welt,
f. (
über abweichende genusformen im nd. und übrigen germ. s. u.).
formen und verbreitung. ahd. weralt
Mons. fr. 68
Hench; altbayr. gebet in: kl. ahd. sprachdenkm. 310, 31
Steinmeyer; Tatian 239
Sievers (164, 4);
daneben erscheinen früh varianten mit anderer qualität des nebensilbenvokals: werolt
Tatian 171
Sievers (119, 10);
altalem. psalmenübers. in: kl. ahd. sprachdenkm. 295, 3
Steinmeyer; Otlohs gebet ebda. 184, 5; werult
in weruldi (
gen. sg.)
Weiszenburger katech. ebda. 34, 6; werelt
in werelti
Tatian 195
Sievers (132, 19); werelte Notker 1, 709, 9
Piper; werilt
physiologus in: kl. ahd. sprachdenkm. 125, 35
Steinmeyer; Annolied 35
Opitz-Bulst (31, 16);
vereinzelt auch des stammvokals unter einflusz des vorangehenden w: worolt Otfrid I 3, 49
Kelle; gelegentlich finden sich bereits einsilbige kurzformen: werlt
Tatian 130
Sievers (90, 5); Notker 1, 352, 14
Piper; s. ferner PBB. 38 (1913) 367
sowie zu den ahd. formen im allgemeinen Schatz
ahd. gr. (1927) 72
f. und 82
f. im mhd. herrscht weithin die synkopierte form werlt (
s. mhd. wb. 3, 577
f.; Lexer 3, 782
f.)
neben zweisilbigen varianten, die zum teil den älteren lautstand bewahrt haben, zum teil jüngere entwicklung zeigen: werelt
Schwabenspiegel 3
Wackernagel; werlet
Arnsteiner Marienlied v. 109
in: kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 127
Waag (
neben werlt
ebda. 124,
v. 1); werlit
vom jüngsten gericht in: mhd. übungsstücke 213
Meyer-Benfey; werlint
paradisus anime intelligentis 17
Strauch; die —
im konsonantenstand vereinfachte —
form der nhd. schriftsprache welt
ist schon seit dem 12.
jh. nachweisbar, wird aber erst in spätmittelalterlichen hss. häufiger, s. Weinhold mhd. gr. (1883) 208, Michels
mhd. elementarb. (1921) 152
und Karstien
hist. dt. gramm. 1 (1939) 158;
nach Schirokauer
stud. z. mhd. reimgramm. in: PBB. 47 (1923) 108
f. und v. Kraus
dt. liederd. d. 13.
jhs. 1 (1952) x
anm. ist sie zunächst nur in alem. texten geläufig, nicht wie Weinhold
und Michels
meinen, im bair.-österr.; noch 1397
ändert der bair. schreiber des gr. Alex. alem. welt
in werlt Schirokauer
a. a. o. (
vgl. auch das hs. liche nebeneinander von schwäb. weltlich, weltleich
und bair. werltlich, werltleich
in der überlieferung von Megenberg
s dt. sphaera, s. unter weltlich).
auch in frühnhd. hss. und drucken erscheinen daneben noch zahlreiche varianten abweichender form: welt
oder werlt
voc. teut. (
Nürnberg 1482) nn 7
a; wernt (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 342
s. v. macrocosmus u. 627
s. v. universum; werlnt (15.
jh., md.)
ebda. 353
s. v. meditullium (
wohl eine mischbildung zwischen werlt
und wernt,
s. V. Moser
frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 17);
bei Luther
stehen nebeneinander (
s. auch H. Bach
laut- u. formenlehre d. spr. Luthers [1934] 65): werlet 19, 263
W.; werlt 9, 185
W. und welt 53, 588
W.; mit den orthographischen varianten wellt (1522)
dt. bibel 6, 364
W. (
dagegen 1546: welt
ebda. 365); weltt
tischr. 5, 17
W.; weldtt 14, 334
W.; welth 2, 96
W.; noch im 17.
und 18.
jh. finden sich vereinzelt zweisilbige formen: werlet Zeiszold in:
ev. kirchenl. 2, 44
Fischer-Tümpel (
nr. 41,
str. 15); Schönaich
mischmasch (1756) 31;
auch die seit dem spätmittelalter nachweisbare nebenform mit epithetischem e (
s. Wilmanns
dt. gramm. 1 [
31911] 361, Paul
dt. gramm. 2 [1917] 89
insbes. anm. 1
sowie Paul-Gierach
mhd. gramm. [
141944] 96
anm. 4
zu § 127),
die sich aus dem anschlusz des wortes an die mischdeklination erklärt, ist bis ins 17.
jh. zu belegen: werlte (
nom. u. acc. sg.)
Nürnb. hs. 15.
jh. in: zs. f. dt. altert. 83 (1951-52) 200
u. 220
u. ö. (=
d. hort v. d. astronomie 1, 7
u. 49, 7); welte (
vokativisch gebraucht)
volksl. d. 16.
jhs. bei Uhland 1, 463;
noch 1605
bei Hollonius
somnium vitae humanae 70
ndr.: lesset die welt die welte sein;
vgl. ferner Ruchamer (1508)
unter V A 2
sowie mnd. werlde.
as. werold,
vereinzelt auch weruld
sowie warold, worold (
in waroldi, woroldi),
f. und m. Sehrt
wb. z. Heliand 663
f.; Wadstlin
kl. as. sprachdenkm. 245; Gallée
and. wb. 376
u. 530,
as. gramm. (1910) 46, 49, 113;
die maskulinen formen erklären sich wohl aus anlehnung an die flexion konsonantischer stämme (
s. Holthausen
as. elem.-b. [1921] 104, Gallée
a. a. o. 210
f.; ähnlich van Helten
mndl. spraakkunst [1887] 351
f. für das mndl.),
wozu einwirkung von lat. mundus
getreten sein mag. anfr. werolt
altostnfr. psalmenfragm. 25 (
ps. 60, 9)
van Helten; werilt
in werildi, werildis
ebda. 57 (
ps. 18, 10);
mndl. werelt,
seltener werlt, warelt, werrelt, werlet, werhilt, welt,
f. und m. Verwijs-Verdam 9, 2, 2217;
ndl. wereld Dale 2, 1981.
mnd. werlt, werlde, warlt, warlit Schiller-Lübben 5, 686;
mit entwicklung eines sekundärvokals (?) werrelt Lasch
mnd. gramm. (1914) 124.
afries. warld, wrald, wrauld, rauld, ruald Richthofen
afries. wb. 1160; Holthausen
afries. wb. 124 (
zum stammvokal a
der afries. formen vgl. van Helten
altostfries. gramm. [1890] 11, § 10,
anm. 2,
zum r-
umsprung ebda. 81, § 96,
über die form wrauld Siebs
afries. vocalismus in: PBB. 11 [1886] 245
und die schreibung ru
für wr van Helten
a. a. o. 73, § 84);
neufries. wrâld, wraeld, wrâd Dijkstra 3, 476; (
festländ.)
nordfries. wràl,
m. Jensen 713; wrl Jabben 108; wrāll Bendsen 50;
nordfries. (
Föhr und Amrum) werld
f. und m. Schmidt-Petersen 162; (
Sylt) wārel Möller 293;
ostfries. warrelt, werreld, wereld (
jedoch fast vollständig durch das nhd. welt
verdrängt und nur noch in einigen redensarten und sprichwörtern erhalten) Doornkaat Koolman 3, 539.
ae. nördl. nordhumbr. woruld, worold, woreld, world,
altws. worold,
südl. nordhumbr. und ws. auch weorold Sievers-Brunner
ae. gramm. (1942) 90
f. (§ 113 b
sowie anm. 4
u. 7), 87; Bosworth-Toller 1193; Grein-Köhler 820;
me. weoreld, weoruld, weorld, wereld, werld, werd, woruld, woreld, world Stratmann 678;
ne. world Murray 10, 2, 300;
auch im engl. (
ae.)
treten vereinzelte maskulinformen auf, s. Bosworth-Toller
a. a. o. und Murray
a. a. o. an. veröld Fritzner 3, 922; Cleasby-Vigfusson 699;
mschwed. väruld, värald, väreld, värild, värld, werldh, werll Söderwall 2, 2, 1060;
schwed. värld
f. und n. Hellquist (
31948) 1396;
ädän. vereld, verd(en) Kalkar 4, 800;
dän. verd-en
mit erstarrtem bestimmten artikel, s. Falk-Torp 1368;
ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1182
ff.; norw. verd Torp 878.
mundartlich im gesamten sprachraum geläufig und in mannigfachen redensarten lebendig, wenn auch als wort einer gehobenen stilschicht (
vgl.gott)
nicht von jedem idiotikon gebucht. fast ausschlieszlich in der schriftsprachlichen form welt
belegt. nur vereinzelt werden wesentlich abweichende formen verzeichnet (
vgl. auch die obgenannten fries. belege): wilt, wölt (
vereinzelt neben welt) Mensing
schlesw.-holst. 5, 588; walt Hofmann
niederhess. 261; Ruckert
unterfränk. 193; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 824; wöłt, wəlt Vetsch
Appenzell 101
u. 147.
abgesehen von diesen einzelmundartlichen qualitätsabweichungen des stammvokals (
s. darüber auch die bemerkungen bei Schmeller
maa. Bayerns 48
und Streiff
Glarner maa. 27)
erscheint am bemerkenswertesten die zuweilen bezeugte dehnung oder gar diphthongierung des vokals vor lt
bzw. rt (
s. Jutz
alem. maa. [1931] 160): wēlt Heilig
Taubergrund 29 (
ostfränk.); wǣlt Wipf
Visperterminen 127; Clausz
ma. v. Uri 87; Brun
Obersaxen (Graubünden) 73; Hotzenköcherle
Mutten 206; Kessler
z. (
schweiz.)
ma. d. Schanfigg in: PBB. 55 (1931) 164. wäilt (
neben wält) Tonnar-Evers
Eupen 224; weald (
neben weld) Crecelius
oberhess. 904; wealt Kuen
oberschwäb. wb. d. bauernspr. 54; węəlt, wjəlt (
neben wElt, wElt) Fischer
schwäb. 6, 1; 668; wi
ärlt Kisch
Nösner wörter 173; węǫut (
mit vokalisierung des l) Jutz
alem. maa. 55; woit (
mittelbair.) Reis
dt. maa. (
21920) 52 (
zur entstehung dieses zwielauts vgl. Teuthonista 1 [1924-25] 88, 90
u. 105).
ferner der wandel des anlauts zum labialen verschluszlaut (
s. Behaghel
gesch. d. dt. spr. [
51928] 385): berlt, barlt Schröer
Gottschee 228
u. 231; belt Schmeller
cimbr. 172; Bacher
Lusern 225; Zingerle
Lusern 57;
der ersatz des r (
vor l)
durch d: vædlt (
neben værlt) Scheiner
mediascher ma. (
Siebenb.)
in: PBB. 12 (1887) 146;
sowie die schwächung des auslauts (
lenisierung nach l)
bzw. bewahrung der unverschärften lenis in nd. maa.: weld Mensing
schlesw.-holst. 5, 588; Dähnert
plattdt. 545; Woeste-
N. westfäl. 319; Schambach
Göttingen 293; Crecelius
oberhess. 904; Schmeller-Frommann
bayr. 2, 910; wald Polenz
altenb. 62; wæld Baumgartner
Berner seel. 134; Stucki
ma. v. Jaun 193; wäld Friedli
bärndütsch 2, 133; wöld Jakob
Wien 218.
herkunft und bedeutung. die begriffliche herleitung von wer-alt (< wer '
mann' + alt,
got. alds,
ae. yld,
an. ǫld,
ein -
zur zeitbezeichnung gewordenes -
verbalabstraktum zu germ. alan '
zeugen, nähren, wachsen',
s. Feist vgl. wb. d. got. spr. [1939] 35, Jóhannesson
isl. etym. wb. 1 [1951
ff.] 37
und Kluge
dt. wortbildungsl. [1925] 12)
ist schwierig. läszt einerseits die parallele des got. manaseþs '
κόσμος',
eigentlich '
menschensaat',
eine alte bildungs- und vorstellungsweise des germ. (
etwa eine auffassung der welt als '
lebentragender kreis menschlicher gemeinschaft'
im gegensatz zur lebensfeindlichen wildnis, vgl. auch got. fairƕus '
κόσμος'
und Jacob Grimm
s wort: 'manasêþs, faírhvus
und wëralt
zeigen auf räume und zeiten hin, die von menschen erfüllt werden'
dt. mythologie 2 [
41876] 663)
vermuten, so ist es andererseits kaum möglich, die komposition weralt
als eine eigentümlich heidnische —
von der kirche übernommene und im christlichen geiste gewandelte —
prägung des vorchristlichen germ. zu erweisen: vorchristliche belege des wortes kennen wir nicht; wir treffen es —
als wiedergabe des kirchenlat. saeculum —
zufrühest im südgerm.; es ist —
im gegensatz etwa zu der alten gemeingerm. bildung got. midjungards,
an. miðgarðr,
ae. middangeard,
as. middilgard,
ahd. mittin-, mittilgart —
weder im got. nachweisbar, noch im nord. ursprünglich (
s. F. Fischer
d. lehnw. d. altwestnord. [1909] 7
und W. H. Vogt
in PBB. 58 [1934] 21
anm.; die im 10.-11.
jh. entstandene, christlich beeinfluszte vǫluspá bietet die beiden einzigen belege des wortes in der edda; sie zeigen mit der bedeutung '
zeitalter', '
welt' [
s. Gering vollst. wb. z. d. liedern d. edda, 1903, 1106 ]
die im folgenden erörterte doppelseitigkeit des zugrundeliegenden saeculum,
dessen einflusz nach W. H. Vogt
auch andere ebda. auftretende zusammensetzungen mit -ǫld
aufweisen, s. a. a. o. 24).
im got. der Ulfilasbibel (
mehrfach in den Paulinischen briefen)
findet sich allerdings bereits das (
im ahd. unbezeugte)
simplex alds
als entsprechung von αἰών (
über dessen sinnverwandtschaft mit κόσμος s. u.).
weiterbildung dieses ansatzes, verdeutlichung des alds
zu wer-alt
unter einflusz des bedeutungsentsprechenden lat. wortes saeculum,
urspr. '
menschensaat, menschenalter' —
vielleicht einem alten germ., besonders im got. lebendigen (
s. o.)
bildungsprinzip folgend —
ist die vermutliche entwicklung, deren ausgangspunkt man —
wie beim aufkommen der kontinentalgerm. präfixbildung abgot (
s. PBB. 67 [1944] 426
u. 433) —
im bereich der got. mission suchen mag; sie musz bis zum 8.
jh. erfolgt sein; denn zu beginn der literarischen überlieferung des frühmittelalterl. dt. erscheint die komposition als durchaus geläufig, ja zuweilen bereits zu werlt
verschliffen (
s. o.),
und Otfrid
wagt schon die weitere zusammensetzung worolt-altar '
weltalter',
nachdem das —
im ahd. als simplex unübliche und nicht bezeugte —
temporale grundwort des ersten gliedes (-alt)
unverständlich geworden war. unmittelbare entsprechungen zu weralt
finden sich im weiteren idg. nicht; vgl. über die synonymen bezeichnungen für welt
in den wichtigsten idg. sprachen C. D. Buck
words for world, carth and land, sun in: language 5 (1929) 218
ff., Schrader-Nehring
reallex. d. idg. altertumskde. 2 (1929) 652
sowie die überschau in J. Grimm
s dt. mythologie 2 (
41876) 661
ff.; 3 (
41878) 235
ff. und dt. gramm. 3 (1890) 389
f. —
lat. saeculum,
das für die prägung und verwendung des germ. wortes bestimmend geworden ist (
vgl. auch Buck
a. a. o. 222),
war seit beginn der christlichen epoche, also schon im späten altertum und frühen mittelalter, nicht mehr ausschlieszliche bezeichnung für einen reinen zeitbegriff. ebenso wie das bedeutungsentsprechende griechische wort αἰών an vielen stellen des neuen testaments bereits mit κόσμος gleichgesetzt worden war, so war das —
in den lat. bibelübersetzungen dafür eintretende —
lat. aequivalent saeculum
in sinnverwandtschaft mit mundus,
der geläufigen entsprechung von κόσμος,
geraten, und der am häufigsten belegte wortsinn von saeculum
wurde im mittelalter '(
diesseitige, sündige)
welt'
; vgl. zum vorstehenden G. Stadtmüller
saeculum in: saeculum 2 (1951) 152
ff. welt,
das als wiedergabe von lat. saeculum
und mundus
erscheint (
vgl. auch R. v. Raumer
d. einwirkung d. Christentums auf d. altdt. spr. [1845] 374
und Lindquist in:
PBB. 60 [1939] 22),
weist dementsprechend in (
bzw. seit)
frühdt. zeit folgende hauptbedeutungen auf: '
zeitalter',
insbes. '
menschenalter, weltalter' (I), '
zeitlichkeit, das diesseitige zeitverhaftete dasein und daseiende' (II), '
kreis der erdbewohner' (III A), '
auszenwelt' (IV A), '
erdkreis' (V), '
schöpfung' (VI), '
transzendente sphäre' (IX B 1 andere, jene welt '
jenseits'),
d. h. welt
erwächst mit der masse seiner gewichtigsten bedeutungen auf christl.-lat. grunde. im anschlusz an saeculum
und mundus
erreicht es bereits in frühdt. zeit fast alle seine wesentlichen bedeutungen, dann vermannigfaltigt durch neuerliche einwirkungen des lat.-griech. (
macrocosmus [VII],
microcosmus [VIII 1])
im zeitalter des sich erweiternden naturwissenschaftlichen weltbilds, des franz. monde [III A 1 b
β,
γ und 2 c])
im 18.
jh., sowie durch metaphorische anwendungen mannigfacher art; überall, wo der sprecher auf ein abgeschlossenes ganzes, auf universale fülle, welcher art auch immer, zielt, springt das wort welt
als bezeichnung ein: für '
einen in sich geschlossenen bezirk verschiedener art, der in seiner eigenständigkeit und eigengesetzlichkeit gleichsam ein all im kleinen darstellt' (VIII), '
die ganzheit eines geistigen (
oder halbkonkreten)
bereiches' (IX), '
die gesamtheit der sinnlich und geistig erfaszbaren erscheinungen und sachverhalte' (X), '
allumfassende menge, fülle, hohes (
kosmisches)
masz' (XI),
um nur die wichtigsten, von welt
umfaszten bereiche anzudeuten. so spiegelt die geschichte des wortes welt
gleichsam symbolhaft den gang der abendländisch-deutschen kulturwelt wider, die auf christlichantikem grunde ersteht, durch äuszere einflüsse und inneres wachstum sich zu immer gröszerer mannigfaltigkeit entwickelt. einige abschnitte dieser wortgeschichte (VI, VII)
lassen einen wesentlichen vorgang der dt. geistesgeschichte sichtbar werden, sie zeigen, wie der antike kosmos- und christliche schöpfungsbegriff allmählich dem der modernen naturwissenschaft und welt-anschauung weicht, und die schillernde vieldeutigkeit, mit der das wort zuweilen im schrifttum des 18.
und 19.
jahrhunderts begegnet, läszt uns spüren, wie sich diese vorstellungen zu oft eigenartigen synthesen eines individuellen welt-bilds verbunden haben (
über das neben- und ineinander des alten und neuen weltraumbilds in der dichtung der romantik vgl. Chr. Junker
d. weltraumbild i. d. dt. lyrik [1932] 17,
über die wechselnde weltauffassung deutscher philosophen Eisler
wb. d. philos. begr. 3 [
41030] 502
ff.).
wenn irgendwo, dann gilt für diesen artikel des deutschen wörterbuchs das wort Wilhelm Grimms: '
definitionen können nicht erschöpfen, was das lebendige wort in sich faszt, aus den reichlichen und mit sinn ausgewählten beispielen musz der wahre begriff hervorgehen und wird sich in den feineren schattierungen oft nur empfinden lassen' (2. 4. 1839)
br. d. br. Grimm an Savigny (1953) 404
Schoof. II.
zeitalter. I@AA.
für perioden verschiedenen ausmaszes. I@A@11) '
zeit(
alter)'
schlechthin: thu sis giuuisso heilerthero forasagono einer, thie iu bi alten uuoroltinthen liutin vuuntar zelitin, kunftigo datiioh druhtines girati Otfrid III 12, 19
Kelle; so besonders im änhd.: secula prisca ... die vergangene zeyten, alte oder lang vergangne wAelt Frisius
dict. (1556) 1058; ich verwundere mich ..., dasz zu dieser witzigen welt, da wir aller kunst und wissenheit gipffel erlangt zu haben vermeint werden, ... dasz, sag ich, zu dieser gar witzigen zeit schier keiner ... gefunden wird, der die oeconomische künsten mit gelehrter feder abmahle Schupp
schr. (1663) 709; warum mir aber in neuster welt anarchie gar so wohl gefällt? Göthe I 3, 296
W.; aus neuerem sprachgebrauch jedoch nur noch in besonderer einzelanwendung belegt; '
die vor- oder nachzeit umfassender abschnitt der ewigkeit': die vergangenheit ... ist eine der beiden welten der ewigkeit, ... die andere ist die zukunft Bettine
Günderode (1840) 1, 178;
geschichtsepoche: Johannes Müller ... feierte in schwülstigen perioden Napoleon und Friedrich als die heroen der modernen welt Treitschke
dt. gesch. (1897) 1, 251; doch fragte man sich nicht so sehr, was dies alles (
die revolution 1917) für die künftige welt (
zukunft) bedeute; man dachte nur an die gegenwart, und für diese bedeutete es den frieden Carossa
arzt Gion (1932) 152;
aber bereits Adelung
erklärt: welt ...
die zeit und ein theil derselben, ein zeitalter, wie das lat. saeculum ... doch in dieser ganzen bedeutung ist es jetzt veraltet 5 (1786) 159. I@A@22)
weltalter (
vgl. hierzu: d. religion i. gesch. u. gegenw. 3 [1912] 1262
b Schiele-Zscharnack): die uinf uuile, in den dir der huosherro ladote die uuerhliuti in sinan uuinkarten, die pizeichinent die uinf uuerlti, die dir uore Christis kiburte uuaren ... an demo ente dere uinften uuerlte do gareti sanctus Johannes baptista den uuech demo gotis sune ... in dere sehsti uuerlti, in dere uuir nu piren, do chom selbo unser herro
kl. ahd. sprachdenkm. 169
f. Steinmeyer; also do mennisco uuard formatus in sexto die. so uuard er sîd fone Christo reformatus in sexto sęculo (
gl.: an dero sehstun uuerlte) Notker 2, 391, 10
Piper; do hub sich an dú sehste welt an sant Johans, dem herren min, und wert untz an daz end hin. dis sehs welten jamers vol die wassergelten túten sol
der sœlden hort 5541
Adrian (Augustinus
Joh. ev. tract. 9 [
patrologia latina 35, 1461
ff., Migne]: '
sex ... illae hydriae sex aetates significant'); gleich wie von anfang der beschOepffung bisz auff vnsere zeit sich verlauffen haben sieben weldt vnd wir seind jetzundt in der siebenden weldt Seb. Münster
cosmogr. (1550) 379; hernach siehet man, wie
gott in der natur gewirkt, als die heiligen vAeter in der ersten welt (
im ersten weltalter, d. h. bis zur sintflut) geboren, als: Abel, Seth, Enos ... und der heilige Noah Jac. Böhme
s. w. 2, 5
Schiebler; in dieser letzten welt
in questi ultimi, estremi tempi nell'
ultima decrepitezza del mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; erste welt
findet sich noch im 17.
und 18.
jh. häufig für die anfangsperiode der menschheitsgeschichte: seinen bAeren schickte er auf die jagt aus, welcher tAeglich etwas von wildpret einbrachte; so der gute einsiedler nach der ersten welt einfalt zurichtete Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1095
b; (
die vernunft kann eine abbildung nicht für wahrscheinlich halten,) durch welche die erste welt, ohne alle ursache, in ein schlaraffenland verwandelt wird Liscow
satyr. u. ernsth. schr. (1739) 541; dieser anblick (
eines badenden mädchens) wirkte so wundersam auf den lauschenden berggeist, dasz er ... mit eben der lüsternheit, wie ehedem seine konsorten in der ersten welt, nach den töchtern der menschen sah Musäus
volksmärchen 1, 7
H.; in neuerem sprachgebrauch wird welt
in dieser bedeutung unüblich und weicht der komposition weltalter (
s. dort unter 2 b). I@A@33)
jahrhundert (
s. auch PBB. 75 [1953] 312
ff.): hundert iar heissent seculum, daz ist ein welt
Meinauer naturlehre 12
Wackernagel; seculum die welt
vel eternitas vel spacium centum annorum gemma gemmarum (
Straszburg 1508) z 3
b;
seculum welt
centum annorum spacium Altenstaig
voc. (1516) 17
a; zweyhundert jar hab ich glebt wol, so man den alten glauben soll. inn der dritten welt thu ich leben, desz sollend ir mir glauben eben (
vixi ... annos bis centum; nunc tertia vivitur aetas Ovid
metam. 12, 188) Wickram
w. 8, 141
Bolte. I@A@44)
lebenszeit, menschenalter. so schon im as. (
Hel. 127
u. ö.),
hd. nur vereinzelt nachweisbar: haben ih gimeinit ... thaz ih einluzzo mina worolt nuzzo Otfrid I 5, 40
Kelle; drey wAelten auszlAeben
vivere tertiam hominum aetatem Frisius
dict. (1556) 55
a;
vereinzelt im sinne von '
lebensperiode': (
in das stammbuch des sohns:) diesz album lag so manches jahr in banden, nun richtet sich's zu frischer wandrung auf; von früher welt sind freunde noch vorhanden, erneue sich ein heitrer tageslauf Göthe I 4, 268
W. I@A@55)
formelhaft im anschlusz an lat. (
-griech.-hebr.)
wendungen (
s. E. Luginbühl
studien zu Notkers übersetzungskunst, diss. Zürich 1933, 25
ff.):
a saeculo et usque in saeculum hinnan fone dirro uuerlte unz ze enero uuerlte Notker 2, 153, 7
Piper; wann es ist nit gehort von der werlt, das iemand aufftet die augen des blinden geborn (
a saeculo non est auditum)
erste dt. bibel 1, 376
Kurr.; im bereich südwestdt. (
schweiz.)
bibelübers. kommt die formel von je welten her (
ab aeuo conditto Frisius
dict. [1556] 55
b)
auf: o herr du bist vnser zuoflucht von ye welten hAer
Zürcher bibel (1531) 2, 39
a (
psalm 90, 1); ist das evangelium ... den Juden von je welten har zum ersten geoffnet Zwingli
dt. schr. 1, 32
Sch.; ain grundfeste des ainigen waren und von iewelten (!) her uralten globens Kessler
sabbata 18
hist. ver. St. Gallen; darinn sie auch von je wälten här die Asianer und Africaner weyt vbertroffen Stumpf
Schweizer chron. (1606) 13
b; von je welten her hat sich der gott Israels ... dadurch vor allen erdichteten gottheiten ... unterschieden und ausgezeichnet, dasz er denen antwortete, die seinen namen anruften Lavater
pred. üb. d. buch Jonas (1773) 1, 124; dasz es von je welten her zufriedne und unzufriedne menschen msse gegeben haben Bräker
s. schr. (1789) 2, 95;
varianten: dhain neuen brauch dann der allwegen und ye welt her gewest
qu. a. d. j. 1525
bei Fischer
schwäb. 6, 1, 668; die ketzer handt je welt sich des gots worts beriempt Murner
uszlegung d. ungesalzenen briefes d. herrsch. v. Bern (1529) E 1
a; volgende zween hat man ie werlen (!) gehalten wie ein edle perlen: ein medicus treuw und gelehrt, chirurgus erfahrn vnd bewert, die sind viel guts und ehren werth Kirchhof
wendunmuth 2, 163
Ö.; kampf-recht ist bey den Teutschen in spAenigen, verworrenen und zweifelhafftigen sachen von ieder welt her in gerichtlichen brauch und ubung gewest J. Döpler
theatr. poen. (1693) 114; von der welt an: das alle lebendige hunde von der welt an ... solchs nicht gleuben wrden Luther 53, 588
W.; alles wat godt gespraken hefft durch den mundt alle siner hilligen propheten van der werlde an Rotmann
restitution 5
ndr. I@BB.
einem bestimmten zeitalter zugehöriges. I@B@11)
die menschen eines weltalters: originali mundo (
non pepercit) dero eristun werolti (10.
jh.)
