weltlich,
adj. formen und verbreitung. ahd. weraltlih (
ostfränk., 1.
viertel d. 9.
jhs.)
gl. 2, 148, 60
St.-S.; daneben erscheinen früh varianten mit anderer qualität des mittelsilbenvokals (
vgl. die entsprechenden formen des grundworts s. v. welt): weroltlih (10.-11.
jh.)
gl. 2, 269, 49
St.-S.; werultlih(chem)
kl. ahd. sprachdenkm. 263, 18
Steinmeyer (
Benediktinerregel); weriltlih(en)
physiologus, s. u. A 3 a;
vereinzelt auch des betonten vokals der anfangssilbe, unter einflusz des vorangehenden w: woroltlich(a) Otfrid V 14, 12
Kelle; gelegentlich finden sich bereits zweisilbige kurzformen: werltlich(en)
geistl. ratschl., s. kl. ahd. sprachdenkm. unter A 1 a; Notker
s. ebda.; wertlich(un)
ders. 1, 351, 25
P.; werlich(ero) Williram 78, 4 (
zum dentalschwund vgl. Gröger
d. ahd. u. as. kompositionsfuge [1910] 190
u. 192
f.).
im hoch- und spätmittelalterlichen dt. herrscht weithin die form werltlich (
s. mhd. wb. 3, 580; Lexer 3, 784
u. Jelinek 942)
neben dreisilbigen varianten, die zum teil den älteren lautstand bewahrt haben, zum teil jüngere entwicklung zeigen: wereltlich(en) Reinmar in:
minnes. frühl. 159, 2
Vogt-Kraus; urk. Karls IV., Frankf. 1349,
in: städtechron. 3, 329; weriltlich(is)
hess. urk.-b. 2, 415
Wyss-Reimer (14.
jh.); werletlich(em)
Vorauer kaiserchron. 289, 4
Diemer; werlintlich(er)
paradisus anime intelligentis, s. u. A 1 a; werertlich(er)
urk. v. j. 1251
in: corpus d. altdt. orig.-urk. 1, 40, 21
Wilhelm; werentlich(en)
d. alte passional 288, 51
Hahn; waldeckische urk. a. d. 15.
u. 16.
jh. bei Bauer-Collitz 181;
sowie neben zweisilbigen formen mit vereinfachtem (
vereinzelt schon ahd., s. o., bezeugtem)
lautstand: wertlich Lamprecht
Vorauer Alexander 42, 226
K.; Rothe
lob d. keuschheit 59,
v. 2096
Neumann; (
Nürnberg 1449)
städtechron. 2, 515; wernlich(s) (1394)
weist. 6, 71.
auch weltlich,
die form der nhd. schriftsprache, ist bereits nachweisbar (
s. auch s. v. welt): weltlichiu (13.
jh.)
von dem jungesten tage 55, 133
W.; weltliche Seuse
dt. schr. 485, 15
B.; weltlich Oswald v. Wolkenstein
[] 62, 4
Schatz; gelegentlich mit diphthongierung des suffix-vokals: weltleich Heinrich v. Burgeis
d. seele rat 40,
v. 2069
R.; Konrad v. Megenberg
dt. sphaera 25
Matthaei (
la. b,
schwäb. hs. v. 1477,
die auch die form weltlich
aufweist, wohingegen die bayr. hs. A, 14.
jh., die formen werltlich, werltleich, wertleich
und werleich
zeigt);
aber noch bei Luther
finden sich neben weltlich (10, 1, 2, 161
W.)
und seinen orthographischen varianten welltlich (
s. unter A 1 a), weldtlich (
s. u.A 2 b)
die formen wertlich (9, 191
W.)
und werlich (19, 278
W.).
as. weroldlik Gallée
and. wb. 376; Wadstein
kl. as. sprachdenkm. 245 (
im Heliand noch nicht belegt);
mnd. werlt-, wert-, werts-, warts-, werlik Schiller-Lübben 5, 686, 687
und 690; warlick, wartlick (
Braunschweig 15.
bis 16.
jh.)
städtechron. 16, 262
u. 320; werntlik (
Magdeburg 14.-15.
jh.)
