kerl,
m. auch kerle,
früher kärle, kerls, kerles, kerlis, kerli, kerlin
u. a., ein in seiner geschichte und seinem gebrauche gleich merkwürdiges wort, dessen sinn kurz zu bezeichnen unmöglich ist. II.
Geschichte und herkunft. I@11) kerl
ist nicht aus der hochd., sondern aus der mitteld. oder niederd. sprache entsprungen, denn I@1@aa)
ahd. hiesz es vielmehr charal, charel, charl,
in der bed. maritus, conjux, amator, s. Graff 4, 492. Schm. 2, 330;
selbst von thieren '
mares charala',
männchen, s. dazu c a. e. auch mit vetulus wird es einmal glossiert (
s. u. b)
und mit vir. Im mhd. sprachgebrauch aber ist das schon erloschen, obwol es im 12.
jh. noch sich findet (
s. wb. 1, 790
a), karl
und karle, charle (
aber starkf.),
als ehemann, geliebter; doch schon um 1200
wird es in den hss. entfernt, so wird in Wernhers
Maria 545. 862 (
Feif.) man
gesetzt für das urspr. charle,
in der von J. Haupt herausg. erkl. des hohen liedes, wo Christus der charl
der seele genannt wird, ändert das der spätere verbesserer in liep 124, 16. 129, 26. 145, 26.
es mochte nun gemein klingen, denn volksmäszig ist es gewiss länger geblieben. ob nicht bis jetzt? das hennebergische karl
Fromm. 5, 269
ist nur aussprache für kerl,
wie oft in md. mundarten (
vgl. u. kellnermeister).
aber das karl,
das Höfer 2, 117
aus Oberösterreich gibt ('
mit einem feinen a'), Lexer 157
aus Kärnten, scheint echt, doch nur neben kerl
und in der bed. gleich kerl;
ebenso in Baiern Schm. 2, 329 karl, '
zuweilen und mehr scherzhaft'
für kerl,
im obern Innthal karl, karli Schöpf 313,
vgl. Philanders karly
sp. 572 (
d).
es fand eine stütze an dem namen Karl,
der der nachkomme des ahd. charal
ist, mhd. Karl
stark und Karle
schwach (
vgl. ahd. auch 'charlon
amatores');
s. dazu sp. 218
und Wackernagel
Germ. 5, 346. I@1@bb)
auch altn. hiesz es karl (
mit nebenformen kall
und kar),
in der bed. mann und ehemann, auch greis (
vgl. ahd. '
vetulus'
vorhin)
; dazu karlkyn
männliches geschlecht, karldŷr
männchen von thieren, und sonst eine reiche weiterbildung. merkwürdig bes. eine weibliche ableitung, die in der bed. das m. karl
begleitet, kerling
f. weib, eheweib, altes weib (
s. Fritzner 347
a,
vgl. gramm. 3, 341. 2, 355),
eine bildung die nach schott. carling (carlin),
nordengl. carline,
weib (
verächtlich)
und altes weib auch das ags. entwickelt hatte. noch gilt dän. schwed. karl,
norw. isl. kall,
diesz auch schwed. dial. (
daher lapp. kalle,
vgl. sp. 572),
hauptsächlich als mann und greis. I@1@cc)
das ags. dagegen zeigt zwei formen, carl
und ceorl,
die auch in der bed. abweichen, obwol das nicht ursprünglich scheint. carl
ist mann, held (Ettm. 381), ceorl
mann, ehemann (
daher ceorljan
heiraten, vom weibe, wie vîfjan
vom manne),
wol auch held (
im Beovulf von königen),
bes. aber gemeinfreier, bauer, selbst unfreier (Grein 1, 159).
Diesz ceorl
nun steht für urspr. cirl,
wie das adj. ceorllîc
bäuerisch auch noch als cirlîc
erscheint (Ettm. 381),
und ihm entspricht denn unser kerl,
auch in der bed.: carl
und ceorl (cirl)
sind zwei schwesterformen éiner wurzel mit anwendung des ablauts, die bei uns sich auf die zwei hauptmundarten vertheilt haben, hd. karl
und nd. kërl.
Im altengl. zeigt die zweite form auch unsern vocal: cherl, cherel (
auch chel) Halliw. 244
a,
adj. cherlish (
ags. ceorlisc);
daneben chorle,
wie jetzt churl
bauerkerl, churly
und churlish
bäurisch, plump. Aber auch die erste form lebt noch: schott. carl,
in der bed. unserm kerl
entsprechend; nordengl. carle
alter mann (
auch älter schott.), carlish
bäurisch und hartköpfig Hall. 232
b;
auch noch carl-cat
der kater, wie schon ags. carlcatt,
und schwed. dial. kar-katt,
ebenso ags. carlfugel
männchen von vögeln, altn. karlfugl.
Wenn auch ahd. diese bed. männchen von thieren und greis durch je eine glosse glücklich bezeugt ist, so sieht man durch die karge überlieferung doch hindurch, wie das hd. wort ursprünglich mit dem nord. und ags. sich deckte; die bed. held ist zwar ahd. nicht bezeugt, aber gewiss war es als name Charal
urspr. so gemeint. das hd. wort sollte aber bald aussterben, nachdem es in einer bed. ausgelaufen war, die jenen sprachen fremd blieb (
geliebter),
sollte aber von Norddeutschland her neu ersetzt werden. I@1@dd)
alts. ist es nicht bezeugt, nach erl
darf man kerl
vermuten. mnd. kerel, kerle,
nnd. kerel, kêrl, kærl,
auch kerdel,
und kirl (Fromm. 2, 223).
altfries. (15.
jh.) tzerle, tzirle,
neufr. tzierl Richth. 865
b (
zu dem tz
s. sp. 4
u. c)
; auch Karl der grosze heiszt da Kerl
neben Karl.
nrh. kerle
rusticus im Teuthon., keirle
rusticus in der Cölner gemma v. 1507 Dief. 504
c.
mnl. keerle
rusticus hor. belg. 7, 13
b,
bei Kilian (
ende 16.
jh.) keerle, kerle, kerel.
Aber auch die andre form, mit a,
erscheint hier am Niederrhein, gewiss von alters her: nrh. 15.
jh. karle Mones
anz. 5, 238,
nl. kaerle Kil.,
nnl. karel.
sollte sie dem nd. immer ganz fremd gewesen sein? vgl. karsch sp. 230. I@22)
Für die geschichte der bed. ergibt sich aus dem angeführten, dasz es, soweit man sehen kann, zuerst den mann in seiner mannheit bezeichnete. daher in verschiedner wendung des begriffs mann überhaupt (
dem weibe gegenüber, daher auch geliebter),
ehemann; auf den kampf bezogen als ehrender name für den tapfern, rechter mann, held (
vgl.knecht 3,
lat. vir
mit virtus,
ἀνήρ mit ἀνδρεία).
von hier aus liesze sich wol auch die auffallende bed. greis fassen, wenn damit der alte mann urspr. von dem jungen ehrend als '
held'
angeredet war, ähnlich wie mhd. die alten kurz die wîsen
heiszen; in altschwed. gesetzen heiszt der groszvater karl (
RA. 476
anm.).
Die weitere entwickelung der bed. hat bestimmte geschichtliche ursachen, in der entwickelung der volksverhältnisse. der name kam wol urspr. dem freien manne zu, wie ein titel, gegenüber dem leibeigenen; dem aufsteigenden adel gegenüber ward er aber erst zur bezeichnung der gemeinfreien, der freien bauern, als standesname (
vgl. II, 7,
a, RA. 227. 282),
dann aber zu '
bauer'
im späteren sinne, theils als derb und ungebildet, theils als dienend, unfrei. so kam es, dasz in dem einen worte so widersprechende bedeutungen sich vereinigen. Diese wandelung des wortes mit den verhältnissen wird klar am ags. ceorl,
wie am altn. karl (
das jedoch von der niedersten stufe sich frei hielt),
sie musz aber nach den vorhandenen spuren bei uns, in Norddeutschland dieselbe gewesen sein. ein fast vollständiges seitenstück bietet in seiner entwickelung das wort baron,
urspr. mann, ehemann, held, gemeinfreier, adelicher (
den besiegten Galliern gegenüber),
s. Diez 45, Diefenbach
orig. europ. 250,
und wie verschieden sind doch jetzt baron
und kerl,
in England baron
und churl. I@33)
Wie kam nun aber das nordd. kerl
zu seiner nhd. verbreitung? es ist jetzt in allen oberdeutschen mundarten völlig heimisch, auch den südlichsten, im letzten Alpenthal; selbst aus den cimbrischen gemeinden am südl. abhang der Alpen, die schon seit jahrhunderten vom grundstock losgesprengt sind, gibt Schmeller 135
b kerl,
coglione (
einfaltspinsel). I@3@aa)
es war auch mitteldeutsch schon im 14.
jh., vermutlich aber von jeher: Tiberius, der alte kerl.
pass. H. 157, 5;
das kann schon in heutiger weise, als kraftwort für mann gemeint sein. ein zeugnis dafür gibt auch das bluotekirl
in der livl. reimchr. 4683
vom opferpriester der Sameiten; J. Grimm
myth. 33
legte es als '
ein altschwed. blôtkarl'
aus, das der dichter selbst nicht mehr verstand. aber das schwed. wort ist nur eine vermutung Grimms (
vgl. altschw. stafkarl
bettler, '
stabkerl', qvättokarl
räuber),
und da der dichter daneben bluoten
opfern (
s. u.blotzen 2)
mit bewusztsein braucht, wird er auch bluotekirl
einfach als '
opferkerl'
gemeint haben, wie noch jetzt in Livland z. b. postkerl
postbote, kirchenkerl
glockenläuter gesagt wird (
s. II, 7,
e). kirl
für kerl
ist der md. art gemäsz, und findet sich noch jetzt nd. (1,
d). I@3@bb)
oberdeutsch findet sichs schon um d. j. 1500
am Oberrhein, in der merkw. form körlisman,
in einem epigramm S. Brants
bei Zarncke
s. 157
a (
vgl. s. xxxv
fg.),
freilich nur in späterer abschrift erhalten: das kümbert und betrübt mich sehr, dasz mancher gern wolt sein ein herr und halt sich doch in aller sach so schlechtlich, knechtlich, übel, schwach, dasz wer ihn sihet, erkennen kann, dasz er ganz sei ein körlismann,
also mann niedern standes und niederer sitten, dem herrn
entgegengesetzt, wie ein md. voc. des 15.
jh. rusticus mit kerl
wiedergibt Dief. 504
c,
vgl. das nrh. u. 1,
d. aber auch diese zusammensetzung mit mann
ist nd.: wôr ên kerleman wert ên here, dâr geit it over de armen sere.
Reineke vos 5357,
das klingt wie ein sprichwort und scheint Brant
eben vorzuschweben; kerleman, körlisman
war wol gefühlt wie bauersmann.
Es reicht aber in den scand. norden hinein und zeigt da den urspr. edlen sinn von kerl:
altn. karlmaðr,
altschw. karmaþer, karman
mann, starker tapfrer mann, adj., karlmannligr
männlich, mutig, subst. karlmennska
f. tapferkeit; noch jetzt nordfries. karman
mann Outzen 153 (
entlehnt lapp. karman).
auch die Franken müssen die bildung schon gehabt haben, nach dem namen Karleman, Karalman (
altfries. Kerlemon).
umgekehrt nnd. manskerel
mann, mannsbild Schambach 130
a (
gegensatz frûensminsche). I@3@cc)
das scheinbar genitivische körlis
in Brants körlisman
erscheint aber im 16. 17.
jh. auch allein für kerl,
als kerlis, kerles, kerls: der trinkend kerles
Garg. 163
a, einen kerles 148
b, ein verwägener kerlisz Philander 2, 49, dieser kerls 2, 579. 583, einen nichtswerthigen kerls 2, 616; ein gut kerles. Schuppius 41; einem armen privat kerles. 115; ein rechtschaffener kerls. 644; einem kerles. A. Gryphius
seugamme 37; ein wackrer kerls.
Simpl. 1, 294; kerls! du bist nicht wol bei sinnen! Weise
kl. leute 238 (
cap. 14); wo will man jetzo wohl so einen karrels (
druckf. f. kärrels?) finden? Rachel 7, 546.
noch jetzt schweiz. kerlis,
mit einem plur. kerlisse Frommann 6, 396. 410. Gotthelf 10, 249 (
s sp. 580
unten);
schwäb. kärles Schmid 305,
auch in Thüringen der kerls (
z. b. in Ruhla),
also gewiss auch fränkisch. I@3@dd)
daneben der kerly Philander 2, 416 (ein tummelhafter kerly), dieser karly 746.
noch jetzt schweiz. kerli
m. Usteri 1, 145, Gotthelf 3, 33
u. o., im pl. kerli (
dat. pl. kerlinen);
dasz das entlehnt ist, zeigt noch die aussprache mit k,
nicht mit ch,
das einheimischen wörtern vorbehalten bleibt. s. weiter 4,
a. I@3@ee)
im 16. 17.
jh. ist neben kerl
herschend ein schwaches kerle,
z. b. bei Wickram;
bei Chr. Weise
beide fortwährend wechselnd: den kerlen (
acc.)
überflüss. ged. 1701
s. 399. 515, dem kerln 379, die kerlen
pl. 95
u. a. kerle
ist noch landsch., z. b. schles., laus., henneb., doch meist stark flectiert. die schwache form ist übrigens auch altfries. nach dem nom. pl. tzerlen,
auch nd.? vgl. 1,
d. I@3@ff)
der plural hat noch heute zwei (
oder drei)
formen, neben dem gewöhnlichern kerle auch kerls. den zweiten fühlt man als etwas derber oder kräftiger, aber beide sind oft in derselben gegend, bei demselben schriftsteller gebraucht, auch bei Göthe, Schiller, Wieland (
z. b. in einem briefe in Merks
briefs. 2, 94. 95
beide nebeneinander): kerls
bei Göthe
z. b. 8, 101. 42, 130 (
Götz), kerle 8, 173 (
Egmont); handfeste kerls Schiller
Wallenstein 1800 2, 215 (5, 2),
räuber 1782
s. 17. 19 (1, 2). 74. 75 (2, 3). kerls Lessing 1, 523; feige kerls. Schubart (1825) 2, 122.
auch kerles: das ist dir ein korps kerles!
räuber 2, 3 (2.
ausg. 1782
s. 73); drei kerles. Göthe 27, 121,
brieflich aus Rom, 4.
oct. 1786.