ahd. gl. 1, 793, 29
St.-S.; felix nimium prior tas tiu êrera uuerlt uuas filo sâlig Notker 1, 96, 23
Piper; die heimwarten liute, di dâ wartôten der broute, die bezeichent die funf werlt alle, die dâ wâren in der helle, die dannen nie mohten chomen, ê si got selbe dâ muose nemen
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 2114
Waag (
hochzeit 808) (
ähnlich ebda. 8 [
Ezzos gesang 145];
Annolied 8
Opitz-Bulst [4, 4];
kaiserchronik 9452
Edw. Schröder); offenbar ist, dasz die erste welt vor der sndfluth ... wenig von den qualitAeten und geburt gottes gewuszt hat Jac. Böhme
s. w. 2, 196
Schiebler; bisz willkommen, starkker heldt, der dich schon die erste weldt und die vätter überall hochgeehret und begehret: sey willkommen nach dem fall! Joh. Heinr. Hadewig (1623-1671)
in: ev. kirchenl. 2, 503
Fischer-Tümpel; da wie die erste welt im wasser war ertruncken zur zeit Deukalions J. Rachel
sat. ged. 15
ndr.; die menschen des goldenen zeitalters: armuot die yetz ist gantz unwerdt was ettwann liep und hoch uff erd und was genem der gulden welt, do was nyemans der achtet gelt oder der ettwas hatt alleyn, all ding die woren do gemeyn Seb. Brant
narrenschiff 83, 33
Z. I@B@22)
generation. vor allem mit zeitcharakterisierendem beiwort; die gegenwärtige, heutige, jetzige, junge, jüngere, neue(re) welt: iz ni habent liuola, noh iz ni lesent scribara, thaz iungera uuoroltisulih mord uuurti Otfrid I 20, 24
Kelle; ... wie dise werlt niuwe wirt läider ungetriuwe ... verbœset ist diu niwe jugent Heinr. v. Melk 40
Heinzel-Kienast (
erinnerung 379); vnd wiewol heut die junge welt für schlecht der alten thaten hAellt Fischart
glückhafft schiff 7
ndr.; durch deren (
der historie) vermittelung ihr (
der helden) gedechtnus so wol der gegenwertigen welt weit und breit eingepflantzet als auf die knftige nachfolgende posteritet ausgebreitet Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 1; was ist die nachwelt wohl, von unsrer welt gebohren? so, wie die itzge welt, besteht sie
meist aus thoren Cronegk
schr. 2 (1763) 5; die neuere welt ist den worten hingegeben (26. 11. 1825) Göthe IV 40, 141
W.; ich war ein lockerer zeisig, ich wills hoffen, aber die heutige welt hat mich schon übertroffen Meisl
theatr. quodlibet (1820) 2, 3; die junge welt stürzte ... in ihren wagen ... holpernd das klinkerpflaster hinunter H. Mann
ausgew. w. 1, 426
akad.; də jønə walt
die junge welt, die jüngere lebende generation Hofmann
niederhess. 261. die alte welt: so nun beides, die alte vnd auch heutige welt, ... nutzlich befunden Fischart
Garg. 4
ndr.; Walter, Wetzstein, hieher zu mir; die alte welt so zusammen maler Müller
w. (1825) 1, 293;
hierzu wohl auch: zuo der alten wAelt faren
sterben Frisius
dict. (1556) 275
b s. v. concedere. die folgende, späte(re), zukünftige welt: wiewol die folgende zeit vnd welt gemeiniglich zum mehrern theil nur die laster der vorfarenden in vbung behalten Barth
weiberspiegel (1565) E 7
b; so ich noch bin beglaubt, so kOennen was zu schreiben, das fr die spAete welt zur nachricht soll verbleiben P. Fleming
teutsche poemata (1642) 224; wird die spAete welt den krieg mit der zeit in bchern lesen B. Neukirch
ged. (1744) 11; wohl alten helden ziemt es, zukünft'ger welt waffen zu schleifen Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 9; ach, nicht wähnt er den neid zu besiegen und weilt entfernt, taub den feinden und hoffend, es werde die spätre welt spreu vom waizen zu scheiden verstehn Platen
ges. w. (1839) 121. die welt der enkel: ich fragte meine schöne: soll dich als Dorimene ... die welt der enkel kennen? Lessing 1, 62
L.-M. in neuerem sprachgebrauch findet sich häufig die formelhafte verbindung welt und nachwelt,
in der welt
die lebende generation, nachwelt
die kommenden geschlechter bezeichnet: du fragst, warum Semir ein reicher geizhals ist? Semir, der dichter? er, den welt und nachwelt liest? Lessing 1, 5
L.-M.; hartnäckig wird es welt und nachwelt läugnen Göthe I 15, 1, 55
W.; aber welt und nachwelt hat diesen harten ausspruch gerechtfertigt Heinse
s. w. 4, 213
Schüddek.; ein etwas, das die welt und nachwelt lobet Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 29. I@B@33)
die verhältnisse, lebensordnung einer bestimmten zeitperiode (
vgl. auch II B 3): es ist itzt nicht mehr eyn wellt wie vortzeytten, da yhr die leutt wie das willd jagetet und triebet Luther 11, 270
W. (
von weltlicher oberkeit 1523); es ist eine welt der ander gleich, die welt kugel waltzt vmb vnd kompt das alt im newen kleid wieder; auff, ab, wieder auff, das ist der lauff Lehman
floril. polit. (1662) 2, 908; wie kennst du die jetzige welt so wenig!
o quam te fallunt nostra tempora! Serz
teut. id. (1797) 175; das war in d'r alten welt; heut sind mir in eener andern welt (
zeit mit andern verhältnissen) Gerh. Hauptmann
weber (1892) 111; die welt vor 100 jahren. menschen und kultur der zeitenwende
um 1840 Redslob (1940)
titel; so auch in moderner ma.: ass dât eng welt!
was sind das zustände! luxemburg. ma. 483; o jerum, was isch diss forr e welt! zidder d'welt uf d'r welt isch, hawwi noch ken welt g'schn, wie die welt wo uf d'r welt isch! Martin-Lienhart
elsäss. 2, 825; wer schaut iətz bei derə'wəld ən alds mensch mer a~? Schmeller-Fr.
bayer. 2, 910.
gelegentlich erscheint die verbindung schöne(re) welt
für die '
ideale lebensordnung eines goldenen zeitalters': schöne welt, wo bist du? — kehre wieder, holdes blüthenalter der natur! Schiller 6, 25
G.; es ist eine bessere zeit, die suchst du, eine schönere welt Hölderlin
s. w. 2, 169
Hell. sowie als besondere anwendung die alte welt
die antike, der kulturkreis des altertums: er (
einer, der in Rom wohnt) sieht sich im mittelpunkt der alten welt Göthe I 46, 66
W.; zum ersten male trat ... (
das dramatische) in die antike welt etwa um das jahr 500
v. Chr. ...; aber darin unterscheidet sich jener ältere eintritt des dramatischen in die alte welt, dasz das drama des alterthums aus lyrischem chorgesang hervorwuchs G. Freytag
ges. w. 14 (1887) 23;
mit besonderem bezug auf das antike menschentum: da sieht man recht, was die alte welt an ... kunstsinn voraus war (1.-9. 6. 1787) Göthe IV 8, 228
W.; er (
Shakespeare) vereinigt die naivität der alten welt mit dem geistigen reichtum der modernen O. Ludwig
ges. schr. 5 (1891) 326. die (eine) alte welt
findet sich daneben auch im sinne von '
die alte lebensart, sitte, mode': vi haubtharnasch der alten welt (
geschlossene helme älterer form)
nachlaszverz. a. d. j. 1495
in: mittelalterl. inventare 60
b Zingerle; es ist eine alte welt
egli è un mondo antico cioè una usanza, foggia antica Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; deutsche mAedchen, wie gefAellt euch die alt' und neue welt? mOegt ihr noch die nase rmpfen und auf alte sitte schimpfen? Blumauer
ged. (1782) 107.
ähnlich in bestimmten verhältniswörtlichen fügungen; von (aus) der alten welt sein: er ist von der alten welt Tappius
adag. cent. sept. (1545) Z 6
a; ists aber icht ein alt person, von alten gschichten sagen kan, auch den alten nach kleid vnd helt, derselb ist von der alten welt Eyering
proverb. (1601) 2, 376; er ist noch ganz von der alten welt H. L. Wagner
theaterst. (1779) 15 (
Evchen Humbrecht 1, 3); î bi~ hAelt nu ǎ mustǎr vo~ dǎ Aelden welt und ǎ spiagel vo~ die urålden zeiten
volksschausp. 215
Hartmann (
nr. 26
d. alte u. neue mode); a īs nō vǔ dr āla (
alten) welt Rother
schl. sprichw. 1
a; dat es'r een vanne aule welt
Elberf. ma. 174; ds ęs nx ęnər ys der ālən walt
das ist noch einer von altem schrot und korn Hofmann
niederhess. 261. nach der alten welt leben
vivere all' uso antico del mondo ò all' antica Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; ich rede und denke noch nach der alten welt Cronegk
schr. 1 (1761) 48; ik bin so na de olle weld
ich liebe die neuen moden und eitelkeiten nicht Dähnert
plattdt. (1781) 545; se is noch na de olle welt, se draggt de neers achter Kern
u. Willms
Ostfriesl. (
31876) 53; lebe nach der alten welt und rede, wie's der neuen g'fällt Binder
sprichwörterschatz (1873) 120. IIII.
zeitlichkeit. II@AA.
im relig. sinne; '
das diesseitige, zeitverhaftete dasein und daseiende' (
vgl. sinnverwandtes zeit
teil 15, 538). II@A@11)
mit dem beisinn der unvollkommenheit und nichtigkeit, der mehr oder minder stark hervortritt. II@A@1@aa)
unvollkommene irdische daseinssphäre, jammertal: alla die arbeita ..., die ih in deser werolti (
in hoc seculo) sculi lidan durh dina era
kl. ahd. sprachdenkm. 182
Steinmeyer (
nr. 35,
Otlohs gebet 10); ir seyt von niden, ich bin von oben; ir seyt von dirr werlt, ich bin nit von der werlt
erste dt. bibel 1, 370
Kurr.; in suma, die welt ist die welt und bleibt auch welt, in der anders nichs (!), dann trübsal, untrew, angst und not ist
Zimmer. chron. 22, 486
Barack; demnach es in dieser welt vnd jammerthal alles zergenglich ist Sattler
phraseologey (1658) 395; ja, ich habe unrecht, o meine verklärte Wilhelmine! dich zu beklagen, dasz du einer welt voll clend, voll betrug, voll bosheit bist entrissen worden Nicolai
Seb. Nothanker 1 (1776) 69; die augen (
des sterbenden kindes) hatten einen glanz bekommen, der nicht mehr von dieser welt war W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 86; was willst du tun, armer mann? warten — beten? alle fünf grad sein lassen? o du verwünschte welt, du jammertal! Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 50; unsere regeln und glaubenssätze sind nicht auf die kurzlebigen erscheinungen dieser welt gerichtet O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 384.
zuweilen im sinne von '
diesseits'
schlechthin: mein allerliebstes junges kind auff diser welt ich nimmer find Spreng
Ilias (1610) 65
b; gott wird schon besser wissen, ob es besser ist zu sein auf dieser welt oder in der andern (1770) Mozart
bei O. Jahn
Mozart (1856) 1, 638; er wird aufwachen, vielleicht schon in dieser, vielleicht erst in jener welt von seinem rausch Bettine
d. buch geh. d. könig (1843) 1, 305. II@A@1@bb)
irdisches dasein: gedenket, daz ir (
der dem tode nahe könig) sît ein man, der wol weiz unde kan wie diu werlt ist gesezt, wie si sich an væht und lezt, sô ez sich hin und her wendet wie ez sich mit dem tôde endet Ottokar
österr. reimchron. 38936
Seemüller; ... bisz das in hertzen-leyd mein seel mit ir von hinnen scheyd ausz dieser welt in jenes leben H. Sachs 2, 36
lit. ver.; dienst vmb geld ist welt Lehman
floril. polit. (1662) 3, 43;
in einer theol. definition, die bereits zu 2
überleitet: was ist welt? welt ist unser ganzes dasein, wie es nun unter der bestimmtheit durch die sünde wird und ist Karl Barth
Römerbrief (
51926) 146. II@A@1@cc)
vereinzelt auch allgemein für '
zeitlichkeit'
im gegensatz zu '
ewigkeit': Schiwa, der leben und tod, welt und ewigkeit ist Th. Mann
ausgew. erz. (1948) 203;
vgl. hierzu Brentano
s. v. weltlich C 1 b
β und weltlichkeit 1. II@A@22)
mit dem beisinn der sünde. II@A@2@aa)
die der sünde (
dem weltleben)
verhafteten menschen: (
gott spricht zu den guten:) ir weintet für der werlte sanc vil süeze was iu gotes tranc
v. d. jungesten tage 74
Willoughby (
v. 569); welt ist ein haufe ... solcher leute, die nur von gott empfahen allerlei wolthaten und geben dem geber dafur ihren undank und lästerung Luther
tischr. 1, 544
W. (
nr. 1072); es ist ein grosser vnderscheid zwischen Miriam, Dauids vnd der ppigen, leichtfertigen welt tantzen
M. Ambach
von tantzen (1543) b 2
a; auf dasz die böse lasterhaffte welt, ihrem verdienst gemäsz gestraft ... würde Weckherlin
ged. 1, 60
lit. ver.; beleidigungen der sündigen welt sind dem gerechten nöthige züchtigung Klinger
w. 3 (1815) 87 (
Fausts leben); hier war von der sündhaftigkeit der welt die rede, an welcher er bekannte, auch selber teilgenommen zu haben C.
F. Meyer
s. w. 3, 34
Faesi; in sprichwörtlicher wendung: je mehr man predigt, je arger die welt wird Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) D 5
b.
mit bezug auf die mit der erbsünde beladene menschheit: ther nimis sunta uueruldi, intfah gibet unser
qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram kl. ahd. sprachdenkm. 34
Steinmeyer (
Weiszenburger katechismus 115
f.); der erlousser der werelt
qu. a. d. j. 1492
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 271; die welt hat wollen in schmerzen erlöst sein Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 2, 344. II@A@2@bb)
das weltleben: o der (
nonnen) ist mir selten kain worden, si luffi denn uss dem orden und fienge die welt wider an, die si vor durch got hett gelan
des teufels netz 6016
Barack; do man mir aber die e nit darzue (
zur priesterschaft) wolt gebn, do legt ich zuruckh das geistlich lebn vnd nam mich wider vmb die welt an, wan ich mich schener frauenn nit verbegn kan (1514)
Sterzinger spiele 18, 252
Zingerle; daz ain mensch, der closterleben fuorett, behuotsamlicher wandelett, dann in der weldt Keisersberg
pred. teutsch (1508) 70
b; dem alter nah und schwach an kräften, entschlägt sich Sanktulus der welt und allen weltlichen geschäften, von denen keins ihm mehr gefällt. die kleine trübe neige leben ist er in seinem gott gemeynt, der geistlichen beschauung zu ergeben Lessing 1, 11
L.-M.; begab sich darauf der welt und ging in ein kloster, um da geistlich zu leben br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 161; zwischen welt und einsamkeit ist das rechte leben Rückert
ges. ged. 6 (1838) 263; (
die) schwesternschaft (
diakonissen), die das leben jenseits der anstaltsgrenzen von vorneherein und in bausch und bogen als 'welt' und unbesehen als verwerflich betrachtete
qu. a. d. j. 1938. II@A@2@cc)
das irdische getriebe, weltliche treiben: der werlt sie gar entrunnen in die wüestenunge
Laubacher Barlaam 4849
Perdisch; der höchste rufft uns von dem marckt der welt in den weinberg, den sein sohn hat mit schweisz und blut genetzet Gryphius
lyr. ged. 33
lit. ver.; in der stille des klosters und im geräusche der welt sind tausend handlungen geheiligt und geehrt, auf denen ihr (
der natur) fluch ruht Göthe I 23, 269
W. II@A@2@dd)
weltliche gesinnung, lebensart: mit vil tugenden ist er geberlt swer in der werlde ist âne werlt Hugo v. Trimberg
renner 4947
Ehrismann; wo lieb und glaube aus ist, da ist eytel wellt und der teuffel selbs Luther 17, 2, 14
W.; daher kompt ein so rohe welt, vnnd vnchristlichs, vneuangelisch leben Joh. Nas
widereinwarnung an alle fromme Teutschen (1577) 115; er (
gott) fand mich auf der gassen voll welt und eigensinn B. Neukirch
ged. (1744) 44; freylich musz man gestehen, dasz ... durch tändelnde nachsicht, anleitung zum stolz, zur eitelkeit und zu dem, was man oft viel zu unbestimmt welt nennet, und durch schlechte beispiele manches jugendliche herz verderbet worden J. A. C. v. Einem
Mosheims vollst. kirchengesch. 9 (1778) 107;
hieran schlieszt die formelhafte wendung: von der welt seyn
essere del mondo cioè mondano, infedele, carnale Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
c. II@A@2@ee)
weltliche(
r)
brauch, mode; so nur vereinzelt nachweisbar: hie kumpt ein schOener jüngling, vff das aller hpschest (nach der welt) gekleydet vnnd angethon, vnnd spricht zuo synen mitgesellen, ouch nach der welt gezieret (
vgl. dazu die bemerkung vor v. 320: zücht er die wAeltlich kleydung ab vnnd legt demütige kleyder an)
schweiz. schausp. d. 16.
jhs. 1, 60
Bächtold (Kolrosz
von fünfferley betrachtnussen, vor v. 55). II@A@2@ff)
ort weltlichen lebens (
besonders im gegens. zu kloster u. einsiedelei): du solt gewinnen guotes vil, sit daz man den man eren wil in klóstern, an der welt nit wan nach sinem gelt
der sœlden hort 273
Adrian; das vylicht gefAerlicher, schwerer hindernüsz sy im kloster an warem christlichen gots dienst dann in der wAelt Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 27
ndr.; deine kindt von der welt an ein ort, da nichtz dan die welt ist (
zu bringen) Gebweiler
lob Marie (1523) 32
a; da beklagte ich erst die verlorne unschuld, die ich ausz dem wald gebracht und in der welt so vielfältig verschertzt hatte Grimmelshausen
Simpl. 377
Scholte; ich denke, ich weisz es, was meiner tochter in ihren itzigen umständen einzig ziemet — entfernung aus der welt, — ein kloster, — sobald als möglich Lessing 2, 442
L.-M.; so auch in wendungen wie die welt verlassen '
ins kloster gehen': also hand wir die welt verlassen, dass wir (
mönche) uf gassen und uf strassen der welt sind gsin ein überlast Nik. Manuel 6
Bächtold; da haben etlich fürsten ... in disen nOeten bekümmert, die welt verlassen vnd in clOestern jr ... schlupflOecher gesuocht Seb. Franck
Germaniae chron. (1538) 126
b; alle diese wort ... bewogen mich dermassen, dasz ich die welt verliesse und wieder ein einsidel ward Grimmelshausen
Simpl. 463
Scholte; die welt lassen, fliehen
abbandonare, fuggire il mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
c; um die zellen leidenschaftlicher büszer erhoben sich zahlreiche hütten frommer, welche gleich ihnen die arge welt verlassen hatten G. Freytag
ges. w. 17 (1888) 353; aus der welt gehen (fliehen, führen, scheiden): ich gehe nun aus der welt (
ins kloster) Chr. Weise
polit. redner (1677) 429; (
klosterbruder:) bin ich darum aus der welt geschieden, ich für mich, um mich für andre mit der welt noch erst recht zu verwickeln? Lessing 3, 111
L.-M.; aus der welt, wo tolle thoren spotten, ... flieht der zu euch, der nicht das schimmernde getümmel der eitlen welt ... liebt Hölderlin
ges. dichtg. 1, 34
Litzmann; er der aus der welt dich führte in der klosterzelle schweigen, wollte in die welt, die wüste erst den rechten weg dir zeigen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 223.
vereinzelt '
bereich des bürgerlichen gemeinwesens' (
im gegensatz zum kirchlichen bereich, vgl. weltlich B 3
und weltmann 2 c): der einzelne stand in welt und kirche, war bürger und Christ W. Köhler
Zwingli (
21954) 132. II@A@2@gg)
der kreis aller irdischen zur sünde verlockenden dinge: mit meine vûret sû ir lîp. sû wirt unreine, der werlde gemeine
denkm. 1, 113
Müllenhoff-Scherer (
nr. 23,
Friedberger Christ I
a 7); dú himelschen bilde ... sind dar zuo núzz, daz ein gOetlicher mensch ... etwaz vinde, daz in von diser valschen niederziehenden welt wider uf zuo dem minneklichen got reizlich ziehe Seuse
dt. schr. 4
Bihlmeyer; die zart und och die vin sol von recht gots gemahel sin und sol die welt versmahen und ir nienan genahen
des teufels netz 6785
Barack; dan die frummen seind also daryn, das sie teglich mit den sunden fechten und des fleisches lust, der werlt reytzen, des teuffels eingeben stetig und vestiglich widderstreben Luther 2, 96
W.; drey feind hat das menschliche geschlecht, den teuffel, die welt vnd das fleisch Harsdörffer
gesprächsp. 1 (1641) C 3
b; wenn welt und teuffel offt den menschen stricke legen, mit unerschrocknem geist da fr den fall zu stehn ... ist nur die grOeste mh Mühlpforth
teutsche ged. (1698) 226; bewahren ... in ehelichen züchten geborene kinder vor den versuchungen der bösen welt E. Mühsam
namen u. menschen (1949) 103;
hieran schlieszen wendungen wie die welt über winden: ich (
Christus) hab die welt überwunden Zwingli
dt. schr. 1, 100
Sch.; ein glaubiges gebet vberwind gott selbst, viel mehr die welt Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) B 7
b; rühme dich nicht, du habest die welt überwunden! E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 21
Gr.; der (die) welt (ent)fliehen: lasset uns mit Jesv ziehen, seinem vorbild folgen nach, in der welt der welt entflichen, auff der bahn, die er uns brach Siegm. v. Birken
in: ev. kirchenl. 5, 62
Fischer-Tümpel; dein beyspiel lehre mich, die welt und ihre reizung fliehn!
mildheimisches liederb. (1799) 25
Becker; der welt (ab-)sterben: der welt absterb, leb gott allein Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) B 3
b; doch da er kenntnisz g'nug erworben, ist er der welt fast abgestorben Göthe I 16, 286
W.; frommt es nicht, der welt zu leben, thut es noth, der welt zu sterben Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 286;
sowie die metaphorische umschreibung fürst (gott, herr, könig) der welt: das erste ist ein reich des teuffels, den nennet der herr im evangelio ein fursten adder kunigk dyser welth Luther 2, 96
W. (
s. auch ders., briefw. 8, 567
W.); der satan ist der welt got vnd fürst Seb. Franck
sprichw. (1545) 1, 41
a; der teuffel ist ... ein frst der welt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 440; vnd wann auch gleich der fürst der welt selbst wider uns sich legt ins feld Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 345
Fischer-Tümpel. II@A@2@hh)
personifiziert; als verkörperung des weltlichen, zur sünde verlockenden. die vorstellung der frau welt
ist wohl im Orient erwachsen (
zufrühest nachweisbar in einer mittelpers. kompilation aus dem 9.
jh., die auf älteren quellen fuszt, s. H. Junker
frau welt in Iran in: zeitschr. f. indologie u. iranistik 2 [1923] 237
ff.)
und durch manichäische vermittlung in den abendländischen kulturkreis gelangt (
s. F. R. Schröder
d. Parzivalfrage [1928] 33
ff. und H.-
F. Rosenfeld
rez. v. A. Closs
weltlohn [1934]
in: anz. f. dt. altert. 57, 4 [1938] 161;
bei Closs
und Rosenfeld
auch nachweise von parallelen in der bildenden kunst).
als sprechende allegorische person: der (
gott) ist gewaltic über mich. diu werlt bin geheizen ich, der dû nu lange hâst gegert. lônes solt du sîn gewert Konrad v. Würzburg
d. welt lohn 212
Edw. Schröder; ich bin die welt geheizen und kan uf bosheit reizen
weltlohn 197
Closs; die welt die sach mich an gar strang, sprach: ich hilff dir hie nit gesigen; vor dem todt musz ich mich selb schmigen H. Sachs 1, 466
lit. ver.; als besprochene —
so ansatzweise bereits in frühmhd. dichtung (
vgl. etwa memento mori 5, 1
in: denkm. 1 [1892] 74
M.-Sch.),
jedoch erst im spätmittelalter als bezeichnung einer ausgesprochenen personifizierung: schowend hie ir, jung und alt, der welt figur und ir gestalt! (
erläuterung eines in der hs. vorangestellten bildes; bild und verse sind offenbar weit verbreitet gewesen,
vgl. Closs
weltlohn [1934] 10
f.) Konrad v. Helmsdorf
spiegel d. menschl. heils 4598
Lindqvist; und angesprochene, wobei die personifikation nicht immer bis zur vorstellung einer charakteristisch ausgeprägten gestalt geführt hat (
vgl. die ähnliche verwendung von lat. mundus: jâ dû vil ubeler mundus, wie betriugist tu uns sus!
memento mori 18, 1
in: denkm. 1 [1892] 77
M.-Sch.): sich, werlt, daz ist dîn solt Ottokar
österr. reimchron. 16883
Seemüller; we we falsche welt der dir dienet
d. ewigen wiszheit betbüchlein (1518) 10
b (
ähnlich Grimmelshausen
Simpl. 461
Scholte); o welt! o welt! o welt! wer dir vertraut der fAellt Kern
sprichw. (1718) 44;
besonders in der formelhaften anrede frau welt: frô welt, ir sult dem wirte sagen daz ich im gar vergolten habe (
hier als kupplerin im lusthaus des teufels vorgestellt, s. Wilmanns-Michels 1 [1916] 244) Walther v.
d. Vogelweide 100, 24
Lachmann-Kraus; frô welt, ich hân ze vil gesogen: ich wil entwonen, des ist zît (
als üppiges weib, an deren brüsten der mensch ruht, aber in ihrem rücken wohnt grauen,
s. Wilmanns-Michels
a. a. o.)
ders. 101, 5; hetti ich dich nu, fro welt, tusent jar besessen, wa weri es nu? Seuse
dt. schr. 361
Bihlmeyer; nhd. nur noch in historischer darstellung: auch mittelst der kreuzzugspoesie wurde die herrschaft der frau welt nicht gebrochen Scherer
lit. gesch. (
71894) 96;
eine personifizierung ist letztlich auch in der wendung kind(er) der welt
erkennbar: sin eigne vater, der der welt kint zemal waz gewesen, der erschein im vor na sinem tode Seuse
dt. schr. 23
Bihlmeyer; wil ich dann mein elend lindern vnd erleichtern meine noth bey der welt und ihren kindern Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 325
Fischer-Tümpel; Praxedis ... warf dem gröbsten aller wächter eine kuszhand zu ... o kind der welt, das in finsternis wandelt, schalt die klausnerin herab, was soll die bewegung deiner hand? Scheffel
ges. w. (1907) 1, 131;
vgl. noch als besondere, auf vorstellungen verschiedener art beruhende fälle: so einer den vermasgungen der welt entrunnen ist in erkanntnusz unsers erlösers Zwingli
dt. schr. 1, 37
Sch.; die welt ist nicht allein des teuffels, sondern der teuffel selber (1539) Luther
briefw. 8, 353
W.; die welt ein lumpenhändler. nicht handle mit der welt; sie führt verlegne wahren; du wirst sonst, wie sie sind, mit schad und schand erfahren Logau
sinnged. 52
lit. ver.; wenn man des teuffels
braut, der rohen, tollen welt, die truncken von dem glück anitzt ihr fraszfest hält, das ärgste wird zuletzt mit gall und pech vorsetzen Gryphius
lyr. ged. 29
Palm (
ähnlich bei Binder
sprichwörterschatz [1873] 212).
auch die hochmittelalterliche dichtung, die —
vom späten Walther
abgesehen —
in den obzitierten belegen zu II A 2 h
unvertreten ist, kennt welt
als bezeichnung der personifikation, jedoch nicht die schroffe weltverneinende haltung, welche aus den früh- und spätmittelalterlichen belegen spricht (
über die hochmittelalterliche bejahung der welt als schöpfung gottes sowie über die weltvorstellung einer harmonischen ordnung des gradualismus statt eines gegensätzlichen dualismus s. Fr. Ranke
gott, welt und humanität i. d. dt. dichtung d. mittelalters [1952]
insbes. 14
ff.): sô wol dir, gotes untertân — ich meine dich, tiure welt! Friedrich v. Sunnenburg
bei Ranke
a. a. o. 24. II@BB.
