vordringen,
verb. ,
s. fürdringen
th. 4, 1, 1,
sp. 722; Lexer 3, 585;
praevalere, supplantare, anteoccupare, antevenire, anticipare aliquem Stieler 337; für-
et vorgedrungen, ich dringe vor,
praeoccupo Steinbach 1, 302; Adelung; Campe;
über die formen des prät. s. dringen th. 2,
sp. 1413. 11)
intransitiv, im eigentlichen räumlichen sinne; gewöhnlich mit der vorstellung verbunden, dasz dabei ein widerstand oder ein hindernis zu überwinden ist; das hindernis kann auch eine menge voranstehender sein: wer bey einer austheilung die kräften nicht hat, vorzudringen, der kriegt nichts Kramer 1 (1700), 244
b;
alleinstehend oder mit adverb. bestimmungen: (
im bilde) sein (
des Archilochos) jambus ... dringt wie ein kriegsheer vor Herder 27, 185
S.; hier konnte man in masse v. Göthe 7, 170
W.; die feinde dringen vor — unsere vorposten sind geworfen Iffland
theatr. w. (1827
ff.) 1, 112; die vorgedrungenen barbaren wieder zurückzujagen Ranke (1867
ff.) 4, 172; um dem weiteren v. der Sertorianer ein ziel zu setzen Mommsen
röm. gesch.4 3, 19; wenn eine armee siegreich bei uns vordränge Bismarck
polit. reden 4, 130; unwiderstehlich dringt das mädchen vor Schiller
jungfrau v. Orleans 3, 6.
verstärkt: wie tief sie vorgedrungen Göthe 24, 62
W.; auch wir fanden es unmöglich, weiter vorzudringen G. Forster (1843) 2, 65; die durchfahrt nur hab ich umsonst gesucht, wieweit ich vordrang durch die klippenbucht Rückert (1867
ff.) 10, 613.
mit bestimmteren ortsangaben, besonders auch der erreichten stelle: asiatische horden ... waren schon bis Schlesien vorgedrungen Göthe
gespr. 1, 127
Castle; je weiter er nach süden vordrang Arnim 8, 333
Gr.; es schien fast unmöglich, bis zum gouvernementsgebäude vorzudringen Immermann 18, 47
B.; York und Winzingerode über Chalons und Rheims vordringend J.
u. W. Grimm
briefw. (1881) 241; je weiter er im gewühl (
der groszstadt) vordrang Raabe
d. hungerpastor (1864) 126; eine unmöglichkeit, auf dem kamme selbst vorzudringen, sehe ich nicht H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 42; nichts hielt ihn auf, bis in das herz von Östreich vorzudringen Schiller
d. Piccolomini 1, 2; durch sumpf und büsche drang sie vor Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 2, 15.
selten in allgemeinerer, nur die vorwärtsbewegung bezeichnender bedeutung: herrn John, welcher, den hut in der hand, mit vielen bücklingen vordrang G. Keller (1889
ff.) 5, 73. 22)
in räumlicher bedeutung von unpersönlichem; es kann sich dabei auch um eine gedachte bewegung handeln: diese blühende wange, diesen hoffenden blick, diese vordringende stirn Lavater
physiogn. fragmente (1775
ff.) 1, 140; der ackersmann ist von denen immer wieder vordringenden kieseln geplagt Göthe III 1, 187
W.; ströme kalten meereswassers, welche vom Feuerlande bis gegen Peru hin nördlich vordringen A. v. Humboldt
ansichten d. natur (1808) 1, 14; das weite v. tropischer pflanzenformen in die gemäszigte südliche zone
kosmos (1845) 1, 29; (
arterie, die) unverästelt bis in die markhöhle vordringt Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers (1839
ff.) 6, 818; da sah er endlich, wie quellend wasser zwischen ihnen (
den fingern) vordrang Stifter (1901
ff.) 1, 29; tief
unter uns dehnt sich noch der gewölbte rücken des immer vordringenden gletschers v. Scheffel (1907) 3, 108; wie der rauch in die lüffte vordringet A. Gryphius
trauersp. 94
P.; unter traurigster vermischung vorgedrungner thränenströme und erbärmlichen getöns
gr. v. Zinzendorf
teutsche ged. (1766) 171; und durch und durch hin, zwischen blas und hüftbein, drang die spitze vor Bürger 159
b Bohtz (
Il. 5, 67); (
wo) dort rothschwellend der keim aus dem lockeren vordrang Voss
ged. (1802) 2, 4; (
der strom, der) durch länder und durch reiche lief und bis zum meere vorgedrungen Freiligrath
ges. ged. (1871) 1, 21.
von hörbar werdendem: einen vordringenden seufzer Göthe 21, 123
W.; auf den fittichen einer vordringenden melodie getragen 21, 205; (
mädchenstimmen) drangen zwischen den stämmen vor Stifter (1901
ff.) 1, 235. 33)
weiter dann in mannigfaltiger übertragener anwendung mit persönlichem und unpersönlichem subject. zu beachten ist hierbei, dasz die ältere sprache dem worte eine besondere färbung geben kann: v.
erscheint hier auch in dem sinne, der später durch sich vordrängen
bezeichnet wird, oder in der gemilderten bedeutung von besonders wirksam, herrschend werden, das übergewicht erlangen vor andern, andere übertreffen, ihnen vorgehen u. ä. (Adelung
bezeichnet diesen gebrauch als oberdeutsch).