ebda. 7, 482;
mndl. werelt- (warelt-, were-, wer-, weer-, waer-, werent-)lijk, -leec Verwijs-Verdam 9, 2, 2230
f.; ndl. wereldlijk Dale 2, 1981;
ae. woruldlic, weoruldlic Grein-Köhler 822; Bosworth-Toller 1196; Toller
suppl. 744;
me. worldlich Stratmann 678;
ne. worldly Murray 10, 2, 3, 305
f.; afries. wraldlik, werlik Richthofen 1160
b;
fries. wrâldlik Dijkstra 3, 476;
an. veraldligr Fritzner 3, 911; Cleasby-Vigfusson 695;
mschwed. väruldsliker (
in mannigfachen formvarianten) Söderwall 2, 2, 1064
ff.; schwed. världslig Hellquist (
31948) 1397;
dän. verdslig Falk-Torp 1368;
ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1233.
von den wörterbüchern der modernen mundarten wird weltlich
als wort einer gehobenen stilschicht kaum gebucht, wenn es auch im gesamten sprachraum geläufig ist; s. die nachweise bei Mensing
schlesw.-holst. 5, 591; Vollbeding
plattdt. ma. 74; Fischer
schwäb. 6, 1, 672; Friedli
bärndütsch 1, 300
und im wb. der luxemb. ma. 483.
herkunft und bedeutung. weltlich
erscheint im 9.
jh. neben dem grundwort welt (
s. dort) —
eine christliche prägung für lat. mundanus, saecularis,
die bis in die jüngste zeit als gegensätzliche bezeichnung zu göttlich, geistlich, kirchlich
dient, wenn auch der beisinn der unvollkommenheit oder sündhaftigkeit gelegentlich zurückgetreten ist (
s. u.B).
als jüngere bildungen sind zu vergleichen: grosz- (
teil 4, 1, 6, 589), neu- (
teil 7, 689), über- (
teil 11, 2, 644)
und vorweltlich (
teil 12, 2, 1918)
sowie sinnverwandtes weltisch (
s. dort). AA.
zu welt II A (
zeitlichkeit)
gehörig; '
saecularis'. A@11) '
zeitlich, irdisch'
; in verschiedener sinnesfärbung. A@1@aa)
im gegensatz zu göttlich, himmlisch, ewig: vbe du durch got firmanen uuellest dia uuerltlichen uuideruuartiga, so pilide Paulum
kl. ahd. sprachdenkm. 165, 24
Steinmeyer (
geistl. ratschl.);
et sperabit in eo vnde gedinget er an in nals in uuerltlîchen trôst Notker 2, 241
P.; daz diu üppige krône werltlîcher süeze vellet under vüeze abe ir besten werdekeit Hartmann v. Aue
armer Heinrich 3
Paul (
v. 87); alse vil alse der mensche burninde ist in godis minne, alse vil irkaldit he an werlintlicher sorge
paradisus anime intelligentis 87, 27
Strauch; wann wisst ir nit das wir werden vrteilen die engelen? wieuil mer die werltlichen ding? (
quanto magis saecularia)
erste dt. bibel 2, 73
Kurr.; sie setzen alle (
artikel) von welltlichen zeytlichen sachen ... so doch das euangelion sich welltlicher sachen gar nichts annympt, vnd das eusserlich leben alleyn ynn leyden, vnrecht, creutz, gedult vnd verachtunge zeytlicher gutter vnd lebens setzt Luther 18, 321
W.; das groste jrdische oder weltliche wunderwerck gottes Thurneisser
alchymia (1583) 4; wer gott zum freunde hat, der lebt allemahl in einem zustande, welcher mit keiner weltlichen herrlichkeit nicht kan vertauschet werden Chr. Weise
comödienprobe (1696) 117; dasz, in rücksicht auf geistliche und göttliche dinge, alle irdischen und weltlichen dinge uns gar nicht bewegen müssen Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 47;
[] du bist verwundet — scheiterte dein gold dein weltlich wohl an unseres felsen roheit:
(perchance thy worldly wealth sunk with yon wreck) das kan ich heilen Göthe
übers. v. Maturins '
Bertram'
in: Göthejahrb. 12 (1881) 27
Geiger; ich habe nie in meinem leben das bücken vor weltlichen göttern weder verstanden noch geliebt (29. 6. 1857) Gervinus in:
briefw. zw. Jacob u. Wilh. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 415
Ippel; unsere gebete waren stärker als jede weltliche macht O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 385. A@1@bb)
im gegensatz zu heilig, geweiht; '
irdisch, profan': ohn zweiffel sein ewere weltliche augen solche gottheit anzusehen nicht wrdig
theatrum amoris (1626) 220;
profanus weltlich, unheilig, gottlosz Reyher
thes. 3 (1668) 718;