allgemein; '
das leben und seine verhältnisse'. II@B@11)
in formelhaften verbalen wendungen, die mehr oder minder noch von lokalen vorstellungen bestimmt sind. II@B@1@aa) '
das leben schenken (
α)'
oder '
erlangen (
β)'. II@B@1@a@aα) zur (an, auf, in die) welt bringen (gebären, setzen, tragen): daz in ain maget in die werlt getruoc
kaiserchronik 9545
Edw. Schröder; das ... euer lieb gemahel ... eins schönen sones, den sie euch an die weldt gebracht hab, genesen (20. 11. 1493)
privatbr. 1, 304
Steinhausen; sie erst ein kind hette auff die welt bracht Barth
weiberspiegel (1565) P 3
a; als das weib Urie ... im ein kind an die welt gebar Wickram
w. 2, 133
Bolte; geliebte
mutter, weil du mich, sprach er (
Achilles), hast in die welt geborn Spreng
Ilias (1610) 8
a; ach das ich sie (
die tochter) nicht zur welt getragen hette! Heinr. Jul. v. Braunschweig
schausp. 124
Holland; seine gemahlin Doda ... hatte ihm vorhero 2 oder 3 söhne ... zur welt gebohren Hahn
staatshist. (1721) 1, 7; entbunden ward mit der herrin zugleich die schaffnerin ... sie hat, die hier sich geschäftig verletzt, der kinder eins in die welt gesetzt Chamisso
ged. (
91847) 281; der arm' Hannsl ..., den a kuhdirn auf d' welt 'bracht hat Anzengruber
ges. w. 36, 277 (
kreuzelschreiber 3, 1);
dem nhd. am geläufigsten wird (
das in älterer zeit nur vereinzelt nachweisbare) zur welt bringen '
gebären': frou dich, gotes porta, diu verslozzen gebære die sunne der wârheit mit maidelîcher reinecheit, mit mennesklîcher natûre got ze dirre werlte bræhte
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 176
Waag (
Mariensequenz a. St. Lambrecht); dazu habe ich mein kind nicht zur welt gebracht
dt. schaubühne 4 (1743) 91
Gottsched; und mitten in ihrem schreien ... brachte sie ihr kind zur welt Feuchtwanger
Simone (1950) 75;
und in die welt setzen '
zeugen': dasz dich (
Tilly) kein menschen blut vnd keines mannes macht hab in die welt gesetzt Dietrich v.
d. Werder
buszpsalmen (1632) C 3
b; mich begabst du mit dem bankert, den du in die welt gesetzt, machst mich glauben, auf den pinien wüchsen kleine kinder jetzt? Platen
ges. w. (1839) 287; die (
weber) setzen mehr kinder in de welt, wie mer gebrauchen ken'n Gerh. Hauptmann
weber (1892) 48.
früh erscheinen auch metaphorische anwendungen: (
es) war solches dem Olivier ein erwünschte gelegenheit, sein schelmenstück, mit welchem er lang schwanger gangen, auff die welt zu bringen Grimmelshausen
Simpl. 160
Scholte; dasz die spät zur welt geborenen hefte freundlich aufgenommen ... werden (15. 1. 1821) Göthe IV 34, 101
W.; ich hoffe noch einige grosze werke zur welt zu bringen (7. 10. 1826) Beethoven
s. br. 5, 273
Kalischer; während der geringste handwerker sich freut, ein sichtbares produkt von seiner hände arbeit in die welt setzen zu können Immermann
w. 5, 29
Hempel; was glückgeschwängert war, bringt schmach und not zur welt Rilke
ges. w. (1927) 6, 374. II@B@1@a@bβ) zur (an, auf, in die) welt kommen, das licht der welt erblicken
u. dgl.: kindsznOeten, durch welche wir alle in die welt kumen Gebweiler
lob Marie (1523) 18
b; das kind ... kumpt weynend vnd schreyend auff die welt Ryff
anatomi (1541) B 6
a; und da er in der nacht ist an die welt gekommen Besser
schr. (1732) 1, 16; am 28sten august 1749, mittags mit dem glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die welt Göthe I 26, 11
W.; ich bin zu zeitich uff de welt kumma Rother
schl. sprichw. 1
b.
in neuerem sprachgebrauch wird vor allem zur welt kommen '
geboren werden'
üblich: zer werlde komen wir âne wât; in swacher wât ouch sie uns lât. zer werlde ich blôzer komen bin, diu lât mich ouch niht füeren hin Freidank
bescheidenheit 227
Bezzenberger; ein aufmerksamer leser Lucians ... (
kann) sich ... überzeugen, dasz er (
Lucian) weder viel früher noch später als gegen das jahr 116 oder 17 zur welt gekommen seyn könne Wieland
Lucian (1788) v
anm.; am 15. mai 1865 bin ich zur welt ... gekommen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 410;
und in höherem sprachstil das licht der welt erblicken: ja hAettest du das licht der welt bey niedrigkeit und armer blOesze ... erblickt Stoppe
Parnass (1735) 15; so wird es ... ungewisz bleiben, ob ich in dem keller, auf dem boden oder in dem holzstall das licht der welt erblickte E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 16
Grisebach. als besondere wendung findet sich etwas mit auf die (in die, zur) welt bringen: denn wir haben nichts in die welt bracht, darumb offenbar ist, wir werden auch nichts hinaus bringen 1.
Thim. 6, 7; der mensch bringt nichts auff diese welt, kein gut noch gelt Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) 2, O 6
a; dasz das hirsch- oder wildkalb acht stück zähne mit zur welt bringet Göchhausen
notabilia (1741) 21; se hat's mit uf de welt gebracht Gerh. Hauptmann
weber (1892) 11; das sterben gehört zum menschenberuf, wir bringen es alle mit zur welt A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 194. II@B@1@bb) '
das leben aufgeben (
α)'
oder '
nehmen (
β)'. II@B@1@b@aα) die welt (ver-)lassen, (ge-)segnen, quittieren
u. dgl.: dasz der ... wolthAeter aller gelehrten die welt gesegnet
F. Boccalini
polit. probierstein (1616) 117; so lassen wir durch qual, verschimpfft, umsonst die welt Gryphius
trauersp. 104
lit. ver.; die welt, das zeitliche quittiren
abbandonar' il mondo, uscire di questa vita Kramer
t.-ital. 2 (1702) 247
b; bis er diese welt qvittiret (1725)
Faustb. d. christl. meyn. 23
Szamatolski; der fromme Törne verliesz schon 1732 die welt v. Einem
Mosheims vollst. kirchengesch. 7 (1776) 339; nachher ward auch der kleinen feindlichen Hedwig gedacht, deren vater bereits die welt gesegnet hatte Langbein
s. schr. 31 (1837) 79. der welt abwerden, urlaub geben: nach dem Nero der welt abward, ... ist Sergius Sulpitius Galba ... an die römisch regierung kommen Guler v. Weineck
Raetia (1616) 26
a; als kaiser Conrat der dritt im 1152 jar der welt vrlaub geben (15.-16.
jh.) Brandis
landeshauptl. v. Tirol (1850) 16. ab (aus, von) der welt gehen, kommen, wandern: got gebe siner sele rat, wen si von diser werlde gat
historien der alden e 6165
Gerhard; damit er komme ab der wAelt H. R. Manuel
weinsp. 2687
ndr.; dasz ich ausz der welt komm Fischart
Garg. 38
ndr.; aus dieser welt wandern
uscire, passare da questo mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1314
c; er (
Appiani) war mir genugthuung schuldig; er ist ohne diese aus der welt gegangen Lessing 2, 423
L.-M.; man ging nicht 'anonym' aus der welt, auch nicht, wenn man nur Liljecrona hiesz Wiechert
missa sine nomine (1950) 25. aus (von) der welt (ab-, ver-)scheiden, verschwinden
u. dgl.: alse Ludewîch von der werlte versciet
kaiserchronik 15236
Edw. Schröder; alse si von der werlte scaident
ebda. 9711; do er starbe und ausz diser welt schiede Arigo
decamerone 55
lit. ver.; weil aber derselbig (
freund) nun von dieser welt selig abgeschieden Wolfh. Spangenberg
ausgew. dicht. 10
Martin; von der welt scheiden, abscheiden
partire, partirsi, andarsene dal mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
b; 'blut gespien', rief er ..., da haben sie schon einen grosen schritt aus der welt getahn, und Leipzig musste ihnen (
Göthe) gleichgültig werden' ... 'getroffen', sagt ich, 'die furcht vor dem verlust des lebens hat allen anderen schmerz (
der trennung) erstickt' (31. 1. 1769) Göthe IV 1, 186
W.; seit der könig Salomo von der welt verschwunden Rückert
ges. ged. 4 (1837) 205. aus der welt getragen werden: da nun der theure ehegemahl dieser zärtlichen dame starb und aus der welt getragen wurde, ... Heinse
s. w. 2, 202
Schüddek. sich aus der welt fragen, machen: fragen kan man sich aus der welt Spanutius
dt. lex. (1720) 586; dasz sich jemand von den meinen plötzlich aus der welt gemacht Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 24. II@B@1@b@bβ) ab (aus, von) der welt (ab-, er-)fordern, helfen, (hin-, weg-)nehmen, reiszen, tilgen, tun '
das leben nehmen, sterben lassen': daz si got ... von der werlt neme
kl. ahd. denkm. 349
Steinmeyer; dû (
Christus) Arrîum hiute von der werlte tæte
kaiserchronik 13531
Edw. Schröder; er ... gepeut das ich (
der diener) eüer ... tochter nem, die weg trag vnd ab der welt dilge Arigo
decamerone 661
lit. ver.; demnach der allgewaltige gott herrn Gideon Stangen von Kunitz von dieser werlet abgefordert hat Schweinichen
denkw. 549
Ö.; erforderet gott sein gemahel ... ausz diser welt
Zimmer. chron. 21, 66
Barack; gott wurd ... im (
dem könig) bald ab der welt helffen (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 231; der uns nun von der welt und eurer seiten nimmt, hat wie und wenn ihr uns nachfolgen solt, bestimmt Gryphius
trauersp. 229
lit. ver.; ab der welt thun
ex rerum natura tollere Dentzler
clavis (1716) 348
a; als ihn der tod, in der blte seiner jahre, von der welt risse Faszmann
d. gelehrte narr (1729) 7; so fordert von der welt ein unverhofft geschick den Aeltern bruder ab König
ged. (1745) 7; wollst endlich, sonder grAemen aus dieser welt uns nehmen
mildheimisches liederb. (1799) 33
Becker. aus der welt jagen, schaffen, treiben; in die andere welt abschicken, fördern; von der welt richten
u. ä. wendungen für '
töten': ich euch vor töten und ausz diser welt iagen vnd treiben wille Arigo
decamerone 128
lit. ver.; demittere aliquem orco einen tOeden oder ab der wAelt fergken Frisius
dict. (1556) 927
b; nicht anders träumen sie (
die weiber) vnd dichten, als wie sie von der welt vns (
flöhe) richten Fischart
w. 1, 56
Hauffen; hätte ich nicht respect für meinem herren, ich wolte dich ausz der welt jagen (1672)
kunst über alle künste 168
Köhler; einen aus der welt jagen
cacciar' uno dal mondo, ucciderlo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1314
c; nur die seelen derjenigen ... irren (
umher), die eines gewaltsamen todes gestorben sind, z. b. derer, die sich selbst erhAengt haben, oder enthauptet, gekreuziget oder auf eine andere Aehnliche art aus der welt geschaft worden sind Wieland
Lucian 1 (1788) 185.
daneben erscheinen metaphorische wendungen im sinne von '
beseitigen': wenn man 'lasz duncken' ausz der welt neme, so were kein welt mehr
schöne weise klugreden (1548) 69
b; ... dein ansehn, das mich plagt, hat meine blOedigkeit fast ausz der welt gejagt Chr. Weise
überfl. ged. 30
ndr. wAere doch dein degen aus der welt
dt. schaubühne 1 (1742) 349
Gottsched. in neuerem sprachgebrauch besonders etwas aus der welt schaffen: da ... der Newtonische irrthum ein für allemal aus der welt zu schaffen ist Göthe II 5, 2, 215
W.; de mechanischen stihle, die wolln se doch aus d'r welt schaffen Gerh. Hauptmann
weber (1892) 108; die sache ist nicht anders aus der welt zu schaffen als durch eine runde klare entschuldigung Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 96. II@B@1@cc) '
da sein, existieren, leben': monarch, war je ein tag, seit dem du auf der welt, der werth, dasz man daran dein würdig lob vermeldt, so ist es dieser tag König
ged. (1745) 2; wenn du nun nicht mehr auf der welt wärst! ach ich würde keine hand mehr regen Bettine
Göthes briefw. 2 (1837) 16; genau so hätte er (
Nero) die beleidigung aufgenommen, wenn er noch auf der welt gewesen wäre Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 36; wenn das kind auf der welt wäre, müszte alles beim standesamt protokolliert und ein vormund aufgestellt werden O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 37.
in freier anwendung auch: sind denn nicht postillen genug in der welt? dasz er itzt auch mit einer neuen herfür brechen musz Joh. Mich. Dilherr
heil. sonn- u. festtags-arb. (1674)
vorr.; zuletzt ergiebt sich ... hieraus, dass der begriff von einer exemption in geistlichen dingen noch nicht auf der welt war
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 337; denn irgend eine metaphysik ist immer in der welt gewesen und wird wohl auch ferner ... darin anzutreffen sein Kant I 3, 19
akad.; eine handvoll schelmenblut mehr in der welt oder nicht! maler Müller
w. (1811) 1, 196; solange andere not ist auf der welt, ist unsere not klein Wiechert
missa sine nomine (1950) 88. II@B@22) '
leben' II@B@2@aa)
eines individuums: frouwe, ob du mir nicht die werlt erleiden wil, sô rât unde hilf: mir ist ze lange wê Heinrich v. Morungen
in: minnes. frühl. 30181 (138, 3)
Vogt-Kraus; in neuerem sprachgebrauch in poetischer einzelanwendung: so lebte sie eine welt aus sehen und blindheit Stifter
s. w. 3 (1911) 102; wer dagegen (
auf der Münchener frühjahrsdult) auf seine kosten kam, das waren die kinder, die lachenden weisen beginner der welt Carossa
arzt Gion (1932) 101;
vereinzelt auch mundartlich: eine neue welt anfangen
ein '
neues leben' Fischer
schwäb. 6, 1, 670. II@B@2@bb)
im allgemeinen; '
lebendige wirklichkeit': (
der) weite ... abstand unserer büchersprache von der sprache der welt Gerstenberg
recensionen 56
lit. denkm.; 'seid doch nicht so frech, epigramme!' warum nicht? wir sind nur überschriften; die welt hat die capitel des buchs Göthe I 1, 322
W.; ich erfuhr zum ersten male, dass die welt und der roman total verschiedene dinge sind Seb. Brunner
ges. erz. (1864) 1, 178; alles, was wir auszerhalb der kunst hören, sehen und uns vorstellen, gehört in einen zusammenhang, den wir welt oder leben nennen Buchwald in:
germ.-roman. monatsschr. 5 (1913) 418; '
das praktische leben': wenn man aus der schule sich in die welt begibt Kant
w. 5 (1838) 366
H.; zuweilen auch '
das daseinsgetriebe': es bildet ein talent sich in der stille, sich ein charakter in dem strom der welt Göthe I 10, 117
W.; ewig musiziert das leben, tanzt es seinen reigen ... mittanzen im reigen der welt ... ist unsre teilhabe am glück H. Hesse
späte prosa (1951) 133. II@B@2@cc)
menschliches treiben; insbesondere das geschäftige lärmen und treiben der groszstadt: gute nacht, welt! ich geh' ins Tirol. so hiesz es bei mir Bräker
leben d. armen mannes i. Tockenburg 74
Wilbrandt; welt, leb' wohl. ich geh' ins Tyrol!
ein sprichwörtlicher ausruf der groszstädter in Oesterreich, namentlich der lieben Wiener, wenn sie, des städtischen lebens und treibens müde, ihre sehnsucht nach dem naturleben, als dessen ideal sie das leben in Tyrol betrachten, zu erkennen geben wollen Binder
sprichwörterschatz (1873) 212;
auch aus dem luxemb. bezeugt: èddé
i wèlt, ech gin an Tiro
ul!
luxemburg. ma. 483; einem dasein gefühlvoller einsamkeit im strudel der welt ... dem getriebe der groszstadt Th. Mann
Krull 1 (1954) 128.
ferner —
in der verbindung grosze welt —
das getriebe der politik und des hoflebens: ist dir nicht noch ein landgut, wie das da, brig, schOen durch natur, und entfernt vom getmmel der grossen welt Meissner
skizzen (1778) 1, 22. II@B@33) '
lebensform, -ordnung' (
vgl. auch I B 3): nun laszt die welt zu einer solchen freundschaft verschwinden: die art des lebens mache nicht mehr zween solche begleiter im leben und tode nöthig Herder 3, 33
S. meist beiwörtlich bestimmt: es ist fürwar, Götz, nu ain andre welt vnd andre gewonhait Eyb
dt. schr. 2, 24
Herrmann; es ward landessicherheit, pflege der gerechtigkeit, ordnung, policei, wie alles im wanderleben des Orients nie möglich gewesen: es ward neue welt Herder 5, 487
S.; es werde von grund aus anders! aus der wurzel der menschheit sprosse die neue welt! Hölderlin
s. w. 2, 199
Hell.; baut ihr und flickt an den alten welten, wir wollen neue bauen Gutzkow
ritter (1850) 1, 5; das war eine neue welt. die macht der einungen und gilden war gebrochen
qu. a. d. j. 1935; Cejon fürchtete, es werde ihm nicht gerade leicht fallen, sich in die zuchtlose welt dieser östlichen stadt einzuleben Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 17.
auch im sinne von '
normale'
lebensordnung: jetzt kam die welt wieder ins lot
ders., geschw. Oppermann (1948) 163;
und im gegensatz dazu früh: die verkehrte welt
il mondo perverso, stravolto Kramer
t.-ital. 1 (1700) 765; die verkehrte welt
la chiesa sù'l campanile ... le monde renversé Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1046; es ist eine verkehrte welt, meinte Dankmar kopfschüttelnd Gutzkow
ritter (1850) 1, 242; lachen sie mich nicht aus, baron. ich — sie? verkehrte welt!
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 312; ti fɐkhęęɐt węlt Meisinger
Rappenau 229; ds īs de verkehrte welt Rother
schl. sprichw. 1
a.
so auch in verbalen wendungen wie: (
es) ist alles darinnen (
in dem Grobianus) verkert vnd vmbgewent, dann es hat sich auch die welt vmbgewent K. Scheit
Grobianus 6
ndr.; dardurch wrde die welt vmbgekert Albertinus
hirnschleiffer (1664) 29; bettler, sagt er? so hat die welt sich umgedreht, bettler sind könige, und könige sind bettler! Schiller 2, 55
G.; nu steht die welt auf dem kopfe, mit meinem (
sich ungewöhnlich betragenden) herrn ist's aus Alexis
die hosen 8293. II@B@44)
in formelhaften wendungen, die sich auf wesen und wandel des irdischen daseins und seiner verhältnisse beziehen. II@B@4@aa) der welt lauf (
s. auch unter weltlauf): nach dem sie nun lang also der welt lAeuff zuerfaren vmbgezogen waren, fgeten sie sich heim zu dem nachtessen Fischart
Garg. 303
ndr.; ich hab offt bey mir selbst gedacht, wann ich den lauf der welt betracht Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 370
Fischer-Tümpel; ich folge dem lauf der welt in den zeitungen nach (25. 1. 1788) Göthe IV 8, 325
W. besonders in der verbalen wendung es (das) ist der welt lauf '
so geht es nun einmal im leben zu, so ist es gewöhnlich': keyn warheyt ist in allem kouff. man spricht, es heysz der welte louff Murner
schelmenzunft 13
ndr.; der welt lauff ist, das man gewOenlich den kosten verkeret, wo man sol etwas geben, do gibt man nichts, wo man viel sol geben, do gibt man wenig Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. (1577) g 2
b; disz ist der werlet lauff (1536) P. Rebhun
in: dt. kirchenl. 3, 775
Wackernagel; dasz sie nun von den Franzosen verlassen worden, ist recht der welt lauf (27. 7. 1793) Göthe IV 10, 101
W.; sie schaut aus ihrem gartenhaus, ... wir haben uns noch nie bestellt, es ist nur so der lauf der welt Uhland
ged. (
61833) 30;
so auch mundartlich: datt (so) isz de wäreld's verloop (beloop) Stürenburg
ostfries. 321; dâ's der wèlt lâf
luxemburg. ma. 483; des is scho der weltlauf
darin liegt nichts befremdendes, nichts absonderliches; es is der weltlauf, dasz ma amahl sterb'n muasz Hügel
Wien 188. II@B@4@bb) (fort-)gang der welt: was hilft es, ... ... der sternen lauf, der welt fortgang, und alle länder zubesehen ...? Weckherlin
ged. 1, 183
Fischer; ich sasz im arm der mutter und spürte durch sie hindurch den sichern gang der welt Carossa
kindheit (1922) 8.
besonders im sinne von '
gang der ereignisse, wendung des geschicks': (
Leporello:) durch euch bin ich ein krüppel auf zeitlebens! o welch ein lohn für meine treuen dienste, o welch ein gang der welt! Grabbe
w. 2 (1874) 27
Bl.; bis jüngst, der schicksalslaune gewaltig spiel, ein zweiter Cäsar lenkte den gang der welt Platen
ges. w. (1839) 109; es lag so im gang der welt, dasz der knabe eine art gezeichneter und ausgestoszener wurde E. Zahn
die da kommen u. gehen (1918) 250. II@B@4@cc) so geht es in der welt '
so geht es im leben zu': so geht es in der welt (einer hat den beutel, der andere hat das geld) Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1045; so geht es in der welt
sic vivitur Serz
teut. id. (1797) 175
b; also geht es in der welt: der eine steigt, der andre fällt (
zu eccles. 1, 4:
generatio praeterit, et generatio advenit) Schulze
bibl. sprichw. (1860) 85; ja, ja, so geht's in der welt Alexis
ruhe (1852) 1, 12; sou keets in tɐ węlt Meisinger
Rappenau 228; asū gihts uff dr welt, dr ēne hōd a beutel, dr andr s geld Rother
schl. sprichw. 1
a,
ähnlich luxemburg. ma. 483.
varianten: in dieser werlet gehts nun so, der eine peitscht den andern Schönaich
mischmasch (1756) 31; wie's in der welt geht, das glück wälzt bergauf, bergab Lenz
ges. schr. (1828) 1, 88. II@B@4@dd) die welt (
das leben und seine verhältnisse) kennen, von der welt wissen
u. dgl.: ... du kennst die welt noch nicht Cronegk
schr. 1 (1761) 4; sollte nun der jugend, die die welt, die sich selbst noch nicht kennt, wohl eine theologie können beigebracht werden? Kant
w. 10 (1839) 443
H.; ihr knaben, geliebte kinder, wiszt nichts von der welt Tieck
schr. (1828) 1, 64; ich armes ding, das in der welt und von der welt nichts weisz
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 129; du (
die tochter, die verheiratet werden soll) bist ein kleines mädchen, das noch keine augen hat für die welt, und das sich auf die augen anderer leute verlassen musz, die gutes mit dir im sinne haben Th. Mann
Buddenbrooks (1952) 103; Jacques ist ein ausgezeichneter geschäftsmann ..., kennt die welt Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 29.
vereinzelt artikellos: zum pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut gewachsen, habe zu viel welt gesehn Lenz
ges. schr. (1828) 1, 3; meinen vater, sagte der marchese, musz ich, so viel welt ich auch gesehen habe, immer für einen der wunderbarsten menschen halten Göthe I 23, 262
W. II@B@4@ee) sich in die welt finden, schicken '
sich den jeweiligen verhältnissen des lebens anzupassen wissen': sich in die welt wissen zu schicken
sapere conformarsi, accomodarsi al genio del mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; sich in die welt schicken kOennen
saper vivere Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1046; schick' dich in die welt hinein; denn dein kopff ist viel zu klein, dasz sich schickt die welt darein Pistorius
thes. paroem. (1715) 664; er schien sich in die welt zu finden Göthe I 24, 168
W.; er (
Paul Winckler) wuszte sich leicht in die welt zu schicken, war ein lustiger gesellschafter, beobachtete unbefangen und verstand lebendig zu erzählen G. Freytag
ges. w. 20 (1888) 318. IIIIII.
die gesamtheit der organischen wesenheiten. III@AA.
kreis der erdbewohner (
menschen). III@A@11)
des gesamten erdkreises oder eines kleineren lebenskreises. III@A@1@aa) '
menschheit': thes uuirdit uuorolt sinuzi euuidon blidu, ioh al giscaft, thiu in uuoroltithesa erdun ist ouh dretenti Otfrid I 12, 11
Kelle; van den drien (
Sem, Kam, Japhet) endelich di werld begunde meren sich
historien der alden e 420
Gerhard; schlieszlich man erfehret, dasz die narredey gar die welt vermehret, dasz ist zweiffels frey, denn wo kAemen kinder her, wenn die narredey nicht wehr Voigtländer
oden u. lieder (1642) 83; als erst die welt sich blos mit fellen deckte, eh' ueppigkeit auf seid' und purpur sann ... Hagedorn
versuch 42
lit. denkm.; das grosze verdienst, der welt einen tüchtigen mann zugefördert zu haben Göthe I 46, 31
W.; was war dieses sogenannte genie (
Napoleon) für die welt? Werfel
Bernadette (1948) 304.
in ironischer übertreibung: und er ist es, von dem man sagen kan, dasz er alles, was die welt noch bis itzt von elenden uebersetzern gesehen hat, unendlich weit zurück lässet Lessing 8, 8
L.-M. formelhaft, zur verstärkung einer superlativischen aussage: so musz es (
die Faust-aufführung) das seltsamste werk seyn, werden und bleiben, was die welt gesehen hat (6. 6. 1820) Göthe IV 33, 55
W.; in holder blüte sank dahin der schönste jüngling, den die welt erblickte Platen
w. 1, 10
H. auch umgangssprachlich: so 'was hat die welt noch nich' gesehn! III@A@1@bb)
die gesamtheit der menschen in einem bestimmten kultur- oder lebenskreis (
über welt
im temporalen sinne von '
die menschen eines weltalters', '
generation'
s. unter I B 1
und 2,
über welt
für '
der sünde [
dem weltleben]
verhaftete menschen'
s. unter II A 2 a). III@A@1@b@aα) '
bevölkerung'
; einer stadt: selicliche stunt kolnischi werlt (
die bevölkerung von Köln) dü si sülichis bischovis warin werht
Annolied 39
Opitz-Bulst (35, 17); wie aber sich die welt zuo Appenzell gemeret hat, bald etliche filialcapellen entstanden sind J. v. Watt
dt. hist. schr. 1, 111
Goetzinger; in übertreibender wendung: meine angenehmste erhohlung ist bisher gewesen, Richters kaffehausz zu besuchen, wo ich immer die halbe welt Leipzigs beisammen finde (24. 4. 1785) Schiller
br. 1, 242
Jonas; oder eines landes: mehr als die hAelfte seiner (
Dänemarks) welt kennt das elend des krieges nicht weiter, als ... aus ... beschreibungen seiner vAeter J. A. Cramer
nord. aufseher 1 (1760) 31.
die gesamtheit der bewohner eines kulturkreises: die alten rOemischen kAeyser haben wohl die welt (
völker des Mittelmeerraumes) zAeumen, meistern vnd regieren kOennen, aber so weisz vnd mAechtig seynd sie nicht gewest, dasz sie jhre weiber regieren hetten kOennen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 159; wie ... die ... völkermassen (
des nordens) ... anfingen ... die griechisch-römische welt ... daran zu mahnen, dasz sie mit unrecht meine, die erde für sich allein zu besitzen Mommsen
röm. gesch. 62 (1874) 159. III@A@1@b@bβ)
kreis der vornehmen gesellschaft: waz mac daz sîn daz diu werlt (
die höfische gesellschaft) heizet minne, unde ez mir tuot alsô wê zaller stunde Friderich v. Husen
in: minnes. frühl. 3050 (53, 15)
Vogt-Kraus; ... ditz ist sîn êrstez werc er (
der dichter) heizet Wirnt von Grâvenberc. der werlte ze minnen enblient erz sînen sinnen: ir gruoz wil er gewinnen Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 142
Kapteyn, vgl. dazu Kapteyn
in: PBB. 57, 443.
so besonders seit dem 18.
jh., von frz. monde
beeinfluszt: ihr wartet bey allen gesellschafften bey tische auf, und folglich habt ihr gelegenheit die welt zu sehen und kennen zu lernen Ludwig Tölpel
bauren moral (1752) 82; so ein korso ist eigentlich nur eine gesellschaft im freien und zwar im gröszten style; alles, was die 'welt' bildet, ist gewisz, sich hier zu treffen Stahr
ein jahr in Italien (1847) 1, 101; er war ein glänzender künstler, ein schauspieler, und bildete damals das entzücken der welt Stifter
s. w. 5, 1 (1908) 150.
