gosse,
f. , '
rinne', '
gerinne',
schwundstufiges verbalnomen zu gieszen.
das wort ist ursprünglich auf das md. und nd. beschränkt; das lautlich damit übereinstimmende norw. gota '
eingeschnittene rinne, falz, tiefe und breite furche nach [] einem bergsturz, trichterförmige rinne im feld' Torp 176
dürfte nicht mit gosse
historisch identisch, sondern unabhängige bildung zu gjóta
sein, vgl. auch 2gosse.
zuerst dat. pl. goton
in einer and. glosse des 11./12.
jhs. (
s. u. 1);
mnd. gote, göte, gate Schiller-Lübben 2, 136
a; 17
b; Lasch-Borchling 1, 2, 142;
mnl. gote;
nnl. goot, geut.
mundartl. nur im nd. gebiet einschlieszl. des ripuarischen: jos
rhein. wb. 2, 1309 (
rip.); gosse Hennig
preusz. 325.
gate, gat brem.-nds. wb. 2 (1767) 502; Richey
Hamb. (1755) 72; Mi
Mecklenb. 25; Dähnert
plattdt. 144;
gote Woeste
Westf. 83; Strodtmann
Osnabr. 75.
mit umlaut unter einflusz von göt '
gusz' (
womit gosse
im nl., z. t. im mnd., sowie im heutigen schlesw.-holst. und nordfries. zusammengefallen ist, vgl. gusz
teil 4, 1, 6,
sp. 1909)
und von göte '
schnabel einer kanne' (
formal von gosse
getrennt bei Doornkaat-Koolman güte: göte 1, 710
a, 668
a; Kück gœt: gt 1, 594; Richey gOete: gate
a. a. o.):
göt, göte rhein. wb. 2, 1309 (
niederfränk.); Doornkaat-Koolman 1, 668
a; Schmidt-Petersen 52
b; Mensing 2, 458; Kück
Lüneb. 1, 594 (
neben gt).
zum teil diphthongiert gaute, gäut bei Strodtmann
und Mensing;
unklar bleiben gräute Woeste 83
und gauske
bei F. Krüger: wann sonnen (
lampen-) silinder springt, dann sünd allemaol fif mariengrosken in de gauske smietten
Hempelmanns smiede (1883) 1, 129;
auch für gusz: gauskenwise '
guszweise', '
in güssen' (
vom regen)
ebda 145. —
die form gosse ist seit dem 14.
jh. in vorwiegend md. quellen bezeugt: (
die güter liegen zu Wissmar; es bebaut sie)
Henricus dictus offe der Gozzen (1315)
urk.-buch der stadt Wetzlar 1, 360; (
ein garten liegt)
apud cannalia dicta d gozze (1343)
ebda 1, 580; item 8 scot den, dy dy eyche felten zur gosse (1408)
Marienb. treszlerbuch 455
Joachim; das sie mit dem eysen das feuer schireten und reumeten bisweilen die gossen darmitte (
um 1475)
geschichtsquellen der prov. Sachsen 11, 26.
lexikalisch: gosze, troffe
stillicidium (15.
jh. obd.) Mone
anz. 7, 300;
lavatrina, aquarium, locus quo sordida aqua iactatur eyn gossen Trochus
voc. rer. promptuarium (1517) O 3
b; gosse, gossen Faber
thes. (1587)
s. v. incile 406
b,
latrina 435
b,
emissarium 511
a. —
von dem vorwiegend nd. wort zu trennen ist oberdeutsches 2gosse (
s. d.) '
trichter, eingusz',
auch '
gieszerei'.
bedeutung und gebrauch. über den bedeutungscharakter der dentalableitungen zur wz. gheu-
s. gieszen
teil 4, 1, 4,
sp. 7395.
als grundbedeutung von gosse
ist '
rinne', '
gerinne'
vorauszusetzen, dem vb. gieszen
in seiner intrans. bedeutung '
flieszen'
entsprechend; erst sekundär hat sich in der bed. '
ausgusz'
eine beziehung auf transitives gieszen
ergeben (
vgl. auch 2gosse
und goszstein).
gegenüber den anwendungen für '
abwassergraben', '
ausgusz', '
regenrinne', '
rinnstein' (
s. u. 1—4),
die als umgrenzte hauptbereiche der bedeutung hervortreten, ist der freiere, unspezifische gebrauch im sinne der grundbed. nur wenig ausgedehnt (5).
schriftsprachlich ist gosse
lediglich in der (
mundartl. schwächer bezeugten)
bed. '
straszenrinne, rinnstein'
allgemein durchgedrungen, wobei der übertragene gebrauch (7)
seit dem 19.