profan unheilig, weltlich Spanutius
dt. lex. (1720) 385;
noch in neuerem sprachgebrauch begegnen wendungen wie: statt eines geheiligten herzens haben sie (
fürsten) weltliche gaben zurückgelassen als weihgeschenke für den höchsten (1799) Schleiermacher
red. üb. religion (1879) 203
Pünjer; besonders im gegensatz zu den weltlichen oder profanbauten unseres landes Fontane
ges. w. (1905) I 1, 40; kühn wäre es, wollte ich aus dem heiligen buche nur das herauslesen, was weltlichen zwecken dienen kann, aber verschweigen, was irrenden seelen zum heile werden musz Burte
Katte (
7-101926) 96. A@1@cc)
im gegensatz zu geistig;
etwa gleichbedeutend mit irdisch-materiell: diu dornigi erda pizeichinet die, die dir minnent die uuerltlichen scazze
kl. ahd. sprachdenkm. 171, 14
f. Steinmeyer (
Wiener Notker,
pred. slg. B); alsô stêtich was ime sîn mût, durh alliz werltlîch gût ne wolder nie geliegen
Straszburger Alexander 257
Kinzel; de rykedom is werlyk unde lichamlyk unde de rykedom heft de macht. unde de ere is gheistlyk (1479)
buch Sidrach 98
Jellinghaus; das Christi crafft vnnd vormúgenn steet nit ynn wertlichen wapen: nit ynn harnisch vnnd eyszen Luther 9, 184
W.; alle weltliche schätze miszfallen mir, und ich verachte dieselben gantz und gar
schausp. d. engl. comöd. 112
Creizenach (
tugend- u. liebesstreit 4, 8); ihm (
Götz v. Berlichingen) steht entgegen, selbstgewisz, in pracht, des pfaffenhofes listgesinnte macht, gewandter männer weltlicher gewinn und leidenschaftlich wirkend frauensinn Göthe I 16, 282
W.; Fränzchen Götz legte in ihre (
der verlassenen geliebten Moses Freudensteins) leeren hände all ihre weltlichen schätze W. Raabe
hungerpastor (1864) 2, 247; Sauerbruch berichtet in seinen memoiren nicht von der bitternis, die seine letzten jahre erfüllte, die ihm nicht nur den verlust seiner weltlichen güter ... brachten
nachruf auf F. Sauerbruch in Sauerbruch
leben (1950) 613. A@22) '
dem stande der laien (
nichtgeistlichen)
zugehörig bzw. gemäsz'. A@2@aa)
als charakterisierendes beiwort der laien, im gegensatz zu geistlich
gebraucht: (
ein heiliger abt sagt zu seinem jünger:) tvt ieman vor dir groze sunde, vrteile in darumbe nicht; gedenke dir selber, das du me habest gesundet, ob er ioch werltlich sie
der veter buoch 19
Palm; das gebot (wie die andern alle) macht kein unterscheid der person, sie seien geistlich odder weltlich, pfaffen odder leyen Luther 30, 2, 326
W.; er handelt bald mit wein, er handelt bald mit pferden, bald wil er weltlich sein, bald wil er geistlich werden J. Grob
dicht. versuchg. (1678) 92; es sitzen (
in einem italienischen buchladen) verschiedne personen von gutem stande herum, geistliche weltliche Göthe III 1, 230
W.; jene theologen verfuhren nach alten gewohnheiten ... während die weltlichen berufslehrer wiederum ganz verschiedene manieren und methoden handhabten Keller
ges. w. 1 (1889) 161;
[] auszer der grabpredigt ... sprach auch noch der pater superior, und viele sonstige weltliche redner gab es O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 298.
auch als '
amtliche'
bezeichnung in urkunden, verordnungen, chroniken u. dgl.: dis dinges gezcuge sint vnze brudere ... vnd anderre vil mer geislicher vnd werertlicher lute (
Kulm 1251)
altdt. orig. urk. 1, 40
Wilhelm; über die pfaffen hat ain weltlicher richter weder ze richten, noch ze straffen (1427)
österr. weistümer 4, 360; geistliche und werntliche frsten (
Nürnberg 1433)
städtechron. 1, 450; der kaiser 'das oberst werentlich haupt' (18. 9. 1461)
städtechron. 5, 246; embieten allen und jeden unsern ... geystlichen und weltlichen underthanen
ordnunge wie sich handtwerker ... verhalten sollen (1579) A 2
a,
so noch in einer hs. v. 1736
in: österr. weistümer 5, 180; die zivilstandsregister werden von weltlichen beamten geführt
schweiz. zivilgesetzbuch (1908)
art. 41.