Daneben ein pl. kerl: die kerl Göthe 8, 39. 42, 49 (
Götz); es sind trefliche kerl. Schiller
Fiesco 1783
s. 99, ganze kerl
räuber 1782
s. 72. 80. 87 (2, 3); zehn junge rasche bauerkerl. Nicolai
S. Nothanker (1774) 1, 31. 38,
auch bei Heinse
Ardingh. 2, 18, Forster
reise 1, 159, Hippel
u. a.; schon im Simpl. (1684) 1, 240. 2, 128. 323
u. ö., Wellers
lied. d. 30
jähr. kr. 255. 256.
das mag von Oberdeutschen herrühren mit dem dort beliebten wegwerfen der endung, von Norddeutschen wol aufgenommen, als wäre es feiner. Jenes kerles
gibt schon Stieler 943
als pl. an (Steinbach kerle),
es steht z. b. im Simpl. (1684) 2, 407,
und schon im 16.
jh. braucht es Fischart: fünf kerles
Garg. 180
a (331
Sch.),
groszm. 28 (565), ihr reuterkerles 207
b (386); kärls Ayrer 305
a, kerls
Simpl. 1, 275. 529. Philander 1, 207. 426.
Diesz kerls
ist aber nichts als die rechte niederd. pluralform (
alts. kerlos?
ags. ceorlas,
nl. karels),
z. b. kerels
Lauremberg s. 123 Lappenberg (
in einer ausg. o. o. u. j. s. 91 kerles), kerls Soltau 2, 29. 100 (16.
jh.).
es ist noch jetzt eigentlich heimisch in Norddeutschland, wird aber auch in den mitteld. mundarten neben kerle
oft gehört (
wie mädchens, jungens, damens),
und hat sich selbst in oberd. mundarten eingenistet, z. b. im fränkischhenneberg. hört man auch kerls (karls, korls)
neben dem eigentlich heimischen pl. kerlich,
s. Fromm. 5, 269;
gebildete aber werden kerls
auch in Süddeutschland brauchen. Welches unrecht also, in gesammtausgaben von schriftstellern (
und briefwechseln)
das alles in 'kerle'
zu '
regeln',
wie es z. b. bei Schiller
geschehen ist; da wird durch schulmeisterliche überklugheit den worten ihr geschichtlicher duft mit plumper hand abgestreift. I@44)
Es ist wol klar, dasz wie dieser plural, so das ganze wort aus der niederdeutschen sprache stammt; die mitteldeutsche (
s. 3,
a)
hat höchstens die brücke bilden helfen, besonders zu vermuten ist das von der rheinischen. I@4@aa)
dadurch erklärt sich auch die oberd. formenverwirrung. Der sing. kerles (3,
c)
mag nichts als der nd. plural sein, den man mit übernahm und nicht erkannte; unterstützt ward die endung durch formen wie knirps (knirbes), knips (
s. dort).
dasz auch nicht oberdeutsche schriftsteller die form mit -s
brauchen, mag letzterm umstand zuzuschreiben sein oder einem vorübergehenden modewerden der form durch die romanliteratur; Gryphius
z. b. braucht in der geliebten Dornrose als schlesisch doch nur karle (a
als tiefstes ä).
Von dem sing. kerl
dagegen, den man ja auch hörte, legte man sich das l
als deminutive endung aus (
s. denselben fall u. kabelein),
daher das alem. kerli (3,
d),
deutlicher kerlin (
s. d.),
dem man doch dabei getreulich das masc. liesz; doch kommt wirklich auch das kerl
vor (
vgl. kerli
n. Gotthelf 2, 83
neben dem m.): das mich das kerl so hat geschossen. Ayrer 409
a (
schöne Phänicia),
von Cupido. ganz deutlich wird diese oberd. auffassung in einer anecdote bei Zinkgref: bei Schaffhausen begegnet ein handwerksmann einem vom adel, welcher zu ihm sprach 'grüsz dich gott, kärlein'. zu dem sprach der ander 'dank euch gott, junker wägelein' (
und sagt auf dessen zornige frage nach dem grunde) 'junker, ihr werdt ja ein par rädlein besser oder höher sein dann ich'.
apophth. Amst. 1653 2, 71;
der junker meint mit kärlein
handwerkskerl oder bursch, dieser aber legt wortspielend den karren
hinein, der nur zwei räder hat, der wagen
aber vier. I@4@bb)
dasz man anfangs in Oberdeutschland kerl
auch als niederdeutsches wort kannte, was an sich anzunehmen ist, kann die form Sachsenkerl
bezeugen: wir gedenken nicht (
in dem bevorstehenden kriege, schreibt Gargantuas vater an seinen sohn) .. wie graf Hug von Paris siben stroen Sachsenkerles mit wehr und harnisch in eim soff zuverschlingen. Fischart
Garg. 211
a (392
Scheible, cap. 32); die Pinzgäwer (
sind) kröpfig, weil sie faul wasser trinken, und die Sachsenkerles falbbärtig, weil sie bier saufen, die Franzosen
u. s. w. 212
b (396).
noch im 17.
jh. bei einem Baier: wer die allergröste gläser, becher und willkomb auszsaufen kan, der ist bei disen weingänsen der best, wer am allerlengsten .. mit saufen auszharren kan, der ist ein tapferer Saxenkerl. Albertinus
narrenhatz Augsb. 1617
s. 229.
eine zeche im Joachimsthal hiesz 'alter Sachsenkerl am Niclesberg',
s. Mathesius
Sarepta 1578
anhang x 2
a.
s. auch den Thüringer '
kerl'
unter kerlin.
Diese Sachsenkerles
entsprechen den 'wilden Sahsen',
die in der mhd. zeit in Oberdeutschland sprichwörtlich waren; der Niederdeutsche galt dem Schwaben, Franken, Österreicher damals für derb und handfest oder roh, aber auch für ehrlicher und biederer. gehört es als gegenstück hierher, dasz das oberd. bube,
knabe, bursch, im mittleren und niederen Deutschland fast nur für nequam, improbus gilt? I@4@cc)
die ursachen und den weg und die weise der einführung näher zu wissen wäre wertvoll für unsere innere geschichte im 15. 16.
jh.; nach Brants kerlisman
musz es um 1500
am Oberrhein schon fest gewesen sein, Frisch 1, 501
c bringt auch aus Keisersberg
narrenschiff bei: los, kärle,
audi bone vir; und doch ist es bei beiden noch nichts weniger als geläufig. aber in Wickrams
rollwagenbüchlein, um 1550
am Oberrhein geschrieben, erscheint es nicht selten (
z. b. 11, 24. 74, 18. 94, 3. 170, 8. 93, 17),
im heutigen sinne, obwol das ältere hd. wort dafür, gesell
noch vorherscht. Fischart
nachher braucht es oft; aber mir ist, als hätt ichs bei S.
Frank, H. Sachs,
auch bei Luther
nie gelesen, der es doch in der Wittenberger mundart oft hören muszte. im 16.
jh. mögen es norddeutsche landsknechte im süden oft haben hören lassen, wie an seiner ausbreitung im 17.
jh. gewiss der grosze krieg seinen theil hat. Seitdem etwa ward es allgemein in allen gegenden und mundarten (
wie kam es über die Alpen? s. 3
sp. 571),
und zwar in ausgedehntestem gebrauche festgewurzelt gerade beim niedern volke, nicht anders im hausgebrauch aller stände. das gebildete hochdeutsch verhält sich abweisend dagegen wie gegen einige andere nordd. wörter, die sich über Deutschland verbreitet haben, z. b. kriegen
accipere, wegen eines rohen klanges der daran haftet (
wie das nd. die kerls
derber klingt als die kerle),
kann es aber trotzdem selber nicht entbehren. auch hat es bei aller niedrigkeit doch seinen alten edlen kern bewahrt bis heute. I@4@dd)
noch ein paar formelle besonderheiten. Henisch 588
schreibt cärle, kärle, carel (
das ist nl., aus Kil.),
indem er es mit Carl
zusammenbringt; ebenso ist wol Logaus cärl
gemeint, das Lessing 5, 312
lobt, wie Frisch
es empfiehlt. auch Ayrer
hat kärl 305
a, Wickram, Keisersberg kärle,
wo ä
wol nur das tiefe ë
bezeichnen soll. Rachel 4, 202. 8, 290
schreibt kerrel (
vgl. u. 3,
c karrels),
es ist sein nd. kerel (
die tonsilbe halb lang halb kurz gesprochen, mit verweilen auf dem r);
so braucht Olearius
reiseb. 248
a die andre nd. form kehrl. IIII.
Gebrauch und bedeutung des nhd. kerl. II@11)
In seiner ältesten bed. als mann dem weibe gegenüber. II@1@aa)
als mann überhaupt gilt es norddeutsch noch in derber rede, dem dialect entlehnt: sie (
Julchen) reichte die hand ihm hin und sagte lebhaft 'halten sie mir das wort?' »poz narrn und kein ende! Jule, wenn du ein kerl (
mann) wärst, so schlüge ich dir davor an den hals«. Hermes
Soph. reise 6, 314. Frisch
citiert aus des Andreas, presbyter Ratisbonensis, chron. bavar.: Pipinio annunciabatur, quod illi ex pellice filius natus esset, his verbis 'vivat rex, quod Carolus est',
also ahd. charal
männliches kind? nd. auch als mann dem knaben gegenüber: 'büst du ôk'n kêrl?
du bist ja noch ein junge'. Dähnert 223
b. II@1@bb)
die bed. ehemann gilt noch in nd. volksrede, in Ostfriesland z. b. sind mann und frau kerl un wîf (Fromm. 4, 133),
und zwar ohne jede spur von verächtlichem oder grobem, das wir uns weg zu denken oder vielmehr zu fühlen kaum im stande sind. in Westfalen hört man frauen ihren mann zärtlich nennen mit 'mînen kärl' (Woeste
bei Fromm. 5, 172),
in Holstein sagt die hausfrau: mîn kêrl (
auch de wêrt,
wirt) is nig to hû
s. Schütze 2, 242.
ebenso nl. '
im niedrigsten stil' mijn karel (Weiland). II@1@cc)
in mitteld. und nordd. volksrede heiszen namentlich die jungen '
burschen'
so, wie oberd. buben, knechte
u. a., in ihrer eignen stellung zu den jungen mädchen, gleich frz. garçon,
mit dem man sichs hier und sonst oft am besten verdeutlichen wird: du bist (
nun) ein groszer kerl, du soltest dich beqvemen, zu deiner mutter trost bald eine frau zu nehmen. Picander 3, 347; warum verheuratet ihr sie nicht (
der bauer seine tochter)? 'je. es ist auch im werke. ich habe einen hübschen kerl für sie'. Weisze
kom. op. 3, 179.
eine um ihr kränzchen betrogene jungfer ruft: möcht ich wieder jungfer sein, wollt ich keinen kerl mehr achten! Lichtwer
fab. 3, 21.
Im 17.
jh. und noch später oft so bei den schriftstellern junger kerl
und auch kerl
allein: auch ihr kerl, die ihr mit solcher betrüglichen schnapphanerei (
gegen die keuschheit der mädchen) umbgehet, sehet euch vor ..
Simpl. 2, 128 (3, 23
Kurz),
Courage an die jungen männer; wann sie (
die mädchen) nachts in männerhabit auf der gasse mit vollen kerlen herumb grassieren. Riemer
pol. stockf. vorr.; hier find ich eines (
ein lied), das ist auf einen kerlen gemacht, der sich wider seiner eltern willen mit einem gemeinen menschen (
frauenzimmer) verlobte und darnach wenig gäste auf seine hochzeit kriegte. Weise
überfl. ged. (1701) 399; nach langen bitten sagte ich, der kerl hätte anderswo eine liebste ... hiermit erzürnete sich (
aus eifersucht) das gute mensch .. sie ward dem kerlen feind als einer spinne. 379,
es ist die rede junger leute aus dem gebildeten bürgerstande, höchstens mit einem leichten anflug modischer derbheit; ach beisz die kerlen vor zu tode, die mir nach meiner liebste stehn. 95.
wenig anders noch bei Lessing: ei! ich habe auf das mädchen (
sein mündel) so grosze stücken gehalten. sie wird doch nicht etwa mit einem jungen kerl — he? 1, 235 (
der junge gelehrte 1, 6),
als städtische sprache, wie sie das in nd. landen noch ist, nur kräftig gemeint, nicht derb oder verächtlich, und auch das kräftige darin entsteht dort nur aus dem gegensatz des hochdeutschen. Elisabeth von Orleans
schreibt aus Paris: man vexiert die junge kerls hier, dasz dieser oder jener verliebt von ihm ist.
briefe 39,
sie meint die cavaliere mit aus dem hofkreise ihrer bekanntschaft, les jeunes garçons,
hochd. urspr. die jungen gesellen.
aber auch kerl
schon im 16.
jh., bei einem Elsässer: es begab sich überlang, das ein lantzknecht in die statt kam, gar ein schöner, gerader, freidiger junger kärle. der hort von dieser wittfrauwen (
um die er dann freit). Wickram
rollw. 74, 18.
für das nd. ein paar proben aus dem 17.
jh.: tein derens löpen do (
damals) na enem schlechten (
geringen) man, tein kerels lopen nu fast ener fruwen
an. Lappenbergs
Lauremberg 123,
von freiern; help got, wo (
wie) geit it to, wat is dar al to kaken (
kochen), wen sik een kerel ins (
einst) wil bi een fruwe maken! wat is dar al to dohn, wen ene ripe deern schal van der mömen (
mutter) titt sik hen tom manne kehrn! 114,
von den mühen zur herrichtung einer hochzeit, fruwe
ist '
frauenzimmer'
überhaupt, deern
und kerel
jungfrau, junggeselle. II@1@dd)
daher in erklärtem verhältnis zum anderen geschlecht, wie schon ahd. charal
geliebter. bei den Sachsen in Siebenbürgen sind kerl
und dirne
die förmlichen ehrennamen für braut und bräutigam; die hochzeitbitter laden zur hochzeit ein mit der anrede: wir sind abgeschickt worden vom kerl dem bräutigam und von der dirn der braut
u. s. w. (
s. 2, 1187),
sie haben das sicher aus ihrer nrh. heimat mitgenommen, man musz das wort in ahd. oder ags. zusammenhange lesen, um diesz kerl
richtig nachzufühlen. Im mittlern Deutschland lebt es noch auf dem dorfe, in derber rede auch in der stadt, wo der liebhaber eines mädchens als ihr kerl
bezeichnet wird, in der stadt freilich mit dem vollen gefühl der kluft zwischen gebildeten und niederm volke: seid ihr wieder einem kerle nachgelaufen? ihr werdet nicht zeit genug ins lazareth kommen (
so fährt eine frau ihre magd an, die lange ausgeblieben ist) .. ihr werdet samt eurem kerle das brot noch vor den thüren suchen müssen. Gellert
lustspiele 1748
s. 297 (
d. loos in der lott. 3, 4,
später ist der ganze auftritt ausgefallen); einem kerle nachzulaufen und ihm alles zuzuschleppen! 298; nur betaure ich dasz meine komödie darüber in die brüche fallen wird, denn endlich war es entschieden worden 'dasz der kerl das mensch haben solle'. Lessing 12, 548; hat sie (
die mutter) dir jemals gesagt, dasz du dich mit jungen kerln schleppen sollst? .. und monsieur Hännschen?
