weltmann,
m. ,
komposition des frühmittelalterlichen dt., die wie die jüngere sinnverwandte bildung weltmensch (
s. dort)
zunächst in geistlichem sinne verwandt wird, in neuerem sprachgebrauch jedoch die vorwiegende bedeutung [] '
mann von weltkenntnis, -klugheit und -gewandtheit' (
s. u. 3)
hat. an die stelle der nur selten gebrauchten pluralform weltmänner (
s. u. 3 b
und c)
tritt vornehmlich weltleute (
s. dort). 11) '
bewohner dieser welt, mensch' (
vgl. ae. weoruldman Grein-Köhler 822
u. Bosworth-Toller 1196,
ne. worldman Murray 10, 2, 3, 306
sowie aschwed. värulds man Söderwall 2, 2, 1063): er (
Jesus) ouh mit horouue iz (
das auge des blindgeborenen) biklan,ni gieiscôta (
hörte) êr thaz uuoroltman Otfrid III 20, 157
P.; ioh thu mir bist in minnôn fora allên uuoroltmannon
ebda. V 15, 6; wiltu Rothere minnen, den wil ich dir schire bringin. iz nelevet niehein werltman, der mer so leve hette getan
Rother 2238
de Vries. ähnlich, wenn auch mit dem umfassenderen begriffsgehalt von '
weltbürger'
in gelegentlicher neuerer anwendung (vgl. weltmensch 3): ein autor ist ein weltbrger, der ber die handbreit land seines vaterlandes hinweg ist, und es ist ein kOestliches ding, ein weltbrger, ein brger der stadt gottes, ein eigentlicher weltmann zu seyn Hippel
s. w. 12 (1835) 24; die eintheilung dieser abhandlung mache ich ... in dreifacher qualität: 1) als privat- aber doch geschäftsmann, 2) als staatsmann, 3) als weltmann (oder weltbürger überhaupt) (1793) Kant
w. 5 (1838) 368
H. 22)
weltlicher. 2@aa) '
weltlich gesinnter, weltling' (
vgl. ae. weoruldman Bosworth-Toller 1196,
ne. worldman Murray 10, 2, 3, 306
sowie aschwed. värulds man Söderwall 2, 2, 1063):
carnalium vueraltmanno (10.-11.
jh.)
ahd. gl. 2, 182, 5
St.-S. und ebda. 257, 40; diu werlt strîtet sêre nâch guote, witze und êre. ich weiz wol daz nie werltman der drîer dinge genuoc gewan Freidank
bescheidenheit 95
Bezzenberger; der Kuntz ... ist ein welt man, gehet zuom bier vnnd zuom wein vnnd lebt wie ein ander weltmann, jnnerlich aber ist er Christ Joh. Nas
eins vnd hundert (1567) 3, 191
a; wer zu sehr sorgfAeltig ist vmb den himmel, der kompt in verlust dessen, was er auff erden hat, sagt der weltmann Lehman
floril. polit. (1662) 1, 244; wer pracht und übermuht in speis' und kleidung treibet, ... wer öhl im munde hat und schwerter in dem herzen und was dergleichen mehr: nun sagt mir fein geschwind, wenn der ein weltmann ist, was ist ein höllenkind? J. Grob
epigr. 156
lit. ver.; o wie schwer ists, dasz ein welt-mann selig werde? er komme denn durch creutz zum verständnisz des evangelii Chr. Scriver
seelenschatz (1737) 4, 13
a; dieser herr ... war, wie man's zu nennen pflegt, ein weltmann; das will so viel sagen, als ein mann, der seine auffhrung in dieser welt so einrichtet, wie jemand, der, in der vOelligen berzeugung, dasz es keine zuknftige giebt, von der gegenwAertigen allen nutzen ziehen will, den er nur immer ziehen kann Bode
Thomas Jones (1786) 5, 280; wenn den argen weltmann das gefühl seiner schuld einmal übermannte, so schenkte er renten ... an das kloster G. Freytag
ges. w. 18 (1888) 327;
so noch von Adelung (1801), Campe (1811)
und Mozin (1856)
gebucht, im modernen sprachgebrauch jedoch unüblich. 2@bb) '
mann von weltlichem stande, nichtgeistlicher' (
vgl. ae. weoruldman Bosworth-Toller 1196,
an. veraldarmaðr Fritzner 3, 911
sowie adän. verds[ens]mand Kalkar 4, 800; værilz man
ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1224
s. v. verdensmand
und aschwed. värulds man Söderwall 2, 2, 1063; verldsman Hellquist [
31948] 1397): gleichwie S. Ambrosius auch zum bischof zu Mailand berufen ward, ob er wol ein laie und weltmann war (1539) Luther
tischr. 4, 463
W.; er (
der praeceptor) solte ... gedencken, dasz sie (
die eltern) keinen mönchen, sondern einen weltmann ausz mir machen wolten
[] Grimmelshausen
Simpl. 347
Scholte; du hAettst ein pfaffe seyn sollen und ich ein weltmann
theater der Deutschen (1768) 17, 63; die plastiker sehen wir mehr mit standbildern von grossen weltmännern als von aposteln und heiligen beschäftigt D. Fr. Strausz
christl. glaubensl. 2 (1841) 621; ein anderes beispiel (
eines holzschnittes zeigt) Christus am kreuz, daneben (wo sonst Maria und Johannes) ein mönch und ein üppig gekleideter weltmann Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 270;
so bis zum beginn des 19.