als charakteristische verbindungen finden sich: die grosze welt
le grand monde (
vgl. die unter 2 c
angeführte bemerkung Göthe
s): diejenigen ..., welche die grosse welt vorstellen, ... welche ihre geburt, oder auch eben so oft ihre einbildung über andere erhebt Rabener
s. schr. 4 (1777) 124; der französische gesandte ..., welcher sie (
mlle. Sontag) bey'm herzog von Devonshire einführte, wo (königliche personen ausgenommen) die hiesige grosze welt sie zuerst kennen lernte (2. 5. 1828) Göthe IV 44, 82
W.; die sogenannte grosze welt aber, den stand der vornehmen, zu beurtheilen, befindet sich der anthropolog in einem sehr ungünstigen standpuncte, weil diese sich unter einander zu nahe, von anderen aber zu weit befinden Kant
w. 10 (1839) 116
H.; Hippias repräsentiert in der tat die grosze welt, in Wielands zeit übersetzt: die französisch gebildete oberschicht R. Riemann in:
anz. f. dt. altert. 47 (1928) 54.
auch im sinne von '
zahlreiche gesellschaft, viel besuch' (
vgl. Albrecht
z. sprachgebr. Goethes [1876] 36): die fremden strömten herbei, in allen häusern war grosze welt (
il y avait grand monde Albrecht
a. a. o.) Göthe I 22, 268
W. die schOene welt
die vornehmen und artigen leute, il mondo bello e pulite, le beau monde, le monde poli Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1045,
in diesem gebrauch frz. le beau monde '
les gens élégants'
entsprechend: er eilt zu fräulein Henrietten, wo die schöne welt beym spieltische sich sammelt Gessner
schr. (1777) 1, 112; auf einem gestern von unserm gnädigsten herrn gegebenen ... hausball war die hiesige ganze, hohe und schöne welt versammelt (24. 7. 1823) Göthe IV 37, 132
W.; wenn ... tänzerinnen der schönen welt unterhaltung boten, die an ihren gepflegten tischchen in korbsesseln lehnte Th. Mann
Krull (1954) 231. (die) feine welt: was in deiner apothecke, feine welt, zu treffen an, ist nur teuffels-koth zum meisten und der bitter entzian Logau
sinnged. 386
lit. ver.; die feine welt, so es um 1442 dergleichen in den mAerkischen hauptstAedten gab, ... versammelte sich hier (
in einer barbier- u. badestube in Berlin) Alexis
Roland (1840) 1, 130. die vornehme welt: die nähere kenntnisz der vornehmen und reichen welt Göthe I 21, 247
W. die elegante welt: das (
blumen-)mädchen (
das eines seiner bücher gelesen hatte) war mir in diesem augenblick ein viel schätzenswerteres publikum als die ganze elegante welt der residenz E. T. A. Hoffmann
s. w. 14, 158
Gr.; auf dem berg Isel promenirt die elegante welt H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 304. die gebildete welt: seht nur hin: für gebildete welt darf man nichts anders beginnen und schreiben Göthe I 3, 289
W.; man kann sich nicht lang amüsiren mit den albernheiten, die der kreis von menschen ausgehen läszt, der sich die gebildete welt nennt Bettine
Günderode (1840) 2, 80; eine so lebhafte theilnahme widmete die gebildete und vornehme welt den bestrebungen der aufkommenden literatur Ranke
s. w. (1867) 1, 187. III@A@1@b@gγ)
auch sonst häufig für einen durch bestimmte gemeinsamkeiten zusammengeschlossenen menschenkreis: es sind zwo welt (
arten von menschen), eine zürnt, die ander gibt nichts darauff
schöne weise klugreden (1548) 79
b (
ähnlich: Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. [1577] mm 1
b und Petri
d. Teutschen weiszh. [1605] Cc 7
b);
meist beiwörtlich näher bestimmt: denselben (
den '
teutschen palmbaum') ... der ehrliebenden welt vorzustellen G. Neumark
palmbaum (1668) 7; da er (
der autor einer allgemeinen satire) den beyfall der vernnftigen welt auf seiner seite hat, so musz der lasterhafte sich schAemen, ihn anzufeinden Rabener
satyr. schr. 1 (1751)
vorber. 41; alle unsere nachbarliche welt ist auswärts und ich auf diesem wunderbaren punct so gut wie allein (24. 7. 1823) Göthe IV 37, 136
W.; ... dasz die ganze vornehme weibliche welt hinter mir her war Immermann
w. 1, 114
Hempel; in der diplomatischen welt (
in diplomatischen kreisen) sagte man wohl, könig Friedrich Wilhelm wolle den beiden kaiserhöfen eine lection geben Ranke
s. w. 31 -32 (1875) 404; die eroberung Jerusalems ... (
im jahre 1917) durch den englischen general Allenby hat die gläubige welt (
Christenheit) mit einem elektrischen schlage durchzuckt A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 101. gelehrte welt
le monde savant: dass von daraus der deutsche Helikon seine gpfel ... der gelehrten welt zu schauen darbiete Zesen
verm. helikon (1656) 1, A 6
b; der stein gelangte nach England, woher ein facsimile der gelehrten welt mitgetheilt wurde (9. 2. 1819) Göthe IV 31, 74
W.; ich kenne die gelehrte welt von Paris (8. 9. 1844) Ernst Curtius
lebensbild i. briefen 331
Curtius. die schOene welt
das frauenzimmer Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1045; man wüste, was man erwarten kann, wenn ein windiger Franzose pensées sur l'usage innocent du monde lieferte, nemlich epigrammatische einfälle über den umgang mit der schönen welt, die bey dieser nation vorzüglich und anständig die ganze welt (tout le monde) heissen Herder 1, 109
S. moralische welt '
die menschen überhaupt, in so fern sie freiheit und vernunft besitzen, gut oder bös, glücklich oder unglücklich sind'
encycl. wb. 5 (1802) 345,
ebenso bei Liechtenstern-Schiffner
allg. dt. sachwb. 6 (1827) 301
a.
seltener mit genitiv. bestimmungsergänzung: dreust, ... die welt der philosophen dadurch belehren zu wollen Gerstenberg
recensionen 176
lit. denkm.; die welt der schurken schrie triumph als es der ungeschickten ehrlichkeit so übel gelungen war Dahlmann
franz. rev. (1845) 93; die welt der kaufleute dagegen ächzte wie die der käufer unter hundert verordnungen A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 263. III@A@22)
besondere anwendungen verschiedener art (
über welt '
menschenmenge'
s. unter XI A 1). III@A@2@aa)
formelhafte wendungen, in denen welt
die menschen als vertreter der irdischen sphäre gott
gegenüberstellt (
s. auch unter gott
teil 4, 1, 5, 1081
f. und vgl. lat. wendungen wie coram deo et mundo Luther 34, 1, 275
W.);
am geläufigsten ist vor gott und der welt: des wi doch vor gode vnde der werlt vnschuldich synt (1408)
urk.-b. d. st. Lübeck 5, 204; im vor gott vnd der welt ... vnrecht geschicht Arigo
decamerone 307
lit. ver.; solch bekendnis thu ich, auff das ich fur gott und der welt entschldigt sey Luther 26, 342
W.; wür bezeugen vor gott und welt, dasz uns der pasquill nit gefelt (1608)
geschichtl. lieder u. sprüche Württembergs 483 (110, 231)
Steiff-Mehring; der doctor werde die felder, wenn sie einmal vor gott und der welt sein eigenthum sein würden, nicht ... in pacht geben
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 18;
aber auch sonst finden sich zahlreiche mehr oder weniger formelhafte wendungen: deshalb wir geursacht, sollichs got und der welt ze clagen (1525)
d. dt. bauernkrieg, aktenband 224
Franz; lieber, werdent schuolmeister, daran wurdent ier ... gott und der welt dienen Th. Platter 99
Boos; wie ... das selbig gelt ... verwendt ward, weiszt (!) gott vnd die welt Stumpf
Schweizer chron. (1606) 95
b; gott und welt über mich clagen, wie ich hab ghandelt in dem land (1608)
geschichtl. lieder u. sprüche Württembergs 477 (109, 228)
Steiff-Mehring; wer mich vor der welt verläugnet, den will ich auch vor meinem himmlischen vatter verlaugnen, sagt Christus Grimmelshausen
Simpl. 375
Scholte; ach von gott und welt vergeben und vergessen werd' ich sehn alles, was nicht recht geschehn, wann im schönsten neuen leben gott und welt mich wandeln sehn Bürger
s. w. 75
a Bohtz, nehmt dies und dient der fahne Christi treu, dasz welt und himmel drob euch möge loben A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 232; ich habe es durch diese schrift mit gott und welt verdorben L. Feuerbach
wesen d. Christentums (
31849) 5; ihn kennt gott und alle welt
der grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 643
Basler (
s. auch unter b
γ);
sprichwörtlich: er ist got vnd der welt lieb Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 14
a;
animam debet er ist gott vnd aller welt schuldig Tappius
adag. cent. sept. (1545) H 1
a; gotts freund vnd aller welt feind Eyering
proverb. (1601) 2, 694; er ist ein vnntz mensch, er ist weder gott noch der welt nutz
ebda 2, 345; gelt fahet gott vnd welt Lehman
floril. polit. (1662) 3, 127; trag gott mit freud, die welt mit gedult Schottel
haubtspr. (1663) 1142 (
ebenso bei Schellhorn
sprichw. [1797] 82). III@A@2@bb)
von vorstellungen verschiedener art bestimmte anwendungen, bei denen welt
die masse im gegensatz zum individuum bezeichnet. III@A@2@b@aα)
früh im sinne von '
urteilende öffentlichkeit, die leute': eiscota sie (
die apostel) in dratiuuaz thiu uuorolt quati (
quem dicunt homines esse filium hominis Matth. 16, 13) Otfrid III 12, 3
Kelle; swî starche er sich puhuete, diu werlt sihit algemeine, ub er chûsche ist unt reine
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 61
Waag; so bracht sy mich der wAelt in hals (
ins gerede der leute), sy seyt es den nachbuwren als H. R. Manuel
weinsp. 93
ndr. (
v. 2990);
hoc quanti putas esse ad famam hominum ac voluntatem? wie vil meinst du dasz das bringe oder nütze einen ruom vnd gunst bey der wAelt zeerlangen Frisius
dict. (1556) 1102
b; so treffliche erfindungen der welt nicht verborgen blieben A. U. v. Braunschweig
Ocatavia (1677) 1, )( 5
b; ein Aristides Avintilianus würde anitzo nOethig seyn, ... die welt ... zu einer hOehern achtung der musik aufzumuntern Scheibe
musicus (1745) 8; so sehr auch die familie diese traurige katastrophe vor der welt zu verbergen suchte Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 1, 92; ich machte mir den grundsaz, mich zu beherrschen und gerecht und rechtschaffen zu sein ... und liesz dann die welt urtheilen, wie sie wollte (13. 10. 1849) Stifter
s. w. 18 (1918) 14.
als charakteristische verbindungen erscheinen häufig vor der welt '
vor den leuten, in der öffentlichkeit': wer den anndernn schilt vor der welt, der ist dem gericht veruallen (15.
jh.)
weistümer (1840) 3, 729; so waren sie rechte narren, wiewol sie vor der welt die witzigsten seyn wolten Moscherosch
gesichte (1650) 1, 153; vor der welt wurde er simpler friseur, in der stille aber errichtete er zu seiner tröstung ... jene wunderbaren haargebilde Immermann
w. 1, 27
Hempel; dasz er mit seinem offizierkorps zusammen nur einen mantel hatte, weshalb immer nur einer von ihnen sich vor der welt sehen lassen konnte Fontane
ges. w. (1920) II 2, 132; in (vor) den augen der welt: genug, dasz ich in den augen der welt für ein frauenzimmer ohne tadel galt Lessing 2, 295
L.-M.; der mann ist nur das, was er in den augen der welt scheint Klinger
w. 3 (1815) 76; (
triumph der tugend) vor den augen der welt S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 150; du stehst und redest, handelst vor den augen der offnen welt Göthe I 8, 280
W.; meine töchter gehören nicht zu jenen, die sich nackt vor den augen der welt herumtreiben Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 277; das urteil der welt: das urtheil der welt nehme ich auf mich Klinger
w. 3 (1815) 124; hielt' mich nicht das urtheil der welt zurück, ich liesz' dich und das werk zu diesem fenster hinauswerfen Göthe I 43, 163
W.; das urtheil der welt, meine Ticne, wird nur dann erst schädlich für uns auch in den augen kluger und guter menschen, wenn unser eignes gewiszen uns verdamt (21. 9. 1800) O. v. Wedell
br. a. s. braut 260
Köhler. gelegentlich tritt welt
auch in der besonderen bedeutung '
publikum, leserkreis'
auf: vnd vermeint herr Gessner ... dass sy sOelichs erdichtet, damit so ein nutzbar ding der wAelt dester anmtiger wAere Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 23; der nur mit eiteln sachen (
in seinen gedichten) die welt kan lustig machen Voigtländer
oden u. lieder (1642) 105; es ist einmal der gebrauch der verfasser, der welt ein compliment zu machen Dusch
verm. w. (1754)
vorr. anf.; hat auch er (
der dichter) lange an seinem eigenen beifall zu zehren, ehe der der welt nachkommt Schopenhauer
w. 2, 499
Gr. ferner '
weltöffentlichkeit': nu quâmen die mêre, wie grözlîchen wêre bekummert die Cristenheit, in die werlt, und waz die jâmers leit von den heiden uber mer
Luduigs d. frommen kreuzfahrt 484
Naumann; sie (
Margarete v. Parma) ... führte zum erstaunen der welt ein rebellisches volk in wenigen monaten zu seiner pflicht zurück Göthe I 8, 263
W.; ich denke, wir werden der welt zeigen, dasz wir eine mächtige nation geworden und eine friedliebende geblieben sind Moltke
ges. schr. (1892) 7, 116; (
Gontaut) reiste 1875 nach Petersburg, um dort mit dem fürsten Gortschakow den theatercoup einzuleiten, welcher bei dem bevorstehenden besuche des kaisers Alexander in Berlin die welt glauben machen sollte, dasz er allein das wehrlose Frankreich vor einem deutschen ueberfall bewahrt habe Bismarck
ged. u. er. 2, 199
volksausg.; dabei wurde der welt in reden der machthaber (
nach 1933) immer wieder vorgelogen, wie frei doch der Deutsche sei, und dasz Deutschland das einzig wahre demokratische land sei! (1938-40) Driesch
lebenserinn. (1951) 279. III@A@2@b@bβ) '
mitwelt, mitmenschen, die anderen leute': welher in der vogti schädlich vich hette ... daz sol ain vogtherr oder sin amptlüt gebieten hinweg zuo ton oder inne ze haben ... so dick bisz die welt unschadhaft würt darvor (1466)
weistümer (1840) 5, 153; es ist vnser selbs schuld vnnd nit der welt oder der leut, dasz wir vns mit jnen nit vertragen kOennen
schöne weise klugreden (1548) 133
b; sie (
die dichtenden frauen) wurden gegen ihn (
den ehemann der einen) damit geheimniszvoll und zurückhaltend, aber sie waren es nicht gegen die welt Lenz
ges. schr. 3 (1828) 127; sobald die welt den einzelnen strebenden erblickt, sobald erschallt ein allgemeiner aufruf, sich ihm zu widersetzen Göthe II 3, 245
W.; wir, die mit dem zeichen, mochten mit recht der welt für seltsam, ja für verrückt und gefährlich gelten H. Hesse
Demian (1930) 200; hat ein mensch das recht, so zu leben, als gäbe es keine welt auszer ihm und seiner familie? Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 446.
die bis in die gegenwart lebendige redensart die welt will betrogen sein
geht wohl auf lat. mundus vult decipi
zurück und ist bereits im frühnhd. geläufig: die welt, die wil betrogen sin Murner
dt. schr. 1, 1, 98
u. 241
Fuchs; weitere belege bei Wander
dt. sprichw.-lex. 5 (1880) 161
u. 168
f. sowie bei Büchmann
geflüg. worte (
271926) 97
f. III@A@2@b@gγ)
gelegentlich tritt der schon in α und β vorhandene beisinn '
allgemeinheit'
stärker hervor: ihre landsitze durch kunstwerke zu verschOenern, wodurch diese denn gleichsam fr die welt verloren sind Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 1, 137; kleinere begebenheiten ... wo nicht der welt, doch wenigstens den meinigen erhalten (15. 2. 1811) Göthe IV 22, 34
W.; keine forschung kann etwas schlimmeres an den tag bringen ... als die welt nun einmal für wahr hält Ranke
s. w. 37 (1874) viii; mich hat die herzliche art, wie der kronprinz mir sein vertrauen aussprach, gefreut, aber das gefühl, sehr viel abgenutzter zu sein, wie der herr und die welt mit ihm glaubt, ist stark in mir (16. 7. 1885) Bismarck
ged. u. er., anh. 2, 543
Kohl; und die schon früh belegte verbindung alle welt
hat geradezu die bedeutung '
jedermann' (
s. auch teil 1, 210): thaz mannilih irkennein themo minnonne, ioh ellu uuorolt ouh in thiu,mih meistar habetut zi thiu Otfrid IV 13, 10
Kelle; uff daz alle welt bekennt, daz du der recht heilmacher der selen bist St. Fridolin
dt. pred. 36
Schmidt; wie alle welt weis Luther 30, 2
W.; gtig ... gegen alle welt Wieland
Agathon (1766) 1, 21; die ästethischen (!) freuden halten uns aufrecht, indem fast alle welt dem politischen leiden unterliegt (18. 11. 1793) Göthe IV 10, 128
W.; der für alle welt verbindliche stil war also der des marktschreierischen agitators Klemperer
l. t. i. (1949) 28;
häufig erweitert zu gott und alle welt (
s. auch unter a): ja, mit schalckheit vnd mit liegen gott vnd alle welt betriegen Murner
narrenbeschwör. 217
ndr.; und dann begann sie (
Tony) zu fragen, gott und alle welt furchtbar erregt um antwort anzugehen Th. Mann
Buddenbrooks (1952) 569;
sowie in der formelhaften wendung von (gott und) aller welt verlassen: sechzig Franzosen z'rossen, verlassen von aller welt
N. Manuel 22
Bächtold; marggraff Dieterich ... starb im elende, verlassen von aller welt (1579) Entzelt
altmärk. chron. 149
Bohm; ich spüre, dasz ich ... von gott und aller welt verlassen bin (1731) Schnabel
Felsenburg 309
Ullr.; er fühle sich von aller welt verlassen E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 172
Gr. neben alle welt
tritt früh die ausdrucksstärkere verbindung die ganze welt,
die sich vielleicht an frz. tout le monde
anlehnt: da (
in Paris) lieff die gantze welt zu, jhn mit grosser wunderung zubegaffen Fischart
Garg. 232
ndr.; fast bey der gantzen welt verhasset Zendorius
teut. winternächte (1682) 170; die ganze welt wirft mir seit langen jahren vor, ich sei ein launig-wunderliches mädchen Göthe I 25, 1, 33
W.; das weisz ja die ganze welt!
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 49;
ferner das übertreibende die halbe welt '
fast jedermann': von diesem tage zwar will jedermann gern wissen, die halbe welt jetzt fragt, was die zu Leipzig schlieszen
qu. a. d. j. 1631
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 203; was geist und leben nur in seinen adern trAegt, kennt die vollkommenheit der schOensten Leonoren, die ... fast die halbe welt durch ihren blick bewegt Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 37
Neukirch; schaue, wie die halbe welt sich in warme pelze hllet Gottsched
ged. (1751) 1, 282; (1.
wächter:) es ist aber befohlen, dasz wir alle betrübte in arrest nehmen sollen; (2.
wächter:) da hätten wir die halbe welt in arrest zu nehmen; es ist wenig fröhlichkeit mehr unter den leuten Platen
ges. w. (1839) 212. III@A@2@cc)
in anschlusz an frz. monde
erlangt welt
neben der bedeutung '
vornehme gesellschaft' (
s. unter 1 b)
noch den besonderen sinn '
lebensart der vornehmen gesellschaft'.
als ausgangspunkt erscheinen bestimmte formeln, vor allem welt haben
avoir du monde (
zum gebrauch vgl. Heynatz
antibarb. 2 [1797] 625: welt haben
für '
wohl zu leben wissen'
pflegte Gottsched [
vgl. sprachkunst, 51762, 539]
als einen unerträglichen gallicismus zu tadeln; jetzt ist es längst in den sprachgebrauch übergegangen; ferner Göthe,
dessen briefliche bemerkung den modischen und kurzlebigen charakter dieser wendung kennzeichnet: wie offt hab ich die worte welt, grose welt, welt haben
u. s. w. hören müssen und habe mir nie was dabey dencken können [11. 3. 1781] IV 5, 76
W.): sie ist fast unter allen deutschen frauenzimmern, die ich hier (
in Leipzig) kenne, die, welche die meiste wirklich gute lebensart und welt hat (1771) Garve
br. a. s. mutter 183
Menzel; heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig welt hat, darüber hinweg Hauff
s. w. (1890) 3, 43; ein anderer, der älter ist und mehr welt hat, wird es vielleicht geschickter anfangen G. Freytag
ges. w. 4 (1887) 232; zur kaiserin aber spricht er, denn er hat schon welt mit seinen neunzehn jahren: 'wenn die sonne aufgeht, ist auch der morgenstern nimmer schön' Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner 1 (1927) 33; er war der gebändigtere und hatte in jedem sinne mehr welt als ich Carossa
erinn. (1950) 46.
ferner mann von welt
homme du monde (
vgl.weltmann 3 c): mich als einen mann von welt zu zeigen K.
F. Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 9; der general war ein mann von welt Schubart
leben 1 (1791) 142; sich als mann von welt und ton präsentiren Holtei
erz. schr. 19 (1862) 81; ihr ..., der in jeder äuszerung den mann von welt und bildung bekundet C.
F. Meyer
s. w. 3, 25
Faesi; in dieser (
heutigen) situation stelle ich mir den mann von welt in der ganzen fülle deutlich vor: seinen reichtum an gütern, begabung, beziehungen, möglichkeiten, an glück und liebe, sein gesundes gefühl von sich selbst
taschenbuch für junge menschen (1946) 173
Suhrkamp; seltener mensch (herr, leute, frau) von welt: man wuszte von dem grafen, dasz er ein herr von groszen kenntnissen und vieler welt war Göthe I 52, 84
W.; ich habe diese feinen leute, diese leute von welt kennen lernen Iffland
theatr. w. (1827) 1, 141; leute von ton und welt Tieck
schr. 3 (1828) 336; ein mensch von welt E.
M. Arndt
schr. f. u. a. s. lb. Deutschen 2 (1845) 277; so spricht herkömmlich ein mann von welt zu einer frau von welt Fontane
ges. w. (1905) I 4, 419; der kellner lächelte verbindlich und meinte, leute von welt tränken bei erschöpfungszuständen eine flasche 'Irroy Cordon bleu' Sauerbruch
leben (1951) 165.
vereinzelt auch sonst: und (
er) fragte mich, ob ich ... mir seine art zu leben, die nicht nach der welt (
selon le monde) wäre, gefallen lassen wollte Gellert
s. schr. 4 (1839) 333; die schlechte lebensart einiger dieser leute (
schauspieler) ist ein vorzügliches hindernisz; es fehlt ihnen gemeiniglich an welt und sitten (
vgl. frz. il manque de monde) J. Fr. Löwen
schr. (1765) 4, 50; und Nettchen wandte sich, bey meiner ehre! aus welt, aus höflichkeit nach ihm nur um Goekingk
ged. 2 (1781) 232; dagegen wird aber auch der ... Niedersachse ... an einem hofe im reiche vielleicht für einen schüchternen menschen, ohne lebensart, ohne welt angesehn werden Knigge
umgang m. menschen 1 (1799) 14; so fordert es die welt, der anstand, die sitte Fontane
ges. w. (1905) I 4, 257. III@BB.
kreis der anderen lebewesen (
fauna, flora): jedwede clasz, schicht oder stand, nannten sie (
die alten) eine welt: ... besondre welt der thiere E. Francisci
lust-haus (1676) 106; die vegetabilische welt, oder die welt der gewächse
ebda. 107; da hab ich voriges jahr den groszen sumpf lassen austrocknen gegen mitternacht und einige tausend stück bäume darauf gezogen; die junge welt treibt sich und schieszt empor — es ist ein seelenvergnügen, drunter hinzuwandeln Schiller 6, 281
G.; die allbeseelte welt der pflanzen Gervinus
gesch. d. poet. nat.-lit. (1835) 5, 637; der so (
durch rodung) gewonnene klare boden wurde mit kulturpflanzen bedeckt, die vorgefundene animalische welt durch teilweise vernichtung der wilden fauna verringert und durch haustiere bereichert Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 1; mächtige buchen ... dulden die welt der waldblumen und kleinen sträucher
qu. a. d. j. 1917; ob ich der welt der pflanzen begegne als blumenliebhaber oder als heilkrautsammler oder als botaniker, kann nicht ohne wesentliche folgen sein für die art, wie ich mich unter den pflanzen bewege Weisgerber
v. weltbild d. dt. spr. (
21952) 9.
so vor allem in der festen verbindung die kleine welt: wenn ich das wimmeln der kleinen welt zwischen halmen, die unzähligen unergründlichen gestalten der würmchen, der mückchen näher an meinem herzen fühle Göthe I 19, 8
W.; nur hinsichtlich der kräuterdecke des feuchten oder trockenen bodens bedauerte ich erst jetzt wieder lebhaft die unterbrechung der botanischen anfänge in der schule, da ich wohl fühlte, dasz für die kenntnis dieser kleinen, aber weit mannigfaltigeren welt einige grobe umrisse nicht genügten G. Keller
ges. w. (1889) 1, 204; bei der kleinen welt in fell und feder ist (
das jagdfreudige) Tarascon sehr übel angeschrieben Seiffert
Daudet, Tartarin 6
Reclam; kleine welt am wegesrand, ein farbbilderbuch von den kleinen schönheiten unserer heimat Helmut Drechsler (1952)
titel; vereinzelt auch für die tierwelt in ihrer gesamtheit: es hegt das gantze land doch lauter lieb und lust, den fischen, thieren und den vöglen wol bewust. wenn nun, herr bräutigam, die grosse welt euch lehret, dasz ja die klein' in ihr durch lieben sich vermehret, was wunder ist es den, dasz wir euch auch so sehn auf diesen tag gepaart mit eurer Magdalen? Rist
Parnasz (1652) 354. III@CC.
gesamtheit der lebewesen (
pflanzen, tiere, menschen);
so nur vereinzelt in poetischem sprachgebrauch: nun ruhen alle wälder, vieh, menschen, städt und felder, es schläft die gantze welt Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 298
Fischer-Tümpel; mit umfassenderem wortgehalt bei Hölderlin: bestehet ja das leben der welt im wechsel des entfaltens und verschlieszens, in ausflug und in rückkehr zu sich selbst, warum nicht auch das herz des menschen?
s. w. 2, 130
H. IVIV.
auszenwelt (A),
umwelt (B),
sphäre (C). IV@AA.
auszenwelt. IV@A@11) '
die äuszere (
obj.)
welt des (
subj.)
erlebens, empirische welt'
; zunächst nur mit beiwörtlicher bestimmung: tiu primordialis causa, dia Plato ideam heizet nâh tero disiu anasihtiga uuerlt keskafen ist Notker 1, 744
Piper; wenn wir betrachten die sichtbare welt ... so finden wir daran das gleichnisz der unsichtbaren geistlichen welt, welche in der sichtbaren welt verborgen ist, wie die seele im leibe Jac. Böhme
s. w. 5, 3
Schiebler; (
die) erkenntnisz gottes, zu der uns die sinnliche welt fhrt Kästner
verm. schr. (1772) 2, 17;
dann auch: man blicke eine zeit lang durch eine blaue scheibe, so wird die welt nachher dem befreiten auge, wie von der sonne erleuchtet erscheinen, wenn auch gleich der tag grau ... wäre Göthe II 1, 25
W.; sie (
die farbenblinden) sehn demnach nur die gradationen des hellen und dunkeln, folglich stellt ihnen die welt sich dar wie ein getuschtes bild Schopenhauer
w. 6, 80
Grisebach; die welt, die sich dem menschen durch die sinne offenbart, schmilzt, ihm selbst fast unbewuszt, zusammen mit der welt, welche er, inneren anklängen folgend, als ein groszes wunderland, in seinem busen aufbaut A. v. Humboldt
kosmos 1 (1845) 16; immer wieder war es mir gelungen ... den zwiespalt zwischen innen und auszen, zwischen ich und welt als illusion zu erkennen H. Hesse
kurgast (1925) 89; ... fiel es mir zuerst auf, wie ungleich und einzeln der jetzige europäische dichter sich dieser zuträger bedient (
der fünf sinne), von denen fast nur der eine, das gesicht, mit welt (
eindrücken der empirischen welt) überladen, ihn beständig überwältigt Rilke
ges. w. (1927) 4, 291.