diese anwendung wirkt dann nach und kann sich auch mit der sonst üblichen, die sich ganz an die eigentliche bedeutung (1)
anschlieszt, verbinden (
s. im übrigen fürdringen 4,
th. 4, 1, 1,
sp. 722): alszdenn wurden die falsen lerer für dringen Berth. v. Chiemsee
t. theologey 106
R.; stechen sie mich mit 'weyden', szo stech ich sie vil herter mit 'lieben', lasz sehen, wilchs fur dringe Luther 6, 321
W.; wiewol sie auch mannlich waren, doch drunge der junger für Schumann
nachtbüchl. 330
B.; in euren wercken soll allzeit fürtringen die pietet und gütigkeit Äg. Albertinus
zeitkürtzer (1603) 49
b; ausz fürtringender forcht der straff Dannhauer
catechismusmilch (1657
ff.) 1, 256; all ihr v. habe einen schein der gottesfurcht Schupp
schr. (1663) 37; weil aber Bagassaces durch meine vermittelung vordrunge (
im range) A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 3, 174; weilen aber das verlangen zu dem frieden bei den meisten vorgedrungen Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 1, 345; das talent kann vergraben seyn, weil es keine gelegenheit hat, vorzudringen Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 220 (
lit.-denkm.); dahingegen dringt die farbe der gewänder allzublendend vor Sturz
schr. (1779) 1, 34; dies ungeduldige v. entzweit ihn mit seinem herrn und gönner Göthe 41, 1, 197
W.; so dringen die pflichten der patrioten bei ihm vor Schiller
kabale u. liebe 3, 1; so weit man in der geschichte vordringt K. L. v. Haller
restaur. d. staatswiss. (1816
ff.) 1, 2; auch in Stuttgart war bald diese nachricht vorgedrungen Hauff (1890) 1, 253; jeder schauspieler, der in einer unbedeutenden rolle die bedeutung des ersten helden affectirt und durch sein v. das ensemble stört (
hier ganz in der alterthümlichen anwendung) Vischer
ästhetik (1846
ff.) 3, 1, 29; durch dieses v. des gemüths und idealer empfindungen erhalten die charaktere ... ein weniger einfaches gefüge Freytag (1887) 14, 251; schon berührt von der vordringenden kirchlichen neuerung Ranke (1867
ff.) 4, 19; wenn wir andern mit unsern gedanken rücksichtslos vordrangen G. Hauptmann
eins. menschen (1891) 52; trotz des wachsenden vordringens der eisenbahnen
hwb. d. staatsw. (1898
ff.) 6, 156; nimm gnädig an den olympischen chorgesang, vordringender tapferkeit ein zeiten-überdauernd licht Herder 26, 199
S.; du aber, jung, von allen banden frei, gestoszen in das weite, dringe vor Göthe 10, 376
W.; in das reich des unerkannten strebt er rastlos vorzudringen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 238.
das part. präs. geist oder seelische haltung charakterisierend: ein vordringendes leidenschaftliches gemüth Göthe II 4, 4
W.; sein leicht beweglicher, rasch vordringender geist Mörike (1905) 3, 144; (
Jacob Grimm) ungeduldig und vordringend Scherer
kl. schr. 1, 7. 44)
schärfer tritt die bedeutung, die unter 3
als alterthümlich bezeichnet ist, hervor, wenn sich das verbum mit einem dativ verbindet: das wohl des reiches seinem eigenen nutzen weit vordringen lassen Adelung; übel gehets zu, wo die ansehung der person dem gemeinen nutzen vortringt Äg. Albertinus
hirnschleifer (1664) 275; nach dessen tod aber drang ihme Jagello, der fürst in Littauen, mit hülf der reichsstände vor (
kam ihm zuvor) S. v. Birken
östl. lorbeerhain (1657) 139; (
person,) die auch denen von höherem stande v. will Möser 3, 23
A.; unbändig drangen seine geheimen wünsche den begebenheiten vor Göthe 20, 163
W.; jeder strebt, dem andern aus allen kräften vorzudringen Klinger (1809
ff.) 6, 144; so suchte dis gespenst durch dienst und guten rath dem geisterpöbel vorzudringen Lichtwer
äsopische fabeln (1748) 141; diesz röschen, in der knospe noch verhüllt, ... eilt, seinen schwestern vorzudringen Gotter
ged. (1787) 1, 117; nun drängen andre sich den andern nach, und jedem sucht jedweder vorzudringen Rückert (1867
ff.) 10, 227. 55)
selten transitiv für drängen: sie öfnet ihre knospen, sie dringt die arme vor und kleidet sie mit blättern Dusch
verm. w. (1754) 52.
reflexiv: sich v. Schwan
nouveau dict. (1783) 2, 966
a; nie drang er sich vor Herder 23, 431
S.; die wahrheit drang sich hitzig vor Günther
bei Steinbach 1, 302; machen ein gezwatzer als wie die staaren, dringt einer sich dem andern vor Göthe 16, 3
W. 66)
hierzu vordringlich, adj., von Campe
verzeichnet, durchaus in übertragener anwendung; besonders hervortretend, sich geltend machend (
s. unter 3): um so vordringlicher machte sich bei ihm (
Fr. List) der gedanke an die deutsche heimat geltend
hwb. d. staatsw. (1898
ff.) 5, 621. —
häufiger in verschlechtertem sinne, sich vordrängend: (
man) hätte den schönen zustand reichlicher glücksgüter durch ein vordringliches leben und treiben, wo nicht zerstört, doch erschüttert Göthe 20, 177
W.; einem solchen vor- und zudringlichen einmischen des indischen in alles Schelling 2, 1, 22; er nannte ihn roh, ungraziös, v. Laube (1875
ff.) 16, 175; nur die vordringliche dreistigkeit erinnerte an die orientalische abstammung Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. 5, 139. —