Lieschen. ja, das ist kein junger kerl. 'was sonst?' mein vetter. Weisze
kom. op. 1, 127 (
liebe auf dem lande 1, 5),
sie meint offenbar kein liebhaber; so ists ihr endlich recht ergangen. wie lange hat sie an dem kerl gehangen! Göthe 12, 186; sie thuts nicht anders, sie musz immer ihren kerl haben; alles was sie ersparen kann, steckt sie ihrem kerle zu.
Ebenso in Süddeutschland. bair.: is dés dei kerl? hast du ietz kaen kerl? Schm. 2, 330 (
dazu das mensch
für mädchen, wie md., s. vorhin Lessing).
östr.: dö Sandl is haind mid iarn kearl ausgnga. Castelli 181.
auch in Tirol '
hie und da, in gröberem sinne'. Schöpf 313.
Daher nd. kærlsdull (
toll),
mannssüchtig Danneil 96
a. Dähnert 223
b,
oberlaus. kerlenmensch
n. von solchen frauenzimmern Anton 9, 6,
östr. kerlerei
liebelei (
wie menschern
von männern).
bei Rädlein 532
b die redensarten sich einen kerl auf der streu halten,
galan, substituten; sie braucht einen guten kerl, sie ist gar vollblütig.
noch sächs. kerl
für '
zeitweiliger liebhaber zum ersatz des bräutigams oder mannes'. II@1@ee)
in wunderlichem gegensatz dazu bedeutet kêrl
im Osnabrückischen auch castrat. Strodtmann 100.
wie geht das zu? II@22) Kerl
als echter tapferer mann, held. II@2@aa)
im 16.
jh. oberd.: dasz ich (
wegen Gargantuas herkunft) zu ruck auf die .. chronic verweise, allda ir .. werd unsers G. geburtstafel .. zu vernemmen haben, wie die risen, die siren, die recken, die kern, die kerles, die helden auf die welt kommen. Fischart
Garg. 25
b (33
Sch., bei Rabelais
nur les geans),
er rafft den chronikenstil parodierend alle ausdrücke zusammen deren er habhaft werden kann (
was ist kern?)
und setzt denn auch kerles
in alterthümelnd gelehrter weise, etwa wie jetzt recken.
ähnlich erwähnt es Mathesius
einmal: Philippi son .. welchen Daniel ein freien bock nennet (wie man die alten kriegsfürsten kerl oder freie hachen und habicht nennet) ..
Sar. 85
a (8.
pred.).
am merkwürdigsten bei Agricola
sprichw. 158
b (
nr. 264
in der erklärung): Tacitus der Römer schreibt von den Teutschen, das sie den zum herren und kerle gemacht haben, welcher am mannlichsten gefochten hat (
Germ. 7 reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt),
wol gleich '
kriegsfürst'
bei Mathesius.
Es muszte schon gegenstand gelehrter beobachtung gewesen sein, gewiss im anschlusz an den kaisernamen Karl,
durch wen zuerst? Frisch
citiert aus Scaligers
exercit. 266: Carolus prisca vox est, qua robusti fortesque viri designabantur.
aber schon Luther in seinem
namenbüchlein (1537): Karolus haud dubie est illud Saxonicum kerle, per e diphthongum .. est autem Kerle vir procerae staturae et grandis corporis.
Ebenso meint Fischart
seine 'Sachsenkerles'
Garg. 211
a (
sp. 573)
als derbe norddeutsche recken alter zeit (
vgl. altfränkisch kerl
unter 8,
i), 107
a nennt er Kerl
mit unter alten heldennamen (Kerle 190
Sch.),
beides nicht ohne die parodie, wie sie eine gebildetere zeit gegen alte reckenzeit übt. mehr spaszhaft klingt es, wenn er einen landsknecht so nennt; Gargantua tritt in Paris auf: da lief die ganze welt zu, ihn mit groszer wunderung zu begaffen, das schön troszbüblin, welchs einen kerles mit (
samt) dem spiesz hett hinweg tragen mö
gen. 148
b (273
Sch.).
Aber auch ganz ernst, mit der vollen schönen kraft des nordd. wortes: (
die ihr) nit glaubet, dasz ein kerlesz im andern steck. 191
b (354),
anrede an gewissenlose geldfürsten, die alle andern für nichts achten. die merkwürdige wendung erklärt sich wol durch einen spruch bei Lehmann: im sterblichen menschen steckt ein unsterblicher mensch, es steckt noch ein kerl in dem kerl.
floril. 1, 770,
also: die unscheinbare schale '
birgt'
einen groszen kern; die vorstellung entspricht der vom narren, kalbe, die '
im menschen stecken'. II@2@bb)
die bed. lebt noch in vollster kraft in nd. rede, wie Kilian
nl. kaerle, keerle
als vir fortis et strenuus erklärt: datt is noch'n kærl,
ein tüchtiger mann. Danneil 96
a; dát is'n kêrl!
bewundernd gesagt von vornehmen und geringen, '
der hat sich männlich (
oder gesetzt, rechtschaffen)
benommen'. Dähnert 223
a; gotts kêrl un noch ên! Schütze 2, 243; döwel noch mal! so nimmt sik en kerl ut! Groth
vertelln 2, 230,
von einem kraftmenschen, leiblich und geistig. s. besonders auch kerel un kein enne!
bei Schambach 56
b und Voss
unter 9,
b am ende. II@2@cc)
aber auch die md. und südd. mundarten kennen diesz kerl,
obwol es da gegen andre verwendungen mehr zurücktritt: östr. da Hansl is a kearl,
ein tüchtiger mann. Castelli 181,
und ebenso, mit einem gewissen tone gesprochen, überall, ja dás ist ein kerl!
vorarlb.: das gibt dann noch einmal einen kerle ab, dasz sich die leute darüber verwundern. Felder
Nümmamüllers 68.
schweiz.: und als der meister ihn (
Uli) noch lobte und ihn ermahnte so fortzufahren, so gebe er noch ein kerli ab, bekam er augenwasser. Gotthelf 2, 83,
Uli d. knecht cap. 8.
Daher bei schriftstellern, aus der sprache des volkes: zieht, wo ihr kerls seid!
Shaksp. Romeo u. Julie 1, 1 (draw, if you be men),
beim kampfe der bedienten. sei selbst ein kerl, aber achte einen andern kerl auch für einen kerl. Simrock
sprichw. 5559, kerl
in beiden bed. neben einander gebraucht, der gewöhnlichen und der nachdrücklichen, wie unter a bei Lehmann. II@2@dd)
aber auch in gebildeter rede, wenn sie die kraft der mundart herzuzieht, im 17. 18.
jh. jedenfalls noch häufiger als jetzt: wann einer zehen jahr auf dem fechtboden sich übte, so würde er dadurch kein kriegsobrister werden. aber wann er ein jahr oder etzliche in unterschiedenen feldschlachten gewesen ist, so kan er noch wol einmal ein kerl werden. Schuppius 268; ein kerl in duodez, ein narr in folio. Günther 492, '
als mann (
in seiner nachdrücklichen bed.)
klein, grosz als narr'; und hör, Puff, wenn du dich darüber kränkst (
über die untreue des mädchens), so bist du kein kerl. Hermes
Soph. reise 6, 529,
dás ist doch wol nur in nordd. rede möglich, wie folg.: nipp aus und werd ein Kord, der sich als kerl versuche! Voss (1825) 4, 139,
vgl. 141. 'als ein kerl'
gleich tapfer, tüchtig: der da hält (
seinen platz behauptet) als ein kerl,
loco non cedens. Stieler 943; reit dann als'n kerl, sagte der (
meklenb.) edelmann, dasz ich zeitig genug part (rapport) davon kriege.
Siegfr. v. Lindenb. (1790) 4, 249.
so dän. han stod sig (
stand) som en karl,
hielt sich tapfer. II@2@ee)
sehr gebräuchlich ist auch heute noch 'kerls genug', 'der kerl darnach'
u. ä.: er ist kerls genug,
il est assez capable. Rädlein 532
a; er ist kerls genug für sich, laszt ihn nur allein machen; und er (
der Russe) ist kerls genug, den Türken abzuführen. Göthe
mitschuld. 3, 1 (
handschr. von 1769),
wie helds genug (Lessing 2, 509), manns genug.
ähnlich: was zum henker, ist so wenig kerls an dem Woldemar? Sturz 2, 230,
kein andres wort und keine andre wendung käme der kraft und wirkung dieser nah, hier wie in andren wendungen trifft beim angeredeten kein wort so zum kerne wie kerl.
Ähnlich auch: er ist ganz der kerl darnach;
ironisch, du willst soldat werden? ja du wärst (mir) der kerl darnach!; er ist kein kerl darnach,
he is no man to that purpose. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716.
auch mit inf. (
vgl. Göthe
vorhin): er ist der kerl, das durchzusetzen!
oder mit rel.: ich bin der kerl, der von heut an so trumpfen wird, dasz aller lärmtrompeten mundstük verkrummen soll.
Soph. reise 6, 659.
diesz auch mit übergang in '
mann'
überhaupt: Basko ist kein kerl das nachzutragen. Göthe 57, 168 (1850 13, 206,
Claud. v. Villab.),
es ist nicht seine art. II@2@ff)
in alle dem klingt noch der alte begriff des helden nach, nur verschoben und herabgedrückt durch die wandelungen der gesittung; auch beim gebildeten kommt es zu tage, wenn in auszergewöhnlichen augenblicken die natur selbst durchbricht. oder wenn von alten zeiten die rede ist: solche kerle gibt es doch nicht mehr!; ein kerl von altem schrot und korn, ein kerl vom alten schlage. II@33)
Gewöhnlicher ist es in dieser bed. mit näheren bestimmungen, um mannheit, eine kernige, markige natur zu bezeichnen; die kraft des ausdrucks ruht dabei aber immer noch in kerl,
das durch die zusätze nur eine färbung oder sicherung seines begriffs erhält: nenen kaskern kerel eck nich wêt. Uhland
volksl. 448 (
s. karsch); der (
Hans Thurnmeir) berichtete mich, 'turner' wäre bei den alten ein junger soldat, ein tummelhafter wacker kerly, ein frischer junger gesell der sich in ritterlichen thaten ubete, daher thurnieren
u. s. w. Philander 1650 2, 416,
zugleich zu 1,
c (
das turner
mit seiner ableitung ist aber eine erfindung jener zeit); dannenhero diese schoristen, agirer, penalisirer heiszen, die sich aber under sich selber frische kerls, fröliche burschen, freie, redliche, dapfere und herzhafte studenten tituliren. 1, 426,
wie früher frischer knabe, knecht,
zugleich in dem sinne 4,
c, s. d.; du must ja ein verwägener kerlisz sein. 2, 49; es kämen von den soldaten keine tapfere helden und herzhafte kerl in himmel.
Simpl. 1, 187; bedachte erst der gefangene lieutenant, was er vor einen groszen fehler begangen, dasz er nemlich einen so schönen troupp reuter dem feind so unvorsichtig in die hände geführet und 13 so wackere kerls auf die fleischbank geliffert hätte. 1, 275; sieben junge tapfere kerle. Schuppius 149; du bist ein braver kerl und meiner freundschaft werth. Zachariä
renommist 6, 179,
sagt Raufbold nach dem duell zu seinem besieger; wenn es nur noch brave kerls wären! Göthe 42, 130. 8, 101 (
Götz); das musz ein braver kerl sein, der hat ihn ins bockshorn gejagt, er hat sich nicht getraut ihm die spitze zu bieten. 10, 102; ihre alten handfesten kerle hielten lange wieder. 8, 173 (
Egmont); stelle mich vor ein heer kerle wie ich, und aus Deutschland soll eine republik werden ... Schiller 107
a (
räuber 1, 2); du bist ein entschlossener kerl. 113
a; und ein kerl wie du (
der sonnenwirt) konnte das dulden? 710
a; dann verliesz er (
hauptmann Reiche) das zimmer. York aber sagte zu den zurückbleibenden 'das ist ein mordbraver tüchtiger kerl, den man immer nur halten musz, ich wollte sr. majestät hätte viele solche officiere'. Droysen
leben Yorks 2, 167. II@44)
Der begriff trat von manneskraft und mut über in tüchtigkeit aller art, auch sittliche, geistige, aber meistens so, dasz kerl
dabei etwas ausdrückt, was keinem andern worte möglich ist, eine markige einheit der natur. wer eine gediegene einheit seines wesens besitzt und in allem seinem thun äuszert, den nennt man einen ganzen kerl,
und kein anderer ausdruck kann das so aussprechen, es ist wol das höchste lob das die sprache für den mann als solchen hat; man sage er ist ein
ganzer mann,
und die eigentliche kraft des lobes ist halb verwischt: aber auch da, Clavigo, sei ein ganzer kerl und mache deinen weg stracks, ohne rechts und links zu sehen. Göthe 10, 104.
man sagt es aber auch wieder von einzelnen tüchtigkeiten, z. b.: er hat sich dem seewesen gewidmet und ist ein ganzer kerl geworden; wenn ich ein loch von achtzig jahren in die welt lebe, so kann ich schon noch ein ganzer kerl werden. Lessing 1, 248,
als gelehrter. Spiegelberg versteht es in seiner weise: bringst ja recruten mit einen ganzen trieb, du trefflicher werber!
Spieg. gelt, bruder, gelt? und das ganze kerle dazu! Schiller 117
a.
ähnlich rechter kerl,
homme comme il faut: s'ist doch ein schimpf für einen reitersmann schildwach zu stehn vor einem leeren hut, und jeder rechte kerl musz uns verachten. 534
b (
Tell 3, 3); ein rechter kerl sich dran spiegeln mag. 324
b (
Wall. lag. 7); ginge die sache durch mich, nun so machte ich aus einem armen schlucker einen kerl comme il faut. Hermes
Soph. reise 6, 588. voller kerl Voss (1825) 4, 141.
Auch tüchtiger, tapferer, braver kerl
u. ä. ist hier wieder im gebrauch: deswegen (
wegen seiner sternkunde und traumdeuterei) ist er (
der schäfer) auch von nachbarn allen gotssambt zu so einen straffen kerl gemacht (
dafür erklärt) worden. Schoch
stud. D 2
b. 2
a; soll man den hunger nach bedienungen (
staatsämtern), der jetzt überhand nimmt und so manchen tapfern kerl dem fleisze und der handlung entzieht, noch durch vorzüge und ehre reizen? Möser
ph. 1778 1, 151;
Hercules. wir hatten die bravsten kerls unter uns.
Wieland. was nennt ihr brave kerls?
Herc. einen der mittheilt was er hat, und der reichste (
in seiner natur) ist der bravste
u. s. w. Göthe 33, 287.
man sieht daran noch, wie der begriff eben vom alten heldenbegriff unmittelbar übertragen ist. man sagt aber auch steigernd prachtkerl, hauptkerl
u. ä., das volk mordskerl. II@4@aa)
geistig: er ist ein gescheider kerl,
besonders von mutterwitz, bon sens, scharfem verstand, aber wieder auch von tüchtiger einsicht in einzelnen gebieten: der kutscher ist ein gescheidter kerl, mit dem man noch abrede nehmen musz. Göthe 20, 32; sie halten mich (
Jarno) für einen gescheidten kerl, und sie sollen mich auch noch für einen ehrlichen halten. 20, 210.