fachsprachlich, als terminus der philosophie, insbesondere der erkenntnistheorie (
vgl.auszenwelt, sinnenwelt): welt ...
sinnenwelt, sensible welt d. i. das all der erscheinungen, der inbegriff aller gegenstände möglicher erfahrung E. Schmidt
wb. z. d. Kantischen schr. (1795) 512; erkenntnistheoretisch ist die welt der inbegriff objektiver, begrifflich fixierter erscheinungen (die
auszenwelt der naturwissenschaft) Eisler
hdwb. d. philos. (1913) 750; wo ich ein ding, einen baum, eine landschaft oder die welt überhaupt in die geltung anredbarer personalität stelle R. Guardini
welt u. person (1939) 155; zunächst zeigt sich, dasz die lebenserfahrung nicht aus den bloszen objekten des kennenlernens erwächst, sondern ihren entstehungspunkt gerade in dem aufeinandertreffen des lebendigen subjektes mit der welt des nicht-ich hat. die gegenständliche welt umfaszt dabei ebenso sachen und ereignisse, wie andere personen Spranger
lebenserfahrung (1946) 28;
hierzu auch die äuszerung Brugger
s: oft verstehen wir unter welt die gesamtheit alles sichtbaren: das
weltall, das universum, den kosmos
philos. wb. (
31950) 405. IV@A@22)
erfahrungsbereich: setzet ein geschöpf, selbst ein vernünftiges geschöpf, dem das gefühl hauptsinn wäre ..., wie klein ist seine welt ..., wiederum ein geschöpf, ganz auge — wie unerschöpflich ist die welt seiner beschauungen! Herder 5, 64
f. S.; seit jenem tage wendete sich (
der junge) Placido von der entdeckung äuszerer welten ab Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 163; Johannes ... fand doch bald bei seiner neigung zur erkenntnis und bezeichnung des typischen aller erscheinungen eine art von ordnung und system, um diese neue welt (
der schule) in seine betäubte seele einzuordnen Wiechert
d. kleine passion (1953) 161. IV@A@33)
zuweilen für einen bestimmten bereich der empirischen welt, etwa gleichbedeutend mit '
gegend, landschaft'
; ähnlich bereits im hochmittelalterlichen dt.: diu werlt was gelf, rôt unde blâ, grüen in dem walde und anderswâ Walther v.
d. Vogelweide 75, 25
Lachmann-Kraus; jedoch erst im poetischen sprachgebrauch der neueren zeit geläufig: es sah (
in der nacht) alles dumpf verwischt und traurig aus ... ich wuszte nicht, ob es kurz oder lang war, dasz ich im fenster sasz und in die bleiche verwandelte welt hinüberschaute H. Hesse
diesseits (1908) 16; als wir ... unser stubenlicht gelöscht hatten, fanden wir drauszen in der groszen stille eine überaus schöne geheimnisvolle welt liegen
ders., späte prosa (1951) 186; immer noch lag das mondlicht über der welt Wiechert
missa sine nomine (1950) 33; tief durch die mauerscharten (
des turmes) leuchtete wohlbekannte welt herauf Carossa
erinn. (1950) 23.
hierzu stellt sich letztlich auch die mundartliche wendung: fr ei
ns d'wäld z'g'schouen '
die gegend zu überblicken' Friedli
bärndütsch 2, 297. IV@BB.
umwelt. IV@B@11) '(
umgebende)
auszenwelt, (
um-)
gegend': wenn Mozart ... durch schöne gegenden reiste, sah er aufmerksam ... in die ihn umgebende welt hinaus O. Jahn
Mozart (1856) 1, 386
anm.; meist formelhaft in der verbalen wendung in die welt blicken, gucken, schauen (
vgl.kuck in die welt
teil 5, 2519
s. v. kucken [3 a], guckindiewelt
teil 4, 1, 6, 1036
s. v. 2gucken [5]
sowie die unter umwelt
teil 11, 2, 1259
verzeichnete wendung schauen in die umwelt): do sin leben ze lebene vienc, uf alse der tagesterne gienc und lachend in die werlde sach, do wander, des doch niene geschach, daz er iemer also solte leben Gottfried v. Straszburg
Tristan 307
Ranke; nun müszte er ja zum ersten mal in die welt gucken (
völlig unerfahren sein), wenn er nicht wissen sollte, wie grosz der zorn einer verachteten schönheit sey
vern. tadlerinnen (1738) 1, 125
Gottsched; und als du anfingst in die welt zu schauen, war deine freude häusliches besorgen Göthe I 2, 7
W.; das mädchen ... mit keckem unbefangenem blick in die welt hineinschauend E. T. A. Hoffmann
s. w. 14, 156
Gr.; eine hagere frau mit tiefliegenden, dunklen augen, die mal schön und lachend gewesen sein mochten, jetzt aber nur noch geängstigt in die welt blickten Fontane
ges. w. (1905) I 6, 28.
poetischer sprachgebrauch zeigt gelegentlich freiere anwendung: fragte er ihn, warum er ein so schlimmes gesicht in die welt schneide G. Keller
ges. w. (1889) 7, 357; den steinbock hat er oft gehetzt ... und fröhlich pfeifend in die welt dann übern klippenspalt gesetzt A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 44; schau ihn (
den baum) an, er ist so grün, nickt so lustig in die welt Arndt
ged. (
21865) 381.
formelhaft abgeblaszt; in die welt hinein (leben
u. dgl.) '
darauf los, ins blaue' (
vgl. in den tag hinein leben
u. dgl., teil 11, 1, 1, 42
f. u. teil 6, 402): da Holofernes ... meinete, er hätte fast di halbe welt unter des königes botmässigkeit bracht, daher in di welt hinein lebete und seinen madenwanst überfült ... Butschky
kanzelley (1659) 717; wem das leben nur ein kerbstock bleibt um alltage zusammenzurechnen ..., der hat in den tag und die welt hineingelebt als ein groszstädtischer morgenverschläfer, so die sonne ... niemals aufgehen sah
F. L. Jahn
dt. volksthum (1810) 339;
hierzu stellen sich auch fälle wie: in die welt hinein tadeln oder loben Herder 3, 295
S.; es wird heut zu tage in die welt hineingeschmiert Lenz
ges. schr. (1828) 1, 220. IV@B@22)
lebenskreis, -sphäre; '
einen zu einem subjekt relativen sinn hat welt,
wenn wir von der welt des tieres, des menschen
sprechen. man meint damit den lebensraum, die gesamtheit all dessen, was dem tier, dem menschen zugänglich ist, worauf es sich bewuszt bezieht' (W. Brugger
philos. wb. [
31951] 405): wAelder sind ihr (
der hirten) feld und welt S. v. Birken
Pegnitzschäferey (1645) 37; jüngst fragt er mich am vollen tische, warum wohl in der welt der fische, in flüssen und im meer, nicht wein statt wassers wär? Lessing 1, 103
L.-M.; ich muszte (
in diesem buche) von ganz auszerordentlichen menschen reden, von menschen aus einer ganz andern welt Zimmermann
einsamkeit 1 (1784) xvi; er werde der groszen welt (
dem lebenskreis der vornehmen gesellschaft), ihren reichen und vornehmen bewohnern näher rücken Göthe I 52, 101
W.; und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen sinnen, im hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld, und all ihr häusliches beginnen umfangen in der kleinen welt
ebda. I 14, 168; aber die welt, aus der ich herkam, rückte mir ferner und ferner, obwohl ich ihre menschen täglich sah
qu. a. d. j. 1935; auszerhalb der schule gehörte Otto Weller einer andern welt zu als ich, er wohnte ... weit von meiner gegend entfernt, und sein vater war eisenbahner H. Hesse
späte prosa (1951) 111; abenteuer in zwei welten; mein leben als arzt und schriftsteller
A. J. Cronin (1952)
titel; in freierer anwendung auch: so eroberten sich diese beiden von ihrem vaterland ausgestoszenen Franzosen gleichsam eine neue welt (
einen neuen lebensraum) für die idee, um deren willen sie hatten fliehen müssen; ... Genf war noch immer die gewerbfleiszige stadt, die es bisher gewesen ... Ranke
s. w. 8 (1876) 128; für sie (
die jugendlichen) aber ist es besonders schwer, einen eigenen lebensraum zu finden, da sie ja dem seltsamen zwischenlande angehören, in dem man nicht mehr kind und noch nicht reif für die ganz ernste welt der arbeit ist Spranger
psychologie d. jugendalters (1925) 161; mit dieser halsbinde angetan tat der junge herr seinen ersten schritt in die welt der erwachsenen und feierte sein erstes fest H. Hesse
kl. welt (1933) 293; die welt der abgründe und geheimnisse, in die der flüchtende bettler uns entschwunden war, wartete auch auf uns. sie hat jenes hübsche und harmlose (
kinder-) leben des vordergrundes überwuchert und ausgelöscht
ders., späte prosa (1951) 98.
häufig durch ein possessivum einer bestimmten person zugeordnet: hier zeig ich ihnen meine welt Schiller 5, 1, 32
G.; ich hab ... mit meinem Philipp ... von seiner und meiner welt geschwäzzt (17.-24. 5. 1776) Göthe IV 3, 66
W.; und wie denn seine (
eines angehenden arztes) welt klein war, so waren seine ziele nahe
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 4; wie alle kinder die geschäfte nachzuahmen pflegen, die sie in ihrer kleinen welt erblicken, so wandte er sich früh den pflanzen zu
qu. a. d. j. 1939; sie (
anrede) besitzen ihre eigene welt (
den kreis der familie) Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 46;
besonders in der wendung das ist meine (ihre
u. dgl.) welt: die spinne webet mit der kunst der Minerve; aber alle ihre kunst ist auch in diesen engen spinnraum verwebet; das ist ihre welt! Herder 5, 23
S.; ihr (
der deutschen frau) haus ist ihre welt Böhme
volksth. lieder d. Dt. i. 18. u. 19. jh. (1895) 24; über land fahren und an einer waldecke sitzen, zusehen, wie das korn geschnitten wird ... einen kranz flechten und dabei mit kleinen leuten von kleinen dingen reden: einer geisz, die verloren ging, oder von einem sohn, der wiederkam, das ist meine welt, und ich bin glücklich gewesen, solang ich darin leben konnte Fontane
ges. w. (1905) I 4, 420; wenn ich mich an die zeit meiner jugend erinnere ..., so rieche ich sofort chloroform. wenn ich mich selbst sehe, dann im weiszen kittel über medizinischer literatur, oder ich höre den bellenden Cäsar; ich sehe laboranten, kollegen, schwestern und geräte. das war meine welt, in ihr lebte ich Sauerbruch
leben (1951) 101. IV@B@33)
sphäre geistigen lebens: in einem der hintersten zimmer verschlossen ... lebte und webte er in der Shakespearischen welt Göthe I 21, 298
W.; ihr (
gelehrten) lebt immer in andern welten H. Beck
rettung f. rettung (1801) 15; er (
Mozart) fühlte sich sicher in seiner kunst, sie war die welt, in der er eigentlich lebte O. Jahn
Mozart 2 (1856) 36; seit die phantasie des frommen in der welt biblischer bilder und gestalten weilte G. Freytag
ges. w. 17 (1888) 245; die bücher, in denen sie (
die ahd. glossen) vorkommen, sind ja doch die welt, in der sich diese geistigkeit von der schule an bewegt Baesecke
d. heutige bild d. ahd. in: zeitschr. f. dt. bildg. 11 (1935) 81; auf einmal aber ... ging ihm (
Nero) auf, ... dasz Artaban in der welt der wirklichkeit wohnen könnte, er selber aber in einer welt des traumes Feuchtwanger
d. falsche Nero (1951) 387;
auch im sinne von '
geistige heimat',
dann meist mit einem possessiven beiwort verbunden: bald hebt der mensch sich ber die gestirne herauf, bald stzt er wie ein insect seine augen auf die erde und findet in einem eben so geringen cirkel von ideen seine welt Zimmermann
nationalstolz (1758) 2; meine welt war die vorzeit A. v. Arnim
s. w. 3 (1840) 186; die alten pergamente waren seine (
des mönches) welt Scheffel
ges. w. (1907) 2, 153; sie (
Eva) liebte die bücher ... das war ihre welt Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 47; die bücher sind seine (
des St. Emmeraner geistlichen Otloh) welt, in der sich sein unruhiger geist auslebt H. de Boor
d. dt. lit. 1 (1949) 102.
vereinzelt auch für einen bestimmten bereich des seelischen lebens: auf diesem punkte schien der jünger des Lao Tse zu stehen: noch beschwingt ... vom erlebnis der freiheit und gnade, war er offenbar schon wieder von schatten verfolgt und im begriff, aus der seligen schwebe in die welt der konflikte zurückzustürzen (
durch lektüre von Hesses '
kurgast') H. Hesse
späte prosa (1951) 179. IV@CC.
sphäre schlechthin. so nur vereinzelt nachweisbar, wobei freilich nicht in jedem falle eine strenge abgrenzung von VIII (
insbes. VIII 2 b)
möglich ist: die singende welt der luft hing jauchzend in den morgenfarben und im himmelblau Jean Paul
s. w. 7 (1826) 165; jene silberne welt (
die sphäre des mondes) droben
ders., w. 3, 45
Hempel; von dem augenblick (
der fernsicht) an liebte Klärchen Aldeck nichts so sehr als enge winkel, niedrige zimmer, zusammenhuschen — kurz die welt der nähe, des kleinen W. Raabe
s. w. I 2, 7
Klemm; er sah ... wie drauszen hinter den hohen feierlichen bogenfenstern des saales, in einer andern welt, die wolken am himmel hinzogen H. Hesse
kurgast (1925) 130. VV.
erdkreis. V@AA.
in seiner gesamtheit oder als teilkomplex; in dieser bedeutung nicht scharf gegenüber III A 1
abzugrenzen (
vgl. anwendungen wie die welt beherrschen
und siehe unter den kompos.-typen A 1 b
γ). V@A@11)
der gesamtbereich der erde. V@A@1@aa)
vor allem als lebensraum und tätigkeitsfeld der menschen: souuaz îonêr lebendes in uuerlte ist (
quicquid uitam spirat in orbe) Notker 1, 292, 5
Piper; manchirhande heydinschaft, di do wonen in manchin endin der werlde
Marco Polo 1, 7
Tscharner; lust machet leut, sonst wrde es an leuten mangeln vnd die welt in wenig jahren wst werden Lehman
floril. polit. (1662) 1, 513; die ersten einwohner der welt nAehrten sich blosz von der viehzucht Gottsched
crit. dichtk. (1751) 581; burschen ..., die die weite welt auf und ab gelaufen sind Klinger
w. 1 (1815) 96; bis in die entferntesten regionen der welt ist der ruf der bescheidenen wohnung (
schlosz Sanssouci) gedrungen, die sich Friedrich ... erbaute Ranke
s. w. 29 (1874) 283.
redensartlich ihm steht die welt offen: am ende steht ihm (
dem ledigen) ... die welt offen; er kann alles im stiche lassen (
nach einer demütigung oder zurücksetzung) und in einem unbekannten winkelchen der erde leicht ... sein leben fristen Knigge
umgang m. menschen 2 (1796) 60. V@A@1@bb)
gelegentlich auch für die erde als geographischen begriff. V@A@1@b@aα)
meist auf die erdoberfläche bezogen: ich sage dir an argen list: die werlt gar schon in fünfe teil (
klimazonen) geteilet ist, der stan driu wüest, die zwei sint wol durchbuwet
d. hort v. d. astronomie, hg. v. Siebert in: zeitschr. f. dt. altert. 83 (1952) 202;
mappa mundi beschreybunge der werlde (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 348
c; darnach sahe ich am tag herab auff die welt, da sahe ich viel kOenigreich, frstenthumb vnnd wasser, also dasz ich die gantze welt, Asiam, Aphricam vnd Europam, gnugsam sehen kondte (1587)
Faust 56
Petsch; merke dir, dasz du gegenwärtig auf dem ältesten gebirge, auf dem frühesten gestein dieser welt sitzest Göthe I 24, 42
W.; die eisenvorräte der welt Gustav Einecke (1950)
titel. in älterer sprache häufig in der formel teil der welt '
erdteil' (
vgl. weltteil 1 b): driu deil her (
Alexander) der werilte zume gewan
Annolied 19
Opitz-Bulst (15, 12); Sem ruckete mit seynen kyndern an das teil der werlde, das do heisset Asia Rothe
thür. chron. 27
Liliencron; wie die pilgrin kumen in den driten tail der welt uss Asia in Europa (1492)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 281 (
vgl.: Europa, der dritte theil der welt Henisch
teutsche spr. [1616] 956); andeutung der haubtheilen der welt: es wirdt der vmbkreisz desz gantzen erdbodems von den alten weltbeschreybern gemeinlich in drey theil vnderscheiden, als in Asiam, Africam vnd Europam Stumpf
Schweizer chron. (1606) 2
a; America (vierten theil der welt) Schupp
schr. (1663) 556.
vereinzelt findet sich auch stück welt '
fleckchen erde': 'in der kirche' heiszt der volksmund dieses abgeschiedene stück welt H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 10. V@A@1@b@bβ)
zuweilen auch mit bezug auf die erdkugel als weltkörper: bewegung der erdkugel. die welt ist rund und laufft herum; drum sind die leute schwindel-tum Logau
sinnged. 595
lit. ver.; d'wäld trääj si
ch um d'sunna um! Friedli
bärndütsch 2, 133; d'sunna standi still u
nd d'wäld chehrri si
ch!
ebda. 134. V@A@1@cc)
für die erde als machtsphäre, als politischen begriff (
s. auch unter 2
und vgl. komposita wie weltherrschaft): Sem, Kam, Japhet in dri vach teilten di werld in dri rich
historien d. alden e 481
lit. ver.; wer dise zwey (
tugend und glückseligkeit) ... mit einander vereinbart ... behauptet die herrschaft der welt Lohenstein
Ibrahim Sultan (1679) a 2
a (
zuschrift a. d. kaiser); und den das schicksal doch zum
Haupt der welt erlesen König
ged. (1745) 11; unter der zeit haben die andern völker gründlich die welt aufgeteilt K.
F. Leppa
herzenssachen (1923) 135; grosze männer, dachte ich, feldherren, überlegene staatsköpfe, eroberer- und herrschernaturen jeder art ... müssen wohl so beschaffen sein, dasz die welt ihnen klein wie ein schachbrett erscheint, da sie sonst die rücksichtslosigkeit und kälte nicht hätten, ... nach ihren übersichtlichen plänen damit zu schalten (1937) Th. Mann
ausgew. erz. (1948) 11.
als politisches schlagwort der jüngsten vergangenheit: heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze welt Stefan Zweig
welt v. gestern (1947) 445. V@A@1@dd)
mit besonderem bezug auf die auf der erde herrschenden verhältnisse: es ist kein scherz, die welt zu bessern Hölderlin
s. w. 2, 124
Hell.; halten sie (
anrede) sich an den kaiser; er kann die welt eher umgestalten, als die welt ihn Grabbe
s. w. 3, 181
Bl.; die beiden herren sprachen über welt und wirtschaft Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 69.
so auch in der ironischen redewendung: wie die welt sich ändert, sagte Hans, und seines nachbars scheune war eingefallen Rother
schl. sprichw. 1
b. V@A@22)
ein (
meist beiwörtlich bestimmter)
teilbereich der erde: also rhmen sich auch die Hunnen ...: dasz sie ... in das Oestliche nordtheil dieser neuen welt ... gedrungen wAeren Lohenstein
Arminius (1689) 1, 122
b; nordwärts hinauf nicht anders bis zu den Koräken und Kamtschadalen am ufer der östlichen welt Herder 13, 219
S. (
ebda. variiert mit erdstrich, weltstrich, weltteil); die affen der indischen welt Mohnike
titel in: ausland 45 (1872)
nr. 30,
s. 714; die räumliche welt von heimat und vaterland K. Brandi
reformation (1927) 52. '
erdteil': bald werden die bewohner der alten welt ausziehen, um neue, ihnen bisher unbekannte erdstriche zu entdecken ... diese neuen welten (
die neuentdeckten erdteile) werden sie mit allen ihren lastern erfüllen und stoff zu scheuszlichern der alten zurückführen Klinger
w. 3 (1815) 26; wir überbleibenden, vier brüder und drei schwestern, wurden nach und nach in beide welten zerstreut Karl Vogt
aus meinem leben (1896) 22; reisen bis unter andere sterne und in andere welten hiesz nicht Europa ... entfliehen St. Zweig
welt v. gestern (1947) 453.
seit dem entdeckungszeitalter (
vor allem mit bezug auf Amerika)
in der fügung die (eine) neue welt: in vergangenen tagen habe ich dir weytlaufftig genug geschryben von meiner widerfarthe, von etlichen newen orthen ..., welche man byllichen ein newe weldte mage nennen, wann bey unsern vorfaren ist der selbigen orthe kain kuntschafte gar nicht gewesen Ruchamer
newe weldte (1508) i 2
b; weren dise am meer gesessen so lang wer vnerscht nicht gwesen America die newe welt, dan jr lobgir het dahin gstellt Fischart
glückhafft schiff 11
ndr.; seine nachkommen giengen auch ... in die newe welt hinein, die wir Americam ... heissen Micraelius
Pommerland (1640) 1, 40; sie (
die spanische krone) übertrug das ganze lateinische kirchenwesen ... auf die neue welt Ranke
s. w. 3 (1868) 77;
so geradezu zum eigennamen geworden: die neue welt
il mondo nuovo cioè l'America Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; wir kennen ja die geschichte des welttheils oder vielmehr die geschichte der neuen welt seit Kolumbus E.
M. Arndt
pro populo germanico (1854) 320; in die neue welt (
Amerika) komme ich diesmal noch nicht (1. 8. 1834) Pückler
briefw. (1873) 6, 4; und dabei nahm er ... das Amerikabuch ... eh' er das licht auslöschte, sah er noch einmal auf den titel des buchs; der lautete: 'die neue welt oder wo liegt das glück?' Fontane
ges. w. (1905) I 6, 47;
vgl. auch die vereinzelt bezeugte zusammenbildung neuweltling '
Amerikaner'
unter weltling 2 c
sowie neu-welter J. Balde
d. truckene trunckenheit (1658) 172.
als jüngere parallele findet sich der gebrauch von 'welt
in jungen (
flur)
namen wie z. b. auf der neuen welt' Buck
flurnamenb. (
21931) 298; Fischer
schwäb. 6, 1, 670; neue welt
stadtteil von Basel Henzen
dt. wortbildg. (1947) 42;
metaphorisch: neue welt
cunnus Weinhold
schl. wb. 104. —
gelegentlich auch im sinne von '
kulturkreis': er ist ein prinz aus einer andern welt, der unsere europäische welt will kennen lernen Lenz
ges. schr. (1828) 1, 87; wie eine riesenspinne sasz Rom im mittelpunkte der lateinischen welt und überzog sie mit seinem unendlichen gewebe Heine
s. w. 3, 93
E. '
machtbereich, reich'
; so meist übertreibend gebraucht: wer ... ein nuszschal voll hirn im kopff hat, der kan ein halbe welt regieren Zinkgref-Weidner
weisheit 3.
theil (1653) 57; einer monarchinn ..., die den weiten umkreis ihrer welten nicht kennt Ramler
lyr. ged. (1772) 127; er (
Alexander) ist der universalherrscher, der am ozean die grenze seiner welt setzt, aber das meer in sein werk einbezieht v. Cochenhausen
schicksalsschl. (1937) 24.
oder allgemein auf den von menschen bewohnten teil der erde, die menschenwelt, bezogen: fuar er tho in thia uuorolt in, liaz thaz uuuastuueldi (
die einöde) sin Otfrid I 23, 9
Kelle; Berthold ... hätte ein riese sein müssen, wenn nicht allmählich jedes dieser bekenntnisse (
durchreisender lebensreformer) ihm, der auszerhalb der welt lebte (
ein primitives leben der zurückgezogenheit in Tirol führte), eindruck gemacht und sein eigenes denken gefärbt hätte H. Hesse
kl. welt (1933) 364. V@A@33)
häufig umfaszt welt
den auszerhalb des engen heimischen lebenskreises liegenden lebensraum. es erlangt dann den sinn von V@A@3@aa) '
fremde, ferne, weite, ausland' (
s. auch Schambach
Göttingen 293): Schweden und Dennemarck hatten eben alle nachbarliche freundschafft aufgehoben ..., als Philander seinen sohn Ascanium in die welt schickte Schupp
freund i. d. not 3
ndr.; dem Hannibal ward von den seinen so übel gelohnet, dasz er elendiglich in der welt land-flüchtig herum schwaiffen muste Grimmelshausen
Simpl. 127
Scholte; (
graf:) wo ist er? (
donna:) in der welt. mit kutsch' und pferden fort Lenz
ges. schr. (1828) 1, 90; zu hause kann einer unnütz sein, ohne dasz es eben sogleich bemerkt wird, auszen in der welt ist der unnütze gar bald offenbar Göthe I 25, 1, 182
W.; wieder umkehren und in mein dorf zurückgehn? ... die jungen wären um mich herumgesprungen: 'ei, tausend willkommen aus der welt! wie sieht es denn aus in der welt?' Eichendorff
s. w. 3 (1864) 28; die söhne waren in die welt gegangen, einer davon nach Indien, einer nach den Canarien-inseln G. Freytag
ges. w. 20 (1888) 357; er (
der onkel) hatte ... die welt gesehn auf reisen Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 40; wenn es auch drauszen in der welt viel schönes geben mag, kann man doch blosz in der heimat wirklich glücklich sein H. Hesse
kl. welt (1933) 222.
sprichwörtlich: besser in der welt als in einem hausz Lehman
floril. polit. (1662) 2, 707; die welt macht leute Schellhorn
sprichw. (1797) 27; reisen kostet geld, doch sieht man die welt Binder
sprichwörterschatz (1873) 162;
häufig in der charakteristischen verbindung in weiter welt, in die (der) weite(n) welt: und ein urlaub begeren thet, das er die königreich und stet beschawen möcht in weyter welt H. Sachs 2, 251
lit. ver.; entschlossen wir uns, mit einander in der weiten welt ein glück zu suchen, das uns zu hause nicht gewährt schien Göthe I 21, 72
W.; wem gott will rechte gunst erweisen, den schickt er in die weite welt Eichendorff
s. w. (1864) 1, 237; sein bruder ... fragte, wo er hingehe. 'fort, in die weite welt', rief ihm Ludwig zu
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 63; war ... drauszen in der weiten welt B. Kellermann
Ingeborg (1911) 24; was ... in der weiten welt geschah, hatte für die leute um Glasching recht wenig bedeutung O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 32;
ironisch-übertreibend: et isz bAeter in de wiede welt, osz in de enge buck
melius est crepitus emittere in vastissimum mundum, quam retinere eos in angustia ventris Pistorius
thes. paroem. (1715) 262 (
s. auch Binder
sprichwörterschatz [1873] 212); dasz wir unsre kleider einige minuten im winde hin und her schwenkten und ausstäubten, um das stechende und zwickende gesindel in die weite welt zu schicken Arndt
erinnerungen (1840) 131.
vereinzelt in der besonderen wendung in de walt gieh '
reisen (
auf handel ausgehen)',
von den handelsreisenden und hausierern des Erzgebirges und Vogtlandes Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 654. V@A@3@bb) '
öffentlichkeit': diejenigen, die bemüht waren, einiges gute zu leisten und sich in der welt zu zeigen Göthe I 43, 12
W.; doch wuszte sie (
Maria Stuart) aus diesen engen banden den arm zu strecken in die welt, die fackel des bürgerkrieges in das reich zu schleudern Schiller 12, 403
G.; so vor allem in bildlichen wendungen, die vorstellungsmäszig gelegentlich an II B 1 a
anschlieszen: damit es (
das büchlein) by mir nit verlAege, sunder mit hilff günstliches gelaites sicherer in die welt wandeln und gemainer syn möchte (
ut alieno fultus favore securior iret in publicum) Steinhöwel
de claris mul. 16
Dr.; auch ist es (
das drama Iphigenie) viel zu nachlässig geschrieben als dass es von dem gesellschaftlichen theater sich sobald in die freyre welt wagen dürfte (21. 7. 1779) Göthe IV 4, 47
W.; das nAerrchen (
das kunstwerk im entstehen) wo mOeglich in die welt honett auszustaffiren maler Müller
w. 2 (1825) 6. V@A@3@cc)
vereinzelt auch sachbezogen, für der fremden, groszen welt angehörige dinge: wöchentlich ein- oder zweimal wurde ein bote in das Murthal hinausgeschickt, um in einem buckelkorbe welt ins gebirgsdorf zu tragen, kleinigkeiten, die man beim krämer daheim nicht bekam Rosegger
schr. (1895) II 13, 248; vor den eigenen kindern muszte er (
Domenico Pascarella) sein haus verteidigen; durch heimliche pforten schmuggelten sie tückisch die feindliche welt herein Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 76. V@BB.