jh. breiteren raum einnimmt. 11)
abfluszgraben für ausgegossene abwässer, schmutzgraben; heute veraltet und in den maa. nur schwach bezeugt (
vgl. 2): (
in)
canilibus angoton (= an goton;
zu gen. 24, 20:
effundensque hydriam in canalibus, recurrit ad puteum, ut hauriret aquam)
ahd. gl. 4, 200, 32;
volutabrum ein groep of ein vuyl gote daer die varcken in wentelen Tortellius (1495) R
* 2 c; we dem anderen hor (
unflat) veghede in de goten, so dattet vor sine dore vlote, syn broke is 1 sch.
hanöv. stadtrecht 352
bei Schiller-Lübben 2, 136
a; wente de soghen schonen de perlen nicht unde wolen se umme myt dem drecke in de ghOeten, unde wat denne de su wolet unde rodet, dat motet or vercken entgelden (
Braunschw. 1514)
städtechron. 16, 311; sie hatten das pökel fleisch auf der gosze, vor unser keller luke in den koth auf einen haufen hingeworfen Joh. Chr. Müller
tageb. 1720 —72
in: pomm. jahrbücher 11, 77; (
zwei kater) wälzten mich zum überflusz noch in die gosse, so dasz
[] das schmutzige spülwasser über mich zusammenschlug E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 162
Gr.; dann trug sie (
des teufels groszmutter) ihn (
den rock des teufels) in die gosse, wo der ganze dicke höllenschlamm und das ganze spülwasser aus der hölle abläuft, zog ihn ein paarmal durch, weichte ihn tüchtig ein und wusch ihn in der gosse Volkmann-Leander
träumereien 35
Reclam. 22)
ausguszanlage in küche oder wirtschaftsräumen. 2@aa)
rinne oder röhre, die das abwasser (
in den schmutzgraben)
ableitet. im anschlusz an das vorige, durch übertragung der bezeichnung auf die neue einrichtung: ghate, dar dat vule water dor lopt
voc. Strals. bei Schiller-Lübben 2, 17
b; quod ... domini consules Lubicenses ... nostro conuentui Lubicensi illum aqueductum de nostra domo b(r)axatoria et coquina aquam deferentem, wlgariter ghote apellatum, sub choro nostro collocatum, ad plateam, que clocghiterstrate dicitur, effluentem ... contulerunt (1352)
Lüb. urk.-buch 3
nr. 147; und fanden eine stelle in der abezog der gosse, die ausz der kuche nach dem secret lieff S. Grunau
preusz. chron. 2, 373
Perlbach; so kömmt an die ecke der gosse, wo die köchinnen den unrath der küche hinzuschütten pflegen, ein ausgehungerter hund Schwabe
belust. (1741) 4, 436; in der folgenden nacht sah der küchenjunge, wie eine ente durch die gosse in die küche hineinschwamm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 46; da er den horcher zu seinen füszen fühlt, durchsticht er ihn forschend mit dem degen. er schleppt ihn fort, zerschneidet und kocht ihn und schüttet ihn durch eine gosse auf den mist, wo die schweine den körper verzehren Göthe I 42, 2, 430
W. 2@bb)
das ausguszbecken, der spülstein (
vgl. goszstein): gosze (
nicht überall gebräuchl.)
pro ausgusz Steinbach
dt.-lat. (1734) 1, 621; gosse
guszstein, spülstein, wasserstein Adelung 2 (1775) 752; guszstein, gosse
ein ausgehöhlter und durchlöcherter stein in der wand einer küche ... das unnütze wasser dadurch wegzugieszen Jacobsson 2 (1782) 176
a. 2@cc)
erweitert: abwasch- und ausguszanlage der küche, teil der diele, in dem gewaschen und gebutteret wird Mensing
schlesw.-holst. 2, 458;
spülküche (
nfrk., siegerl.)
rhein. wb. 2, 1309. —
von hier aus für milchwirtschaftsräume: gelasz der hofmeiereien, darin zu buttern, zu käsen und das geschirr zu waschen (
schlesw.-holst.) Martiny
wb. d. milchwirtsch. (1907) 46. 33)
rinne zwischen zwei gegeneinander geneigten dachteilen; dachtraufe; dachrinne und deren fallrohr (
mundartl. verbreitet):
stillicidium druppe, gote Diefenbach
n. gl. 348
b; gosze, troffe
stillicidium (15.