ähnlich pfiffiger kerl, schlauer, kluger kerl.
In edlerem und höherem sinne, aber mit benutzung der naturwüchsigen kraft in kerl: mahler Müller ist wahrlich ein trefflicher kerl. Wieland
in Mercks briefs. 1, 145; immer ists dann auch noch freude sich ein halbdutzend tüchtige kerls und ein halbdutzend liebe weiber vorzählen zu können, die einem (
beim dichterischen streben) euge, bene! aus voller brust zurufen oder, was noch angenehmer ist, auf die man gerade die würkung thut die man thun wollte. 1, 239; niemand ist alle augenblicke bereiter als ich, das gute, vortreffliche, grosze, kurz alles was ein mann sein kann, an andern zu erkennen und gegen jeden herrlichen kerl sich (
mich) selbst für nichts zu achten. aber ... wenn ein starker kerl ewig seine freude dran hat andre zu necken und zu gecken (
wie Göthe), dann möcht ich gleich ein dutzend Pyrenäen zwischen mir und ihm haben. 1, 103; die würklich groszen herrlichen kerls, die neben mir und über mich emporgeschossen sind wie cedern Libanons. 2, 94; für solche kerls (
wie Göthe) hat man freilich keine ellen. Merck
das. 2, 63; ich erstaune, so oft ich ein neu stück zu Fausten zu sehn bekomme, wie der kerl zusehends wächst und dinge macht, die ohne den groszen glauben an sich selbst und den damit verbundenen muthwillen ohnmöglich wären. 3, 134; Schiller ist ein groszer kerl, ich lieb ihn heisz, grüsz ihn! Schubart
briefe 2, 47; nun streitet sich das publicum seit zwanzig jahren, wer gröszer sei, Schiller oder ich, und sie sollten sich freuen, dasz überall (
überhaupt) ein paar kerle da sind, worüber sie streiten können. Göthe
mündlich (
mai 1825)
bei Eckermann 1, 221.
es meint auch in diesen vertraulichen äuszerungen nicht einseitig geistige tüchtigkeit, sondern geistesgrösze als ausdruck einer groszen natur. so sagt man im gespräch von wissenschaftlichen gröszen wol, er ist ein bedeutender kerl, nein das ist ein einziger kerl.
ebenso frz. grand garçon. II@4@bb)
im sittlichen sinne und vom charakter: er (
der quidam) seie der unschuldigste kerl den man finden kan ... dasz sie mich oft nennen 'ein gewiss gut gesell, ein gut kerl, ein gut freund'. Philander (1650) 1, 251.
besonders diesz guter kerl ist eine der häufigsten verwendungen von kerl
und im wortschatz des lebens so unentbehrlich wie braver, ganzer kerl
u. a., die doch alle nach oben über eine gewisse linie hinaus heute nicht hoffähig sind: du guter kerl! Ettner
unwürd. doctor 333; er war des königs freund, das ist, er war ein gut kerles, bei dem der könig unterweilens sein herz ausschüttete. Schupp. 41; und haben mich für einen guten kerle gehalten. 810; wünschte einen guten kerln anzutreffen (
als gesellschafter). Chr. Weise
kl. leute 233,
es ist damals zugleich eine art gesellschaftlicher titel, wie früher biedermann,
mhd. guoter kneht; sonst dörfte wol der beste kerl kein fromm und treues weib mehr kriegen. Günther 437; hier hätten sie sehen sollen, wie dem guten kerl die thränen in feurigen kugeln von den wangen herunter rolleten. Möser
patr. ph. 1778 2, 38; mein diener (
wäre der dieb)? o! der liegt an einem sichern ort. er schläft. der gute kerl, er ist gewiss nicht schuldig. Göthe 7, 76 (
mitschuld. 2, 5); entschliesze dich (
zur ehe mit Marien), so will ich sagen, du bist ein guter kerl. 10, 104 (
Clavigo 4); und die erinnerung bis zu die (
so) guten kerls von pfarrers, die sie von so viel jahren pflanzten. Werthers
leiden 1775
s. 149,
später geändert bis zu den ehrlichen geistlichen,
hier noch als nachklang jenes titelgebrauchs, wie in der änderung das 'ehrlich',
ehrenwert. Auch 'guter kerl'
ist viel mehr als 'guter mensch',
es ist damit die güte als angeboren und die ganze natur durchdringend bezeichnet, und diese ganzheit gibt 'kerl'
hinzu; wie unter 4 ganzer kerl
in seiner art, so ist guter kerl
für güte das wirksamste lob das der sprachschatz bietet (
man denke sichs aber in einem sittenzeugnisse!).
Freilich macht es die eigne entwickelung des 'gut'
unter umständen zu einem zweifelhaften lobe, das mancher entschieden ablehnt, z. b.: wenn der hauptmann einen soldaten lahm schlägt, um einen guten kerl aus ihm zu ziehen. Möser
patr. ph. 1778 3, 381,
der nicht mehr widerspricht; sehr gebräuchlich ist auch 'guter dummer kerl'
als charakteristik. um das 17.
jh. aber hatte es noch ganz andere bedeutungen, sodasz das damalige 'guter kerl'
oft sehr schwer genau zu fassen ist; s. 5,
b. Auszerdem rechtschaffener, biederer, braver, gerader, ehrlicher kerl: ein rechtschaffener kerls, der etwas redliches studirt hat. Schuppius 644; ein rechtschaffener kerle. Weise
kl. leute 231; übrigens wäre sein (
Schönaichs) Hermann (
als held) ein rechtschaffnerer kerl als Miltons teufel. Schönaich
an Gottsched, in Danzels
Gottsched 370; als rechtschaffener kerl geh dreist nach Schwerin und verklag ihn. Voss
idyll. 1, 71; will doch gleich den nachbar fragen, war ein redlich kerl in alten tagen. Göthe 13, 63; ein braver kerl von echtem fleisch und blut ist für die dirne viel zu gut. 12, 105; grüszen sie ihr liebes weib ... von seiten des eckichten graden kerls. Merck
von sich selbst, briefs. 3, 149.
Besonders ehrlicher kerl,
grundehrlicher mann, ehrenmann, aber wieder auch für tüchtiger mann überhaupt: ich wolte den weg gehen, den ich manchem ehrlichen kerl gezeiget hab. Schuppius 4; zittern und entsetzen möchte einen ehrlichen kerl ankommen. Lessing 1, 233; bei dem (
major Tellheim) wirst du als ein ehrlicher kerl sterben können. 1, 557; gib Marien deine hand, handle als ein ehrlicher kerl, der das glück seines lebens seinen worten aufopfert, der es für seine pflicht achtet was er verdorben hat wieder gut zu machen .. Göthe 10, 104 (
Clavigo 4); o die verstellung und der leichtsinn der weiber ist so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes leben und einem ehrlichen kerl manche verdrieszliche stunde zu schaffen! 18, 180 (
Wilhelm Meister 1, 7
am ende); es wird in diesen jahren mit empfindungen und rührungen ein unfug getrieben, dasz sich ein ehrlicher kerl fast schämen musz gerührt zu sein. Claudius 4, 110; ihr brief ist mir eine grosze hülfe auf mein alter. denn da er mir ein attestat gibt, dasz ich ein ehrlicher kerl und ein homme d'esprit bin .. Bode
in Mercks briefs. 1, 201; neun zehntel von lesern sind gar nicht die leute, die einen ehrlichen kerl in dieser münze bezahlen können (
die rechte anerkennung zollen). Wieland
das. 1, 195; das dutzend ehrlicher kerls, das dann noch übrig bleibt, werden freilich freude an dem ding haben.
ebenda und oft, s. 1, 282. 400. 403. 2, 56. 167,
es hat noch den anflug eines gesellschaftlichen titels von älterer zeit her, s. vorhin sp. 578
mitte, und vgl. ehrlich 1. Einen ordentlichen kerl
nennt man gesprächsweise einen der '
ordentlich'
oder '
solid lebt',
nicht ausschweift. im 17.
jh. discreter kerl,
bescheidner: also (
räuberisch) machet es Simplex hier nicht, sondern liesze den redlichen frommen hausvatter .. unangefochten, wormit er gleichwol einen guten willen (
liebe), ein schönes lob eines discreten kerls .. bekame.
Simpl. 1, 280.
den edelsten gebrauch hat Lessing 2, 331
davon gemacht, er legt auf der bühne, im Nathan 5, 1
dem Saladin 'edler kerl'
in den mund, allerdings im selbstgespräch und von einem mameluken gesagt: sieh welch ein edler kerl auch das! wer kann sich solcher mameluken rühmen?
Nathan der weise 1779
s. 228,
seit der 2.
ausg. (1779) welch ein guter edler kerl,
zur füllung des verses; und doch klingt uns das wol allen als ein wagnis, das durch den zusatz guter
etwas verringert ist. 'ein nobler kerl'
freilich ist sehr gewöhnlich. II@4@cc)
von gesellschaftlichen tugenden, sog. persönlichen vorzügen, schon im 16.
jh. oberd.: was solt unser bruder Jan bei solchem fest thun als .. seinen hofman recht auszulassen und zu erzeigen, dann er der werdest und anmütigest kerles war, der in seiner haut und kappen stack. Fischart
Garg. 240
a (451),
er treibt höfischen scherz wie man ihn verstand, zum hofmann
taugte oder gehörte also ein werder
und anmütiger 'kerl';
darin berührt sich das nordd. wort mit dem begriffskreis des ritterlich höfischen, wie unter 2
mit dem des alten heldenthums, und auch das wert
ist noch ein stichwort aus der blütezeit des ritterthums her. so denn häufig bis ins 18.
jh.: der wächter war ein junger, frischer, wolbeschwätzter und wacker kerl, wie sie es dauchte. Philander 1650 2, 297; das die fraw ... jetz anhub und den feinen kerl mit der hand zu sich zoge.
s. 298; du bist ein stattlicher kerle worden. A. Gryphius 1, 872; er ist ein feiner kerl,
scitus et venustus homo est Stieler 944, ein artlicher kerl,
homo amabilis Steinbach 1, 848; er wäre wol in seinen jüngern jahren ein hübscher kerl gewesen. Möser
patr. ph. 1778 2, 38,
der bei den frauen glück gehabt. noch heute gesprächsweise hübscher, feiner, gewandter kerl;
aber auch hier äuszert das wort seine alte kraft, eine ganze persönlichkeit zu bezeichnen, es ist mit dem lobe oft zugleich eine tüchtige natur gemeint, die sich eben so äuszert. II@4@dd)
von fertigkeit und tüchtigkeit in einzelnen fächern: o, es ist ein tüchtiger kerl! ein jäger der funfzig meilen in der runde durch wälder und moräste alle fuszsteige, alle schleifwege kennt. und schieszen kann er! Lessing 1, 546; bei meiner treu .. sie sind ein kerl der es, hol mich der teufel, mit manchem cantor annehmen könnte (
zu einem musiker gesagt). 2, 441; lasz nur deinem sohn seinen willen, es wird gewiss in jedem fach ein tüchtiger kerl aus ihm; sein meister wird schon einen brauchbaren kerl aus ihm machen.
auch hier ganzer kerl, braver kerl,
s. oben Mösers tapfern kerl
im handlungsfach (
sp. 577
unten). II@4@ee)
blosz körperlich. kaerle
allein erklärt Kilian
auch als '
vir procerae staturae et grandis corporis',
wie wörtlich schon Luther
unter 2,
a das nd. kêrle.
ähnlich noch Göthe
im Götz: abt von Fulda. ja, wenn ihro majestät nicht bald dazu thun, so stecken einen die kerl am end in sack.
Liebetraut. dás müszt ein kerl sein, der das weinfasz von Fuld (
den abt) in den sack schieben wollte! 8, 40 (
dafür ursprünglich ein elephantischer ries 42, 49),
doch ist da die nähere bezeichnung als grosz, stark blosz verschwiegen und andeutend durch betonung ersetzt. sonst immer mit bestimmungen: und der ('
philosophisch',
d. h. nach Rousseau erzogene) knabe ward recht grosz und stark und hatte muskeln die einen ganzen kerl zeigten. Möser
patr. ph. (1778) 3, 246,
darin klingt doch das nordd. kerl
als starker kerl nach. ein starker, robuster, handfester kerl, ein kerl wie eisen
u. a., ein groszer, langer kerl, ein kerl wie ein baumstamm, ein stämmiger, ein vierschrötiger, fester, derber, dicker kerl: was du gewachsen bist und was für ein kerl geworden!; ist fast ein kärl in meiner grösz. J. Ayrer 305
a; grobe starke kerl. Olearius
pers. rosenth. 7, 20; ein corpulenter kärle. Schuppius 615; es hat kein knecht ein halb jahr da ausgehalten und wenn er auch eine eiserne gesundheit gehabt hätte. die stärksten kerls hat herr Lelio im wendischen miethen lassen, aber was halfs? das frühjahr kam, weg waren sie. Lessing 1, 487; gesunde kerl mit karbatschen. Fr. Müller 2, 20; ein kerl von sir John Falstafs corpulenz.
Münchhausens reisen (1822) 86.
wieder ist hier kerl
das einzige wort, um körperliche kraft, gesundheit, frische schlagend zu bezeichnen, und gilt gesprächsweise so in allen ständen. schon von kindern, selbst neugebornen, heiszt es, um sie als gesund und kräftig zu rühmen 'es ist ein derber kerl',
s. 10. 11.
Noch einige fälle von kerl
mit besonderm nachdruck oder lob in allgemeinem sinne. II@4@ff) 'es steckt noch ein kerl in dem kerl',
s. 2,
a am ende. Schubart
schreibt vom Asperg über seinen sohn: der Ludwig .. ist mir vom herzen abgezapft. was das für ein kerl wird! weib, freue dich seiner.
briefe 2, 167,
er meint gewiss die gesamte entwickelung zur tüchtigkeit und der ausdruck ist so ganz gewöhnlich. vgl. ganzer kerl
unter 4. II@4@gg)
von stand, einflusz, bedeutung: ich aber zog mich feiertäglich an, umb dem doctor zu weisen, mit was vor einem vornehmen kerl ers zu thun kriegte.
Simpl. 2, 385; einen kerl aus einem machen,
ihm zu brod und ehren helfen, to make one a man. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716
sp. 1009,
also bloszes kerl;
derwisch. könnt ich nicht ein kerl im statt geworden sein, des freundschaft euch ungelegen wäre?
Nathan. wenn dein herz noch derwisch ist, so wag ichs drauf. der kerl im staat ist nur dein kleid. Lessing 2, 207. II@4@hh)
vielseitig verwandt wird das beliebte 'ein anderer kerl',
mit besonderem tone bald auf ander,
bald auf kerl: ja, liebs bäsgen, sagte darauf mein weib, ich habe ehemalen, wie ich noch in deinem stand war (
jungfer), ebenmäszig vermeinet wie du! aber da war mein mann ein anderer kerl als jetzt! damahl liebte er mich über alle schätz der welt, jetzt aber seufzet er nur nach seinem verlorenen geld.