insbesondere auch zur kennzeichnung der sog. weltgeistlichen gebraucht: werltlîche priester '
weltgeistliche'
buch der rügen 623
Karajan in: zeitschr. f. dt. altert. 2 (1842) 63; die einsiddele und die mönche baueten und wohneten in den wiltnissen, und die weltlichen priester wohneten und blieben bey den leuten Wigand Gerstenberg
chron. 20
Diemar; ein weltlicher priester unter den römischen
ein priester, der in keinem münchsorden steht, a secular priest Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2445; diese weltlichen nonnen ... gründen ... unterrichtsschulen
hdwb. d. staatsw. (
21898) 2, 4. A@2@bb)
handlungen, wesenheiten und einrichtungen verschiedener art als zubehör des laienstandes charakterisierend, im gegensatz zu geistlich, kirchlich: an gaischilichem geriht und an weltlichem geriht (1295)
cod. dipl. Salem. 2, 500
Weech; der pischof schol ... alle übeltætige laien und pfaffen vertreiben ... mit gaistleichen strâfen und auch mit werltleichem swert Konrad v. Megenberg
buch d. natur 214
Pfeiffer; er ist ... beder rechten gaistlichs vnd werltlichs ber vs wolgelert Niclas v. Wyle
translationen 17
Keller; das gehort yns keiserlich recht und weltlich ding Luther 34, 1, 414
W.; die monch ... understehen sich ... in weltlichen kleidern zu gehen (1522) H. v.
d. Planitz
berichte 67
Wülcker-Virck; Lutherus ist billich der deutschen sprache in kirchen sachen urheber, die reichs abschiede in weltlichen dingen die haubtbcher Gueintz
rechtschr. (1666) 5; aber leib und gebein ist nicht zum besten verwahret, wenn die geistliche hand der weltlichen zügel sich anmaszt Göthe I 50, 243
W.; dasz er (
ein junger geistlicher) auch die gunst seiner obern genosz und sich schon einiges herausnehmen durfte, verriet sein anzug, der ... die neueste weltliche mode nachahmte, den ernst der farbe durch gefälligen zuschnitt mildernd Carossa
arzt Gion (1932) 200; am mittwoch morgen wurde Jeanne ... der weltlichen gerichtsbarkeit übergeben Feuchtwanger
Simone (1950) 242;
als besondere, in der reformationszeit aufkommende wendungen finden sich weltlich werden, machen: die groszen bisthumb werden doch weldtlich werden Luther
tischr. 4, 456
W.; ein bisztum weltlich machen
secolarizzar' un vescovato Kramer
dict. (1678) 1227; ein stifft weltlich machen
to secularize a bishoprick, to make it secular Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2446;
auch sonst in adverbaler anwendung: ubir alle sache, crige, zweyunge, stucke, bruoche odir ansprache, sie sin geistlich odir verntlich (1330)
hess. urk. b. 2, 395
Wyss-Reimer; ich
(ein priester) gieng salb dritt vff eine nacht weltlich gekleidet, wol vermacht Murner
v. d. fier ketzeren 39
Fuchs (
v. 1059). A@2@cc)
erscheinungen aus dem bereiche der profanen kunst (
α),
wissenschaft, erziehung u. dgl. (
β)
als (
nach geist, stoff und form)
nichtkirchlich, nichtgeistlich, nichtbiblisch charakterisierend. A@2@c@aα) wolt got, daz si (
d. geistlichen) si (
hora canonica) spræchen mit andâht und süngen niht werltleicher lieder Konrad v. Megenberg
buch d. natur 197
Pfeiffer; [] di heilige schrifft konnen si (
die nonnen) nicht behalde, aber di wertlichen mere gar balde Johannes Rothe
lob d. keuschheit 2204
Hans Neumann; da werd ir finden mancherley bücher, geistlich zu gottes glori, philosophey, weltlich histori H. Sachs 21, 110
lit. ver.; sehr schöne, herrliche vnd ausserlesene, geist- vnd weltliche comedi vnd tragedi spiel
engl. comedien (1624)
titelbl.; meine weltliche geschichte, biblische historien und andere ... tractAetlein, derer etliche schon lange bey mir verfertiget liegen G. Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 1, 8; (
der pfarrherr) war vom hohen werthe der heiligen schriften durchdrungen, ... und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen schriften Göthe I 50, 192
W.; unerschöpflich war der tonkundige stadtblinde an geistlichen und weltlichen arien aus alter zeit Voss
antisymb. 2 (1826) 197; da sie (
die schlachtengemälde) ... unstreitbar zu dem höchsten zweig der weltlichen malerei, zur geschichtsmalerei, gehören Stifter
s. w. 14 (1901) 150; die betrachtung der weltlichen kunst ... profaner architektur Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 289.
