wagehals,
wagenhals,
waghals,
m. einer, der sich tollkühn in gefahr begibt. die bildung ist aus einer satzform hervorgegangen, der imp. wage
in verbindung mit dem acc. des subst., hals
steht hier für leben, s. theil 4, 2, 246.
die nebenform wagenhals
ist aus wage-
den-hals
entstanden. dergleichen imperativische bildungen sind namentlich bei bei- und spottnamen üblich, vgl. Habenicht, Schaffenicht,
Hebenstreit, Stürzenbecher,
die sängernamen Rumeʒlant, Suchenwirt,
die namen der räuber Slickenwider, Müschenkelch, Slinteʒgöu
im Meier Helmbrecht (Grimm
gramm. 2
2, 938
f.).
so wird auch Wagenhals, Wagehals
zunächst spottname für tollkühne menschen gewesen sein (
vgl. den namen Johan Waginhals
in einer urkunde von 1353
bei Crecelius 888
und unten die stelle aus Scheffel)
und ist dann allgemeine bezeichnung für jemand, der sein leben aufs spiel setzt, geworden, so wird es zuerst in der nd. chronik H. Korners (
v. j. 1431)
gebraucht; es erscheint dann (
schon in den ältesten hd. belegen vom anfang des 16.
jahrh.)
auch abgeschwächt für einen verwegenen, unternehmenden menschen. die form wagenhals
kommt noch bei Kramer 1719
neben wagehals
vor, die älteren wörterbücher haben waghals; wagehals
steht bei Ludwig, Steinbach, Adelung.
aus dem deutschen auch ndl. waaghals,
dän. vovehals,
schwed. vghals. 11) wagehals
steht zunächst in seiner vollen bedeutung als '
einer, der sein leben aufs spiel setzt, der sich in lebensgefahr begibt': by achte dusent wagehalse, de sik des vormeten, dat se in Luneborch stigen wolden. Korner 201
a bei Schiller-Lübben 5, 574; ja wievil er vor im anhin sihet schwimmen und ertrincken, noch schwimpt er auff kradtwol wie ein verwegner wagenhals, immer hinnach. S. Franck
weltbuch 1542,
vorrede 3
a; so ein newer fürst ins regiment tritt, so ist der brauch, daʒ sich allweg eins ... willig in den todt gibt, ... so steht der wagenhals auff eim hohen gAehen berg ... und verstürtzt sich ins tal. 212
b; und andern wagehälsen, brüdern des ordens, die sich selbst erboten, solch ebenthewer zu versuchen. Schütz
Preuszen (1599) 46
a; dem todt zu trotz und widerdries hinausz zu schwimmen sich beflies ... der waghals also lang hinschwam, bisz dasz er an ein ufer kam. Fuchs
mückenkrieg 2, 321
Genthe; sein (
des ertrunkenen boten) bilgelin mit briefen an etwasz gestüdt gehangen bliben, letstlich durch woghelsz, die sich hinabgeloszen, byhendiget wider worden. Fel. Platter 134
Boos; dieserwegen wird sich auch leichtlich keiner in die höle wagen, wenn es starck geregnet hat, und davon der berg glitscherig oder glatt worden ist, so müste denn derselbe ein verwegener wage-hals seyn. Behrens
Hercynia curiosa (
Nordhausen 1712) 81; so konte doch nicht unterlassen, bey dem .. stier-gefechte, so wohl als andere ritter, einen wage-hals mit abzugeben.
Felsenburg 1, 503; niemand treibt das laster der sorglosigkeit so hoch, als ein wagehals, der sein leben nichts achtet, und sich unnöthiger weise in allerley gefahr giebt, darinn er leicht umkommen könnte. Gottsched
erste gründe der ges. weltweisheit (1734) 2, 374.
sprichwörtlich: wagehals brach schon oft den hals. Wander 4, 1725; ein wagehals nimmt kein gutes ende. Göthe 14, 94 (
vögel).
zuweilen ist besonders an wendungen wie 'es kostet ihm den hals' (
theil 4, 2, 247),
daran, dasz die übelthäter ihr leben verwirken, zu denken (
vgl. auch die stelle aus Rothe
u. wagen (
verb.) IV, 1,
a, α): nun hat gott gebohten, das man die übeltähter ungestrafft nicht lassen solte ... was für ein ... hochschädliches exempel der nachfolge würde allen frevelhafften und übelbegnügten wagehälsen hierdurch geweist, wenn solche untahten keinen henker fühlen ... solten? Butschky
Pathmos 852.
dahin gehört es auch, wenn wagehals
appellativisch einen abenteurer, ungesetzlich lebenden menschen bezeichnet, der darum in beständiger lebensgefahr ist: waaghalsz, verloren kind, der sein läben ring und leychtfertigklich waaget, nichtssöllender mensch,
animo prodigus. Maaler 478
d; verlauffen buoben, wagenhälsz, verwegen leut, aller bösen stuck nasse geübte knaben. S. Franck
kriegsbüchlin des frides 116
b; es seind der strassenrauber, schnaphanen und wagehälse hin und wider so vil, gelt ist ihr hauptman, haben aller welt abgesaget und feinde worden.