von besonderen (
geogr.)
vorstellungen bestimmter gebrauch. V@B@11)
während sich seit frühnhd. zeit welt '
terra'
eindeutig auf die erdkugel bezieht (
vgl. etwa: in dieser niedern welt oder erdenkugel Kepler
opera 1, 605
Frisch; bewegung der erdkugel: die welt ist rund und laufft herum, drum sind die leute schwindel-tum Logau
sinnged. 595
lit. ver.),
liegt einer reihe älterer, formelhafter wendungen offenbar die mittelalterliche vorstellung der erdscheibe (
orbis terrae)
zugrunde. V@B@1@aa) vier enden (ecken, orte) der welt: got wolti daz crûci in vîr spaltin, disi werilt alli gihaltin: dô wart er unschuldig irhangin. er habiti vîr enti dirri werilti bivangin, daz er sîni irwelitin alli zi imo zugi, swenn er den vîant bitrugi
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 21
Waag (
summa theologiae 146); Tnuphah war das opfer, wenn sie (
die priester) es nicht uber sich huben, sondern in die vier ende der welt wiesen und zeigeten, gleich wie die papisten in der mesz die creuz- und andere schirmschläge in die vier orte der welt macheten Luther
tischr. 5, 266
W.; alle wind von den vier ecken der welt blasen in ein horn zusammen Selhamer
tuba tragica (1696) 1, 533; so werden sie (
anrede) bey einem manne dank verdienen, der nicht ermangeln wird, ihre höflichkeit an allen vier enden der welt auszuposaunen Lessing 2, 157
L.-M.; s. ferner die belege teil 7, 1354
u. teil 12, 2, 258. V@B@1@bb) vier winde (meere, straszen) der welt: viere winde disir werilte
Annolied 15
Opitz- Bulst (11, 5); ich weise dich hinaus in die vier straszen der welt Uhland
dram. dicht. (1863) 35; sie werden verweht über die vier meere der welt, in alle acht winde Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 284. V@B@1@cc) vier teile der welt: sy (
die evangelisten) verkundigen durch die virteil der werlt den glauben
erste dt. bibel 1, 5
Kurr.; (
kurfürst Friedrich Wilhelm,) dessen siege fast alle vier theile der welt geschmecket Lohenstein
Arminius (1689) 1, b 1
b; unter dieser ... aufschrift würden uns briefe aus allen vier theilen der welt nunmehr auffinden Göthe I 31, 15
W. gelegentlich verbindet sich mit der formel vier teile der welt
die vorstellung von vier erdteilen: es wären ihr (
sagte meine frau) alle vier theile der welt zinsbar: der Perser spinne für sie; der mohr fange ihr die perlen; der Amerikaner durchwühle die erde, ihr den nöthigen putz zu schaffen; der Europäer wage sein leben, alles dieses herzubringen Rabener
satyr. schr. 1 (1751) 79. V@B@1@dd)
in anschlusz an c
erhält welt
gelegentlich sogar die bedeutung '
erdviertel': nvn hOert zu all vier eck der erden, ja jhr vier welt hOert zu on bschwerden, woher hie auff all end vnd eck alles vbel sich her erstreck Fischart
w. 1, 229
Hauffen; vgl. ferner: vber die vier welde
vel wit von eim hinwegsenden (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 490
c s. v. relegare. V@B@1@ee) (am, bis ans) ende der welt
u. ähnliche wendungen: et timebunt qui inhabitant fines terrę a signis tuis vnde daranâh furhtent in diê ze ende dero uuerlte sizzent fore dînen zeîchenen Notker 2, 244
Piper; (
Alexander,) der diu werlt in iarin zuelevin irvúr uns an did einti
Annolied 25
Opitz- Bulst (21, 7);
extremum terre daz ende der welt (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 220
b; durch welche predigt, lehr vnd bücher (
Luthers, Melanchthons und anderer) gott sein wort volnbracht hat bisz an der welt ende vnd bisz an die eusersten winckel der erden in Schweden, Norwegen, Lappen vnd Pilappen, so weit die welt gegen mitternacht bekant Dan. Schaller
theolog. herold (1604) 43;
so noch in übertreibender anwendung neuerer zeit: einen bis ans ende der welt verweisen
confinare uno fin' all estremità del mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; laszt ihn liegen und kommt bis ans ende der welt Lenz
ges. schr. (1828) 1, 51; ich musz fort, weit, weit, bis ans ende der welt! Immermann
w. 5, 215
Hempel; denn wir wohnten so gut wie am andern ende der welt Fontane
ges. w. (1905) I 5, 132; du loschirst ja am end der welt Hügel
Wien 188; aus unserer am end der wäl
t gelegenen landschaft Friedli
bärndütsch 3, 442.
hierzu stellen sich auch ironisch-übertreibende wendungen wie: da wo die welt mit bretern beschlagen ist
about the world's end Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2444 (
ähnlich bereits Joh. Sommer
ethographia mundi [1609] 1, M 1 a: dasz er vom ende der welt komme gelauffen vnnd habe gesehen, das es mit bretern daselbst sey vnterschlagen); ist er gereist ... bis wo die welt mit brettern vernagelt ist Schubart
chron. (1790) 16; sie wohnt auch wohl drauszen vor der stadt, da wo die welt mit brettern vernagelt ist A. v. Arnim
s. w. 16 (1846) 32; wo die nächsten hügel grenzen, da ist ihnen (
den südbayer. bauern), wie man sagt, die welt mit brettern zugenagelt W. H. Riehl
land und leute (1861) 278; d es d
e wält met brǟr
er zōg
enǟlt (
von entlegenen und zurückgebliebenen gegenden) Heinzerling-Reuter
Siegerl. 316; hier is de welt mit brd vernaglt '
hier geht's nicht weiter' Mensing
schlesw.-holst. 5, 589. da hört die welt auf
u. dgl.: die ersteren (
cardinäle) sind bornirt ... auszerhalb Roms hört für sie die welt auf Justi
Winckelmann 2, 1 (1872) 103; man merkt es, bei den 'Baberhäusern' hört die welt auf Fontane
ges. w. (1905) I 6, 25; rechts ist eine sehr hohe, grüne hecke, die man niemals beschneidet; da hört die welt auf Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 3; die welt schien aufzuhören (
im düsteren waldgebirge)
qu. a. d. j. 1930. V@B@1@ff) aus(zerhalb) der welt liegen
u. ä. übertreibende wendungen zur bezeichnung groszer abgelegenheit oder entfernung; meist verneinend gebraucht: dann Vlm, das ist nicht ausz der welt, noch Thbingen, wie jr es zelt Fischart
s. dicht. 1, 57
Kurz; wiewol man vor zeiten dise schiffart gen Cola für keine geringe reisz gehalten: so waren wir doch gegen derselben zurechnen schier gar ausz der welt gewest Lewin Hulsius
der dreyen newen unerhörten ... schiffart (1598) 144; und sechs und dreiszig meilen ist ja nicht aus der welt! Goekingk
ged. 1 (1780) 292; denn dieses Tennstedt liegt nicht auszerhalb der welt (22. 7. 1816) Göthe IV 27, 118
W.; aber schlieszlich lag Reutlingen auch nicht aus der welt drauszen, und man konnte zueinander kommen, wenn man sich etwas zu sagen hatte Finckh
Rapunzel (1910) 126; dat is ja ni ut'e welt
tröstet man den, dem der abschied von der heimat schwer wird Mensing
schlesw.-holst. 5, 589.
hierzu stellen sich gelegentlich wendungen wie nicht aus der welt reisen, verschwinden: ich reise nicht aus der welt Chr. Weise
drei klügsten leute (1675) 9; was sind entfernungen heutzutage? wir (
die nach Brasilien abreisenden brüder) verschwinden ja nicht aus der welt. nächstens werden schon postflugzeuge zwischen Amerika und Europa verkehren Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 199.
ferner: ds (
gesuchte) kn doch ne aus der welt (
unerreichbar, unauffindbar) sein Rother
schl. sprichw. 1
a; wiet ut de welt '
abgelegen'
Elberf. ma. 174; dat is noch wied ut de welt '
ganz unbestimmt' Mensing
schlesw.-holst. 5, 589. V@B@22)
vereinzelt —
in gegensatz zu meer (wasser)
gestellt —
gewinnt welt
die bedeutung '
festland': das mer ist ganz recht (ist scheiblig) als ein rinck vnd hat die werlt vmbfangen
d. hort v. d. astronomie, hg. v. Siebert in: zeitschr. f. dt. altert. 83 (1952) 202; ist, das ... mangeln mag ... das mere der viscschen (!) vnd die weld der tieren, so mag auch Euriol din vergessen Niclas v. Wyle
translationen 40
lit. ver.; im herab faren sahe ich auff die welt, die war wie der dotter im ey, vnd dauchte mich, die welt were nicht einer spannen lang, vnd das wasser war 2 mal breiter anzusehen (1589)
Faust 52
Fritz; der lenger als die werlet wer und breiter als das weite meer Joh. Sommer
aenigmatographia rhythmica (1606) A 7
a. V@B@33)
in dichterischer einzelanwendung findet sich welt
auch für '
erdboden': mir läuft die welt unter den füszen fort und eine unsägliche leidenschaft treibt mich weiter (
auf der Italienreise) (19. 10. 1786) Göthe III 1, 305
W. (
ähnlich: ebda. IV 28, 62); sie stand auf einem treppenabsatz still ... 'sehen sie (
anrede), wie hoch wir schon über der welt stehen und noch ist das kranzgesims der (
kirchen-) schiffe über unseren häuptern' Heyse
ges. nov. 1 (1921) 125 (
anf. u. ende); auf seinem breiten tisch am fenster hockte der fleiszige (
schneider) Schlotterbeck hell und hoch über der welt wie der wächter in einem leuchtturm H. Hesse
Knulp (1931) 34.
hierzu auch die mundartliche wendung för de welt schmieten '
zu boden werfen'
Elberf. ma. 174; auf d
ie welt 'na
n falle
n Fischer
schwäb. 6, 1, 670. V@CC.
formelhaft abgeblaszt (
über die formelhaften wendungen zur welt bringen, kommen
u. dgl., die mehr oder minder noch von lokalen vorstellungen bestimmt sind, s. unter II B 1). V@C@11) in alle(r) welt '
überall(
hin)', aus (von) aller welt '
überallher'
u. dgl.; meist übertreibend gebraucht: des sprach er (
Jesus zu den jüngern): ich hab úch erwelt daz ir sont gan in all die welt
d. sœlden hort 10160
Adrian; mich dünkt, sie (
die dohlen und krähen) seien aus aller welt hieher (
auf der veste Koburg) versammlet (26. 4. 1530?) Luther
briefw. 5, 294
W.; den ... in aller welt hochgepriesenen könig Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 248; ist er doch in alle welt entlaufen! (
überallhin und darum nirgends zu finden) Göthe I 1, 201
W.; sie rufen trotzig aus in alle welt hinaus Arndt
w. (1892) 4, 7; wol aber waren schimpfworte auf ihn in aller welt geläufig Laube
ges. schr. (1875) 1, 14; ein verwegenes leben als matrose in aller welt E. Mühsam
namen u. menschen (1949) 151;
häufig in sprichwörtlichen wendungen: ein müntze vnd guot gelt, so stnd es wol in aller welt
schöne weise klugreden (1548) 73
b; alt freund, alt wein, alt gelt haben den preisz in aller welt Eyering
proverb. (1601) 1, 36; gelt regiert in aller welt Lehman
floril. polit. (1662) 3, 133. V@C@22)
früh erscheint welt
als blosze steigerungspartikel (
s. auch unter den kompos.-typen A 1 b
ζ und vgl. weltall 2 e). V@C@2@aa)
als verstärkender zusatz V@C@2@a@aα)
zu einer beiwörtlichen höchststufe (
vgl. unter III A 1 a);
genitivisch: abexcęlso cacumine rerum aba demo hohesten chapfe dero uuerlte (
von dem allerhöchsten gipfel, von dem höchsten gipfel überhaupt) Notker 1, 353, 20
Piper; wie ich die süsten und pesten zungen der welt hette Arigo
decamerone 671
lit. ver.; ich bin immer fort in der wünschenswerthsten lage der welt (5. 1. 1776) Göthe IV 3, 14
W.; ich wäre das betrübteste geschöpf der welt, wenn ich hörte, ich sei nicht in der gnade gottes Feuchtwanger
Simone (1950) 235;
in verhältniswörtlicher fügung in der welt: unser orden ist der gröst und ärmst in der welt (
der allergröszte und allerärmste, der gröszte und ärmste überhaupt) Zwingli
dt. schr. 1, 74
Sch.; vor gelt ist alles feil, vnd hab ich gelt, so bin ich der liebste in der welt
schausp. d. engl. comöd. 202
Creizenach; die juweliere ... wünschen ihr (
der königin) glück zu dem besitze des schönsten halsbandes in der welt Dahlmann
franz. rev. (1845) 100; auf der welt: ich wolte die geruhigsten tage auff der welt haben Chr. Reuter
ehrl. frau Schlampampe 4
ndr.; ich hielt diesen mann für meinen gröszten freund auf der welt Göthe I 43, 290
W.; (
frau Unrat) dachte sich dabei, dasz dies das einzige lied auf der welt sei, das sie nicht singen dürfe H. Mann
d. blaue engel (1950) 261;
am häufigsten erscheint in neuerem sprachgebrauch von der welt: die zwen ritter ... die die besten sint von der werlt
Lancelot 1, 349
Kluge; seine zimmer ... hatte er inwendig vom rauch gantz erschwartzen lassen, nur darumb, dieweil disz die beständigste farb von der welt ist ... die tapezereyen waren das zärteste geweb auff dem gantzen erdboden Grimmelshausen
Simpl. 10
Scholte; der gefälligste mann von der welt Wieland
Lucian (1788) 1, 192; das (
die regelung) ist die allereinfachste geschichte von der welt Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 40. V@C@2@a@bβ)
zur totalitätsbezeichnung all(es);
genitivisch: ich in liebe habe über alle dinge der welt Arigo
decamerone 177
lit. ver.; hat sie vielleicht auch ohrenschmerzen? ... die person hat ja alle schmerzen der welt! Deinhardstein
ges. dram. w. (1848) 1, 20; es war alles gift und aller triumph der welt in seiner (
des Knops) leisen frage Feuchtwanger
d. falsche Nero (1951) 207;
in verhältniswörtlicher fügung: wenn man gleich alle poeten in der gantzen welt solte darber zusamen setzen Rollenhagen
froschmeuseler (1595) A 6
b; er ... hatte alle mhe von der welt, ... der ... regierung zu entgehen, die ein urtheil an ihm vollziehen wollte Liscow
satyr. u. ernsth. schr. (1739) 1,
vorr. 31;
häufig auch als verstärkender zusatz zu substantivischem alles: alles in der welt, nur dies nicht
abschlägliche antwort (1749) Kluge
studentenspr. 134
b; sag' sie ihr nur, ich hätt' ihr etwas zu sagen, woran ihr alles in der welt gelegen ist Lenz
ges. schr. (1828) 1, 285; man konnte ihn (
den kranken klosterbruder) zu allem in der welt bewegen, wenn man ihm ... mit dem tode drohte Göthe I 23, 278
W.; denn man musz sich über alles in der welt lustig machen Pückler
briefw. (1873) 1, 115;
besonders in der formelhaften wendung um alles in der welt: denk', kind, um alles in der welt! der herr dich für ein fräulein hält Göthe I 14, 143
W.; ein freund von mir ... wünschte um alles in der welt zu wissen, wo dieselben (
hühnchen) verfertigt werden Brentano
ges. schr. (1852) 5, 50; er hätte um alles in der welt ein anderes auskunftsmittel finden mögen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 59. V@C@2@bb)
als verstärkung einer verneinung: jane wær diu selbe schulde zer werlte niemens wan dîn Hartmann v. Aue
Iwein 3967
B.-L.; und der malwasier der wost auch inn der wernt nyegens anders (
überhaupt nirgends sonst) dann do selbest (
auf Candia)
qu. a. d. j. 1483
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 135; des kein mensch der welte weder gedacht noch gelaubet het Arigo
decamerone 153, 20
lit. ver.; er nutzt auf der welt gottes nichts
nec sibi nec alteri quicquam prodest Serz
teut. id. (1797) 175
b; dasz sein (
Gervinus') hiesiges auftreten vielleicht meine äuszere lage verändern wird, dazu kann er in der welt nichts (7. 6. 1836) Jacob Grimm in:
briefw. zw. d. br. Grimm u. Dahlmann 1, 65
Ippel; obschon er auf der welt nicht wuszte, was er mit demselben (
dem fremden jungen) anfangen sollte H. v. Kleist
w. 3, 359
E. Schmidt. auch in neuerem sprachgebrauch noch durchaus geläufig: denn das mochte er von der welt nicht leiden Sperl
burschen heraus 1385; (
ein) glück, dem keins in der welt an schmerzlicher süszigkeit zu vergleichen Th. Mann
Buddenbrooks (1952) 683; er (
Diederich) wünsche sich nichts auf der welt, als ganz dabei (
beim militär) zu bleiben H. Mann
untertan (1949) 50; wenn ich getrunken habe, ist nichts auf erden mir so uninteressant wie wasser ... manchmal gibt es nichts in der welt ... was mir so unentbehrlich scheint wie der geist H. Hesse
kurgast (1925) 139.
häufig auch in der wendung um alles in der welt nicht (
vgl. unter C 2 a
β): nein, um alles in der welt nicht! H. Beck
d. herz behält s. rechte in: dt. schaubühne 2 (1788) 141; so wolte ich um alles in der welt nicht mit ihm (
meinem lehrer) hadern (1. 7. 1782) Lichtenberg
br. 2, 37
Leitzmann-Schüddekopf; dass sie (
Franziska Götz) um alles in der welt nicht anders (
als zufrieden an den onkel) habe schreiben können W. Raabe
hungerpastor (1864) 2, 240; um allens in de welt nich! Brendicke
Berlin 192
b;
als mundartliche redewendung findet sich ferner: emm of der welt nünt thue '
einem ja nichts zu leide thun' Tobler
Appenzell 444; die hōt uff dr welt gōts nischte '
besitzt überhaupt nichts, erhält gar keine mitgift' Rother
schl. sprichw. 363
b. V@C@2@cc)
neben einem interrogativum: wie in der welt war eine solche philosophie ... nur möglich? Herder 22, 109
S.; was in der welt hätte es sonst für reiz, autor zu werden
ebda. 13, 5; wem in aller welt konnte nun die siegeskrone mit mehrerem recht zukommen Jung-Stilling
s. schr. (1835) 3, 53; aber wo in aller welt bleibt denn der Arcangiolo Gaudy
s. w. (1844) 13, 58; was in aller welt will der Delbrück? (28. 6. 1868) Müllenhoff in:
briefw. zw. Müllenhoff u. Scherer 271
Leitzmann; aber wie in aller welt könntest du's (
glücklich) sein, wenn du ein herz hast? Rilke
ges. w. (1927) 6, 146; wer in aller welt hat das denn gesagt?
der grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 643
Basler; häufig auch durch andere redeteile getrennt: wo wolten wir in der welt vor dem ungeziefer bleiben? Chr. Weise
polit. redner (1677) 69; wozu hAelt er in aller welt den ziegenbock?
dt. schaubühne 5 (1744) 270
Gottsched; wie hätt' ich denn in aller welt darauf kommen sollen? (1783) Chr. Leb. Heyne
Omar in: dt. erz. d. 18.
jhs. 33
Fürst; was herr! in aller welt treibt euch, aus fernen landen herzukommen Schiller 13, 378
G.; welcher mensch in der welt, der ohne innern beruf ein handwerk, eine kunst oder irgend eine lebensart ergriffe, müszte nicht wie du seinen zustand unerträglich finden? Göthe I 21, 80
W.; so erscheint isoliertes in aller welt
oft geradezu als bekräftigender ausruf: warum also, in aller welt, jagte man dich fort? H. v. Kleist
w. 3, 152
E. Schmidt; was nun, in aller welt, geht meine ... philosophie ... jene ... universitätsphilosophen an Schopenhauer
w. 1, 26
Gr.; vereinzelt sogar in emphatischer spitzenstellung: in allr welt, wo wolln's denn heund no hin? Hügel
Wien 188.
die verhältniswörtliche fügung in der (aller) welt
erscheint auch als verstärkung der einleitenden partikel eines abhängigen fragesatzes: verwundert er sich, wo er doch in aller welt sey J. Döpler
theatr. poen. (1693) ...; von woher er (
Raffael) denn in aller welt die unvergleichliche schönheit ... in seinen bildern der heiligen jungfrau entlehnt habe Wackenroder
herzenserg. (1797) 17; nachzusehen, was in aller welt sie treiben Th. Mann
ausgew. erz. (1948) 229;
sowie eines verallgemeinernden relativsatzes: waz man in der werlde herin vuret oder treit zu marcte veile, daz da sechs pfenninge gildet oder darunder, daz ist zolvri (
um 1300)
Freiberger stadtrecht 236
Ermisch; ob du nicht etwa zeit hättest eine kleine reise vorzunehmen, wo es auch in die welt hin wäre? (9. 1. 1827) Göthe IV 42, 5
W.; vereinzelt begegnet: dieses (
aufgesessen!) musz ohne tempos und so geschwinde, wie in der welt (
überhaupt) nur immer mOeglich, geschehen
preusz. reglement f. husarenregimenter (1752) 36. V@C@2@dd)
gelegentlich auch sonst, vor allem zur unterstreichung einer entscheidungsfrage oder eines wunsches: ist es in aller welt möglich? Lessing 2, 153
L.-M.; ich möcht' auch in aller welt nur wissen, was es hier zu entführen gibt! Eichendorff
s. w. (1864) 3, 215. VIVI.
schöpfung. VI@AA.
himmel und erde mit allem geschaffenen darin. VI@A@11)
im biblischen sinne: uualdand gisprak, thuo hie erist thesa uuerold giscuop endi thuo all bifleng mid enu uuordu, himil endi ertha endi al that sea bihlidan egun giuuarahtes endi giuuahsanes
Heliand 39
Sievers; o sator terrarum cęlique tû skepfo himeles unde erdo
qui gubernas mundum perpetua ratione tû disa uuerlt ordenôst unde scaffôst unde rihtest mit tînemo êuuîgen uuîstûome Notker 1, 176, 19
Piper; daz got rîchset aine uber alle dise werlt gemaine, uber erde unt uber mer unt uber allez himelischez her
kaiserchronik 4240
Edw. Schröder; vnd damit der mensch auch ein herberg hette ..., hat gott den herrn fr gut angesehen, die welt, das ist himel vnd erden vnd alles, so darinnen ist, zu erschaffen Jac. Gretter
erklerung d. ep. S. Pauli a. d. Römer (1566) 487; an dieser gegend hatte die andAechtige vor-welt dem anfange aller dinge, nehmlich dem schOepfer der welt zu ehren ... eine dreyfache reye ... eich-bAeume gepflantzet Lohenstein
Arminius (1689) 1, 7
b;
so noch in neuerem sprachgebrauch mundartlich: wa n er (
der herrgott) d'wäld g'machd heed Friedli
bärndütsch 2, 11;
wie in philosophischer definition: welt ... '
die gesammtheit alles erschaffenen, alles gewordenen, werdenden und zukünftigen, erde und himmel, kurz alles dessen, was im unendlichen raume sich befindet; der gesammte ausflusz des göttlichen, allmächtigen willens' Krünitz
encycl. 238 (1856) 197; '
in der gegenüberstellung zu gott
bedeutet welt
die gesamte auszergöttliche wirklichkeit oder die schöpfung' W. Brugger
philos. wb. (
31950) 405.
in poetischer steigerung erscheint seit dem 18.
jh. gelegentlich die pluralische form, wohl ein ausdruck des neuen religiösen raumerlebnisses (
s. Chr. Junker
d. weltraumbild i. d. dt. lyrik [1932] 95
ff., germ. stud. 111,
und vgl. die neu aufkommende komposition mit dem gen. pl. weltenschöpfer Campe 5 [1811] 671): tausend heere lichter ballen loben meines schöpfers stärke; aller welten himmelskreise preisen seiner weisheit werke. meere, berge, wälder, klüfte, die sein wink herfürgebracht, sind posaunen seiner grösze, sind posaunen seiner pracht E. v. Kleist 1, 22
Sauer; weitere belege bei Junker
a. a. o. VI@A@22)
in formelhaften wendungen; die biblische vorstellung ist verblaszt. VI@A@2@aa)
in verbalen wendungen, welche VI@A@2@a@aα)
die länge einer groszen zeitdauer bezeichnen; solange die welt steht '
immer, ewig': wern alles menschee (!) sünde vnd die noch süllen gethon wern, die weyle die welt stet in einem menschen alleine Arigo
decamerone 25
lit. ver.; sed verbum dei manet, die weil die welt steht Luther
tischr. 2, 525
W.; es wird wol snd bleiben, so lang die welt stehet Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) C 4
a;
auch solange (seit) die welt steht (gestanden) '
schon immer'
bzw. '
noch nie': es sind so lang die welt gestanden, mehr nicht als nur drey gute weiber vber all zufinden gewest Moscherosch
gesichte (1650) 2, 291; das ist nicht geschehen, weil die welt stehet
questo non è occorso da che il mondo è mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1297
c; seit die welt steht, schlafen kammermädchen, bis die sonne scheint Immermann
w. 16, 223
Hempel; so habens die mädle und die weiber, so lang die welt steht O. Ludwig
ges. schr. 2 (1891) 17; sider as d'welt steht, isch so ebbs nit do gewän Follmann
lothr. 536;
als glied einer entrüsteten frage erhält die redensart die bedeutung '
jemals': 'talpasch! ... hat man je, solange die welt steht, auf diese weise einen wagen herausgezogen?'
kinder- u. hausmärchen (1843) 2, 415; ward, seit die welt steht, so etwas erlebt? H. v. Kleist
w. 2, 197
E. Schmidt; VI@A@2@a@bβ)
einen äuszersten, schlimmstmöglichen grenzfall angeben: geleyd halten hat got gepoten, das solt man haltenn, ob gleich die welt solt vntergehen Luther
adel 63
ndr.; ein Christ in furcht sol nimmer stehen, wen gleich die welt solt vntergehen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) B 8
b; und fiele die welt zusammen, aus ihren trümmern stiegen doch hervor meiner liebe flammen Heine
s. w. 1, 82
E.; insbesondere im irrealen vergleich: ob es sich gleich liesz sehen an, als ob die welt wolt undtergan, lasz du nur gott dez krieges walten! H. Sachs 1, 219
lit. ver.; es war ein gewitter, als wann die welt vergehen, zu grunde gehen wolte Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1315
a; m
er māint d
e wält geng onn
er!
wie stellt ihr euch an! Heinzerling-Reuter
Siegerl. 316;
ferner in der wendung: dō gē
at doch d
e wält net fā onn
er!
so schlimm ist die sache doch nicht! ebda.; und: deswege
n fällt d
ie welt (no
ch lang) net ei
n! Fischer
schwäb. 6, 1, 669.
vereinzelt auch als ausruf der verwunderung: nu steiht de welt nich mehr! Mensing
schlesw.-holst. 5, 589. VI@A@2@bb) gott und die (alle) welt '
alles'.
in dieser zweipoligen formel sind schöpfer und schöpfung zum ausdruck der ganzheit zusammengefaszt: noch musz ich etwas von seinen ersten vorstellungen, die er sich ebenfalls ohngefähr im zehnten jahre von gott und der welt machte, sagen K. Ph. Moritz
Anton Reiser 31
lit. denkm.; diese totale hypochondrie, die ... mit gott und aller welt so bitterlich unzufrieden ist Ruge
s. w. (1847) 2, 122; wir könnten nach langer unterbrechung einmal wieder gott und die welt nachdenklich besprechen (18. 11. 1884) graf Yorck in:
briefw. zw. Wilh. Dilthey u. d. Grafen Paul Yorck v. Wartenburg (1923) 253; gleichwohl spielten viele erwägungen ... mit, im grunde genommen ... die ganze deutsche politik, krieg und frieden, geld und herkunft, gott und die welt A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 258. VI@A@2@cc)
wohl aus antiker, nicht christlicher anschauung erwachsen sind metaphorische wendungen wie auge der welt '
sonne' (
vgl.weltauge): sunna ... ouga dero uuerlte
mundanus ... oculus Notker 1, 833, 15
Piper; so vor allem als dekorative formel der barockdichtung (
s. auch Junker
d. weltraumbild i. d. dt. lyrik [1932] 26): das auge dieser welt schlAefft itzt ein und lAesst uns in der demmerung geruhet seyn; wenn PhOebus in die see mit stiller rOehte fAellt ... Treuer
Dädalus (1675) 1, 8; das auge der welt stieg gleich an dem blauen morgen-ecke des himmels auff seinen vergldeten wagen empor Lohenstein
Arminius (1689) 1, 36
b;
daneben auch licht (fackel, feuer) der welt: daz oberosta fiur ... tirro uuerlte Notker 1, 809, 25
Piper; des mons vnd der sonnen ... diser zweyen grossen vnd wunderbaren feuerigen zundfackeln der gantzen welt
M. Sebiz
feldbau (1580) 46; wie die sonn das liecht der welt ist, so sind die augen desz menschen liecht Lehman
floril. polit. (1662) 1, 62; durchs rothe morgen-thor der heitern sternen-bühne naht das verklärte licht der welt A. v. Haller
ged. 3
Hirzel; wo ist hin die sonne, das licht der welt? maler Müller
w. (1811) 1, 34;
vereinzelt herrscher der welt: und die ewigen bahnen lächelnd über uns hin zögen die herrscher der welt, sonne und mond und sterne Hölderlin
s. w. 2, 41
Hell. VI@BB.
