gischen,
vb. ,
fermentare, spumare. seit frühnhd. zeit belegt, vgl. gyschen
spumare (
v. j. 1470) Diefenbach
ml.-nd.-böhm. wb. 256
und auch später ziemlich selten. den übrigen germ. dialekten, auch dem nd. und nl., ist eine entsprechende form fremd; irrtümlicher ansatz ist ergischen '
aufschäumen'
mhd. wb. 1, 536
a.
eng verwandtes geschen '
spumare'
erscheint etwas früher, vgl. gesschende
buch von guter speise (
md., 14.
jh.)
in d. zeitschr. f. dtsch. altert. 5, 13 (
s. hierzu nhd. gäschen
teil 4, 1, 1, 1431, geschen
teil 4, 1, 2, 3853),
wozu auch das subst. geschikeit Frauenlob 136
Ettm. gestellt wird. gischen
gehört zur idg. wurzel es- '
wallen, schäumen',
s. Walde-Pokorny 1, 208,
doch bleibt seine vorgeschichte und bildung im einzelnen dunkel; Pauls
erklärung, dasz gischen
aus gischt
retrograd gebildet ist (Paul-Euling 216),
hat gegen sich, dasz kein muster für die neubildung zu finden und gischt
später als gischen
belegt ist; so liegt es am nächsten, mit Moser (
beiträge 41, 479)
in gischen
eine onomatopoetische umgestaltung von mhd. jësen (gisen
mit g
und i
aus der 3.
sg. gist)
unter gleichzeitiger anlehnung an zischen
zu sehen; vgl. auch mnl. (15.
jh.) ghissen als most ocht jonc bier
bilbire Hoffmann v. Fallersleben
horae belg. 7 (1845) 16.
wie bei gisch (
sp. 7560)
finden sich formen mit langem stammvokal, vgl. gieschen Conradinus
ungerisch sucht (1574) 109, gieschend Heermann
unsch. Christmärtyrer (
um 1675) c 1
b, giescht (: erwischt)
ebda b 2
b;
dazu mundartlich gîschen '
zischend aufbrausen'
luxemb. ma. 146
b. 11)
in älterem sprachgebrauch synonym mit gären,
vor allem von der fermentation alkoholischer stoffe: der most ... gischet, scheumet, prodelt, gieret, praust und saust im fasse Mathesius
Syrach (1586) 1, 55
b: wann man so unsern saft vermischt, dasz er wol in der böden gischt, so wird er denn das bier genandt Tharäus
erberml. klage d. l. frau Gerste 50
b Bolte (
v. j. 1609); diese gemänge (
aus gesottener hirse) wissen sie dick und dünn, auch gischen zu machen Dapper
Africa (1671) 481
a;
so vereinzelt noch mundartlich, vgl. 'gischen
und giren,
gären vom weine' Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 196
b;
bildlich: so sehr auch bei dem ersten zuflusse protestantischer elemente das bisher ruhige katholische Fulda gor und gischte H. König
leben (1840) 1, 35 (
König stammte aus Hessen). 22)
in der allgemeineren bedeutung '
brodeln, schäumen, aufbrausen',
wobei häufig das akustische vorstellungselement heraustritt; als landschaftliches und poetisches wort in dieser bedeutung bis in die gegenwart lebendig, doch nicht eigentlich schriftsprachlich, vgl. mundartlich noch gischen, gisten
schäumen Schöpf
tirol. 191. 2@aa)
als aufwallen von flüssigkeiten, vor allem das von einem gemenge widerstrebender stoffe verursachte: solchen laim greifen die spiritus nicht an, den andern aber, der sonst zum verlutiren gebraucht wird, den greifen sie an, gischt immer und helt dann nicht sehr wol Ercker
mineral. ertzt (1580) 68
a; dieweil es (
das gold) dem gift von natur zuwider ist und dasselbige, so es in einem güldinen becher were, durch sein bräuseln und gischen gleichsamb verrätet Flitner
Sphinx (1624) 576; braun gemachte gischende butter Amaranthes
frauenz.-lex. 986; (
gutes salz musz) im wasser sich leicht, geschwind und ohne gischen zerlassen
Chomels öcon. lex. 8, 594
b.
vom schäumenden wasser häufiger erst seit dem ende des 18.
jhs., vorzüglich in gehobener sprache: das wasser ... drewet sich in einen wirbel, es scheumet und gischet J. Agricola
sprichw. (1534) z 8
a; dasz (
bei der meerfahrt) wind und strom um uns pfiffen und gischeten Kosegarten
rhapsodien (1790) 2, 62; das heult, gepeitscht vom sturm der angst, und schäumt und gischt dem offnen weltmeer gleich H. v. Kleist 1, 170
E. Schmidt; ein guszregen war herniedergerauscht, wallend und gischend schosz das sonst so ruhige wässerlein ... dahin L. Anzengruber
ges. w. (1890) 1, 1; die see, die see! wie gischt und schäumt sie! sie kocht! Gorch Fock
seefahrt ist not (1914) 195. 2@bb)
in speziellerer anwendung, meist poetisch; von schäumendem blut: (
fechterblut,) das einer sauft, wann noch desselben gischen aus dem verletzten schaumt Andreas Scultetus
bei Lessing 11, 198
M.; tiefgebohrt gischt unter der brust ihr die wunde Voss
Virgil (1799) 2, 260.
von schäumender milch: es gischt die milch der gäulen kuh so weisz als flockenschnee darzu Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 202; ich bring einen milchasch (
-topf) mit, der von fetter sahne gischet Triller
poet. betracht. 1, 622. 2@cc)
vor anstrengung, schmerz oder seelischer erregung wie neid, zorn schäumen oder geifern: sie habens alles trotziglich verachtet, unser gespott, und wie die bösen kettenhunde und gischende eber umb sich gebissen und gehauwen
theatr. diabol. (1587) 2, 247
b; ach, wie geiferts und gischet es (
mein töchterlein) mit seinem mündlein Herberger
hertzpost. (1613) 1, 281; das maul gischet ihm vor zorn Stieler
stammb. (1691) 610; fort, klepper, bis der schaum um zaum und zügel gischt Chr. Günther 2, 164
Kr.; so magst du denn vor neid und ärger gischen, philisterpack Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 6, 178; was nicht die mildeste mahnung hätte vollbringen können, der gischende eifer hatte es vollbracht L. v. François
frau Erdmuthens zwillingssöhne 231. 33)
bisweilen drängt das akustische bedeutungselement so entscheidend in den vordergrund, dasz gischen
synonym mit zischen
wird: unwillig, wie sich feuer gegen wasser im kampfe wehrt und gischend seinen feind zu tilgen sucht, so wehret sich der zorn in meinem busen gegen deine worte Göthe 10, 86
W.; raketen rauschten auf, kanonenschläge donnerten, leuchtkugeln stiegen, schwärmer schlängelten und platzten, räder gischten 20, 161.
schon seit früher zeit tritt daher gischen
gern zusammen mit reimenden schallverben auf, z. b.: da pfitscht und gischts und laut so fein Scheit
Grobianus 105
ndr.; zischet, gischet
bei Fischer-Tümpel 5, 31
b; es zischte und gischte in ihren adern W. Hauff
s. w. (1890) 2, 2, 25;
deshalb irrig als schallwort aufgefaszt: gäschen oder gischen ... ist ursprünglich blosz nachahmung des lautes, den eine gischende (
d. h. schäumende) flüssigkeit hören läszt Maasz-Eberhard
synon. (1818) 2, 162.