hierzu stellen sich besondere fälle verschiedener art wie: solt ich nit ein geistlichen text vnder eine weltliche weisz singen kOennen Fischart
Garg. 5
ndr.; seine kirchenstücke haben viel gründlichkeit, nur eine gewisse weltliche miene Schubart
tonkunst (1806) 201; sie ... sang diese worte in einem altertümlichen choralsatze von sehnsüchtig lockendem tone, doch trotz der kirchlichen form mit einem verliebt zitternden, weltlichen ausdruck ihrer stimme G. Keller
ges. w. (1889) 3, 207.
der im munde der geistlichkeit dem wort verliehene negative beisinn (
vgl. auch die ersten zwei belege dieser gruppe)
läszt diesen gebrauch bereits zu 3
überleiten: so man schnOede weltliche geschicht von streiten ... sagt A. v. Eyb
spiegel (1511) D 1
b; auff bitte ... der kayserin Judithae, der vor andern weltlichen und unflAetigen gedichten geeckelt Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 317; die verdammten weltlichen bcher haben ihm den kopf verrckt Bräker
s. schr. (1789) 2, 212. A@2@c@bβ) die weltliche weiszheit
la sagesse du monde, ou la politique et la philosophie Duez
dict. (1664) 668; wie dann kein frst bald leben wird, der umb die geistlichen und weltlichen studia sich so hochverdient gemacht Bucholtz
Herkuliskus (1665)
vorr. a 3
a; weltliche wissenschafft, weltliche weiszheit
scienza mondana, sapienza mondana Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1316
c; hat denn die christliche, hat selbst die weltliche erziehung, wenn sie vernnftig und anstAendig ist, zu ihrer vollkommenheit die lectionen eines comOedianten nOethig? Ramler
einleitg. (1756) 2, 258; die ursprüngliche gestalt des Nibelungenliedes weist durch ihre edle haltung auf die kreise der höchsten weltlichen bildung Scherer
lit. gesch. 14105. A@33)
der sphäre des weltlebens zugehörig (
bzw. gemäsz),
mit dem mehr oder weniger hervortretenden beisinn des sündhaften. A@3@aa) '
nicht geistlicher oder klösterlicher art gemäsz',
in verschiedener sinnesfärbung je nach der intensität des negativen beisinns, sich verschärfend bis zu '
unkeusch, lasterhaft, sündhaft': ih pin leidir sculdic in allero ubermuoti, in allero uberhohi, in allen achusten, in demo flize uuerltlichero uuercho
kl. ahd. sprachdenkm. 142, 27
Steinmeyer (
Wiener Notker); an diu bezeinet ez den fîant, der des mannis muôt spenit ze din uueriltlihen lusten
ebda. 127, 61 (
physiologus); hastu erwelt di kuscheid, so enzuch dich wertlicher duscheit Joh. Rothe
lob d. keuschheit 5631
Hans Neumann; der bOess geyst hat mir ... tAeglich fúr meyne ougen gehabt ... weltlichen wollust
d. heiligen leben summerteil (1472) 6
a; ynn fleischlicher und weltlicher lust Luther 18, 512
W.; [] vnd also weltlich fleischlichait vergleichst mit hOechster gaistlichait? Fischart
glückhafft schiff 47
ndr.; mich nicht gescheuet die unthaten etlicher junger, mit vorsatz weltlicher und fast liederlicher priester auch nicht zu verschweigen J. Riemer
polit. maulaffe (1679) ):( 9
b; diesz alles (
die totenfeier), mutter, ruf ich dir, genau beschreibend, ins gedächtnisz jezt zurück, dasz du erkennest, ob zu jener stunde ein weltlich wünschen mir im herzen war Schiller 14, 70
G.; die bischöfe führten ein übermütiges, weltliches leben Lange
materialismus (1866) 76; eine frau, welche in weltlicher weise dem lebt, was man die gesellschaftlichen verpflichtungen nennt Paul Ernst
tageb. e. dichters (1934) 257;
adverbal: (
zöllner:) Zacheus ainer was genant, der was gewaltig riche. er lepte gar weltlich und was ain furst, ain hoptman der súnder, ...