Petrarche trostbücher 99
b; dasz sechzehn freche .. mit schwertern wohlversehene wagehälse zur thür eindrungen, und durch einander rieffen, wo der gefangene ... hinkommen wäre. J. A. Bucholtz
teutscher Herkules (1676) 1, 7
a; dasz er treffliche pasporte erhalten, gegen alle feinde der republique, als ein frey-beuter zu agiren, weszwegen er sich auch allbereit, durch zuschusz anderer wagehälse ein ... schönes schiff ... angeschafft hätte.
Felsenburg 1, 64; leute, die miszvergnügt mit gott und welt, oder junge wagehälse oder andere mit elend beladne, am rand des verderbens schwindelnde. Fr. Müller 2, 58 (
Fausts leben); nun erscheint er als reisender, kunstfreund, sammler, weltmann, diplomat und wagehals, der sich unterwegs selbst zum baron constituirt hatte, und sich überall etwas bedeutendes und schätzenswerthes zuzueignen wuszte. Göthe 44, 74 (
kunst); er (
Wilhelm) machte es wie alle eroberer, er lud eine menge waghälse und abentheurer auf die hoffnung der beute und der länder ein, die er ihnen auf der schönen insel zeigte. Arndt
erinnerungen3 288.
als name: schlupfpförtlein du, an der münsterpfalz: ich landfremdes brüderlein Wagehals möcht' doch mir das städtlein besehen. Scheffel
frau Aventiure 102.
besonders geht wagehals
auch auf kriegsleute, die ihr leben wagen: wie auch die kriegsleute und waghelse sich williglich in fahr geben. Luther 6, 247
a; es mus nicht sein ein solcher tummer sinn, thurst und trotz, als da ist der tollen kriegsleute und woghelse, die fredig dahin tretten, gegen die schwerter, spiesse und büchssen. 7, 90
b; etlich wagenhälsz, als kriegslewt und deren gleychen, werden bekeret vom bösen furnemen. Eberlin 3, 127
neudr.; die wirtin spricht: du lauffst villeicht umb auff der gart untern bawern, bist ein landsknecht? Eulenspiegel spricht: in dem thut ir mir auch unrecht, ich bin kein solcher wagenhals. Hans Sachs 21, 119, 25
Keller-Götze; kombt her jetzt ihr soldaten, von gschrey und grossen thatten, ihr waghälsz, schnarcher, reiff- und eisenbeisser, ihr tollen hund, ihr prillen- und possen-reisser, die ihr den marck wol fressen, mit haut und haar vermessen. Hock
blumenfeld 81, 1
neudr.; aus beyder sicherheit wird deutlich wahrgenommen, dasz oft der schwächste feind den kühnsten helden schlägt. wie mancher waghals ist im zufall umgekommen, den weder sturm noch schlacht erlegt! Hagedorn 2, 24; ferner hegt' er ... mehr grimm als achtung ... gegen jeden, der kein waghals war und der, statt der sturmbalken und kriegmaschinen, etwa unsichtbare magnetstäbe, saugwerke und schörpfköpfe ansetzte und damit etwas zog. J. Paul
Titan 1, 40.
das wort setzt sich dann für solche soldaten fest, die sich für gefährliche aufgaben gebrauchen lassen, späher u. dgl., darum mit leichter ausrüstung: waegh-hals,
miles levis armaturae, expeditus, ferentarius, veles, rorarius. Kilian 645. Frisch 2, 414 (
aus Chytraeus
nomencl. sax. 210); man musz auch fleissig und gute waghälsz haben, die in kleinen und grossen hauffen, nach dem sie sehen werden was zuthun sey, auszzuschicken. Fronsperger
kriegsb. 2, 94
a; der führet sechzehen tausent, vierzehen hackenschützen, sampt treissig tausenten und eilff läuffern und waghälsen.
Garg. 200
b (316
neudr.); wurd darumb keinem gebotten so weit sich hinausz zulassen. etlich wenig waghäls können alle posten versehen. Balde
Agathyrsus vorr. A 4
a; da kroch ein wagenhalsz den wall hinauf.
frantzösischer kriegs-Simplicissimus (1682) 340; aventurier, heist bey der militz ein freywilliger, oder wagehalsz, welcher sich freywillig, oder um ein stück geld zu gefährlichen unternehmungen ... gebrauchen lässet. Zedler
univ. lex. 1, 2100.
andre appellativische verwendungen: waghals,
explorator nauticus. Dentzler 2, 340; '
der vorderste auf den pferden, die grosze schiffe ziehen.' Frisch 2, 414. 22)
dann erscheint wagehals
allgemeiner als '
tollkühner, verwegener mensch, der sich in gefahr begibt, der viel aufs spiel setzt'.