jhs. auch lexikalisch bezeugt: weltmann
homo civilis, secularis Stieler
stammb. (1691) 1238;
secularis, seculier ... ein laye, weltmann, der in keinem geistlichen amte oder orden stehet Sperander
lex. (1728) 631; welt-mann ...
en man af werldsliga stndet Lind
dt.-schwed. (1749) 1803; weltmann ...
mondano, secolare, laico Jagemann
dt.-ital. (1803) 1371;
danach jedoch nur noch vereinzelt nachweisbar, schon von Adelung (1801)
und Campe (1811)
nicht mehr gebucht. 2@cc)
vereinzelt auch im sinne von '
weltliche, d. h. in zeitlichbürgerlichen verhältnissen stehende person'
im unterschied zu dem allgemeinen gottverbundenen stand als Christ (
vgl.weltmensch 1 c): es ist droben offt gnug gesagt, das Christus ... leret einen einzelen odder Christen man und das weit von einander zuscheiden sey ein wellt man und ein Christen odder eine christliche und welltliche person ... also hat ein iglich mensch auff erden zwo person: eine fur sich selbs, an niemand verbunden denn an gott alleine, darnach eine welltliche, damit er an ander leut gebunden ist, wie wir denn jnn diesem leben unternander sein mssen Luther 32, 440
W. (
ebda. 441
auch welt person). 33)
mann von weltkenntnis, weltklugheit und weltgewandtheit (
vgl. dän. verdensmand
ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1224
und schwed. världsman Hellquist [
31948] 1397). 3@aa)
allgemein für einen mann, der das leben zu meistern versteht (
vgl. weltlich B 2): weltmann
weltmensch, der sich gar wol in die welt schicken kan vnd alle griffe weisz, wie man handeln soll, un sage mondain, un savio mondano Hulsius-Ravellus (1616) 405,
ähnlich bei Dentzler
clavis (1686) 2, 344
wie (1716) 2, 348, Frisius
t.-lat. (1734) 306
f. und Mozin
wb. d. frz. spr. 4 (1856) 1200; hingegen auff welches rath vnd that, nachtheil, widerwertigkeit vnd verderben erfolgt, der sey vor vnverstAendig vnd vor kein weltman gehalten Zinkgref
apophthegm. (1628) 1, 36; wilstu anjetzo fortkommen, so mustu nicht lang von dem schulsack schmecken, sondern einen wackern weltmann abgeben Abele
künstl. unordnung (1669) 1, 140;
in neuerem sprachgebrauch nur noch vereinzelt nachweisbar, wobei z. t. schon die bedeutung 3 b
und c (
s. u.)
hineinspielt: forsche der philosoph, der weltmann handle! doch weh uns, handelt der forscher und gibt, der es vollzieht, das gesetz Göthe I 5, 1, 273
W.; regel, fall und anwendung ist für sie (
die intuitive erkenntnis) eins, und diesem folgt das handeln auf den fusz; hieraus erklärt sich, warum, im wirklichen leben der gelehrte ... so sehr zurücksteht gegen den weltmann, Schopenhauer
w. 2, 88
Gr. (
s. auch ebda. 86); (
August v. Göthe) wollte ersichtlich für nichts anderes gelten als für einen praktischen alltagsmenschen, einen nüchternen geschäfts- und weltmann durchschnittlichen verstandes Th. Mann
Lotte (1946) 180.