d. sœlden hort 7632
Adrian; so sich dein tochter weltlich machen will, vnd besorgst, sie sey auff vnkeuosch geneigt, soltu sie in hutt haben A. v. Eyb
dt. schr. 1, 10
Herrmann; ist unser dheiner mit keinen weltlich gemeinten uneeren nie befleckt worden Zwingli
dt. schr. 1, 50
Sch.; ein pfaff der schOen prediget und weltlich lebt
un dicunt et non faciunt Kramer
t.-ital. 2 (1702) 192
a; (
die klausnerin) weint liebesthränen, schlingt durch die locken so weltlich den perlenen rosenkranz und schürzt das röckchen, schmückt ihre socken mit waldes blumen, möcht gern zum tanz Brentano
ges. schr. (1852) 2, 141; wir beschlossen, hier zu übernachten, und es ist da noch sehr weltlich zugegangen Seb. Brunner
ges. erz. (1864) 2, 139 (
Maria-Zeller wallfahrt). A@3@bb) '
weltzugewandt, dem weltleben ergeben, irdisch gesinnt' (
vgl.C 1 a
α): weltliche lúte und súndige menschen verblibent in gelúcke der sinne, in guote und in eren Tauler
pred. 87
Vetter; du zúhest dú weltlichú herzen ze gOetlicher minne Seuse
dt. schr. 116
Bihlmeyer; und wie wol der selbe tuomherr des leibs keúsch und rain was, so was er doch genuog wertleich und zarts lebens mit essen und trincken und mit scheinperlichem, hOefischem gewant Hartlieb
dialogus miraculorum 87
Drescher; wenn ain mensch eingeet in ain closter vnd gaistlichen orden, so sprechen gewonlich die weltlichen leüt, was ist es vmb den menschen, er ist als ob er tod sey Keisersberg
pred. teutsch (1508) 49
d; weg mit allen liebes sachen, die den sinn nur weltlich machen Chr. Weise
drei klügsten leute (1675) 341; weltlicher mensch, weltlichen lsten ergeben
homo voluptuosus, vanitati, levitati rerum humanarum addictus Aler
dict. (1727) 2, 2175; ... dasz nicht ihr stets altvordere rühmend erhöhn mögt als gläubig und fromm und die jüngere zeit darstellt als weltlich und gottlos Platen
ges. w. (1839) 316; im hause der eltern herrschte eine ganz weltliche gesinnung
jahrb. d. Grillparzergesellschaft (1890
ff.) 4, 316;
häufig in der wendung: weltlich gesinnt sein (werden): er ist weltlich gesinnet
homo carnalis est Stieler
stammb. (1691) 2493; weltlich gesinnt werden
insecolarire, rinsecolarire Kramer
dict. (1678) 1227; mein herz ist der religion geheiligt, obschon eines fürsten sohn und weltlich gesinnten mannes bruder Klinger
Otto 29
lit. denkm.; die menschen, die das ganze jahr weltlich sind, bilden sich ein, sie müszten zur zeit der noth geistlich sein Göthe I 23, 65
W.; es bildet einen schneidenden contrast, dasz so weltlich gesinnte päpste wie Alexander VI. und Leo X. die befugnisse der inquisition scharf ... erneuerten Ranke
s. w. (1867) 1, 160;
vgl. auch dän. verdslig sindet
ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1235.
[] BB.
zu welt II B
bzw. III A
gehörig. der schon bei A
gelegentlich zurückgetretene beisinn der unvollkommenheit oder sündhaftigkeit fehlt gänzlich; ja in der höfischen dichtung des mittelalters begegnet weltlich
zuweilen geradezu als lobendes beiwort (
etwa gleichbedeutend mit '
ritterlichhöfisch'): wan bi minen tagen und e hat man so rehte wol geseit von werltlicher zierheit .. ja ritterlichiu zierheit diu ist so manege wis beschriben Gottfried v. Straszburg
Tristan und Isold 4602
Ranke; er (
Apollonius) fuertt dar zwelff ritter güt; die hetten weltlichen muet Heinrich v. Neustadt
Apollonius v. Tyrland 426
Singer. B@11) '
menschlich': nach wertlichen prise (
nach dem urteil der ritterlich-höfischen gesellschaft) vant bi im ir nacht sedel (
ruhesitz) die ere wol
passional 192
Köpke; so erlangen sie ... nit alleyn weltlichs lob, sonder auch bei gott
hertzog Aymont (1535) a 2
b; wenn dieses ding angeht, dasz man schlAefft bey der braut ein gantzes jahr zuvor, eh dasz man wird getraut, ey so sag ich, dasz kein recht hAelt das weltliche geschlecht Chr. Reuter
ehrl. frau Schlampampe 72
ndr.; man hielte sie (
