weltall,
n. ,
verdeutlichende bildung zu all (
s. teil 1, 214),
die um die mitte des 18.
jhs. üblich wird und —
unter dt. einflusz (
s. Hellquist [
31948] 1397,
ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1211
u. Murray
suppl. [1933] 320) —
auch im dän. (verdensalt),
schwed. (världsallt)
und engl. (worldall)
aufgekommen ist. ungeläufig bleibt hingegen die gelegentlich in der sprache der dichtung auftretende komposition mit dem gen. plur.: weltenall (Herder 29, 153
S.; Jean Paul
w. 7-10, 358
Hempel; E.
M. Arndt
w. [1892] 5, 269
R.-M.; Rückert
ges. poet. w. 1 [1882] 549;
F. Dahn
ged. [
ausw. 1908] 221;
s. auch Duden, rechtschreibg. [
Leipzig 1951] 452). 11)
universum. 1@aa) '
die ganze welt mit allen darin befindlichen himmelskörpern' (Adelung 5 [1786] 161): ... das ganze weltall ist ein uferloses meer, dasz (!) kein erschaffner miszt; ... was folgert sich hieraus? dasz sich das all der welt nur dem, der es erschuf, ganz vor die augen stellt (1751) Wieland
s. w., suppl. 1 (1797) 140 (
die natur der dinge oder die vollkommene welt); diese erdkugel, diesen kleinen atomen des ganzen weltalls
ders., Agathon 1 (1766) 62; so wird man genöthigt, einen allgemeinen mittelpunct des ganzen weltalls anzunehmen, der alle theile desselben in verbundener beziehung zusammenhält und aus dem ganzen inbegriff der natur nur ein system macht Kant
w. 8 (1838) 326
H.; da der uralte morgenländer noch sein weltall (
das ihm erkenn- und vorstellbare universum) würklich innerhalb dieser grossen blauen halbkugel und also zwischen erd' und himmel fühlte (1769) Herder 6, 4
S. (
archäologie des morgenlandes),
ferner ebda. 5, 6
u. ö.; es ist hier nicht die rede von einer kreatur, sondern von dem gesammten weltall Mendelssohn
philos. schr. 1 (1777) 245;
so bis in die gegenwart gebräuchlich, in naturwissenschaftlichen (
kosmologischen)
schriften: die allgemeine darstellung der naturerscheinungen im weltall ... von den fernsten nebelflecken und von kreisenden doppelsternen ... zu den kleinsten organismen der thierischen schöpfung im meer und land A. v. Humboldt
kosmos (1845) 1, 386; so wäre das weltall naturwissenschaftlich erkannt du Bois-Reymond
grenzen d. naturerkennens (1873) 5; wir und das weltall Willy Bischoff (1952)
titel; wie in der dichtung: manchen flug wagt menschliches wissen, das doch kaum ein blatt aufschlägt in dem buche des weltalls (1829) Platen
w. 1, 218
H.; sie (
die weisheit) war zugegen, als du das weltall schufst Langgässer
märk. Argonautenfahrt (1950) 123. 1@bb)
daneben wird weltall
auch als bezeichnung des auszerirdischen kosmischen alls, des die erde umgebenden weltraums, üblich: mit der farbe geht's eben so, bald sucht man sie im lichte, bald drauszen im weltall Göthe II 11, 146
W.; die erde ... schwebt frei ... in dem unermeszlichen raum des weltalls Hebel
w. 2, 3
Behaghel; wenn nächtlicher weile erglühen die leuchten, die nimmer zu zählen, des unermeszlichen ewigen weltalls K. A. Hückinghaus
in: mod. dichtercharaktere 124
Arent-C.-H.; so auch im sprachgebrauch der modernen naturwissenschaft: über das anwachsen der festen, dunklen materie im weltall ... die neueren untersuchungen haben ... gezeigt, dasz der interstellare raum von einem stratum dunkler partikel erfüllt ist Jung in:
forsch. u. fortschr. 13 (1937) 346; die menschheit steht an der schwelle zur fahrt in den weltraum ... die grundlagen zum start ins weltall sind ... jetzt gelegt
Berliner zeitungen a. d. j. 1952 (
bericht vom dritten weltkongresz der internationalen astronautischen föderation);
sowie utopischer romane: pioniere im weltall R. A. Heinlein (1951)
titel. 22)
besondere anwendungen verschiedener art. 2@aa)
zuweilen bezeichnet weltall
das in dichterischer phantasie mannigfaltig belebte universum: was dir füglich ist, o weltall, ist auch mir bequem Herder 17, 145
S.; wenn er (
der mensch) sich in der welt als in einem groszen, schönen, würdigen und werthen ganzen fühlt, ... dann würde das weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein ziel gelangt aufjauchzen Göthe I 46, 22
W.; gott, dein tempel ist der himmel sphäre, erde, meer und luft dein opferhain! jauchzt, was lebt, im chor zu seiner ehre, und das weltall müsse weihrauch streun Seume
ged. (1804) 3; das weltall ist ein unendliches thier, in welchem alles auf die mannigfaltigste weise lebt und webt Hegel
w. (1832) 15, 229; ich (
Proteus) bin's, der die welle des lebens bewegt, der ihre gewaltigste strömung erregt, und dann, was sie innerlich eigen besitzt, enteilend, in's dürstende weltall verspritzt Hebbel
w. 6, 253
Werner; als ob das weltall ein gesicht hätte (20. 1. 1907) Rilke
br. 1 (1950) 164. 2@bb)
in anschlusz an 1 b
wird weltall
gelegentlich zur bezeichnung einer überirdischen, jenseitigen sphäre: eine seele ist geschieden vom leibe, das schwere, mühselige erdenleben liegt hinter ihr. durch das weltall sucht sie ihren weg dahin, woher sie stammt W. Raabe
s. w. I 5, 39
Klemm; ja des jenseits selbst: ach, dasz auch ich dem erhabenen einst wieder begegnen möchte im weltall Zschokke
ausgew. nov. u. dicht. (1838) 1, 252;
andererseits jedoch —
mit einem possessivum oder demonstrativum verbunden —
für die diesseitige welt: dasz ... eine völlige vereinigung der wesen in unserm weltall selten oder gar nicht statt finde Herder 15, 305
S.; so sind wir in diesem weltall; und wie gehts auf unsrer ewigen reise weiter hinauf?