jh., obd.) Mone
anz. 7, 300; gosse von bley
eine rund gemachte bleyplatte, welche den wassern, die vom dach ablaufen, einen abflusz giebt Jacobsson
technol. wb. 5 (1793) 722
b; auch lies er neben oder unter dieser kirche einen gewölbeten trock machen, der eben so grosz als die kirche selbst; damit das wasser vom kirchen-tache, durch eine gosse, darein lauffen möchte
O. Dapper Africa (1671) 181
a; hier befand sich eine grube, in welche durch eine öffnung, die unten am mauerstück angebracht war, von der gosse das regenwasser flosz
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 2, 323. 44)
straszenrinne, rinnstein: incile canalis eine rinne oder gossen auff der gassen B. Faber
thes. (1587) 406
b; gosse
wird dasjenige gerinne genennet, daselbst auf der gasse oder auf einem anderen gepflasterten wege, das vom regen oder sonst zusammengelauffene wasser ... seinen ablauff hat allg. oec. lex. (1731) 846; gossen
gepflasterte rinnen von 1—1, 5
m breite, wie sie an straszen angewendet werden, wo der raum für seitengräben fehlt Lueger
lex. der ges. technik (1894) 4, 736; die gossen werden nur zweimal gekehret mit besen ohne stiel Patrick
tageb. in: jahrb. f. gesch., spr. u. lit. Els.-Lothr. 24, 159; worüber der alte kerl dergestalt zurückprellte, dasz er stolperte und in die gosse fiel
slg. allerh. auserl. moral. u. satyr. meisterstücke (1738) 2, 280; unser hut ist gestern in die gosse gefallen, sagte ein junge von dem hute seines herrn Lichtenberg
verm. schr. (1800) 4, 148; ich kann den steg nicht finden
[] über diese gosse A. v. Arnim
s. w. (1853) 16, 43; sie strauchelte bei jedem schritte, weil sie das pflaster nicht gewohnt war, und als wir an eine gosse kamen, hatte sie das herz nicht hinüber zu schreiten ... wir muszten schwebend sie hinüber heben Pfeffel
pros. vers. (1810) 2, 11; einer alten frau, die die gosse zur rechten hand hat, rennt er gegen den knöchernen arm Hebbel
w. 8, 252
Werner; viele ... landsturmmänner ... stürzten in die gossen und löcher Fontane
ges. w. (1905) I 2, 239; nun hatte sie schon alle frühjahr, wenn das eis trieb und der schnee schmolz, das grundwasser in die keller steigen, sämtliche gossen und kanäle der stadt übertreten ... sehen Cl. Viebig
wacht am Rhein (1902) 91. —
mit kontrastierendem nebensinn (
im hinblick auf den schmutz der gosse; vgl. den bildlichen gebrauch unter 7): die weiszen fahnen der mairien wurden in die gosse geworfen Gervinus
gesch. d. 19.
jhs. (1855) 8, 399; so helfe dir nun gott, tyrann! erstochen und erschossen! und abwärts durch die straszen rann ihr blut in allen gossen! Freiligrath
ges. dicht. (1877) 3, 165; war er doch selbst gelegentlich imstande, einen besoffenen tagedieb oder sein weibliches widerspiel aus der gosse aufzuheben Schröder
aus kindh. u. jugend (1934) 45. 55)
in freierer anwendung '
gerinne', '
kleiner wasserlauf'
: rinne, die man auf wegen zum ableiten des regenwassers macht, rinne im stall zum abflusz der jauche (
nfrk.)
rhein. wb. 2, 1309. —
wasserrinne auf wiesen: abfluszrinne (
ripuar.)
rhein. wb. a. a. o.; hölzerne berieselungsrinne Kück
Lüneb. 1, 594; sind die gedachten gräben beendigt und wenigstens von ihrer untern seite wagrecht beufert, so schreiten wir zur anfertigung mehrerer vertikallaufenden gossen Schwerz
prakt. ackerbau (1823) 1, 400.
hölzerne rinne als wasserleitung: hierzu (
um trinkwasser von einem nahen gebirge abzuleiten) machten sie (
die Mexikaner) eine gosse von zweifachen bretern und pfählen, zwischen welche man leim füllete, durch das meer hin
O. Dapper America (1673) 270
a. —
abflusz eines teiches: emissarium ein ausgang eines teichs oder sees, auslauff, ein gosse B. Faber
thes. (1587) 511
a. —
kleiner wasserlauf, bach: ich bin oft auf ihrer stillen höhe bey ihnen und wenn's recht regnet erinnre ich mich des rauschens der Leutra und ihrer gossen (1797) Göthe IV 12, 234
W. wasserader: dieses geheimnisz der natur hat seinen grund im unterirdischen feuer, dadurch das wasser, in tieffen gossen, unter der erde heisz gemacht wird Arnold
wahrhaft. beschreibg. (1672) 244. 66)
technische sonderbedeutungen. 6@aa)
röhre am pumpwerk (
bergmänn.): gosse
ist eine eiserne röhre, so an die thürelröhre durch einen pumpenstock befästiget Berward
interpres phras. metallurg. (1673) 18; gosse ...
