon
clangor Dasyp. 339
a,
auch md. bei Luther gensenfedder (
Dietz 2, 7
b),
nach dem adj. gänsen, gänsin (
s. d.),
wie mhd. kelberîn brâte,
nhd. anfangs auch kälbernbrat;
auch gansendistel, gansenfeld
u. a. Henisch 1349,
s. das adj. gansen.