die wörterbücher geben meist diese allgemeinere bedeutung an: audax, frevenlich, wagenhalsz. Diefenbach
gl. 60
a (
aus Altenstaig 1516); waghalsz, gerüst und fertig oder gar geneigt zuo underston und sich zewagen,
projectus ad audendum, audens, audacia singulari homo. Maaler 483
b; Baldwin, ein waghalsz, keckerman,
audax, temerarius. Henisch 176; waghals,
parabolus, audaculus, projectus ad audendum. Stieler 738; wagehals, einer ders kühn wagt, der keine gefahr betrachtet,
a bold adventurer, a venturous fellow. Ludwig 2364; was aber rohe, rauchlose gewissen sind ym hauffen, wilche tolküne und wagehelsse heissen, mit den gehts alles plumpsweise zu, sie gewinnen odder verlieren. Luther 19, 624
Weim. ausg.; so liebt das glück die wenig hertzens, verstands und witz haben, ja es liebt die frechen wagenhäls, den das gefält, wagen gewint, wagen verleurt. S. Franck
morie encomion 60
a; ein wagenhals sein und es hinein setzen.
sprichw. 2, 90
b nach Wander 4, 1725; die leut haben auff erden nit gefahr genuog, müssen sich erst in das meere in grosse gefahr begeben und wagen, als rechte wagehälse, an allen orten gefahr, mühe und arbeit suochen.
Petrarche trostbücher 88
a; ich bleibe also bey der meinung, dasz die getraidesperre eben so nützlich sey, wie die confiscation der bücher, wobey schelme oder waghälse reich werden, ehrliche leute aber verlieren. Möser
patr. phant. 2, 50; einen waghals nennt man den kaufmann, der auf ein schiff sein ganzes vermögen ladet. Schiller 3, 490 (
kab. u. liebe 5, 5); kühngesinnten und wagehälsen genügte die küstenschiffahrt nicht mehr. Göthe 50, 166 (
zur naturwiss.).
in weiterer abschwächung bezeichnet wagehals
jemand von mutigem, verwegenem sinn, während der gedanke an die gefahr, der man sich aussetzt, mehr zurücktritt: es sey dan, das du dich findest eynen freyen waghals, auff das warhafftige und gewisse zusagen deynes gnedigen gottis. Luther 2, 176, 39
Weim. ausg. (
sermon vom gebet 1519); das thun nicht dy freyen geiste, dy wagehelsz, dy do menen, wasz sie thun, sey woll than. 9, 390, 29; ich würde ein verzweifelter wagehals seyn, wenn ich behaupten wollte, dasz Marigny gar keine fehler gemacht habe. Lessing 3, 265; so möchte derjenige gesprochen haben, der den Kritobulos, weil er den schönen sohn des Alcibiades geküszt hatte, einen wagehals nannte und dem jungen Xenofon rieth, vor einem schönen gesichte wie vor einer schlange davonzulaufen. Wieland 2, 194 (
Agathon 9, 4); Klärchen, von gewissen zärter, und schüchterner, wie billig, als ein junger feur'ger wagehals. 9, 207 (
Sixt u. Klärchen 2.
ges.).
auf abstracta übertragen: gleichwohl würde sie (
die kalte vernunft) noch heute nicht wagen, sich so keck zu zeigen, wenn diese beyden kühnen waghälse (
schwärmerei und enthusiasmus) ihr nicht den weg gebahnt hätten. Klinger 11, 93. wagehals gegen etwas: '. gott, wer von uns wird die leiche seyn!' setzt er hinzu, da er die stundenglocke ins gebetläuten tönen hörte; und griff sogleich zu einer darneben liegenden schlacht in der zeitung, um dreist zu werden, weil wol nichts den menschen so sehr zum kalten waghalse gegen sein todtenbette macht, als ein paar quadratmeilen, worauf ... ein tod nach dem andern liegt. J. Paul
flegelj. 1, 34. 33)
vereinzelt kommt im 15. 16.
jahrh. wagenhals
abstract vor für '
unternehmen, bei dem man den hals wagt, raub-beutezug'; an, auf den wagenhals ziehen
war wol herkömmliche wendung: der rapp mit seinem anhang ainsmals flog auszhin an den wagenhals. da macht er im ain seltsam nest, doch werets nit lang, das was das best. Liliencron
hist. volksl. 2, 134, 124 (1478); wan sy nichts mer hetten und die würt nit mer borgen wollten, zugen sy wider auf den wagenhals mer hab und gut ze pringen. Baumann
quellen z. gesch. des bauernkriegs in Oberschwaben 13.
auch concret gewendet kommt wagenhals
vor: die vorstatt, so man Wagenhals nennet.
chronik von 1595
bei Birlinger 424.
bei Basel ist Wag-den-hals
name einer halsbrechenden strasze. schweiz. idiot. 2, 1210. 44)
einen eigenthümlichen gebrauch als '
wagender hals'
kennt J. Paul: ich bin dir doch gut, kleiner, trotz deinem starren zwischen kopf und herz gebauten wagehals.
Titan 1, 92.