Begeisterung Vereinzelt mit synkopiertem -e- — Frühester nachweisbarer Beleg 1781. Mit 26 Belegen etwa nur 1/6 der Belegzahl des Lemmas ‘Enthusiasmus’, dem allerdings nicht nur der Häufigkeit nach, sondern auch auf Grund seines spezif Gewichts u differenzierten Bedeutungsinhalts eine größere Aussagekraft zukommt. Während der Begriff des ‘Enthusiasmus’ von G außer im Bereich des Ästhetischen ua auch in religiöser Bedeutung verwendet wird, beschränkt sich der Gebrauch von ‘Begeisterung’ überwiegend auf den ästhetischen Bereich — im Anschluß an die antike Tradition des Begriffes u seine Entwicklung in der Nachfolge Platos, an die im 18. Jh zuerst Gottscheds ‘Critische Dichtkunst’ (1730) und dann der Artikel ‘Begeisterung’ in Sulzers ‘Theorie der Schönen Künste’ (1771) wieder anknüpfen. Dagegen tritt die religiöse Komponente (iSv ‘Gottbegeisterung’), wie sie sowohl in der ursprünglichen Bedeutung von griechisch ενθουσιασμος als auch im Sprachschatz des Pietismus zum Teil noch lebendig ist (so in Stolbergs Aufsatz ‘Über die Begeisterung’ v 1782)1), in G-s Sprachgebrauch fast völlig zurück. — Innerhalb des ästhetischen Bereichs ist dabei auffällig, daß sich der Begriff hier kaum zu einer ästhetischen Kategorie verfestigt, sondern durch die Verwendung konventioneller Motive u Dichter-Clichés (wie die Muse od der Pegasus, mehrf in epigrammat Äußerungen) ein distanziert-spielerisches Moment erhält. Bei einer chronologischen Zuordnung der Belege läßt sich außerdem eine Akzentverschiebung in der Wertung des Begriffes feststellen. Während unter dem Einfluß der neuen Kunstauffassung der Sturm u Drang-Periode als freie Schöpfung des Individuums u damit der Abwendung von den rationalen Kunstkriterien der Aufklärung die ‘Begeisterung’ als Element des künstlerischen Schaffens durchweg positiv bewertet wird, führt die Auseinandersetzung mit der romantischen Kunsttheorie zu einer negativen Bewertung. — Die heute übliche Bedeutung iS freudig-erregter Teilnahme, leidenschaftl Bewunderung findet sich bei G nur in Ansätzen 1 als (situationsgebundener) Gemütszustand: spontane Ergriffenheit, leidenschaftl Erregung a unter schaffenspoet Aspekt: die schöpferische Inspiration des Künstlers (durch die Muse od den (poet) Gegenstand), als Kriterium für den emotionalen Gehalt bzw die Diktion eines Werkes von G überwiegend positiv bewertet Es kommt nicht darauf an, was für Gegenstände der Künstler bearbeitet .. Sieht er durch die äußere Schale ihr innerstes Wesen, rühren sie seine Seele auf den Grad, daß er in dem Glanze der B. ihre Gestalten verklärt sieht .. so ist er ein großer Künstler .. Lassen Sie den Künstler zuletzt als Herrn der obersten Schöpfung erscheinen, lassen Sie ihn die Gegenstände seiner Kunst, seiner B. unter seines Gleichen suchen, lassen Sie ihn Menschen, Helden, Götter hervorbringen GWBB5,139,2u27 Maler Müller 21.6.81 Er [Wilh] sah in seinen Arbeiten [als Dichter] nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen, ohne innern Werth; er wollte darin nur steife Schul-Exercitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und B. fehle GWB21,122,11 Lj II 2 Man lauft, man drängt, man reißt mich mit! | Was hat das zu bedeuten? | Sechs Pferde mit gemess’nem Schritt | Erblick’ ich schon von weiten. | Ein Dichter der so manches litt, | Fährt her, begafft von Leuten, | .. O Pegase! o nimm ihn mit | In der Begeistrung Weiten! | Er gibt gewiß für einen Ritt | Das Sechsgespann mit Freuden GWB4,165 Man lauft, man drängt 14 [G üb Wielands ambivalentes Verhältnis zum Enthusiasmus] Selbst eine ursprünglich enthusiastische Natur .. lebte er gleichsam in beständiger Furcht vor einem Rückfalle und hatte sich dagegen die verständige Kritik als Präservativ verschrieben .. Die höhern Anfoderungen seiner Seele wollen sich nun einmal nicht abweisen lassen, und es trifft sich recht oft, wo er den Platonismus, oder irgend eine andere sogenannte Schwärmerei verspotten will, daß er beide recht schön, ja mit der Glut einer liebenswürdigen B. darstellt Gespr(He2,767) Falk 25.1.13 [in krit Beurteilung der romant Kunstauffassung] Wir zielen hiermit auf Wackenroders .. Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders .. Kunst meint er [der Verfasser], lerne sich nicht, und werde nicht gelehrt, er hält die Wirkung derselben auf die Religion, der Religion auf sie, für völlig entschieden, und verlangt daher vom Künstler andächtige B. und religiöse Gefühle, als wären sie unerläßliche Bedingungen des Kunstvermögens GWB491,33,28 Neudt relig-patriotKunst [Meyer/G] [für: inspiration] GWB40,213,8 Staël,Dichtgn GWBB12,356,5 Schiller 10.11.97 uö einmal Pl iSv Phantasien, Einbildungen [üb die Werke ETAHoffmanns] es sind fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns .. Fürwahr, die B-en [inspirations] Hoffmanns gleichen oft den Einbildungen, die ein unmäßiger Gebrauch des Opiums hervorbringt GWB422,87,23 Scott,Supernatural Übs b als Haltung des rezitierenden Rhapsoden, im weiteren Sinne des Deklamierenden überhaupt, in gesteigerter Form auch iSv Verzückung, Ekstase [Rugantino:] Gesang und Saitenspiel, die größten Freunde | Des Menschenlebens, schützen meinen Weg | .. Es wagt kein Thier, es wagt kein wilder Mensch | Den Sänger zu beleid’gen, der sich ganz | Den Göttern, der Begeist’rung übergab GWBClaud2 800 Recitation ist der einfache Vortrag bei welchem man die Empfindung und das Gefühl, das der Inhalt des Vorzutragenden einflöst, ausdrückt. Es geschieht mit Mäsigung oder auch ohne dieselbe in dem Grade der B. der man sich augenblicklich überläst Schaubühne 36,123 Regeln fSchauspieler [G/Wolff] Das Schauspiel in Königl. Tracht .. Sie kann völlig ins Proscenium treten und folgende didaktische Stellen, (.. ihre Recitation modificirend) klar und deutlich ins Publikum schicken. Sie bleibt einen Augenblick ruhig stehen .. Doch sogleich mit pathetischer Geberde geht sie in B. über, scheint Geisterstimmen zu hören GWB132,203,24 ProlBln 1821 Plp uö c als Wirkung der Kunst auf den Aufnehmenden (selten) [eigenhändige Überschrift in einem sonst v Eckermann aufgezeichneten Ged] B. | Fassest du die Muse nur bei’m Zipfel, | Hast du wenig nur gethan; | Geist und Kunst, auf ihrem höchsten Gipfel, | Muthen alle Menschen an GWB3,118 Titel [betr die Wirkung der Tonkunst auf den Menschen in seiner Ganzheit als sinnl-geistiges Wesen] Indem sich aus und an dem Menschen selbst die Tonwelt offenbaret .. hervortritt in der Stimme .. zurückkehrt durch’s Ohr .. aufregend zur Begleitung den ganzen Körper und eine sinnlich-sittliche Begeisterung und eine Ausbildung des innern und äußern Sinnes bestimmend GWBN11,288,25 Tonlehre [bei der Darbietung von Seiltanzkünsten] Die B. theilte sich vom Volke den Zuschauern in den Fenstern mit .. Die Freude und der Zauber ward so groß, daß jeder vergaß sich wegzuschleichen GWB51,199,20 ThS III 2 ~ GWB21,152,11 Lj II 4 uö d allgemein: freudig-erregte Stimmung, Zustand gesteigerter Lebendigkeit u Empfänglichkeit (selten); ‘mit B.’ auch iSv leidenschaftl Bewunderung, Wärme Enthusiasmus vergleich’ ich gern | Der Auster, meine lieben Herrn, | Die, wenn ihr sie nicht frisch genoßt, | Wahrhaftig ist eine schlechte Kost. | Begeistrung ist keine Heringswaare, | Die man einpökelt auf einige Jahre GWB2,285 Enthusiasmus 5 Ich kann es dem Guten [Prof Göttling] nicht verargen .. daß er von Italien mit solcher B. redet; weiß ich doch wie mir selber zumute gewesen ist! .. zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen Gespr Eckerm 9.10.28 GWB31,142,22 ItR uö einmal speziell für: patriot Hochstimmung [betr Ludens Entschluß zur Herausgabe einer histor Zeitschr] Freilich .. bei der gegenwärtigen Aufregung, um — nicht — zu sagen — B., finde ich das natürlich genug Gespr(He2,863) Luden 13.12.13 2 nur einmal (im Zitat eines längeren Fremdtextes) ‘B. für etw’ iSv: brennendes Interesse für, leidenschaftl Anteilnahme an diese Fürsten, bei welchen wir echte Anerkennung der Würde des Menschen, und B. für die Kunst, welche ihr Andenken feiert, vorfinden GWB7,91,8 DivNot [Collin] vgl GWBEnthusiasmus zu 1 a—c GWBEingebung GWBEkstase GWBEntrückung GWBErleuchtung GWBInspiration zu 1 d GWBAufregung GWBBezauberung 1) Zur Wortgeschichte des Begriffes ‘Begeisterung’ vgl ALangen, Der Wortschatz des dt Pietismus, 1968,60Dorothea Weiss-Schäfer D. W.-S.