Simpl. 2, 370; ich nähme nicht funfzig doublen dasz ich (
dafür) nicht soldat gewesen wäre. man ist ein ganz anderer kérl, man wird frischer, lustiger, gewandter, kann sich in alles schicken und weisz wie es in der welt aussieht. Göthe 11, 11 (
Jery u. Bätely); ich wollte dasz ich zehn jahre hintereinander nichts als geschichte studiert hätte. ich glaube ich würde ein ganz anderer kérl sein. Schiller
an Körner 1, 57,
i. j. 1786; Fortuna weint vor ärger, es rinnet perl auf perl. 'wo ist der Schreckenberger? das war ein ándrer kerl'. Eichendorff
ged. 132; sie hatten den kindern auch zu der einbildung geholfen, dasz was sie in den schulen lernten, die hauptsache sei und sie zu andern kerlissen machen werde, als die eltern. Gotthelf 10, 249; hast du den neuen helden schon spielen sehn? 'ja, das ist ein ánderer kerl (
als der alte)'; wenn dér unter den leuten fortkommen will, musz er erst ein anderer kerl werden. II@55) Kerl
ohne lob für mann oder mensch überhaupt, aber als kraftwort, mit gesuchter derbheit, wie sie gewisse lebenskreise immer, zuweilen ganze zeiten lieben, so das 17.
jh., in dem derbkräftige persönlichkeit alles galt, und die sturm- und drangperiode des vorigen jahrhunderts. II@5@aa)
oberdeutsch schon im 16.
jh.: er sagt, masz und ziel des trinken sei, wann der trinkend kerles .. die nestel, haften und kneiflein (
knöpfe) auftreibet
u. s. w. Garg. 163
a (303
Sch.),
gleich '
der trinker'; liebe gesellen, mit sorgen, der kerl will uns erworgen. 49
b (79)
aus einem schlemmerliede; 'störz den kerl',
name eines biers. 59
b (98); wann er ein seil gefaszt hat, kontens im fünf kerles nicht ausz der hand zwingen. 180
a (331); ach die kärls möcht ich wissen gern. J. Ayrer 305
a (
Val. u. Urs. 4).
vermutlich ist es schon da als kraftwort gemeint, wie wir es heute empfinden, man dachte wol an Sachsenkerl
sp. 573.
wie aber im nd.? z. b. it wolden dre kerls einen hasen fangen. Uhlands
volksl. 630; in ein französisch kleed kan men loseren kuem een eingen düdschen kerl. Lauremberg 3, 52. II@5@bb)
besonders war gänge und gäbe guter kerl,
in anderm als dem heutigen sinne (4,
b),
und zwar in verschiednem: wir kamen noch vor nacht zu unsern gesellen, da ich .. sechs gute kerl auslase, die das brod heim tragen solten helfen.
Simpl. 1, 240,
es handelt sich um einen kecken streich; wen een goet kerl vör er afnahm den hoet un er ut höfflicheit eenen goden morgen boet ... Lauremberg 2, 151,
hier im verhältnis zu frauen, kerl
zugleich nach 1,
c gemeint; ein guter kerle der in der sonne reisen musz, kan auch nicht davor, dasz er ein garstig gesichte bekömmt. Weise
überfl. ged. (1701) 388.
es entspricht da dem frühern guter gesell,
das noch im 16.
jh. und schon mhd. (
hier auch guoter kneht)
wie eine art gesellschaftlicher titel (
vgl. ehrlicher kerl
sp. 579)
den rechten mann, besonders den frischen jungen mann bezeichnete, etwa '
flotter bursche',
auch '
lebemann'; kerl
trat als auffrischung und verstärkung an die stelle von gesell, knecht (
s.knecht 3),
nicht nur hier. Es ward aber auch ironisch gebraucht, wie gewöhnlich solche gesellschaftliche titel (
z. b. biedermann, ehrenmann,
auch ehrlicher kerl),
schon im 16.
jh.: (
während in einem schiffbruch alle sich nach bretern umthun) so facht der guot kerle auch an, mit lauter stimm zuo ruofen 'o du heiliger sant Christoffel, hilf mir'
u. s. w. Wickram
rollw. 11, 24; der guot kerle war angsthaft und sagt .. 94, 3,
es handelt sich um einen wunderlichen tollen und dummen streich, man musz das ganze nachlesen, es ist auch bedauern dabei; dem guoten kerle was jetzund die omacht wider vergangen. 170, 8,
hier ist bloszes bedauern darin, doch nicht ohne schadenfreude; damit hat der gute kerl seine abfertigung.
Simpl. 4, 358
Kurz, schadenfroh spöttisch, ebenso 355, 11
u. o.; wann stellt sich Nickel ein? der gute kerrel prahlet als wie ein grafenkind. Rachel 4, 202.
selbst von einem verbrecher unterm galgen: mein engel, fluche nicht der starken grausamkeit, womit des henkers hand dem guten kerlen dräut. Günther 553; da sprang der gute kerl, ein dankgebet zu weihn, dem nächsten tempel zu. 554,
nach der begnadigung, es scheint nur bedauernd gemeint, wie der arme tropf
ebenda, heute der arme kerl (8,
b),
vgl.: die esel (
die reichen kaufmannssöhne) wissen ein theil nicht, wie sie gute arme kerl neben sich gnugsam verachten sollen. Schoch
stud. L 8
b,
reiche studenten die armen (arme
pauperes, nicht miseri).
freilich schon mhd. sprach auch guot
allein bedauern aus. II@5@cc)
im 17.
jh. ist kerl
sehr beliebt: hergegen kamen viel monsier, frembde kerl, närrische thier, ausz Spanien her und ausz Welschland, theils ausz Flandern und Braband (
nach Böhmen). Weller
lieder des 30 jähr. kr. 255; einr hiesz don, der ander signor, je gott, wie giengen die kerl empor, einr ritt stattlich, der ander fuhr. 256;
Pickelhering. studenten, sind das nicht caldaunenschluckers? seind es nicht kerl, sie gehn straff gebutzt? so pflastertreter
u. s. w. Schoch
stud. B 7
a; alle welt verwunderte sich ab des kerls wunderseltzamen beginnen. Philander (1650) 1, 303; hinder diesen stunden etliche mürrische unwillige kerls, die klageten wie sie leiden müszten (
in der hölle). 1, 207; der mongsiour (ich meine es seie des kerls name gewesen). 2, 207; als das liebe weib den unverhofften trost eines frembden kerls hörete. 2, 295; die kerls brachten vor, das ich Philander .. ein gesichtenbuch geschrieben. 2, 517; schnapps zween kerls hinden an mir und hielten mich bei den armen. 2, 576; umb das fewer lagen eilf kerls, theils gekleidet als Wenden.
das.; ich glaub, der kerls hätte sich selber entleibet, wo er seiner hände gebrauchen können, nur des schmerzens zu entkommen. 2, 583,
und sonst sehr oft, wie auch im Simplicissimus; er (
der regimentscaplan) ist der herr dicis et non facis, das ist auf teutsch so viel geredt als ein kerl der andern leuten weiber giebet und selbst keine nimt.
Simpl. 1, 187; dieser kerl konte aller thiere stimmen nach machen. 1, 242; vor keinen bürgerskerl konten sie mich nicht schätzen. 1, 521,
zugleich zu 1,
c; zu zeiten bei dem marquetendern mit den kerln (
soldaten) ein masz wein trank. 2, 124; der Simplex und der Springinsfeld, die kerles haben beid kein geld. 2, 407; einem frembden kerle. wann der kerle widerkomme. Schuppius 117; wann hat ein könig .. nit mittel, einem armen privat kerles fortzuhelfen? 115; ein kerle .. welcher etwa vor diesem bei ihm durchgereiset und ihn kennen lernen. Riemer
pol. stockf. 31; 'was ist er vor ein landsmann?' er ist ein unbekanter kerle. Weise
überfl. ged. (1701) 496; o nein, ich erschrecke vor keinem solchen kerln, ich hab sie vornehmer vor mir gesehn. 503; halt den kerlen nicht länger auf. 515.
Die wenigen beispiele zeigen doch, dasz der gebrauch ausgedehnter war als heute. Schuppius
hat gewiss recht, wenn er auch fürsten ebenso reden läszt: fürst Ernst habe .. aus dem fenster gesehen und gefragt, wer der kerl sei der da gehe. 9; da wohneten ritter des teutschen ordens. der käiser sagte zu mir? was sind das vor kerle? 76;
vgl. Elis. Charlotte v. Orl.
unter 1,
c. und umgekehrt ward es auch von standespersonen gebraucht, im Simpl. z. b. meldet in einem adelichen hause ein stallknecht der frau vom hause: 'euer gnaden, den pferden nach ist der kerl wieder drauszen vorm thor, der vor einer halben stund im schlosz war. er redet mit dem meier, thut sich vor euer gn. vettern aus und begehret mit e. gn. zu sprechen'. 2, 235 (3, 294
Kurz),
es ist aber ein junker der als freier kommt. auch mit 'dame'
zusammen: und endlich möcht ich wol von einer damen wissen, warum man mich nicht will wie andre kerrel küssen? hab ich nicht mauls genug? verhindert sie der bart? hab ich der baisemains und meines huts gespart? Rachel 8, 290,
so beklagt sich '
ein braver (
tapfrer)
capitain', kerl
zugleich als garçon (1,
c),
einer der den damen den hof macht? gewiss hat an dem allen die soldatensprache des kriegerischen jh. ihren guten theil. übrigens hat es sich ziemlich so fortgepflanzt ins 18.
jh., ja bis jetzt in kreisen, wo eine kräftige oder derbe persönlichkeit das maszgebende ist. II@5@dd)
als kräftiges mann
zeigt es sich besonders deutlich in dem gebrauch von ein kerl
für das unbestimmte subject man,
im nd. noch jetzt: wô en kêrl fallt, dâ kann en kêrl upstâ
n. holst. sprichw. Schütze 2, 242; en basch (
barsch) wôrd holt en kêrl vun de dör. 243,
und so oft in nd. sprichwörtern, wo in hd. gewöhnlich einer
steht. früher auch hd., und vielleicht noch in volksrede: wie musz es ihm (
sich) ein kerl lassen so sauer werden! Schoch
stud. B 6
b,
Pickelhering von sich selbst; wie närrisch lebt ein kerl doch in der welt, wenn er erst in das garn der liebe fällt. B. Neumark
in Hoffmannsw. und and. Deutschen ged. 1, 387.
auch ein ehrlicher kerl
u. ä. (
s. sp. 579)
klingt manchmal nur wie starkes 'einer': eine gelehrte frau! bedenken sie doch! .. zittern und entsetzen möchte einem ehrlichen kerl ankommen. Lessing 1, 233 (
jung. gel. 1, 6),
im munde eines bedienten; es war wol mit ein guter kerl
im 17.
jh. ebenso, s. z. b. Weise
unter b. II@66)
Der heutige gebrauch von kerl
für mann
überhaupt. wie es in die sprache der höhern dichtung und in höhere prosa eigentlich nie zutritt erhalten hat, so ist es auch in der sprache der gebildeten gesellschaft der theorie nach verpönt als niedrig, ja gemein. in den fällen unter 2. 3. 4
und in den unter 8
u. s. w. folgenden empfinden wir vom standpunct der theorie aus ein durchbrechen der schranke, die uns vom niedern volke trennen soll. aber das leben sorgt dafür, dasz es alle welt trotzdem braucht. II@6@aa)
wo die umstände ein gänzliches absehen von gesellschaftlichen beziehungen mit sich bringen. wer z. b. einen nackten mann sah, wird gesprächsweise sagen, er habe einen nackenden kerl gesehen,
ohne dasz notwendig an einen mann aus niederm stande gedacht wird. ein mädchen, dem abends ein fremder mann seine begleitung anbot, wird erzählen, in der entrüstung auch ein gebildetes, ein kerl
habe sie angeredet (
freilich mit anklang an bed. 1).
wer im finstern einen unbekannten menschen trifft wo er ihn nicht erwartet, wird im bericht davon ihn leicht einen kerl
nennen; männer von ungewissem herkommen, von verdächtigem aussehen werden meist so genannt, furcht und geringschätzung machen sich mit luft in dem alten kraftworte; s. weiter 8. II@6@bb)
ähnlich für mann, mensch
rein körperlich oder persönlich gefaszt. bei der stellung zu den soldaten wird sich auch ein gebildeter wol darüber äuszern, '
dasz man sich so am ganzen kerl
untersuchen lassen musz'. wie wird mir! Hiobsartig, beul an beule der ganze kerl, dems vor sich selber graut. Göthe 41, 331,
Mephistopheles am schlusz des zweiten theils vom Faust. ähnlich Werthers klage von sich selbst: o! wenn da ... der ganze kerl vor gottes angesicht steht wie ein versiegter brunn! 16, 130,
der blosze mensch, aller selbstgemachten zuthat entkleidet, dem prüfenden gotte gegenüber, das selbstverachtende darin liegt in den umständen, nicht im ausdruck. die alte unersetzliche kraft des worts offenbart sich da in einem neuen lichte. II@6@cc)
von leuten die auszer den gesellschaftlichen verhältnissen stehn: Götz. o kaiser, kaiser! räuber beschützen deine kinder. die wilden kerls (
zigeuner), starr und treu! Göthe 8, 151; da ist der fehler, da sitzt es eben! sobald die kerls wie wilde leben und nicht bethulich und freundlich sind. 13, 68
im fastnachtsspiel vom pater Brey, das wort war ihm in jener zeit, wo er sich mit seiner kraft auch gern auszer der gesellschaft stellte, sehr geläufig und den kraftgenies jener periode ebenso; Göthe
hat es aber vertraulich immer gern gebraucht, es bezeichnete ihm wie kein anderes die urwüchsige ganze '
natur'
am menschen. von räubern: die kerl flogen wie pfeile. Schiller
räuber (2.
ausg.) 87; meine kerls verstanden mich schon. 75. II@6@dd)
bei einem ausbruch der natur, der aus den gleisen der bildung heraustritt, braucht man es vielfach: binde nicht mit dem an, es ist ein desperater kerl; was der kerl für gesichter schneidet!; der kerl ist betrunken!; man musz dem tollen kerl alles zutrauen; ich bin ein kerl von der wunderlichsten gemüthsart in der welt. A. W. Schlegel;
s. weiter 8. II@6@ee)
von mannesartigen anderen '
wesen': macht mir den teufel nur nicht klein: ein kerl den alle menschen hassen, der musz was sein! Göthe 47, 238.
die wunderlichen märchenhaften wesen, die Münchhausen begegnen, heiszen ganz richtig kerle: nicht fern vom wege .. lag mäuschenstill ein kerl als ob er schliefe ... 'ich horche da zum zeitvertreibe auf das gras und höre wie es wächst' ... 'so tritt in meine dienste, freund ..' mein kerl sprang auf und folgte mir.