werden die beyden hölzernen röhren nebst einer eisernen genannt, woraus der satz einer pumpe beym kunstgezeuge bestehet Jacobsson
technol. wb. 2 (1782) 141
b;
vgl. auch: woold-gaten '
die hölzernen röhren, durch welche das Weserwasser, von dem groszen wasserrade in Bremen, unter der erde in die stadt vertheilet wird'
brem.-nds. wb. (1770) 5, 285; gotenwerk
wasserwerk und was dazu gehört Lasch-Borchling 1, 2, 142. 6@bb)
ausgusztrog mit ableitungsrinne für das pumpenwasser (
bergmänn.; vgl. 2 b): gosze
ist ein höltzerner, auch ins gestein gehauener trog, worein das wasser von kunstgezeugen, pumpen, und wasser-zobern gegossen wird Minerophilus 308; Richter
berg- und hüttenlex. (1805) 1, 450. 6@cc)
im gieszerei- und hüttenwesen die abstichrinne, das abstichloch eines schmelzofens, das schlackenloch eines frischherdes: (
man setzt in die in sand hergestellte) rinne oder gosse das gossen- oder wischeisen ... ein Muspratt
chemie 2 (1889) 1290; der heerd ... wo das metall zum einschmelzen hingelegt wird, ist rund, mit einer kleinen neigung gegen das auge oder die gosse (coulée) ..., damit das metall besser und leichter abflieszt Hoyer
wb. d. artill. (1804) 1, 2, 186; gosse (
auch lachthol)
ist ein loch [] im frischherde, wodurch die schlacken (
lacht)
als frischschlacken abgezogen werden Jacobsson
technol. wb. 5 (1793) 722
b. 77)
bildlicher gebrauch im anschlusz an 4
zur kennzeichnung des schmutzigen, gemeinen (
wie etwa auch sumpf, pfuhl
u. ä.). 7@aa)
als sinnbild der verkommenheit: und den zartfühlenden oheim, der jetzt zu Berlin in der gosse liegt, kann ich nicht mehr des schnapses entwöhnen H. Heine
s. w. 1, 484
Elster; in den gossen Prags hätte er mich verkommen lassen sollen! H. Watzlik
der alp (1923) 211; sie (
die dirnen) werden bald in St. Lazare oder in der gosse enden
Munthe buch v. San Michele (1931) 160; kommt nicht dies einer wohltuenden unterscheidung gleich zwischen der höheren menschlichkeit des geschöpfes (
d. i. der dirne) und ihrem der gosse verfallenen, zum elenden gebrauchsgegenstand herabgesunkenen physischen teil Th. Mann
Faustus (1947) 245. —
ähnlich: zwischen einer buhle und einem beichtvater spielball zu sein, ist eine bedenkliche gunst: eine kleinigkeit, und sie lassen ihn in die gosse fallen H. König
klubisten i. Mainz (1847) 1, 229. —
in anderer fassung des bildes: in einem fiaker bringen sie den alten auch todtkrank und elend ... wer weisz, welche gosse über ihn ausgeschüttet wurde Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 8, 35. 7@bb)
zur bezeichnung niedriger gesinnungen, korrupter zustände, bes. im politischen bereich: so trübten auch die beiden schönen kinder, die noch der menschheit urgepräge trugen, mit ihrem glanze des palastes gossen, und störten in der giftdurchdrungnen welt das laster und den fluch in seiner ruhe Herwegh
Lamartine (1843) 6, 324; in Göttingen hat endlich die schlechtigkeit völlig die oberhand bekommen. die letzte wahl hat den boden ganz ausgestoszen, und alle winkel leeren sich ungeniert in die öffentliche gosse aus (1840) W. Grimm in:
briefw. (1885) 2, 33; mich verlangt nun zu sehen, was kommen wird, um endlich Österreich aus seiner schnarcherei in der gosse aufzurütteln (1845) Görres
ges. br. (1858) 3, 630; der ganz ungebildete und haltlose mensch (
Hitler) lernt politik zuerst unter dem gesichtspunkt der österreichischen antisemiten Lueger und Schönerer kennen, die von ihm aus der perspektive der gasse und gosse gesehen werden
V. Klemperer
l(
ingua)
t(
ertii)
i(
mperii) (1949) 185. —
anders: nun nimmt er seine eigene tribüne ... ein, bildet eine politische macht, das heiszt eine macht zur verfügung Dantons, welcher den ... ekelhaften menschen (
Marat), diese gosse für fremden unrath und doch ein talent der feder, ungern vorwies Dahlmann
gesch. d. frz. rev. (1845) 460.