teilbereich der schöpfung. VI@B@11)
zuweilen umfaszt welt
nicht den ganzen schöpfungsbegriff, sei es nun, dasz der himmel oder die geschöpfe auf der erde nicht mit einbezogen werden: der doch die himel alle und die werelt ouch geschûf
erlösung 1435
Maurer; der gnädigste gott ... hat mit dem kleinen werkzeug 'fiat' die grosze welt erschaffen und in der welt unterschiedliche geschöpf Abr. a
s. Clara
w. 2, 180
Strigl; so schreitet in dem engen breterhaus den ganzen kreis der schöpfung aus und wandelt mit bedächt'ger schnelle vom himmel durch die welt zur hölle Göthe I 14, 16
W.; nach der schöpfung der natur tritt der mensch auf, und er bildet den gegensatz zu der natürlichen welt; er ist das wesen, das sich in die zweite welt erhebt ... des geistes Hegel
philos. d. weltgesch. 1 (1944) 27
Lasson; hierzu auch die äuszerung Spranger
s: die welt im engeren sinne, als geschaffene, an die materie gebundene, heiszt natur
Goethes weltanschauung 27
insel. VI@B@22)
in älterem sprachgebrauch finden sich vereinzelt besondere fügungen, vor allem untere welt '
hölle',
vgl.unterwelt: da nAehmlich das oberste feuer ... herab fallen und die gantze obere und untere welt zerschmAeltzen wird Zesen
rosenmând (1651) 13; sey gegrüszt, abscheulicher ort, sey gegrüszt, unterste welt, und du, tiefeste hölle, empfange deinen neuen einwohner (
so begrüszt Satan die hölle) Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 16,
vgl. dazu: von dem ursprung der finstern welt oder hölle, in welcher die teufel wohnen Jac. Böhme
s. w. 5, 11
Schiebler. VIIVII.
makrokosmos (1); (
system von)
himmelskörper(
n)(2). VII@11)
makrokosmos, universum, all. erst in spätmittelalterlicher überlieferung erscheint welt
eindeutig als bezeichnung des makrokosmos, offenbar ein reflex der im 14.
und 15.
jh. auf arab. bzw. antikem ideengrunde erblühenden sternkunde (
s. einl. zu Konrad v. Megenberg
dt. sphaera xii
ff. Matthaei, ferner Hellquist [
31948] 1396).
der in der neuzeit mit welt '
makrokosmos'
verbundene erweiterte begriffsgehalt, das moderne weltraumbild, formte sich seit dem 16.
jh., seit Kopernikus und Giordano Bruno (
s. Chr. Junker
d. weltraumbild i. d. dt. lyrik [1932] 10
f., germ. stud. 111);
es fand einen gesteigerten ausdruck in der komposition weltall (
s. dort),
die heute das grundwort in dieser bedeutung weitgehend verdrängt hat: daz ertreich ... ist reht als ain gemainer mittel punct aller werlt Konrad v. Megenberg
dt. sphaera 7
Matthaei (
vgl. die abbildung ebda. 6); werlt
macrocosmus voc. rer. (15.
jh., obd.)
bei Diefenbach
gloss. 342; nach welcher begierde, alle kometen, gegen der sonnen, als dem centro der welt (wofür dieser author dieselbe, mit dem Copernico, achtet) und gegen denen planeten-kreisen, als den umstrichen oder umkreisen solches centri, eine natrliche neigung tragen E. Francisci
lust-haus (1676) 1261; dasz die welt aus vielen groszen welt-cOerpern zusammengesetzt sey, wird niemand in zweiffel ziehen Chr. Wolff
anm. üb. vern. ged. v. gott (1724) 249; mein ritter, tief' und höhe, das weltall hast du mir (
Faust) gezeigt — doch glaube, so klein der mensch ist, gröszer ist er als die welt, — er ist unendlich stark Grabbe
s. w. 2, 105
Bl.; welt
weltall, himmelsraum Bacher
Lusern 225.
häufiger in der verbindung grosze welt,
als wiedergabe von makrokosmos:
macrocosmus grosz wernt
voc. rer. (15.
jh., md.)
bei Diefenbach
gloss. 342; wann sie (
eine tanzlustige frau) sihet wie ordenlich recht inn einander schicken sich die gestirnzircul vmb die erd, da wird sie denken: sih, hie lehrt die gros welt vns als die klein welt, wie man sich jr gleichmAesig hAellt Fischart
w. 3, 178
Hauffen; mit dem geiste der groszen welt, der sterne und elementa Jac. Böhme
s. w. 3, 85
Schiebler; physik und chemie, himmels- und erdbeschreibung, naturgeschichte und anatomie ... hatte ... uns immer auf die geschmückte grosze welt hingewiesen, und wir hätten gern von sonnen und sternen, von planeten und monden, von bergen, thälern, flüssen und meeren und von allem, was darin lebt und webt, das nähere ... erfahren Göthe I 28, 70
W.; bei Kepler
findet sich für '
makrokosmos'
die bezeichnung obere welt,
die allerdings nicht die erde, die niedere welt,
mit einschlieszt (
s. K. Glaser
d. dt. astron. fachspr. Keplers [1935] 20): in hoffnung, alda die von ir (
der geometrie) mir auffgetragne raittungen, betreffend alle theil ires gebiets in der obern vnd nidern welt, mit mehrer ruhe ... zu volführen (1616)
opera 5, 498
Frisch (
weinvisierbüchl.). VII@22) '
ein himmelskörper, und in weiterer bedeutung, ein system in einander gegründeter himmelskörper' (Adelung 5 [1786] 160).
die popularisierung der astronomischen erkenntnis von der vielheit der himmelskörper (
weltsysteme)
im 18.
jh., welche die erde in kosmischer nachbarschaft mit vielen anderen gestirnen sehen lehrte, liesz die unika erde (
s. teil 3, 751)
und welt '
terra'
nun gelegentlich als appellativa, im sinne von '
himmelskörper, gestirn',
erscheinen: die andern erden schliesz' ich weder aus noch ein. es kann ja beydes möglich seyn. sind die bewohner jener welten auch etwa, durch uns gleiche thaten, in gleichen stand mit uns gerahten, so würde Christus tod auch ihnen gelten Brockes
ird. vergn. 1 (1744) 436; ja sogar, dasz Gordanus Brunus dafür hält, es seyen der sternen unendlich viel und folglich auch unendlich viel welten Daniel Schneider
allg. bibl. lex. 3 (1731) 316
a; einwohner in planeten setzen, eh man aus sichern gründen schlieszt, dasz wein in den planeten ist: das heiszt zu früh bevölkern. freund, bringe nur zuerst aufs reine, dasz in den neuen welten weine wie in der, die wir kennen, sind Lessing 1, 75
L.-M. (
planetenbewohner); was die erde an ihrem hohen rang verloren, ward ihr gleichsam hier durch gesellschaft ersetzt, und für menschen, die sich gern mittheilen, war es ein angenehmer gedanke, früher oder später einen besuch auf den umliegenden welten abzustatten Göthe II 4, 119
W.; die fixsterne, wie wir wissen, beziehen sich alle auf einen gemeinschaftlichen plan und machen dadurch ein zusammengeordnetes ganze, welches eine welt von welten ist Kant
w. 8 (1838) 259
H.; das weltall zerfällt in unendliche, immer von gröszern welten wieder befaszte welten Novalis
schr. 4, 231
Minor; es giebt unendliche welten an zahl und ausdehnung Lange
materialismus (1866) 7; es gibt leute, die haben grosze fernrohre auf hohen bergen stehen, wie baumstämme so lang, und schlafen wie die bäcker blosz am tage; bei nacht stehen sie vor den rohren und messen und rechnen und füllen bücher mit zahlen und photographieren den himmel und gehen mit welten um wie die kinder mit bällen L. Finckh
Rapunzel (1910) 63; neben diesen untersuchungen ... verfolgt die sternkunde die aufgabe, die durch spektralanalyse und photometrie, also durch lichtzerlegung und lichtmessung ermittelten physikalischen zustände auf den fernen welten zu erklären ... ferner gilt es, diese verschiedenen zustände, in denen man die die welten aufbauende materie antrifft, zu einem einheitlichen bild über den entwicklungsgang der sterne zusammen zu fassen Weber in:
sachwb. d. dt.-kde. (1930) 1156
s. v. sternkunde. VIIIVIII.
in sich geschlossener bezirk verschiedener art, der in seiner eigenständigkeit und eigengesetzlichkeit gleichsam ein all im kleinen darstellt (
vgl.weltall 2 c
β). VIII@11) die kleine welt '
der mikrokosmos, der mensch'.
die vorstellung des menschen als mikrokosmos, als welt ('
makrokosmos')
im kleinen, ist im Orient erwachsen und von Persien über Griechenland nach Europa getragen worden (
s. A. Götze
pers. weisheit i. griech. gewande, zeitschr. f. indologie und iranistik 2 [1923] 82
sowie die belege bei Kirchner-Michaelis
wb. d. philos. grundbegr. [
61911] 543
und Eisler
wb. d. philos. begr. [
31910] 798
f. unter mikrokosmos).
als wiedergabe von microcosmus ('
anthropus')
erscheint im dt. seit dem 14.
jh. die kleine (mindere) welt: die minner werlt, daz ist der mensch Frauenlob
leiche, sprüche 437, 8
Ettmüller; die klain werlt ist der mensch, dar mb daz er aller ding aigenhait an im hat die in der grozzen werlt sein Konrad v. Megenberg
dt. sphaera 16, 10
Matthaei; microcosmus minderwelt als der mensch
voc. theut. (
Nürnberg 1482)
bei Diefenbach
gloss. 360; der mensch ist von himel vnd erd, von geyst vnd fleysch zusamen gesetzt, ja von feur vnd von wasser gar ein seltzam gemAecht, also dasz er drumb microcosmos, die kleiner welt wirt genant
schöne weise klugreden (1548) 57
a; dise proportion der dritten region des elements des luffts vergleicht sich in der kleinen welt, das ist im menschen, dem haupt Ryff
distillirbuch (1567) 2
b; daher der mensch heiszt die klein welt, weil er die grosz welt in sich hält Fischart
w. 1, 371
Hauffen; Paulus ist ein freund der welt, aber nur der kleinen welt, wann er sein geliebtes lieb fest umarmt beschlossen hält Logau
sinnged. 551
lit. ver. (
über die verwendung dieser umschreibung bei Logau
und in der barockliteratur vgl. Paul Hempel
die kunst Friedrichs v. Logau [1917] 209
f.); der mensch, die kleine welt, erweiset in gebAerden, dasz er sich auf der erden mit himmels-leben unter hAelt Chr. Weise
polit. redner (1679) 362; nur der mensch, die kleine welt, will der groszen widerstreben Gottsched
ged. (1751) 1, 275; ... aus welchem teig von trug und heuchelei und stolz die kleine welt, der mensch, geknetet sey Thümmel
s. w. 3 (1853) 80; auch hier in dieser kleinen welt, wie man den menschen nicht ganz unrecht nennt, hat sie (
die natur) ... jedem seinen gehörigen platz angewiesen (
um 1780) Möser
s. w. 4 (1842) 43;
so noch gelegentlich in neuerem sprachgebrauch, jedoch meist in freierer, von der alten formel abweichender anwendung: die individuen als solche sind schlechthin getrennte und für sich bestehende einzelne welten (1810) Fichte
s. w. (1845) 2, 606; ihre (
anrede) kinder werden ihnen nun mehr werden als sie bisher waren, nicht blos als bleibende unterpfänder seiner liebe, auch als kleine welten, die in sich wachsen und ihnen bald lebensgefühl in fülle wieder einhauchen werden (4. 7. 1875) Rud. Hildebrand
br. 228
Wocke; eine ... schaar ungewöhnlicher menschen, scharf ausgeprägte, eigensinnige naturen, jeder eine kleine welt für sich selber ... zu selbständig und gedankenreich, um kurzweg zu gehorchen Treitschke
dt. gesch. 1 (1897) 270; den menschen, den du hingesetzt zur lust, ein zweck, ein selbst, im weltall eine welt — gebaut hast du ihn als ein wunderwerk Grillparzer
s. w. 6, 137
Sauer; vereinzelt wird auch umgekehrt der makrokosmos als groszer mensch
bezeichnet: und wann du diesen groszen menschen, die welt ansiehst, was läst darinnen ungereiset? die sonne umgehet den erdenkreis alle tage; der monde und der gantze pöfel des gestirnes haben ihre wanderschaft Opitz
schäferey v. d. nimfen Hercinie, bei Junker
weltraumbild (1932) 31. VIII@22)
auch sonst für ganzheiten verschiedener art, die als kleine welten
aufgefaszt und bezeichnet werden (
vgl. darüber Hildebrand
ged. üb. gott [1910] 88: '
wie anderseits auch die welt
als ganzes reihenweis abwärts vertreten ist durch die kleineren und immer kleineren ganzen, die denn auch die sprache vielfach als welt
bezeichnet'). VIII@2@aa) kleine welt, welt im kleinen;
zufrühest meist als charakterisierendes prädikativum; diese anwendung erwächst also offenbar aus einem urteilenden vergleich: gold ist microcosmus, eine kleine welt ... hat inn sich alle sternen desz himmels vnd alle kräuter der erden Mart. Rulandus
lex. alch. (1612) 93; alse ist mens eine kleine in einen punct begriffene welt Leibniz
dt. schr. 1, 282
G.; wir denken uns also das abgeschlossene thier als eine kleine welt Göthe II 8, 17
W.; die sprache, sagte Heinrich, ist wirklich eine kleine welt in zeichen und tönen Novalis
schr. (
41826) 1, 113
Tieck-Schlegel; bald auch als direkte metaphorische bezeichnung nachweisbar: diese bewundernswürdige welt im kleinen, von unendlich mannichfaltiger schönheit; unendliche arten gewächse, millionen verschiedne bewohner (
der kleinen welt im gras) Gessner
schr. 1 (1777) 108; der mond schien so hell in die kleine wimmelnde welt (
die mäusestadt), dasz es eine lust war hinein zu schauen Brentano
ges. schr. (1852) 5, 173; die idee der mittelalterigen [!] zunft läszt sich nicht trennen von der idee der mittelalterigen stadtgemeinde ... die stadt beschlosz eine kleine welt W. H. Riehl
deutsche arbeit (1861) 41; er gehört zur familie, und wenn er geht, wird die ganze kleine welt auseinanderfallen Wiechert
wälder u. menschen (1936) 165. VIII@2@bb)
mit bestimmungsergänzungen anderer art; auch hier vorwiegend prädikativ gebraucht: beschränkt von diesem bücherhauf, den würme nagen, staub bedeckt, den, bis an's hohe gewölb' hinauf, ein angeraucht papier umsteckt; mit gläsern, büchern rings umstellt, mit instrumenten vollgepfropft, urväter hausrath drein gestopft — das ist deine welt! das heiszt eine welt! Göthe I 14, 29
W.; eine welt ist jeder von euch (
eichbäume), wie die sterne des himmels lebt ihr, jeder ein gott, in freiem bunde zusammen Hölderlin
s. w. 2, 22
Hell.; jede monade ist eine welt für sich Lange
materialismus (1866) 218; ein bauernhof, das ist eine welt Burte
Wiltfeber (1912) 83; wie alle gruppen des Rodinschen werkes war auch diese in sich selbst verschlossen, eine eigene welt, ein ganzes Rilke
ges. w. (1927) 4, 362;
jedoch gelegentlich auch sonst nachweisbar: vnnd ist also in dem wasser zuerkennen ein sondere welt Paracelsus
opera (1616) 2, 11; kenne ich doch die welt von leben nicht, die ich meinen körper nenne Herder 15, 290
S.; jetzo, als wollt es mit macht durchreissen die kette des tanzes, schwingt sich ein holdes paar dort in den dichtesten reihn. schnell vor ihm her entsteht ihm die bahn, die hinter ihm schwindet, wie durch magische hand öfnet (!) und schlieszt sich der weg. sieh! jetzt schwand es dem blick, in wildem gewirr durch einander stürzt der zierliche bau dieser beweglichen welt Schiller 11, 41
G. (
der tanz); dem sonst gefügigen enkel aber war nur das eine bewuszt, dasz dieser sonntag die dult beendete; nach mitternacht würde die ganze schillernde, schrill-jubilierende welt in die winde zerfliegen Carossa
arzt Gion (1932) 102; wenn er (
der gepflegte park) ein wenig sich selbst überlassen ... wäre, ... wäre der wildnis und dem gedanken des todes der zutritt in diese vornehm schöne welt gestattet H. Hesse
späte prosa (1951) 56; man sieht von hier aus ... das ganze, sämtliche Alpen ... eine starre, klare, kalte, fremde, ja bittere und drohende welt aus fels und eis
ebda. 66. IXIX.
die ganzheit eines geistigen (
oder halbkonkreten)
bereiches. IX@AA.
subjektimmanent. IX@A@11)
die gesamtheit der bewusztseinsinhalte; in dieser anwendung erscheint welt
meist mit bestimmungsergänzungen verschiedener art verbunden, in neuerer zeit auch mit verdeutlichendem ersten kompositionsglied; begriffs-, gefühls-, ideen-
und vorstellungswelt;
in jede der von den bestimmungsgliedern angedeuteten beziehungsrichtungen kann die besondere meinung des sprechers zielen. diese '
verinnerlichte'
anwendung des wortes welt,
die beziehung auf seelisches, geschieht offenbar zuerst im sprachgebrauch der mystik: weles ist nu die welt in uns? das ist die wise, die wúrkunge, die inbildunge der welte Tauler
pred. 72
Vetter; sie ist jedoch erst seit dem 18.
jh. allgemein üblich: unsers erachtens kömmt auf den horizont der kinder, auf die kleine welt ihrer begriffe ... alles an Gerstenberg
recensionen 275
lit. denkm.; sie (
die muttersprache) druckte sich uns zuerst und in den zartesten jahren ein, da wir mittelst worte in unsre seele die welt von begriffen und bildern sammleten, die dem dichter eine schazzkammer wird Herder 1, 400
S.; der epische dichter reicht mit der welt, die er in sich hat, nicht aus, er musz in keinem gemeinen grad mit der welt auszer ihm bekannt und bewandert seyn (28. 11. 1791) Schiller
br. 3, 169
Jonas; Albano's brust war mit einer neuen welt gefüllt Jean Paul
s. w. 21 (1827) 41
Reimer; da weckte jeder hauch die innre welt der erinnerungen auf G. H. v. Schubert
morgenland 1 (1838) 313; wir haben bekanntlich nur unsere empfindungen, aus diesen bilden wir unsere vorstellungen, deren gesamtheit wir die welt nennen Paul Ernst
tageb. e. dichters (1934) 13. IX@A@22)
anwendungen besonderer art. IX@A@2@aa)
gelegentlich bezieht sich welt
insonderheit auf das individuell erworbene, persönliche weltbild; es tritt dann in der regel (
als akkusativobjekt)
neben einer dativischen bestimmungsergänzung auf oder in verbindung mit einem possessiven beiwort: ein jeder macht sich ... eine welt nach seiner idee Fr. C. v. Moser
beherzigungen (1761) 19; was dir (
dem menschen) die natur gab, hat sie mir (
dem raubvogel) versaget. von deinem tastenden gefühl, von deiner über und über empfindlichen oberfläche, von deinem munde, deinem gaum weisz ich nichts ...; blick und geruch schaffen mir eine welt; für sie bin ich gebildet Herder 22, 81
S.; ich ahnte auch jetzt noch nicht, wie schlechthin entscheidend für mich der geistige einflusz ... der persönlichkeit werden sollte ..., die hier ... zum ersten mal in meine werdende welt trat E. Mühsam
namen u. menschen (1949) 37;
oder auch auf die gesamtheit eines phantasiemäszig erwachsenen, der wirklichkeit nicht oder nicht ganz adäquaten vorstellungskreises (
vgl. die komposita phantasiewelt, traumwelt): so haben vorzügliche geister öfters die eigenheit, eine art scheu vor dem wirklichen leben zu empfinden, sich in sich selbst zurückzuziehen, in sich selbst eine eigene welt zu erschaffen Göthe I 46, 20
W.; seine innere welt steht weit abgerissen neben der äuszern, er kann von keiner in die andre, die äuszere ist nur der trabant und nebenplanet der innern Jean Paul
w. 1, 219
Hempel; weil sie stets allein gewesen war, hatte sie auch allein ihre welt gebaut Stifter
s. w. 3 (1911) 234; meine mit dem zeitlichen leben so wenig zusammenhängende welt war in der junggesellenstube allen winden preisgegeben (8. 1. 1902) Rilke
br. 1899 -1902 (1931) 141. IX@A@2@bb)
neben der anwendung für die gesamtheit der bewusztseinsinhalte erscheint in neuerem sprachgebrauch gelegentlich die beziehung auf den seelischen bereich als solchen, jedoch fast ausschlieszlich in der verbindung innere welt: wann deine (
der schönen) wimper neidisch fällt, dann musz in deiner innern welt ein lichter traum beginnen: dein auge strahlt nach innen Uhland
ged. 2130; naturen ..., welche sich stets als zwei wesen fühlen und in ihrer kleinen inneren welt den streit himmlischer und irdischer kräfte führen Justi
Winckelmann 1 (1866) 58; jetzt muszte er (
Hans Unwirrsch) sich mit der unordnung und verwirrung, die in der welt seines innern herrschten, beschäftigen W. Raabe
hungerpastor (1864) 3, 23;
hinzu treten ferner einzelanwendungen im sinne von '
seelisches erkenntnis- u. darstellungsvermögen': sieh, lieber, was doch alles schreibens anfang und ende ist, die reproducktion der welt um mich durch die innre welt, die alles packt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigner form, manier wieder hinstellt (21. 8. 1774) Göthe IV 2, 187
W.; oder '
seele'
schlechthin: diesz bild, die blosze mordthat des gehirns, regt meine innre welt so heftig auf Schiller 13, 20
G. (
my thought, whose murder yet is but fantastical, shakes so my single state of man Shakespeare
Macbeth 1, 3). IX@BB.
objektiv. IX@B@11)
wie lat. mundus
wird welt
auch auf die überirdische, dem diesseits gegenüberstehende sphäre des jenseits bezogen; vor allem in fügungen wie jene (andere, bessere, ewige, höhere, künftige
etc.) welt: in andirro uuerlte skînet iro hêiligheît Notker 2, 393, 7
Piper (
vgl. auch ebda. 1, 840, 19:
intellectualis mundi presules deos ... dîe flihtkota dero unanasihtigûn uuerlte); Marie aber den besten tail mit irem leben hat erwelt bedú ze dirre und enre welt
d. sœlden hort 8252
Adrian; wie nu ein federlin gegen einem pfund nichts ist, also ist auch dieser zeit leiden gegen der herrligkeit jener welt nichts Jac. Gretter
erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 487; o hofnung, hofnung, dem himmel nah, vorschmack der künftigen welt! hier schon hebest du meine seele über ihrer jetzigen endlichkeit schranken! Klopstock
oden 1, 141
Muncker-Pawel; man besinnt sich nun genauer auf den unbekannten, ... bis es ... klar wird, dasz es ein bewohner der höhern welt gewesen sei Novalis
schr. 4, 100
Minor; die ewige welt, in deren widerschein wir jetzt und hier stehen Karl Barth
Römerbr. (1926) 77;
es ist insonderheit die daseinssphäre der toten, der seelen nach dem tode des dem zeitlichen verhafteten körpers: er ... gehört inn die ander welt, der tod sicht jm schon zu den augen heraus Fischart
w. 3, 311
Hauffen; denn wie ihre reine seele ... in einer ander- viel herrlichern welt ietzt ihre wohnung hat; also verdienet auch ihr heiliger leib, dasz er in der heiligsten erde Deutschlands sein begrAebns erlange Lohenstein
Arminius (1689) 1, 16
b; handlungen, deren sich selbst belohnendes bewusztseyn mir in eine bessere welt, den unvergänlichen (!) wohnplaz der tugendhaften seelen, folgen wird Wieland
Agathon (1766) 1, 369; es fliegt die frey gewordne seele frohlockend bessern welten zu (
hier und gelegentlich auch sonst in dichterischer steigerung pluralisch auftretend) Cronegk
schr. 1 (1761) 336.
hieran schlieszen mehr oder weniger formelhafte verbalwendungen wie in die andere (jene) welt fahren, kommen, reisen
u. ä. für '
sterben': dis gedenkent als ir koment an en welt Tauler
pred. 288, 16
Vetter; ich frölich zuo der andern welt faren (
werde) Arigo
decamerone 119
lit. ver.; das er bald darauf seinen spieszgesellen in die andere welt ohne erben nachgesegelt Brandis
ehrenkräntzel (1678) 1, 87; jn die andere welt reisen
das ist sterben Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 1045; an seiner statt ward CAelestin erwAehlet, der aber in einigen monaten dem Gregorius in die andere welt folgte
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 44; in der anderen (jener) welt sein '
tot sein': darvmb man spricht ... das mere dann hundert tausent menschen inerhalb der mauern der stat Florencz von dem lebenn zuo dem tode genomen warn ... die des ... abencz mitt iren guoten freunden ze tische sassen, darnach an dem andern morgenn in der andern welt mit iren vodern waren Arigo
decamerone 8
lit. ver.; der vater musz voran! er musz schon in jener welt seyn, wenn der geist seiner tochter unter tausend seufzern ihm nachzieht. drum stirb, verräther! Lessing 2, 296
L.-M.; in die andere welt (be-)fördern, schicken, versetzen
u. dgl. für '
töten': die ... flucht ..., woran sie zwar noch zwey ... wAechter hindern wolten, aber zur straffe in die andere welt verwiesen wurden Lohenstein
Arminius 2 (1690) 1522
b; ich wrde ihn ganz gewiss durch einen stoss mit meinem degen in die andere welt versetzt haben
neue sammlung v. schauspielen (1764) 3
Pamela 14; selbst in dem dickköpfigen Deutschland befördert die gerechtigkeit ... keinen in die andere welt, dem sie nicht eine henkersmahlzeit mit auf den weg giebt Thümmel
reise 5 (1794) 21; auch brachte er (
der französische fechtmeister) dem Deutschen wohl einige stösze bei, die ihn aber selbst, wenn es ernst gewesen wäre, in die andre welt geschickt hätten Göthe I 26, 232
W.; gelegentlich werden die irdische und überirdische sphäre, diesseits und jenseits, als die zwei (beiden) welten
bezeichnet: es sind zwo welt Mathesius
leychpred. 1 (1569) 42
a; so wird aus der blume von Eden, aus der himmlischen creatur ein gemeiner, ein ganz gewöhnlicher mensch, der sogenannte bürger zweier welten, ein sehr zweideutiges geschöpf Goltz
buch d. kindheit (1847) 6; Goethe ... wuszte von Herder, von dem er den ausdruck annahm, dasz wir zwischen zweien welten wandeln und unsern pfad durchs dickicht zu suchen haben (1887) Hildebrand
ged. üb. gott (1910) 26;
hieran schlieszt als einzelanwendung besonderer art: ich trotze der verdammnisz ... ich schlage beyde welten (
das zeitliche u. ewige leben, das diesseits u. jenseits) in die schanze, mag kommen, was da kommt! (
I dare damnation. to this point I stand, that both the worlds I give to negligence, let come what comes)
Shakespeare 3 (1798) 302. IX@B@22)
in neuerer zeit, wohl zunächst im sprachgebrauch der philosophischen und popularphilosophischen schriftsteller des 18.