ebda. 325. 2@cc)
metaphorisch, auf bereiche verschiedener art übertragen. 2@c@aα)
auf das philosophische oder naturwissenschaftliche denk- und lehrgebäude vom universum bezogen: vieles muszte er (
Kopernikus) weissagen, was er nicht sehen konnte; überall aber ward ordnung, grund und zweck ... kurz ein weltall. so bauete Kopernikus: Kepler und Newton bauten ihm nach. seine skizze ward ihnen poem, eine philosophie des weltsystems Herder 9, 507
S.; aus logischen atomen baut er (
der scholastiker) sein weltall — er vernichtet alle lebendige natur, um ein gedankenkunststück an ihre stelle zu setzen Novalis
schr. 2, 173
Minor. 2@c@bβ)
mit bezug auf in sich geschlossene bezirke verschiedener art, die in ihrer eigenständigkeit und eigengesetzlichkeit gleichsam ein all im kleinen darstellen (
vgl.welt VIII): dies individuelle jedes (
Shakespeareschen theater-)stücks, jedes einzelnen weltalls, geht mit ort und zeit und schöpfung durch alle stücke Herder 5, 224
S.; dasz ... auszer den universitäten kein heil sei, dasz sie universitates literariae
d. i. die gelehrten weltalle seyn, aus denen alles kommt, durch die alles musz, auf denen alles wohnet, was zum licht und frommen des staats dienet
ebda. 9, 345; absolut frei ist ein körper also als echtes glied des weltalls — mithin selbst als weltall Novalis
schr. 3, 238
Minor; ein solches einzelnes ist daher eine welt für sich, ein weltall Vischer
ästhetik (1846) 1, 132. 2@c@gγ)
vereinzelt auf einen universalen, in sich geschlossenen kultur- oder lebenskreis bezogen: (
es) tingirt ... die satire, die ... bey den ROemern doch immer ... eine gesellschaftspoesie aus und fr den mittelpunkt des gebildeten weltalls (
Rom) blieb, die ganze rOemische poesie Fr. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 2, 38; er (
vater Pascarella) kannte nur sich und seine sechs kinder, das universum im zweiten stock der Via Concordia. mit dem anderen weltall, in welche unterabteilungen es auch immer zerfiel, wollte er nichts zu tun haben Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 218;
oder auf die ganzheit eines geistigen bereiches: es ist wohlthätig, nach der grossen aussicht auf das unermessliche weltall der alten poesie nun auch den blick wieder auf eine gattung zu beschränken Fr. Schlegel
jugendschr. 1, 202
Minor. 2@dd)
die mit weltall
verknüpfte vorstellung der totalität und universalität läszt es gelegentlich auch als quantitätsbezeichnung verwendet werden (
vgl.welt XI);
den ausgangspunkt des gebrauches zeigen belege wie: man nennt mit recht sie (
die sonne) das modell von kOeniglichen geistern, die mit dem ersten blicke schnell ein ganzes weltall meistern Blumauer
ged. (1782) 71; sein auge fliegt umher mit wildem muth, als fordert' er das weltall in die schranken A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 199;
schon Herder
verwendet das wort gelegentlich zur bezeichnung universaler fülle: wer ein maas von wichtigkeit, wer ein weltall in der seele trägt, dem wird ohnmöglich jedes kümmel- und staubkorn ewige welt der beschäftigung seyn können 9, 509
S.; dann abgeblaszt, im sinne von '
alles erdenkliche': um in seiner ruhe nicht gestOert zu werden, setzt er (
der mensch) das weltall in bewegung Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 1, 25; versprich das weltall in decreten, du fängst kein unterthanenherz Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. (1890) 4, 120; ... so würde ich wahrhaftig nicht klagen und wenn ein weltall von unannehmlichkeiten über mich hereinbräche (7. 10. 1831) Hebbel
br. 1, 11
Werner. 2@ee)
wie welt (
s. dort unter V C 2)
fungiert weltall
mitunter lediglich als verstärkender zusatz: vielleicht giebt es ... edelleute nicht mehr im ganzen weltall (
überhaupt nicht mehr) Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 225; das mutterherz ist der schönste und unverlierbarste platz des sohnes, ... und jeder hat im ganzen weltall nur ein einziges solches herz Stifter
s. w. 1 (1904) 189; wo kommt denn sowas im weltall noch einmal vor! Th. Mann
Faustus (1948) 127;
insbesondere nach einer beiwörtlichen höchststufe: sehr elende wesen (
sind wir) und die elendensten (!) im weltall! Zschokke
ausgew. nov. u. dicht. (1838) 1, 70; wir Franzosen (
bilden) in unserem ensemble das edelste ... volk des weltalls! Holtei
erz. schr. 23 (1861) 47.