Münchhausens reisen (1822) 85; daselbst vor einem groszen cedernwalde stand ein derber untersetzter kerl und zog an einem stricke, der um den ganzen wald herum geschlungen war. 86.
in Holstein ein môrkêrl,
gespenst im moor. II@77)
Als mensch geringen standes. dasz nhd. kerl
trotz seines alten edlen kerns, der ja auch ins hd. noch mit herüber kam, und trotz seiner unersetzlichen kraft, die jeder noch täglich im gebrauche anerkennt, doch unter dem niveau der bildung blieb, ist merkwürdig genug. schuld daran ist namentlich die andere bedeutung bauer, gemeiner mann, die es schon früh mit gewonnen hatte, s. I, 2
sp. 571. II@7@aa)
noch im 16.
jh. ist das nd. wort standesmäszige bezeichnung und förmliche anrede der gemeinfreien, der dorfgemeinde in feierlicher versammlung, der schultheisz redet sie zum eide auffordernd an: tredet herbi, ji kerls, und holdet de finger up dat schwerd
u. s. w. Lehmann
der Holsten landrecht 49 (
rechtsalt. 166).
so ist im älteren nd. kerl
der gewöhnliche eigene name des bauern, der freilich in folge der verhältnisse aus einem titel in eine herabsetzende benennung übergieng. ebenso erscheint engl. churl,
bauerkerl, noch im 16.
jh. als standesname des bauern, z. b.: poore and riche, chorles and citizens.
engl. übers. vom narrenschiff (Zarncke
s. 236
a).
noch jetzt in Schweden Dalkarl,
pl. Dalkarlar,
bewohner '
Dalekarliens' (
die frau heiszt Dalkulla,
eine ältere Dalqvinna, Dalgumma),
was eig. nichts andres ist als mhd. taleliute,
sing. talman (
auch talwîp
kommt vor),
amtlicher name der bewohner eines gewissen thals als gemeinde, z. b. aus dem alem. Wiesethal Mones
zeitschr. 1, 201
ff., weisth. 4, 501.
war es in mitteld. landen mit kerl
ebenso? ein voc. des 15.
jh., das mitteld. ist, dem Rheine nah oder selbst mittelrh., erklärt rusticus mit kerl Dief. 504
c,
wie nd. vocc. mit keerle,
der Teuthon. 78
mit kerle,
dazu rusticitas kerlicheit, dorperheit,
wie in der Kölner gemma v. 1507 keerlicheit;
vgl. oberrh. körlisman
sp. 571
unten. Im liede von Henneke dem bauerknecht, der schiffmann werden will, redet die bäuerin diesen an: wo bistu kerel so bedort! wultu en schipman werden? hacken und roen (
roden) is din art un plögen in der erden. Uhlands
volksl. 447.
in einem nl. liede um 1500
werben um ein mädchen ein reuter, ein boermans son
und ein landsknecht, die mutter fragt sie, der reihe nach die werber nennend, beim zweiten: mijn moeder dede mi vraghen, oft (
ob) ic den keerl woude haen? 532 (
hor. belg. 11, 329).
die ritter nannten im 15. 16.
jh. selbst die bürger '
bauern'
und demnach auch kerls,
so in einem liede von 1495
ein ritter die gegnerischen Braunschweiger und Hildesheimer: gy buren ut twier herren lant .... de kerls wille wie vormorden! Soltau 2, 29. II@7@bb)
so nhd. bes. bauerkerl, dorfkerl
im munde der städter; auf dem lande selbst aber heiszen im unterschied von den '
bauern'
die knechte so, in besserm sinn auch die jungen bauernsöhne (
überhaupt die jungen männer, nach 1,
c): endlich wurds der bauer gewahr: 'kerl, was ist dein begehren? willst du meine kühmagd habn, die will ich dir geben'. ... 'meine tochter kriegst du nicht, kerle, du muszt weichen, packe dich zum thor hinaus, such dir deines gleichen'. Hoffmanns
schles. volksl. s. 158; scheint der mond so schön, s'ist zeit zum schlafengehn, scheint der mond an meines vaters fenster: 'kerl, wo bleibst so lang?wol bei dem mensche?' 163.
aber auch auf dem lande wehrt man sich gegen das wort, Schmeller
berichtet aus Baiern: '
im trocknen ernste hört sich niemand gerne mit eignen ohren einen kerl nennen, man pflegt sich dagegen mit der räthselhaften phrase e kerl is e saudreck
zu verwahren'. 2, 329 (
vgl. 330),
ebenso in Schlesien Weinhold 42
b. II@7@cc)
daher von leuten niederer stände: haben die nonnen etliche kappen und zeug heimlich in einem schiffe laden und weg fueren lassen. nun treten die beiden kherlle, so das zeug weg fueren, das schiff umme, fallen beide in den see.
bericht über die visitation des klosters Dobbertin in Meklenburg, v. j. 1557,
jahrb. des vereins f. mekl. gesch. 22, 147; dasz ich ein kerl von geringem herkommen sei.
Simpl. 1, 358; mit den gemeinen kerlen wider unten und oben zu ligen (
alles mitzumachen), vor den höhern aber den hut in händen zu tragen. 1, 310; von einem geringen kerlen. Weise
kl. leute 241; brachte einen schlechten kerlen an der hand geführet. 25; du bist ein schlechter kerl, du hast kein eignes dach und muszt dich tag vor tag mit deinem flegel plagen. Gellert (1784) 1, 131,
so klagt ein drescher; der schönste seraph in der feierlichen schrecklichen pracht seiner sechs flügel ist nur ein gemeiner schlechter kerl, wenn er vor gott steht! Claudius 1, 104; auf einem uferdamme (
in Venedig) .. bemerkte ich .. einen geringen kerl, welcher einer anzahl von zuhörern im venetianischen dialekt geschichten erzählte. Göthe 27, 113; öffentliche redner habe ich nun gehört, drei kerles auf dem platze (
piazza) und ufersteindamme, jeden nach seiner art geschichten erzählend. 27, 121; auch hat der gemeinste kerl (
in Ruszland) eine miene die sagt 'ich bin etwas'. Arndt
erinn. 165.
von juden: in Mainz sind juden von Minorca und von Gibraltar angelangt, welche nicht länger sich dem risico der belagerungen aussetzen mögen .. geben sie sich doch mühe, an die kerls (
vorher 'leute') zu kommen .. dasz wir etwas davon her bekommen.
herzog Carl August
in Merks briefs. 1, 374; er kauft um ein geringes mich vom kerle (
schacherjuden). Rückert 159. II@7@dd)
hie und da noch mit dem nachklang eines standesmäszigen namens, z. b. in handwerkskerl (
thür. fränk. hamperschkerl),
für '
handwerksbursch' (
vgl. Zinkgref
sp. 573),
zugleich, wie die folg., als junggesell, garçon, welches franz. wort auch den handwerksgesellen bezeichnet. von gemeinen soldaten, die von ihren officieren oft genug so genannt werden ('meine kerle').
von bedienten, wie garçon: tratt der stalljung .. in einem sauberen libereikleid herein (
als bedienter) .. 'wir müssen diesen kerl bei leib nicht verabsaumen' (
aufhalten, sagt seine herrin).
Simpl. 2, 236;
edelfrau. wo sind meine kerle? Jacob, Friedrich, Christian! Weisze
kom. opern 2, 44; 'Johann! nun wo bleibt der kerl?' Möser
patr. ph. (1778) 2, 264; da! unter der hausthür spukt ein kerl des ministers und fragt nach dem geiger! Schiller 192
a; mein ehrlicher kerl (
bedienter Bastian). Thümmel 4, 37,
auch das ehrlich titelmäszig (
sp. 579); dasz er sich als seinen eigenen bedienten ankleidete und sich selber anmeldete als seinen herrn, und zum zweitenmal ohne den kerl wieder kam. J. Paul
flegelj. (1804) 3, 48; ich hätte gar nicht sagen sollen, dasz ich mit meinem lieben Hof in Voigtland schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte, da ichs mündlich kann und mein eigner kerl daraus her ist.
uns. loge (1793) 1, xiii; man würde etwan in jeder stadt einen besondern kerl höhern orts wegen öffentlich anstellen .. wenn sich die adeligen ihren eignen kerl halten wollten.
teufels pap. 1, 67; sich einen kerl halten,
einen bedienten, aufwärter. Campe.
auch dän. min karl,
bedienter. II@7@ee)
norddeutsch hie und da noch ohne alles geringschätzige von geringern ämtern (
wie ähnlich älter hd. knecht).
so in Livland postkerl
postbote, kirchenkerl
oder glockenkerl
glockenläuter, wagekerl, wachkerl
u. a., auch säekerl
säemann Hupel 108,
nach dem bluotekirl
u. I, 3,
a ist das alt, vgl. bei Ducange
die buscarlae, butsecarlae
bei alten engl. chronisten von schiffleuten, bootsknechten (
vgl.boszmann),
ags. bâtescarl?
Ähnlich anderwärts, wenigstens md., z. b. in Sachsen (
wie mit mann, bursche),
doch nur gesprächsweise und in derber rede, zumal wenn man in der eile den rechten namen nicht gleich findet, z. b. packkerl
packer, gepäckkerl, feuerkerl
einheizer, kohlenkerl
kohlenträger. nd. z. b. de blasekerel an'n rathustoren Schulmann
nordd. stippstörken 73,
bläser, thürmer; holst. spritzenkerl. II@7@ff)
von arbeitern aller art: liesz mir einen ziegelofen machen und bekam einen kerl, der mir brennete. Schuppius 119; so nahm ich nicht die post, sondern einen hauderer .. 'sind wir bald zu Darmstadt?' fragte ich den schwager .. 'ja, nach Frankfurt', antwortete mir der kerl ganz kaltblütig. Fr. Jacobi
in Mercks briefs. 2, 122,
freilich im verdrusz gesagt; ein kerl der mit einem maulesel neben uns hinab stieg. Göthe 16, 265.
so droschkenkerl (
vgl. oberd. karrenschlänkel), schiffskerl
u. a. nd. z. b. holtnkerl, stêngôtskerl,
holzwaaren-, steinzeughändler Fromm. 4, 133 (
westf.).
auch verlängert man damit den schon fertigen namen: fuhrmannskerl, schifferkerl, matrosenkerl, judenkerl, schacherkerl.
vgl. dän. aagerkarl
wucherer ('
aagrer')
von aagre
wuchern. II@88) Kerl
im schlimmen sinne. wenn die bed. 7
selbst auf die früher genannten gebrauchsarten einen schein warf, so hat sie namentlich eingewirkt auf die entwickelung von kerl
in schlimmem sinne; freilich schon aus der derben mannskraft in kerl
entstand mit leichtem umschlag roheit u. a., und dazu gab der 30
jährige krieg viel gelegenheit; doch schon Fischarts Sachsenkerles
sp. 573
hat etwas geringschätziges. wenn Stieler
recht hat: '
hodie fere ignominiosum esse coepit',
so hätte er die entstehung der schlimmen oder doch der schlimmsten bed. erlebt: Floramenes eltern hatten nunmehr beschlossen, nachdem ihnen hie und da von denen leuten in der stadt die ohren mit allerhand nachreden waren gefüllt worden, ihr wolgezogenes liebes kind diesem kerlen, wie sie ihn hieszen, nimmermehr zu geben. Riemer
pol. stockf. 271; je toller kerl je besser glück.
sprichw. bei Schottel 1122
a,
wenn das nicht noch mehr gleich '
einer'
ist (5,
d).
Auch nnd. kêrl
ist jetzt allein gebraucht meist verächtlich gemeint, z. b. nach Dähnert 222
a (
auch ên schurk vam kêrl
u. a.),
nach Schütze 2, 243
wäre das aber nur im städtischen gebrauch so, also eine rückwirkung des hd.? auch nl. karel
hat einen sittlich schlimmen sinn gar nicht entwickelt, es wird fast nur lobend gebraucht, freilich blosz noch in vertraulicher rede und auf geringere leute bezogen (Weiland).
Das jetzige hd. kerl
aber bietet zu den lobenden verwendungen oben, zu allen ohne ausnahme, auch den geraden gegensatz dar, und auch hier, wie dort im guten gebrauch, ruht die kraft des schlimmen klanges gewöhnlich mehr in kerl
als in den zusätzen; die alte naturkraft des wortes bewährt sich auch im bösen. Es hilft tadel aussprechen von der leisesten versteckten geringschätzung, ja bloszer verwunderung an bis zur gröbsten beleidigung, ja niederschlagender verachtung; es dient mit seiner kraft allen gegen einen andern gekehrten regungen des gemüts, wie misbilligung, verdrusz, ärger, zorn, entrüstung, dann neid, misgunst, schadenfreude, mistrauen u. s. f., und zwar alles das unter umständen schon allein, indem es seine farbe erhält durch die gelegenheit und ton und miene des sprechenden (
wie mensch
allein auch),
z. b.: wo bleibt nur der kerl?
in groszer ungeduld, oft selbst im besten sinne; was der kerl immer für einfälle hat!; der kerl weisz nicht was er thut; was der kerl nur will?; sieh nur den kerl!; was bist du vor ein kerl?
quis et cujus es? ostentator. Stieler 944,
statt letzterer antwort könnte hunderterlei anderes stehn; dú bist mir ein hübscher kerl!
ironisch; hättest du dem kerl das zugetraut?; ich kann den kerl nicht leiden; dér kerl ist einmal angeführt!; mit solchen kerlen mag ich nichts zu thun haben; der kerl hat die ganze familie ins unglück gebracht; ich könnte dem kerle sónst was böses wünschen!; der kerl ist zu allem fähig; so hat die polizei den kerl doch noch erwischt!
u. s. w. bei allen möglichen verhältnissen, die die sonstige gesellschaftliche achtung auch nur auf augenblicke aufheben, kommt den leuten das wort in den mund, in ernst und scherz; allerdings ist es so in ausgedehntester weise den niederen ständen eigen (
z. b. der reiche kerl
neidisch, 'der reiche kerl hätte auch mehr geben können!'),
aber auch gebildete brauchen es in allerlei erregung, wenn sie nicht das mildere mensch
oder bursche,
oder das verächtlichere (
polizeiliche) subject
vorziehen. Einige stellen für das blosze kerl:
Anselmo (
bei seite). dér kerl redt! Lessing 1, 495,
verwundert, allerdings zugleich von einem mann aus niederm stande (
der schatz, 11.
auftr.)