die poesie) ... vor eine fähige wissenschafft, darinnen die göttliche und weltliche weiszheit mit nachdruck könne vorgetragen werden J. G. Neukirch
anfangsgründe (1724) 2; überall, wo in der wirklichkeit ein kreis weltlicher ziele und handlungen von der zeitbildung durchdrungen ist, vermag aus seiner lebensluft ein tragischer held heraufzuwachsen G. Freytag
ges. w. 14 (1887) 58. B@22)
dem (
praktischen)
leben zugehörig bzw. angemessen: itlicher betracht synen gewin vnd nutze hOeher dan synes nechsten ... ein ithlicher lernet vnd trachtet sich zuohten vor dem andern, das heyst weltlich geschicklicheit Hartmuth v. Cronberg
schr. 22
ndr.; prudentia politica weltliche klugheit Orsäus
nomencl. meth. (1623) 8; es kommt dieser fall in manchen, sowohl wissenschaftlichen als weltlichen dingen vor Göthe II 11, 92
W. B@33)
in anschlusz an A 2 b
entwickelt sich seit der reformationszeit ein freierer gebrauch, wobei sich weltlich
der bedeutung '
civilis, politicus'
nähert: dieser spruch soll leiblich und bürgerlich oder weltlich verstanden werden, nehmlich, dasz das weib sage: 'dieser mann und alles, was er hat und sein ist, das ist mein' Luther
tischr. 2, 363
W.; die gerichtsbarkeit der bühne fängt an, wo das gebiet der weltlichen geseze sich endigt Schiller 3, 514
G.; solchen grundsätzen blieb mein vater getreu, auch wo ihm die geringfügigste abweichung und nachgiebigkeit einen entschiedenen bürgerlichen und weltlichen vortheil gewährt hätte B. Goltz
buch d. kindh. (1847) 486;
als lexikalische belege sind zu vergleichen: politicus weltlich Zehner
nomencl. (1645) 86; weltlich recht
le droit ciuil, les loix, ius ciuile Stoer
dict. (1663) 2, 601; weltlich regiment
politia, respublica Stieler
stammb. (1691) 2493; weltlich recht
jus civile, politicum Hayme
jurist. lex. (1738) 1329. B@44)
mundartlich auch im sinne von '
weltoffen, - aufgeschlossen'
u. dgl.: he is so veldlī
(... als ein vorzug angesehen) Mensing
schlesw.-holst. 5, 591; ein weltliches kind
kleines kind, das seine umwelt schon deutlich wahrnimmt, munter wird (nur im fränk.) Fischer
schwäb. 6, 1, 672. B@55)
als poetische einzelanwendung der neueren zeit findet sich: sie werden (
durch das studium Göthes) wesenhafter, unbefangener und, im höchsten sinne, weltlicher werden Carossa
erinn. (1950) 96. CC.
besondere verwendungen. C@11)
substantiviert. C@1@aa) der (ein) weltliche(r).
[] C@1@a@aα) '
der (
ein)
weltlich gesinnte(
r),
dem weltleben ergebene(
r)',
zu A 3 b: in dera gotis chumfte uuerdent ubirteilit die uuerltlichen dero sin ce demo ubile ramet Notker 3, 365
P.; die uuerltlichen unde die gotis fiante
ebda. 235; daz sint die werltliche
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 39
Diemer; so nemens (
die stiftungen) die weltlichen iezund gar hinweg, thun den gotzdienst ab, machens also, das der Türk erger nit wol thun könnte
Zimmer. chron. 21, 50
Barack; dieses religiöse naturgefühl ist wenigen, auch den weltlichsten, ganz fremd Justi
Winckelmann (1866) 1, 65. C@1@a@bβ) '
der (
ein)
laie',
zu A 2: all gaistlich, weltlich hört und secht, recht tuen wär guet in diser welt Oswald v. Wolkenstein 119, 44
Schatz; item die prandschatzung wurde also angelegt, das alle die, die in Bamberg warn, die werntlichen, musten geben drei tausend gulden; so gab alle geistligkeit funfhalbtausend (
ca. 1435)
chron. d. st. Bamberg 1, 5
Chroust; von den gemeynen menschen, die wyr itzt die weltlichen oder leyen nennen Luther 10, 1, 1, 635
W.; geist- und weltliche
i chierici e laici, religiosi e secolari Kramer
dict. (1678) 1227; sie (
die seidensticker) dienen aber nicht allein mit ihren nadeln weltlichen, sondern auch geistlichen; denn sie sticken gefrantzte altar-vorhänge
non solum ... secularibus, sed et ecclesiasticis Comenius
orbis pictus (1737) 2, 181; einige priester waren ihm (
dem ersten inquisitor) als gehülfen an die seite gegeben; aber er selbst war ein weltlicher Schiller 7, 73