jhs., wird welt
auch für andere transzendente sphären und auszerhalb sinnesmäsziger erfahrung liegende bereiche verschiedener art üblich: kräfte, die in der geistigen welt das sind, was in der körperlichen welt anziehung und zurückstoszung seyn möchten Herder 15, 305
S.; sein (
des einzelnen) charakter so wie der charakter seines wirkens geht aus der wechselwirkung mit der ganzen welt der freiheit hervor Fichte
s. w. (1845) 2, 144; durch geschichte, philosophie und die classischen studien erwerben wir uns kenntnisz der intellectuellen welt, der gesetze des forschens und denkens, der geistigen natur des menschen Liebig
chem. br. (1844) 5; damals berührte Luther sich zuerst mit der humanistischen theologie, aber er empfand mit groszer sicherheit die andere welt K. Brandi
reformation (1927) 70. IX@B@33)
für (
beiwörtlich oder durch sonstige bestimmungsergänzungen näher charakterisierte)
bereiche halbkonkreter art: in ansehung der abzubildenden sachen und begebenheiten überhaupt hat die numismatische welt der alten vor der unsern grosze vorzüge Herder 3, 402
S.; man kann die franzOesische revoluzion als ... eine ... überschwemmung in der politischen welt (
betrachten) Fr. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 2, 133; ein diner ohne Chartreuse sei die höchste unvollkommenheit in der kulinarischen welt
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 236;
in dichterischer freiheit auch: es (
Blüchers gesicht) hatte zwei verschiedene welten, die selbst bei scherz und spasz ... ihre farben nicht wechselten: auf stirn, nase und in den augen konnten götter wohnen; um kinn und mund trieben die gewöhnlichen sterblichen ihr wesen Arndt
ausgew. w. 1, 110
Rösch. IX@B@44)
besondere anwendungen der neueren zeit. IX@B@4@aa) '
der erkenntnis erschlossener geistiger bereich, wissenskreis'
u. dgl.; so nur vereinzelt nachweisbar: mich dünkt, wir gehen einer neuen welt von kenntnissen entgegen, wenn sich die beobachtungen, die Boile, Börhave ...
u. a. über hitze und kälte, elektricität und luftarten, samt andern chemischen wesen und ihren einflüssen ins erd- und pflanzenreich, in thiere und menschen gemacht haben, zu einem natursystem sammlen werden Herder 13, 31
S.; sucht dann die jugend den zugang zur geistigen welt durch andere organe Spranger
psychologie d. jugendalters (1925) 278; eines tages kam ein neuer lehrmeister von St. Gallen herüber, bracht' eine neue welt
qu. a. d. j. 1933;
als titel einer dreibändigen buchreihe (1.
bd. geogr. völkerkde., 2.
bd. Brehms tierleben, 3.
bd. unsere pflanzenwelt)
findet sich: die welt des wissens; menschen — tiere — pflanzen (
Berlin 1952). IX@B@4@bb)
durch eine einzelwissenschaft gewonnenes weltbild (
im gegensatz zu dem '
durch individuelle erfahrung erworbenen persönlichen weltbild',
s. o. unter A 2 a): die welt der physikalischen wissenschaft, oder das physikalische weltbild; diese welt ist ... eine bewuszte, einem bestimmten zweck dienende schöpfung des menschlichen geistes Max Planck
das weltbild der neuen physik (
111952) 10. IX@B@4@cc)
gedankliches (
welt-)
system: gedanken groszer genien, deren einer oft eine neue welt von ansichten giebt Herder 23, 4
S.; sie (
Göthe) haben ein königreich zu regieren, ich nur eine etwas zahlreiche familie von begriffen, die ich herzlich gern zu einer kleinen welt erweitern möchte (31. 8. 1794) Schiller
br. 3, 481
Jonas; und so ist, ehe man es sich versieht, eine welt fertig (
im hirn des philosophen) Joh. Gottfr. Bremser
medizin. parömien (1806) 119. IX@B@4@dd)
das zeichensystem der sprache (
vgl. auch Novalis
unter VIII 2 a): dass die sprache nicht bloss ein austauschungsmittel zu gegenseitigem verständniss, sondern eine wahre welt ist, welche der geist zwischen sich und die gegenstände durch die innere arbeit seiner kraft setzen muss (1830—35) W. v. Humboldt
ges. schr. 7, 1, 176
akad.; diese (
die worte) bilden bei allen verschiedenheiten doch eine gemeinsame welt, eben die des zeichens, deren erforschung als eines ganzen noch darniederliegt Jost Trier
d. dt. wortschatz i. sinnbez. d. verstandes (1931) 5. IX@B@4@ee)
die scheinwelt der kunst (
vgl.kunstwelt teil 5, 2735 [2]);
als schöpfung des künstlers: er (
Homer) schafft eine welt Ramler
einleitg. 2 (1756) 153; es ist dem menschen eingeboren, dasz er neben die wirkliche welt eine zweite, unwirkliche zu setzen trachtet, sein eigenes werk: ein bloszer schein, ein symbol nur, dem menschen ganz nutzlos und doch von höchstem wert Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 3; baumeister der welt. Balzac, Dickens, Dostojewski, Hölderlin, Kleist, Nietzsche, Casanova, Stendhal, Tolstoij St. Zweig (1951)
titel; aber auch als eigenständiges, von besonderen ordnungsprinzipien bestimmtes gebilde, als ein bereich eigener gesetzlichkeit: der mythos erscheint nunmehr gleich ... der kunst als eine selbständige, in sich geschlossene 'welt', die ... in ihrer immanenten strukturgesetzlichkeit begriffen werden soll E. Cassirer
philos. d. symbol. formen 2 (1925) 6
f.; diese welt (
der kunst), in der kein grauer alltag ist, in der immer die gefühle voll und lebendig strömen W. v. Scholz
erz. (1924) 34;
ein bereich, zu dem freilich der kunstgenieszende zugang hat (
vgl.welt '
sphäre geistigen lebens' [IV B 3]): so bald man hingegen den Virgil aufschlAegt, merckt man, dasz man in eine erleuchtete welt kOemmt Ramler
einleitg. 2 (1756) 187; und innerhalb der räume seht ihr walten der zeit, dem ort gewidmete gestalten, tagtäglich führt man euch zu andrer welt Göthe I 13, 119
W.; es begreift sich von selbst, dasz die in die welt der poesie, der sage und geschichte immer tiefer und breiter eingeführte gesellschaft ... sich an den stereotypen tafelrundromanen allmählich sättigen ... muszte Gervinus
dt. dichtg. 52, 52; mit dem ersten finale finden wir uns jetzt zu unserem gröszten erstaunen in einer ganz neuen welt O. Jahn
Mozart (1856) 4, 604;
und der sich dem betrachtenden erschlieszt: diese wenigen blicke, die ich in Shakespears welt gethan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in der wirklichen welt schnellere fortschritte vorwärts zu thun Göthe I 21, 310
W., ähnlich ebda. 21, 290; um in dunkler einsamkeit die wunderbare welt eines ritterstückes ... an mir vorüberziehen zu sehen Laube
ges. schr. (1875) 1, 26; wer den betreffenden erlebniskreis nicht andeutungsweise in sich trägt, dem bleibt die geistige welt stumm. für ihn sind weder denkmäler noch worte noch kunstwerke verständlich, sondern er fühlt sich einem gesetzlosen chaos gegenüber Spranger
begabung u. studium (1917) 23. XX.
die gesamtheit der sinnlich und geistig erfaszbaren erscheinungen und sachverhalte, der physischen und geistigen wirklichkeit. erst in neuerer zeit tritt welt
mit diesem erweiterten begriffsumfang auf, allerdings im wesentlichen auf philosophischen sprachgebrauch beschränkt: welt begreift die physische und psychische natur in sich Hegel
philos. d. weltgesch. 1 (1944) 27
Lasson; dazu kommt, dasz das ganze der erlebniswirklichkeit, die 'welt', an umfang das menschenleben ... unendlich übertrifft Cohn
voraussetzungen und ziele des erkennens (1908) 504; welt ... erkenntnistheoretisch der inbegriff der vom subjekt bestimmten, aber objektiv bestehenden erscheinungen (die sog. auszenwelt) und der bereich unmittelbarer erlebnisse (innenwelt)
d. gr. Brockhaus 20 (1935) 159;
häufig im bereich der sprachphilosophie: jede sprache ... in jedem ihrer zustände bildet das ganze einer weltansicht, indem sie ausdruck für alle vorstellungen enthält, welche die nation sich von der welt macht (
ca. 1825) W. v. Humboldt
ges. schr. 5, 433
akad.; hier in der sprache ist niedergelegt, was sich beim versuch, die welt zu bemeistern, als wichtig und brauchbar erwiesen hat ... was sich bei der auseinandersetzung vieler geschlechter mit der welt der natur und des geistes ergeben hat, das liegt hier vor ... als lebendiger sprachbesitz, aus dem heraus eine ganze sprachgemeinschaft denkt, erlebt, handelt, weiterarbeitet Weisgerber
mutterspr. u. geistesbildung (1929) 99; von der in den wortfeldern sich offenbarenden sprachlich-begrifflichen aufteilung der welt Jost Trier
d. dt. wortschatz i. sinnbez. d. verstandes (1931) 3
anm.; wort und welt — welt in allen physischen und geistigen wirklichkeiten genommen — leben in innigster verflechtung Th. Frings
antike u. Christentum a. d. wiege d. dt. spr. (1949) 33;
gelegentlich jedoch auch sonst nachweisbar: diejenigen kritischen köpfe, welche ... die ganze welt gern in prosa auflösen (
nüchtern sehen und erklären) möchten Wackenroder
herzenserg. (1797) 40; die welt selbst aber, das seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig (1922) H. Hesse
Siddharta (1950) 161; (
mit den neuerfundenen schriftzeichen) konnte man die ganze welt schreiben, das, was raum einnahm, und was keinen raum einnahm, das gemachte und das gedachte — reinweg alles Th. Mann
ausgew. erz. (1948) 306. XIXI.
allumfassende menge, fülle; hohes (
kosmisches)
masz. die mit welt
verknüpfte vorstellung der totalität und universalität läszt es —
wie englisch world,
s. Murray 10, 2, 303 (19) —
früh zur quantitätsbezeichnung werden (
vgl. weltall 2 d). XI@AA.
bezeichnung der menge oder fülle. XI@A@11) '
menschenmenge'
; dieser an III A 1
anschlieszende gebrauch reicht vom ahd. bis ins ältere nhd. (
s. auch bremischnieders. wb., nachtrag 2, 407): fuar ingegin imo thar uuorolt mihil, so gizam,uuib inti gomman Otfrid III 6, 10
Kelle; diu werlt, diu dar zesamme kom, der gelîch wær unvernom an zal und an geschiht Ottokar
österr. reimchron. 9624
Seemüller; man truog in (
den toten) mit gesange im volgte ein werlt mit gange, als sîner heilekheite zam
Alexius 75
Maszmann (
v. 462); do kamen vill pfaffen und schuoler dar und sunst ein grosse welt Th. Platter 40
Boos; als er (
der kaiser) auff offnem platz zuo Wurmbs die lehen auszlihe, sagen ettlich, sey ein solche welt alda gewesen, das mancher burger, so gelegne hausung zuo disem schauspil gehabt hab, sein reych sey worden Seb. Franck
chron. zeytbuch (1531) 226
a; in der einen hand hatte der (
betrunkene) hertzog ein par wurffel vnnd in der andern handt etliche stucke goldes; da kompt sollich ein welt zugelauffen, sonderlich der fremden nationen (1595) Sastrow
leben 2 (1824) 38
Mohnike; es kam eine grosse welt dahin vom gantzen Elsas Schottel
haubtspr. (1663) 725; es ist ein grosse welt
ingens est hominum frequentia, multitudo Dentzler
clavis (1716) 2, 348
a.
gelegentlich auch '
menge kriegsvolks': Alexander steich ûf das obrist gewer unt gebôt den sturm uber al daz here unde liez dô mit der werlte den êristen sturm werden. mit hameren man die burchmûre zebrach. a waz dâ werlte tôt belach! Lamprecht
Vorauer Alexander 110
Kinzel (
v. 889); der herzog ... leit sich fúr Murten ... mit einer sOelichen groszen welt, das man si schatzt fúr hundert mallen tusint man
chron. d. st. Zürich 205, 15
Dierauer; do also grosse welt vor Zwürich lag Justinger
Berner chron. 118
Studer; hierzu stellen sich in neuerem sprachgebrauch poetische einzelanwendungen: so steh' ich kämpfend gegen eine welt (
von feinden), ein wehrlos weib! Schiller 12, 540
G.; so herrschte der gleiche enthusiasmus in Alexanders generalen, in dem ritterlichen adel, der ihn umgab, in dem gesammten heere, das ihm folgte; den heldenjüngling an ihrer spitze, forderten sie stolz eine welt zum kampfe heraus Droysen
Alexander d. gr. (1833) 91. XI@A@22)
als quantitätsbezeichnung schlechthin erscheint welt —
wie englísch world —
verbunden mit bestimmungsergänzungen verschiedener art; genitivisch: als er (
Maximilian) daselbst (
in Nürnberg) ein mal war eingeritten und eine grosse welt volcks zu gelauffen, des keisers einzog zu sehen ... Luther 28, 526
W.; es ist in der stadt Vercelli niemals ein solche werlet volckes beisammen gewesen, als heutiges tages sich findet
M. Wisaeus
dialogi (1625) 1; (
der) erbstuhl mächtiger herrscher
in gold gekleidet, um ihn gebeugt der dienenden völker welt Denis
lieder Sineds (1772) 115; als (
in einer aufführung des '
Othello'
Desdemona vor ihrer ermordung) ... wie ein sturmwind die ganze welt der leidenschaften umbrauste, liebe, hasz, zorn, schrecken, spott, trotz, verachtung und dann wieder zur liebe kam und noch einmal alles umkreiste Börne
ges. schr. 10 (1832) 7; eine welt widerstreitender empfindungen drang auf ihn ein Fontane
ges. w. (1905) I 4, 358; neulich schrieben mir bekannte aus Volterra, wo es ... eine ganze welt früher kunst zu geben scheint (16. 9. 1907) Rilke
br. 1906 —07 (1930) 328;
durch von
verknüpft: ene grote werlt van densschen luden (18. 9. 1466)
urk.-b. d. st. Lübeck 11, 163 (
nr. 156); von menschen war ein grosse welt versamlet auff gemeldtem plon H. Sachs 1, 425
lit. ver.; der mensch hat keine so einförmige und enge sphäre, wo nur eine arbeit auf ihn warte: eine welt von geschäften und bestimmungen liegt um ihn Herder 5, 24
S.; Lichtenbergs reichthum wird bewundert, ihm stand eine ganze welt von wissen und verhältnissen zu gebote Göthe I 41, 1, 248
W.; eine welt von koffern und reisetaschen lag hier bunt durcheinander Fontane
ges. w. (1905) I 4, 356; eine welt von neuigkeiten mitbringen
ebda. I 5, 167; eine ganze welt von weisheit
ebda. I 4, 133; unter den glänzenden augen von vater und mutter liesz der Hans auf dem papier eine ganze welt von kühen und bäumen und vögeln entstehen A. Fendrich
Emil Himmelheber (1915) 73;
oder durch voll
angeschlossen: ein ander consilium ..., in welchem ein schier unzelliges, ja ein halbewelt vol volcks gewesen
M. Quadt v. Kinckelbach
teutscher nation herrlichkeit (1609) 60; die zunge ist auch ... eine welt voll ungerechtigkeit G. L. Hartmann
fluchspiegel (1672) 1; was wird dann gegen eine welt voll feinde die arme bebende Johanna Gray euch helfen können? Wieland
ges. schr. I 3, 161
akad.; sie sagte: 'es ist das glück!' 'o, eine welt voll!' Storm
s. w. 1, 363
Köster; gelegentlich, zum ausdruck besonderer steigerung, auch pluralisch welten von (voll): welten von sclaven hat ein könig; welten voll narren aber giebts auf dem Pindus Schönaich
ästh. i. e. nusz (1754) 377; Magogs erster sohn nahm der erste das rauchfasz; ihm folgten welten von sclaven ... Bodmer
Noah (1752) 2, 307; sie ... lügen ihnen welten voll treue und tapferkeit vor Klinger
theater (1786) 2, 23.
mundartlich vereinzelt in appositiven verbindungen wie: än wi
arlt (
grosse menge) holts, flêš ... Kisch
Nösner wörter 173;
s. auch Richey
id. Hamburg. (1755) 337. XI@A@33)
in neuerem sprachgebrauch für eine universale fülle verschiedener art; ansatzweise bereits bei Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 7149
Singer: der alle die werlt hat getan '
alles mögliche, eine fülle von sünden'
; jedoch erst in neuerem sprachgebrauch häufiger: er (
Lothario) führt, wo er auch sei, eine welt mit sich, seine gegenwart belebt und feuert an Göthe I 23, 218
W.; wir haben uns ja eine welt zu erzählen Spielhagen
problem. naturen (1861) 6, 252;
oft in der form pluralischer steigerung: mein busen war so voll und bang, von hundert welten trächtig Göthe I 2, 188
W.; ich könnte hier noch welten erzählen, sei's über Hesekiels persönliches gebaren, sei's über leben und treiben auf der redaktion selbst Fontane
ges. w. (1920) II 2, 304; auf dem heimwege redeten wir welten und kamen vom hundertsten ins tausendste
ebda. II 2, 103; einen augenaufschlag lang hingen ihre blicke ineinander, blicke, in denen welten auftauchen, blühen und versinken Burte
Wiltfeber (1912) 137. XI@A@44)
als besondere anwendung der neueren zeit für '
ein und alles, idealer lebensinhalt': können sie (
anrede) eine hand ohne herz erzwingen? sie einem mädchen den mann entwenden, der die ganze welt dieses mädchens ist? sie einen mann von dem mädchen reissen, das die ganze welt dieses mannes ist? Schiller 3, 406
G.; sie (
die liebenden) kümmern sich um keine erdengüter, sind sich die ganze weite welt und spotten dein, du stolzer weltgebieter, vor dem der erdkreis niederfällt Hölty
ged. (1870) 132
Halm; ich weisz, dasz du ihm (
Oldenburg) grollst, weil die frau, die du verlassen hast, in ihm schlieszlich ihre welt fand Spielhagen
s. w. 2 (1872) 498; sein (
Napoleons) ich war die welt, die dinge um ihn nur zahlen, mit denen er rechnete (1869-79) L. Richter
lebenserinnerungen (1909) 23; bewaffnet euch! thut eure pflicht! diesz einzige sei jetzt die welt für euch, ein wesenloses nichts ist alles andre Platen
ges. w. (1839) 230; dazu gehört aber die concentration aller kräfte. nur wenn das kunstwerk für den künstler eine welt war, wird es auch eine welt für den beschauer Grillparzer
s. w. (1887) 9, 89; Nerva hat mit dieser erkenntnis seine welt und seine aufgabe verloren E. Colerus
Tiberius auf Capri (1927) 136. XI@BB.
masz- oder gradbezeichnung, in besonderen wendungen verschiedener art. XI@B@11)
wendungen, in denen welt
ein ungeheures wertmasz (
oder eine einheit eines ungeheuren wertmaszes)
bezeichnet: ob elleu diu werlt sîn eigen wære, daz er si gerne gæbe
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 153
Waag (
Vorauer sündenklage); die guetin ritter und knechte ..., die do nicht alle werleth nemen anders zu tun, denne das en zu eren und glimpfen gancz wol tawgk (1451)
lehns- u. besitzurk. Schles. (1881) 1, 421; ich wolt nicht nemen hundert tausent welt Luther 28, 248
W.; ich geb ein welt vmb die legenden der patriarchen, qui fuerunt ante diluvium
ders., tischr. 1, 417
W.; es nem offt einer nicht die welt, dasz man jhm in sein gewissen solt sehen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 336; mein herz lernt gefühle kennen, die es nicht für welten vertauschte Meissner
Alcibiades (1781) 1, 214; ich wollte die ganze welt nicht nehmen
non meream maximos thesauros Serz
teut. id. (1797) 175
a; (
er) hätte (
ihm) für diese worte in diesem moment eine welt geschenkt Moltke
ges. schr. (1892) 1, 98; an ihm vorbei, als wäre eine welt versäumt, drang in ziemlich herrischer weise eine frau ... in das studierzimmer ein Fontane
ges. w. (1905) I 104; des ist di
e welt no
ch lang net
das ist keine grosze gabe Fischer
schwäb. 6, 1, 670.
häufig in der festen wendung (nicht) um die welt
u. ä. (
vgl.um alles in der welt
unter V C 2 a
β und b): das sye mich vmb die gantz welt nit triben zuo eim widderruoff Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 106
ndr.; du must das fräulein nicht fahren lassen, nein das must du um alle welt nicht thun, Herrmann! Schiller 2, 61
G.; gleichwohl schlosz sie, dasz sie es für klug hielte ... dem antrag ... gehör zu geben ...; Kohlhaas ... anwortete: nicht um die welt, mütterchen, nicht um die welt! H. v. Kleist
w. 3, 242
E. Schmidt; sie hätte ja um die welt nicht zugegeben ... Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 14; nich um die welt Rother
schl. sprichw. 1
b; em d
e wält net! Heinzerling-Reuter
Siegerl. 316.
als häufige redensart findet sich auch: das kann nicht die welt kosten,
d. h. '
viel kosten, sehr teuer sein' (
s. Heinzerling-Reuter
Siegerl. 316; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 654; Rother
schl. sprichw. 1
a und Meisinger
Rappenau 229);
hierzu stellt sich die herausfordernde wendung: was kostet die welt,
in der welt
das denkbar gröszte wertobjekt bezeichnet: wat kost de welt, ech will se zoolen! Viebig
weiberdorf (1905) 122; jetzt (
nach dem examen) war ich obenan — was kost't die welt? H. Hesse
diesseits (1908) 53; was kostet die welt? her mit ihr! Friedr. Wolf
zwei a. d. grenze (1948) 60. XI@B@22)
wendungen, in denen welt
ein ungeheures (
raum-)
masz bezeichnet: sie (
Paris) ist keine stadt, sondern vielmehr wegen ihrer grösse und inwohner mänge eine kleine welt zu nennen Birken
Brandenb. Ulysses (1669) 95; übrigens ist Rom eine welt und es gehört ein mehrjähriger aufenthalt dazu, um sagen zu können: ich kenne sie nur einiger massen (19. 2. 1887) Göthe IV 8, 194
W.; so vor allem in bildlicher übertreibender darstellung: ein wort gottes ist grOesser denn drey welt Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) C 1
b; der sohn — ey nun, der wird die welt nicht wegtragen! (
nicht groszes leisten) Kretschman
s. w. 3, 1 (1786) 182; ich wā heute de welt nimme eireisza Rother
schl. sprichw. 1
b (
s. auch ebda. 324
a); eine welt lang: in der verzweiflung liesz ich mir jenen spenzer mit den eine welt langen pierrots-ärmeln machen E. T. A. Hoffmann
s. w. 5, 77
Gr.; wie die zustände der deutschen gesammtheit immerdar um eine welt zurückblieben hinter der politischen durchbildung der einzelstaaten, so geschah es auch mit den politischen ideen der zeit Treitschke
hist. aufs. (1886) 1, 148; eine welt liegt (welten liegen) dazwischen: immer musst' ein dritter uns stören, trennen, und die welt lag zwischen ihr und mir, wie eine unendliche leere Hölderlin
s. w. 2, 173
Hell.; dass welten zwischen ihrer und unserer moral und sittlichen anschauung liegen
qu. a. d. j. 1914-15; es ist nicht nur eine spanne zeit von anderthalb jahrhunderten, sondern eine ganze welt, die zwischen Bach und Wagner liegt Schweitzer
Bach (1948) 404; sein (
des amerikan. chirurgen Cushing) leben verläuft ... in denselben bahnen wie das leben Sauerbruchs, wenn auch welten die beiden trennen: bei Cushing hochentwickeltes spezialistentum, bei Sauerbruch der immer wieder hervorbrechende drang nach einer zusammenfassung und beherrschung der gesamten chirurgie
nachruf auf F. Sauerbruch in: Sauerbruch
leben (1950) 612. XIIXII.
als elliptischer ausruf. zufrühst in der akkusativischen form al die werlt (
s. Haupt
zs. f. dt. altert. 15, 263): ich hân mîn lêhen, al die werlt (
rufe ich zum zeugen), ich hân mîn lêhen Walther v.
d. Vogelweide 28, 31
Lachmann-Kraus; und hâten über ir zwâre eine sô jæmerlîche klage, daz, al die werlt! ein zage sie müeste hân gerochen Heinrich v.
d. Türlin
crône 16289
lit. ver.; in neuerem sprachgebrauch gelegentlich (
potz) alle welt (
s. auch Crecelius
oberhess. 904): alle welt! ... ihr gebt mir falsches geld! Pfeffel
poet. vers. 2 (1816) 194; potz, alle welt! H. v. Kleist
w. 1, 205
E. Schmidt; potz, gotts welt (
s. teil 4, 1, 5, 1076
s. v. gott I E 3 c
und vgl. potz stern
teil 10, 2, 2, 2475): botz welt, herr!
Zimmer. chron. 24, 151
Barack; ich wagte zum erstenmal, es zu versuchen, sie an meine brust zu drcken, ... aber, potz welt! da hiesz es: 'so! wer hat dich das gelehrt?' Bräker
s. schr. (1789) 1, 75; gotts welt
potztausend Danneil
altmärk. 246; kotz welt! Crecelius
oberhess. 904; boz wält! Seiler
Basel 309; phoz welt! Hunziker
Aargau 292; botz wäl
t! botz wäl
t wüḷḷe
n!
bärndütsch 3, 610 (
s. auch ebda. 3, 125
und vgl. elsäss. herrgottsäckerwelt, säckerwelt Martin-Lienhart 2, 825).
vereinzelt: o welt! die lache krieg' ich gar nicht wieder still Droysen
Aristophanes (1835) 3, 415;
so auch als klagender ausruf: so schAetzt man unsern werth! o welt! o zeit! o sitten! Schwabe
tintenfässl (1745) 23.
den elliptischen charakter eines beschwörenden rufes erhalten mitunter auch die formelhaften wendungen um aller welt willen (
vgl.um gottes willen): um aller welt willen!
hominum fidem! Serz
teut. id. (1797) 175; allein um aller welt willen, kann denn ein königlich groszbritannischer titularhofrath ... nicht einfältiges zeug schreiben? Lichtenberg
verm. schr. 4 (1844) 82; um alle welt (
s. unter XI B 1): aber um alle welt, was hast du nur gethan, dasz der mann so bös geworden? Brentano
ges. schr. (1852) 5, 40; um alles in der welt (
s. V C 2 a
β): ey um alles in der welt, wie hat ... maler Müller
w. (1811) 1, 256;
auch: allens in de welt! Mensing
schlesw.-holst. 5, 589;
sowie in aller welt: bū wldąn (
wo willst du denn) in alə
r walt hn? Hofmann
niederhess. 261; in allr welt, wo wolln s denn heund no hin? Hügel
Wien 188 (
s. auch unter V C 2 c).
kompositionstypen (
vgl. hierzu die überschau bei Murray 10, 2, 304
f. s. v. world V
und in: ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1210). AA.
als bestimmungswort. welt
erscheint seit frühdt. zeit als bestimmungsglied zahlreicher komposita, wenn auch die masse der heute geläufigen zusammensetzungen (
s. diese an alphabet. stelle)
erst im nhd. (16.-19.
jh.)
aufkommt —
z. t. in anschlusz an ältere dt. bzw. lat. wendungen (
vgl.weltauge, -flüchtig, -gericht, -karte, -kind, -lauf)
oder auch als lehnbildung (
vgl. weltbeschreibung, -bürger, -kreis).
über art und ausbreitung dieser kompositionen sowie über die fülle von gelegenheitsbildungen, wie sie vor allem im sprachgebrauch der neueren dichtung und wissenschaft, politik und wirtschaft auftreten, soll die folgende übersicht der typen orientieren. A@11)
als erstes glied eines substantivs. A@1@aa)
die kompositionsart. seit beginn der überlieferung herrscht der fugenlose typ der eigentlichen komposition: ahd. weralt-man,
mhd. werlt-man,
nhd. welt-mann,
wobei in älterer sprache gelegentlich eine vereinfachung mehrfacher (
durch zusammentreffen des konsonantischen aus- und anlauts der beiden kompositionsglieder entstandener)
konsonanz eintritt: ahd. weral-man, weral-kirida Gröger
ahd. kompos.-fuge (1910) 193
u. 194.
auch uneigentliche (
genitivische)
komposition findet sich, bleibt aber auf wenige belege der älteren sprache beschränkt (
s. Gröger
a. a. o. 42): werldevinstre Williram 46, 12 (
la. d. Stuttg. hs. M, 12.
jh.), werldemer
passional 515, 97
Köpke. allerdings begegnen, wie bei anderen zusammensetzungen mit femin. bestimmungswort, seit dem frühen nhd. gelegentlich formen mit fugen-s (
s. Wilmanns
dt. gramm. 2 [1899] 530
ff.; Henzen
dt. wortbildg. [1947] 59):