; Anselmo (
bei seite). nun weisz ich fast nicht, was ich von dem kerl denken soll. 499,
ebenso; ein zauberer, ein kerl der weder christ noch mohamedaner ist. 7, 6;
Altmayer (
in Auerbachs keller). weh mir, ich bin verloren! baumwolle her! der kerl sprengt mir die ohren. Göthe 12, 104; ich (
Meph. zu Faust) sag es dir, ein kerl der speculiert, ist wie ein thier auf dürrer heide
u. s. w. 12, 91; was hinkt der kerl auf einem fusz? 12, 109;
Görge (
für sich). es ist seine stimme! wie sieht der kerl aus! 14, 289; Lenz ist unter uns (
in Weimar) wie ein krankes kind .. Klinger ist uns ein splitter im fleisch .. ich hab über die beiden kerls nichts treffenderes zu sagen. Wieland
in Mercks briefs. 1, 98; niemand zeigte lust mit dem gefährlichen kerl anzubinden, dem der teufel zu diensten stünde. Schiller 711
a. und wat vaddr Blücher gesait, det traff, de kerel (
Napoleon 1815) must von de hütsche raff. Soltau 2, 485. da hatt ich einen kerl zu gast, er war mir eben nicht zur last; ich hatt just mein gewöhnlich essen, hat sich der kerl plumpsatt gefressen ... und kaum ist mir der kerl so satt, thut ihn der teufel zum nachbar führen, über mein essen zu räsonnieren .... schlagt ihn todt den hund! es ist ein recensent. Göthe 2, 214,
da ist es mit einem anflug von humor gesagt, und eben dem humor dient kerl
in reichem masze. Es erscheint mit vielen näheren bezeichnungen und beziehungen. II@8@aa)
dem jungen kerl,
garçon, entspricht alter kerl.
so heiszt ein alter, der durchaus noch jung sein will (
vgl.'alter knabe, junge, bursche'),
besonders in der liebe; wird ein liebesabenteuer eines greises bekannt, so hört man gewiss die leute ihr urtheil zuerst aussprechen 'nu der alte kerl!'
aber auch jugendliche rüstigkeit eines alten verdient sich den namen, also kerl
eigentlich nach 1,
c verstanden, vieux garçon: ein alter kerle hatte ein pferd zwischen den beinen und lief damit die landstrasze hin. Weise
überfl. ged. (1701) 507; es ist zum beispiel unverantwortlich, fuhr er fort, dasz eure schläfe schon grau sind .. seht mich alten kerl einmal an! betrachtet mich wie ich mich erhalten habe! Göthe 22, 41, '
der mann von funfzig jahren'.
Aber auch allein nach bed. 5,
schlimm verstanden: es ist ein alter häszlicher kerl; man sieht den alten kerl nicht gern an,
freilich meist nur in beleidigendster verachtung. humoristisch oder neidisch sagt mans aber auch von sich selbst: dasz es mit der zeit eher besser als schlimmer werden könnte — versteht sich (
nur) im ganzen, denn mit úns alten kerlen wirds freilich immer schlimmer werden. Wieland (1780)
an Merck 1, 277;
Haltefest im 2.
th. des Faust von sich: lasz du den grauen kerl nur walten. Göthe 41, 264.
Ganz anders wieder ist 'alter kerl'
als verstärktes 'alter!' ('
alter freund'),
unter freunden in derber, doch herzlichster begrüszung (
wie franz. mon vieux): nun, alter kerl, sieht man dich auch einmal wieder?
gänzlich abgesehen vom lebensalter. II@8@bb)
bedauern, mitleidige theilnahme mit allerlei unglück, auch dem kleinsten (
mehr im humor),
spricht sich gern aus in armer kerl! der arme kerl! du armer kerl! wenn ich dem armen kerl nur helfen könnte!; musz der arme kerl in dém wetter so einen weiten weg machen!; und wenn du satt bist und jauchzest, so denke auch an mich und trage ein christliches mitleiden mit einem armen kerl, der in der gotteswelt nichts besseres zu thun weisz als nach reimen zu haschen. Wieland
in Mercks briefs. 1, 197.
da ist kerl
wieder in seiner alten kraft und unentbehrlichkeit auch für gebildete, es gibt keine wendung die bedauern und theilnahme so tief herzlich ausdrücken könnte. sie ist vielleicht besonders unter der volksmenge in gang gekommen, die in früherer öffentlichkeit einen '
armen sünder'
unter der hand des henkers sah, vgl. der gute kerl
sp. 581
gegen unten. bedauernd hiesz es im 16.
jh. auch armer held. II@8@cc)
bei staunen, verwunderung in schlimmem sinne (
wie in gutem 2,
b): der kerl musz toll sein!; der kerl ist von sinnen!; ist der kerl unsinnig? Schiller 123
a (
räuber 2, 3); der kerl hat den teufel im leibe! 720
a.
daher verteufelter kerl, teufelskerl,
gleichbedeutend blitzkerl,
s. unter d nachher. unsinniger kerl, toller kerl (
diesz auch in nicht schlimmem sinne von einer urkräftigen natur mit '
tollen'
ausbrüchen), hirnschellige kerls Philander 1650 2, 519.
Besonders närrischer ('närscher')
kerl, jetzt aber schon so abgeschwächt durch vielen gebrauch, dasz es meist blosz wunderlichkeiten, eigenheiten aller art bezeichnet; es ist im leben so vielgebraucht wie armer kerl, guter kerl, dummer kerl
u. a., verbindungen die so fest verwachsen sind zu einem eigenen begriffe, dasz sie ohne kerl
ihre kraft verlieren (
vgl. auch 10. 11): was er an dem abend für possen getrieben hat, er ist wirklich ein närrischer kerl!; man kann das lachen nicht verhalten, er ist ein zu närrischer kerl, wenn er auch von ernsten dingen spricht; niemand hält es lange bei ihm aus, er ist ein wunderlicher mensch, was man so einen närrischen kerl nennt; ei nun, fuhr herr Puff fort, wenn sich die mädchen hernach (
als frauen in ihrer toilette) so ändern, so mags einem wol wunderbar vorkommen, dasz man so ein närrscher kerl (
als liebhaber) hat sein können. Hermes
Soph. reise 6, 587; ich habe ihnen meinen letzten brief durch einen närrschen kerl von boten geschickt. 6, 210; der närsche kerl kanns nicht leiden, wenn jemand hinter seinem rücken steht; sei kein närscher kerl und geh mit, es wird nicht viel kosten; hat der närsche kerl sich selbst angezeigt!
die leute nennen sich selbst so, wenn sie von ihren eigenheiten sprechen: ich bin einmal ein närscher kérl, ganzes geld kann ich nicht leiden; in dém punkte bin ich ein naerscher kerl, ich kann das zureden nicht leiden.
sogar mit halber bewunderung ausgesprochen: übrigens konnte ich nichts aus ihm bringen als dasz er ein über das andere mal mit seinem bauchschütternden lachen ausrief 'er närrischer kerl! er närrischer junge!' Göthe 24, 203.
auch schnakischer, drolliger, putziger, schnurriger kerl
u. a.: damals (
in der jugendzeit der älteren leser) war ein poet nichts als ein schnäkischer kerl, ein possenreiszer für die edle deutsche nation. S. Geszner (1770) 1, 8,
vorr. zum tod Abels, Pickelhering hat gewiss beim volke wirklich der närsche kerl
u. ä. geheiszen, wie feiner die lustige person (
z. b. Lessing 7, 270. Göthe 26, 195,
br. an Leipz. freunde 85). II@8@dd)
bei erbitterung, zorn, hasz, ärger, besonders stark in verfluchter kerl,
noch stärker verdammter,
milder verwünschter kerl:
Damis (
zum bedienten, sehr erzürnt). verfluchter kerl, hast du dein maul nicht halten können? Lessing 1, 303; der verfluchte kerl! 2, 414;
Lisette. ach! da kömmt der verwünschte kerl uns gleich die queere. dasz doch der henker die poeten hole! 2, 408; der verwünschte kerl! er hat sich in die kammer eingesperrt. Göthe 14, 294; der verzweifelte kerl von schösser machet dir nur so was weisz. Weisze
kom. opern (1777) 1, 136.
Aber 'verfluchter kerl'
hat durch häufigen gebrauch eine ähnliche wandelung erfahren wie närrischer kerl,
man nennt einen so, oft schon in halbem humor, der uns einen streich gespielt hat; auch wird derb und nicht oft, aber über alles wirksam so genannt einer der eine unerhörte pfiffigkeit besitzt, unglaubliche dinge möglich macht, dem scheinbar wunderkräfte zu gebote stehn; im j. 1849
z. b. ward ein lied gesungen, das allerlei wunderthaten aus dem leben zusammenstellte, im refrain allemal mit jener kraftwendung, zuletzt: wem deutsche einheit soll gelingen, das musz ein verfluchter kerel sein.
ähnlich verwünschter kerl,
z. b. im groszcophta 1, 2
a. e. im munde der marquise vom grafen: der verwünschte kerl! er ist ein fantast, ein lügner, ein betrieger. ich weisz es, ich bins überzeugt, und doch imponiert er mir! Göthe 14, 131.
auch blitzkerl (
nd. blixkêrl Voss
geldhapers 132), wetterkerl, teufelskerl,
urspr. vielleicht von zauberern, die blitz und wetter machen können, mit dem bösen im bunde (
vgl.hagel kochen
u. kochen 6). II@8@ee)
gegner werden gern mit kerl
bezeichnet, verächtlich: ich will dem kerle schon die hölle heisz machen; der kerl denkt wunder was er ist; sonst ligge gy kerls in juwer stadt und supet (ju?) juwer mummen sadt
u. s. w. Soltau 2, 100,
so höhnt die unbezwungene besatzung von Peine (1522)
die mitbelagernden Braunschweiger; gott verzeih mirs, ich bin dem kerl so feind, dasz ihn möcht der teufel holen. Philander (1650) 1, 446; was darf der kerl mag. Bernhard sich darüber beschweren, dasz ich gesagt habe, es sei nicht alle weisheit an die universitäten gebunden? Schuppius 787; das ist doch unleidlich, was die kerle in Halle sudeln! Lessing 12, 189; o ich bin gutes humors genug, um den kerl an einem langsamen feuer zu braten (
Beaumarchais den Clavigo). Göthe 10, 63; stoszt zu! der kerl ist vogelfrei! 12, 116; wo ist der kerl? wenn ich ihn spüre, er soll mir nicht lebendig gehn. 12, 118; ja, wenn ihro majestät nicht bald dazu thun, so stecken einen die kerl am end in sack. Göthe 8, 39. 42, 49,
vom abt von Fulda zugleich mit angst vor diesen (
tapfern)
kerlen gesagt; Franz Moor. läszt sie (
Amalia) nicht so gierig schmachtende blicke auf dem kerl (
Karl) herumkreuzen, mit denen sie doch gegen alle welt sonst so geizig thut? Schiller 129
a; eben darum musz man diesen kerls entweder immer aus dem wege gehen, oder wenn man sich ja von ihnen in die fersen stechen lassen will, so musz man ihnen den kopf zertreten ... die kerls hangen aneinander. Wieland
in Mercks briefs. 2, 136. 137; seine (
Yorks) batterien können gegen die schwereren des feindes nichts ausrichten. 'die kerls sollen sich doch wundern!' er befiehlt die schwere artillerie zu holen. Droysen
leben Yorks 2, 355; der officier verlangt, dasz die gefangenen kanoniere ihre eigene colonne beschieszen sollen ... die kerls beschieszen in der angst ihre eigene colonne mit kartätschen (
bei Wartenburg). Gneisenau
das. 2, 328,
hier mit einem verächtlichen mitleid. II@8@ff)
wie tapferkeit, wird auch feigheit in kerl
ausgedrückt: er wisse bässer, was zu thun sei, als diese verzagte kerls.
Simpl. 1, 529; mit dir feigem kerl! fürstendiener! Göthe 8, 148. 42, 425.
überhaupt der gegensatz zu der männlichen tüchtigkeit in kerl 2. 3: kerle die in ohnmacht fallen, wenn sie einen buben gemacht haben. Schiller 106
b; Spiegelberg müszte ein elender kerl sein, wenn er mit dem nur anfangen wollte. 109
a; ist uns darum der helle schweisz über die backen gelaufen, dasz wir aus der welt schleichen wie elende kerle? 133
b.
auch schlechter kerl
so, z. b. vom hofmarschall Kalb in cab. u. liebe 4, 3: fort, schlechter kerl! für deinesgleichen ist kein pulver erfunden! 202
a. jämmerlicher, erbärmlicher kerl
u. a., ein kerl ohne kraft und saft.
noch kräftiger von feiger angst beschissener kerl (
s. 1, 1560), scheiszkerl (
z. b. Göthe 42, 129),
vgl. von lächerlicher angst: sêt, wô (
wie) steit de kerle bemeghen (
bepisst)!
Redentiner spiel 1901, Mone
schausp. d. m. 2, 101. II@8@gg)
geistig. dem gescheiden (pfiffigen) kerl
gegenüber dummer kerl u. dgl.: ist das nicht ein jammer, dasz ein kerle so thum ist und sich bei dem armen gemächte (
schlechten machwerke, versen) einen himmel einbilden kan. Weise
überfl. ged. (1701) 381; der kerl ist so dumm dasz er einen dauert; ein guter dummer kerl; wart nur, du dummer kerl, ich weisz dich schon zu kriegen! Göthe 7, 88; alberne kerls 33, 286; was ich vor ein unwissender kerl vordem in der musick gewesen bin. Lessing 2, 442; die priesterschaft wird immer unwissender, der generalvicar befördert kerle die auf keiner schule gewesen sind. Niebuhr
leben 3, 59.
besonders 'dummer kerl'
ist vielgebraucht, daher auch wieder milder, z. b. bei kleinen versehen als leichte äuszerung des verdrusses, auch von einem der seinen vortheil nicht versteht, der zu gut ist um auf gewinn zu sehen u. dgl. II@8@hh)
sittlich, vom charakter, hier bes. schlechter kerl, wieder einer jener festen begriffe und allgemein im gebrauch als gerader gegensatz zu guter kerl,
auch zu braver, ehrlicher kerl,
kein andres wort hat auch in der sittlichen verwerfung die kraft wie kerl: ich habe mich in dir getäuscht, du bist ein schlechter kerl; er taugt sonst nicht viel, aber sein wort wird er halten, denn er ist kein schlechter kerl; er ist an seinen mündeln zum schlechten kerl geworden (
hat sie um das erbe gebracht),
diese volksmäszige wendung zeigt es deutlich als festen begriff; so dasz es einem priester, einem treulosen freunde, einem Spanier, einem schlechten kerl überhaupt frei steht, sobald er nur will und wen er will, bei diesem gerichte anzuklagen, gefangensetzen, verdammen und hinrichten zu lassen. Schiller 818
b; ich (
Karl Moor) bin nie ein feiger gewesen oder ein schlechter kerl. 134
a.
es bezeichnet aber auch den feigen und einen aus geringem stande, s. u. 8,
f und 7.