G.; alles würde unsereinen daran erinnern, dasz keine katholische geistliche, sondern Berliner weltliche über die bühne wandeln Heine
s. w. 3, 388
E. C@1@a@gγ)
vereinzelt auch '
politicus'
; zu B 3 (
vgl.weltmann 3 b):
politicus ein hoffmann oder weltlich Corvinus
fons lat. (1660) 155. C@1@a@dδ) '
kosmopolit': (
den bettlern) ist ein jeder boden das vaterland. diese seyn warhafftige weltliche, das ist nicht eines dörffleins oder marckts, sondern der gantzen welt inwohner und bürger Schupp
bei Wackernagel
dt. leseb. 3, 1 (1841) 756;
vgl. weltling 2 b. C@1@bb) das weltliche. C@1@b@aα) '
das dem weltleben zugehörige': item armuot machet sicher; der ist wol sicher spricht Gregorius, der niemantz fOerchten darff vnd nüt weltliches zehaben begert Joh. Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 169
a; dasz er (
ritter Rieser) sich alles weltlichen entschlagen vnd in closter-Stambs ... seine noch hinterstendige tag volbracht Brandis
ehrenkräntzel (1678) 155; gräfin mutter hatte ihr auge dem weltlichen abgewendet; bei ihr war die pietistische moderichtung sache des herzens geworden Holtei
erz. schr. 5 (1861) 46. C@1@b@bβ)
auch sonst in verschiedenen, den unter A-B
genannten gruppen entsprechenden sinnesfärbungen (
gegensatz: das göttlich-ewige, geistliche, kirchliche, religiöse): meistens flieszt in solchen volksgesängen geistlich- und weltliches zusammen Herder 25, 322
S.; ebenfalls ward ich früh genug durch den zeitsinn aufmerksam ... für den ... antagonismus des geistlichen und weltlichen, zweyer kräfte, die vereint das heil der welt bewirken sollten (7. 12. 1825) Göthe IV 40, 157
W.; der ring Salomonis hatte sein mögliches gethan; aber er kann nur zeitliches, natürliches, künstliches, weltliches, aber nichts ewiges und geistliches geben Brentano
ges. schr. (1852) 5, 205; seinem praktischen und auf das weltliche gerichteten geiste Gentz
schr. (1838) 1, 231; leute, die ihn (
Brentano) gesehen, versichern, dasz manchmal das weltliche wieder bei ihm durchschlage, denn eigentlich will er sich blos geistlichen betrachtungen widmen (11. 9. 1822) Görres
ges. br. 3 (1874) 32; seine kleidung ist die übliche des katholischen landgeistlichen, aber bequem, lässig, mit einem stich ins weltliche Halbe
jugend (1911) 7; alles ist aufgeboten worden, geweihtes und weltliches, was altweiberhirn gegen die wassersucht pfuscht
qu. a. d. j. 1923.
[] C@22)
als bestimmung eines beiworts. C@2@aa)
eines sinnverwandten, durch weltlich
nur verstärkten: le cose qui dabasso die hieruntigen sachen
i. e. die weltlichzeitlichen dinge Castelli
wb. (1709) 2
b; doch nicht verliesz ich meine schäfertrift, um weltlich eitle hoheit zu erjagen Schiller 13, 266
G.; es war sünde, dasz er (
Joannes) sich von diesen weltlich eitlen dingen nicht hatte trennen können Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 203. C@2@bb)
eines beiworts, das durch weltlich
die beziehungsrichtung auf das zeitliche, irdische, materielle, dem weltleben zugehörige u. dgl. erhält: seculares weltlich-geistliche: als wie die cardinAele sind, die nicht messe halten
zeitungs lust u. nutz (1695) 654; ihm stand ein überstolzes ringen nach weltlich grossen thaten, nach weltlich glAenzendem ruhm ... entgegen Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 269; vorstellungen ... von einem weltlich mächtigen messias D. Fr. Strausz
ges. schr. 3 (1877) 306; vielmehr wollte ich ganz unbarmherzig die sache mit mir selbst ausfechten und mich verurteilen auf gut weltlich gerichtliche art und durchaus nicht auf geistliche weise G. Keller
ges. w. (1889) 2, 64; zu erkennen gewesen war das weltlich verschlagene gesicht des paters Joseph G. v. le Fort
Magdeburg. hochzeit (1938) 108;
vgl. dän. bildungen wie verdslig klog, -viis
ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1235.