häufig auch im abschätzigen sinne für einen allzu lebenstüchtigen verschiedener prägung: er (
Judas) wird sich ohne zweifel viel besser gestalt und gehalten haben als ein verständiger weltmann denn die andern Luther
tischr. 1, 286
W.; vnd wer nun solches am besten kan vnd seinen widerpart aus feindtseligen, rachgyrigen, vnuuersönlichen hertzen auffs hefftigste vnd geschwindste zusetzet, den rühmet man für einen feinen weltman, der jhm nicht leichtlich was nemen lesset, der sein autoritet zuuerteidigen vnd sein reputation in acht zunehmen weisz Dan. Schaller
theol. heroldt (1604) 87; endlich mus ein weltmann seine mangel ... mit den tugenden ... wissen zu verstekken Butschky
Pathmos (1677) 605; er ist ein welt-mann
egli è huomo di due faccie; [] ein welt-mann hAengt den mantel nach dem winde
chi vuol' esser stimato, s'attempri à genii diversi Castelli
wb. (1709) 1584; dasz unsere staatsmänner gern gelobt sind ... wissen sie (
anrede) ohnehin und werden sich darnach benehmen, ohne darum ein weltmann, im bösen sinne, zu sein (15. 4. 1805) Görres
ges. br. (1858) 2, 17; der wahre weltmann ist der speculant! Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. 5 (1891) 313. 3@bb)
insonderheit für einen in den fragen und geschäften des öffentlichen lebens bewanderten, meist als entsprechung zu lat. politicus (
vgl. weltlich B 3
und C 1 a
γ): (
Amandus:) ... worzu ist einem politico und weltmanne allzu subtilne und genaue sophisterey von nOethen? ... (
Floretto:) ... kan keiner einen guten weltmann geben, auch von hohen staat- und reichshAendeln ohne behuff und grund solcher disciplinen und sprachen in andern gesellschafften behutsam und vernnfftig reden Schoch
studentenleben (1668) 11
f.; ich bezeuge hiermit ... dasz, wer die zeitungen nicht weysz (wann er anders ein politicus seyn will) nicht geschickt sey, noch geschickt werden kOenne, sich in welt- und stats-sachen einzulassen. alhier gehet mich nicht an, was gewisse leute wieder die neugierigkeit ... angefret haben, weil sie nicht betrachtet, was zu einem welt-mann gehOere, und dasz man nicht stumm seyn müsse, wann frsten und herren fragen, ob friedens-tractaten obhanden seyn
zeitungs lust u. nutz (1695) ):( 7
b;
politicus einer, der in regiments- und staats-sachen wol erfahren, der den mantel wol weisz nach dem wind zu hAengen, der sich in alle leute und hAendel schicken kan. ein welt-mann, hof-mann, staats-mann Sperander
lex. (1728) 481
b; weltmann
ein politicus Rodde
dt.-russ. 2 (1784) 699;
zuweilen auch als bezeichnung für einen weltklugen staatsmann oder regenten: Julius, der ander (
papst) des namens, war ein trefflicher weltmann in kriegen und regiment Kirchhof
wendunmuth 3, 305
Ö.; vielleicht ist er dazu von seinen cardinAelen vermanet vnd getrieben worden, vnter welchen dann viel weise bescheidene vnnd frsichtige weltmAenner vnd besondere ebenthewer gewesen sein W. Bütner
epit. hist. (1596) 210
b; mit disen ... kOennt ihr mehrer ... gewinnen, als Nemrod, als Carolus Magnus, als kayser Henrich, als Maximilianus, als alle andere berühmtiste welt-männer Abraham a
s. Clara
Judas 2 (1690) 8; welt-mann (
ein staatsmann, politicus) Kramer
hochniderteutsch (1719) 1, 514;
so noch bei Klinger: der weltmann und der dichter
w. 9 (1809)
titel; vgl. auch Sicherer-Akveld 1408: weltmann (
bequaam)
staatsman. 3@cc)
gebildeter mann von weltmännischer gesinnung, haltung und lebensart (
vgl. die nach frz. vorbild erwachsene wendung mann von welt
s. v. welt III A 2 c
sowie weltmännisch
und weltmanntum);
diese dem nhd. geläufige bedeutung begegnet —
zumindest ansatzweise —
bereits im frühen nhd. (
s. auch Kluge-Götze [1951] 869): in frembden ländern andere sprachen und sitten erlernen und also hierdurch zu einem rechtschaffenen weltmann promoviert werden
qu. a. d. j. 1649
bei Fischer
schwäb. 6, 1, 672; du bist kein weltmann nicht, dieweil du nicht verstehst, warum du deiner frau zur linken seiten gehst B. Neukirch
ged. (1744) 204;
seit der mitte des 18.