Ein andrer gegensatz zu guter kerl
ist böser kerl (
vgl. 2, 253),
das ist mehr vom naturell gebraucht, einer der etwas teufel in sich hat, doch auch milder von leuten bei denen zu zeiten etwas böses herauskommt, z. b. von jähzornigen: er hat einen blick, dasz man ihn für einen bösen kerl halten musz; nimm dich aber in acht mit ihm, denn wenn er zornig wird, ist er ein böser kerl; und Röse gibt ihm immer was ab, wie ers verdient, und der böse kerl trägts ihr nach. ich fürchte er thut uns einen possen. Göthe 14, 275.
Ferner ehrloser kerl
gegenüber dem ehrlichen,
auch kerl ohne ehre, ohne gewissen
u. a.: verwunderte mich darneben zum höchsten, dasz die kerl so falsch sein und mir gute worte geben solten (
d. h. gäben), da sie mich doch nicht liebten.
Simpl. 1, 310; der kerl musz gar kein herz haben; lügen kann der kerl wie gedruckt; wie wenn wir für ein gutes trinkgeld einen kerl auf die seite kriegten, der frech genug wäre .. zehn lügen in einem athem zu sagen? .. und der kerl müszte thun, als ob er das geld zur ausstattung mitbrächte? Lessing 1, 477; frecher kerl. Göthe 41, 287; roher kerl. Schiller 586
b; ein undeutscher kerl, ohne redlichkeit, ohne menschengefühl. Nicolai
Nothanker 2, 102; dasz ichs herzlich satt bin, in der welt immer für einen kerl ohne herz und ohne ehre ausgetrompetet zu werden. Wieland (1783)
in Mercks briefs. 1, 403.
Gerade hier ist übrigens die fülle der genaueren bezeichnungen am unerschöpflichsten (
mehr als beim guten).
ein sittlich verworfener heiszt ein elender kerl, ein miserabler, jämmerlicher, abscheulicher (Lessing 7, 354), schändlicher (Schiller 107
b), nichtswürdiger (nichtswerthiger Philander 2, 615)
u. a. auch von einzelnen untugenden: liederlicher kerle. Gryphius 1, 881; an einen liederlichen kerlen verheiratet. Riemer
pol. stockf. 312; verhurter kerl (hurenkerl); einen kahlen versoffenen kerl. Schweinichen 1, 221; fauler kerl (
s. z. b. Schneuber
in Hoffmanns spenden 1, 30); naseweiser
Plesse (1746) 1, 119, geiziger, schäbiger, lumpiger (lumpenkerl),
auch hochmütiger Wieland
bei Merck 1, 199, stolzer kerl Göthe 14, 282
u. s. w. II@8@ii)
gesellschaftlich und von andern fertigkeiten (
vgl. 4,
c. d): ist also jetzige ewere zeit so verderbet, dasz wann ein ehrlicher bidermann sich nach seinem vermögen und stand ehrbarlich und untadelhaftig will halten, so wird er als ein altfränkisch kerl, der keine mode, keine bossen weiszt, nur veracht und verlacht werden. Philander (1650) 1, 222,
vgl. dazu 2,
a; ein grober kerl,
grobian; ein ungeschliffener, plumper, hölzerner, steifer, eckiger kerl
u. a.; der widerwärtige ungeschliffene kerl! Lessing 1, 535; ein kerl ohne lebensart; ein kerl wie ein klotz, wie ein stock; ein schäbiger kerl,
von schäbigem äuszeren. un goulu, gourmand, ein fresser, verfressener kerles.
N. Duesius
nomencl. quat. lingu. Amsterd. 1663
s. 114. II@8@kk)
körperlich, persönlich (
vgl. 4,
e): ein kleiner kerl, ein winziger dürrer kerl, ein kerl wie ein zaunstecken; ein kerl den man um den finger wickeln kann; ein häszlicher kerl, er ist ein wahrer abscheu von einem kerl,
so häszlich; ein kerl mit einer kupfernase
u. s. w., alle auffallende eigenheiten der art ziehen leicht das wort kerl
nach sich. Auch absprechende urtheile über die ganze persönlichkeit werden gern damit gegeben: es ist ein abscheulicher kerl, ein ekelhafter kerl (
studentisch z. b. viel gebraucht), ein widerlicher, gräulicher, unleidlicher kerl, ein kerl den niemand leiden kann
u. s. w.; der abscheuliche kerl, der Stephanie! Lessing 12, 309. II@99)
Als anrede, meist mit besonderer kraft. II@9@aa) Fischart
in der groszm. 28 (
Sch. 565)
redet seine leser so an: liebe kerles, glaubt disem botten
u. s. w., offenbar nur wolmeinendes kraftwort für leute,
und so öfter in der folgenden zeit, doch bald auch mit ironischer oder feindlicher beimischung: sihestu mich nicht, du lebendiger kerl? (
redet ein todter in der hölle den besucher an) Philander 1650 1, 220; kerl, wohien? wo gehet die reise hien? 2, 223; der tübel soll euch nun bescheiszen, ihr kerls, wenn ihr nicht gut thun wolt. Schoch
stud. B 8
b; sagte der messner 'du kerl (
junger mensch), ich sehe dich eh vor einen verloffenen soldatenjungen an als vor einen mahlergesellen'. ich .. antwortete ihm 'o du kerl, gib mir nur geschwind pensel und farben her, so will ich dir in huy einen narrn daher gemahlt haben wie du einer bist'.
Simpl. 1, 239 (1, 2, 31). II@9@bb)
noch heute unter derben leuten, oder der höhere zum niederen hart tadelnd, oder in vertraulichem verhältnis mehr neckisch oder staunend, ja bewundernd, doch auch verächtlich fortstoszend, unter umständen mit niederschmetternder wirkung wie es kein andres wort vermag (
es zieht notwendig du
nach sich, mit sie
fast undenkbar): aber kerl, ich glaube du machst mir etwas weisz. Lessing 1, 229,
der herr zum bedienten (
s. 7,
d); kerl, du erschreckst mich. 1, 232
ebenso; Maskarill. ich frage mit aller bescheidenheit — was sie vor diesem hause zu suchen haben?
Anselmo (
der besitzer des hauses). kerl! 1, 491,
entrüstet; ängstige mich nicht länger, kerl, und sage was es ist. 1, 506;
Lisette (
zu Peter). kerl, du machst einem mit deinen reden zu fürchten, dasz man des todes sein könnte. 2, 396; kerl, ich erdroszle dich. gleich gesteh. 2, 417; hexenmeister! teufelsbanner! kerl! wer heiszt dich über meine schwelle kommen. J. B. Michaelis 4, 124,
mutter Anne zum schulmeister, den sie sonst mit ehrendem er
anredet; fühle, kerl, bei diesen troknen worten, mit welchem unsinne mich die geschichte ergriffen hat. Göthe
Werther 1774
s. 170,
W. schreibt an seinen freund; Spiegelberg (
zu Karl Moor). das wird ein victoria abgeben, kerl! Schiller 107
a,
räuber 1, 2 (1782
s. 20);
Moor. wer blies dir das wort ein? höre kerl! (
indem er Rollern hart angreift) das hast du nicht aus deiner menschenseele hervorgeholt! 110
b,
den vorschlag sich als räuber in die böhmischen wälder zu werfen; kerl! da ist er in seinem element .. 119
a; höre, kerl! fasse ihn (
Fiesco) ja recht. 146
a,
Gianettino zum mohr beim mordauftrag; kerl, du lügst!; warte, kerl, dich wollen wir schon kriegen!; nu to! keerl un keen ende! wat släpst du voer tügs (
zeugs) up dem puckel? Voss
de winterawend 2 (
s. sp. 576).
Auch diese anrede ist meist ein naturausbruch, man platzt damit gleichsam heraus, dem so angeredeten aber rückt man damit gleichsam auf den leib (
wie Moor vorhin auch äuszerlich thut),
mit wegstoszung aller formen und schranken der gesellschaftlichkeit, blosz mensch gegen mensch (
vgl. Werthern u. 6,
b)
; daher wird auch mensch! (
engl. man!)
so gebraucht, doch ohne die frische und namentlich ohne den humor deren kerl
dabei fähig ist. selbst schmeichelhafteste bewunderung kann sich so aussprechen 'höre kerl, du bist ein genie!' II@9@cc)
merkwürdig 'mein kerl'
als anrede, und als interjection: min kerl, dat schal gerne geschehen! J. Stricerius
de düdesche schlömer 1275; antwortete könig Gustavus 'mein kerl, ich kan auch nicht viel latein'. Schuppius 34; gott will an dir so gnaw alls suchen: mein kerl, thu im die drüse fluchen! J. Bertesius
Hiob, trag. com. (1603) F 2
a,
Satan zu Hiob; ein flüchtender redet in der angst sich selbst so an: da war der ein wächter erwacht, rief vom söller mit aller macht: 'wacht, wacht, wacht auf, wacht auf, wacht auf!' ich gedacht 'o mein kerle, lauf!'
froschmeus. Qq 5
b (3, 1, 8).
das setzt für kerl
eine ehrende oder titelhafte bed. als urspr. voraus, und da nach dem gebrauch im froschm. diesz 'mein kerle'
schon im 16.
jh. die abstumpfung einer alten redensart zeigt, so mag es von der bed. 2 (
held)
herrühren, vermutlich unter den bauern als '
kerlen' (7,
a)
fortgepflanzt. Aber in allen den hd. stellen läszt sichs zugleich schon als interjection fassen, etwa wie '
lieber gott!'
ganz deutlich so in Schochs
com. vom studentenleben D 3
b,
da schildert ein bauer einen jungen kerl nach seinem herzen, die krone des dorfes, dazwischen: 'mein kerl! es lacht doch alles an ihm wenn man ihn nur ansihet',
er spricht zu einer bäuerin. auch kerl!
allein bei Schiller 107
a. 119
a unter b klingt wie eine interj., vgl. nd. kerl un kein ende!
sp. 576
und Voss
vorhin. ähnlich wird 'herre!'
als leidenschaftliche interjection gebraucht, ohne alle anrede (
schon mhd.),
und dem kerl
ganz gleichstehend östr. bair. bue! (
bube). II@1010) Kerl
tritt über seinen begriffskreis als mann auch hinaus. II@10@aa)
von knaben gebraucht könnte es leicht ursprünglich sein, s. aus Andreas presbyter sp. 574: es komm doch bald ein kleiner kerl, der seinem vater gleiche. Hermes
Soph. reise 6, 638; ich gab, um den jungen zu beschwichtigen, ihm die brust. 'was? (
ruft herr Puff) den groszen kerl haben sie noch nicht gespänt (
entwöhnt)?' 6, 636. das ist ein derber kerl!
wird schon von säuglingen und neugebornen gesagt, liebkosend 'du lieber kerl! du herzenskerl!'
u. dgl., es ist ein prächtiger kerl, ein prachtkerl, der kerl trinkt tüchtig
u. s. w.; aber auch ein kleiner böser kerl,
ein schreihals u. a. II@10@bb)
einige verbindungen, wie guter kerl, dummer kerl, närrischer kerl,
sind so feste eigene begriffe geworden, dasz sie mit vergessen des geschlechts darin auch von frauen, mädchen, kindern, allerlei persönlichen wesen gesagt werden; frauen nennen sich wol selbst so in vertraulicher rede, im selbstgespräch. so sagen sie ja auch man
von sich, und unser einer. II@10@cc)
anders von männischen weibern: schalt auf den dummen mann, der sie einen kerl nannte. H. König
clubisten 1, 4.
ostfries. kärel-elske
mannweib, böses weib Stürenburg 100
a (
vgl.Else 3, 417, Elsichen
weim. jahrb. 1, 324). II@1111)
Selbst von anderen als menschlichen wesen. II@11@aa) guter, dummer, närrischer kerl
u. a. gilt in der alltagsrede auch von hausthieren, wie hunden, vögeln, pferden, die damit halb launig oder im zorn gleichsam vermenschlicht werden. 'der kerl ist halb blind, er weisz den weg nicht mehr'
rief ein kutscher seinem pferde nach, das allein zum stalle gehn sollte. mit armer kerl
bedauert man auch thiere. II@11@bb)
selbst von andern als hausthieren: ein frosch ist zwar ein frischer kerle ..
rockenphilos. 4, 26 (
vgl. sp. 577); haben diese rotzige kerl (
schnecken) ihren ruckmarsch angestellet. Conlin
narrnwelt 3, 305. dás ist ein groszer kerl!
von einem schmetterling. II@11@cc)
aber viel weiter noch greift die alltagsrede, alles wird unter umständen zu einem kerl
gemacht, das irgendwie eine personification zuläszt: eine flasche alten steinweins machte den beschlusz. 'ich habe nur wenig mehr von dem alten kerl' sagte er (
hr. Christian von Truchsesz auf Bettenburg), 'ihr müszt ihn aber doch kosten'.
briefe von Heinrich Voss,
her. v. Abr. Voss 3, 88.
nd. dat's en kêrl (
s. sp. 576)
auch von obst, ein groszes stück. Schütze 2, 243.
schwäb. 'kärles,
bald schimpfend bald liebkosend, auch von kleidungsstücken die man durch länge der zeit liebgewonnen hat' Schmid 305. II@11@dd)
nur halb gehört es hierher, wenn bücher so bezeichnet werden, man nennt da den verfasser oder den helden statt des buches: das original (
zu '
Geron der adelich, eine erzählung aus könig Artus zeit') will ich ihnen (
Merck) mit dem april-merkur schicken .. sie werden sehen, wieviel es herrlicher ist als meine copie, und wie alles was in der letztern gut ist, in dem alten kerl noch zehnmal besser ist. Wieland
in Mercks briefs. 1, 109; meinen grusz an Nicolai, dem ich auch nächstens schreiben werde. dasz er mir doch ja nicht den — wie heiszt der närrische kerl? zu schicken vergiszt (
die memoirs of John Buncle). Lessing 12, 283 (
an Mendelssohn).
schon bei Grimmelshausen,
von dem buch '
Simplicianischer zweiköpfiger ratio status'
in der widmung, also im gewähltesten stil: als habe mich erkühnet diesen seltzamen zweigestaltigen kerl heraus zu geben.
Simpl. 3, 466,
zugleich nach 6,
e. II@11@ee)
in derber geheimer rede der penis, 'mein kerl',
ganz wie früher knabe, knecht. II@1212)
die kraft des wortes wird noch durch zusammensetzungen gesteigert, die besonders in gemeiner rede wuchern; proben davon dürfen auch hier nicht fehlen. auszer den genannten prachtkerl, hauptkerl, mordskerl (
sp. 577
unten), teufelskerl, blitzkerl, wetterkerl (8,
c), scheiszkerl (8,
f), lumpenkerl, hurenkerl
auch blutkerl, luftkerl (
Simpl. 2, 180), luderkerl, sappermentskerl (
diese beide auch lobend, wie blitzkerl),
schimpfend hundekerl, schweinekerl, saukerl, lausekerl
u. a. II@1313)
solche kraftwörter braucht und bildet sich die sprache immer; gleich kerl
galten vor ihm und länger gesell, knabe, knecht, held, gast, komper,
noch jetzt kamerad, kumpan, kunde, bursche, bruder, patron, vogel, kauz;
aber keins erreicht die kraft von kerl.