jhs. ungemein häufig, ein gesellschaftsideal der zeit spiegelnd (
vgl. auch den titel der 1782
begründeten zeitschrift der weltmann. eine wochenschrift besonders für vornehme leser): mit der edeln freyheit und zuversichtlichkeit eines weltmannes Wieland
s. w. 3 (1794) 23; die weltmänner haben ihren geist cultivirt, ihren geschmack gebildet Herder 23, 58
S.; erwirbt er sich ... den gefaszten anstand eines weltmanns Göthe I 44, 360
W.; zu sehr weltmann, um eine unbeantwortete frage zu wiederholen Thümmel
reise 7 (1800) 338; mit der feinen wendung eines weltmannes ... lud er uns zum sitzen ein Hauff
s. w. (1890) 2, 1, 112; ein weltmann musz sich in alle situationen finden Alexis
ruhe (1852) 1, 329;
[] er war weltmann genug, dasz er auf diesem stück weg seine haltung wieder gewann E. Zahn
die da kommen u. gehen (1909) 219; es handelt sich um das 'reisetagebuch eines philosophen' vom grafen Hermann Keyserling ... das buch eines weltmannes im seltensten und vornehmsten sinn (6. 8. 1919) Rilke
br. 1914 -21 (1937) 254.
als besonders charakteristische beiwörter erscheinen neben weltmann: artig (Gottsched
crit. dichtk. [1751] 513); fein (Nicolai
Seb. Nothanker [1773] 2, 158; Wackenroder
herzenserg. [1797] 214; Laube
ges. schr. [1875] 1, 386); galant (Holtei
vierzig jahre [1843] 4, 364); gebildet (Savigny
röm. recht [1815] 6, 323; Kürnberger
herzenssachen [1877] 229); jovial (Justi
Winckelmann [1866] 1, 108); liebenswürdig (Moltke
ges. schr. [1892] 6, 303); vollendet (Kahlenberg
Eva Sehring [1901] 157; Langgässer
d. unauslöschl. siegel [1946] 50);
gelegentlich auch abschätzige wie blasiert (Treitschke
dt. gesch. [1897] 3, 688)
und eitel (J. G. Forster
s. schr. [1843] 3, 459);
vgl. das abschätzige diminutivum weltmännchen.
im positiven sinne grenzt weltmann
an hofmann,
dem es vielfach gleichgeordnet wird: bei solchen kurzen zusammenkünften war seine (
des oheims) gegenwart jedoch höchst erfreulich, weil er sodann, als welt- und hofmann, nachgiebig und vermittelnd auftreten wollte Göthe I 25, 1, 263
W.; er (
Jacobi) war mehr zu einem liebenswürdigen, feinen hof- und weltmann geboren, zumal bei unverkennbarer eitelkeit, die man ihm jedoch nicht verargen musz
ders., gespr. (1889) 5, 140
Biedermann; weil er (
Göthe), der stets welt- und hofmann war, niemals seine geistigen beschäftigungen mit selbstzwang getrieben hat Schopenhauer
w. 2, 248
Gr.; die feine weise des welt- und des hofmanns Mommsen
röm. gesch. 5 (
41894) 337;
im negativen an lebemann: lebemann, weltmann, hat er durchaus den wunsch, im belehren zu gefallen, im unterrichten sich einzuschmeicheln Göthe II 7, 183
W.; einer wüstenei gleicht das innere eines so zeitig dem leben abgestorbenen jungen welt- und lebemannes Holtei
erz. schr. 8 (1861) 93.